Émile Zola: Die Eroberung von Plassans

zola_rougonDer vierte Roman der Rougon-Macquart: Nachdem die Teile 2 und 3 des Zyklus in Paris spielen, kehrt der 4., wie bereits der Titel anzeigt, in die französische Provinz zurück. Die Romanhandlung umfasst die Jahre 1857 bis 1863 und erzählt im Wesentlichen die Geschichte des Abbé Faujas, der offensichtlich mit einer politischen Agenda nach Plassans kommt. Er wird Mieter bei François und Marthe Mouret, Cousin und Cousine aus der Familie Rougon-Macquart, die miteinander verheiratet sind und drei Kinder haben. Ihre beiden Söhne Octave und Serge gehen zu Anfang des Romans noch zur Schule, die Tochter Désirée ist geistig etwas zurückgeblieben und verbringt ihre Zeit hauptsächlich zusammen mit ihrer Mutter im Haus. Vater Mouret hat sich als Kaufmann zur Ruhe gesetzt, lebt im Wesentlichen von seinem Vermögen, das er hier und da durch ein lukratives Geschäft aufbessert.

In dieses bürgerlich ruhige, wenn auch etwas enge Familienleben kommt durch die Ankunft des Abbés und seiner Mutter Bewegung. Während diese beiden Mieter sich zu Anfang sehr zurückhaltend und diskret verhalten, beginnt im Laufe der Zeit das, was der Titel des Romans bereits besagt: Abbé Faujas, der zuerst als etwas obskure Gestalt in fadenscheiniger Kleidung auftritt, gewinnt langsam aber sicher mehr und mehr Sympathien in Plassans. Damit einher geht, dass er und seine Mutter in immer familiäreren Umgang mit der Familie Mouret kommen, was zu dramatischen Veränderungen in deren Familienleben führt. Vater Mouret, bislang ein unangefochtener Patriarch, wird durch den Einfluss des Priesters auf Marthe und die Köchin zur Randfigur im eigenen Haus. Marthe entschlüpft der atheistischen und antiklerikalen Indoktrination ihres Ehemannes und entwickelt als Ausdruck ihrer Verliebtheit in den Abbé eine schwärmerische Religiosität, der Sohn Serge geht sogar ins Priesterseminar, Tochter Désirée kommt in Pflege zu ihrer Amme, kurz gesagt: Der Haushalt Mouret löst sich peu à peu auf.

Was die gute Gesellschaft Plassans angeht, so vermeidet es Abbé Faujas sorgfältig, sich einer der politischen Parteien anzuschließen. Er hat das Haus der Mourets überhaupt nur als Wohnung ausgewählt, weil der Garten der Mourets genau zwischen zwei anderen Gärten liegt, in denen regelmäßig die beiden politisch führenden Gruppen Plassans zusammenkommen. Der eigentliche Grund für Faujas Anwesenheit in Plassans ist, wie schon gesagt, ein politischer, der aber von Zola bemerkenswert zurückhaltend dargestellt wird. Der Abbé ist offenbar ein Agent von Eugène Rougon, der es in Paris zum Innenminister gebracht hat und dem daran gelegen ist, den derzeitigen Abgeordneten von Plassans in der Nationalversammlung, einen Marquis de Lagrifoul, der im Roman sonst keine Rolle spielt, durch eine politisch unbedeutende Figur ersetzen zu lassen. Es genügt zu sagen, dass es dem Abbé gelingt, seinen Stellung in  Plassans soweit auszubauen, dass es ihm ein Leichtes ist, die nächste Wahl entsprechend zu beeinflussen. Allerdings endet der Roman in einer unvorhersehbaren Katastrophe.

Der Roman gewinnt seinen Reiz im Wesentlichen daraus, dass Zola drei soziale Modelle parallel beschreibt: Die Familie Mouret, deren Haushalt durch ihre Mieter komplett zerstört wird, die Kleriker von Plassans und ihre Intrigen um Anerkennung und Macht und schließlich die Oberen 50 von Plassans mit ihren Eitelkeiten und ihrem kleinkarierten Geschwätz. Dass der Roman zu den eher unbekannten Zolas gehört, mag daran liegen, dass der Leser längere Zeit nicht genau weiß, wohin sich die Handlung entwickeln wird und warum er diesen Figuren folgt. Weder der Abbé noch die Familie Mouret sind für sich genommen interessant genug, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Man muss dem Roman also gutwillig eine Weile lang folgen, bis sich die Motive zu einem Gesamtbild runden.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

Émile Zola: Der Bauch von Paris

zola_rougonDer dritte Roman des Zyklus, offensichtlich als direktes Pendant zu Die Beute entworfen. Im Fokus steht mit Florent ein angeheirateter Verwandter der Familie Rougon-Macquart; sein Halb-Bruder Quenu hat Lisa Macquart, eine Kusine Aristide Rougon-Saccards geheiratet, mit der zusammen er eine Metzgerei an den Pariser Markthallen betreibt. Florent ist Ende 1852 während der Unruhen in Paris verhaftet und auf die Teufelsinsel verbannt worden. Ihm gelingt es aber, von dort zu fliehen und nach Frankreich zurückzukehren. Mit seiner Rückkehr nach Paris setzt die Handlung ein.

Florent findet seinen Bruder rasch wieder und zieht bei ihm und seiner Schwägerin ein. Das ihm von Lisa angebotene Erbteil schlägt er vorerst aus und nimmt nach einigen Wochen auf Drängen Lisas die stelle eines Aufsehers in der Fischhalle an. Mit der Zeit kommt er in Kontakt mit einer Gruppe von Stammtisch-Revolutionären, was letzten Endes dazu führt, dass er erneut verhaftet und deportiert wird. Lisa sorgt damit, dass sie ihren Schwager bei der Polizei anzeigt, dafür, dass sie und ihr Mann unbeschadet aus der Affäre hervorgehen.

Wie oben bereits gesagt, wird hier das kleinbürgerliche Gegenstück zur großbürgerlichen Welt der Saccards geliefert. Die nahezu gänzlich auf das Gebiet der Markthallen konzentrierte Handlung präsentiert eine Welt aus kleinlichem Neid und verleumderischem Tratsch. Parallel dazu zeichnet Zola ein enzyklopädisches Porträt der Markthallen und ihres Angebots an Nahrungsmitteln: Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch und Käse werden in erstaunlicher Breite vorgeführt; zahlreiche Nebengestalten erzeugen die Atmosphäre einer Kleinstadt in der Stadt. Die zugehörige impressionistisch-realistische Theorie wird durch die Gestalt des Malers Claude Lantier eingebracht, der Florent und den Leser in die visuelle Welt der Markthallen einführt.

Bei Zola kommt – im Gegensatz etwa zu den Tendenzen bei Fontane – das Kleinbürgertum durchaus nicht besser weg als das geldgierige Großbürgertum: Auch hier gibt es im Wesentlichen zwei Grundtypen: manipulative Intriganten und naive Opfer; hier und da existieren einzelne Ausnahmen, die aber den gesellschaftlichen Grundton nicht mitprägen, sondern als Außenseiter charakterisiert werden. Sowohl Lisa als auch ihrer Feindin Normande geht es am Ende nur um die egoistische Sicherung ihrer geschäftlichen Existenz, ganz gleich unter welcher Regierung oder in welchem politischen System. Der Slogan, Ruhe sei erste Bürgerpflicht, gilt für sie ebenso wie für ihre preußischen Klassengenossen. Die juristische Ungerechtigkeit und politische Unfreiheit, die das Schicksal Florents repräsentiert, interessieren sie nur, insoweit es ihre Geschäfte zu stören droht. Sowohl verwandtschaftliche Beziehung als auch die Liebe werden diesen privatökonomischen Interessen untergeordnet. Daher kann das den Roman beschließende Resümee Lantiers durchaus als Urteil Zolas gelesen werden:

»Was für Schurken, diese ehrbaren Leute!«

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

Émile Zola: Die Beute

zola_rougonDer zweite Band der Rougon-Macquart erzählt vom gesellschaftlichen Aufstieg Aristide Rougons, der in Das Glück der Familie Rougon nur eine Nebenrolle gespielt hatte. Dort war er als leidenschaftlicher Republikaner und Sohn von Félicité und Pierre Rougon am Ende als einer der Verlierer des Umsturzes erschienen, als jemand, der nicht rechtzeitig die Fahne nach dem Wind gehängt hatte. In Die Beute finden wir ihn unter dem angenommenen Namen Saccard in Paris wieder. Er ist mit seiner ersten Frau dorthin geeilt, weil er sich von seinem Bruder Eugène Unterstützung und Protektion erhofft, der beim Staatsstreich eine entscheidende Rolle gespielt und es bis zum Minister gebracht hat. Eugène bleibt allerdings vorerst distanziert und verschafft seinem Bruder nur eine kleine Anstellung im Bauamt von Paris, die sich aber als Sprungbrett für Aristides ambitioniertes Streben nach Reichtum und Einfluss erweist.

Da seine erste Frau gerade zur rechten Zeit stirbt, gelingt es Aristide durch eine einträgliche Neuheirat das Startkapital für eine Reihe schwindelerregender Spekulationen zu erhalten: Durch ebenso riskante wie illegale Immobiliengeschäfte im Zusammenhang mit dem großangelegten Umbau von Paris unter Napoleon III. erwirtschaftet sich Aristide ein Vermögen. Seine junge Frau Renée schwelgt derweil im Wohlleben und beginnt eines Tages eine Affäre mit Maxime, dem Sohn Aristides aus dessen erster Ehe. Dieses leidenschaftliche Verhältnis führt beinahe, aber eben auch nur beinahe zu einer häuslichen Tragödie. Zola verweigert am Ende selbst der unglücklichen Renée jegliche Tragik: Der letzte Satz des Romans nennt die Höhe der von ihr hinterlassenen Schneiderrechnung.

Der Roman ist gleich zweifach eine Dokumentation der gesellschaftlichen Dekadenz des Zweiten Kaiserreichs: Zum einen demonstriert es in der Karriere Aristides die schamlose Bereicherung der Bauspekulanten am Staatsvermögen, zum anderen führt es den sittlichen Verfall und die innerliche Leere des Großbürgertums vor. Dabei gelingt Zola bei der Beschreibung des Verhältnisses von Renée und Maxime ein beeindruckendes Bild vom sinnlichen Reiz, den diese inzestuöse Beziehung auf Renée ausübt. Der Freibeuter-Stimmung der Spekulanten stellt Zola so die sinnliche Atmosphäre eines Tropen-Treibhauses an die Seite und erschafft auf diese Weise ein erstaunlich einprägsames Bild der Pariser Gesellschaft zwischen 1855 und 1860.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

Émile Zola: Das Glück der Familie Rougon

zola_rougon Beginn eines Langzeit-Projekts: Nach der begeisternden Lektüre von Germinal hatte ich mir vorgenommen, den gesamten Zyklus der Rougon-Macquart zu lesen. Leider ist derzeit keine geschlossene Ausgabe des Zyklus im Druck; allerdings ist die Ausgabe des Verlages Rütten & Loening, die zwischen 1952 und 1976 in der DDR gedruckt worden ist und die auch in der BRD mehrere Nachdrucke erfahren hat, im Jahr 2005 als digitale Ausgabe innerhalb der Digitalen Bibliothek erschienen. Diese Ausgabe kann auch heute noch für sage und schreibe 10,– €  erworben werden. Nach der jüngsten Anschaffung eines eBook-Readers wird diese digitale Ausgabe nun peu à peu gelesen werden.

Der Zyklus beginnt mit Das Glück der Familie Rougon, dessen Handlung in der Hauptsache im Jahr 1851 spielt, in dem der französische Staatspräsident Louis Napoleon durch einen Staatsstreich den Weg zum Zweiten Kaiserreich ebnet, das genau in dem Jahr enden sollte, in dem Zola diesen ersten Band seines Zyklus herausgeben wird. In seinem Zentrum steht die Familie Pierre Rougons, der als Sohn aus der Ehe zwischen Adélaïde Fouque und einem Gärtner hervorgeht. Nach dem frühen Tod des Gärtners wählt Adélaïde den Schmuggler Macquart zu ihrem Geliebten, mit dem sie zwei Kinder hat: Antoine und Ursule.

Der heranwachsende Pierre betrügt seine beiden Halbgeschwister um ihren Anteil am Erbe der Mutter, noch bevor diese gestorben ist, und verschafft sich durch das Geld eine Chance zum sozialen Aufstieg: Er heiratet die Tochter eines Kaufmanns, ist aber nur eher schlecht als recht in der Lage, das ererbte Geschäft über Wasser zu halten. Daher versucht er, seine Stellung auf politischem Wege zu verbessern. Die große Chance bietet sich ihm während der Unruhen, die durch den Staatsstreich Louis Napoleons ausgelöst werden, in denen es dem intriganten und im Grunde feigen Pierre schließlich gelingt, sich als Retter seiner Heimatstadt zu inszenieren.

Der Roman ist für den heutigen  Geschmack sicherlich in einigen Passagen zu langatmig, zeigt in seinen Kernpassagen aber schon die erzählerische Präzision und boshafte Beobachtungsgabe, die Germinal zu einem Meisterstück machen werden.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

Émile Zola: Germinal

germinalNachdem ich bislang von Zola nur »Nana« kannte, war ich schon von den ersten Seiten dieses umfangreichen Romans zugleich überrascht und fasziniert. Hatte »Nana« in weiten Teilen den Eindruck auf mich gemacht, hier versuche einer wie Flaubert zu schreiben, reiche aber nicht ganz an das Vorbild heran, besticht »Germinal« von Anfang an mit einem sehr eigenen, präzisen Blick auf soziale und technischen Voraussetzungen des Erzählten. Zolas Schilderungen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse in einem nordfranzösischen Kohlerevier in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entspringt offensichtlich einer genauen Kenntniss und sorgfältigen Beobachtung vor Ort. Ich hatte eine solche Exaktheit der Beschreibungen und der evozierten Bilder nicht erwartet.

Erzählt wird die Geschichte Etienne Lantiers und der Familie Maheu. Über die Figur Etiennes stellt Zola die recht lockere Verbindung dieses Romans mit dem Zyklus der Rougon-Macquart her: Etienne ist Sohn von Gervaise Macquart und Auguste Lantier und erbt – nach Zolas Vererbungstheorie sozialer Charaktere – die durch den Alkoholismus seiner Eltern verursachte Neigung zur Gewalttätigkeit, die besonders in der zweiten Hälfte des Buches eine Rolle spielt. Etienne ist gelernter Maschinist, und ihn verschlägt es auf der Suche nach Arbeit in eine Bergwerksgegend, wo er durch einen Zufall im Bergwerk Le Voreux angeheuert wird. Er kommt zur Gruppe, in der auch Vater Maheu mit seiner Tochter Catherine arbeiten. Catherine und Etienne sind sich von Anfang an sympathisch und ihre nicht ausgelebte Beziehung ist einer der wesentlichen Spannungsbögen des Romans.

Die Familie Maheu, die in weiten Teilen des Buches im Zentrum des Interesses steht, besteht aus den beiden Eltern, sieben Kindern – von denen die Ältesten natürlich auch im Bergwerk arbeiten – und dem Großvater. Die Familie lebt am Rande des Existenzminimums, geplagt von Geldsorgen, gedrückt von Schulden, mit ihrer kärglichen Versorgung kaum dem Hunger trotzend. Zola benutzt das erste Drittel des Romans zu einer sorgfältigen und detaillierten Schilderungen der sozialen Verhältnisse im »Dorf der 240«, das schon über diesen Namen als reine Funktionssiedlung gekennzeichnet ist, von der Bergwerksgesellschaft aus dem Boden gestampft, um die für ihr Geschäft notwendigen Arbeiter irgendwo unterbringen zu können. Er erspart seinen wohl zumeist gutbürgerlichen Leserinnen weder eine ausführliche Beschreibung des alltäglichen Elends noch die Vorführung des Gegensatzes zu den Haushalten der Bergwerksbesitzer und -verwalter, weder die gesundheits- und lebensgefährdende Arbeitsbedingungen noch die soziale und sittliche Verrohung der Arbeiter, die er klar als Folge der herrschenden Armut und Perspektivlosigkeit herausstellt. Einige seiner Beschreibung düften noch heute für »empfindsame Seelen« an die Grenze des Zumutbaren gehen; wieviel heftiger müssen sie auf Leserinnen gewirkt haben, die die bigotte Doppelmoral des ausgehenden 19. Jahrhunderts verinnerlicht hatten.

Der Hauptstrang der Fabel erzählt von einem Streik der Arbeiter des Bergwerks Le Voreux. Anlass des Streiks ist die Einführung eines neuen Lohnabrechnungssystems, mit dem die Gesellschaft des Bergwerks eine nochmalige Reduktion der Entlohnung durchsetzen will. Etienne, der schon zuvor Kontakt zu Sozialisten hatte, wird rasch zu einem Wortführer für den Streik. Zwar verfügen die Arbeiter über eine kleine Streikkasse, die aber nur für wenige Tage die Versorgung sicheren kann. Danach verschärft die Arbeitsniederlegung das sowieso schon vorhandene Elend kontinuierlich weiter. Obwohl auch die Bergwerksgesellschaft wirtschaftlich durch den Streik heftige Einbußen zu verzeichnen hat, weigert sie sich prinzipiell, den offenbar gerechten Forderungen der Arbeiter nachzugeben.

Nach Wochen spitzt sich die Lage soweit zu, dass die streikenden Arbeiter auch die Kollegen der benachbarten Bergwerke zwingen wollen, in den Streik einzutreten. Dabei verursachen sie in diversen Minen umfangreiche Zerstörungen, die die Minenbesitzer veranlassen, ihren Besitz durch das Militär schützen zu lassen. Nach einer weiteren Phase der Ruhe kommt es zu der unvermeidlichen Konfrontation zwischen den immer verzweifelteren Arbeitern und den Soldaten, an deren Ende zahlreiche Tote und Verletzte zu beklagen sind. Zwar sind nach dieser katastrophalen Wendung beide Seiten nur allzu bereit, den Streik zu beenden, und für den Augenblick sieht es danach aus, als hätte die Bergwerksgesellschaft sich einmal mehr durchsetzen können. Aber Zola ist damit noch nicht am Ende seiner Erzählung angekommen, die noch eine weitere dramatische Wendung nehmen muss …

Ohne Frage handelt es sich bei »Germinal« um eines der Meisterwerke der Romantradition des 19. Jahrhunderts. Zola erobert dem Roman hier quasi im Handstreich ein gänzlich neues Gebiet und führt zugleich mustergültig dessen Behandlung vor: Arbeits- und Lebenswelt der (Industrie-)Arbeiter, die drängenden sozialen Fragen, die sich aus deren Lebensbedingungen ergeben, die Macht des Kapitals und die Ohnmacht der Armut, die zugrunde liegende Menschenverachtung, die leichthin und wie nebenbei von den Besitzenden geduldet wird, und deren Folgen für sie gänzlich überraschend und unverständlich sind. Wie nebenbei wird die Rolle der sozialistischen Berufsagitatoren beleuchtet, ebenso die der christlichen Moral und Kirche in diesem Spiel der sozialen Kräfte.

Mir bleibt nur, den Rat Lichtenbergs einmal mehr zu zitieren: »Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.«

Émile Zola: Germinal. Unter der Verwendung der Übersetzung von Armin Schwarz mit einem Nachwort herausgegeben von Wolfgang Koeppen. Reclam UB 4928. 622 Seiten. 10,80 €.

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P. S.: Siehe auch Miniaturen (1) in diesem Blog.

Miniaturen (1)

Jeden Abend erhielt der alte Mouque den Besuch seines Freundes, des Vaters Bonnemort, der vor dem Abendbrot regelmäßig denselben Spaziergang machte. Die beiden Alten redeten nicht viel, wechselten die halbe Stunde über, die sie beisammen weilten, kaum zehn Worte; aber es freute sie, so beieinander zu sein, der Dinge von einst zu gedenken, die sie gemeinsam wiederkäuten, ohne auch nur das Bedürfnis zu verspüren, davon zu sprechen. Seite an Seite saßen sie beim Réquillart auf einem Balken, ließen von Zeit zu Zeit ein Wort fallen, versanken dann wieder, die Nase zu Boden gesenkt, in ihre Träumereien. Ohne Zweifel fühlten sie sich wieder jung. Rings um sie her hoben die Burschen den Mädchen die Röcke hoch; Flüstern, Lachen, Küsse und warmer Mädchendunst stiegen aus dem zerdrückten, kühlen Gras auf. Schon damals, vor dreiundvierzig Jahren, hatte sich auch Vater Bonnemort sein Weib hier hinter der Grube genommen, eine Schlepperin, die so schwächlich war, daß er sie, um sie bequemer umarmen zu können, auf einen Kohlenkarren legen mußte. Ah, das war nun schon lange her! Und die beiden Alten schüttelten die Köpfe und trennten sich schließlich, manchmal ohne sich auch nur guten Abend zu sagen.

Émile Zola
Germinal