Bernard Shaw: Pygmalion

Ich habe mich bislang nicht sehr um Shaw gekümmert über das Anekdotische hinaus, das einem nahezu  zwangsläufig über den Weg läuft, wenn man sich intensiver mit Literatur beschäftigt. Nun hat es sich in der Nachfolge der Wilde-Lektüre der letzten Zeit ergeben, dass ich auch zu Shaw gekommen bin. Pygmalion war und ist eines seiner erfolgreichsten Stücke, besonders auch weil es durch die Musical-Adaption My Fair Lady am Leben gehalten wird.

Der Inhalt dürfte weitgehend bekannt sein: Der Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins geht eine Wette ein, aus dem ungebildeten Blumenmädchen Eliza Doolittle durch eine sprachliche Ausbildung innerhalb von sechs Monaten eine gesellschaftsfähige „Herzogin“ zu machen. Das Stück präsentiert zwar eine Zwischenstufe der Ausbildung, die noch etwas grobschlächtig ausfällt, lässt Higgins am Ende aber triumphieren, womit der eigentliche Konflikt des Stücks erst ausgelöst wird. Mit der Vollendung des Experiments verliert Higgins das Interesse an Eliza; die frühe Warnung seiner Mutter, er zerstöre gedankenlos Elizas Zukunft, bewahrheitet sich jetzt. Die falsche Herzogin Eliza kann nicht zurück in ihre gesellschaftliche Klasse (welche das auch immer gewesen sein soll), noch hat sie eine Zukunft in der Oberschicht, der Higgins angehört. Eliza flieht aus Higgins’ Haus zu dessen Mutter, in deren Salon es zum eigentlichen Schaustück des Dramas kommt: einem Streitgespräch zwischen Eliza und Higgins.

In diesem Streitgespräch dreht es sich hauptsächlich um die Frage der Unabhängigkeit Elizas und warum Higgins sich weigert, sich in seine eigene Schöpfung zu verlieben. Higgins besteht darauf, Eliza rücksichtslos behandeln zu dürfen, da er alle seine Mitmenschen rücksichtslos behandele. Durch das Streitgespräch, in dem – je nach Perspektive des Zuschauers – beide oder keiner von beiden Recht behält, wird Eliza allerdings klar, dass sie durch das Erziehungsprogramm, das sie durchlaufen hat, tatsächlich eine neue Art der Unabhängigkeit gewonnen hat, dass sie nun über ihren Lebensweg entscheiden kann. Diese Einsicht in ihre gesellschaftliche Freiheit – die wenigstens das Stück behauptet – ermöglicht es ihr, Higgins auf Augenhöhe zu begegnen und nun nicht mehr vor ihm fliehen zu müssen.

Das Happy End – die Hochzeit Elizas mit irgendeinem der Trottel, die durchs Stück laufen – verweigert Shaw seinem Publikum; allerdings war er dumm genug, ein Nachwort zum Stück zu schreiben, das diesen Vorteil zunichte macht. Dramaturgisch ist das Stück nicht uninteressant, da es den Konflikt, den es in seinem Verlauf aufzulösen gilt, nicht schon zu Anfang des Stückes voraussetzt, sondern erst im Gang der Handlung erzeugt. Handlung liefert sein Grundeinfall allerdings zu wenig, weswegen Shaw ihm mit einer Nebenhandlung (der Karriere von Elizas Vater) aufhelfen muss. Auch die Eingangsszene, die die wichtigen Figuren einführt, ist mit Blick auf den Rest des Stücks weitgehend beliebig. Alles in allem eine ganz nette Komödie, aber alles andere als ein Meisterstück. Über die deutsche Übersetzung deckt man am besten den Mantel des Schweigens.

Bernard Shaw: Pygmalion. Aus dem Englischen von Harald Müller. st 1859. Broschur, 127 Seiten. Berlin: Suhrkamp, 122017. 7,– €.

Nikolaus Heidelbach: Lest doch!

Es ist wieder einmal ein Bilderbuch von Nikolaus Heidelbach erschienen. Diesmal enthält es 26 Bilder von Sofas mit lesenden Tieren darauf (plus eine „Zugabe“), die auf der gegenüberliegenden Seite ein Alphabet mehr oder weniger berühmter Zitate über das Lesen bzw. Bücher begleitet. Nicht alle Zitate lauten ganz und gar so, wie man sie gewöhnlich kennt:

Kafka, Franz

»Ein Buch muss ein Spüllappen
sein für das lauwarme Wasser
in unseren Köpfen.«

Dem Zitat steht natürlich ein Sofa mit einem lesenden Käfer gegenüber.

Allen empfohlen, die den feinen Humor und präzisen Strich Heidelbachs lieben oder lieben sollten.

Nikolaus Heidelbach: Lest doch! Zürich: Gatsby bei Kampa, 2018. Bedruckter Pappband, 56 Seiten. 12.– €.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw

Die inzwischen eingestellte Reihe der Rowohlt-Bildmonographien war in meiner Schul- und Studienzeit die einzige einigermaßen zuverlässige Quelle kurz gefasster biographischer Portraits, die im Umfang zwischen lexikalischen Einträgen und umfangreichen Biographien lagen. Dabei war die Qualität innerhalb der Reihe sehr unterschiedlich: Um rasch an Breite zu gewinnen, ließ der Herausgeber Kurt Kusenberg zum Teil essayistische Texte übersetzen, die kaum dem Anspruch einer Biographie genügten (Edgar Allan Poe; der frühe Band zu Joyce von Jean Paris); zum Teil waren die Autoren mit der Darstellung des Werkes oder Wirkens so beschäftigt, dass sie kaum zur eigentlichen Biographie kamen (Martin Luther); zum Teil waren die Autoren dem Dargestellten gegenüber so feindlich eingestellt, dass man das Büchlein über den Anhang hinaus kaum gebrauchen konnte (Gustave Flaubert). Aber abgesehen von solchen Einbrüchen war die Reihe für einen breit und historisch interessierten Leser völlig unverzichtbar, und es gab eben auch keine Alternative.

Auch die Shaw-Biographie von Hermann Stresau gehört zu den eher problematischen Fällen: Sie wurde 1962 geschrieben und seitdem nur im bibliographischen Anhang überarbeitet. Sie liefert eine Biographie im eigentlichen Sinne nur im ersten Drittel, wobei sie sich hier durch holzschnittartige Darstellung und undifferenzierte Urteile auszeichnet (Vater: Taugenichts; Mutter: nicht hartherzig, aber herzenskühl und lieblos; Shaw selbst: schüchtern bis zur Menschenscheu, aber aktives Vereinsmitglied und bedeutender öffentlicher Redner, immer gerade so, wie es passt). Anschließend geht der Text in eine weitgehend von Metaphern getragene Interpretation der Stücke Shaws über, die großteils für den Orientierung suchenden Leser unbrauchbar ist, weil bei den allermeisten Stücken eine schlichte Inhaltsangabe fehlt. Ohne Kenntnis der Stücke ist die Interpretation Stresaus aber weder nachvollziehbar noch überprüfbar.

Auch dieses, nur noch antiquarisch greifbare Büchlein steht ohne Alternative da; selbst im Englischen scheint es keine auch nur halbwegs aktuelle Biographie Shaws zu geben. Auch die sogenannte Werkausgabe in Einzelbänden bei Suhrkamp ist nur noch zur Hälfte lieferbar; es scheint nicht gut bestellt zu sein um Shaw und sein Werk.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw. rm 50059. Reinbek: Rowohlt, 122001. Broschur, 178 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Allen Lesern ins Stammbuch (112)

Vieles Lesen macht stolz und pedantisch; viel sehen macht weise, verträglich und nützlich. Der Leser baut eine einzige Idee zu sehr aus; der andere (der Weltseher) nimmt von allen Ständen etwas an, modelliert sich nach allen, sieht, wie wenig man sich in der Welt um den abstrakten Gelehrten bekümmert, und wird ein Weltbürger.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (H 30)

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte

Es ist witzlos, ein charmanter Bursche zu sein, es sei denn, man hat Vermögen.

Neben den beiden Bänden sogenannter Märchen erschien 1891 ein weiteres schmales Büchlein von Oscar Wilde mit dem Titel Lord Arthur Savile’s Crime and Other Storys. Enthalten waren vier Erzählungen, die Wilde in seiner Zeit als Redakteur der Frauenzeitschrift The Woman’s World geschrieben hatte. Die beiden längeren haben einen humoristischen Grundton, die beiden kürzeren sind von eher anekdotischer Natur. Berühmt geworden ist aus dieser Sammlung Das Gespenst der Cantervilles, in dem eine sehr praktische und abgeklärte us-amerikanische Familie ein altes englisches Schloss kauft und das Schlossgespenst das Fürchten lehrt. Doch ganz zum Schluss wird das Schloss durch die Güte der Tochter der Familie sogar von seinem alten Spuk befreit. Es mag sein, dass Wilde, der die USA aus eigener Anschauung kannte, dies für alle alten Gespenster des Vereinigten Königsreich erhoffte.

In der Titelgeschichte wird Lord Savile aus seiner Hand vorhergesagt, er werde einen Mord begehen, eine Sache, die ihm so peinlich ist, dass er sie gern noch vor seiner bald bevorstehenden Hochzeit erledigt hätte. Seine Versuche an unangenehmen Verwandten enden kläglich, doch dann spielt ihm das Schicksal eine unwiderstehliche Gelegenheit zu. …

Die Prosagedichte sind 1894 unter diesem Titel erschienen und enthalten sechs sehr kurze, etwas verblasene Text, die sich in pseudo-biblischer Sprache an zumeist biblisch-mythologischen Motiven abarbeiten. Möglicherweise gelingt es der einen oder dem anderen, darin mehr als stilistische Phraseologie zu erwittern; ich selbst konnte mit dem abgehobenen Zeugs nichts anfangen.

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Werke in 5 Bänden, Bd. 2. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 151 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Märchen

Tatsächlich bin ich immer der Ansicht gewesen, daß harte Arbeit nur eine Zuflucht ist für Leute, die sonst nichts zu tun haben.

Zwei der schmalen Bände mit Erzählungen Oscar Wildes werden traditionell dem Genre Märchen zugeordnet, wobei einige dieser Texte tatsächlich charakteristische Elemente des Kunstmärchens aufweisen: Prinzen und Prinzessinnen, redende Tiere, wunderliche Verwandlungen von Bettlern in Könige, eine Liebesaffäre zwischen einem Fischer und einer Seejungfer und was der Dinge mehr sind. Andererseits finden sich aber auch Erzählungen, die eher der Satire angehören (Die außer­gewöhn­liche Feuerwerksrakete) oder dem historisierenden Erzählen (Der Geburtstag der Infantin).

Allgemein wird angenommen, Oscar Wilde habe seine Märchen für seine Söhne erfunden und dann anschließend veröffentlicht. Bemerkenswert ist aber, dass Der Glückliche Prinz bereits 1885 einer Gruppe von Studenten erzählt worden ist; Wildes Auseinandersetzung mit dem Genre geht also dem Erzählen für seine Söhne voraus. Besonders bei den frühen Texten – The Happy Prince and Other Tales, 1888 – machen die Abschlüsse der Erzählungen einen weit improvisierteren Eindruck als bei den späten – A House of Pomgranate, 1891. Auch weisen die späten Texte zahlreiche Stellen auf, an denen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit thematisiert werden, wenn auch Wildes Sozialkritik an allen Stellen deutlich zu kurz greift. 

»Wahrhaftig«, antwortete seine Kamerad, »wenigen wurde viel gegeben, und den anderen wurde wenig gegeben. Das Unrecht hat die Welt aufgeteilt, und nichts ist gleichmäßig verteilt außer dem Kummer.«

Aber eine solche Kritik dürfte Wilde kaum berührt haben, der eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kunstwerken immer für einen Mangel an gutem Geschmack hielt. 

Alles in allem ein sehr nettes Bändchen, das man mit Vergnügen an einem langen Nachmittag ausliest.

Oscar Wilde: Märchen. Aus dem Englischen von Susanne Luber. Werke in 5 Bänden, Bd. 3. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 207 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray

Wir leben in einer Zeit, wo man zuviel liest, um klug zu sein, und wo man zu viel denkt, um schön zu sein. 

Wildes einziger Roman, entstanden 1890, ist eine Mischung gängiger zeitgenössischer literarischer Tendenzen: Je ein Teil Schauer- und Mord-Geschichte, ein Gutteil Dekadenz-Roman, ein wenig Künstler- und der übliche Schuss Entwicklungsroman und schon ist der Plot fertig. Dies alles ist exzellent miteinander legiert worden und bildet auf den ersten Blick eine überzeugende Einheit; es leidet zwar unter dem Mangel eines bedeutenden Teils der Phantastik, nämlich dass das zentrale Motiv – hier die Übertragung von Alter und moralischem Verfall vom Protagonisten auf sein Abbild – gänzlich unerklärt bleiben muss, aber Wilde gelingt es, diesen Einfall geschickt mit der moralischen Ebene des Romans zu verflechten. 

Die Grundzüge der Fabel dürften weithin bekannt sein: Der junge, auffallend gutaussehende Dorian Gray wird von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward portraitiert. Während der letzten Sitzung lernt er im Atelier den Dandy Lord Henry Wotton kennen, der ihm seine rhetorische Theorie eines neuen Hedonismus aufschwätzt. Dorian gerät rasch unter den Einfluss Lord Henrys, was sich zum ersten Mal deutlich zeigt, als sich Dorian in eine Schauspielerin verliebt, die gerade als er sie zum ersten Mal seinen Freunden Basil und Lord Henry vorführen will, ihr darstellerisches Vermögen verliert und durchfällt. Enttäuscht und blamiert wendet sich Dorian von ihr ab und stellt daheim fest, dass sich dieser grausame Zug seines Charakters zwar in Hallwards Portrait, nicht aber in seinem Gesicht abgezeichnet hat. Auch die nachfolgende Trauer über den Selbstmord der Schauspielerin verwindet Dorian mit Hilfe von Lord Henrys Geschwätz rasch und wird so ein schlechter Mensch. 

Dorians weitere Karriere zum moralisches Monster erspart Wilde sich und uns, stattdessen bekommen wir in Kapitel 11 einen kunsthistorischen Vortrag serviert, der die umfangreiche Belesenheit Wildes dokumentiert. Wir finden Dorian nach einigen Jahren wieder als einen notorisch bekannten Lebemann, immer noch so schön wie früher und immer noch ebenso hohl. Seine Karriere des moralischen Verfalls gipfelt in einem Mord, den er noch vertuschen kann, der aber zu einer nicht unerheblichen Paranoia führt; hinzukommt, dass der Bruder der Schauspielerin versucht, deren Tod zu rächen, sich aber für den Augenblick von Dorians scheinbarem Alter verwirren lässt. Als jedoch alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden sind, möchte Dorian endlich ein neues Leben beginnen und ein guter Mensch werden. Zu diesem Zweck will er das schicksalshafte Portrait endlich zerstören, das sich aber auch am Ende als mächtiger erweist als er.

Sieht man von all diesem unerklärlichen Unfug ab, so ist es ein ganz nettes Buch. Gerade, dass die Schauer- und Mord-Romantik nur einen Nebenstrang der Erzählung bildet und Wilde das Hauptgewicht auf die moralische Entwicklung seines Protagonisten legt, macht die Geschichte erträglich. Alles in allem ist Das Bild des Dorian Gray das Gesellenstück eines Autors, der sehr genau weiß, wie die zeitgenössische Literatur funktioniert und aus seiner Analyse ein Modell des modernen Romans zu basteln versteht, das er dann mit einer einigermaßen interessanten Handlung auszustaffieren versteht. So schreiben Literaturkritiker oder -professoren ihre Romane.

Die Übersetzung von Hans Wolf ist sehr gut lesbar, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen stilistisch nicht ganz auf der Höhe von Wildes sehr elegantem Englisch ist. Sie dürfte aber wohl den wirklich zahlreichen älteren Übersetzungen klar vorzuziehen sein.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray. Aus dem Englischen von Hans Wolf. Werke in 5 Bänden, Bd. 1. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 352 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Stephen Leacock: Nonsense Novels

Indessen strich der Monat, welcher Lord Ronald vom Earl zugemessen worden, dahin. Es war bereits der 15. Juli, dann ein, zwei Tage später war’s der 17. Juli, und beinahe unmittelbar darauf der 18. Juli.

Stephen Leackock dürfte in Deutschland allgemein so unbekannt sein, wie er mir war. Leacock wurde 1869 in Südengland geboren und wanderte als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Kanada aus. Dort erhielt er eine hervorragende Ausbildung, schlug sich als Lehrer durchs Studium zuerst der Sprachen, dann der Politologie, in der er auch seinen Studienabschluss machte. Ab 1908 hatte er ein Professur in Montreal für Politologe und Ökonomie inne; sein Buch Elements of Political Science (1906) wurde zu einem internationalen Standardwerk des Fachs. Als belletristischer Schriftsteller begann Leacock bereits während seiner Studienzeit zu arbeiten; sein Œuvre umfasst humoristische Erzählungen, Essays, sozialkritische Romane und Biografien (über Mark Twain und Charles Dickens). In den zwanziger Jahren wurden einige seiner Bücher auch ins Deutsche übersetzt (Kurt Tucholsky rezensierte ihn lobend), aber das Interesse an ihm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich nicht wiederbelebt.

Ich selbst bin jetzt durch die Übersetzung eines seiner Büchlein durch Friedhelm Rathjen auf ihn gestoßen. Die Nonsense Novels (Erstausgabe 1911) sind eine Sammlung literarischer Genre-Parodien, die sich über Ton und Stoffe der Trivialliteratur des späten 19. Jahrhunderts lustig machen, vom Sherlock-Holmes-Roman und der unheimlichen Novelle über die romantische Erzählung von ritterlicher Liebe, dem Gouvernanten-Schicksal- und Seefahrer-Roman bis hin zum Zukunfts-Roman à la H. G. Wells. Diese letzte Parodie lässt mit ihrem Hohelied auf Mühe und Arbeit allerdings etwas zu sehr den Ökonomen Leacock durchblicken.

Die Parodien leben durchweg von der bizarren Übersteigerung der Tendenzen ihrer Vorlagen, so dass der Titel der Sammlung den Ton des Buches recht gut trifft. Rathjen baut den exaltierten Stil Leacocks hübsch nach, so dass auch der deutschsprachige Leser in den vollen Genuss dieses literarhistorischen Nonsens kommt.

Stephen Leacock: Nonsense Novels. Übersetzt und hg. von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2018. Bedruckter Pappband, 140 Seiten. 35,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Allen Lesern ins Stammbuch (111)

Besonders ist, daß unsere Dichter von unsern vernünftigen, Leuten von Stand nicht mit Vergnügen gelesen werden. Der Fehler kann unmöglich in unserm Publikum liegen, er liegt sicherlich in unsern Dichtern, es sind meist junge oder alte Knaben, die im Zirkel unerfahrner Bewunderer aufgewachsen sind, und daher nicht zunehmen können. Wer nicht zu gewissen Jahren oft in Gesellschaft war, wo er nicht die erste Rolle spielte, und seine Kräfte in einer Spannung sein mußten, um nicht eine üble Meinung von sich zu erwecken, wird gewiß ein Tropf werden und das sind gewiß allemal 9 unter 10 unserer gerühmten Dichter. Der Mann der Welt kann nichts von ihnen lernen, er übersieht sie, so wie das handlungsvollste Schauspiel auch noch Bemerkungen enthalten muß, die selbst den Denker bei der Lampe beschäftigen können müssen, so kann selbst die Ode indem sie die Einbildung mit Bildern hinreißt wie das Licht einen, dem der Star jetzt ausgezogen worden, tiefe Bemerkungen enthalten, die den Mann von Überlegung wenn der Rausch verfliegt beschäftigen können. Aber mein Gott wie kann der etwas sagen der nichts weiß?

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (F 613)

Norbert Kohl: Oscar Wilde

Die wesentliche biografische Quelle zu Oscar Wilde ist immer noch Richard Ellmanns Buch von 1988 (deutsch 1991). Aber natürlich haben Verlage und Leser das Bedürfnis nach Neuem, so dass zum letzten Wilde-Jubiläumsjahr 2000 die entsprechenden Bücher in Auftrag gegeben wurden. So auch die Biographie von Norbert Kohl bei Insel. Kohls Biographie hat den unbestreitbaren Vorteil, deutlich kürzer ausgefallen zu sein als die beinahe 800 engedruckten Seiten Ellmanns. Außerdem liest es sich angenehm glatt weg, wenn auch der Autor hier und da zur Phrase neigt, besonders wenn es zur Interpretation einzelner Werke kommt.

Auszukennen scheint er sich recht gut, soweit ich das beurteilen kann, was auch dadurch dokumentiert ist, dass Kohl parallel zur Biographie eine kleine Quellensammlung herausgeben hat (Oscar Wilde im Spiegel des Jahrhunderts). Insbesondere die Darstellung der Prozesse und der letzten Lebensjahre fand ich konzise und überzeugend. 

Ein echter Höhepunkt findet sich gegen Ende, als es um die für den öffentlichen Geschmack etwas zu prominent ausgefallenen Geschlechtsteile des Grabmonuments Wildes geht: 

Kaum war Epsteins Grabmonument im Jahre 1912 aufgestellt worden, als es auch schon das Mißfallen des »conservateur en chef du Père-Lachaise« erregte, dem die Größe der Genitalien mißfiel. Nachdem alle Bemühungen, die anstößigen Teile mit Gips zu ummanteln bzw. hinter einem bronzenen Feigenblatt als cache-sexe zu verbergen, nichts fruchteten, weil sie immer wieder entfernt wurden, umhüllte man kurzerhand das gesamte Grabmal mit einer Plane. Erst ab 1914 war es wieder zu besichtigen. Noch 1961 nahmen Unbekannte an der ausgeprägten Männlichkeit des geflügelten Wesens Anstoß und schlugen ihm beide Testikel ab, die fortan dem Konservator des Friedhofs als Briefbeschwerer (!) dienten und seit langem verschollen sind. 

Ich denke, zumindest dieses Detail der Nachwirkung Oscar Wildes sollte bekannter sein. 

Norbert Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Insel, 2000. Pappband, Fadenheftung, 344 Seiten. Nicht mehr lieferbar.