Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen

Nabokov-Bastardzeichen„Das Bastardzeichen“ erschien nach einer längeren Pause im Schreiben Vladimir Nabokovs erst 1947 in den USA. Nach „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ (1941) hatte Nabokov nur als Auftragsarbeit seine Kurzeinführung zu „Nikolaj Gogol“ geschrieben, ansonsten war er damit beschäftigt gewesen, als Entomologe, Lehrer für Russisch und Dozent für zeitgenössische Literatur seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit „Bend Sinister“, wie der Text im Original heißt, kehrt er ab dem Herbst 1942 zur fiktionalen Prosa zurück.

Der Roman schließt in einem gewissen Sinne an „Einladung zur Enthauptung“ (1936) an: Auch hier bildet den Hintergrund der Fabel ein fiktives totalitäres System, das Züge sowohl des Sowjetstaates als auch des Dritten Reiches trägt. Protagonist ist der international berühmte Philosophieprofessor Adam Krug, der zu Beginn des Romans den überraschenden Tod seiner erkrankten Ehefrau erleben muss. Krug bleibt mit seinem kleinen Sohn zurück, dem er den Verlust der Mutter so lange wie möglich zu verheimlichen sucht. Zugleich versucht er nach Kräften, den politischen Umsturz in seinem Land zu ignorieren: Ein Schulkamerad Krugs, Paduk, genannt „Die Kröte“, hat mit seiner Partei des durchschnittlichen Menschen die Macht an sich gerissen und lässt umfangreich Verhaftungen vornehmen, die zuerst nur den Bekanntenkreis Krugs betreffen. Solange es noch problemlos möglich wäre, aus dem Land zu fliehen, weigert sich Krug dies zu tun, weil dies hieße, die Realität und Relevanz der politischen Welt anzuerkennen. Auch weigert er sich, für die Universität beim neuen Diktator vorstellig zu werden, ja, als er diesem schließlich mit sanftem Nachdruck vorgeführt wird, weigert er sich ebenso strikt, die Stelle des Rektors einer neuen Staatsuniversität zu übernehmen. Und als er schließlich wenigstens in seinen Träumen bereit ist, eine Flucht zu unternehmen, ist es zu spät: Krug wird verhaftet und in einer sich immer weiter zuspitzenden, alptraumhaften Sequenz der staatlichen Willkür zugeführt.

Das wesentliche erzählerische Mittel des Romans ist die Abfolge von Real- und Traumsequenzen, die, wie auch bereits in „Einladung zur Enthauptung“, nahtlos ineinander übergehen; nur von Zeit zu Zeit wird das Ende einer zu realistisch geratenen Traumsequenzen durch das Erwachen des Träumers markiert. Pointe dieser Technik ist hier allerdings, dass die letzte Sequenz des Buches, die die reale Vernichtung Krugs und seines Sohnes vorführt, alle Träume und Alpträume zuvor an Wahn übersteigt. Die totalitäre Wirklichkeit der Durchschnittsmenschen kann mit keiner Phantasie des Philosophen Schritt halten.

Die Leidenschaft, die der Autor offensichtlich in die Verdammung eines fiktiven Totalitarismus investiert, erklärt sich natürlich problemlos aus der Biographie Nabokovs, der aus Deutschland gleich zum zweiten Mal vor einer unmenschlichen Diktatur in eine Fremde und eine andere Sprache zu fliehen gezwungen war. Doch dem heutigen Leser mag es nicht unbedingt leicht fallen, sich auf diese Leidenschaft einzulassen, denn nicht nur sind Nabokovs Bilder der Gewalt gealtert, auch das Metaphernpaar Realität/Traum wirkt etwas zu abgegriffen und flach, um dem Grauen der Gewalt im 20. Jahrhundet gerecht zu werden. Das Schlimmste war es eben nicht, dass ein berühmter Philosoph und ein kleines Kind umgekommen sind, sondern das wahre Grauen lag ganz woanders; aber das konnte Nabokov kaum erahnen, als er das Buch schrieb.

Darüber hinweg trösten kann man sich vielleicht mit jenem Kapitel, indem sich Nabokov über einige Shakespeare-Deuter des 19. Jahrhunderts lustig macht, oder auch mit jener Passage, in der er eine Reihe unzusammenhängender Fakten als Notizen Krugs für einen Essay ausgibt, deren Zusammenhang allerdings nicht einmal mehr Krug noch zu durchschauen weiß.

Es mag auch sinnvoll sein, wenigstens einen Hinweis zu dem etwas kryptischen Titel zu geben: „Bend Sinister“ ist ein Fachbegriff aus der Heraldik, der auf Deutsch Bastardbalken oder Bastardfaden heißt und in Wappen dazu dient, den unehelichen Zweig eine Familie kenntlich zu machen. Wer allerdings in diesem Roman aus welchen Gründen der Bastard ist, wird jeder Leser mit sich selbst ausmachen müssen.

Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen. Deutsch von Dieter E. Zimmer. Gesammelte Werke VII. Reinbek: Rowohlt, 1990. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 347 Seiten. 23,– €.

Ein Gedanke zu „Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen“

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