Eine böse Entdeckung

Heute ist mir die „Kleine Weltgeschichte des demokratischen Zeitalters“ von Stefan Bajohr (Wiesbaden: Springer Fachmedien, 2014) in die Hände gekommen. Ich schlug das Buch zufällig auf S. 221 auf und las:

Um den osmanischen Riegel zu umgehen und nach Japan und China zu gelangen, trotzte Cristóbal Colón (1451–1506) den spanischen Königen eine Expedition zur See in Richtung Westen ab. 71 Tage nach seinem Ablegen von Palos de la Frontera in Andalusien erreichte er mit einer kleinen Flotte eine für Europäer Neue Welt (12.10.1492), die ungeheure Chancen bot; doch »der erste Amerikaner, der Kolumbus begegnete, machte eine furchtbare Entdeckung«,2 denn die Europäer kamen nicht als Touristen, sondern als goldgierige, völkermordende Eroberer.

Das Zitat im Zitat stammt von Lichtenberg, aber es konnte nicht so ganz stimmen: Nicht nur ist der Prosarhythmus untypisch schlapp, sondern auch das Wort „begegnete“ kann nicht stimmen; da stand ganz sicher „entdeckte“ bei Lichtenberg. Und auch die semantisch blasse „furchtbare Entdeckung“ wollte nicht zu meiner Erinnerung an Lichtenbergs Stil passen.

Daher zuckte mein Blick nach unten auf die Seite, wo sich der folgende Nachweis in der Fußnote 2 fand: „Georg C. Lichtenberg: Aphorismen, Schriften, Briefe, hrsg. von Wolfgang Promies, München 1974, S. 144.“ Nun hat man ja bekanntlich immer die falsche Ausgabe im Haus, wenn man ’mal eine bestimmte benötigt, aber in diesem Fall wird es schon gehen, denn meine Ausgabe ist die Grundlage der oben zitierten, nämlich die von Wolfgang Promies ab 1967 bei Hanser herausgegebene Ausgabe der „Schriften und Briefe“ (4 Bände in 6), die auch heute noch die verbindliche Lichtenberg-Ausgabe darstellt. Hier findet sich in Band II auf S. 166 folgender Aphorismus:

Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung. [G 183]

Ja, so muss das heißen!

Die Webseite des Spinger-Verlages Heidelberg informiert uns: „Der Autor Prof. Dr. Stefan Bajohr lehrt Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.“ Zitieren lehrt er hoffentlich nicht.

Aber sicherlich ist der Rest des Buches ganz toll!

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