Arno Schmidt. Eine Bildbiographie

Arno Schmidt ist einer der wenigen Schriftsteller, die das Glück gehabt haben, dass sich bereits kurz nach ihrem Tod eine finanzkräftige Institution ihres Werks angenommen hat. Im Fall Schmidts haben der Mäzen Jan Philipp Reemtsma und Arno Schmidts Witwe Alice im Jahr 1981 Arno Schmidt Stiftung gegründet, in die Reemtsma das Grundkapital, Alice Schmidt die Werkrechte eingebracht hat. Erste und vornehmste Aufgabe dieser Stiftung war es, eine solide Text­grund­lage für die Beschäftigung mit dem Werk Arno Schmidts zu erstellen. Die zuerst im Zürcher Haffmans Verlag und nach dessen Konkurs im Suhrkamp Verlag fortgesetzte Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts wurde mit der gesetzten Ausgabe von „Zettel’s Traum“ im Jahr 2010 abgeschlossen. Neben der Werkausgabe sind einige Ein­zel­ver­öf­fent­li­chun­gen aus dem Nachlass erschienen, so etwa die Fragmente „Die Feuerstellung“ und „Lilienthal 1801“ oder das Manuskript zur „See­land­schaft mit Pocahontas“; derzeit arbeitet Susanne Fischer an einer Edition der Zettel zum ungeschriebenen Teil des letzten Romans, an dem Schmidt bis zu seinem Tod gearbeitet hat, „Julia, oder die Gemälde“. Auch mehrere Briefbände sind erschienen – am letzten, wichtigen Desiderat, dem Briefwechsel mit Hans Wollschläger, arbeitet derzeit Giesbert Damaschke – und drei Jahrgänge des Tagebuchs von Alice Schmidt, die einen Ausschnitt aus der Lebens- und Arbeitswelt Schmidts in den 50er Jahren liefern. Hinzukommen Ausstellungen zu Leben und Werk, die die Erinnerung an Arno Schmidt lebendig erhalten. So kann die Stiftung auf eine kontinuierliche und ertragreiche Arbeit in den 35 Jahren ihres Bestehens zurückblicken.

Worauf aber die Leser und Freunde des Werks Arno Schmidts lange vergeblich gewartet haben, ist die große Biographie Arno Schmidts, die Bernd Rauschenbach – früherer Secretär, jetziger Vorstand der Arno Schmidt Stiftung – schreiben wollte. Dieses Projekt wurde von ihm aber vor einiger Zeit offenbar aufgegeben. Sozusagen als Ersatz erschien nun in diesem Jahr einen großformatige und umfangreiche Bildbiographie mit reichem Bildmaterial aus dem Archiv, das zu einem Großteil erstmals gedruckt erscheint. Die Biographie ist aufgeteilt nach Wohnorten Schmidts, was bei ihm, für den sein unmittelbares Lebensumfeld immer auch von entscheidender kreativer Bedeutung war, eine sinnvolle Einteilung liefert. Jeder Abschnitt der Biographie wird durch einen geschlossenen Text aus der Feder Bernd Rauschenbachs eingeleitet, der im anschließenden Bildteil dann dokumentarisch eingeholt wird. Die Auswahl des Materials und die Gestaltung der Texte und Doppelseiten ist, soweit ich das beurteilen kann, superb.

Entstanden ist so ein umfassendes und gut gewichtetes biographisches Porträt Arno Schmidts nicht nur als Schriftsteller und Übersetzer, sondern auch als Ehemann sowie als politische Figur der Bundesrepublik besonders der 50er Jahre. Dem Leser wird die selbstgewählte Isolation Schmidts deutlich, seine sozialen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Literaturbetrieb und Kollegen, die monomanische Konzentration auf sein Schreiben und auch die langjährige Armut, in der er zusammen mit seiner Frau existiert hat, um – in seinem Selbstverständnis – der deutschen Literatur zu dienen. Allein um dieser in der deutschen Nachkriegsliteratur wohl einmaligen Mischung aus Sendungsbewusstsein und durchlittener mediokerer Existenz lohnt sich die Kenntnisnahme dieses Schrift­stel­ler­schick­sals.

Natürlich hinterlässt eine solche Bildbiographie, wie umfangreich sie auch immer sein mag, auch das Bewusstsein der Lücken, die sie zwangsläufig lassen muss. So ist an mehreren Stellen von der Privatmythologie des Ehepaars Schmidt die Rede, wahrscheinlich eines der wichtigsten Bindemittel für diese merkwürdig Kampfgemeinschaft gegen die grobe Welt. So erfahren wir zwar hier und da Details (die „drei Mohren“, der „private Kalender“ etc.), aber es wird eben durch diese Andeutungen klar, wieviel Privates im Leben der Schmidts noch verborgen liegen mag. So schön und gelungen diese Bildbiographie auch sein mag, sie macht einmal mehr das Desiderat einer umfangreichen, aus dem Bargfelder Archiv gespeisten dokumentarischen Biographie fühlbar. Hoffentlich schreibt sie jemand, bevor es zu spät ist.

Arno Schmidt. Eine Bildbiographie. Hg. v. Fanny Esterházy. Mit einf. Texten v. Bern Rauschenbach. Berlin: Suhrkamp, 2016. Bedruckter Pappband mit Leinenrücken, Fadenheftung, 456 großformatige Seiten. 68,– €.

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