William Faulkner: Als ich im Sterben lag

Ab und zu macht man sich so seine Gedanken. Über all das Unglück und Leid in dieser Welt. Wie’s überall und jederzeit einschlagen kann, wie der Blitz.

faulkner_sterbenBereits 2008 hatte der Rowohlt Verlag eine Neuübersetzung von »Licht im August« vorgelegt, der er nun, zum 50. Todestag Faulkners, eine weitere folgen lässt. Der vergleichsweise kurze Roman »Als ich im Sterben lag« gehört ebenfalls zu denen um das fiktive Yoknapatawpha County, Faulkners Very Own County. »Als ich im Sterben lag« gehört zu Faulkners populären Romanen, was an der zwar wuchtigen und komplex erzählten, im Grunde aber einfachen und geradlinigen Handlung liegen mag.

Erzählt wird die Familiengeschichte der Bundrens um und nach dem Tod von Addie Bundren, Gattin Anse Bundrens und Mutter von vier Söhnen und einer Tochter. Addie stammt aus der Bezirkshauptstadt Jefferson und hat ihren Mann versprechen lassen, sie nach ihrem Tod dorthin zu überführen und bei ihren dortigen Verwandten beizusetzen. Die Fahrt nach Jefferson, die eine knappe Woche dauern wird, gerät zu einer Odyssee von Unglück zu Unglück, was Anse nicht daran hindert, sein Versprechen gegen alle Widerstände und koste es, was es wolle, einzuhalten. Zuerst verliert man bei der Überquerung eines Hochwasser führenden Flusses, der alle verfügbaren Brücken weggerissen hat, die beiden Maultiere, und Cash, der älteste Sohn bricht sich das Bein. Dann muss Anse, um neue Maultiere zu beschaffen, den einzigen Schatz seines dritten Sohn Jewel (der nicht sein leiblicher Sohn ist, was Anse aber nicht weiß), ein Texas-Pony, eintauschen. Inzwischen werden die Bundrens von zahlreichen Bussarden begleitet, da die Leiche Addies nun schon mehrere Tage alt ist; entsprechend unbeliebt sind sie bei ihren Mitmenschen. Da Cashs gebrochenes Bein sich gegen das Ruckeln des Wagens nicht ausreichend mit Holzschienen stabilisieren lässt, kommt man auf den grandiosen Einfall, das Bein einzuzementieren, allerdings ohne es zuvor verbunden oder sonstwie geschützt zu haben. Und um allem die Krone aufzusetzen, zündet auf dem letzten Halt vor Jefferson der Zweitälteste, Darl, ein geistig etwas zurückgebliebener junger Mann, die Scheune an, in der man den Sarg gelagert hat, um der schaurigen Reise durch Einäscherung der Leiche ein Ende zu bereiten. Bei der Rettung der Tiere und des Sargs aus den Flammen zieht sich Jewel schwere Verbrennungen zu.

In Jefferson angekommen geht es mit der Beerdigung (die selbst übrigens ungeschildert bleibt) vergleichsweise glatt: Man leiht sich bei einer Frau, die Anse zwei Tage später als neue Mrs. Bundren mit zur Farm zurücknehmen wird, zwei Spaten aus und bringt die Sache hinter sich. Doch fordert auch Jefferson noch Opfer: Der Besitzer der niedergebrannten Scheune hat Darl als Brandstifter angezeigt, der nun verhaftet und in eine Irrenanstalt eingewiesen wird, und die schwangere Tochter Dewey Dell bekommt von einem jungen Drogisten, von dem sie ein Abtreibungsmittel kaufen will, gegen eine sexuelle Dienstleistung nur ein Placebo ausgehändigt. Die zehn Dollar, die sie vom Kindsvater  für das Abtreibungsmittel bekommen hat, nimmt ihr Anse weg und investiert sie in ein Gebiss, das er sich seit Jahren sehnsüchtig wünscht. Cash wird von Doktor Peabody von dem Zementverband und seinem derweil nekrotisch gewordenen Fuß befreit, bevor die Familie sich schicksalsergeben auf den Rückweg macht.

Diese Abfolge von Katastrophen wird ausschließlich aus der Perspektive der Figuren erzählt, nicht nur der Familie (einmal kommt sogar die tote Mutter zu Wort), sondern auch ihrer Bekannten, des Doktors und derjenigen, die der Familie unterwegs Unterkunft und Nahrung gewähren. Insgesamt sind es 14 Erzähler, die aus ihrer Sicht und in ihrer jeweils eigenen Sprache die Geschichte erzählen. Während das zu Anfang dem Leser eine kurze Phase der Orientierung abverlangt, entwickelt die Erzählung bald einen derartigen Sog, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie die Geschichte anders hätte erzählt werden können.

Ein grandioses Buch und ein erzählerisches Kabinettstück, das eine Literatur erzeugt, wie sie entstehen würde, wenn diese Menschen denn tatsächlich schrieben. Der Neuübersetzung gelingt eine exzellente Wiedergabe des lakonischen, am Denken und Sprechen der Figuren ausgerichteten Tons der Erzählung. Es ist zu hoffen, dass Rowohlt diese Reihe von Neuübersetzungen Faulkners fortsetzen wird.

William Faulkner: Als ich im Sterben lag. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Reinbek: Rowohlt, 2012. Pappband, Lesebändchen, 248 Seiten. 19,95 €.

2 Gedanken zu „William Faulkner: Als ich im Sterben lag“

  1. Im Großen & Ganzen hat Maria Carlson in ihrer 2008 erschienenen Übertragung einen guten Job gemacht. Dennoch gibt es einige Stellen, in denen die Diogenes Übersetzung von Albert Hess & Peter Schünemann aus dem Jahr 1961 authentischer und stimmiger ausfällt.

    Angela Schader hat im Juli 2012 beide Übersetzungen miteinander verglichen und einige Passagen aus ‚As I Lay Dying‘ kommentiert:

    http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/william-faulkners-als-ich-im-sterben-lag-in-neuer-uebersetzung-1.17318504

    Überhaupt ist es mit den Übertragungen von Werken William Faulkners ins Deutsche so eine Sache – rund 15 verschiedene Übersetzer haben bis heute einzelne Titel in unterschiedlicher Güte bearbeitet:

    Von Faulkner-Translationen aus der Feder von Elisabeth Schnack und Georg Goyert (welcher laut Kurt Tucholsky vor über 80 Jahren hierzulande auch schon James Joyce verhunzt hat) würde ich komplett die Finger lassen.

    Bei ‚Light in August‘ sollte man der neueren Übertragung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel unbedingt den Vorzug vor der älteren Variante von Franz Fein geben.

    ‚Absalom, Absalom‘ liegt bislang nur in der vor über 70 Jahren entstandenen Fassung von Hermann Stresau vor. Obwohl Stresau damals vom Verlag schlecht bezahlt wurde und unter enormem Zeitdruck arbeiten musste, gilt seine Arbeit unter dem Strich bis heute als eine der besseren deutschen Faulkner-Übersetzungen.

    ‚Absalom, Absalom‘ sollte man sich ruhig auch mal auf Englisch antun. Manche Chronisten halten ‚Absalom, Absalom‘ gar für die gewichtigste amerikanische Romanerzählung aller Zeiten:

    http://articles.baltimoresun.com/1997-11-16/news/1997320006_1_absalom-great-american-novel-faulkner

    ‚The Sound & The Fury‘ darf man nach Ansicht vieler Anglisten nur im US-Original lesen. Alle noch so ambitionierten bisherigen Übertragungen ins Deutsche gelten mehr oder weniger als gescheitert oder unzureichend.

    Detailliertere Betrachtungen zu den älteren deutschen Übersetzungen von William Faulkner finden sich hier:

    http://www.thefreelibrary.com/William+Faulkner+in+Germany%3A+a+survey.-a0212034110

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