Allen Lesern ins Stammbuch (104)

Es gibt keinen höheren Zweck der Kunst, als in dem Menschen diejenige Lust zu entzünden, welche sein ganzes Wesen von aller irdischen Qual, von allem niederbeugenden Druck des Alltagslebens wie von unsaubern Schlacken befreit und ihn so erhebt, daß er, sein Haupt stolz und froh emporrichtend, das Göttliche schaut, ja mit ihm in Berührung kommt. – Die Erregung dieser Lust, diese Erhebung zu dem poetischen Standpunkte, auf dem man an die herrlichen Wunder des Rein-Idealen willig glaubt, ja mit ihnen vertraut wird und auch das gemeine Leben mit seinen mannigfaltigen bunten Erscheinungen durch den Glanz der Poesie in allen seinen Tendenzen verklärt und verherrlicht erblickt – das nur allein ist nach meiner Überzeugung der wahre Zweck des Theaters.

E. T. A. Hoffmann
Nachricht von den neuesten Schicksalen
des Hundes Berganza

Jahresrückblick 2017

2017 ist das erste Jahr, für das das bislang bei den Jahresrückblicken eingehaltene Schema der jeweils drei besten und schlechtesten Lektüren nicht passen will. Von daher lasse ich von jetzt an die noch aus news:de.rec.buecher ererbte Form hinter mir. Also:

Dagegen ragen aus der Lektüre positiv zwei Sachbücher und die ersten Lektüren zweier us-amerikanischer Autoren heraus:

  • Mit To Hell And Back beweist Ian Kershaw einmal mehr seine herausragende Qualität als historischer Autor.
  • Nikolaus Wachsmann liefert mit KL einen grausigen Referenztext zum Thema Konzentrationslager. Ein Text, der nicht nur durch die Lektüre erschüttert, sondern auch durch den Gedanken an den Autor, der sich gezwungen hat, dieses Material zu Papier zu bringen.
  • Mit Thomas Wolfes Erstlingsroman Schau heimwärts, Engel habe ich ein beeindruckendes us-amerikanisches Talent kennengelernt, dessen Erzählen zwar offensichtlich ein undiszipliniertes Naturereignis ist, sich zum Ausgleich aber als inhaltsreich und weltsatt erweist.
  • Ebenfalls eine private Neuentdeckung war Sinclair Lewis mit seinem Babbitt. Eine in weiten Teilen gelungene Satire auf das Amerika der 20er Jahre mit Anklängen an den schon damals erkennbaren aufsteigenden Faschismus in der freiesten aller Nationen.

Insgesamt ist mir aufgefallen, dass ich in der Belletristik nur einen einzigen lebenden Autor gelesen habe, dessen Roman aber nur eine weitere Ent­täu­schung darstellte. Von allen anderen sogenannten Romanen dieses Jahres habe ich die Finger gelassen; einzig Marcus Brauns Der letzte Buddha ist meiner Aufmerksamkeit zu lange entgangen; diese Lektüre wird im nächsten Jahr aber sicherlich nachgeholt werden.

Allen Lesern von Bonaventura wünscht der Nachtwächter ein zufriedenes, gesundes und lektürereiches Jahr 2018!

E. T. A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder (1. Band)

»Schwäne fressen keinen Marzipan«

Die Serapionsbrüder sind Hoffmanns große Sammlung von Erzählungen, die zwischen Februar 1819 und Mai 1821 in vier Bänden erschienen ist. Hoffmann selbst nennt im Vorwort Ludwig Tiecks Fragment gebliebenen Phantasus (3 Bände, 1812–1816) als Vorbild für sein Werk. Zwar verwendet auch Hoffmann wie Tieck einen erzählerischen Rahmen für seine Sammlung, aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch beinahe schon auf. Während sich bei Tieck eine gesellige Versammlung von vier (nur zuhörenden) Damen und sieben vortragenden Herren trifft (das Werk sollte am Ende 7 mal 7 Werke enthalten, also beinahe ein halbes Decamerone), sind es bei Hoffmann nur vier Freunde, die einander nach vielen Jahren wiedersehen und an ihre alte Geselligkeit anknüpfen wollen. Auch Hoffmann lässt die jeweils vorgetragene Erzählung im Anschluss von den vier Freunden kommentieren und kritisieren, verfolgt dabei aber durchaus keine systematische Poetik, wie das bei Tieck durchaus der Fall ist. Die Hoffmannsche Bescheidenheitsgeste im Vorwort gegenüber dem Vorbild ist auch von daher keine bloße Floskel, dass sich der Autor durchaus darüber im Klaren war, dass er literarisch auf einem deutlich populäreren Niveau schrieb als Tieck. Das dürfte mit dazu beigetragen haben, dass Die Serapionsbrüder heute immer noch zum lebendigen Kanon der deutschen Literatur gehören, während Tiecks Phantasus außerhalb eines eher engen Kreises von Fachleuten kaum noch bekannt sein dürfte.

Biographisches Vorbild für den Kreis der vier Serapionsbrüder Theodor, Lothar, Ottmar und Cyprian war der Hoffmannsche Seraphinenorden, der sich bald nach Hoffmanns Rückkehr nach Berlin 1814 gegründet hatte. Hoffmann reduziert in der Fiktion die Anzahl der Teilnehmer und hatte wohl auch keine direkte Zuordnung seiner Figuren zu den Mitgliedern des tatsächlichen Kreises im Sinn, da ja ohnehin alle Erzählungen von ihm selbst stammen.

Jeder der vier Bände liefert die Fiktion zweier literarischer Abende, die die Freunde miteinander verbringen und an denen jeweils drei oder vier Texte vorgetragen und kurz besprochen werden. Dabei müssen die einzelnen Erzählungen einander durchaus nicht immer ergänzen oder sich um ein gemeinsames Thema gruppieren; oft genügt auch der ausdrückliche Gegensatz zum zuvor Vorgetragenen, um die Eingliederung der nächsten Erzählung zu begründen.

Der erste Band präsentiert in seinen beiden Abschnitten die folgenden Erzählungen:

  • Erster Abschnitt
    • [Der Einsiedler Serapion] (Cy)*: Erzählung über einen Verrückten, der sich für den heiligen Einsiedler und Märtyrer Serapion hält (um welchen genau es sich handelt, lässt sich nicht sagen, da Hoffmanns Angaben die Legenden mindestens zweier Märtyrer miteinander verquicken) und in der Nähe einer süddeutschen Kleinstadt im Wald haust, den er für die thebanische Wüste hält. Der Erzähler bildet sich nun autodidaktisch zum Psychologen aus zu dem alleinigen Zweck, Serapion von seinem Wahn zu heilen. Überraschenderweise wird er von ihm aber rasch davon überzeugt, dass er nicht beweisen könne, wessen Realität die wahre, und zudem Serapions Sicht der Welt eine höhere, weil phantastischere sei. Damit ist ein wichtiges Grundthema der Erzählungen Hoffmanns und der Sammlung im besonderen angeschlagen: die Überhöhung der Wirklichkeit durch die Phantasie.
    • [Rat Krespel] (Th): Erzählung von dem musikliebenden und gei­gen­bau­en­den Eigenbrödler Krespel, der mit seiner hübschen, jungen Tochter Antonie zusammen lebt, der er das Singen verbietet. Er nimmt zudem alte Geigen auseinander, um durch die Analyse ihrer Bauformen die Geheimnisse ihres Klangs auszuforschen. Der Erzähler macht nähere Bekanntschaft mit dem Rat und will Antonie zum Singen verführen, um wenigstens einmal ihre in der Stadt legendäre Stimme zu hören. Der Rat weiß das aber zu verhindern und wirft ihn aus dem Haus. Nach drei Jahren kehrt der Erzähler in die Stadt zurück, gerade als Antonie beerdigt wird. Vom trauernden und zugleich ob seiner gewonnenen Befreiung jubilierenden Rat erfährt der Erzähler nun die wahre Geschichte Antoniens, die der Rat mit einer italienischen Sängerin gezeugt, das Mädchen aber erst bei sich aufgenommen habe, als die Mutter auf einer Tournee durch Deutschland verstorben sei. Antonie sei als lungenkrank diagnostiziert worden und zu singen sei tödlich für sie gewesen, weshalb der Rat ihr nur einmal, bei der Ankunft in der Stadt, erlaubt habe zu singen. Nun aber sei er frei und brauche keinen Geigen mehr zu bauen.
    • Die Fermate (Th): Ausgehend von der Betrachtung eines Bildes erzählt Theodor vom Beginn seiner musikalischen Ausbildung. Er sei in einer Kleinstadt aufgewachsen, die ihm nur sehr eingeschränkt Gelegenheit zur musikalischen Erziehung geboten habe. Dann aber seien zwei italienische Sängerinnen in die Stadt gekommen, mit denen er auf und davon ist. Zuerst in die eine, dann in die andere verliebt, erfährt er bald, dass beide ihn nur zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen suchen, und verlässt sie. Das Bild aber zeige den Augenblick ihrer Wiederbegegnung in Italien viele Jahre später.
    • Der Dichter und der Komponist (Th): Dialog in der Manier der Seltsamen Leiden eines Theater-Direktors über die Oper, genauer  die romantische Oper. Reflektiert werden hier wohl die Erfahrungen und Gedanken, die Hoffmann während der Zusammenarbeit mit Fouqué bei der Arbeit an der Oper Undine gemacht hat.
  • Zweiter Abschnitt
    • Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde (Ot): Drei Freunde, Alexander, Marzell und Severin, treffen sich nach langer Zeit wieder in Berlin: Alexander, um eine Erbschaft anzutreten, Marzell und Severin kommen gerade aus dem Krieg zurück. Die Freunde treffen sich im Tiergarten zum Kaffee und erzählen einander Geistergeschichten, angeregt durch Alexanders nächtliche Geistererscheinung seiner toten Tante, die spukt, um ihre Magentropfen einzunehmen! Marzell berichtet von seiner Begegnung mit einem Verrückten, der in seiner Pension im Zimmer gegenüber wohnt und nachts an seinem Bette gestanden habe. (Marzell wird später mit diesem Verrückten verwechselt werden, was zur irrtümlichen Annahme führt, er sei ins Irrenhaus überführt worden.) Severin kommt nicht zu seiner Geistergeschichte, da sich die drei jungen Männer zugleich in ein junges Mädchen verlieben, das mit seinen Eltern ebenfalls die Gaststätte aufsucht. Die Beschäftigung mit ihrer Verliebtheit treibt die drei Freunde auseinander, und erst zwei Jahre später sehen sie sich wieder: Jeder erzählt nun die Geschichte seiner Vernarrtheit und wie sie scheiterte, bis abschließend Alexander enthüllt, dass er das fragliche Mädchen nicht verfolgt, sondern durch Zufall als Nachbarin seiner verstorbenen Tante wieder getroffen und später geheiratet habe. Thema dieser kunstvoll gebauten Erzählung ist einmal mehr die Überschreibung der Wirklichkeit durch die Einbildungskraft, wodurch die Liebes- und Geistergeschichten motivisch miteinander verknüpft werden.
    • Der Artushof (Cy): Erzählung von dem  jungen Danziger Kaufmann Traugott, der eine Berufung zum Maler in sich spürt. Er gibt seine bürgerliche Karriere immer mehr auf, verliebt sich in die Tochter seines alten, verrückten Meisters, die dieser als Knaben getarnt hat, was Traugott aber erst begreift, nachdem Vater und Tochter angeblich nach Sorrent entflohen sind. Traugott reist nach Italien, vollendet dort seine Ausbildung zum Künstler, verliebt sich erneut, sucht aber doch noch in Sorrent nach der Geliebten, nur um bei seiner Rückkehr nach Danzig zu erfahren, dass Sorrent der Spitzname eines Hauses in einem Vorort von Danzig ist. Seine Geliebte Felicitas ist inzwischen eine verheiratete Frau Kriminalrat mit mehreren Kindern, und Traugott kehrt nach Rom zu seiner weltlichen Geliebten Dorina zurück, die er nun heiraten wird.
    • Die Bergwerke zu Falun (Th): Elis Fröbom, ein Seemann im Dienst der Ostindischen Gesellschaft und gerade nach Göteborg zurückgekehrt, wird durch die Nachricht vom Tod seiner Mutter so erschüttert, dass er dem oberflächlichen Leben eines Seemanns entsagt und ein Leben in der Tiefe sucht, indem er Bergmann zu Falun wird. Dort verliebt er sich in Ulla, die Tochter seines Chefs. Der Rest der Erzählung entspricht im Groben und Ganzen der Bearbeitung von Hebel (1809): Elis fährt am Morgen seines Hochzeitstages noch einmal ein, wird durch einen Bergsturz verschüttet und seine Leiche erst 50 Jahre später fast unversehrt geborgen. Erkannt wird er von seiner Braut, die 50 Jahre lang an jedem Hochzeitstag zur Grube von Falun zurückgekehrt ist und hier ihren Geliebten noch einmal so zu sehen bekommt, wie sie ihn erinnert.
    • Nußknacker und Mausekönig (Lo): Ein hoch literarisches und fein gebautes Weihnachtsmärchen um die Erlebnisse der jungen Marie, die zusammen mit ihren Geschwistern von ihrem Patenonkel am Heiligen Abend einen Nussknacker geschenkt bekommt, der aber bereits an diesem ersten Abend aus dem Leim geht. Hoffmann hängt an diesen Erzählanlass einen Reigen von ineinandergreifenden Träumen und erzählten Märchen an, in denen der Nussknacker als Held einer merkwürdigen Geschichte von der Heilung der Prinzessin Pirlipat vom Fluch der Frau Mauserinks und ihres Sohns, des Mausekönigs agiert. Das ganze ist überaus fein konstruiert, und das Hauptgewicht der Erzählung liegt ganz in der Entwicklung der fantastischen Fabel selbst; nur am Rande kommt wieder das Thema der bürgerlichen Welt vor, die sich dem Reich des Phantastischen verweigert, so dass die Protagonistin Marie sich am Ende gezwungen sieht, über ihre Erlebnisse  den Erwachsenen und sogar ihrem Bruder gegenüber zu schweigen.

Auch in dieser Sammlung finden sich zwei Schaustücke Hoffmannschen Erzählens, die der Autor bewusst ans Ende des Bandes platziert: Die Interpretationen zu den Bergwerken zu Falunsowohl in dieser Fassung als auch in der kurzen Paraphrase des Schubertschen Originals bei Hebel dürften inzwischen jeden vernünftigen Rahmen gesprengt haben; und Nußknacker und Mausekönig ist immer noch eine der beliebtesten Erzählungen Hoffmanns, ganz unabhängig von der im Anschluss an das Märchen diskutierten Frage, ob es sich um einen für Kinder geeigneten Text handele oder nicht. Für die Bergwerke spricht ohne Frage die bruchlose Mischung von (Elementar-)Geister-Erzählung und realistischem Rahmen, der seine vorgebliche Authentizität direkt aus Schuberts Bericht und den 1819 bereits vorliegenden Bearbeitungen (Adam Müller/Kleist; Hebel) bezieht. Ähnlich wie im Falle des Sandmanns überbaut Hoffmann das an sich schon merkwürdige Geschehen mit weiteren Ebenen, die es ins Bedeutend-Allgemeine heben: Der Gegensatz von Oberfläche (Seefahrt) und Tiefe (Bergbau), der Tod der Mutter, der den Protagonisten sozusagen in die Tiefe treibt, der Geist des alten Torbern, der Elis anwirbt und magisch an die Grube bindet, und nicht zuletzt die Liebe Elis’ zu Ulla und zugleich zur elementargeistigen Bergkönigin bieten unzähligen Variationen und Kombinationen von Deutungen Nahrung. Auch dies ist einer der Fälle des von Tucholsky markierten Zusammenhangs zwischen Literatur und Suppekochen.

Wird fortgesetzt …

E. T. A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. In: Sämtliche Werke 4. Hg. v. Wulf Segebrecht. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 2001. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1679 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.


* – Titel in eckigen Klammern tauchen nicht im Original auf; die Kürzel in Klammern hinter den Titeln zeigen an, welcher der Serapionsbrüder die Erzählung vorträgt.

Allen Lesern ins Stammbuch (103)

Der Goetheaufsatz war schwer! Uff! Darlegen u. auseinanderfalten ist ja nicht meine Stärke, der ich mehr für Ausdruck u. Stoffvernichtung bin. 20 werden ihn zu Ende lesen, davon 10 sagen: dilettantisch, weil ich kein Privatdozent bin, 8: langweilig, weil es keine Verse sind. Die restlichen 2 sagen: ganz nett, aber ich hätte es besser gekonnt.

Gottfried Benn
an Ewald Wasmuth, 17.12.1931

 

William Shakespeare: König Heinrich VIII.

König Heinrich VIII. gehört zu den derzeit unbeliebteren Stücken Shakespeares, während es noch Anfang des 20. Jahrhunderts mit großem Pomp und Erfolg inszeniert worden ist. Im Kern behandelt es eine vergleichsweise kurze Phase im Leben Heinrichs VIII. zwischen seiner ersten Bekanntschaft mit Anne Boleyn und der Taufe ihrer gemeinsamen Tochter Elizabeth. Das Stück endet mit einer Apotheose der jungen Elizabeth, wahr­schein­lich zu dem Zweck, um damit zugleich Elizabeth Stuart zu feiern, die 1613, im Jahr der Erstaufführung, Friedrich V. von der Pfalz, den späteren böhmischen Winterkönig geheiratet hat.

Das Stück weist eher wenig Dramatik auf, insbesondere was seine Titelfigur angeht: Heinrich VIII. erscheint fast als eine Figur des Hintergrundes, während sich im Vordergrund eine Reihe politischer Tragödien abspielt: Der Herzog von Buckingham fällt einer Intrige des Kardinals Wolsey zum Opfer, der damit einen seiner politischen Gegner beseitigt. Königin Katharina durchleidet die Scheidung von ihrem untreuen Ehemann; der Kardinal wird anschließend selbst Opfer einer Intrige oder eigenen Ungeschicks, und sein Nachfolger Thomas Cramner entgeht nur knapp der nächsten Intrige, weil der König ihn als seinen treuen Freund anerkennt und schützt. Es folgen Geburt und Taufe der späteren Königin Elizabeth, und bei der Taufe eben jene Feier der goldenen Zukunft, die Elizabeth dem englischen Volk bereiten werde.

Wenn man unbedingt einen kritischen Gehalt des Stückes suchen will, so findet man ihn in der durchgehenden Thematisierung des Problems der Wahrheit in der politischen Welt. Wahr ist, was so erscheint, und oft muss eben dieser Schein genügen. Darauf weist auch schon platterdings der Titel hin, unter dem das Stück erstmals gespielt wurde: Alles ist wahr. Übersetzer Frank Günther weist darauf hin, dass dieser Titel selbst zweideutig ist, denn er könne neben dem Anpreisen der historischen Verlässlichkeit des Stückes auch bedeuten, dass eben alles und jedes als wahr erscheinen kann, wenn es nur richtig in Szene gesetzt wird. In diesem Sinne wäre dann auch die das Stück beschließende Apotheose Elizabeths cum grano salis zu lesen.

Das Stück ist in seiner Anlage insgesamt eher opernhaft und muss mit großem Pomp inszeniert werden, um seine Wirkung zu entfalten. Es enthält zahlreiche dafür geeignete Szenen, die in den Regieanweisungen mit außergewöhnlicher Aus­führ­lich­keit geschildert werden. Offensichtlich passt ein solch eher oberflächliches Spektakel nicht gut in das rezente Bild von Shakespeare als Dramatiker. Hinzukommt, dass es eines jener Stücke ist, bei dem man seit der Mitte des 19. Jahrhunderts annimmt, dass Sha­kes­pea­re nur als Co-Autor tätig gewesen ist (so weit wir wissen, damals wie heute eher der Normalfall); der andere Autor soll John Fletcher ge­we­sen sein, der Shakespeare als festen Autor der King’s Men abgelöst hat. Hand­fes­te Be­le­ge für Fletchers Beteiligung am Stück gibt es nicht, nur stilistische Hinweise für die Tätigkeit eines zweiten Autors neben Sha­kes­pea­re.

Wer nicht allzu viel vom Stück erwartet, kann hier ein Stück dramatischer Panegyrik genießen, wie sie zu dieser Zeit durchaus üblich war. Solche Festdramen schlossen sich nahtlos an Inszenierungen königlicher Herrschaft wie Feste, Umzüge, Ankunftsfeiern und ähnliches an. Sie waren als Spektakel beim Volk höchst beliebt und lieferten das, was heute Fern­se­hen, das Goldene Blatt, die Frankfurter Allgemeine und vergleichbare Medien leisten. Dass auch Shakespeare, als Star der Unterhaltungsindustrie seiner Zeit, an solchen Inszenierungen beteiligt war, ist kaum ver­wun­der­lich. Klappern, so heißt es, gehört zum Handwerk.

William Shakespeare: König Heinrich VIII. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 32. Cadolzburg: ars vivendi, 2015. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 320 Seiten. 33,– €.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Jonathan Swift ist in Deutschland und wahrscheinlich leider auch in anderen Ländern der Autor eines halben Buches: Die beiden ersten von Gullivers Reisen (zu den Lilliputanern und den Riesen) werden als Kinderbuch gehandelt, während die zweite Hälfte des Buchs den meisten Lesern schlicht unbekannt bleibt. Allein deshalb ist jede literarische und vollständige Ausgabe des Textes zu begrüßen. Nun legt Manesse zum 350. Geburtstag des Autors am 30. November die Neuübersetzung von Christa Schuenke noch einmal in der Manesse Bibliothek auf. Der Text ist erstmals 2006 in einem Schmuckband erschienen, der auch immer noch lieferbar ist.

Gullivers Reisen (Erstausgabe 1727) liefert gleich eine ganze Reihe anspruchsvoller und zum Teil politisch brisanter Satiren, deren Reduktion auf ein Kinderbuch nur als unglücklich bezeichnet werden kann. Sicherlich ist es so, dass die politische Ebene des Textes dem heutigen nur durch einen Kommentar erschlossen werden kann, doch gerade die beiden Reisen der zweiten, unbekannteren Hälfte des Buchs enthalten satirische Schilderungen, die zeitlos sind und seit dem 18. Jahrhunderts nichts von ihrer Schärfe verloren haben. Doch der Reihe nach.

Lemuel Gulliver ist von Beruf Wundarzt (surgeon) und heuert in dieser Funktion auf mehreren Schiffen an; seine letzte Fahrt bestreitet er sogar als Kapitän des entsprechenden Schiffes, da er sich über die Jahre die nötigen seemännischen Kenntnisse erworben hat. Die vier Reisen, die er beschreibt, umfassen die Jahre 1699 bis 1715, also die unmittelbare Vergangenheit des Autors und seiner zeitgenössischen Leser. Reise- und Abenteuerliteratur stand damals hoch im Kurs (1697 ff.: William Dampier, 1712: Alexander Selkirk, 1719: Daniel Defoe), so dass Swift allein von daher ein hohes Interesse für ein weiteres Reisebuch erwarten durfte. Dass es sich bei Gullivers Reisen nicht um ein alltägliches Reisebuch handeln sollte, stellt bereits die erste Reise klar.

Zuerst erreicht Gulliver nach einem Schiffbruch die Insel Lilliput und findet sich, als er aus seiner Erschöpfung erwacht, von einem Volk winziger Menschlein an den Boden gefesselt. Er erwirbt jedoch bald das Vertrauen der Liliputaner und lebt in der Hauptstadt in der Nähe des Hofes. Der Hof selbst kann als eine konkrete politische Satiren auf den englischen Hof im Allgemeinen und auf den Georges I. im Besonderen gelesen werden, es ergibt sich aber auch das Vexierbild der menschlichen Gesellschaft als Ameisenstaat, betrachtet von der Höhe eines Riesen, dem die Intrigen und Machenschaften der Menschlein nur wenig anhaben können. Ganz logisch ist es, diesen Einfall in der zweiten Reise nach Bobdingnag umzukehren und so den Erzähler in die Rolle des Menschleins zu versetzen. Hier erscheint Gulliver denn auch mehr als Spielzeug von Plänen und Zufällen, die über ihn walten und ihn mit Leichtigkeit vernichten können. Die Satire wird hier fortgesetzt, in dem Gulliver dem König von Brobdingnag die englischen staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse schildert, die dann aus Sicht eines vernünftigen Herrschers kommentiert und kritisiert werden.

Die dritte Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan liefert in der Hauptsache  eine Gelehrten- und Wissenschaftssatire, während Gullivers letzte Reise zu den Houyhnhnms einen utopischen Gegenentwurf zur zeitgenössischen Gesellschaft enthält, in dem die Pferde als Wesen von wahrer und vollkommener Menschlichkeit geschildert werden, mit denen verglichen die Menschen (Yahoos) nur als wilde Tiere erscheinen.

Im Gegensatz zu den zahlreichen anderen Texten Swifts ist Gullivers Reisen vergleichsweise häufig ins Deutsche übersetzt worden. Ich selbst besitze die älteren, im Großen und Ganzen verlässlichen Übersetzungen von Greve (1910) und Kottenkamp (1918), kenne aber die neueren Übersetzungen etwa von Mummendey (1952?) oder Real und Vienken (1987) nicht. Von daher hatte ich mich auf die Neuübersetzung durch Christa Schuenke durchaus gefreut. Schuenke ist eine der hochgelobten und preisgekrönten deutschen Übersetzerinnen; es war also eine solide und ansprechende Übersetzung zu erwarten. Es ließ sich auch ganz gut an: Schuenke übersetzt Swift zwar etwas in die Breite, aber ihr künstlicher Ton des 18. Jahrhunderts ist durchaus nett und gut getroffen, ohne den Leser zu sehr zu belasten.

Gestutzt habe ich dann aber zum ersten Mal auf Seite 197. Swift hat die in seiner Zeit durchaus geläufige Gepflogenheit, jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung seines Inhalts zu beginnen. So auch beim 3. Kapitel der zweiten Reise:

Der Verfasser wird vor Gericht gestellt.
Die Königin kauft ihn von seinem Herrn, dem Bauern,
los und zeigt ihn ihrem König. Er disputiert mit den großen
Gelehrten Seiner Majestät. Dem Verfasser wird ein Gemach
bei Hofe hergerichtet. Er steht bei der Königin in höchster
Gunst. Er tritt für die Ehre seines Heimatlandes ein.
Sein Zwist mit dem Zwerg des Königs.

Das Problem ist nun, dass im nachfolgenden Kapitel von einem Gericht gar keine Rede ist; ein Blick ins Original klärt die Frage: ‘The author sent for to court.’ bedeutet schlicht: „Der Verfasser wird an den Hof gerufen.“ Das stimmt dann auch mit dem Inhalt des Kapitels überein. So etwas kann immer mal passieren, dass eine automatisch übersetzte Phrase stehen bleibt und nicht korrigiert wird. (Diese empathische Deutung hat sich nicht bewährt, da Frau Schuenke auf S. 425 darauf besteht, dieselbe Phrase auf dieselbe Weise falsch zu übersetzen!) Als ich dann aber auf die nächste Formulierung stieß, die im Deutschen nur wenig Sinn hatte, habe ich mir für gut 20 Seiten den Text von Frau Schuenke einmal genauer angeschaut:

SeiteSwiftSchuenkeDeutsch
318and would permit no man to search me.und keinem Menschen zu erlauben, dass er nach mir suche.und wollte niemandem erlauben, mich zu durchsuchen.
320for I had about me my flint, steel, match, and burning-glass.(Denn meinen Feuerstein und meinen Wetzstahl, mein Zündholz und mein Brennglas hatte ich bei mir.)denn ich hatte Feuerstein, Wetzstahl, Lunte und Brennglas bei mir.
desolategottverlassenwüst
321and could plainly discover numbers of peopleund sah deutlich ein Gewimmel von unzähligen Menschenund entdeckte deutlich zahlreiche Menschen
I was not able to distinguishkonnte ich nicht erkennenkonnte ich nicht unterscheiden
323that these were sent for orders to some person in authority upon this occasiondass diese Leute Abgesandte waren, die irgendeinem hochgestellten Herrn den Vorfall melden solltendass sie zu einer Person, die in diesem Fall zuständig war, um Befehle geschickt worden waren
323 f.not unlike in sound to the Italiandas mich ein wenig an das Italienische gemahntedas so ähnlich wie Italienisch klang.
325At my alightingSobald ich von dem Sitze abgestiegenBei meiner Landung
331obsoletedie nicht mehr in Gebrauch istobsolet
by corruptiondurch die Erweichung der Konsonantendurch Verderb
333eleven o’clockelf Glasen*elf Uhr
capital cityMetropoleHauptstadt
334certainmehrerenbestimmten
which mounted up directly,die alsdann auf geradem Wege hochgezogen wurdendie direkt nach oben stiegen
the beauty of a woman, or any other animal,die Schönheit einer Fraudie Schönheit einer Frau oder eines anderen Tiers
335They are very bad reasonersIm Spekulieren sind sie gar nicht gutSie sind sehr schlecht im Argumentieren
337severalgewissemehrere
338in its absence from the sunin seinem Aphel**bei seinem sich entfernen von der Sonne
339because they want the same endowments.weil sie nicht über die gleichen Geistesgaben verfügenweil sie sich die gleichen Gaben wünschen***
341and that they are much more uniform, than can be easily imaginedund auch viel weniger verschieden sind, als man es sich vielleicht so mir nichts, dir nichts vorstelltund dass sie viel einheitlicher sind, als man sich gemeinhin vorstellt
362metropolisHauptstadtMetropole
* Es gibt in jeder Wache nur acht Glasen!
** Das Wort Aphel rutscht hier in die Übersetzung, weil Frau Schuenke das kurz zuvor im Text stehende Wort Perihel nachgeschaut und die Erklärung beider Begriffe nicht verstanden hat.
*** Frau Schuenke verdirbt hier, wie andere Übersetzer vor ihr, eine sexuelle Pointe, weil sie das Original nicht versteht.
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier besprochene Ausgabe.

Ich kann aufgrund weiterer Stichproben im übrigen Text versichern, dass Schuenkes Übersetzung durch die oben aufgeführten Beispiele musterhaft charakterisiert ist. Fontane hat es den Kritikern für alle Zeit ins Stammbuch geschrieben: „Schlecht ist schlecht und es muß gesagt werden.“ Von einer Lektüre oder gar dem Erwerb des Buches kann leider nur abgeraten werden.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Aus dem Englischen von Christa Schuenke.  München: Manesse, 2017. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 704 Seiten. 28,– €.

Robert Louis Stevenson: Der Strand von Falesá

Ich fand, Falesá war scheint’s wirklich genau der rechte Ort, und je mehr ich trank, desto leichter wurd mir das Herz.

Diese Erzählung, die 1892 zuerst als Serie in The Illustrated London News erschien und ein Jahr später zusammen mit dem in Deutschland weit bekannteren Der Flaschenkobold und Die Insel der Stimmen auch als Buch erschien, ist wahrscheinlich die realistischste Südsee-Erzählung Stevensons überhaupt: Sie spielt um 1870 auf der fiktiven Südsee-Insel Falesá – vielleicht auch nur an dem fiktiven Ort Falesá auf Samoa – und wird erzählt von dem wenig er­folg­rei­chen britischen Händler John Wiltshire, der dort den verlassenen Posten einer Handelsgesellschaft übernimmt. Empfangen wird er von dem bereits anwesenden Händler Case, der für eine Weile sein einziger An­sprech­part­ner ist, da Case Englisch, Wiltshire aber nicht die lokale Sprache der Eingeborenen spricht.

Das erste, was Case für Wiltshire noch am Tag seiner Ankunft organisiert, ist eine Schein-Hochzeit mit der lokalen Schönheit Uma. Gleich am nächsten Tag bemerkt der Erzähler aber, dass irgend etwas nicht ganz in Ordnung zu sein scheint, denn nahezu den ganzen Tag über wird sein Haus von Schaulustigen umlagert, ohne dass klar würde, warum. Allerdings stellt der Erzähler bald fest, dass das nicht die einzige Schwierigkeit darstellt: Obwohl er mit attraktiven, frischen Waren angekommen ist, besucht niemand seinen Laden. Case zieht vorgeblich Erkundigungen ein, kann aber auch nichts bestimmtes sagen; schließlich führt ein Treffen mit fünf lokalen Häuptlingen zu der Einsicht, dass Uma, selbst eine Fremde auf der Insel, das Problem darstellt: Sie wird von den Inselbewohnern gemieden, seit einer der Häuptlinge bei ihr nicht so zum Zuge gekommen ist, wie er sich das wohl vorgestellt hatte.

Nun wäre es für Wiltshire leicht, Uma einfach aus dem Haus zu werfen, da ihr Trauschein nur ein wertloser Zettel ist. Leider hat sich Wiltshire aber in Uma verliebt, so dass er trotzig versucht, die Situation auf anderem Weg zu bereinigen. Auch ihm wird klar, dass Case, der selbst einmal um Uma geworben hat, ihn absichtlich in diese Lage manövriert hat, um ihn als Konkurrenten rasch und einfach wieder loszuwerden. Bestätigt wird Case als der Bösewicht durch einen von Zeit zu Zeit die Insel besuchenden Missionar, der dann auch zwischen Uma und Wiltshire eine ordentliche Ehe stiftet.

Case hat den lokalen Kopra-Handel monopolisiert und nutzt den Geisterglauben der Eingeborenen aus, um seine Machtposition auf der Insel zu sichern. Dafür hat er einen Teil der Insel zu einer Art Geister- oder Teufels-Refugium ausgebaut, das die Eingeborenen nur unter seiner Begleitung zu betreten wagen. Wiltshire erkundet diesen Teil der Insel und findet auch Wiltshires Teufels-Tempel, den er zu sprengen beschließt. Die nächtliche Expedition zum Tempel, die Sprengung und der anschließende Kampf mit Case bilden den abenteuerlichen Abschluss der Erzählung.

Der Strand von Falesá ist konsequent aus der Sicht eines Briten der Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben: voller Vorurteile, Rassismen und religiöser Gegensätze. Wiltshire hält die Eingeborenen für Untermenschen und der auf Falesá lebende Schwarze ist auch nur insoweit ein Mitglied der Oberschicht, als er gesellschaftlich noch über den Ureinwohnern steht. Natürlich ist es die Aufgabe der Briten, den Inselbewohnern Religion und Zivilisation zu bringen, die Ausbreitung des Katholizismus zu vermeiden und sie möglichst effizient auszubeuten. Sie haben die Kopra herzustellen und bei den Händlern gegen europäische Waren einzutauchen; den doppelten Gewinn streicht selbstverständlich der Brite ein, so wie es von Gott eingerichtet und gewollt ist. Nur aufgrund eines Eides, den ihm der Missionar abnimmt, ist Wiltshire gezwungen, die Inselbewohner nicht geschäftlich zu übervorteilen, weshalb er auch froh ist, die Insel bald wieder verlassen zu haben, um die ihm zustehenden gewöhnlichen Margen zu kassieren. Aber auch die Ureinwohner sind keine frommen Wilden, sondern pflegen ihre eigenen, sehr klaren Vorstellungen davon, was von Weißen zu halten ist und wie man mit ihnen umzugehen hat.

Stevenson vermeidet in dieser Erzählung, auch nur einen einzigen Mythos der Südsee zu bestätigen. Weder seine Weißen noch seine Insulaner sind gute Menschen, wie sie ein zeitgenössischer Leser in einer ordentlichen Erzählung erwarten durfte. Einziger Lichtblick ist die Treue Wiltshires Uma gegenüber, aber selbst als Ich-Erzähler, der jede Gelegenheit hat, sich in ein gutes Licht zu rücken, kann Wiltshire letztendlich nur als Mörder und Ausbeuter angesehen werden, als Schein-Christ, der seinen Unterhalt aus der Übervorteilung der Inselbewohner bezieht. Auch in der Südsee war die Welt nicht mehr in Ordnung, wenn sie es denn je gewesen sein sollte.

Friedhelm Rathjen liefert mit dieser Übersetzung in bewährter Manier im eigenen Verlag die Ergänzung zu den beiden oben genannten Erzählungen des Sammelbandes Island Nights’ Entertainment. Wer Rathjen als Übersetzer kennt und schätzt, weiß, was ihn erwartet; wer ihn nicht kennt, hat hier die Gelegenheit ihn mit einem der besten Texte Stevensons kennenzulernen!

Robert Louis Stevenson: Der Strand von Falesá. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Edition ReJoyce, 2017. Auf 99 Exemplare limitierte, nummerierte und vom Übersetzer signierte Auflage. Bedruckter Pappband, 112 Seiten. 25,– €. Bestellung direkt an: rejoyce@gmx.de

E. T. A. Hoffmann: Prinzessin Brambilla

So ist wohl Faust »klassisch« aber Wilhelm Meisters Wanderjahre eine freche Formschlamperei mit durchschnittlichem Inhalt; und die »Prinzessin Brambilla« ist ein Kunstwerk, und »Hanswursts Hochzeit« und dergleichen, säuische Lappalien, nicht wert der Druckerschwärze.

Arno Schmidt

Nur ein Jahr nach Klein Zaches genannt Zinnober lieferte Hoffmann dem Publikum sein nächstes längeres Märchen: Prinzessin Brambilla. Angeregt wurde der Text oder genauer seine Figuren und ihre Verkleidungen durch eine Reihe von Graphiken Jacques Callots, die Hoffmann im Januar 1820 zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Hoffmann hat 8 der 24 Blätter des Albums Balli di Sfessania ausgewählt, sie in Kupfer stechen und dem Märchen beibinden lassen. Dessen Handlung spielt während des Römischen  Karnevals, und im Mittelpunkt steht der Schauspieler Giglio Fava, der sich in die Märchenlandprinzessin Brambilla verliebt und sich wieder geliebt glaubt. Vor diesem Abenteuer war er dem Anscheine nach mit der Putzmacherin Giacinta Soardi beinahe fast schon verlobt, der nun wiederum von dem Prinzen Cornelio Chiapperi der Hof gemacht wird.

Die Prinzessin und der Prinz sind auf etwas undurchsichtige Weise mit den Schicksalen des Zauberreiches Urdargarten verbunden, das leider seinen Herrscher König Ophioch verloren hat, bevor die Thronfolge ausreichend geregelt war. Nun ist die einzige Hoffnung für das Land das Wirken des Zauberers Magus Hermod, der selbstredend auch unter dem Namen Ruffiamonte weitgehend unbekannt ist. Giglio durchläuft in lockerer Folge zahlreiche Abenteuer, versucht seine alte Geliebte aus dem Gefängnis zu befreien, in dem sie gar nicht sitzt, verliert leider seine Anstellung am Theater, erhält aber auf zauberische Weise einen Beutel Dukaten, der sich nie zu leeren scheint, wird vom Tragödiendichter Chiari mit seinem neuen Stück bekannt gemacht, in dem er die Titelrolle des Moro bianco über­neh­men soll, tanzt mit einer geheimnisvoll Maskierten, in der er die Prinzessin vermutet, trägt ein Duell aus, in dem er sich selbst niedersticht und dabei zugleich die Identität wechselt und was der Possen mehr sind. Er schlüpft dabei von Kostüm zu Kostüm und so in die diversen Masken, die Hoffmann in den Blättern Callots gefunden hatte. Auch hier heißt es sicherlich nicht zuviel verraten, wenn man sagt, dass am Ende des Karnevals alles gut endet, sowohl für die beiden Verliebten in Rom als auch für Prinz und Prinzessin in Urdargarten, wobei gar nicht so klar ist, ob es denn wirklich vier Personen waren, die sich da umeinander gedreht haben.

Den meisten Zeitgenossen war das Märchen zu locker gearbeitet und Hoffmann musste neben Lob seiner reichen Phantasie auch einige herbe Kritik einstecken. Erst im vergangenen Jahrhundert ist die Prinzessin Brambilla aufgrund ihrer motivischen Dichte, der zahlreichen Spiegelungen und Wechselbilder, der Wiederaufnahme des Theaterthemas und all der weiteren feinen Vorzüge so geschätzt worden, wie sie es verdient hat. In der leider nur allzu kurzen Entwicklung des Erzählers Hoffmann bildet dies hübsche Märchen eine wichtige Zwischenstufe hin zum leichten und nur scheinbar anspruchslosen Stil seiner letzten Erzählungen.

E. T. A. Hoffmann: Prinzessin Brambilla. Ein Capriccio nach Jakob Callot. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

Allen Lesern ins Stammbuch (102)

Viele sogenannte berühmte Schriftsteller, in Deutschland wenigstens, sind sehr wenig bedeutende Menschen in Gesellschaft. Es sind bloß ihre Bücher, die Achtung verdienen, nicht sie selbst. Denn sie sind meistens sehr wenig wirklich. Sie müssen sich immer erst durch Nachschlagen zu etwas machen, und dann ist es immer wieder das Papier, das sie geschrieben haben. Sie sind elende Ratgeber und seichte Lehrer dem, der sie befragt.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (K 192)

Shortlists (3) – nicht zu Ende gelesen!

Blogger-Kollege Jürgen Fenn hat auf seiner Schneeschmelze auf eine Umfrage des französischen Radiosenders France Culture hingewiesen, der seine Hörer nach nicht zu Ende gelesenen Romanen gefragt hat. Fenn weicht – kluger Weise? – jeder Diskussion der Ergebnisse aus und listet einfach nur die Top-10 auf:

  1. Ulysses von James Joyce
  2. Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell
  3. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust
  4. Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien
  5. Die Schöne des Herrn von Albert Cohen
  6. Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil
  7. Rot und Schwarz von Stendhal
  8. Madame Bovary von Gustave Flaubert
  9. Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Marquez
  10. Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline

Wie bei vielen Fällen statistischer Daten ist die Deutung schwierig: Zwar haben auf die Umfrage immerhin 3.000 Hörer geantwortet, aber sie dürften dennoch kaum eine repräsentative Stichprobe bilden, denn zum einen handelt es sich um Franzosen – wofür sie selbstredend nichts können – und zum anderen sind sie Hörer eines Kultursenders. Jenes führt dazu, dass sechs von zehn Titeln von französischen Autoren stammen, dieses, dass alle Titel zumindest in dem Verdacht stehen müssen, zur Hochkultur zu gehören.

Aber vielleicht liegt die Vorhersehbarkeit der Antworten auch in der Frage begründet: Während kaum jemand auf Fragen wie „Am Fuß welcher 8.000er haben Sie bereits gestanden, ohne sie bestiegen zu haben?“ oder „In welchen Ozeanen haben Sie schon gebadet, ohne sie durchschwommen zu haben?“ antworten würde, machen Kulturmenschen bei der Frage nach abgebrochenen Lektüren sofort Männchen und geben hächelnd genau jene Antworten von sich, die von ihnen erwartet werden; und je anonymer die Befragten, desto stereotyper die Antworten.

Natürlich führt der Joycesche Ulysses das Feld in jeder dieser Umfragen an. Der durchaus begründete Ruf der Bedeutung dieses Romans steht in direkt reziproker Proportionalität zum Glauben des kultivierten Lesers, er müsse ihn einerseits gelesen haben, er – der Roman, nicht der Leser – werde aber andererseits zu Recht für unlesbar gehalten; es versteht sich von selbst, dass beides falsch ist. Nicht der Ulysses ist unlesbar, sondern die meisten seiner Leser begegnen ihm mit zumeist unbewussten Konzepten, wie ein Roman zu funktionieren habe, denen das Buch aber in nur ver­schwin­den­den Anteilen entspricht. Anders gesagt: Die Leser des Ulysses scheitern in der Regel an ihren anderwärts sich bewährenden Vorurteilen, nicht am Buch.

Ganz anders dagegen ein Fall wie Der Mann ohne Eigenschaften: Hier scheitert das Zuendelesen bereits an der Tatsache, dass der Roman gar nicht zu Ende geschrieben worden ist, dass also auch die umfangreichste und gründlichste Lektüre immer den Fall liefert, dass man das Buch nicht zu Ende gelesen hat; was aber naturgemäß die wenigsten der Befragten wissen dürften, da sie lange vor diesem nicht existenten Ende aufgegeben haben. Das wiederum liegt daran, dass Musil für einen impliziten Leser schreibt, der deutlich intelligenter und aufmerksamer ist als der reale. Das meiste, was Musil schreibt, entkommt seinen Lesern also direkt über den Kopf hinweg ins Nichts.

Ganz anders wiederum ein Fall wie Der Herr der Ringe, ein Buch, das, wenn man ehrlich ist, nicht nur von gähnender Langweiligkeit ist, sondern auch seine wichtigste Pointe bereits im Titel des dritten Bandes ausschwatzt: Die Rückkehr des Königs. Ganz abgesehen davon, dass man inzwischen bequem die Verfilmung anschauen kann.

Ganz anders wiederum ein Fall wie Madame Bovary, bei dem es sich nur mit massivster Humorlosigkeit oder Gehirnamputation erklären lässt, wenn einer das Buch nicht zu Ende liest. Man sieht leicht, wohin das führt.

Aber – und deshalb schreibe ich das alles hier– am andersten ein Fall wie Die Schöne des Herrn, zumindest für einen deutschen Leser – für mich: Mir war die Existenz des Buches bis zu dieser Umfrage komplett entgangen, was sich am einfachsten daraus erklärt, dass Elke Heidenreich es empfohlen hat. Etwas verwundert darüber, dass ich dieses eine Buch der Liste so gar nicht einordnen konnte, habe ich mir beim deutschen Verlag eine Leseprobe der Übersetzung her­un­ter­ge­la­den und durfte gleich auf der zweiten Seite  folgendes lesen:

Um den knirschenden Kies zu vermeiden, wagte er einen Sprung in die mit Muschelwerk eingefassten Hortensienbeete.

Was für ein Mann! Nicht nur läuft er seit Textbeginn mit nacktem Oberkörper durch den Roman, er wagt es auch, in mehrere Hortesienbeete zugleich zu springen! Mir läuft es eiskalt den Nasenrücken herunter. Aber gleich geht es weiter: Völlig unvorbereitet und unvorhersehbar hat unser Held etwas in der Hand:

Er lächelte ohne Grund und ging auf und ab, von Zeit zu Zeit seine automatische Pistole in der Hand wiegend.

Ja, seinen Ballermann hat er wohl aus der Hose gefischt, weil der Autor nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte. Und auch die Übersetzung hat es in sich:

In dem Salon, dessen Wände mit rotem Samt ausgeschlagen und mit vergoldetem Holz getäfelt waren, …

Nun kann zwar ein Salon mit Samt ausgeschlagen sein, aber seine Wände können es nicht. Um etwas mit etwas anderem ausschlagen zu können, bedarf das erste Etwas so etwas wie eines Innenraums, was Wände schlechthin nicht haben. Aber es wird noch besser:

Stieß sie sich an irgendeiner Unzulänglichkeit, wie eine brüchige Rampe, ein aus den Fugen geratenes Eisengitter, ein versiegter öffentlicher Brunnen, …

Verzweifelnd nach vorn blätternd, entdecke ich, dass das Buch nicht nur einen Übersetzer, sondern auch noch einen grundlegenden Überarbeiter der Übersetzung hat. Nur damit man es recht versteht: Ein französischer Roman aus dem Jahr 1968 wurde nicht nur 1983 ins Deutsche übersetzt, sondern die Übersetzung war offenbar derart, dass 2012 eine grundlegende Überarbeitung erschien. Dabei ist das Buch zweimal durchs Lektorat gegangen, und dann steht ein Satz wie der oben zitierte auf der achten Textseite. Das ist kein Deutsch! Auch wenn auf der Straße und in der Tagesschau so gesprochen wird, ist das kein Deutsch. Wer mag, kann den Grund gern unter „Kongruenz im Kasus“ nachschlagen. Was auch immer im Original steht, es kann nicht auch nur halbwegs so schrecklich sein wie das, was im Deutschen daraus geworden ist.

Und auch wenn ich kaum angefangen habe, werde ich dieses Buch nicht zu Ende lesen. Weil es fürchterlich ist; weil der Übersetzer oder der Üb­er­ar­bei­ter kein Deutsch kann; weil solche Bücher unerträglich sind. Von Frau Heidenreich empfohlen: „Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.“ – Jo!

Und wie geht sowas jetzt in eine Umfrage ein?