Der schönste erste Satz

Ich gebe nach und äußere mich endlich auch zum »Wettbewerb der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen«, auch wenn mir bislang niemand Auskunft darüber erteilen konnte, worin denn der Wettbewerb bei dieser Veranstaltung bestehen soll.

Werden die besten Begründungen prämiert? Dann ist es freilich egal, welcher erste Satz der Schönste wäre, und das ganze wäre ein versteckter Schreibwettbewerb in der Kategorie Panegyrik. Falls nicht die Begründung, so ergibt sich die Frage, warum überhaupt eine Begründung geschrieben werden muss. Da genügte dann doch ein einfaches »Der erste Satz der Jupiter-Sinfonie ist für mich der schönste erste Satz« – und fertig. Was erwartet man denn noch mehr?

Wenn allerdings tatsächlich die ersten Sätze prämiert werden sollen, so würde das zum einen bedeuten, dass die Einsender untereinander in einen Wettbewerb des Geschmacks treten, der offenbar unentscheidbar ist. Wer soll da gewinnen? Wer hat den besten Geschmack – ich natürlich, aber ich nehme ja nicht teil. Zum anderen muss man voraussetzen, dass die Jury die Schönheit der eingereichten Sätze überhaupt beurteilen kann. Da sich die Schönheit erster Sätze aber oft erst im weiteren Gang des Buches tatsächlich entfaltet, sind Ungerechtigkeiten vorprogrammiert.

Noch einmal: Worin besteht eigentlich der Wettbewerb?

Abgesehen von diesen Fragen habe natürlich auch ich einen Kandidaten. Nicht gerade für den »schönsten« ersten Satz – das wäre vielleicht Sternes

I wish either my father or my mother, or indeed both of them, as they were in duty both equally bound to it, had minded what they were about when they begot me; had they duly consider’d how much depended upon what they were then doing;—that not only the production of a rational Being was concern’d in it, but that possibly the happy formation and temperature of his body, perhaps his genius and the very cast of his mind;—and, for aught they knew to the contrary, even the fortunes of his whole house might take their turn from the humours and dispositions which were then uppermost:——Had they duly weighed and considered all this, and proceeded accordingly,——I am verily persuaded I should have made a quite different figure in the world, from that, in which the reader is likely to see me.

… aber doch zumindest für den (beinahe) ersten Satz, der als Beginn eines Prosatextes auf mich einen tiefen, vielleicht den tiefsten Eindruck überhaupt gemacht hat:

Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt.

Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdammes; neben jedem wie ein schmutziger Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden gebrannte Strich.

Wie beschreibt einer das Ende der Welt? Einen Ort, an dem alle Zusammenhänge sich verlieren, von dem alle Linien nur weglaufen, von dem man nur flüchten kann und an dem man verdammt ist, wenn man hier ankommt? Genau so! Hier gibt es keine Eisenbahnlinie von A nach B, hier gibt es nur mehr vier Eisenstränge, die keinerlei Bedeutung konstituieren, die endlos parallel nach beiden Seiten bis an den Horizont reichen und dort verschwinden. Das ist groß! Am schönsten ist es wahrscheinlich nicht, aber wen kümmert das?

Und nein, ich verrate nicht, wo das steht.

9 Gedanken zu „Der schönste erste Satz“

  1. Hallo Bonaventura,

    dieser Wettbewerb der Stiftung Lesen in Kooperation mit dem Deutschen Bibliotheksverband und der Initiative Deutsche Sprache hat sicher eine deutlich pädagogische Intention und wird als breit angelegte Leseförderungs-Aktion besonders für die weiterführenden Schulen (5. bis 12. Klasse) beworben. Die Initiatoren schreiben ersten Sätzen eine besondere Magie zu: „Ein guter erster Satz entscheidet oftmals darüber, ob man ein Buch lesen möchte oder nicht.“ [Zitat aus dem Begleitschreiben, mit dem die umfangreichen Materialien versendet wurden].
    Vielleicht ist es schon ein schönes Ergebnis, wenn sich viele Menschen (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) auf die Suche nach dem schönsten, ersten Satz machen und dabei ein wenig, evtl. auch aus Versehen, lesen. Selbst diese extrinsische Lesemotivation, die der Wettbewerb hervorrufen könnte, kann meiner Meinung nach doch als gut bewertet werden. Alle Deine Einwände sind natürlich richtig: Über Geschmack kann man trefflich streiten oder eben auch nicht, weil er sich objektiven Kriterien entzieht.
    Mein erster Lieblingssatz steht schon seit vielen Jahren parat: Ganz in Deinem Sinne ist er aber ohne den zweiten Satz nicht wirklich pfiffig. Hier kommt er:
    „Wir haben zu Hause ein Schwein. Ich meine damit nicht meine kleine Schwester, sondern ein richtiges Schwein, das auf den Namen Rudi Rüssel hört.“ [Uwe Timm: Rennschwein Rudi Rüssel [erstmals 1989 bei Nagel & Kimche erschienen])
    In diesem Sinne, literatische Grüße!
    Claudia

  2. Der letzte Kommentar musste leider teilweise zensiert werden! Etwas subtiler sollten die Hinweise schon sein! 😉

  3. Das Ergebnis des Wettbewerbs ist schließlich so blödsinnig, wie sein Ansatz erwarten ließ. Ausgerechnet der Prosa-Tölpel Grass gewinnt mit dem völlig nichtssagenden »Ilsebill salzte nach.« aus seinem Plattfisch-Buch. Angeblich mache dieser Satz Lust auf mehr. Nun ja …

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