Arkadi und Boris Strugatzki: Gesammelte Werke 2

Die größte Heldentat der Menschheit besteht darin, dass sie überlebt hat und gewillt ist, das auch weiterhin zu tun …

Strugatzki_Werke_2Der zweite Band der Strugatzki-Werkausgabe enthält zwei kürzere und einen längeren Roman (das Deutsche hat keine richtige Entsprechung zu der russischen Form der Noveletta, der längeren Novelle, die zwischen Erzählung und Roman angesiedelt ist; auch Arno Schmidts Begriff »Kurzroman« passt aufgrund der in Schmidts Poetik damit verknüpften Implikationen nicht gut), die sich mit einigem guten Willen als Variationen eines gemeinsamen Themas lesen lassen: Der Konfrontation der Menschheit mit einem ihr prinzipiell unbegreiflichen Universum. Allgemeines zur Werkausgabe ist bereits anlässlich von Band 1 gesagt worden, deshalb gleich zu den Texten:

»Picknick am Wegesrand« (1972) ist, wie früher schon einmal angemerkt, aufgrund der Verfilmung von Andrei Tarkowskis einer der bekanntesten Texte der Brüder Strugatzki, auch wenn sich der Film auf eine einzelne Sequenz des Textes konzentriert. Die Handlung des Romans ist in der damals näheren Zukunft angesiedelt und spielt im nordamerikanischen Ort Hammond, in dem eine von weltweit sechs Zonen liegt, in der offenbar Außerirdische gelandet waren. Sie haben die Zonen aber nach kurzem Aufenthalt wieder verlassen, ohne mit der Menschheit irgend einen Kontakt aufzunehmen, und haben bei ihrer Abreise eine erhebliche Menge Zivilisationsmüll und extraterrestrische Flora hinterlassen. Alle Zonen sind aufgrund ihrer Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit abgesperrt und werden unter Überwachung von UN-Truppen von entsprechenden Regierungsorganisationen untersucht. Neben dieser offiziellen Auswertung der Zonen gibt es aber auch ihre illegale Ausplünderung durch sogenannte Stalker.

Beim Protagonist des Text handelt es sich um den Anfangs 23-jährigen Stalker Roderic Schuchart, der bereits einmal wegen seines Eindringend in die Zone verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach einer kurzen Episode legaler Arbeit für die Regierungsseite beginnt er wieder mit der illegalen Beschaffung von Artefakten aus der Zone für zwielichtige Abnehmer, die sie entweder an Sammler oder auch die Industrie weiterverkaufen. Mit den meisten der Artefakte weiß man zwar nichts anzufangen, da man weder ihren Aufbau noch ihre (auf den ersten Blick oft zu den bekannten Naturgesetzen im Widerspruch stehende) Funktion versteht, doch hegen offenbar viele Interessenten die Hoffnung auf umwälzende technische Entdeckungen, die die Geschäfte der Stalker am Leben erhält. Dies alles liefert das Rückgrat der Fabel des Romans.

Wesentlich für den Erfolg des Textes ist aber wohl die philosophische Ebene: Die Zonen konfrontieren die Menschheit offen mit der Beschränktheit ihres wissenschaftlichen Verständnisses des Universums. Zentrale Metapher für dieses mangelnde Verständnis ist die titelgebende Vorstellung, die von einem der mit der Zone befassten Wissenschaftler ganz nebenbei entwickelt wird: Die Zonen seien die Folge eines Picknicks am Wegesrand. Eine der Menschheit weit überlegene Zivilisation habe auf der Erde kurz Station gemacht, ohne sich für sie oder die Menschheit überhaupt zu interessieren. Ihre Hinterlassenschaft sei für die Menschen ebenso rätselhaft, unbegreiflich und gefährlich, wie es die Überreste eines menschlichen Picknicks für die Insekten auf einer Waldlichtung sind. Ein solches Konzept der Begegnung der Menschheit mit Außerirdischen, in der die Menschen nicht die Rolle einer zwar technologisch unterlegenen, dafür aber geistig mindestens gleichrangigen Zivilisation spielen, sondern von den Besuchern nicht einmal als Wesen gleicher Art wahrgenommen werden, bricht radikal mit den allenthalben gebräuchlichen Klischees des Genres und macht den eigentlichen Reiz dieser Utopie aus. Eine vergleichbar ironische Behandlung der Zukunftsträume der Science-Fiction findet sich wohl sonst nur noch bei Stanislaw Lem.

»Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang« (1976) variiert das Thema des unbegreiflichen Universums: Auch in dieser längeren Erzählung wird die Menschheit angesichts des Universums marginalisiert. Im Zentrum steht eine kleine Gruppe miteinander befreundeter Moskauer Wissenschaftler verschiedener Disziplinen um den Astronomen Maljanow, deren Mitglieder zufällig alle vor einem entscheidenden wissenschaftlichen Durchbruch zu stehen scheinen, aber durch diverse äußere Umstände und störende Zufälle an der Vollendung ihrer Arbeit gehindert werden. Nachdem sie sich gegenseitig ihre skurrilen Erlebnisse, die offensichtlich von Bulgakows »Der Meister und Margarita« inspiriert sind, erzählt haben, entwickeln sie diverse Verschwörungstheorien, die in der Theorie des mathematischen Genies der Gruppe gipfeln, dass es wahrscheinlich die Struktur des Universums selbst ist, die der Menschheit Widerstand entgegensetzt, um sie daran zu hindern, Erkenntnisse zu entwickeln, die zur Zerstörung des Universums selbst führen könnten. Dies wiederum führt ihn zu einer Haltung des Trotzdem, die als sowjetische Version des existenzialistischen »Mythos vom Sisyphos« gelesen werden kann:

Euer Bestreben, die Ursachen zu ergründen, ist nichts als eitle Neugier. Ihr braucht aber gar nicht herauszufinden, wer womit Druck auf euch ausübt, sondern wie ihr Euch unter Druck verhalten sollt. Und das wird bedeutend schwerer, […] denn von jetzt an ist jeder von euch auf sich allein gestellt.

»Das Experiment« (entstanden zwischen 1969 und 1975, veröffentlicht 1987; auch unter dem Titel »Stadt der Verdammten« eingedeutscht) wurde von den Brüdern Strugatzki bewusst für die Schublade geschrieben. Es war ihnen während der Niederschrift bereits klar, dass dieser Roman, der mit etwa 475 Seiten mehr als die Hälfte des Bandes einnimmt, unter den politischen Bedingungen der Sowjetunion undruckbar sein würde. Sie hielten ihn sogar für so gefährlich, dass sie ihn nicht einmal als Samizdat oder auch nur als Typoskript unter Freunden kursieren ließen. Insgesamt gab es nur drei Sicherheitskopien des fertigen Romans, die an unterschiedlichen Orten eingelagert waren, um eine vollständige Vernichtung des Textes nach Möglichkeit zu verhindern.

Erzählt wird von einer Gesellschaft im Reagenzglas: Offenbar wirbt eine außerirdische Zivilisation auf der Erde Freiwillige an, die in eine künstliche Welt versetzt werden. Es handelt sich um Menschen aller Nationen und verschiedener Zeitalter, die einander allerdings auf wundersame Weise gegenseitig verstehen könne, weil sie alle glauben, jeder andere spreche ihre Muttersprache. Sie alle wissen, dass sie an einem Experiment teilnehmen, von dem sie allerdings Sinn und Zweck nicht kennen. Im Zentrum steht der jungen Andrej Woronin, seiner Ausbildung nach Astronom und – wenigstens anfänglich – glühender Anhänger einer kommunistischen Gesellschaftsordnung. Zu Beginn der Handlung arbeitet er als Müllmann, da die Gesellschaft des Experiments unter anderem durch regelmäßigen Berufswechsel ihrer Mitglieder in Bewegung gehalten wird. Die Bewohner vermuten, dass das Experiment schon längere Zeit andauert, da sich im Norden der Stadt, in der sie leben, verlassene Ruinen finden; noch weiter nördlich vermutet man eine Eiswüste. Im Süden der Stadt sind Farmer angesiedelt, die für die Ernährung der Stadtbevölkerung sorgen; noch weiter südlich finden sich unpassierbare Sümpfe. Im Osten und Westen ist der Lebensraum durch einen Abgrund bzw. eine steil aufragende Wand begrenzt, die beide nicht besteigbar sind.

Woronin durchläuft, ähnlich wie Maxim Kammerer in »Die bewohnte Insel«, eine Reihe äußerlicher Veränderungen, die ihn langsam, aber sicher zu einer distanzierteren Sicht auf das Experiment führen: Als Kriminalkommissar durchlebt er eine traumhafte phantastische Episode in einem wandernden Haus; nach dem gewaltsamen Umsturz eines ehemaligen faschistischen Offiziers wird er Minister des neuen Diktators und in dieser Funktion mit einer Expedition in den Norden beauftragt. Die Erzählung endet, nachdem beinahe alle Expeditionsmitglieder gewaltsam zu Tode gekommen sind, mit einer visionären Wanderung zum Rand dieser künstlichen Welt, von der unklar bleibt, inwieweit sie sich in der Wirklichkeit oder nur noch in der Phantasie des Protagonisten abspielt.

»Das Experiment« ist sicherlich einer der ambitioniertesten und vielschichtigsten Texte der Brüder Strugatzki; gleichzeitig ist er einer der langatmigsten, ohne dass einfach erkennbar wäre, dass seine Länge und erzählerische Umständlichkeit tatsächlich notwendig sind. Dann und wann hatte ich den Verdacht, dass es nicht allen Schriftstellern gut bekommt, zu wissen, dass der Text, den sie schreiben, wahrscheinlich nie dem kritischen Blick einer breiten Öffentlichkeit ausgesetzt sein wird. Als Allegorie der menschlichen Existenz oder auch spezieller der sowjetischen Gesellschaft gelesen, dürfte sich der Roman aber als überaus ergiebig erweisen. Nur muss der Leser akzeptieren, dass auch die Autoren in dem Experiment, an dem wir alle teilnehmen, keinen Sinn und Zweck zu entdecken vermochten.

Arkadi und Boris Strugatzki: Gesammelte Werke 2. 3 Romane in einem Band. Deutsch von Aljonna Möckel (»Picknick am Wegesrand«), Welta Ehlert (»Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang«) und Reinhard Fischer (»Das Experiment«). Nach den ungekürzten und unzensierten Originalversionen ergänzt von Erik Simon. Kindle-Edition, 2010. 912 Seiten (Buchausgabe). 9,99 €.

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