Klopstock schrieb:

Die Blinden

Saßen zwei Blinde bei einer Schilderei. Der eine fühlte auf der unrechten Seite herum, sagte: ist niedrig Buschwerk, wird etwa für einen Weidmann gekonterfeit sein. Der andre fühlte auf der rechten Seite herum, sagte: Hügel sind’s, etliche nur, all das Andre ist Ebne. Trat noch ein Blinder, ihr guter Gesell, herein, ließ sich den Zwist erzählen, fühlte auf dem glatten Rahmen herum, sagte: was? stilles ebnes Meer ist’s, worin sich die liebe Sonne spiegelt. Hatten die Blinden einen andern guten Gesellen, der konnt’ sehen. Da sie selbigem nun den Zwist der Länge nach hatten erzählt, sprach er: bin hergewandert, euch zur Musika einzuladen, weil mir ein trefflicher Geiger ankommen ist. Habt wohl eh’ davon sagen hören, daß unter Zeiten der Himmel voller Geigen hinge. Da hat er eine herabgenommen, so spielt er! Aber die Streitigkeit? So kommt doch. Ich mag die Schilderei nicht ansehn; sie betrübt mich nur, ’s ist Hermann, der von seinen eignen Blutsfreunden ermordet wird! Aber kommt immer. Der Mann wartet in der Laub’ auf uns, und still ist’s, und Mondschein auch.

Doch sie spotteten nur des Sehenden, fochten das Ding fernerhin unter sich aus, und ließen ihn allein zum Geiger gehen.

»Die heißlaufende Info- und Entertainment-Gesellschaft«

spiegel-bestNun hat es auch den SPIEGEL erwischt: Nachdem SZ, BILD, Brigitte, Stern und Zeit alle ihre Buch- oder DVD-Editionen gestartet haben, will auch Deutschlands bedeutendstes Nachrichtenmagazin endlich nicht mehr länger hintanstehen und veröffentlicht seine eigene Buchreihe: »SPIEGEL-Edition – Die Bestseller«. Grundlage für die Auswahl der 40 Titel, bunt gemischt aus Belletristik und Sachbuch, waren die SPIEGEL-Bestsellerlisten. Das alles wäre nur einen kurzen Hinweis wert, aber Volker Hage, Matthias Matussek und Mathias Schreiber haben sich zusammengetan und eine Ankündigung für die Reihe geschrieben, die es in sich hat!

Denn unter dem Titel »Proviant für die Zukunft« wollen sie uns nicht nur den zusammengelaufenen Bücherhaufen als »Kanon« von Büchern, von denen »man sich nicht mehr trennen möchte«, verkaufen, sondern man serviert uns als Dreingabe auch gleich noch eine komplett neue Bestseller-Theorie:

Das skandalös gute Gewissen der SPIEGEL-Redakteure bei ihrer Bestseller-Auswahl setzt einen Gesinnungs- und Stimmungswandel in dieser Sache voraus, der viele Komponenten hat. Der asketische Kultur-Utopist mit sperriger Ware ist nicht mehr unbedingt als Alleinvertreter der Wahrheit geadelt. Wahrheit findet sich auch in dem, was amüsiert, was gemocht wird, was die Lebensstile, Gedankenflüge und Träume der vielen beflügelt.

Zunehmend dürfen auch in den Feuilletons Bestseller von John Updike, Thomas Brussig, Salman Rushdie oder Zeruya Shalev die Grundüberzeugung des Bestsellerautors Marcel Reich-Ranicki („Mein Leben“) bestätigen, dass formal ehrgeizige, intelligente Literatur sehr wohl unterhaltsam sein kann.

Was die SPIEGEL-Edition aus fast einem halben Jahrhundert Bestselleritis herausgefiltert hat, kann sich gerade unter diesem Gesichtspunkt sehen lassen: Der Buchmarkt, so zeigt sich, gab reihenweise Titeln die Ehre, die tief ins Zeitgeschehen griffen, in die Abgründe der Geschichte und der Gefühle. Das gilt für Joachim Fests geistesgeschichtlich anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Monstrum Hitler ebenso wie für Barbara Tuchmans farbig erzählte Exkursion ins 14. Jahrhundert, für Christoph Ransmayrs verrückt genaue Suche nach dem Dichter Ovid oder Peter Handkes Liebesleidensreise im „Kurzen Brief zum langen Abschied“.

Versuchen wir das doch gerade mal in eine Relation zu setzen, damit wir begreifen, was da steht: Dass die SPIEGEL-Kulturredakteure es geschafft haben, aus mehreren Tausend Titeln, die seit 45 Jahren auf den Bestsellerlisten des SPIEGEL aufgetaucht sind, »reihenweise« 40 einigermaßen ordentliche Bücher auszuwählen, soll ein Beleg dafür sein, dass »der Bestseller« besser ist als sein Ruf. Was für eine tiefgründige Argumentation! Da wundert’s nicht, wenn’s gleich zuvor heißt, wir lebten »in einer sich beschleunigenden, ja heißlaufenden Info- und Entertainment-Gesellschaft« – diese Vermischung von redaktionellem Gefasel und Werbung in eigener Sache ist ein handfester Beleg dafür.

Ansonsten ist die Reihe recht nett geraten und – wie fast alle diese Reihen – so nötig wie ein Kropf, da alle Titel auch leicht und preiswert in anderen Ausgaben erhältlich sind. Einige wenige Überraschungen haben mich gefreut: Milan Kunderas »Der Scherz« zum Beispiel, das wahrscheinlich seine komplette spätere Produktion überragt, oder Michail Bulgakows »Der Meister und Margarita«, das für einen ehemaligen Bestseller heute schon wieder merkwürdig unbekannt ist. Ansonsten finden sich wie gewohnt viele Titel, die zahlreich gekauft und selten gelesen wurden – wie das bei Bestsellern eben so ist. Es soll allerdings vereinzelte Leser geben haben, die Christoph Ransmayrs »Die letzte Welt« mit Genuss und bis zum Ende gelesen haben; die mindestens 30.000, die es für einen Bestseller braucht, waren das aber nie und nimmer.

Du kaufst jetzt Günter Grass, …

Wieder einmal große Aufregung im Vorfeld einer Grass-Ver­öf­fent­li­chung! Diesmal durch sein um 60 Jahre verzögertes Geständnis, er sei in der Waffen-SS gewesen. Helle Aufregung bei all denen, die sich professionell aufregen, Experten werden befragt, wie diese Nachricht denn nun einzuschätzen sei, ob Grass als moralische Instanz beschädigt würde, ob seine Bücher nun nichts mehr wert sind oder was sonst noch Schreckliches geschehen könnte. Von Marcel Reich-Ranicki habe ich bislang noch nichts gelesen, aber da kommt sicherlich auch noch was. Ich dagegen frage mich, was sich denn eigentlich geändert hat?

Dass Grass als Jugendlicher bis zur Kapitulation an den Endsieg geglaubt hat, konnte, wer wollte, problemlos nachlesen. Dass Grass als junger Mensch im Krieg aktiv war, ebenso. Dass er zu den Verblendeten und Verführten gehört hat – wie viele andere auch – war ebenso bekannt. Nun wissen wir, dass er eine andere Uniform getragen hat, als bislang angenommen wurde – so what? Grass hat keine Kriegsverbrechen begangen, nicht einmal in einer Einheit gedient, der Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden.

Sein Biograph Michael Jürgs aber erklärt in einem Gespräch im Deutschlandradio die »moralische Instanz Grass« für »eigentlich erledigt«, weil – wie er Kempowski nachsprach – das Bekenntnis »ein wenig spät« gekommen sei. Selbst die Gutwilligen halten Grass die zahlreichen Gelegenheiten vor, bei denen er sich hätte offenbaren können, »ohne dass man ihm einen Vorwurf daraus gemacht hätte«. Man hätte wahrscheinlich nur so reagiert wie jetzt – da versteht man gleich, warum er so lange zu schweigen versucht hat.

Nehmen wir die Aufregung mal für einen kurzen Moment lang ernst, selbst wenn wir wissen, dass es nur Mediengeschrei ist: Grass ist über viele Jahre hinweg zu einer Medien-Ikone aufgebaut worden. Auf der Liste der zehn Top-Denker Deutschlands der Zeitschrift »Cicero«, einem weithin unbekannten intellektuellen Fachblatt, steht Grass auf Position 1. Er hat dort Harald Schmidt um Haaresbreite geschlagen. So sieht das mit den »Denkern« in Deutschland nämlich aus. Anders gesagt: Grass war immer schon eitel genug, um zu jeder Sache eine Meinung zu haben, von der er wusste, dass sie einer ausreichend großen und medienmächtigen Minderheit in den Kram passen würde. Der Minderheit war Grassens Votum immer recht, und spätestens nachdem er den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, war kein Halten mehr.

Dabei waren Grassens Meinungen immer schon windig. Er neigte dazu, zu komplizierten Sachverhalten einfache Ansichten zu pflegen, weniger mit differenzierten Analysen zu glänzen als vielmehr mit einer aufrechten, moralisierenden Pose, sich mehr auf seine Stimm- als auf seine Denkkraft zu verlassen. Als Schriftsteller hat er Unmengen von unliterarischem und unlesbarem Schamott geliefert – ich erinnere mich mit Grausen an »Die Rättin« und »Der Butt«; »Das weite Feld« war wenigstens in der ersten Häfte einigermaßen erträglich –, und einige wenige denken auch heute noch, dass es das bestgehütete Geheimnis von Günter Grass ist, dass er gar keine Romane schreiben kann. Schon 1981 hat Friedrich Dürrenmatt in einem Interview die schöne Äußerung getan:

Günter Grass hat mir sehr höflich den Butt versprochen, aber er hat ihn dann nie geschickt, also brauchte ich ihn auch nicht zu lesen. Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben.

Das hat mir schon damals aus der Seele gesprochen. Dies »späte Bekenntnis« ist eine gute Gelegenheit, Grass als das zu durchschauen, was er seit vielen Jahrzehnten ist: Die erfolgreiche Marketingstrategie einer Interessengruppe. Dass er selbst das bislang nicht begriffen zu haben scheint, macht ihn so erfolgreich. – »Nachbarin! Euer Fläschchen!«

Christoph Martin Wieland (1733–1813)

wielandEr war der erste ernsthafte deutsche Übersetzer Shakespeares, Gründungsvater des Weimarischen Musenhofs, väterlicher Freund Goethes und Heinrich von Kleists, Romanautor von Rang, Griechen- und Römerfreund und bedeutender Übersetzer antiker Autoren, Herausgeber einer der wichtigsten deutschen literarischen und politischen Zeitschriften, des »Teutschen Merkur« – alles in allem eine der herausragenden Gestalten der Literatur seiner Zeit und doch heute nur noch wenig gelesen. Sehr zu Unrecht, wie ich meine.

»In Deutschland«, schreibt Arno Schmidt, »haben wir ja ein ganz einfaches Mittel, einen intelligenten Menschen zu erkennen. […] Wenn er Wieland liebt.« Und auch die Antwort, die Schmidt auf diesen provokanten Satz folgen lässt, dürfte heute noch ebenso zutreffen: »er sagte würdig: ›Ich kenne ihn nicht‹.«

Dabei ist das sehr schade und gar keine Frage von Bildung oder Intelligenz, sondern einfach eine des Lesevergnügens. Wielands Romane und Verserzählungen sind von einem ausgesuchten Humor, sind gedankenreich und wortgewaltig. Manche Literaturgeschichte versucht Wieland als Spätling des Rokoko abzutun, aber damit wird man seiner literarischen Beweglichkeit und seinem aufklärerischen Geist keineswegs gerecht.

Wer war Christoph Martin Wieland?

Er wird 1733 als Sohn eines Pfarrers in der Nähe von Biberach geboren und erhält eine gute Schulbildung. Zum ersten Studium geht er nach Erfurt, wo er sich für die Philosophie einschreibt, die ihn zeitlebens begleiten und beschäftigen wird. Später studiert er noch zwei Jahre Jura in Tübingen und lebt dann für einige Jahre in Zürich, wo er unter anderem als Hauslehrer arbeitet. In diese Zeit fällt auch seine Liebe zu seiner Cousine Sophie Gutermann, mit der er sich zwar verlobt, die diese Verlobung aber löst, um Georg Michael Frank von La Roche zu heiraten. Unter ihrem Ehenamen Sophie von La Roche wird sie eine der führenden Autorinnen in Deutschland werden.

Wieland kehrt 1760 nach Biberach zurück und beginnt ernsthaft an seiner Karriere als Autor zu arbeiten. Es entstehen in rascher Folge die Übersetzungen von 22 Stücken William Shakespeares, die die erste Grundlage für die näherer Bekanntschaft der deutschen Leser mit diesem »dritten deutschen Klassiker« bilden. 1764 erscheint sein erster großer Roman: »Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva«, ein Märchen im Geiste des »Don Quixote«. Und nur zwei Jahre später folgt »Die Geschichte des Agathon«, eine moralische Erzählung in griechisch-antikem Gewand; nach diesem Muster wird Wieland noch zahlreiche Erfolge schreiben. 1769 übersiedelt Wieland zurück nach Erfurt und tritt dort eine Stelle als Philosophie-Professor an. Im September 1772 verpflichtet ihn die Weimarer Herzogin Anna Amalie als Erzieher ihres bereits 15-jährigen Sohnes Carl August. Wieland nimmt dieses finanziell verlockende Angebot an, das ihm für den Rest seines Lebens eine Grundversorgung durch den Weimarer Hof garantiert.

Leben in Weimar und Oßmannstedt

Wieland ist es, der die Bekanntschaft Carl Augusts mit Goethe anregt und vermittelt, die schließlich ab 1775 zur Entstehung des Weimarischen Musenhofs führt. Wieland arbeitet auch nach seiner Entlassung als Prinzenerzieher unermüdlich weiter: Es folgen seine Übersetzungen des Horaz und des Lukian, für den »Teutschen Merkur« entstehen zahllose Aufsätze zu aktuellen politischen und philosophischen Themen und er schreibt weitere Romane und Versepen: Der satirische Roman »Die Abderiten« (bis heute eine hoch vergnügliche Lektüre!), die Verserzählung »Oberon«, der an Lukian angelehnte Dialogroman »Peregrinus Proteus«, »Agathodämon«, und nicht zuletzt der sehr wichtige Roman »Aristipp und einige seiner Zeitgenossen«, der so etwas wie das philosophische Vermächtnis Wielands enthält.

Unterdessen hat Wieland 1803 ein Landgut in der Nähe Weimars, in Oßmannstedt, erworben und hofft, damit die Einkommenslage seiner Familie verbessern zu können, was sich aber auf lange Sicht als Illusion erweist. In Oßmannstedt besuchen ihn Heinrich von Kleist, der zu der Zeit mit seiner Tragödie »Robert Guiskard« ringt, und die unglückliche Sophie Brentano, die Enkelin seiner Jugendliebe Sophie von La Roche und Schwester Clemens Brentanos, die im September 1803 in Oßmanstedt stirbt und auch dort auf dem Gute Wielands beigesetzt wird. Die Grabstätte liegt in einem Ilmbogen und nimmt später auch Wielands Ehefrau und schließlich ihn selbst auf. Die Grabstätte blieb bis heute unversehrt und ist eines der schönsten Dichtergräber der Deutschen Klassiker.

1803 verkauft Wieland das Gut in Oßmannstedt und zieht für die letzten zehn Lebensjahre nach Weimar zurück. 1808 kommt er noch in den »Genuss«, in Erfurt dem französischen Kaiser Napoleon beim Frühstücken zuschauen zu dürfen, ansonsten verbringt er seine späten Lebensjahre mit der Übersetzung der Briefe Ciceros. Am 20. Januar 1813 stirbt Wieland in Weimar und wird in Oßmanstedt beigesetzt.

Wieland wiederentdecken!

Schon zu seinen Lebzeiten galten Wielands Romane als ein wenig unmodern und überholt. Heute haben wir Leser die Chance, unbeeinflusst von solchen Vorurteilen einen witzigen und intelligenten Autor für uns wiederzuentdecken, von dem es viel, viel zu Lesen gibt. In den 80er Jahren gab es eine kleine Wieland-Renaissance, als Franz Greno in seinem Verlag die »Sämmtlichen Werke« Wielands in der Fassung letzter Hand in einer preiswerten Reprint-Ausgabe wieder auf den Markt brachte. Die Ausgabe dürfte heute noch zahlreich in den Antiquariaten zu finden sein. Viel Lesestoff für Neugierige und Literaturbeflissene.

»Nachtwachen« von Bonaventura

nachtwachenIm Jahr 1804 erscheint unter dem Titel »Nachtwachen« ein kleines Büchlein, das kaum die Bezeichnung Roman verdient, und dessen Verfasser sich hinter dem Pseudonym Bonaventura verbirgt. Es hat bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gedauert, bis man den Autor des Bändchens endlich identifiziert hatte: Ernst August Friedrich Klingemann, ein Theaterintendant und Bühnenautor, dessen sonstige Werke heute beinahe vollständig vergessen sind, hatte mit den »Nachtwachen« sein Meisterstück geliefert.

Erzählt werden die 16 Nachtwachen des Büchleins vom Nachtwächter Kreuzgang, einem Außenseiter, den die bürgerliche Gesellschaft für ebenso verrückt hält wie er sie. Seinen Namen hat er von dem Ort erhalten, an dem er als Waise gefunden worden ist. Bereits durch seine Herkunft von der guten Gesellschaft isoliert, lebt er nun sein Leben im Dunkel der Nacht und läßt die schlafenden Bürger wissen, was die Stunde geschlagen hat. Von den Spießbürgern seiner Stadt wird er wohl als ein Verrückter angesehen, dem man aus Mitleid und weil er sonst zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen war, den Posten des Nachtwächters überlassen hat. So verschläft er denn den Großteil des Tages, und man hat braucht sich mit ihm nicht weiter herumzuärgern.

Die Geschichten, Gedanken, Betrachtungen, mit denen Kreuzgang seine Nächte füllt, sind weder kontinuierlich noch konsequent. Vieles bleibt abgerissen und hingeworfen, Fragment im Fragment eines Fragments. Als Nachtwächter schaut er von draußen in die erleuchteten Fenster hinein, sieht Ausrisse vom Leben und Sterben seiner Mitbürger, geht in Blitz und Donner durch die Nacht, spaziert über Friedhöfe und durch dunkle Kirchen, spricht mit Gott, dem Teufel und sich selbst. Und bei diesen Selbstgesprächen kommen viele und vieles nicht gut weg:

Sagt mir, mit was für einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen, ihr meine Brüder, Fürsten, Zinswucherer, Krieger, Mörder, Kapitalisten, Diebe, Staatsbeamten, Juristen, Theologen, Philosophen, Narren und welches Amtes und Gewerbes ihr sein mögt; denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen Nationalversammlung ausbleiben, ob ich gleich merke, daß mehrere von euch sich gern auf die Beine machen möchten um Reisaus zu nehmen.

Gebt der Wahrheit die Ehre, was habt ihr vollbracht, das der Mühe werth wäre? Ihr Philosophen z. B. habt ihr bis jezt etwas Wichtigers gesagt, als daß ihr nichts zu sagen wüßtet? – das eigentliche und am meisten einleuchtende Resultat aller bisherigen Philosophien! – Ihr Gelehrten, was hat eure Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verflüchtigung des menschlichen Geistes um zulezt mit Muße und einfältiger Wichtigkeit an das übriggebliebene caput mortuum euch zu halten. – Ihr Theologen, die ihr so gern zur göttlichen Hofhaltung gezählt werden möchtet, und indem ihr mit dem Allerhöchsten liebäugelt und fuchsschwänzt, hier unten eine leidliche Mördergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten auseinander schleudert und den schönen allgemeinen Brüder- und Familienstand als boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt. – Ihr Juristen, ihr Halbmenschen, die ihr eigentlich mit den Theologen nur eine Person ausmachen solltet, statt dessen euch aber in einer verwünschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber hinzurichten, wie jene Geister. Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr Brüderseelen vor dem armen Sünder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die Hände und der geistliche und weltliche Henker erscheinen würdig neben einander! –

Was soll ich gar von euch sagen, ihr Staatsmänner, die ihr das Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet. Könnt ihr mit euern Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen, und wie wollt ihr, da wir jezt in einen Geisterstaat überzugehen im Begriffe sind, jene ausgeplünderten Menschengestalten placiren, von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg, indem ihr den Geist in ihnen ertödtetet, zu benuzen wußtet. – O, und was drängt sich mir nicht noch alles auf über die einzeln stehenden Riesen, die Fürsten und Herrscher, die mit Menschen statt mit Münzen bezahlen, und mit dem Tode den schändlichen Sklavenhandel treiben. –

Die »Nachwachen« sind ein dunkles und wildes Buch, dessen abgerissene und befremdliche Gedanken auch heute noch den einen und anderen Blick auf die Nachtseite des Menschen in seiner bürgerlichen Verfassung erlauben. Es ist eines der seltenen Bücher, die in einer Epoche ganz für sich stehen und denen es deshalb gelingt, weit über ihre Zeit hinaus zu wirken.

Nachtwachen von Bonaventura. Im Anhang: Des Teufels Taschenbuch. Mit einem Nachwort v. Peter Küppers. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004. Pappband, fadengeheftet; 223 S. 22,90 €.

Bernhard Schlink: Die Heimkehr

Schlink_HeimkehrBernhard Schlink war mit »Der Vorleser« das kleine Wunder eines Weltbestsellers gelungen. Nachdem er 2001 seine Trilogie um den Detektiv Gerhard Selb abgeschlossen hatte, legt er nun seinen neuen Roman vor: »Die Heimkehr« ist ein vielschichtiger und komplexer Roman über die Suche eines Sohns nach seinem Vater.

Erzählt wird das Buch vom Ich-Erzähler Peter Debauer, der zu Anfang von seinen glücklichen und harmonischen Ferientagen bei seinen Großeltern väterlicherseits erzählt. Sein Vater, so glaubt Peter Debauer, ist im Zweiten Weltkrieg noch vor der Geburt seines Sohnes gestorben. Peter Debauer lebt mit seiner Mutter in Deutschland und besucht in den Sommerferien stets seine Großeltern in der Schweiz. Weil seine Großeltern für einen Verlag arbeiten, bekommt Peter mehr zufällig Druckfahnen eines Romans an die Hand, der von der Flucht einer Gruppe von deutschen Soldaten von Sibirien nach Deutschland erzählt. Der Roman fasziniert ihn, aber die Fahnen, deren Rückseiten Peter als Schmierpapier benutzt, enthalten schon nicht mehr das Ende des Romans. Viele Jahre nach der ersten Lektüre dieses Romans macht sich Peter Debauer auf die Suche nach dem Autor und gerät dabei zugleich immer mehr auch in eine Suche nach seinem Vater hinein, der in Wahrheit eine ganz andere Geschichte hat, als Peter sie von seiner Mutter erzählt bekommen hat. Ich will nicht zuviel von den zahlreichen Verwicklungen und Überraschungen der Romans verraten.

Das Buch ist in dem schon aus seinen früheren Texten bekannten ruhigen und gelassenen Stil Schlinks verfasst. Schriftstellerische Aufgeregtheit ist Schlink wesentlich fremd. Seine Geschichte ist auch diesmal sorgfältig durchkonstruiert und literarisch reichhaltig unterfüttert. Mir persönlich hilft zwar dem Protagonisten ein wenig zu oft ein glücklicher Zufall auf den richtigen Weg, aber so etwas ist oft nur eine Frage des Geschmacks und mag andere Leser gar nicht weiter stören.

Allerdings erschöpft sich das Buch nicht im Erzählen der durchaus verwickelten Handlung, sondern auf einer zweiten Ebene verhandelt Schlink einmal mehr seine Lieblingsthemen: Die Nachwirkungen und die Nachgeschichte des Nationalsozialismus und die Frage nach der Gerechtigkeit. Dabei geht es besonders zum Ende des vierten und im fünften Teil durchaus anspruchsvoll zur Sache, wobei allerdings gefragt werden kann, ob es nicht mehr beim Anspruch bleibt als dass es zur Erfüllung dieses Anspruchs kommt. Da spielt zum Beispiel die Philosophie des Dekonstruktivismus eine nicht unbedeutende Rolle. Nun ist dem Autor durchaus klar, dass ein Großteil seiner potentiellen Leser mit dem Wort wenig werden anfangen können und will ihnen deshalb ein wenig Hilfestellung leisten:

Dekonstruktivismus bedeutet Ablösung des Texts von dem, was der Autor mit ihm gemeint hat, und Auflösung in das, was der Leser aus ihm macht; er geht sogar weiter und kennt keine Wirklichkeit, sondern nur die Texte, die wir über sie schreiben und lesen.

Das ist nicht falsch, aber es besagt so zusammenhanglos, wie es auch im Buch stehen bleibt, wenig und ist am Ende nur eine philosophische Klippschuldefinition. Dabei ist – wie gesagt – das Thema Dekonstruktivismus nicht nur eine intellektuelle Verzierung des Romans, sondern gehört zum gedanklichen Kernbestand dessen, worum es Peter Debauer und seinem Autor geht: Um die Frage nämlich, ob und in welcher Form das Böse, das im Nationalsozialismus in fürchterlichster Form in Erscheinung tritt, heute noch immer wirksam ist und in einem »modernen intellektuellen Faschismus« fortsetzt wird. Und ob und wie sich die Generation der Söhne von den Theorien der Väter absetzen kann, ohne dass es ihnen gelingt, die Kernfrage nach dem Verhältnis von Gut und Böse auch nur annähernd zu beantworten.

Gerade in seinem denkerischen Kern bleibt das Buch halbherzig: Auf der einen Seite will es ein ernstes und anspruchsvolles Thema transportieren, auf der anderen Seite traut es sich nicht, seinen Lesern den dazu notwendigen Aufwand an gedanklicher Differenzierung und Theorie tatsächlich zuzumuten. Es will sein Thema einerseits nicht auf Kosten der Wahrhaftigkeit popularisieren, andererseits die Romanhandlung nicht durch langatmige theoretische Exkurse überfrachten. Und so fürchte ich, dass am Ende viele Leser Schlinks unbefriedigt bleiben: Diejenigen, denen diese Ebene letztlich unzugänglich bleibt, stehen ein wenig ratlos vor den letzten 110 Seiten, und diejenigen, die an der Auseinandersetzung teilnehmen könnten und wollten, sind enttäuscht, weil das Buch nirgends wirklich ein Niveau erreicht, auf dem es über intellektuelle Banalitäten hinausgelangen würde. Und so ist das Buch – je nach Perspektive – entweder 150 Seiten zu lang oder 700 Seiten zu kurz geraten.

Bernhard Schlink: Die Heimkehr. Diogenes Verlag, 2006. Leinen; 375 Seiten. 19,90 €.

Colm Tóibín: Porträt des Meisters in mittleren Jahren

toibinNoch ein Henry-James-Roman, der ebenso wie David Lodges »Autor, Autor« aus dem Jahr 2004 stammt. Der Originaltitel lautet schlicht »The Master«, aber das Marketing beim Hanser Verlag fand offenbar die Joyce-Anspielung schick.

Das Buch setzt später ein als das von Lodge: Jedes der elf Kapitel ist mit einer Monatsangabe überschrieben und das erste Kapitel beginnt im Januar 1895 mit der desaströsen Premiere von James’ Theaterstück »Guy Domville«, und es folgen dann drei weitere Kapitel bevor das Buch das einigermaßen kontinuierliche Erzählen aufgibt und sich in Sprüngen bis zum Oktober 1899 bewegt; allerdings umfasst das letzte Kapitel auch noch den Übergang in das Jahr 1900.

Insgesamt ist Tóibíns Buch bei weitem nicht so konzentriert wie das von Lodge. Tóibín unternimmt lange Rückblenden, die zum Teil weitere Rück- oder Vorblenden enthalten, so dass man am Anfang manch eines Abschnitts nicht ganz sicher sein kann, wo in der Chronologie man sich gerade befindet. Man vermisst einen roten Faden, der das Buch strukturieren würde; im Grunde laufen alle Erzählstränge recht unverbindlich nebeneinander her und James muss für die Assoziationsbrücken des Autors Tóibín geradestehen.

Da geht denn dann auch einiges schief: So erfährt der Leser auf S. 235 zum ersten Mal etwas über Constance Fenimore Woolson, die Henry James bis zu ihrem Freitod in Venedig im Januar 1894 sehr nahe gestanden hatte. Dementsprechend heißt es dann zwei Seiten später:

Ihr Tod war für Henry, ebenso wie der seiner Schwester Alice, ein ständiger täglicher Begleiter.

Wenn das so war, dürfte die Frage berechtigt sein, warum der Leser davon erst nach über 230 Seiten Kenntnis erlangt, nachdem er bereits dreieinhalb Jahre im Leben des Henry James hinter sich gebracht hat. Solche Beliebigkeiten in der Darstellung finden sich recht häufig.

Im Gegensatz zu Lodge, der das Thema eher dezent anspricht, betont Tóibín die vermutliche Homosexualität Henry James’ stark und setzt sich deshalb auch intensiv mit den Prozessen um Oscar Wilde auseinander, denen James aufgrund der ihm zugeschriebenen habituellen Invertiertheit fasziniert folgen muss.

Recht gelungen ist die Darstellung des älteren Bruders William James und seiner Familie im letzten Kapitel des Buches, aber alles in allem wäre wahrscheinlich anzuraten, die Lektürezeit besser auf das Buch von Lodge oder die Biographie von Leon Edel zu verwenden.

Colm Tóibín: Porträt des Meisters in mittleren Jahren. Hanser Verlag, 2005. Pappband; 427 Seiten. 24,90 €.

Die Rückseite des Hakenkreuzes

rueckseiteIch war schon seit längerer Zeit immer wieder an dem Buch vorüber gekommen, hatte mich aber leider bislang nie entschließen können, es zu lesen. Die Sammlung ist zum ersten Mal 1993 bei dtv erschienen und hat dort bis 2001 vier Auflagen erlebt. Zurzeit ist es in einer Sonderausgabe beim Matrix Verlag greifbar. Das Buch enthält – spärlich kommentiert – Originaltexte aus den Akten des Dritten Reiches. Dabei kreisen die allermeisten Fundstücke um Hitler und seine Führungsriege und präsentieren auf absonderliche, beinahe absurde Weise die bürgerliche Normalität, die das Grauenhafte dieses Regimes begleitet hat.

Wichtig für die Wirkung des Buches ist es, es nicht als Nachschlagewerk zu benutzen, sondern es von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen. Nur durch die Ballung der Doppelmoral, Eitelkeiten, Intrigen, Verleumdungen, Vertuschungsversuche, Diebstähle, des hohlen Pathos, der Phrasen und offensichtlichen Lügen entsteht der Eindruck davon, welch einer durch und durch schuftigen Verbrecherbande die Deutschen 1933 ihr Land zur Regierung überantwortet hatten und mit welcher Lammfrommheit bis weit in die Katastrophe hinein immer noch Deutsche sich bereit fanden, dieser Clique die Stange zu halten.

Natürlich reizt es, Beispiele zu zitieren. Aber zum einen wird jeder Leser seine eigenen Favoriten finden und zum anderen hieße das genau jene Wirkung aufheben, die das Buch im Ganzen erreichen kann: Die grauenvolle Normalität und Banalität, mit denen diese Menschen agiert haben, nicht zur Anekdote zu reduzieren, sondern in ihrer Alltäglichkeit begreiflich zu machen. – »Was ist der Mensch, und was kann aus ihm werden?«

Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderlichkeiten aus den Akten des »Dritten Reiches«. Hg. v. Beatrice u. Helmut Heiber. Lizenzausgabe Wiesbaden: Matrix Verlag, 2005. Pappband; 413 Seiten. 9,95 €.