James Joyce: Dubliner

Es gab keinen Zweifel: Wenn man erfolgreich sein wollte, musste man von hier weggehen. In Dublin konnte man nichts erreichen.

Joyce_DublinerNach der »Porträt«-Neuübersetzung bei Manesse legt jetzt auch dtv mit »Dubliner« eine neue Joyce-Übersetzung vor. »Dubliner« war im Jahr 1914 Joyces erstes Buch, nachdem er zuvor beinahe ein Jahrzehnt lang versucht hatte, einen Verleger dafür zu finden. Der Band enthält fünfzehn Erzählungen, die alle in Dublin in dem Jahrzehnt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielen. Obwohl die Erzähungen inhaltlich voneinander unabhängig sind, bilden sie zusammen ein musivisches Porträt der Stadt Dublin. Geordnet sind sie grob nach dem Lebensalter ihrer Protagonisten von der Kindheit bis zum späten Erwachsenenalter. Sie spielen im Arbeiter- oder Bürgermilieu, thematisieren eine erhebliche Breite von Lebenssituationen und sind für die meisten heutigen Leser wahrscheinlich eher unauffällig; »Dubliner« ist sicherlich das zugänglichste Buch von Joyce.

Dass Joyce so erhebliche Schwierigkeiten hatte, für die Sammlung einen Verleger zu finden, kann nur historisch verstanden werden: Zwar hatte sich der Naturalismus auf dem europäischen kontinent inzwischen gut etabliert und war in der Avantgarde auch schon wieder überwunden worden, doch im katholischen und kulturell konservativen Irland stand man der ungeschönten und nicht durch eine idealisierte Gegenwelt gemilderten Darstellung der sozialen Wirklichkeit noch misstrauisch gegenüber. Hinzu kam die offensichtliche Skepsis einiger Figuren in religiösen Fragen, die ebenso unkommentiert setehen blieb wie die frömmigkeit anderer. So erwies sich Joyce bereits mit seinem ersten Buch als der Zeit voraus, wenn auch vorerst nur der Zeit in Irland. Es ist eine Ironie mehr, dass eines der übergreifenden Darstellungsziele der »Dubliner« eben die Thematisierung der irischen Provinzialität war.

Die Neuübersetzung von Harald Raykowski ist gelungen und eine gute Alternative zu der von Dieter E. Zimmer von 1969. Zimmer hält sich in der Regel enger an die grammatikalischen Strukturen des Originals; dagegen merkt man seinem Wortschatz an, dass seine Übersetzung inzwischen mehr als 40 Jahre alt ist. Raykowski vermittelt dem heutigen Leser den umgangssprachlichen Ton besonders der Dialoge besser. Sicherlich würde ich in einigen wenigen Problemfällen der Übersetzung Zimmers klar den Vorzug, aber diese Bedenken werden vom positiven Gesamteindruck durchaus aufgewogen.

Besonders für Erstleser der Erzählungen oder Joyce-Einsteiger eine gute Wahl.

James Joyce: Dubliner. Aus dem Englsichen übersetzt von Harald Raykowski. dtv 14069. Müchen: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2012. Broschur, 318 Seiten. 9,90 €.

8 Gedanken zu „James Joyce: Dubliner“

  1. Die heute völlig unverständlichen Publikationsschwierigkeiten, die Joyce mit diesem Buch hatte, beschränken sich keineswegs auf Irland; der erste Verlag, der das Buch trotz eines schon geschlossenen Vertrags unter immer neuen Vorwänden nicht drucken wollte, war Grant Richards in London (der es sich nach Jahren aber anders überlegte und bei dem das Buch dann doch noch erschien).

    Was den Übersetzungsvergleich angeht, so sollte drauf hingewiesen werden, daß es noch eine dritte (eigentlich zweite) deutsche Version der „Dubliner“ gibt, erstmals 1994 bei Reclam erschienen und 2012 in einer revidierten Version neu aufgelegt; der Übersetzer ist Harald Beck, einer der kundigsten Joyce-Kenner in Deutschland, in dessen Händen seit einigen Jahren auch die Überarbeitung der „Ulysses“-Übersetzung Hans Wollschlägers liegt.

  2. Von den drei „Dubliners“-Übersetzungen, die ich gelesen habe (von Georg Goyert, ursprünglich unter dem Titel „Dublin“ erschienen; von Dieter E.Zimmer, 1969 bei Suhrkamp, und Harald Beck, 1984 bei Reclam) scheint mir auch die von Harald Beck die beste zu sein.
    Danke für den Hinweis, daß sie inzwischen in einer überarbeiteten Version (als Taschenbuch bei Reclam Leipzig) neu aufgelegt ist.
    Danke auch für den Hinweis, daß die Wollschläger-Übersetzung des „Ulysses“ von H.B. überarbeitet wird; ist abzusehen, wann diese Überarbeitung auch uns Lesern zugänglich sein wird?
    (Nebenbei: Wollschlägers Übersetzung von Raymond Chandlers Klassiker „Der lange Abschied“ bedarf m.E. ebenfalls dringend einer Überarbeitung; ob man dem Diogenes-Verlag mal einen dezenten Hinweis geben sollte?)

  3. Zum „Ulysses“:

    Harald Beck hat mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt, die Überarbeitung brauche noch das eine oder andere Jahr. Geduld ist also angesagt.

    Zu Wollschlägers Übersetzungen allgemein:

    Es ist eben ein Buch über Wollschläger als Übersetzer erschienen; die Autorin heißt Claudia Lercher, das Buch trägt den Titel „Hey, Jack! Wo steckst du? Der Über=Maler Hans Wollschläger und seine Übersetzungskonzeption“. Allerdings ist es im wesentlichen eine schlecht informierte, unsauber recherchierte Wollschläger-Apologie. Die Kritik an Wollschlägers Chandler-Übersetzungen weist die Autorin zurück; mit welcher Überzeugungskraft, mag Geschmackssache sein. Von Interesse ist das Buch vornehmlich der vielen darin versammelten Wollschläger-Zitate zum Thema Übersetzen (und zum Thema Wollschläger) wegen; diese Zitate sprechen vielfach für sich, nicht immer freilich für ihren Urheber.

  4. Haben Sie sich inzwischen schon die Übersetzung von Harald Beck angesehen?

    Ich bin mir nämlich unsicher, welche Übersetzung ich kaufen soll.

  5. Nein, damit kann ich derzeit noch nicht dienen. Ich habe die Übersetzung damals zwar gleich besorgt, aber der Band steht noch ungelesen im Regal. Ich werde ihn jetzt aber gleich herauslegen und auf den SuB befördern. Es kann dann noch ein wenig dauern, denn da liegt immer einiges. 🙂

  6. Danke!

    Das „Problem“ mit dem SuB kenne ich. 😀
    Meine letzte Anschaffung war übrigens die sehr schöne Neuauflage des Romans Die Geschichte vom Prinzen Genji (Manesse).

  7. Die Geduld hat sich bald ausgezahlt…;-)

    http://www.suhrkamp.de/buecher/ulysses-james_joyce_42765.html

    https://www.amazon.de/gp/product/3518427652

    Die Bearbeitung von Harald Beck erscheint wohl ca. am 5.7.2018. ( ca. 900 Seiten )

    Gepl. Erscheinen: 05.07.2018
    Gebunden, 900 Seiten
    ISBN: 978-3-518-42765-1

    Auf dem SuB liegt bei mir aber auch noch die 1140-seitige kommentierte Ausgabe aus dem Jahr 2004.

    https://www.amazon.de/Ulysses-Roman-James-Joyce/dp/3518415859/
    ( ISBN-10: 3518415859 )

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