Der Schatten des Windes

zafonIch habe seit langer Zeit keinen Roman dieser Art mehr gelesen, das heißt einen, der nicht mehr will, als eine spannende, geheimnisvolle Geschichte vor einem vagen historischen Hintergrund zu erzählen. Präsentiert wird eine doppelte Biographie: Die Daniel Semperes, Sohn eines Antiquars in Barcelona, der als Zehnjähriger von seinem Vater in ein Geheimnis eingeweiht wird. Sie besuchen zusammen eine verborgene Bibliothek, voller vergessener – weil unter der Franco-Diktatur verbotener – Bücher, und Daniel darf sich ein Buch mitnehmen, um es zu adoptieren und dafür zu sorgen, dass es nicht endgültig verschwindet. Zufällig wählt er den Roman »Der Schatten des Windes« von einem beinahe verschwundenen Autor namens Julián Carax aus, an dessen Biographie sich Daniels weiteres Leben erstaunlich eng anschließen wird. In der nun bald über ihn hereinbrechenden Pubertät werden der Roman und sein verschollener Autor bald zu einer Obsession Daniels, nurmehr übertroffen von seiner Liebe zu Bea Agiular. Er stört durch seine Nachforschungen bald allerlei Geheimnisse auf und verstrickt sich in einer alten tragischen und hasserfüllten Rachegeschichte.

Das Buch ist routiniert geschrieben und zeugt von der erzählerischen Potenz Zafóns. Es spielt souverän mit Mustern des Detektiv- und des Schauerromans, verfügt über eine gelinde Breite sprachlicher Stile und hat sogar Humor. Ansonsten ist es flach wie ein Bügelbrett und verfügt in etwa über den Tiefgang eines Suppentellers. Das überzuckerte Ende ist zwar schwer erträglich, doch abgesehen davon bietet das Buch eine »rattling good story« und stellt wohl das dar, was Leser gemeinhin eine Urlaubslektüre nennen.

Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes. st 3800. Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2005. Broschur, 563 Seiten. 9,90 €.

3 Gedanken zu „Der Schatten des Windes“

  1. Eine richtige Kritik finde ich. Der Autor versucht sich durch eine übertriebene Verknüpfung und Auflösung der Hauptfiguren zum Ende hin selbst zu übertreffen und wird dabei von den eigenen Hinterrädern überholt.
    Sehr schade, weil ein nüchterneres Ende dem Buch eine ganz andere Qualität gegebne hätte, denke ich. Es ist eine einnehmende Lektüre. Tiefgang findet man, wenn man ihn sucht…

  2. Dieser spannende Urlaubsschmöker hat mich vortrefflich unterhalten: Spannend angelegt und ausgestaltet mit ordentlichen Charakteren war das Buch in zwei Tagen gelesen. Das Ende hätte der Autor wirklich besser weggelassen: Nach Nuria Monforts Brief wäre das Ende auf der Seite 517 besser gewesen: Die Verquickung von Daniels und Julians Leben auf den letzten Seiten wirkt aufgesetzt.

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