E. T. A. Hoffmann: Prinzessin Brambilla

So ist wohl Faust »klassisch« aber Wilhelm Meisters Wanderjahre eine freche Formschlamperei mit durchschnittlichem Inhalt; und die »Prinzessin Brambilla« ist ein Kunstwerk, und »Hanswursts Hochzeit« und dergleichen, säuische Lappalien, nicht wert der Druckerschwärze.

Arno Schmidt

Nur ein Jahr nach Klein Zaches genannt Zinnober lieferte Hoffmann dem Publikum sein nächstes längeres Märchen: Prinzessin Brambilla. Angeregt wurde der Text oder genauer seine Figuren und ihre Verkleidungen durch eine Reihe von Graphiken Jacques Callots, die Hoffmann im Januar 1820 zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Hoffmann hat 8 der 24 Blätter des Albums Balli di Sfessania ausgewählt, sie in Kupfer stechen und dem Märchen beibinden lassen. Dessen Handlung spielt während des Römischen  Karnevals, und im Mittelpunkt steht der Schauspieler Giglio Fava, der sich in die Märchenlandprinzessin Brambilla verliebt und sich wieder geliebt glaubt. Vor diesem Abenteuer war er dem Anscheine nach mit der Putzmacherin Giacinta Soardi beinahe fast schon verlobt, der nun wiederum von dem Prinzen Cornelio Chiapperi der Hof gemacht wird.

Die Prinzessin und der Prinz sind auf etwas undurchsichtige Weise mit den Schicksalen des Zauberreiches Urdargarten verbunden, das leider seinen Herrscher König Ophioch verloren hat, bevor die Thronfolge ausreichend geregelt war. Nun ist die einzige Hoffnung für das Land das Wirken des Zauberers Magus Hermod, der selbstredend auch unter dem Namen Ruffiamonte weitgehend unbekannt ist. Giglio durchläuft in lockerer Folge zahlreiche Abenteuer, versucht seine alte Geliebte aus dem Gefängnis zu befreien, in dem sie gar nicht sitzt, verliert leider seine Anstellung am Theater, erhält aber auf zauberische Weise einen Beutel Dukaten, der sich nie zu leeren scheint, wird vom Tragödiendichter Chiari mit seinem neuen Stück bekannt gemacht, in dem er die Titelrolle des Moro bianco über­neh­men soll, tanzt mit einer geheimnisvoll Maskierten, in der er die Prinzessin vermutet, trägt ein Duell aus, in dem er sich selbst niedersticht und dabei zugleich die Identität wechselt und was der Possen mehr sind. Er schlüpft dabei von Kostüm zu Kostüm und so in die diversen Masken, die Hoffmann in den Blättern Callots gefunden hatte. Auch hier heißt es sicherlich nicht zuviel verraten, wenn man sagt, dass am Ende des Karnevals alles gut endet, sowohl für die beiden Verliebten in Rom als auch für Prinz und Prinzessin in Urdargarten, wobei gar nicht so klar ist, ob es denn wirklich vier Personen waren, die sich da umeinander gedreht haben.

Den meisten Zeitgenossen war das Märchen zu locker gearbeitet und Hoffmann musste neben Lob seiner reichen Phantasie auch einige herbe Kritik einstecken. Erst im vergangenen Jahrhundert ist die Prinzessin Brambilla aufgrund ihrer motivischen Dichte, der zahlreichen Spiegelungen und Wechselbilder, der Wiederaufnahme des Theaterthemas und all der weiteren feinen Vorzüge so geschätzt worden, wie sie es verdient hat. In der leider nur allzu kurzen Entwicklung des Erzählers Hoffmann bildet dies hübsche Märchen eine wichtige Zwischenstufe hin zum leichten und nur scheinbar anspruchslosen Stil seiner letzten Erzählungen.

E. T. A. Hoffmann: Prinzessin Brambilla. Ein Capriccio nach Jakob Callot. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober

Mit Klein Zaches genannt Zinnober lieferte Hoffmann 1819 eines seiner beliebtestes Märchen. Erzählt wird die Geschichte um den wun­der­li­chen, kleinen und verwachsenen Zaches, Sohn einer Bäuerin, der das Mitleid der Fee Rosabelverde erregt, die ihn mit einem Zauber belegt, dass alle Welt ihn für einen schönen Jüngling halte und alles Gute und Schöne, das in seiner Nähe geschieht, auf sein Konto gerechnet werde. Mit diesem Zauber ausgestattet, stiftet Klein Zaches unter dem Nom de guerre Zinnober in der Universitätsstadt Kerepes große Verwirrung, besonders zu Lasten der beiden vortrefflichen Studenten Balthasar und Fabian. Zinnober erlangt im Handumdrehen die Gunst des lokalen Fürsten, wird Minister, Ordensträger und Bräutigam der schönen Professoren-Tochter Candida, die gerade eben noch in Balthasar verliebt gewesen war. Zum Glück findet sich aber der Zauberer Prosper Alpanus, der sich als mächtiger denn die Fee erweist und alles wieder in Ordnung zu bringen vermag. Es heißt wohl nicht zu viel zu verraten, wenn ich sage, dass alles so gut ausgeht, wie sich das für ein ordentliches Märchen gehört.

Das Märchen ist nicht ohne die für die Gattung übliche Grausamkeit dem Bösewicht gegenüber, wenn der Leser auch geneigt ist, Hoffmanns Behandlung des kleinen Kerls für ein wenig zu arg zu halten, denn immerhin ist auch er nur ein Getriebener, der versucht, seiner natürlichen Benachteiligung zu entkommen. Hoffmann hat dies selbst wohl so empfunden und so am Ende wenigstens einen Teil des Zaubers wieder restituiert und aus dem Unglück des Sohns das Glück der armen Mutter entspringen lassen.

Was das Märchen über die Standardware der Zeit hinaushebt, ist nicht nur seine hübsche und für Hoffmann typische satirische Behandlung der bürgerlichen Gesellschaft, die nur auf Glanz und Äußerlichkeiten zu blicken versteht, der aber das wahre Wesen der Dinge, die sie bejubeln, gänzlich entgeht, sondern auch die damit verknüpfte milde Kritik am Weltbild der Aufklärung: Nicht nur ist das anfängliche Ausrufen der Aufklärung im Lande völlig wirkungslos, was die mächtigsten Feen und Zauberer angeht – diese tarnen sich einfach als Stiftsfräulein oder Gelehrter –, sondern die Aufklärung hinterlässt auch eine Welt, der alle Herrlichkeit und aller Zauber abgeht, die glanzlos wäre, würde Prosper Alpanus nicht doch heimlich bei der Hochzeit für Glitter, Feuerwerk und Regenbogen sorgen.

Ein wirklich hübsch erfundenes und mit Witz verfasstes Märchen, das einmal mehr Hoffmanns Lieblingsthemen im Gewand eines Phantasus-Kindes in die Welt schickt. Alle, die es noch nicht kennen, mögen sich wenigstens das entsprechende Reclamheft zulegen.

E. T. A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober. Ein Märchen. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Seltsame Leiden eines Theater-Direktors

Geschmack! Das ist nur eine fabelhafte Idee – ein Gespenst, von dem alle sprechen und das niemand gesehen hat.

Die Ausgabe, in der ich derzeit Hoffmanns Sämtliche Werke zu lesen in der Lage wäre, so ich denn wollte, rühmt sich zu Recht die vollständigste jemals erschienene zu sein. Das liegt unter anderem daran, dass sie neben den hier besprochenen Seltsamen Leiden eines Theater-Direktors (1819) eine frühere und deutlich kürzere Fassung des Textes mit abdruckt, die 1817 im Berliner Dramaturgischen Wochenblatt unter dem Titel Die Kunstverwandten über mehrere Lieferungen hin erschienen war. Der Herausgeber der hier vorliegenden Sämtlichen Werke weist – ebenso zu Recht – darauf hin, dass es sich hier um den von Hoffmann am meisten überarbeiteten und erweiterten Text handelt. Für den Nichtfachmann und den, der nicht Fachmann werden möchte, beweist jene frühere, kürzere Fassung in der Hauptsache eines, nämlich dass die spätere, längere Fassung an einigen Stellen doch unmäßig lang geraten ist, was man aber vielleicht auch ohne den direkten Vergleich hätte herausfühlen können. Aber für den Germanisten taugt alles Fühlen nichts, wenn er etwas geradewegs durch Nachzählen beweisen kann!

Die Seltsamen Leiden eines Theater-Direktors nehmen eine Form auf, die sich bereits in den Fantasiestücken in der Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza gefunden hat: der unmittelbare Dialog als Stellvertreter für die fortlaufende Erzählung. Schon in der Nachricht war es in einigen Passagen um das zeitgenössische Theater gegangen, und Hoffmann nimmt diesen Punkt nicht nur formal, sondern auch inhaltlich wieder auf, in dem er in den Seltsamen Leiden gleich zu Anfang von einer Oper die Rede sein lässt, deren Protagonist, der Löwe Gusmann, von einem wohlabgerichteten Hund gespielt werden soll: „Himmel! – wieder ein Hund! – wieder ein Hund!“

In diesem Fall aber unterhalten sich zwei Theaterdirektoren miteinander, die zufällig im Frühstücksraum eines Gasthauses aufeinander treffen. Der Graue ist Direktor der offenbar nicht kleinen Städtischen Bühne, der Braune dagegen Direktor einer reisenden Truppe. Während der Graue ein an dem eigenen, durch Jahre der Erfahrung gestählten Pragmatismus verzweifelnder Macher („Wir machen mal was zusammen!“) ist, erweist sich der Braune dagegen als ein durch keine Beschränkungen eingeschüchterter Idealist, der Autoren, Schauspielern, Intendanz, Publikum und Kritik nur das Beste abverlangt und in seinen Ergüssen immer aufs Neue beweist, dass das Beste nicht nur besonders gut, sondern auch besonders förderlich und nützlich ist („Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci / lectorem delectando pariterque monendo“).

Wie schon gesagt, ist das eine oder andere für den heutigen (wahrscheinlich aber auch für den zeitgenössischen) Leser etwas langatmig geraten. Dafür entschädigen aber alle naselang Theateranekdoten, die man nicht verpassen möchte, weswegen man sich nicht wirklich traut, vom Quer- zum Kreuz-und-quer-lesen überzugehen. Überhaupt hat der Text ein Ende, nachdem sich auch bessere Schriftsteller als Hoffmann (und so sehr viele gibt es da nicht) die Finger geleckt haben würden: Nicht nur wird ein Märchen von Gozzi nacherzählt, das es in sich hat und jeder romantischen Bühne zur Ehre gereicht hätte, sondern die letzten Zeilen warten mit einer Pointe auf, die einen beinahe den Text noch einmal lesen ließe, wenn er nur ein wenig kürzer wäre. Aber das erwähnte ich wohl schon.

Eine durchaus vergnügliche Lektüre, besonders auch für jene, die noch dem Theaterbetrieb, ob innerlich, ob äußerlich, folgen, aber auch für die anderen, denen die romantische Kunstauffassung nahegeblieben oder nahegekommen ist. Und dort, wo sie ungeduldig werden, mögen sie sich sagen: „Geduld! Geduld!“

E. T. A. Hoffmann: Seltsame Leiden eines Theater-Direktors. Aus mündlicher Tradition mitgeteilt vom Verfasser der Fanatsiestücke in Callots Manier. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A Hoffmann: Nachtstücke

Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du trittst hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht!

Die Nachtstücke (1816/1817) sind Hoffmanns Versuch, an die ungewöhnlich erfolgreichen Fan­ta­sie­stü­cke (1814) anzuschließen. Als große Oberthemen der acht Er­zäh­lun­gen (in zwei Bänden) lassen sich Wahn und Ver­bre­chen ausmachen, worauf der Titel offensichtlich anspielt. Das bekannteste der Nachtstücke ist zweifellos und zu Recht Der Sandmann, das zumindest zu meinen Zeiten als Student an kaum einem Germanisten vorübergegangen sein dürfte. Alle anderen Erzählungen der Sammlung fallen deutlich gegen dieses Zauberstück ab, wie überhaupt das erzählerische Niveau von Stück zu Stück sehr unterschiedlich ist.

Der Sandmann ist die Erzählung um den jungen Nathanael, der seine Heimatstadt zum Studium verlassen hat, dort aber immer noch Kontakt pflegt zu seinem Freund Lothar und dessen Schwester Clara, mit der er verlobt ist. Die Erzählung beginnt mit einem bewegenden Brief, in dem sich Nathanael der Umstände erinnert, unter denen sein Vater zu Tode gekommen ist: Bei alchemistischen Experimenten, die er zusammen mit der unheimlichen Figur Coppelius unternimmt, kommt es zu einem für den Vater tödlichen Unfall, den Nathanael ob zu Recht oder nicht für die Schuld Coppelius’ hält. Nun ist ihm an seinem Studienort der fliegende Händler für Brillen und andere optische Geräte Coppola begegnet, der ihn nicht nur dem Namen nach an den fatalen Coppelius erinnert und durch sein Auftauchen ein traumatisches und letztendlich schicksalhaftes Wiederdurchleben der Erinnerungen an den Tod des Vaters auslöst, sondern der Nathanael auch für die Begegnung empfänglich macht, die den Kern der Fabel bildet. Der Professor Spalanzani, bei dem Nathanael studiert, hat vorgeblich eine Tochter namens Olimpia, die er vor der Gesellschaft verbirgt. Nathanael aber, der im Haus gegenüber der Wohnung des Professors sein Quartier hat, beobachtet durch eines der Ferngläser des Händlers Coppola diese Tochter heimlich, die stundenlang regungslos an einem Tisch sitzt. Bei der schließlich doch erfolgenden Einführung Olimpias in die Gesellschaft verliebt sich Nathanael sofort in das junge Mädchen, das von allen anderen Anwesenden als hölzern und wenig sympathisch empfunden wird. Die weitere Fabel im Detail nachzuerzählen, ist unnötig: Nathanael verfällt einem sich immer weiter steigernden Liebeswahn, kehrt nach der Entlarvung Olimpias (mehr sei hier nicht verraten!) nach Hause zurück, wird scheinbar geheilt und …

Diese Erzählung hat solche Unmengen von Deutungen hervorgebracht, dass deren Studium beinahe faszinierender ist als die des Stücks selbst. Der Sandmann ist zur Hervorbringung von Interpretationen nahezu ideal geeignet: Offenbar wusste der Autor Hoffmann selbst nicht um die Bedeutung der verschiedenen suggerierten Zusammenhänge und das Verhältnis der einzelnen Elemente der Erzählung zueinander. Schon allein der Kunstgriff, das Kindheitstrauma Nathanaels über die Dop­pel­gän­ger­fi­gur Coppelius / Coppola mit dem Liebeswahn um Olimpia zu verknüpfen garantiert der Erzählung eine Mehrdeutigkeit, die von der Interpretation kaum einzuholen sein wird. Hinzukommen die Spiegelthemen Alchemie / Mechanik, Animismus / Rationalismus, Gefühl / Vernunft und Vernunft / Wahn, die die Erzählung nahezu zwangsläufig zu einem Herd einander widerstreitender Deutungen machen. Nur von Zeit zu Zeit gelingt einem Autor einmal ein solcher Wurf, von dem sich noch Generationen von Lesern getroffen fühlen; von der hehren Germanistik noch ganz zu schweigen.

Wie schon angedeutet fallen die anderen Stücke der Sammlung dem gegenüber ab:

  • Ignaz Denner ist eine Räubererzählung mit juristischem Nachspiel.
  • Die Jesuitenkirche in G. ist eine Künstlernovelle um einen Maler, der seine wahre Bestimmung nicht oder nur sehr unglücklich und spät findet.
  • Das Sanctus ist eine Künstlernovelle um eine psychosomatisch erkrankte Sängerin, die durch eine heimlich mit angehörte Erzählung geheilt wird.
  • Das öde Haus ist eine aufgelöste Gespenstergeschichte, der es nicht wirklich gelingt, das Unheimliche, das sie erzeugen möchte, aufs Papier zu bringen.
  • Das Majorat ist eine Bruder-, Mord- und Geistererzählung, die umständlicher ist, als ihr gut tut.
  • Das Gelübde erzählt um die verwickelten politischen Verhältnisse Polens herum eine Liebes- und Vergewaltigungsgeschichte, die schon von den Zeitgenossen Hoffmanns als eine unangenehme Fortsetzung der Kleistschen Marquise von O….  empfunden wurde.
  • Das steinerne Herz schließlich, das immerhin seinen Titel einem der Romane Arno Schmidts geliehen hat, ist eine motivisch außerordentlich locker gebaute Liebesgeschichte, deren Nachtseite sich auf eine recht pragmatische Art und Weise auflöst. Am Ende wird geheiratet, wie sich das für jede anständige Komödie gehört.

Alles in allem gelingt es Hoffmann nicht, den Fantasiestücken eine gleichwertige Sammlung von Erzählungen an die Seite zu stellen, was angesichts der sehr unterschiedlichen Produktionszeiten auch nicht wirklich zu erwartet ist. Das herausragende Stück der Sammlung wird noch Generationen von Lesern und Germanisten beschäftigen, bis sich eines Tages jemand wundern wird, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man sich über derartige Konstruktionen weitreichend Gedanken gemacht hat.

E. T. A. Hoffmann: Nachtstücke. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels

Eure Geschichte, Mönch Medardus! fing er an: ist die verwunderlichste die ich jemals vernommen.

Noch während Hoffmann 1814 und 1815 an der Zusammenstellung und Ergänzung der Fantasiestücke arbeitet, entsteht parallel sein erster Roman Die Elixiere des Teufels, so dass nahezu unmittelbar nachdem der letzte Band der Fantasiestücke erschienen ist (Juni 1815), bereits der erste von zwei Bänden der Elixiere vorliegt (September 1815). Die Elixiere sind ein Moderoman, sie greifen die Form der in England bereits im Abklingen befindlichen Welle des Schauerromans (Gothic Novel) auf und liefern gemäß dem Genre eine Schauer- und Mordgeschichte mit einem Mönch als Protagonisten. Da das Genre in Deutschland in der Hauptsache immer noch aus Übersetzungen der englischen Vorlagen bekannt war, konnten Hoffmann und sein Verleger zu Recht auf einen bedeutenden Verkaufserfolg hoffen.

Natürlich hat der Text, so wie es sich für die Zeit gehört, eine Herausgeberfiktion, die die Geschichte in eine unbestimmte Vergangenheit verlegt: Erzählt wird im Rückblick und in seinen eigenen Worten die Lebensgeschichte des Knaben Franz, der als Mönch unter dem Namen Medardus in ein Kapuzinerkloster eintritt. Da er sich als frommer Bruder auszeichnet, wird ihm bald die Reliquiensammlung des Klosters anvertraut, in der sich neben anderem Firlefanz auch eine geheimnisvolle Weinflasche befindet, die aus dem Besitz des heiligen Antonius stammen soll. Mit dem Öffnen dieser Flasche beginnt Medardus Sündenfall. Er wird aus dem Kloster in die Welt geschickt und verwickelt sich augenblicklich in eine der unwahrscheinlichsten Geschichten, die man sich ausdenken kann: Sein zufälliges Zusammentreffen mit einem Doppelgänger (der sich als sein Halbbruder erweisen wird) führt ihn in ein erstes Abenteuer, in dem er die Identität des Doppelgängers annimmt und das in einem Doppelmord endet. Die Flucht aus diesem Abenteuer führt notwendig ins nächste und von diesem Zeitpunkt an flieht Medardus nicht nur seinen klösterliche, sondern auch seine doppelgängerische Identität, erlügt sich eine dritte, wird beinahe entlarvt, dann aber durch das unerwartet Auftauchen seines vermeintlich toten Doppelgängers errettet, verfällt dem Wahnsinn, dann der Reue und Buße und landet am Ende wieder in dem Kloster, von dem aus er in die Welt gezogen ist. Das Buch wimmelt von exaltierten Figuren, wobei Medardus immer die exaltierteste von allen ist. Der Leser erfährt die sündhafte Geschichte der Herkunft Medardus’, die der eigentliche Auslöser all seiner Abenteuer sein soll. Insofern spielen die titelgebenden Elixiere des Teufels im ganzen Roman kaum ein direkte, allerhöchstens eine metaphorische Rolle.

Ich muss zugestehen, dass mir das Buch bei der Wiederlektüre deutlich weniger auf die Nerven gefallen ist als damals während des Studiums; offensichtlich hat meine Toleranz gegen Schauer- und Mordgeschichten mittlerweile doch deutlich zugenommen. Das ändert nichts daran, dass der Roman gleich an zwei Symptomen leidet: Nicht nur ist die Anhäufung gänzlich unwahrscheinlicher Koinzidenzen schon für sich genommen störend, die zweite Hälfte des Romans krankt zudem daran, dass der Erzähler mit dem Erklären und Aufarbeiten dieser Zufälle einen gehörigen Teil des Textes füllen muss. Gekontert wird dieses triviale Herumgerenne mit durchaus interessanten Reflexionen zu Fragen der Identität; zum Teil wird die Handlung derart auf die Spitze getrieben, dass sich selbst der Leser fragt, ob nicht doch auf irgendeine Weise ein Anderer die Taten des Medardus begangen haben könnte. Auch der Fall des Ich-Erzählers in Wahn und Bewusstlosigkeit ist durchaus überzeugend gestaltet und reicht deutlich über die Trivialmuster der Zeit hinaus.

Für alle Freunde des Schauerromans ein historisches Muss, aber auch für all jene, die an der Entwicklung von Begriffen wie Identität, Wahn oder Unheimliches interessiert sind, ein gewichtiges Stück Geistesgeschichte.

E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners.  In: Sämtliche Werke 2/2. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1988. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 759 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit auch als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Fantasiestücke in Callot’s Manier

Bei den Fantasiestücken handelt es sich um die erste Buchveröffentlichung Hoffmanns aus dem Jahr 1814. Hoffmann war bereits seit 1803 publizistisch tätig, aber schloss erst 1813 einen Vertrag mit dem Bamberger Verleger Kunz, der einen einzelnen Band weitgehend mit bereits veröffentlichten Texten Hoffmanns bringen wollte. Die Planung wurde aber sehr rasch erweitert, so dass die Fantasiestücke schließlich bis 1815 in vier Bänden ausgeliefert wurden. Die Jahre 1813 bis 1815 sind eine ereignisreiche Zeit im Leben Hoffmanns: Während der Zeit der Zu­sam­men­stel­lung und Niederschrift der vier Bände ist er als Musikdirektor in Dresden und Leipzig angestellt, gilt also schon als wichtiger Musiker seiner Zeit. Er hat bereits eine eigene Symphonie vorgelegt und kom­po­niert in dieser Zeit seine Oper Undine nach dem Libretto Friedrich de la Motte Fouqués. Zugleich orientiert er sich beruflich neu, indem er sich um eine Anstellung im preussischen Justizministerium bewirbt, die ihn nach Berlin zurückbringen wird.

Trotz dieser beruflichen Auslastung entstehen in dieser Zeit bedeutende literarische Texte, die Hoffmanns Ruhm als Autor etablieren werden: Der goldene Topf, der den dritte Band der Fantasiestücke bildet, entsteht genauso wie umfangreiche Texte der Kreisleriana und nicht zuletzt weite Teile von Hoffmanns erstem Roman Die Elixiere des Teufels. Nebenbei schreibt er noch einige Rezensionen und kleinere Texte, von denen sicherlich Die Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden hervorzuheben ist.

Die Fantasiestücke selbst sind eine Zusammenstellung musikalischer und li­te­ra­ri­scher Schriften. Band 1 und 4 erhalten hauptsächlich Texte, die sich um Musik im engeren und weiteren Sinne drehen; in Band 1 tritt mit Jaques Callot [sic!] ein kurzer programmatischer Text zur Erläuterung des Titels hinzu; in Band 4 mit Die Abenteuer der Sylvester-Nacht eine anekdotisch erzählte, unglückliche Liebesgeschichte. Die meisten musikalischen Texte werden um ein Alter Ego Hoffmanns, den als verrückt angesehenen Kapellmeister Johannes Kreisler, gruppiert und tragen daher den Sammeltitel Kreisleriana. Band 2 enthält nur zwei Texte: Die Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, einem Gespräch zwischen dem Erzähler und dem von Cervantes erfundenen Hund, das unter anderem eine schneidende Parodie auf den zeit­ge­nös­si­schen Schauspiel-Betrieb enthält, die bis heute nicht wenige ihrer Spitzen behalten hat. Es folgt die Novelle Der Magnetiseur, eine halb phi­lo­so­phi­sche, halb schauerliche Geschichte von dem unheimlichen Einfluss eines unheimlichen Mannes, der am Ende zum Untergang einer ganzen Familie führt.

Wie bereits gesagt, bringt Band 3 nur einen einzigen Text: Der goldene Topf ist sicherlich das Schau- und Schmuckstück der Sammlung und zu Recht ihr bekanntester Text: Das Märchen vom Studenten Anselmus, der mitten in den Streit zweier Fraktionen von Elementargeistern gerät, glänzt mit seinem nahtlosen Ineinandergreifen von fantastischer und bürgerlicher Welt. Für Anselmus personifiziert sich der Konflikt zwischen den Ansprüchen der beiden Welten an ihn in der Liebe einerseits der bürgerlichen Veronika zu ihm und andererseits in seiner Liebe zu Serpentina, der Tochter des Archivars Lindhorst, der in Wahrheit ein in die profane Welt verbannter elementarischer Salamander ist. Natürlich geht alles am Ende so gut aus, wie man es von einem Märchen erwarten darf, wenn auch vielleicht nicht in dem Sinne, wie ordentliche Bürger es sich vorstellen. Der goldene Topf hatte einen erheblichen Anteil an der Etablierung Hoffmanns als bekanntem und erfolgreichem Schriftsteller.

E. T. A. Hoffmann: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten. In: Sämtliche Werke 2/1. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1993. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 941 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit auch als Taschenbuch lieferbar.

Allen Lesern ins Stammbuch (97)

 Ihr Deutsche kommt mir vor wie jener Mathematiker, der, nachdem er Glucks »Iphigenia in Tauris« gehört hatte, den entzückten Nachbar sanft auf die Achsel klopfte und lächelnd fragte: »Aber was ist dadurch nun bewiesen?« – Alles soll noch außer dem, was es ist, was anderes bedeuten, alles soll zu einem außerhalb liegenden Zweck führen, den man gleich vor Augen hat, ja selbst jede Lust soll zu etwas anderm werden, als zur Lust und so noch irgendeinem andern leiblichen oder moralischen Nutzen dienen, damit nach der alten Küchenregel immer das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden bleibe.

E. T. A. Hoffmann
Nachricht von den neuesten Schicksalen
des Hundes Berganza

Allen Lesern ins Stammbuch (33)

Ich liebe Jünglinge, die so wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist. Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem eignen Innern heraustönt.

E.T.A. Hoffmann
Klein Zaches genannt Zinnober