Zum 100. Geburtstag von Wolf von Niebelschütz

Ja, wir sind blind und wütig und wollen es sein. Jegliches qualitative Plus wird geleugnet, erniedrigt, mit politischem Schmutz begossen, in Kot getrampelt – weiß der Himmel, wofür! Und dieses pervertierte Bewußtsein der Minderleistung erfüllt uns auch vor der Convention. O bitte, nicht gleich gescheut und gekeilt! immer artig zugehört. Was bedeutet sie denn, die Convention? Gar nichts als den Rahmen! der für sich keinen Zweck hat, wohl aber des Gemäldes Pracht vor dem Verfließen bewahrt. Wie traurig stünde es um denjenigen, der, weil die Zeiten roh wurden, die Fähigkeit nicht mehr besitzt, hinter gekühlten Umgangs-Formen das pulsend Private warm zu spüren, sondern intolerant ein Geschöpf verwirft, nur weil es anders ist als er selber. Es gibt solche Leser, ihnen ist nicht zu helfen. Wild entschlossen den Autor wie seine Prinzessin für gestelzt, hoffärtig, herz- und gemütlos erklärend, werden sie eine Vergangenheit niemals begreifen, die sehr sparsam war mit Gefühls-Ergüssen; die es ablehnte, dauernd von Seele zu reden; die im traulichen Du keine unbedingte Erfordernis sah, dem Gesprächs-Partner weder auf die Brust rückte noch ins Maul kroch, das viele Klagen entbehrlich fand, Schmalz und Limonade nur in geringster Dosis goûtierte und Banalitäten nun einmal nicht mochte; die das Leben einem gewissen Schliff unterzog, ihm einen Halt gab, ein Règlement, ein Niveau, ja, die es erleichterte statt complicierte, eben weil klare Verbindlichkeiten über Erlaubtes und nicht Erlaubtes, über Ton und Mißton, gesellschaftlich Mögliches und Unmögliches herrschten; und die es, aus reicher Kenntnis, für schädlich hielt, das Herz auf der Zunge zu tragen – wohin es zweifellos nicht gehört.

Der Blaue Kammerherr

6 Gedanken zu „Zum 100. Geburtstag von Wolf von Niebelschütz“

  1. Ach, hundert wäre der viel zu früh Verstorbene heute geworden! Ich bin dem blauen Kammerherrn zwar nie wirklich warm geworden, aber Die Kinder der Finsternis ist ein so wunderbar-wunderliches Buch. Hätte er doch nur ein wenig weiter schreiben können…

  2. Die „Kinder der Finsternis“ sind grandios und wiegen in jeder Seite hundert Klafter jener sogenannten „historischen Romane“ auf, die in unseren Buchhandlungen so herumliegen. Aber Niebelschütz wird wohl immer eine stille Randfigur im schreihälsigen Literaturbetrieb bleiben. Und das mag sogar gut sein. Wer möchte schon, daß ein großer Autor in die blöd-verbrauchenden Hände des Lesepöbels gerät?

  3. @Andre: Diese punkartige rotzig-elitäre Abgrenzung & Herablassung gegenüber einem wie echt auch immer seiendem Lesepöbel kann ich gut verstehen. Glauben Sie also bitte nicht, dass ich Sie schimpfe, wenn ich in Bezug auf Niebelschütz’ens Jubiläum meine, hier ist die Attitüde unangebracht. — Immerhin finden wohl viele, für die »Kinder der Finsternis« oder »Der Blaue Kammerherr« eine große Bereicherung wäre, nicht zu Niebelschütz’ens Romanen, WEIL diese eben weitestgehend Geheimtipps sind. Und das ist schade: für die Bücher, und die Leser.

  4. Die Frage, die sich für mich stellt, ist, warum das so ist. Beide Bücher sind seit ihrem Erscheinen, soweit ich das überblicke, in unterschiedlichen Verlagen nahezu kontinuierlich lieferbar gewesen. Offenbar waren die Verkäufe immer so, dass man sich eine Auflage oder zwei hat leisten können oder mögen. Nun sind auch sicherlich die »Kinder der Finsternis« deutlich besser als Lesefutter geeignet, als der etwas gewundenere und barocke »Kammerherr«, aber warum beide Bücher trotz dieser ununterbrochenen Präsenz am Markt und der ungebrochenen Stützung von Seiten diverser Verlage weiterhin hartnäckig im Status des »Geheimtipps« verharren, ist mir ein Rätsel.

  5. Am naheliegendsten ist wohl, dass sich der ›Geheimtipp‹-Status als Denkfaulheit eingeschliffen hat (muss mich da selber an der Nase nehmen). Diese Titulierung dient wohl als verkürzte Klage darüber, dass alle möglichen ähnlichen & vergleichbaren Werke mit mehr Aufmerksamkeit bedacht wurden, als eben Niebelschütz.

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