Karen Duve: Taxi

duve_taxi Nach ihrem Regenroman erst mein zweites Buch von Karen Duve und wieder ist der vorherrschende Eindruck: Diese Frau kann einfach erzählen. Auch dieses Mal haut mich der Inhalt nicht besonders vom Hocker, aber ich muss eingestehen, dass ich die über 300 Seiten gern und zügig gelesen habe. Duve verarbeitet offensichtlich ihre eigenen Erfahrungen als Taxifahrerin, aber das Buch bleibt weder im Autobiografischen noch im Anekdotischen stecken. Besonders letzteres ist eine erzählerische Klippe, an der zu scheitern der Stoff anbietet. Duve hat das so gelöst, dass sie den Stoff auf zwei Ebenen verteilt: Die eine bleibt klar anekdotisch, während auf der anderen eine Art statischer Entwicklungsroman erzählt wird.

Ich-Erzählerin ist Alex Herwig, die nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Versicherungskauffrau nichts mit sich anzufangen weiß und deshalb beginnt, Taxi zu fahren. Es braucht einige Zeit, bis sie feststellt, dass dies ihr Grundproblem nicht beseitigt, sondern nur verschiebt. Sie lässt sich aus lauter Trägheit auf eine Beziehung mit ihrem Kollegen Dietrich ein – einem Taxi fahrenden Künstler – und pflegt darüber hinaus noch einige andere Herrenbekanntschaften, da sie sich eigentlich nicht binden will. Die Handlung umfasst mehr als fünf Jahre, wobei nur die erste und die letzte Phase dieses Zeitraums erzählt werden. Die Protagonistin, die schon zu Anfang kein sehr positives Menschenbild pflegt, entwickelt mit den Jahren eine ernsthafte Depression begleitet von solider Misanthropie. Das alles bleibt erträglich, weil der Text einerseits nirgends ins Wehleidige gerät, anderseits die innere Unbeweglichkeit der Heldin immer von ihrem anekdotisch-bewegten Leben als Taxifahrerin gekontert wird. Erzählerisch ist das gut gemacht, und selbst seine Poetik liefert das Buch en passant mit:

»Die Unterhaltungsfunktion von Büchern ist ja auch längst überholt«, sagte Rüdiger. »Wer sich unterhalten lassen will, k-kann das viel besser tun, indem er den Fernseher anstellt. Die Funktion von Büchern kann heute nur noch in der geistigen Erfrischung bestehen. […]«

Einzelne sprachliche Schwächen – so wird etwa »gegenüber« im Deutschen immer noch mit Dativ konstruiert – muss man heutigen Autoren wohl insgesamt nachsehen. Auch die etwas merkwürdige Typographie des Bandes – die Sätze aus dem Taxifunk werden in einer im Vergleich zu Grundschrift deutlich kleineren, zudem serifenlosen Schrift, die auch noch halbfett gesetzt ist, wiedergegeben – lässt sich tolerieren.

Intelligente, gut erzählte und humorvolle Unterhaltung.

Karen Duve: Taxi. Frankfurt/M.: Eichborn, 2008. Pappband, 313 Seiten. 19,95 €.

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