Biedermeier – Die Erfindung der Einfachheit

biedermeier Katalog zu einer Ausstellung, die in Milwaukee, Wien und Berlin zu sehen war und derzeit noch in Paris in kleinerem Umfang zu sehen ist. Der Katalog zerfällt in die weithin üblichen beiden Teile: Im ersten Teil finden sich Essays, die sich dem Ausstellungsthema historisch oder theoretisch widmen, der zweite Teil bringt zahlreiche Bildtafeln zur Ausstellung. Die Verantwortlichen für die Ausstellung und Herausgeber des Katalogs verzichten bewusst auf den Versuch, das Phänomen des Biedermeier scharf gegen andere Stile oder Epochen abgrenzen zu wollen.

In der allgemeinen Wahrnehmung leidet das Biedermeier in der Regel darunter, dass ihm nur dasjenige zufällt, was der jeweilige Interpret nicht für die von ihm in den Fokus genommene Epoche, sei es Klassik, Romantik oder Realismus, zu gebrauchen versteht. Ganz im Gegensatz dazu wird hier Biedermeier als ein offener Begriff für eine Reihe von Stiltendenzen gebraucht, die sich zwischen 1815 und 1848 finden lassen, ohne dass behauptet würde, diese Tendenzen seine nicht auch vor oder nach dieser Zeitspanne präsent. Auch wird dem Vorurteil widersprochen, es handele sich beim Biedermeier um eine vornehmlich bürgerliche und deshalb einfache, schlichte und anspruchslose Stilepoche. Im Gegenteil wird aufgezeigt, dass sich sowohl Adel als auch Bürgertum mit einem klaren Stilbewusstsein die Tendenzen dieses Stils zu eigen gemacht haben.

Der historisch-theoretische Teil bringt manche Anregungen zu den vielfältigen Verflechtungen der Zeit- und Stiltendenzen des oben angeführten Zeitraums sowohl in der bilden Kunst als auch in der Literatur. Wirklich erstaunlich war für mich aber der Bildteil, der von Möbeln über Zimmerbilder und Hausrat (Glas, Porzellan, Silber- und andere Metallarbeiten, Tapeten und Stoffmuster) bis hin zu den Gemälden der Zeit eine reichhaltige Auswahl an Exponaten präsentiert. Insbesondere die immer wieder – im Sinne des 20. Jahrhunderts – überraschend moderne Anmutung zahlreicher Alltagsexponate hat mich gefangen genommen. Ein Bilderbuch, in dem es manch eine Quelle der Moderne zu entdecken gibt.

Biedermeier – Die Erfindung der Einfachheit. Katalog. Hg. v. Hans Ottomeyer, Maria Luise Sternath-Schuppanz u. Laurie Winters. Ostfildern: Hatje Cantz, 2006. Leinen, Fadenheftung, Kunstdruckpapier (26,5×33,5 cm), 440 Seiten m. 70 S-W- u. 430 Farbabb. 49,80 €.

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