Annette Pehnt: John Steinbeck

75985123_5843951f57Die derzeit einzige lieferbare deutschsprachige Biographie zu John Steinbeck, dessen Bücher allerdings in einer überraschenden Breite in deutscher Übersetzung vorliegen, was darauf hindeutet, dass sie nicht viel von ihrer Popularität verloren zu haben scheinen – allen voran natürlich »Von Mäusen und Menschen«, das zumindest im Englischunterricht noch zum Kanon gehört.

Die Biographie von Annette Pehnt ist in der Reihe »dtv portrait« erschienen, mit der dtv in direkte Konkurrenz zu den Rowohltschen Bildmonographien getreten ist. Auch diese Konkurrenz belebte das Geschäft, denn nach einer längerern Phase der Stagnation hat sich in den vergangenen Jahren das Niveau der Rowohltschen Bildmonographien sehr erfreulich entwickelt: Viele ältere und kaum mehr brauchbare Bände der Reihe sind durch neu verfasste ersetzt und auch Lesefreundlichkeit und Erscheinungbild sind verbessert worden. Die dtv-Reihe ist bei weitem nicht so umfangreich wie die Rowohltsche, steht aber, was die Attraktivität der Bände angeht, der Konkurrenz in nichts nach. Im Fall des vorliegenden Bandes ist der Buchblock sogar fadengeheftet und das bei einem Preis von 8,50 €. Mit solchen Büchern kann man arbeiteten.

Die Biographie von Annette Pehnt informiert leider nur sehr knapp über den eigentlich biographischen Stoff, erzählt dafür aber auf vielen Seiten Inhalte der wichtigsten Bücher Steinbecks nach. Ich kenne nun die englischsprachige Literatur zu Steinbeck nicht, kann mir also kein Bild davon machen, wie forschungsaufwendig eine andere Gewichtung des präsentierten Materials gewesen wäre. Mir wäre es nur eben lieber gewesen, wenn ich mehr zu Steinbeck selbst erfahren hätte, da ich die Bücher selbst lesen kann und will.

Grundsätzlich leidet diese Biographie daran, dass sie den Eindruck vermittelt, dass die Autorin Steinbeck als Menschen nicht mag und als Autor bestenfalls für drittranging hält. Mit dem letzteren mag sie vielleicht sogar Recht haben, aber man kann auch über einen drittrangigen Autor, besonders über einen, dessen Bücher auch fast 40 Jahre nach seinem Tod noch ungebrochen populär sind, sicherlich interessanteres sagen als immer wieder ›trotz der schwerwiegenden Schwächen des Buches‹ oder ähnliches. Das »Phänomen Steinbeck«, dem sein Erfolg ein Anlass dazu war, sich als Autor zu misstrauen, beschreibt Pehnt zwar, verweigert aber jegliche Analyse. Stattdessen stellt sie mit derselben Naivität, die sie dem Autor Steinbeck an zahlreichen Stellen attestiert, ihr buntes Bild der Welt neben dessen Bücher und hält dies anscheinend für eine Form der kritischen Auseinandersetzung. Ganz drollig gerät es, wenn sie versucht, gut feministisch Steinbeck seinen Machismo vorzuhalten und durch gleichzeitige Kritik des weiblichen Gegenlagers eine ausgleichende Ungerechtigkeit herzustellen.

Leider kein gutes Buch, das sich nur für eine erste, oberflächliche Information eignet.

Pehnt, Annette: John Steinbeck
dtv, 1998. ISBN 3-423-31010-3
Kartoniert – 160 Seiten – 8,50 Eur[D]

Thomas Lehr: 42

75985124_b71c24fe58Erzählt wird die Geschichte von Adrian Haffner, einem Münchner Journalisten, der zusammen mit einer größeren Besuchergruppe einen Detektor des Kernforschungszentrums CERN besichtigt und bei seiner Rückkehr an die Erdoberfläche zusammen mit 70 anderen Chronifizierten feststellen muss, dass derweil die Zeit stehengeblieben ist. Nur für die besagten 70 existiert die Zeit in ihrer nächsten Umgebung weiter, sie tragen eine Chronosphäre um sich herum; das ganze übrige Universum steht still. Man kann sich denken, dass dies einige Verwirrung auslöst. So ist dann der Roman auch geworden.

»42« gehört nicht zu der Sorte von Büchern, die ich normalerweise lese; ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt zu einer Sorte von Büchern gehört, aber es mag sein, dass dort draußen inzwischen eine neue Art von Literatur existiert, mit der ich hier erstmalig in Berührung gekommen bin. Das erstaunlichste an dem Buch war für mich die nahezu komplette Weltlosigkeit des Textes, anders gesagt: Das ganze Buch, seine Handlung, seine Gespräche, seine Figuren sind vollständig dem Kopf des Autors entsprungen. Dass reale Orte wie Genf, Zürich, München, Berlin oder Florenz im Buch vorkommen, ist gänzlich zufällig und gleichgültig; wichtig an diesen Orten ist auch nicht ihr Da- oder So-sein, sondern nur ihre Entfernung voneinander, die der Ich-Erzähler zu Fuß zurücklegt, damit er überhaupt irgendetwas zu tun hat außer die ewig gleichen wirren Gedankengänge zu Papier zu bringen.

Das Buch hat insgesamt wenig zu erzählen, viel zu wenig für die 368 Seiten, die der Autor letztendlich gefüllt hat. Es verbreitet daher über weite Strecken die fürchterlichste Langeweile: Immer erneut wird beschrieben, wie irgendwelche als »Fuzzis« bezeichneten Menschen regungslos irgendwo herumstehen, wie sich das sich nicht verändernde Licht nicht verändert und die gleichbleibende Hitze gleich bleibt. Zwischendurch ein, zwei sexistische Phantasien und dann geht es mit der nächsten wirren Reflexionskaskade weiter. Und was vielleicht das schrecklichste ist: Das Buch ist weitgehend humorfrei – »die Nullzeit ist ernst.« [S. 191]

Sehr merkwürdig erscheint mir allerdings, dass der Autor sich die Mühe macht, seinen doch recht dünnen Phantasieanlass – die Zeit bleibt stehen und nur einige wenige Menschen sind nicht betroffen – überhaupt mit einer pseudonaturwissenschaftlichen Rahmung zu versehen, da er selbst recht bald einsehen muss, dass es auch nicht den Hauch einer möglichen wissenschaftlichen Erklärung für das phantasierte Ereignis geben könnte. Ob nun CERN oder ein falsch montierter Haushaltsmixer die Katastrophe verursacht haben soll, ist für das Buch völlig unerheblich. Am merkwürdigsten dann schließlich das gänzlich unsinnige Geschwurbel, mit dem das Buch endet und das noch weniger einleuchtend wäre als alles Vorangegangene, wenn das denn überhaupt möglich wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!

Nur an einer Stelle hat mir der Autor so recht aus dem Herzen gesprochen: »Mir ist völlig rätselhaft und auch ziemlich gleichgültig, weshalb er ausgerechnet mir etwas anvertrauen möchte« [S. 336].

Lehr, Thomas: 42
Aufbau-Vlg, 2005. ISBN 3-351-03042-8
Gebunden – 368 Seiten – 21,5 × 12,5 cm – 22,90 Eur[D]

Herbert Rosendorfer: Mitteilungen aus dem poetischen Chaos

76398531_552cb612c5Acht kurze Erzählungen, die alle in Rom spielen und – mehr oder weniger – von Rom handeln. Stofflich sind sie von recht unterschiedlichem Gehalt: Von der gesellschaftlichen Anekdote, einer Kriminalerzählung mit kindlichem Detektiv, über zum absurden tendierenden Reflektionen zu Glanz und Elend der vatikanischen Welt und touristische Satirestücke bis hin zu einem Entwurf zu einem Lenbach-Roman, dessen fiktiven Autor der Erzähler bei einer Vernissage kennenlernt und dem Leben und Roman ebenso aus den Fugen geraten wie seinem noch fiktiveren Romanhelden Franz von Lenbach, spannt sich der Bogen. Zusammengehalten wird er durch einen Erzähler, dessen Liebe zu Rom sich in jedem Stück aufs Neue widerspiegelt und mit dem man selbst gern einmal das Frühstück im Caffè Greco einehmen würde.

Die Sammlung zeigt einmal mehr die routinierte Erzählweise Rosendorfers, der offenbar auch den zwischenzeitlichen Ruhm der »Briefe in die chinesische Vergangenheit« gut überstanden hat und weiterhin mit schöner Regelmäßigkeit seine Bücher produziert, um von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend ignoriert zu werden. Sein »Kirchenführer Rom« ist derzeit allerdings schon in der dritten Auflage, was zumindest eine gewisse Popularität beweist, wenn man ihm auch bislang nicht die fragwürdige Ehre Gesammelter Werke hat angedeihen lassen – zum Ausgleich dafür wird er aber wahrscheinlich tatsächlich gelesen –, und vielleicht schreibt er ja, wenn er mit seiner »Deutschen Geschichte« fertig ist, eine Fortsetzung des Gregorovius, etwa vom Barock bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zuzutrauen wäre es diesem erstaunlichen Stilisten allemal.

Die hier angezeigte Taschenbuchausgabe von 1993 (bibliographischer Nachweis) scheint nicht mehr lieferbar zu sein. Dafür ist es aber immer noch die zwei Jahre ältere Originalausgabe:

Rosendorfer, Herbert: Mitteilungen aus dem poetischen Chaos. Römische Geschichten
Kiepenheuer & Witsch, 1991. ISBN 3-462-02098-6
Gebunden – 156 Seiten – 14,90 Eur[D]

Ole Könnecke: Ein Freund, ein guter Freund

76667616_710da82853Ole Könnecke ist ein Meister der Bildergeschichte, wobei sich seine Bücher durch einen ganz eigenen, stillen Humor auszeichnen. Dabei gelingen ihm wundervoll skurrile Figuren wie etwa Lola oder Doktor Dodo oder solch literarische Zaubergeschichten wie »Fred und die Bücherkiste«. Nun ist nach »Elvis und der Mann im roten Mantel« in diesem Jahr ein weiteres Buch erschienen, in dem der Weihnachtsmann bzw., wie schon die Umschlagzeichnung verrät, gleich mehrere Weihnachtsmänner und ihre sehr unterschiedlichen Tagesabläufe im Zentrum stehen. Es soll hier gar nicht mehr verraten werden, um den Spaß der Erstlektüre nicht zu verderben. Das Buch ist ein heißer Geschenk-Tipp für beinahe alle, bei denen man nicht weiß, was man ihnen sonst schenken soll – nur eben Humor sollte die oder der Beschenkte haben!

Könnecke, Ole: Ein Freund, ein guter Freund. Eine Weihnachtsgeschichte
Sanssouci, 2005. ISBN 3-7254-1378-9
Gebunden
48 Seiten, farbige Illustrationen – 18,3 × 14,4 cm – 7,90 Eur[D]

Hellmut Butterweck: Der Nürnberger Prozess

75255106_a0d8d5a74dVor der Kritik erst ein allgemeines und notwendiges Lob: Dies ist eine auch für den historischen Laien gut lesbare, weitgehend sachliche Auseinandersetzung mit dem Nürnberger Prozess, deren Stärke darin besteht, in weiten Passagen die Protokolle zu zitieren und so alle Prozessbeteiligten selbst zu Wort kommen zu lassen. Butterweck beginnt mit den juristischen Voraussetzungen und historischen Konstellationen, die zum Nürnberger Prozess geführt haben, und er endet mit einer kurzen, auch hier wieder weitgehend an den Selbstaussagen der Betroffenen orientierten Darstellung der Haftzeit der nicht zum Tode verurteilten Nürnberger Angeklagten. Es ist derzeit keine vergleichbare sachliche und aktuelle Darstellung des Nürnberger Prozesses lieferbar, und das Buch ist eine notwendige und gute Ergänzung der populäreren Literatur zum Dritten Reich und seinen Folgen.

Der Leser wird gut informiert über den Ablauf des Prozesses, die Schwierigkeiten, die sich für Gericht, Anklage, Verteidigung und Angeklagte im Verlauf ergaben, streckenweise auch über den Widerhall, den der Prozess in der zeitgenössischen Öffentlichkeit fand, über Prozesssensationen und -pannen usw. usf. Die eine oder der andere mag vielleicht bedauern, dass die Personen der Verteidiger etwas blass bleiben; hier hätte man sich Pars pro Toto wenigstens das eine oder andere detailliertere Portrait gewünscht. Insgesamt macht das Buch das für den Laien gänzlich unüberschaubare Konvolut der Prozessakten in seinen wesentlichen Züge begreiflich und den Prozess in seinen Voraussetzungen und Abläufen klar verständlich.

Formal bleibt das Buch allerdings ein wenig unausgewogen und unfertig. Nachdem Butterweck weite Passagen des Prozesses sorgfältig und genau nachgezeichnet hat, geht er auf S. 336 ohne erkennbaren inhaltlichen Anlass plötzlich zu einer summarischen Darstellung über, die seltsam gehetzt wirkt. Sie orientiert sich an den einzelnen Angeklagten, durchbricht aber dieses Prinzip zum Beispiel im Abschnitt über Wilhelm Keitel, in den Material einfließt, das mit dessen Venehmung durch die Ankläger nichts zu tun hat. Überhaupt wirkt das gesamte Kapitel 12 im Vergleich mit dem übrigen Text eher wie ein Entwurf, als habe etwa eine späte Beschränkung der Seitenzahl von Seiten des Verlags den Autor zu Konzessionen gezwungen.

Als Mangel könnte man ansonsten konstatieren, dass der Autor sprachlich und inhaltlich nicht immer ganz auf der Höhe seines Themas ist. Mokante Kommentare wie zum Beispiel

Es sei erstaunlich, zitiert Gitta Sereny den Speer zitierenden Verleger Wolf Jobst Siedler, „ich musste in die Siebziger kommen, um ein erstes wirklich erotisches Erlebnis mit einer Frau zu haben.“ Dabei dürfte er sich wenige Wochen später übernommen haben. [S. 125]

erscheinen zumindest mir unnötig und sind leider kein Einzelfall. Aber auch Redeweisen wie die vom »widerwärtigen restaurativen politischen Klima der Nachkriegszeit« [S. 218] oder einer »Justizkomödie pur« [S. 400] im Fall des Urteils gegen Schacht lassen Zweifel aufkommen, ob das Verständnis des Autors der Problematik des zeitgenössischen Geschehens immer angemessen ist. Ganz zu schweigen von dem Grundproblem des gesamten Prozesses, dem sich Butterweck zum Glück an keiner Stelle auch nur zu stellen versucht, nämlich dem, ob ein solcher juristischer Prozess den verhandelten Geschehnissen überhaupt gerecht werden konnte oder ob er nicht vielmehr nur einen verzweifelten Versuch der zivilisierten Völker darstellt, angesichts der unglaublichsten Barbarei nicht selbst in Barbarei zu verfallen. Was ein Prozesses gegen die sogenannten Hauptverbrecher überhaupt erreichen hätte sollen und können und was Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang bedeuten soll, erscheint mir heute ebenso ungeklärt wie 1945, als der Prozess eröffnet wurde. Was erreicht wurde, ist offensichtlich; wie das dem unglaublichen Grauen gerecht werden soll, für das Deutsche im vergangenen Jahrhundert verantwortlich waren, bleibt weiterhin völlig unklar. Natürlich kann auch Butterweck dies nicht beantworten, aber vor diesem Horizont bleiben sein Bekenntnis zu den Sternen des Völkerrechts [S. 414] und seine wiederholten antiamerikanischen Anwürfe naiv.

Butterweck, Hellmut: Der Nürnberger Prozess. Eine Entmystifizierung
Czernin, 2005. ISBN 3-7076-0058-0
456 Seiten – 21,5 × 13,5 cm – 27,00 Eur[D]

Gustave Flaubert: Die Erziehung der Gefühle

65819288_518df48ceaNach vielen Jahren die dritte Lektüre und mehr als je zuvor der Eindruck: Was für ein gewaltiger Roman! Flauberts Gnadenlosigkeit im Umgang mit seinen Figuren, die Exaktheit seiner Beobachtungen, die Fülle in der Darstellung von Gesellschaft und Zeitgeschichte, der ausgewogene und immer der Fabel angemessene Wechsel des Erzähltempos, die Zuspitzung der Geschichte Frédéric Moreaus und die letztliche Verpuffung aller Aufgeregtheiten in die Banalität lassen den Leser wie erschlagen zurück.

Erzählt wird also die Geschichte Frédéric Moreaus, eines jungen Schnösels aus der Provinz, der in Paris Jura studiert, erbt, diverse Liebschaften durchläuft, für kurze Zeit als Trabant der Hautevolee von Paris dahinlebt, die Revolution von 1848 beinahe verschläft und vertrödelt und sich schließlich von allen seinen Frauen verlassen und angewidert in die Bedeutunglosigkeit zurück begibt, die eigentlich von Anfang an seine wahre Heimstatt war. Anstoß zu all dem ist die zufällige Begegnung mit Madame Arnoux, die er zu Anfang des Romans auf einem Flußschiff kennenlernt, auf dem er von Paris aus zu seinem Heimatort Nogent unterwegs ist, und in die er sich sofort sterblich verliebt. Diese Frau zu erobern und zu besitzen, wird zum Zentrum all seines weiteren Handelns und Sinnens: Er befreundet sich mit ihrem Ehemann Jacques Arnoux, gerät durch ihn »in Gesellschaft«, versumpft und verschleudert die bescheidene Erbschaft, die er durch den Tod eines Onkels macht, treibt und wird getrieben. Das Ende wurde schon angedeutet: Frédéric scheitert mit all seinen Plänen, Wünschen und Ambitionen. Im letzten Bild des Romans sitzt er mit seinem ältesten und vielleicht einzig verbliebenen Freund zusammen und als Höhepunkt ihres Lebens erscheint ihnen ein Besuch in einem Freudenhaus, den sie als Heranwachsene aus Übermut unternommen hatten und bei dem gar nichts weiter geschehen war.

Sie erzählten sich ausführlich die ganze Geschichte, jeder die Erinnerung des anderen ergänzend; und als sie fertig waren, sagte Frédéric:
– Das ist doch das Beste, was wir erlebt haben!
– Ja, vielleicht wirklich? Das ist das Beste, was wir erlebt haben! sagte Deslauriers.

Mir ist klar, dass dies schon viele Male gesagt worden ist, aber bei Flaubert beginnt tatsächlich der Moderne Roman und Flauberts Niveau ist nicht oft wieder erreicht worden.

Aus dem Vorhaben, bei dieser Lektüre verschiedene andere Übersetzungen (Walter Widmer, E. A. Reinhardt) mit der vorliegenden von Cornelia Hasting zu vergleichen, ist vor lauter Begeisterung über den Roman nichts geworden; vielleicht liefere ich die entsprechenden Vergleiche noch nach. Insgesamt scheint mir Hastings lakonischer Ton sehr angemessen; der Text liest sich gut und die wenigen von Flaubert bewußt eingesetzten »Störungen« auf der sprachlichen Ebene sind, soweit ich das beurteilen kann, sorgfältig bewahrt und ins Deutsche übertragen worden.

Die Übersetzung von Cornelia Hasting ist in der hier rezensierten Originalausgabe (bibliographischer Nachweis) nicht mehr lieferbar.

Alternative Ausgabe:
Flaubert, Gustave: Die Erziehung der Gefühle. Geschichte eines jungen Mannes
Piper, 2001. ISBN 3-492-23018-0
Kartoniert – 607 Seiten – 13,90 Eur[D]

Arno Geiger: Es geht uns gut

61682415_8f58efb4c0Gewinner des Deutschen Buchpreises 2005.

Eine österreichische Familiengeschichte, die drei Generationen umfasst. Die Fabel wird grob gesagt alterierend entlang zweier Zeitlinien entwickelt, wobei sich die Erzählung in beiden Zeitlinien immer auf die Schilderung einzelner Tage konzentriert, die mit genauen Daten in den Kapitelüberschriften bezeichnet sind. Die detailliertere Zeitlinie, mit der der Roman beginnt und endet umfasst den Zeitraum zwischen dem 16. April und dem 20. Juni 2001. In dieser Zeit räumt der junge Philipp Erlach, ein angehender Schriftsteller, der gerade emotional und sozial in einer Sackgasse zu stecken scheint, die Villa seiner Großeltern aus, die er offenbar nach dem Tod seiner Großmutter geerbt hat. Höhepunkt der Aufräumungsarbeiten ist sicherlich das Ausmisten des Dachstuhls, der seit einem Jahrzehnt von wilden Tauben als Schlag genutzt wurde.

Philipp Erlach zeigt sich dabei nicht sehr interessiert am Nachlass seiner Großeltern; erst seine beiden Gehilfen Steinwald und Atamanov, die ihm seine Geliebte Johanna für die Reinigung des Dachbodens aufgenötigt hat und die sich dafür anschließend für eine Weile selbst im Haus einnisten, realisieren die geschäftlichen Dimensionen des Mobiliars, das Philipp dem Müll übergibt.

Die Erzählung der zweiten Zeitlinie beginnt mit dem 25. Mai 1982 und schildert zuerst einen Tag von Philipps Großmutter Alma Sterk, deren Ehemann Richard seit einiger Zeit unter den Symptomen einer Alzheimererkrankung leidet. Das nächste Kapitel dieser Zeitlinie springt in das Jahr 1938, nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, zurück. Von hier ausgehend wird in großen Sprüngen die Geschichte der Familie von Richard und Alma Sterk erzählt, deren Tochter Ingrid die Mutter Philipps ist. Sie heiratet Peter Erlach, den sie in ihrer Ehe in jeglichem Sinne hinter sich lässt: Beruflich, sexuell und als Partner. Peter Erlach beweist sich und seine menschlichen Qualitäten erst nach dem überraschenden, frühen Tod seiner Frau. Einzig von Philipps Schwester Sissi erfahren wir zu wenig: Wir erleben sie nach dem Tod ihrer Mutter als gegen den Vater opponierende Jugendliche und erfahren später, dass sie in New York als Journalistin lebt und eine Tochter hat.

Insgesamt ein überzeugender Roman, sowohl was den formalen Aufbau, die Gestaltung der Figuren als auch was die Fülle des verarbeiteten Materials angeht. Das Ende, bei dem Philipp in einem Gewitter auf dem Dachfirst des großelterlichen Hauses reitend endlich aus seiner Apathie herauszufinden scheint, ist wohl ein wenig gesucht und leidet unter einem pathetischen Beigeschmack, aber man sollte es dem Buch angesichts seiner sonst durchweg disziplinierten Erzählhaltung verzeihen.

Geiger, Arno: Es geht uns gut
Hanser, 2005. ISBN 3-446-20650-7
Gebunden – 392 Seiten – 21,50 Eur[D]

Gert Loschütz: Dunkle Gesellschaft

60652369_86ce5fb369Ein ungewöhnliches Buch, auf das ich über die Shortlist des Deutschen Buchpreises gestoßen bin.

Loschütz arbeitet mit dem bewährten Muster von Rahmen- und Binnenerzählungen: In der Rahmenhandlung lebt der Erzähler und Protagonist Thomas in einem kleinen Dorf, das er in nächtlichen Spaziergängen erkundet. Beherrschendes Element des Rahmens ist der kontinuierliche Regen, der schließlich in einer Flutkatastrophe kulminiert, aus der der Erzähler mit den anderen Bewohnern des Dorfes in ein Flüchtlingslager gerettet wird. Während seiner nächtlichen Gänge durchs Dorf erinnert sich der Erzähler an zehn Episoden aus seinem bewegten Leben, beginnend mit seiner Ausbildung zum Schiffskapitän in der Nähe von London, über unterschiedlichste Beschäftigungen auf diversen Schiffen und an unterschiedlichen Orten bis hin zur Affäre mit einer Nachbarin in dem Dorf, das schließlich überflutet wird.

Allen zehn Binnenerzählungen ist gemeinsam, dass sie rätselhafte Elemente enthalten: Phantastisches, Unheimliches, Ominöses, Traumhaftes – jede Erzählung präsentiert eine andere Spielart des Mysteriösen. Keines dieser Elemente wird aufgelöst, keine der Episoden wird erklärt oder erklärt eine andere. Verbunden sind sie bloß als Erinnerungen des Erzählers und Protagonisten; eigentlich kann der Leser nicht einmal sicher sein, dass es sich tatsächlich in allen Details um Erinnerungen handelt und nicht um Phantasien, die die Erinnerungen überlagern.

Ich muss zugeben, dass mir Literatur dieser Art nicht sehr liegt; ich habe eine Abneigung gegen Erzählungen, die aus dem Umbestimmten und Undeutlichen versuchen, Stimmungen zu erzeugen und damit einen Mangel an konkreten Inhalten, an Handlung und Gedanken zu überspielen. Aber dieser erste Eindruck (wahrscheinlich genährt aus meinem Vorurteil) hat sich im Laufe der Lektüre verloren, was auch daran liegen mag, dass die Variation von Stimmungen, Motiven und Erzählton in den Binnenerzählungen und die immer detaillierter werdende Rahmenerzählungen eine gelungene Mischung von Abwechslung und Kontinuität bilden.

Wie gesagt: Ein ungewöhnliches Buch, das im Laufe der Lektüre gewinnt und dem man deshalb einige Seiten mehr als gewöhnlich Kredit einräumen sollte, falls es einen nicht gleich zu Anfang packt.

Loschütz, Gert: Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten
FVA, 2005; ISBN 3-627-00129-X
Gebunden
219 Seiten – 19,90 Eur[D]

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

59305804_f93aab7890Das vom Großfeuilleton begeistert aufgenommene Buch ist eine postmodern undeutliche doppelbiographische Erzählung – wie heute beinahe immer mit dem Verlagsgebrauchslabel Roman etikettiert – entlang den Leben des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Beide sollen als Modelle begriffen werden: Gauß als der Theoretiker, den nur materieller Zwang aus der Innenwelt seiner Gedanken in die äußere Welt treibt, Humboldt als der rastlose Reisende, der vor lauter „in der Welt sein“ nicht zu sich selbst gelangt. Beide Reduktionen sind natürlich für die Verbiographierten gänzlich unerheblich. Kehlmann selbst bekundet in einem Interview mit dem Deutschlandradio, dass ihm Humboldt weitgehend fremd geblieben sei; nach dem Eindruck, den das Buch macht, ging es ihm mit Gauß ganz ähnlich.

Wie heute üblich, nimmt sich der Autor mit beiden Biographien Handgreiflichkeiten heraus: Mir wird wohl nie einsichtig werden, warum der Sexualakt großer Mathematiker bzw. der ausbleibende Sexualakt großer Forschungsreisender im Detail zur Biographie hinzuerfunden werden muss. Ich will hoffen, dass es sich nur um eine Spekulation auf die voyeuristische Grundgesinnung des Publikums handelt, was überhaupt eine gute Ausrede für das ganze Buch darstellt.

Positiv lässt sich vermerken, dass Kehlmann wenigstens gewusst hat, was er da verzapft: Er gibt seinen beiden Protagonisten Gelegenheit, sich über das Buch zu äußern:

Wozu dieses ständige Herleiern erfundener Lebensläufe, in denen noch nicht einmal eine Lehre stecke? [S. 114]

Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. […] Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil er Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde.
Abscheulich, sagte Gauß. [S. 221]

Auch das stellt ja eine gewisse Form von Respekt dar.

Für die nächste Auflage bzw. die Taschenbuchausgabe wäre Autor und Verlag noch ans Herz zu legen, einmal zu prüfen, ob tatsächlich der zehnmillionste Teil eines Längengrades das Meter definiere und ob man tatsächlich zur Bestimmung des Meters den gesamten Längengrad vermessen habe, der Paris mit dem Nordpol verbindet. „Es erfüllte Humboldt stets mit Hochgefühl, wenn etwas gemessen wurde; diesmal war er trunken vor Enthusiasmus.“ [S. 39] Frau Nachbarin, Eure Flasche!

Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt
Rowohlt, 2005; ISBN 3-498-03528-2
Gebunden
304 Seiten – 20,5 × 12,5 cm – 19,90 Eur[D]

Hans Peter Duerr: Rungholt

55130855_164688ede0Ein weiteres Buch in Duerrs üblicher Manier: Von 768 Seiten sind etwa 410 Text, 190 Anmerkungen, die zum großen Teil weitere detaillierte und wichtige Informationen enthalten und 140 Bibliographie. Den Rest bilden Impressum, Inhaltsverzeichnis und Register.

Duerr hat also den Kampf gegen Elias’ Theorie vom Prozess der Zivilisation vorerst eingestellt und sich einem archäologischen Thema zugewandt. Auch dafür hat er und wird er noch Schläge der etablierten Wissenschaft beziehen. Rungholt ist daher aus zwei Gründen interessant:

Zum einen präsentiert das Buch – hauptsächlich im ersten Viertel – ein Possenspiel des akademischen Betriebs, enthaltend die beiden Akte Duerr kommt zur Bremer Universität und Duerr und das Archäologische Landesamt Schleswig-Holsteins. Ein bedeutender Teil der Auseinandersetzung hat Ende der 90-er Jahre in der regionalen und überregionalen Presse stattgefunden, und es ist ein Vergnügen der besonderen Art, Duerrs Version der Vorgänge zu lesen. Duerr erweist sich einmal mehr als Eulenspiegel der akademischen Szene, an dessen Einbindung und Zähmung die festgefahrenen und dogmatischen Institutionen Mal um Mal scheitern. Dabei ist Duerr eigentlich das Muster eines Gelehrten: Unglaublich gebildet, misstrauisch gegen überlieferte Vorurteile und stets bemüht um originelle Zugriffe und neue Interpretationen. Er ist der klassische Konservative, der inzwischen so obsolet geworden ist, dass er gleich wieder die Speerspitze der Avantgarde bildet. Und immer geht es ihm um die Sache, mehr noch, um die Wahrheit. Was kann man sich von einem Professor im eigentlichen Sinne mehr wünschen, wenn man nicht gerade sein Dekan oder Rektor ist.

Zum anderen vertritt das Buch in Bezug auf sein Thema zwei neue Thesen:

1. Rungholt lag nicht dort, wo die Forschung es bisher vermutet hat, sondern wahrscheinlich ein ganzes Stück weiter nördlich.

2. Rungholt wurde nicht erst im Mittelalter besiedelt und nach der Sturmflut von 1362 endgültig aufgegeben, sondern Duerr dokumentiert in der Umgebung Rungholts Siedlungsspuren bereits aus dem Neolithikum. Er behauptet explizit nicht eine ununterbrochene Besiedlung der Gegend, sondern weist nur einen bereits sehr viel früheren vor dem bislang angenommenen Zeitpunkt der Erstbesiedlung nach.

Das letzte Viertel des Buches beschäftigt sich mit der Möglichkeit, dass ein minoisches Schiff bereits im 14. oder 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Gegend um Rungholt erreicht haben könnte, und breitet dann viel gelehrtes und sicherlich für sich genommen interessantes Material über die antike Vorstellung vom Nordens Europas aus. Dies alles hängt nur über den Fund einer einzelnen Scherbe einer mutmaßlich minoischen Gebrauchskeramik im Rungholtwatt mit dem Hauptthema des Buches zusammen. Man wird selbst entscheiden müssen, wie weit man als Leser diesen Weg mitgeht.

Für Duerr-Leser und Rungholt-Interessierte ein Muss, für die anderen ein anspruchsvolles Abenteuerbuch.

Duerr, Hans Peter: Rungholt. Die Suche nach einer versunkenen Stadt
Insel, 2005; ISBN 3-458-17274-2
Gebunden
768 Seiten – 28,00 Eur[D]