Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

59305804_f93aab7890Das vom Großfeuilleton begeistert aufgenommene Buch ist eine postmodern undeutliche doppelbiographische Erzählung – wie heute beinahe immer mit dem Verlagsgebrauchslabel Roman etikettiert – entlang den Leben des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Beide sollen als Modelle begriffen werden: Gauß als der Theoretiker, den nur materieller Zwang aus der Innenwelt seiner Gedanken in die äußere Welt treibt, Humboldt als der rastlose Reisende, der vor lauter „in der Welt sein“ nicht zu sich selbst gelangt. Beide Reduktionen sind natürlich für die Verbiographierten gänzlich unerheblich. Kehlmann selbst bekundet in einem Interview mit dem Deutschlandradio, dass ihm Humboldt weitgehend fremd geblieben sei; nach dem Eindruck, den das Buch macht, ging es ihm mit Gauß ganz ähnlich.

Wie heute üblich, nimmt sich der Autor mit beiden Biographien Handgreiflichkeiten heraus: Mir wird wohl nie einsichtig werden, warum der Sexualakt großer Mathematiker bzw. der ausbleibende Sexualakt großer Forschungsreisender im Detail zur Biographie hinzuerfunden werden muss. Ich will hoffen, dass es sich nur um eine Spekulation auf die voyeuristische Grundgesinnung des Publikums handelt, was überhaupt eine gute Ausrede für das ganze Buch darstellt.

Positiv lässt sich vermerken, dass Kehlmann wenigstens gewusst hat, was er da verzapft: Er gibt seinen beiden Protagonisten Gelegenheit, sich über das Buch zu äußern:

Wozu dieses ständige Herleiern erfundener Lebensläufe, in denen noch nicht einmal eine Lehre stecke? [S. 114]

Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. […] Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil er Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.
Abscheulich, sagte Gauß. [S. 221]

Auch das stellt ja eine gewisse Form von Respekt dar.

Für die nächste Auflage bzw. die Taschenbuchausgabe wäre Autor und Verlag noch ans Herz zu legen, einmal zu prüfen, ob tatsächlich der zehnmillionste Teil eines Längengrades das Meter definiere und ob man tatsächlich zur Bestimmung des Meters den gesamten Längengrad vermessen habe, der Paris mit dem Nordpol verbindet. „Es erfüllte Humboldt stets mit Hochgefühl, wenn etwas gemessen wurde; diesmal war er trunken vor Enthusiasmus.“ [S. 39] Frau Nachbarin, Eure Flasche!

Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt
Rowohlt, 2005; ISBN 3-498-03528-2
Gebunden
304 Seiten – 20,5 × 12,5 cm – 19,90 Eur[D]

6 Gedanken zu „Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt“

  1. Oh ja! Schon ein Blick in die Wikipedia genügt:

    Die entscheidenden Schritte für eine internationale Längeneinheit setzte die Pariser Akademie im Laufe des 18. Jahrhunderts. Sie entsandte um 1735 zwei Expeditionen zur Gradmessung nach Peru und Lappland, um die genaue Erdfigur festzustellen. Im Jahr 1793 wurde das Meter dann als der 10-millionste Teil des Erdquadranten auf dem Meridian von Paris festgelegt – also auf den zehnmillionsten Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator – was auf immerhin 0,02 Prozent genau gelang.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Meter#Fr.C3.BChere_Meter-Definitionen

    Kehlmanns Darstellung ist historisch ungenau und sein Meter doppelt lang.

  2. Kehlmanns Meter. Ein schöner Titel. Sehen Sie’s ihm nach! Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, werde ich ihn fragen, ob er das bereits weiß … das mit dem falschen Kehlmannschen Meter. Und falls nicht, werde ich ihn zu Ihnen schicken.
    Haben Sie nicht Lust, Ihre Rezensionen auch bei uns zu publizieren?

  3. Auch in Amerika kann man lesen:

    Eher verwundert zeigt sich Aaron Britt im „San Francisco Chronicle“. Gerade die geistige Tiefe, die jedes bessere Vorurteil dem Land und seinen Schriftstellern zugesteht, vermisst er bei Kehlmann. Ein Werk, das hauptsächlich entzücken wolle, scheine damit zufrieden, in seichtem Gewässer herumzupaddeln. Sein Mangel an Substanz beraube es dauerhafter Wirkung oder wirklich künstlerischer Größe. Kehlmanns Leichtfüßigkeit habe ihre Verdienste, aber letztlich sei das Buch belanglos, nicht mehr als ein flottes Divertissement. So ähnlich urteilt auch Ron Charles in der „Washington Post“, der die Geschichte weniger gescheit als närrisch findet. Der magische Realismus, der bei Kehlmann aufblitze, lese sich wie ein Borges, den es in den Schwarzwald verschlagen habe.

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