Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus einem Totenhause

Unter solchen Erzählungen also oder, richtiger gesagt, unter solchem Geschwätz verging manchmal die Zeit, die uns so langweilig war. Hergott, was war das für eine Langeweile! Die langen, schwülen Tage waren einander so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Wenn man doch wenigstens ein Buch gehabt hätte!

Der junge Autor Fjodor Dostojewskij war im April 1849 verhaftet worden, da er an Treffen des Kreises um Michail Petraschewski teilgenommen hatte und damit in den Verdacht geraten war, ein Staatsfeind zu sein. Die Verhaftung stellte eine hysterische Reaktion des russischen Staates auf die europäischen Revolutionen von 1848/1849 dar, von denen man fürchtete, sie würden auch in Russland eine entsprechende Fortsetzung finden. Dostojewskij wurde zusammen mit anderen sogenannten Verschwörern zum Tode verurteilt und erst nach der Inszenierung einer Scheinhinrichtung zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien und anschließendem Militärdienst begnadigt.

Die Aufzeichnungen aus einem Totenhause sind nicht nur eine Verarbeitung der sibirischen Haftzeit, sie sind auch ein wichtiger Schritt für den Autor zurück in das literarische Leben Russlands. Dostojewskij war sich sicher, dass das Buch ein Erfolg werden würde, da bis dahin in der russischen Literatur keine Beschreibung des Gefangenenlebens in Sibirien existierte und das Buch deshalb allein stofflich auf großes Interesse stoßen werde.  Ab Herbst 1861 erschien der Text in Fortsetzungen in der Monatszeitschrift Wremja, die von Dostojewskijs Bruder Michail herausgegeben wurde. Dass der Text hier erscheinen konnte, zeigt die inzwischen eingetretene Liberalisierung der russischen Verhältnisse unter Zar Alexander II.

Die Aufzeichnungen bedienen sich äußerlich der damals beliebten Form der Reiseerzählung: In einer Mischung aus objektivierender Erzählung und tagebuchartig präsentierten subjektiven Erlebnissen wird dem Leser ein Blick in eine ihm unbekannte Welt geboten. Normalerweise galt das Interesse exotischen Orten – der Südsee, der Wildnis ferner Kontinente etc. –, aber Dostojewskij begriff, dass diese Form zu weit mehr geeignet war. Um den autobiographischen Bezug abzuschwächen, benutzte er die im 19. Jahrhundert beliebte Herausgeber-Fiktion: Der Erzähler gerät zufällig an den schriftlichen Nachlass des ehemaligen Sträflings Alexander Petrowitsch Gorjantschikow, der wegen der Ermordung seiner Frau zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt worden war und nach der Haft dort als Ansiedler sein Leben fristete. Wie wenig diese Herausgeber-Fiktion allerdings wahrgenommen wurde, zeigt sich darin, dass Dostojewskij sich für den Rest seines Lebens mit dem Verdacht herumschlagen musste, er selbst sei wegen Ermordung seiner Gattin nach Sibirien geschickt worden.

Dass die äußere Form nur als Hilfsmittel dient, wird besonders im zweiten Teil des Buches deutlich, dass in einzelnen Kapiteln zum Teil deutlich von diesem Muster abweicht. Am bekanntesten und berühmtesten dürfte die Binnenerzählung Akulinas Mann sein, die von der Karriere eines Trinkers erzählt, der aus finanziellen Motiven heraus eine unehrenhafte Frau heiratet, nach der Hochzeit ihre Unschuld erkennen muss und sie schließlich in einer Mischung aus Trunksucht, Wut und Selbstverachtung in einem Akt ungehemmter Gewalt ermordet. Dostojewskij nutzt hier nicht nur das allgemeine Interesse seiner Zeitgenossen an der vergleichsweise neuen Form der Kriminalerzählung, sondern dringt auch in Bereiche der Wirklichkeit vor, die literarisch zuvor nie geschildert worden waren. Das Buch besticht hier in jedem Detail durch Authentizität und Schonungslosigkeit der Darstellung. Es stellt eine wichtige Zwischenstufe zu Dostojewskijs späterer Auseinandersetzung mit Fragen der Moral und des Verbrechens dar.

Ein faszinierendes Buch, von dem ich bereue, es nicht schon früher gelesen zu haben, doch hatte ich immer Schwierigkeiten mit den älteren Übersetzungen Dostojewskijs ins Deutsche. Die bei Reclam vorliegende Übersetzung von Hermann Röhl stammt von 1921 und sollte besser durch eine aktuelle ersetzt werden.

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus einem Totenhause. Aus dem Russischen von Hermann Röhl. RUB 2647. Stuttgart: Reclam, 1999/2017. Broschur, 511 Seiten. 9,– €.

Theodor Fontane: Theaterkritik 1870–1894

Als Theodor Fontane im August 1870 die Position des Theaterkritikers der Vossischen Zeitung übernahm, war er in Berlin bereits weltberühmt. Zwar stand seine Karriere als Romanautor, als der er der Nachwelt hauptsächlich bekannt sein sollte, noch bevor, doch hatte er bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Von seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg waren bereits zwei Bände erschienen, zudem drei Bücher über seine Zeit in England und Schottland und eines über den Schleswig-Holsteinschen Krieg von 1864, der seine Schriften als Kriegsberichterstatter einleitete, den heute unbekanntesten Teil des Gesamtwerks. Er war ein bekannter und beliebter Journalist, doch war er bislang nur punktuell und eher zufällig als Theaterkritiker tätig gewesen. Die neue Stelle garantierte seiner Familie ein regelmäßiges Einkommen und war daher besonders seiner Gattin höchst willkommen.

Ab August 1870 sollte er für über 20 Jahre das Theaterleben Berlins als Kritiker begleiten, vom Publikum, den Theaterleuten und anderen Kritikern naturgemäß nicht immer geliebt – „Da sitzt das Scheusal wieder“ habe er oft auf den Gesichtern des Publikums gelesen, wird er später seine Position selbst zusammenfassen –, aber seine Theaterkritiken erzeugen ein geschlossenes Bild des Berliner Theaterlebens von einem Standpunkt aus, das in seiner Breite und Intelligenz als einmalig gelten darf. Sicherlich muss es für den heutigen Theaterwissenschaftler um andere Perspektiven ergänzt werden, aber für den zeit- und kulturhistorisch Interessierten liefern Fontanes Kritiken einen unschätzbaren Einblick in das Berliner Kulturleben des jungen Kaiserreichs.

Die Kritiken umfassen alle Genres des damaligen Theaterbetriebs: Klassiker, Unterhaltungsstücke, aktuelle Tragödien, gegen Ende dann auch den Aufstieg des naturalistischen Theaters, also Ibsen und Hauptmann; sogar Arno Holz und Johannes Schlaf hat Fontane noch gesehen und besprochen. Auch heute halb – Karl Gutzkow, Paul Heyse oder August Wilhelm Iffland, um nur drei aufs Geratewohl zu nennen – oder ganz vergessene Autoren lassen sich in den Besprechungen wiederentdeckten. Es ist bereits ein Genuss, nur das Verzeichnis der besprochenen Stücke durchzublättern und ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Stücke welche Bedeutung für den Spielplan hatten: Allein Emilia Galotti wird 14 Mal besprochen, Schiller – dessen Wilhelm Tell am Anfang und am Ende der Sammlung steht – füllt mit seinen Stücke anderthalb Seiten des Verzeichnisses, während sich Goethe mit etwas mehr als einer halben begnügen muss; Shakespeare wurde häufiger gespielt als er.

Sehr schön ist, dass die Neuausgabe alle Anmerkungen, Kommentare etc. in den vierten Band packt und so die Besprechungen selbst als ein Lesebuch präsentiert, das sich über Wochen hinweg peu à peu durchstreifen lässt. Was keine Kritik an dem ausgezeichneten Kommentarband darstellen soll. Hier findet man nicht nur die oben schon erwähnten, für den gezielten Zugriff nötigen Indizes, sondern auch zu jeder Besprechung detaillierte Angaben zur Aufführung und Erläuterungen zu Textstellen, die dem heutigen Leser ansonsten rätselhaft oder schwer verständlich bleiben würden. Zudem haben sich die Herausgeberinnen die Mühe gemacht, zu Schauspielern und Spielstätten jeweils kurze biographische bzw. charakterisierende Portraits zu liefern, die Fontanes Besprechungen um jenes Wissen ergänzen, das den zeitgenössischen Lesern gemeinhin geläufig war.

Eine vorbildliche Edition eines bedeutenden Teils des Fontaneschen Werks, das sich mit dieser Ausgabe so vollständig und so angenehm wie nie zuvor entdecken lässt. Sollte auf keinem Gabentisch des Theaterfreundes fehlen!

Theodor Fontane: Theaterkritik 1870–1894. 4 Bde. Hg. v. Debora Helmer und Gabriele Radecke. Große Brandenburger Ausgabe. Das Kritische Werk. Bde. 2–5. Berlin: Aufbau, 2018. Geprägtes und bedrucktes Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen. 180,– €.

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans

Als Vorbereitung für die Lektüre von Shaws Die heilige Johanna habe ich noch einmal Schillers sehr merkwürdiges Stück über Jeanne d’Arc gelesen. Es entstand um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert unmittelbar nach der Wallenstein-Trilogie und Maria Stuart. Der Stoff hat Schiller offenbar erheblichen Widerstand entgegengesetzt, was auf der einen Seite das Märchenhafte – „romantische“! – des Stückes erklärt, andererseits die schon einigen Zeitgenossen unangenehme Veränderung des historischen Schicksals Johannas, indem Schiller sie auf dem Schlachtfeld sterben lässt und Verrat, Prozess und Hinrichtung schlicht ausblendet.

Das Problem des Stoffes dürfte auch bereits für Schiller im Wesentlichen gewesen sein, dass Johannas Auftrag und ihre aus diesem Auftrag folgende Autorität auf ihren Visionen beruhen. Dabei ist es unerheblich, ob diese Visionen die Jungfrau Maria (Schiller) oder die heilige Katharina und Margareta (so die historischen Quellen) präsentiert haben; es besteht in jedem Falle die Notwendigkeit den Status dieser Visionen zu reflektieren. Bei Schiller geschieht dies nur am Rande, in dem er in einer späten Szene des dritten Aufzugs den Teufel leibhaftig in der Gestalt eines schwarzen Rittes auftreten lässt, der Johanna davor warnt, sich nach Reims zu begeben und ihre Sendung zu erfüllen. Nur an dieser einzigen Stelle objektiviert Schiller das Eingreifen der christlichen Hinterwelt in das historische Geschehen (konsequenterweise wurde die entsprechende Szene bei den zeitgenössischen Aufführungen denn auch zumeist gestrichen); ob Johanna aber eine Gesandte oder Wahnsinnige, eine Heilige oder Ketzerin ist, bleibt völlig unklar, da diese Frage – ganz gleich, wie sie beschieden würde – die tragische   Dramaturgie des Stücks aushebeln würde. Aus diesem Grunde darf der Prozess um Johanna bei Schiller nicht einmal erwähnt werden.

Schiller ist daher dazu gezwungen, Johanna auf ganz merkwürdige Weise zu psychologisieren: Da sie, um ohne den historischen Verrat an ihr eine tragische Figur werden zu können, in irgendeiner Weise schuldlos schuldig werden muss, erfindet er in die bis dahin durchweg unmenschliche Figur das unwillkürliche Gefühl einer Verliebtheit hinein, das ihren Sündenfall herstellt. Im inneren Bewusstsein ihrer Schuld gerät sie in ein Miss­ver­hält­nis zu ihren Mitmenschen, die ihr Verhalten in Unkenntnis der inneren Verhältnisse Johannas missdeuten müssen, was zu Johannas plötzlichem und wenig notwendigem Fall aus der Gnade von König, Hof und Familie führt. Ihre nachfolgende Besinnung und Sühnung im Tod bei der Rettung ihres Königs sind notwendig im Sinne der tragischen Dramaturgie, aber psychologisch eine Niederlage, da die durch ihre Verliebtheit einmal gewonnene Menschlichkeit der Figur sogleich wieder aufgegeben wird, um sie in ihr tragisches Ende zu zwingen. Man wundert sich, dass gegen dieses erkünstelte Pathos nicht mehr Zeitgenossen Einwände erhoben haben.

Natürlich muss Schiller zugute gehalten werden, dass der historische Stoff schon auf den ersten Blick für eine Dramatisierung außergewöhnliche Schwierigkeiten bereit hält. Will man ihn aber – man entschuldige diesen faden Scherz – nun einmal auf Teufel komm raus dramatisieren, ja, tragödisieren, so ist Schillers Wurf allein deswegen einiger Respekt zu zollen. Und doch scheint ihm gleich zweierlei nicht zu gelingen: weder die Menschlichkeit seiner Protagonistin zu gewinnen, noch den Stoff aus dem Legendenhafte ins Historische zu transponieren. Doch wenigstens den Versuch des einen oder anderen darf man vielleicht erwarten.

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans. In: Sämtliche Werke. Berliner Ausgabe. Bd. 4. Berlin: Aufbau, 2005. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 901 Seiten.

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte

Es ist witzlos, ein charmanter Bursche zu sein, es sei denn, man hat Vermögen.

Neben den beiden Bänden sogenannter Märchen erschien 1891 ein weiteres schmales Büchlein von Oscar Wilde mit dem Titel Lord Arthur Savile’s Crime and Other Storys. Enthalten waren vier Erzählungen, die Wilde in seiner Zeit als Redakteur der Frauenzeitschrift The Woman’s World geschrieben hatte. Die beiden längeren haben einen humoristischen Grundton, die beiden kürzeren sind von eher anekdotischer Natur. Berühmt geworden ist aus dieser Sammlung Das Gespenst der Cantervilles, in dem eine sehr praktische und abgeklärte us-amerikanische Familie ein altes englisches Schloss kauft und das Schlossgespenst das Fürchten lehrt. Doch ganz zum Schluss wird das Schloss durch die Güte der Tochter der Familie sogar von seinem alten Spuk befreit. Es mag sein, dass Wilde, der die USA aus eigener Anschauung kannte, dies für alle alten Gespenster des Vereinigten Königsreich erhoffte.

In der Titelgeschichte wird Lord Savile aus seiner Hand vorhergesagt, er werde einen Mord begehen, eine Sache, die ihm so peinlich ist, dass er sie gern noch vor seiner bald bevorstehenden Hochzeit erledigt hätte. Seine Versuche an unangenehmen Verwandten enden kläglich, doch dann spielt ihm das Schicksal eine unwiderstehliche Gelegenheit zu. …

Die Prosagedichte sind 1894 unter diesem Titel erschienen und enthalten sechs sehr kurze, etwas verblasene Text, die sich in pseudo-biblischer Sprache an zumeist biblisch-mythologischen Motiven abarbeiten. Möglicherweise gelingt es der einen oder dem anderen, darin mehr als stilistische Phraseologie zu erwittern; ich selbst konnte mit dem abgehobenen Zeugs nichts anfangen.

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Werke in 5 Bänden, Bd. 2. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 151 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Märchen

Tatsächlich bin ich immer der Ansicht gewesen, daß harte Arbeit nur eine Zuflucht ist für Leute, die sonst nichts zu tun haben.

Zwei der schmalen Bände mit Erzählungen Oscar Wildes werden traditionell dem Genre Märchen zugeordnet, wobei einige dieser Texte tatsächlich charakteristische Elemente des Kunstmärchens aufweisen: Prinzen und Prinzessinnen, redende Tiere, wunderliche Verwandlungen von Bettlern in Könige, eine Liebesaffäre zwischen einem Fischer und einer Seejungfer und was der Dinge mehr sind. Andererseits finden sich aber auch Erzählungen, die eher der Satire angehören (Die außer­gewöhn­liche Feuerwerksrakete) oder dem historisierenden Erzählen (Der Geburtstag der Infantin).

Allgemein wird angenommen, Oscar Wilde habe seine Märchen für seine Söhne erfunden und dann anschließend veröffentlicht. Bemerkenswert ist aber, dass Der Glückliche Prinz bereits 1885 einer Gruppe von Studenten erzählt worden ist; Wildes Auseinandersetzung mit dem Genre geht also dem Erzählen für seine Söhne voraus. Besonders bei den frühen Texten – The Happy Prince and Other Tales, 1888 – machen die Abschlüsse der Erzählungen einen weit improvisierteren Eindruck als bei den späten – A House of Pomgranate, 1891. Auch weisen die späten Texte zahlreiche Stellen auf, an denen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit thematisiert werden, wenn auch Wildes Sozialkritik an allen Stellen deutlich zu kurz greift. 

»Wahrhaftig«, antwortete seine Kamerad, »wenigen wurde viel gegeben, und den anderen wurde wenig gegeben. Das Unrecht hat die Welt aufgeteilt, und nichts ist gleichmäßig verteilt außer dem Kummer.«

Aber eine solche Kritik dürfte Wilde kaum berührt haben, der eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kunstwerken immer für einen Mangel an gutem Geschmack hielt. 

Alles in allem ein sehr nettes Bändchen, das man mit Vergnügen an einem langen Nachmittag ausliest.

Oscar Wilde: Märchen. Aus dem Englischen von Susanne Luber. Werke in 5 Bänden, Bd. 3. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 207 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray

Wir leben in einer Zeit, wo man zuviel liest, um klug zu sein, und wo man zu viel denkt, um schön zu sein. 

Wildes einziger Roman, entstanden 1890, ist eine Mischung gängiger zeitgenössischer literarischer Tendenzen: Je ein Teil Schauer- und Mord-Geschichte, ein Gutteil Dekadenz-Roman, ein wenig Künstler- und der übliche Schuss Entwicklungsroman und schon ist der Plot fertig. Dies alles ist exzellent miteinander legiert worden und bildet auf den ersten Blick eine überzeugende Einheit; es leidet zwar unter dem Mangel eines bedeutenden Teils der Phantastik, nämlich dass das zentrale Motiv – hier die Übertragung von Alter und moralischem Verfall vom Protagonisten auf sein Abbild – gänzlich unerklärt bleiben muss, aber Wilde gelingt es, diesen Einfall geschickt mit der moralischen Ebene des Romans zu verflechten. 

Die Grundzüge der Fabel dürften weithin bekannt sein: Der junge, auffallend gutaussehende Dorian Gray wird von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward portraitiert. Während der letzten Sitzung lernt er im Atelier den Dandy Lord Henry Wotton kennen, der ihm seine rhetorische Theorie eines neuen Hedonismus aufschwätzt. Dorian gerät rasch unter den Einfluss Lord Henrys, was sich zum ersten Mal deutlich zeigt, als sich Dorian in eine Schauspielerin verliebt, die gerade als er sie zum ersten Mal seinen Freunden Basil und Lord Henry vorführen will, ihr darstellerisches Vermögen verliert und durchfällt. Enttäuscht und blamiert wendet sich Dorian von ihr ab und stellt daheim fest, dass sich dieser grausame Zug seines Charakters zwar in Hallwards Portrait, nicht aber in seinem Gesicht abgezeichnet hat. Auch die nachfolgende Trauer über den Selbstmord der Schauspielerin verwindet Dorian mit Hilfe von Lord Henrys Geschwätz rasch und wird so ein schlechter Mensch. 

Dorians weitere Karriere zum moralisches Monster erspart Wilde sich und uns, stattdessen bekommen wir in Kapitel 11 einen kunsthistorischen Vortrag serviert, der die umfangreiche Belesenheit Wildes dokumentiert. Wir finden Dorian nach einigen Jahren wieder als einen notorisch bekannten Lebemann, immer noch so schön wie früher und immer noch ebenso hohl. Seine Karriere des moralischen Verfalls gipfelt in einem Mord, den er noch vertuschen kann, der aber zu einer nicht unerheblichen Paranoia führt; hinzukommt, dass der Bruder der Schauspielerin versucht, deren Tod zu rächen, sich aber für den Augenblick von Dorians scheinbarem Alter verwirren lässt. Als jedoch alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden sind, möchte Dorian endlich ein neues Leben beginnen und ein guter Mensch werden. Zu diesem Zweck will er das schicksalshafte Portrait endlich zerstören, das sich aber auch am Ende als mächtiger erweist als er.

Sieht man von all diesem unerklärlichen Unfug ab, so ist es ein ganz nettes Buch. Gerade, dass die Schauer- und Mord-Romantik nur einen Nebenstrang der Erzählung bildet und Wilde das Hauptgewicht auf die moralische Entwicklung seines Protagonisten legt, macht die Geschichte erträglich. Alles in allem ist Das Bild des Dorian Gray das Gesellenstück eines Autors, der sehr genau weiß, wie die zeitgenössische Literatur funktioniert und aus seiner Analyse ein Modell des modernen Romans zu basteln versteht, das er dann mit einer einigermaßen interessanten Handlung auszustaffieren versteht. So schreiben Literaturkritiker oder -professoren ihre Romane.

Die Übersetzung von Hans Wolf ist sehr gut lesbar, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen stilistisch nicht ganz auf der Höhe von Wildes sehr elegantem Englisch ist. Sie dürfte aber wohl den wirklich zahlreichen älteren Übersetzungen klar vorzuziehen sein.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray. Aus dem Englischen von Hans Wolf. Werke in 5 Bänden, Bd. 1. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 352 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Norbert Kohl: Oscar Wilde

Die wesentliche biografische Quelle zu Oscar Wilde ist immer noch Richard Ellmanns Buch von 1988 (deutsch 1991). Aber natürlich haben Verlage und Leser das Bedürfnis nach Neuem, so dass zum letzten Wilde-Jubiläumsjahr 2000 die entsprechenden Bücher in Auftrag gegeben wurden. So auch die Biographie von Norbert Kohl bei Insel. Kohls Biographie hat den unbestreitbaren Vorteil, deutlich kürzer ausgefallen zu sein als die beinahe 800 engedruckten Seiten Ellmanns. Außerdem liest es sich angenehm glatt weg, wenn auch der Autor hier und da zur Phrase neigt, besonders wenn es zur Interpretation einzelner Werke kommt.

Auszukennen scheint er sich recht gut, soweit ich das beurteilen kann, was auch dadurch dokumentiert ist, dass Kohl parallel zur Biographie eine kleine Quellensammlung herausgeben hat (Oscar Wilde im Spiegel des Jahrhunderts). Insbesondere die Darstellung der Prozesse und der letzten Lebensjahre fand ich konzise und überzeugend. 

Ein echter Höhepunkt findet sich gegen Ende, als es um die für den öffentlichen Geschmack etwas zu prominent ausgefallenen Geschlechtsteile des Grabmonuments Wildes geht: 

Kaum war Epsteins Grabmonument im Jahre 1912 aufgestellt worden, als es auch schon das Mißfallen des »conservateur en chef du Père-Lachaise« erregte, dem die Größe der Genitalien mißfiel. Nachdem alle Bemühungen, die anstößigen Teile mit Gips zu ummanteln bzw. hinter einem bronzenen Feigenblatt als cache-sexe zu verbergen, nichts fruchteten, weil sie immer wieder entfernt wurden, umhüllte man kurzerhand das gesamte Grabmal mit einer Plane. Erst ab 1914 war es wieder zu besichtigen. Noch 1961 nahmen Unbekannte an der ausgeprägten Männlichkeit des geflügelten Wesens Anstoß und schlugen ihm beide Testikel ab, die fortan dem Konservator des Friedhofs als Briefbeschwerer (!) dienten und seit langem verschollen sind. 

Ich denke, zumindest dieses Detail der Nachwirkung Oscar Wildes sollte bekannter sein. 

Norbert Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Insel, 2000. Pappband, Fadenheftung, 344 Seiten. Nicht mehr lieferbar. 

Oscar Wilde: Komödien

Die Wahrheit ist selten rein und niemals schlicht. Unser zeitgenössisches Leben wäre sehr uninteressant, wenn sie auch nur eins von beiden wäre, und zeitgenössische Literatur ein Ding der völligen Unmöglichkeit.

Der hier besprochene Band entstammt der etwas merkwürdigen, fünfbändigen Werkauswahl Oscar Wildes, die 1999 im Vorfeld des 100. Todestages bei Haffmans in Zürich erschienen ist. Die Ausgabe ist auf der einen Seite fraglos sehr hübsch gestaltet, durchweg neu übersetzt, auf Dünndruckpapier gedruckt und  fadengeheftet, in ein schillerndes, silbergraues Leinen gebunden und mit ungewöhnlichen, wachspapiernen Schutzumschlägen versehen.  Auf der anderen Seite kommt sie mit dem – möglicherweise selbstironischen – Anspruch daher, sie verstehe sich „als die definitive deutsche OSCAR WILDE WERKAUSGABE für das nächste Jahrtausend.“

Selbst wenn man davon absieht, dass der Verlag gleich im ersten Jahr dieses nächsten Jahrtausends Konkurs angemeldet hat, ist auch die Auswahl aus den Werken von der Art, dass von definitiver Werkausgabe kaum die Rede sein kann: Keines der Gedichte Wildes wurde übersetzt, bei den Theaterstücken liefert man nur die vier Komödien, “De Profundis” fehlt ebenso wie alle frühen essayistischen Schriften; die Frage, ob “The Portrait of Mr. W.H.” überhaupt unter die Essays gehört, ließe sich immerhin diskutieren.

Wie dem auch sei, Haffmans legte in Band 5 der Werkauswahl die vier Gesellschaftskomödien, die in England Wildes populären Ruhm begründeten, in einer frischen Übersetzung durch Bernd Eilert vor. Eilerts Texte sind auf der Höhe des Wildeschen Humors, was für die Komödien das wichtigste Kriterium der Übersetzung zu sein scheint; da ich seit langem nicht mehr ins Theater gehe, habe ich leider keine Ahnung, inwieweit sich Eilerts Übersetzung auf den deutschen Bühnen durchgesetzt hat, bzw. ob man Wilde dort überhaupt noch in bedeutendem Umfang spielt.

Die Komödien sind im Einzelnen:

— Lady Windermeres Fächer ist eine moralische Ge­sell­schafts­ko­mö­die, deren titelgebende Protagonistin ihren Mann einer Affäre verdächtigt. Der Knoten des Stücks wird geschürzt, indem Lord Windermere seine misstrauische Gattin dazu nötigt, seine mutmaßliche Geliebte Mrs. Erlynne zu einer Abendgesellschaft einzuladen, um sie gesellschaftsfähig zu machen und ihr die Heirat mit dem in sie vernarrten Lord Augustus Lorton zu ermöglichen. Windermeres Absicht ist es im Wesentlichen, Mrs. Erlynne loszuwerden, die ihn damit erpresst, dass sie öffentlich bekannt machen könnte, die Mutter von Lady Windermere zu sein und so deren Ruf gesellschaftlich zu ruinieren.

Die Komödie arbeitet in der Hauptsache mit den üblichen Tricks der Halb- und Uninformiertheit ihrer Figuren, die in einem vom Publikum vollständig durchschauten Labyrinth der Missverständnisse herumtaumeln. Die hohe Moralität Lady Windermeres wird von der mütterlichen Aufopferung der vermeintlich bösen Mrs. Erlynne übertrumpft, mit der dann aber auch nicht so endgültig ernst gemacht wird, damit das Stück nicht nur alles in allem, sondern auch im Detail gut ausgeht. Eine wirkliche Auflösung fehlt: Wilde hält das System von Lügen, auf dem die Moralität der vorgeführten Gesellschaft beruht, aufrecht. Er spielt nur für einen kurzen Moment im 4. Akt mit dem Umschlagen der Handlung in eine Tragödie, die im Stück durchaus angelegt ist, um das Publikum wenigstens an einer Stelle aus dem Dusel der Überlegenheit aufzustören, glättet aber alles gleich wieder, wie es sich für eine Komödie gehört.

— Eine Frau ohne Bedeutung ist Wildes ernsteste und schwergängigste Komödie. Im Zentrum steht eine Variation der Mrs. Erlynne, Mrs. Arbuthnot, die aufgrund eines unehelichen Kindes, Gerald, aus der Gunst der Guten Gesellschaft herausgefallen ist. Gerald wird nun durch einen Zufall unwissentlich von seinem Vater Lord Illingworth als Sekretär angestellt, was dem jungen Mann nicht nur den Weg in die Bessere Gesellschaft öffnet, sondern ihm auch ermöglichen würde, der von ihm heimlich geliebten Miss Hester Worsley, einer jungen US-Amerikanerin, einen Heiratsantrag zu machen.

Die eigentliche Handlung spielt hauptsächlich auf dem Landsitz von Lord und Lady Pontrefact, auf dem sich alle relevanten und einige zusätzliche Figuren aufhalten. Mrs. Arbuthnot wohnt in der Nachbarschaft und wird, als Mutter des anwesenden Sekretärs Gerald, ebenfalls zu Besuch geladen. Es kommt natürlich zur entlarvenden Gegenüberstellung von Mrs. Arbuthnot und Lord Illingworth. Illingworth, ein in die Jahre gekommener, zynischer Dandy, reagiert ganz pragmatisch auf die vorgefundene Situation: Er ist bereit, die Mutter seines Sohnes zu heiraten, diesem ein Gutteil seines Nachlasses zu vermachen und ihm so wenigstens halbwegs die Anerkennung der Guten Gesellschaft zu verschaffen. Mrs. Arbuthnot lehnt diesen Vorschlag rundweg ab: Sie hat vor zusammen mit ihrem Sohn und ihrer künftigen Schwiegertochter nach Amerika zu gehen und dort ein von den Zwängen der englischen Gesellschaft befreites, neues Leben zu beginnen.

Über diese Entgegensetzung kommt die Komödie letztendlich nicht hinaus, im Komödiensinne findet keine Auflösung des zugrunde liegenden Konfliktes statt. Sicherlich geht es in einem ungewissen Sinne gut aus, und die Protagonistin bewahrt ihre moralische Integrität, aber dies nur um den Preis der endgültigen Ablösung von der Bühnengesellschaft. Das Stück geht überhaupt nur deshalb als Komödie durch, weil es einerseits mit einer breiten Parodie des gesellschaftlichen Lebens des englischen Adels beginnt und es andererseits das „Amerika, du hast es besser“ als utopischen Ausblick verkaufen kann. Wilde war mit der Moral seiner Komödie sicherlich zufrieden; mit der Komödie selbst hätte er es besser nicht sein sollen.

— Ein idealer Ehemann zeigt einen erheblichen Fortschritt Wildes als Komödienautor. Diesmal kehrt die Protagonistin seiner ersten Komödie als Lady Chiltern zurück. Auch sie ist von hoher, offiziöser Moral, hält die höchsten Stücke auf ihren politisch aktiven Ehemann, dem eine bedeutende politische Karriere bevorzustehen scheint. Auch diesmal taucht eine zwielichtige Frau im Leben von Sir Chiltern auf, die mit ihm durch seinen früheren Mentor verbunden ist. Diese Mrs. Cheveley besitzt einen Brief, der beweist, dass Chiltern seine politische Karriere und sein Vermögen auf den Verrat eines Staatsgeheimnis gegründet hat; sie will Chiltern dazu nötigen, sich in seiner Funktion als Unterstaatssekretär des Außenministeriums für eine Börsenspekulation stark zu machen, in die Mrs. Cheveley ihr Vermögen investiert hat. Chiltern steht aber unmittelbar davor, gerade diese Spekulation als Betrug zu entlarven. Er ist sich einerseits bewusst, dass das Bekanntwerden seines Verrats nicht nur seine politische Karriere, sondern auch die Ehe mit seiner hoch moralischen Frau beenden wird. Andererseits würde auch der von Mrs. Cheveley geforderte Meinungswechsel ihn in einen fatalen Konflikt mit seiner Ehefrau stürzen. Der geschürzte Knoten scheint unauflöslich und notwendig in eine Katastrophe zu führen.

Die Auflösung hängt Wilde an eine der gelungensten Nebenfiguren der Literatur des gesamten 19. Jahrhundert: Viscount Goring verkehrt im Hause der Chilterns nicht nur als enger Freund des Ehemannes, sondern er ist ebenso ein heimlicher Bewunderer Lady Chilterns und der Ehemann in spe von Roberts Schwester Mabel. Lord Goring ist der ideale Dandy, geistreich und zugleich oberflächlich, intellektuell und albern, in einem tiefen Sinne moralisch und zugleich jede Forderung der gesellschaftlichen Moral verwerfend. Er und die leichtlebige, witzige Mabel bilden das ideale Komödienpaar des Stücks. Goring ist aber nicht nur dies, sondern er ist auch ein früherer Liebhaber Mrs. Cheveleys und anscheinend deren einziger Schwachpunkt. Und Goring wiederum hat ein Mittel zur Erpressung der Erpresserin in der Hand, womit er die Herausgabe des belastenden Briefes erzwingt, den er sogleich verbrennt. Chiltern bewährt sich, ohne zu wissen, dass er bereits gerettet ist, aufs Beste und entlarvt, wie geplant, den Börsenbetrug, und nach ein paar weiteren Wendung und Drehung endet alles so gut, wie man es von einer Komödie erwarten darf; sogar eine Hochzeit zeichnet sich ab: Mabel und Lord Goring gehen fröhlich in das Glücksversprechen des 19. Jahrhunderts ein.

Man kann kaum umhin, Wilde für diese Komödie hohe Anerkennung zu zollen: Sowohl ist der zugrunde gelegte Konflikt ist in seiner scheinbaren Ausweglosigkeit mutig als auch ist die Art der Auflösung dieses und der zusätzlich mit Bedacht eingeführten kleineren Verwerfungen von einer Eleganz, die ihresgleichen sucht. Das ganze Stück läuft wie eine wohl geölte Maschine ab, obwohl der analytische Zuschauer nach dem 1. Akt fürchten muss, dass es dem Autor katastrophal missraten wird. Zudem zieht sich durch das ganze Stück nicht nur ein sprachlicher Witz, sondern zudem ein tief menschlicher Humor, der am Ende alle Figuren ein wenig demütig und wehmütig zurücklässt. Dieses Stück präsentiert ein ganz seltenes Zusammengehen von dramaturgischer Finesse und inhaltlicher Souveränität.

— Ernst – und seine tiefere Bedeutung ist Wildes leichteste und wahrscheinlich auch von daher beliebteste Komödie. Bereits der Untertitel „Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute“ weist darauf hin, dass Wilde sich hier von dem Versuch verabschiedet, Moral auf der Bühne mit einiger Ernsthaftigkeit zu diskutieren. Stattdessen liefert er einen Komödienplot, wie er auch heute noch jede gute Boulevardkomödie ziert: John Worthing, als Findelkind von einem gutherzigen Adeligen großgezogen, lebt ein Doppelleben: Einerseits ist er ein verdienstvolles Mitglied der ländlichen Gesellschaft um seinen Herrensitz herum, andererseits führt er unter der Identität seines leichtlebigen Bruders Ernst ein lockeres Junggesellendasein in London. Dort ist er nicht nur eng befreundet mit dem finanziell etwas angestrengten Adeligen Algernon Moncrieff, er ist auch verliebt in dessen Cousine Gwendolen Fairfax, der er gleich zu Anfang des Stücks einen Heiratsantrag macht, der von ihr freudig angenommen, von ihrer Mutter Lady Bracknell aber aufgrund der unklaren Herkunft Worthings irritiert abgewiesen wird.

Nach dem diesen Knoten etablierenden 1. Akt verlegt Wilde die restliche Handlung auf den Landsitz Worthings, auf dem Algernoon am nächsten Tag auftaucht und sich als Johns Bruder Ernst ausgibt, den John in der Stadt verfehlt habe. Algernon verliebt sich augenblicklich in Johns Mündel Cecily, die wiederum längst eine Phantasie-Verlobung mit dem von ihr erträumten Ernst Worthing eingegangen ist. Natürlich verkompliziert die Ankunft zuerst Johns und dann Gwendolens die Lage, die durch das Eintreffen von Lady Bracknell abschließend auf die Spitze getrieben wird. Ebenso natürlich geht alles so gut aus, wie man das bei einem solchen Plot erwarten darf: Es hagelt geradezu glückliche Eheschließungen, alle, die sich kriegen sollen, kriegen sich und noch mehr, John und Algernon sind tatsächlich Brüder, und selbst Gwendolens Obsession mit dem Vornamen Ernst – die dem ganzen Stück seinen zweideutigen Titel gibt – wird zu einem guten Ende geführt. Nicht umsonst lässt Übersetzer Eilert Wildes Lady Bracknell ganz am Ende feststellen: „das sieht mir hier doch alles stark nach Volkstheater aus.“ (Einer der frechen Eingriffe in den Text; bei Wilde lautet Lady Bracknells abschließende Bemerkung weit weniger deutlich: “My nephew, you seem to be displaying signs of triviality.”)

Der Trivialität der Handlung und ihrer gänzlich unbesorgten Durchführung steht ein hohes Niveau sprachlichen und inhaltlichen Witzes zur Seite, die das Stück aus der Massenware der Trivialkomödien heraushebt. Der durchweg ironische Umgang der Hauptfiguren mit sich selbst und untereinander, die unsinnig sinnigen Dialoge, das konsequente, oft gewollte Aneinander-Vorbeireden und die durchgehend als reines Spiel markierte Handlung bilden den Kern des Erfolgs dieses Stückes.

Es ist sehr, sehr bedauerlich, dass Wildes Karriere durch den Hass und die Intoleranz seiner Zeit und Zeitgenossen so gewaltsam beendet worden ist. Er hätte mit Sicherheit noch zahlreiche Meisterstücke für die Bühne geliefert, vielleicht am Ende sogar noch erreichen können, dass man ihn auch in seiner Wahlheimat England als tragischen Dramatiker anerkannt hätte. So müssen wir wie immer Vorlieb nehmen mit dem, was wir haben.

Oscar Wilde: Komödien. Aus dem Englischen von Bernd Eilert. Werke in 5 Bänden, Bd. 5. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 632 Seiten. Derzeit noch lieferbar in einer einbändigen Ausgabe der Werkauswahl bei Zweitausendeins.

Thomas Mann: Buddenbrooks

»Tom, Vater, Großvater und die Anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht mehr. Ach, es ist so hart und traurig!«

Der erste und bis heute zu Recht beliebteste Roman Thomas Manns. Erzählt wird die Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie über gut 40 Jahre hin, beginnend mit Jahr 1835 als die Familie ein neues Haus bezieht, was sich rückblickend als der tatsächliche Höhepunkt ihrer geschäftlichen Stellung erweisen soll. Ganz im Sinne des Untertitels „Verfall einer Familie“ erweisen sich alle späteren Erfolge als Scheinsiege, die nur für eine Weile noch den wahren Status der Familie überdecken. Die scheidende Generation des alten Johann Buddenbrook blickt mit rationalem Kopfschütteln auf die religiöse Euphorie der romantischen Generation seines Sohnes Jean; die Generation der Enkelkinder Thomas, Christian und Antonie wird nicht nur in geistiger Orientierungslosigkeit heranwachsen, sie wird auch – in unterschiedlicher Weise – unter ihrem zu empfindlichen Nervenkostüm zu leiden haben. Die Geschichte der Familie vollendet sich in Thomas Sohn Hanno, einer überfeinerten Künstlernatur, die nicht mehr in der Lage ist, den zum Leben nötigen Willen aufzubringen und sich dem Typhus ergibt und aus dem Leben entkommt.

Bricht man das Buch auf diese Struktur herunter, kann man den Verdacht entwickeln, dass es zu konstruiert sei, um gelingen zu können; Thomas Mann versteht es jedoch, dieses Skelett des Romans mit einer solchen Fülle von zeitspezifischen und – man entschuldige – allgemein menschlichen Details anzureichern, dass die Konstruktion tatsächlich als Skelett eines organischen Ganzen zurücktritt. Je weiter die Erzählung fortschreitet, desto mehr verschiebt Mann den Fokus der Erzählung vom Gesellschaftsroman hin zur Familiengeschichte, was in einer nahezu eigenständigen, in sich geschlossenen Geschichte des Schülers Hanno gipfelt, dessen früher Tod auch den Abschluss des Familienromans bildet.

Für einen so jungen Autor – Mann war erst 21 Jahre alt, als er den Roman begann – weist das Werk nicht nur einen ungewöhnlich stimmigen und detaillierten historischen Hintergrund auf, er belegt auch Manns differenziertes sprachliches Vermögen und außergewöhnliches erzählerisches Gespür. Zusammen mit dem zu dieser Zeit offenbar noch bestehenden Vertrauen in den Stoff seiner Erzählung macht diese Melange »Buddenbrooks« zu Manns eingängigstem und populärstem Roman.

Ich habe an anderer Stelle schon einmal meine wechselvolle Lektüre-Geschichte mit Thomas Manns Schriften angedeutet. Meine jetzige, wohl fünfte Lektüre von »Buddenbrooks« war die bislang genussvollste und zugleich entspannteste. Kritik an Werk oder Autor erschien mir diesmal als überflüssig oder kleinlich angesichts dessen, was hier gelungen ist. Einer der großen Romane der deutschen Literatur, als sie noch ganz und gar unberührt zu sein schien von den Zweifeln des 20. Jahrhunderts.

Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Bd. 1.1. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2002. Leinen, Fadenheftung, 843 Seiten. 78,– €.

Rudyard Kipling: Kim

»Je mehr man über die Eingeborenen weiß, desto weniger kann man vorhersagen, was sie tun werden oder was nicht.«

Rudyard Kipling ist in Deutschland in der Hauptsache als Autor des „Dschungelbuchs“ wahrgenommen worden; nur wenige dürften wissen, dass er 1907 der erste englische Literaturnobelpreisträger wurde und bis heute der jüngste Träger dieses Preises geblieben ist – Kipling war erst 41 Jahre alt, als ihm der Preis verliehen wurde. Während ihn die meisten deutschen Leser als eine Art von Kinderbuch-Autor ansehen werden, war Kipling in seiner Heimat aufgrund seines politischen Engagements eine höchst umstrittene Person; von seinen Gegnern wurde er gern als Faschist beschimpft, war aber im Grunde wenig mehr als ein erzkonservativer Militarist, der mit der Militärpolitik der britischen Regierungen stets höchst unzufrieden blieb. Auch sein Bild Indiens wurde von seinen ideologischen Kontrahenten gern bespöttelt: Wie man bei George Orwell lesen kann, wurde diesem von Bekannten Kiplings versichert, Kipling habe von Indien nur wenig Ahnung gehabt.

Wie dem auch immer gewesen sein mag, bildet „Kim“ zusammen mit den beiden „Dschungelbüchern“ die Grundlage für das Indien-Bild zahlreicher Europäer. Kipling wurde 1865 in Bombay geboren und stand über die Schwestern seiner Mutter sowohl mit der künstlerischen als auch der politischen Elite Englands in verwandtschaftlicher Beziehung. Kiplings Vater war Künstler und Kunstpädagoge und später Museumsdirektor in Indien; Kipling erhielt zuerst die bei vermögenden Engländern übliche Erziehung in England; er wohnte in dieser Zeit bei seiner Tante Georgiana Burne-Jones, der Frau des Präraphaeliten Edward Burne-Jones. Eine anschließende universitäre Ausbildung in England konnte Kiplings Vater nicht finanzieren, so dass Kipling 1882 nach Indien zurückkehrte und in Lahore einen Job als Journalist bei der Civil & Military Gazette übernahm. In dieser Tageszeitung erschienen dann auch seine ersten Gedichte und Erzählungen. Bereits 1889 verließ Kipling Indien wieder und erreichte nach einer Weltreise London. Bereits verheiratet lebte Kipling anschließend für einige Zeit in den USA, bevor er sich dauerhaft in England niederließ. Als er 1907 den Literaturnobelpreis erhielt, war er bereits ein ebenso weltbekannter wie umstrittener Autor. Alle seine vier Romane hat Kipling in dem Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende verfasst – „Kim“ erschien als letzter 1901 in Buchform –, später beschränkte er sich auf Erzählungen und Gedichte.

Kim, der titelgebende Protagonist des Romans, ist ein halb irischer, halb indischer Waisenjunge, der bei einer Schwester seiner indischen Mutter in Lahore aufwächst. Als der Roman beginnt, ist Kim etwa 12 Jahre alt – die Handlung ist historisch nicht präzise einzuordnen, spielt aber sicherlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts – und von einem eingeborenen Inder kaum zu unterscheiden. Er bewegt sich auf den Basaren wie ein Fisch im Wasser, hat Freunde unter den Fakiren und ist insbesondere befreundet mit dem afghanischen Pferdehändler Mahbub Ali, für den er von Zeit zu Zeit diskret kleine Aufträge erledigt. Erzählanlass aber ist, dass Kim vor dem Museum von Lahore einen Lama, also einen buddhistischen Mönch aus Tibet kennenlernt, dem er sich nahezu augenblicklich als Schüler zugesellt. Die beiden beginnen eine Reise durch Nordindien, da der Lama auf der Suche nach einem geheimnisvollen Fluss ist, der ihm Erleuchtung bringen soll.

Unterwegs treffen die beiden auf das Regiment, zu dem Kims Vater gehörte; Kim wird als Engländer erkannt und man will ihn in eine englische Wai­sen­schu­le stecken. Doch der Lama verpflichtet sich, für Kims Ausbildung zu bezahlen, und so besucht Kim – zwar zuerst nur widerwillig – eine der besten englischen Schulen in Lucknow. Natürlich erweist es sich, dass Mahbub Ali für den englischen Geheimdienst in Indien arbeitet und Kim aufgrund seiner Intelligenz und seiner Fähigkeit, als Inder durchzugehen, für eine Karriere in diesem Dienst vorgesehen ist. Während der Ferien erhält er eine Spezialausbildung als Spion und wird nach dem Ende seiner Schulzeit – er ist nun etwa 16 Jahre alt – zusammen mit seinem Lama wieder auf die Straßen Nordindiens geschickt. Es spinnen sich eine Reihe von Geheimdienst-Abenteuern an, in denen sich Kim natürlich aufs Beste bewährt, aber auch an seine körperlichen Grenzen gerät. Das Buch hat ein offenes Ende, das den Protagonisten nach seiner ersten Bewährungsprobe quasi als Unseren Mann in Ambala in die Welt entlässt.

Kipling erzählt diese Geschichte vor einem breiten Panorama nordindischer Kultur und Landschaft. Hindus, Moslems und Buddhisten treffen aufeinander, Kim und sein Lama geraten bis in die Berglandschaft des Himalaya mit ihren wieder ganz eigenen, lakonischen Bergbauern. Auch sprachlich ist die Erzählung von einer ungewöhnlichen Fülle geprägt; wenn Kipling vielleicht auch nicht so sehr viel von der Politik Indiens verstanden haben mag, wie man dort sprach, wusste er ziemlich genau. Es ist dieser kulturelle Reichtum, der das Buch zu einem Klassiker hat werden lassen. Leider geht in sprachlicher Hinsicht in der Übersetzung notwendig viel verloren, aber Gisbert Haefs ausführlicher Kommentar und sein Nachwort holen einiges davon wieder ein.

Rudyard Kipling: Kim. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. Fischer Taschenbuch 90526. Frankfurt/M.: Fischer, 22016. Broschur, 431 Seiten. 10,99 €.