Benjamin Stein: Die Leinwand

978-3-406-59841-8-1Einer der ungewöhnlichsten Romane der letzten Jahre. Es beginnt damit, dass es sich bei diesem Buch um einen sogenannten Zwillingsband oder ein Dos-à-dos handelt, also ein Buch, das zwei Texte enthält, die Rücken an Rücken einen Einband teilen. Das Buch hat daher zwei vordere Buchdeckel, zwei Titelblätter etc.; aus Sicht des einen Textes steht der jeweils andere auf dem Kopf. Durch diese ungewöhnliche Präsentation der beiden Texte, die sich zu einem Roman fügen, erscheinen beide tatsächlich gleichberechtigt, und der Autor überlässt es dem Leser ausdrücklich, wo er mit dem Lesen anfängt, ja auch, ob er zuerst den einen Text zur Gänze und dann den anderen oder ob er seiner Lektüre sonst eine (Un-)Ordnung zugrunde legen will.1 Natürlich hält man dergleichen auf den ersten Blick für einen Manierismus des Autors (was es in vielen ähnlich gelagerten Fällen auch ist), doch leuchtet es nach der Lektüre ein, dass kaum eine andere Form dem Roman angemessen wäre.

978-3-406-59841-8-2Die bedeutendste Schwierigkeit für eine Rezension scheint mir zu sein, die Fabel auch nur andeutungsweise nachzuerzählen, ohne dem Leser einen Teil des Spaßes an der Lektüre zu nehmen. Vielleicht nur soviel: Der Roman erzählt das Leben zweier Juden nach, die sehr unterschiedliche Biographien haben, deren Leben aber durch die Bekanntschaft mit einer dritten Person unlösbar miteinander verschränkt werden. Amnon Zichroni stammt aus Israel, zieht aber als Jugendlicher zu einem Nenn-Onkel nach Zürich, der für seine Ausbildung sorgt. Zichroni hat die ungewöhnliche Gabe, Erinnerungen anderer Menschen durchleben zu können. In der Absicht, diese Fähigkeit zum Wohle anderer einzusetzen, wird er Psychoanalytiker. Jan Wechsler dagegen ist zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin aufgewachsen und ein mehr oder weniger erfolgreicher Schriftsteller geworden. Wie schon gesagt, ist beider Leben durch ihre Bekanntschaft mit einer dritten Person verbunden, über die man am besten vorweg so wenig wie möglich erzählt.

Das zentrale Thema des Romans ist die Frage nach der Identität: Wie konstituiert sich ein Mensch, wenn seine Erinnerungen nicht ihm zu gehören scheinen bzw. den sogenannten Tatsachen seines Lebens widersprechen. Wann und wie hört jemand auf, er selbst zu sein? Ist er in der Lage, seine Erinnerungen angesichts dieser Tatsachen aufrecht zu erhalten oder wird er sie aufgeben und akzeptieren, dass er nicht ist, wen er zu erinnern glaubt? Diese Fragen scheinen sehr abstrakt zu sein, und es ist kein kleines Kunststück, einen Roman zu erfinden, in dem sie sich in eine wirklichkeitsnahe und überzeugende Fabel einfügen.

Es beweist die Stärke von Steins Roman, dass er die Antworten, nach denen seine Erzählung verlangt, nicht auszubuchstabieren braucht, sondern dass er es sich leisten kann, vieles – wenigstens dem Anschein nach – offen zu lassen. Das Buch mündet in ein sorgfältig konstruiertes Rätsel, dessen Lösung zu entdecken der Autor ganz bewusst seinen Lesern überlässt. Was der Autor ausdrücklich nicht erzählt, gehört mit zum Interessantesten an diesem Buch.

Eine der überraschendsten und intelligentesten Lektüren seit langem – jedem ambitionierten Leser unbedingt empfohlen!

Benjamin Stein: Die Leinwand. München: C.H. Beck, 2010. Pappband, 416 Seiten. 19,95 €.

1: Es sei hier nur ganz am Rand und sehr leise und entgegen der Intention des Autors empfohlen, zuerst der Geschichte Amnon Zichronis zu folgen und dann erst die Jan Wechslers zu lesen.

8 Gedanken zu „Benjamin Stein: Die Leinwand“

  1. Wie sagt der Volksmund: „Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht!“ Etwas in dieser Art ging mir gerade durch den Kopf, als ich wieder mal zu „Bonaventura“ hinüberklickte, und eben den Roman besprochen finde, den ich selbst vor 2 Tagen beendet habe. Ich kann der Rezension nur aus vollem Herzen zustimmen: besser ist das Buch in dieser Kürze nicht zu beschreiben. Selbst der kleine Lesehinweis in der Fußnote gibt meine eigene Erfahrung und Empfehlung wieder (ich habe die beiden Geschichten rein zufällig in just der empfohlenen Reihenfolge gelesen und würde sie jedem potentiellen Leser ebenfalls ans Herz legen).

    Der Autor ist übrigens (soweit ich weiß) orhodoxer Jude, was – wollte man einen in dieser Hinsicht informierteren Blick auf das Buch werfen – interessante Perspektiven eröffnet. In wiefern ist z.B. die Viel-Schichtigkeit der Tora Vorbild für die Konstruktion gewesen? Ich meine in dem klugen, mit allen Wassern gewachenen Buch auch eine durchaus „mystische“ Unterströmung gefunden zu haben. Letztlich geht es hier aber um hoch abstrakte Dinge, die mit der verschwurbelten Erlösungsmystik christlicher Provenienz wenig zu tun haben.

  2. Warum kann man nicht einfach schreiben, „dieser Roman erzählt die Geschichte zweier menschen jüdischen Glaubens“

  3. „die sehr unterschiedliche Biographien haben, “

    das könnte man so gut wie von allen Menschen dieser Erde behaupten

  4. „deren Leben aber durch die Bekanntschaft mit einer dritten Person unlösbar miteinander verschränkt werden. “

    das würde ich mir gerne bildlich vorstellen, wie ein Leben miteinander verschränkt wird

  5. Warum können Sie nicht einen Kommentar verfassen anstatt drei?

    Sie dürfen sich gern alles bildlich vorstellen, was Sie mögen. Vielleicht aber doch besser privat, oder?

    Und wenn man lesen kann, fällt einem vielleicht der Unterschied zwischen „unterschiedlich“ und „sehr unterschiedlich“ auf.

    Sonst noch was zu maulen?

  6. Zu der Fußnote:
    Ich wollte den Roman eigentlich verschränkt lesen. Begonnen habe ich mit der Geschichte Jan Wechslers und konnte das Buch dann nicht mehr wenden. Also kam die Geschichte Amnon Zichronis erst danach.
    Und wie alle Leser (die ich kenne) – und wie Sie auch – kann ich mir gar nicht vorstellen das Buch anders zu beginnen, als ich es getan habe. 🙂

    Ich werde es gelegentlich doch verschränkt versuchen.

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