Ian Kershaw: To Hell and Back

Churchill had proposed shooting major criminals as soon as they were caught. Stalin preferred them to be tried first and then shot.

Dass Ian Kershaw einer der hervorragenden Historiker des Zweiten Weltkriegs ist, wurde hier an andere Stelle schon einmal festgestellt. Dem breiteren Publikum ist er durch seine Hitler-Biographie (1998/2000) bekannt geworden; seitdem liefert er mit schöner Re­gel­mä­ßig­keit umfangreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg. Der vorliegende Band behandelt die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (genauer 1914–1949). Es handelt sich um den ursprünglich als Abschluss geplanten 8. Band von Penguins History of Europe, der ursprünglich das gesamte 20. Jahrhundert umfassen sollte. Kershaw hat sich dann aber zwei Bände für den Zeitraum ausgebeten, so dass eine Fortsetzung bis an die Gegenwart heran noch aussteht.

Auch Kershaw folgt dem Konzept des sogenannten kurzen 20. Jahrhunderts (das, wenn ich es richtig sehe, von Eric Hobsbawm populär gemacht wurde), zumindest was den Beginn seiner Darstellung angeht. Es besteht derzeit ein weitgehender Konsens, dass mit dem Ersten Weltkrieg ein radikaler Umbruch stattfand, der so zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Konventionen des 19. Jahrhunderts in Frage stellte, dass mit ihm eine neue Epoche begann. Die Wahl für das Jahr 1949 als Abschluss des ersten Bandes ist darin begründet, dass Kershaw damit die Nachwehen sowie die politischen und sozialen Folgen des Zweiten Weltkrieges noch in den Band aufnehmen kann. So schließt der Band mit den Entwicklungen, die zum Wiederaufstieg Deutschlands im Westen und der Entstehung des Kalten Krieges führen.

Bei aller Kürze (der Band behandelt 35 Jahre der Geschichte aller europäischer Nationen inklusive Russlands bzw. der Sowjetunion auf 520 Seiten) ist die Darstellung ausgezeichnet gewichtet und umfasst nicht nur die großen Linien der politischen und militärischen Ereignisse, sondern auch soziale und kulturelle Entwicklungen. So ist das Buch wohl auch für diejenigen mit Gewinn zu lesen, die bereits über gute Kenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfügen; ich habe etwa die Beschreibung der politischen Rolle der katholischen Kirche in dieser Präzision und Kürze bislang nirgendwo anders gefunden.

Kershaw gelingt einmal mehr eine gut strukturierte und exakte Analyse des komplexen historischen Materials ohne Zuhilfenahme eines groben ideologischen Schemas. Aufgrund von Kershaws klarem Stil ist das Buch sowohl als anspruchsvolle Einführung für historische Laien als auch als auffrischender Überblick für Kenner der Materie zu empfehlen. Man darf auf den zweiten Teil des Buches gespannt sein.

Ian Kershaw: To Hell and Back. Europe, 1914–1949. London: Allen Lane, 2015. Kindle-Edition, 574 Seiten. 10,99 €.

Giorgio Agamben: Homo sacer

In der Person des Führers geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über, so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomorts) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht.

Agamben-Homo-sacerHomo sacer – der heilige oder verfluchte Mensch; die Wendung kann beides bedeuten – bezeichnet einen auf den ersten Blick höchst merkwürdigen rechtlichen Status eines Menschen im antiken Rom: Es war ein dem Tode Verschriebener, dessen Leben einerseits nicht mehr den Göttern geopfert werden konnte, der aber andererseits von jedermann straffrei ermordet werden konnte, sprich: Seine Tötung konstituierte kein Verbrechen. Der Homo sacer existierte sozusagen in einem Zwischenreich: Er war ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, er existierte reduziert auf sein bloßes animalisches Vorhandensein, auf das „bloße Leben“, wie es bei Walter Benjamin heißt. (Der Übersetzer des „Homo sacer“ wählt für den von Agamben verwendeten Terminus ‚la nuda vita‘ trotz der offensichtlichen Anspielung auf Benjamin das Wort vom ‚nackten Leben‘ als Übersetzung.)

Ausgehend von diesem religiös-juristischen Konzept der Antike und einer Analyse des Begriffs des Souveräns bei Carl Schmitt als demjenigen, der über den Ausnahmezustand entscheidet, gelangt Agamben in einer weit ausholenden Gedankenbewegung zu erstaunlich klaren Einsichten in die bürgerliche Verfasstheit der modernen Kultur. Es würde nicht nur diese, sondern wahrscheinlich jede Rezension sprengen zu versuchen, diese Denkbewegung nachzuzeichnen: Er kommt nicht nur zu einer fundamentalen Kritik der naiven Auffassung der Menschenrechte als dem Menschen qua Geburt zukommende „ewige metajuridische Werte“, sondern ihm gelingt es über die Denkfigur des Homo sacer auch, den Unbegriff des „Lebensunwerten Lebens“ und die Konstitution des „Lagers“ – nicht nur des Konzentrationslagers, sondern jeglichen Lagers zur „Behandlung“ teilweise oder gänzlich Entrechteter (Flüchtlingslager, Auffanglager, Slums) – und der aus ihm notwendig folgenden Macht- und Unrechtsstrukturen begreifbar zu machen. Wie nebenbei fallen Analysen der Politisierung des privaten Lebens, medizinischer Versuche am Menschen oder der sich ständig fortentwickelnden Definition der Grenze zwischen Leben und Tod ab.

Es kann hier nur behauptet werden, dass Agamben all dies mit vergleichsweise wenigen und einfachen begrifflichen Konzepten erreicht; selbst dort, wo man ihm auf Anhieb zu widersprechen geneigt ist, sind seine Analysen nicht auf schlichte Weise zurückweisbar, sondern bedürfen einer genauen und ausführlichen Antwort. Das beeindruckendste und einsichtsvollste politisch-philosophische Buch, das ich seit wohl zwanzig Jahren gelesen habe.

Giogio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Aus dem Italienischen von Hubert Thüring. Berlin: Suhrkamp, 2012. eBook (Kindle), 214 Seiten (Print-Ausg.). 11,99 €.

Virginia Woolf: Orlando

Nicht Orlando sprach, sondern der Geist der Epoche. Doch wer es auch war, niemand antwortete.

wollf-orlandoEs muss in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen sein, als ich unter großen Vorbehalten zwei oder drei Bücher von Virginia Woolf gelesen habe; „Orlando“ war darunter und „Die Wellen“ und wahrscheinlich noch ein weiterer Roman, wobei ich mich weder an Titel noch Inhalt irgendwie erinnern kann. Meine Vorurteile Woolf gegenüber entstammten in der Hauptsache zwei Quellen: ihrer Rezeption des Joyceschen „Ulysses“ und einer Gruppe von ideologischen Leserinnen Woolfs, die mir damals, während des Studiums, unschwer auf die Nerven gingen.

Nun hat Melanie Walz im Insel Verlag vor einigen Jahren die inzwischen vierte deutschsprachige Übersetzung des „Orlando“ vorgelegt und allein aufgrund der Übersetzerin war ich geneigt, das Buch noch einmal zu lesen. Walz Übersetzung ist die erste, die auch das formale Spiel Woolfs mit dem Genre der Biographie im Deutschen wiedergibt. Im englischen Sprachraum folgt die akademische Biographie oft einem festen formalen Schema: Vorwort, Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Text und Register. Da aber deutschen Lesern dieses Schema weitgehend unbekannt sein dürfte, haben alle früheren Ausgaben auf dessen Reproduktion verzichtet, so dass Walz’ Übersetzung als die erste tatsächlich vollständige bezeichnet werden kann. Und auch wenn es das fatale Marketinglabel „Roman“ wieder auf den Umschlag des Buches geschafft hat, so steht doch wenigstens auf seinem Titelblatt korrekt die irreführende Gattungsbezeichnung: „Eine Biographie“.

Selbstverständlich handelt es sich bei „Orlando“ nur um ein Spiel mit der Form und den Gepflogenheiten biographischen Schreibens. Der Protagonist bzw. die Protagonistin Orlando wird um 1580 geboren und ist im Jahr des Erscheinens ihrer Biographie noch immer am Leben; wahrscheinlich hat sie vor lauter Beschäftigung einfach vergessen zu sterben. Kurz zusammengefasst findet sich Orlandos Lebenslauf im Register des Buches:

Orlando – als Knabe 14; verfasst sein erstes Schauspiel 15; besucht die Königin in Whitehall 20; wird zum Schatzmeister und Großhofmeister ernannt 23; seine Liebschaften 26; und die russische Fürstin 34–39; seine erste Trance 59; zieht sich in die Einsamkeit zurück 63; seine Liebe zur Lektüre 65; seine romantischen Dramen 15 [sic!]; seine literarischen Ambitionen 67, 68, 152; und Greene 74–90; seine Urgroßmutter Moll 76; erwirbt Elchhunde 84; und sein Poem Die Eiche 99, 129, 152, 272; und sein Haus 93–96; und die Erzherzogin Harriet 101–193; als Gesandter in Konstantinopel 106–117; wird zum Herzog ernannt 113; zweite Trance 117; Heirat mit der Zigeunerin Rosina Pepita 118; wird zur Frau 122; bei den Zigeunern 125–134; kehrt nach England zurück 135; Gerichtsverfahren 148; und Erzherzog Harry 158; in der Londoner Gesellschaft 169; bewirtet die Esprits 191 [sic!]; und Mr. Pope 179; und Nell 191; mit ihrem Cousin verwechselt 193; kehrt in ihr Haus auf dem Land zurück 203; bricht sich den Knöchel 217; wird zur Frau erklärt 220; Verlobung 291; Heirat 228; Geburt des ersten Sohnes 259

Wie man sieht, ein durchaus erfülltes Leben, für das eben 350 und einige Jahre erforderlich sind. Orlando durchläuft nicht nur alle Epochen der englischen Geschichte seit der Elizabethanischen, sondern sie durchleidet auch deren stilistische und soziale Moden. All dies wird mit leichter und ironischer Souveränität betrieben und ist – bis auf wenige Längen – sehr vergnüglich zu lesen. Sicherlich kann man darin auch tiefere Bedeutungen vermuten, aber ich würde davon abraten; das Spiel als Spiel ist vollständig ausreichend, alles weitere verdirbt nur diesen wirklichen Wurf.

Die Neuübersetzung von Melanie Walz ist jener früheren, die ich las – leider kann ich nicht rekonstruieren, welche der beiden frühen Übersetzungen ich damals in der Hand hatte, ich befürchte aber, es war die von Karl Lerbs – um Welten überlegen. Der spielerische und ironische Charakter des Buches ist mir erst mit dieser Lektüre vollständig deutlich geworden. Eine genüssliche Lektüre setzt beim Leser allerdings ein gerüttelt Maß an historischer und literarischer Bildung voraus.

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Melanie Walz. it 4238. Berlin: Insel, 2015. Broschur, 304 Seiten. 8,– €.

Alfred Döblin: Die drei Spünge des Wang-lun

doeblin-drei-spruengeEs passiert einem doch vergleichsweise hartnäckigen und trainierten Leser wie mir selten, dass ich an einem Roman eines Autors, der mich interessiert, vollständig scheitere. Bei „Die drei Sprünge des Wang-lun“ habe ich nach einem Viertel des Romans aufgegeben, noch ein wenig im dritten und vierten Teil gestöbert und das Buch dann zur Seite gelegt mit dem deutlichen Eindruck, dass, was immer nun noch erzählt werden wird, mich einfach nicht interessiert.

Dass Unverständnis beginnt schon damit, dass mir in Sekundärtexten gesagt wird, der Roman spiele im China des 18. Jahrhunderts. Das tut er nicht. Der Roman spielt nirgendwo und nirgendwann, in irgendwelchen Städten und Dörfern, Bergen und Tälern, Höhlen und Hütten, die alle vollkommen gesichtslos und einander gleich sind. Seine Charaktere sind flach wie die Hermann Hesses, ihre vorgeblichen Gedanken wuschig wie die Peter Sloterdijks und die Episoden der Handlung so zufällig aufgereiht wie die Lottozahlen. Es mag schon sein, dass das alles zusammen irgendetwas bedeutet, dass die Zahnräder des Romans an irgendeiner Stelle in irgendeine irgendwann existiert habende Wirklichkeit eingegriffen und etwas angetrieben haben, aber falls dem so sein sollte, ist es mir vollständig verschlossen geblieben.

So weit ich es beurteilen kann, wird im Roman die Geschichte Wang-luns erzählt: Sohn eines Fischers, ein wilder und unerzogener Knabe eines eingebildeten Vaters, der zu einem Kerl heranwächst, der stiehlt und sich über andere lustig macht. Dann wird ihm von der Polizei ein Freund erschlagen, er wiederum erwürgt den Polizisten, flieht in die Berge und wird ein frommer Mann. Viele Dummköpfe strömen ihm zu. Er ermordet einen Teil der Dummköpfe. Er geht fort, angeln. Der Kaiser ermordet einen anderen Teil der Dummköpfe. Da wendet sich Wang-lun an der Spitze der verbliebenen Dummköpfe gegen den Kaiser. Und dann lässt er es wieder bleiben. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer chinesisch dekorierten Märchenwelt. Hermann Hesses „Siddharta“ ist ähnlich undeutlich, aber viel, viel kürzer.

Das Buch gehört in die Reihe der China-Bücher vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts (Karl May, Elisabeth von Heyking, Klabund, Hans Bethge, Albert Ehrenstein, Bert Brecht), steht aber mit seiner Entstehungszeit 1912/13 relativ früh in dieser Reihe. Es ist für seinen abgehobenen Inhalt erstaunlich gut verkauft und noch vor 1933 ins Dänische und Französische übersetzt worden. Es muss also wohl was dran sein. Nur was, habe ich nicht herausfinden können.

Gelesen habe ich: Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Chinesischer Roman. Olten/Freiburg i.Br.: Walter, 1977. Leinen, Fadenheftung, 502 Seiten.

Lieferbar ist: Dass. Fischer-Tb. 90460. Frankfurt/M.: Fischer, 2013. Broschur, 528 Seiten. 10,99 €.

John Dos Passos: Manhattan Transfer

Gebt mir Freiheit, sprach Patrick Henry und setze am 1. Mai seinen Strohhut auf, oder gebt mir den Tod. Den hat er dann ja gekriegt.

dos-passos-manhattanBei „Manhattan Transfer“ (1925) handelt es sich um einen der frühen, großen Romane, die unter dem unmittelbaren Einfluss des Joyceschen „Ulysses“ (1922) entstanden sind. Daraus ergibt sich sein Status als einer der Gründungstexte der US-amerikanischen Moderne. „Manhattan Transfer“ hat sich für einen anspruchsvollen Avantgarde-Roman außergewöhnlich gut verkauft, was auch erklärt, dass er bereits zwei Jahre nach seinem Erscheinen auf Deutsch vorlag – auch Georg Goyerts Übersetzung des „Ulysses“ erschien übrigens im Jahr 1927.

Nun haben solche raschen Übersetzungen einerseits den Vorteil, dass sie die deutsche Leserschaft darüber auf dem Laufenden halten, was jenseits der Grenzzäune so getrieben wird, andererseits stellen sie an den Übersetzer hohe Ansprüche, denn nicht nur muss er gerade erst im Entstehen begriffene formale Entwicklungen in seiner Sprache nachbilden, sondern er sieht sich auch oft mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass er sprachliche Slang-, Alltags- oder Mode-Wendungen nirgends nachschlagen kann und sich aufs Raten oder – wie Baudisch – aufs Weglassen verlegen muss. Andere Produktionshemmnisse mögen hinzugetreten sein.

Wie dem auch immer gewesen sein mag, es kann nur festgestellt werden, dass die Übersetzung von Paul Baudisch, die bislang „Manhattan Transfer“ im Deutschen vertreten musste, ihren Lesern nur ansatzweise einen Eindruck von der Qualität des Originals vermitteln konnte – und das ist noch freundlich formuliert. Schon Kurt Tucholsky fasste 1931 seinen Eindruck von Paul Baudischs Übersetzungen in dem Satz zusammen: „Merkwürdig, aus welchen Händen unsre Übersetzungen kommen!“

Es ist daher nicht nur sehr löblich, sondern es war auch dringend nötig, dass Rowohlt diesen Text hat neu übersetzen lassen. Von Dirk van Gunsteren, der seine Kunst als Übersetzer auch schon an Thomas Pynchon, Philip Roth und T. C. Boyle unter Beweis gestellt hat, liegt nun eine sehr gut lesbare Neuübersetzung  vor, von der ich insgesamt den Eindruck habe, dass sie sich auf der Höhe des Originals bewegt. Auch van Gunsteren trifft einige befremdliche Entscheidungen  – so lässt er zum Beispiel in den meisten Fällen eine dialektale, soziale oder umgangssprachliche Einfärbung der Dialoge einfach weg und verflacht auf diese Weise den Text –, aber der Gesamteindruck seiner Übersetzung ist der Baudischs so weit überlegen, dass sich ein ernsthafter Vergleich verbietet.

Erzählt wird die Geschichte von ungefähr drei oder vier Hauptfiguren, die in der Hauptsache von 1904 bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts verfolgt werden: Ellen, später Elaine und noch später Helena Thatcher, Tochter eines Buchhalters, die früh ihre Mutter verloren hat, wird Schauspielerin, heiratet einen ungeliebten Kollegen, verliebt sich in einen jugendlichen Säufer, dann in einen Journalisten, den sie im Ersten Weltkrieg lieben lernt, und endet als unglückliche Ehefrau eines Staatsanwalts. Jimmy Herf stammt aus besseren Verhältnissen, wird aber früh Waise und schlägt sich als Reporter durch. Er lernt Ellen durch eine ihrer Kolleginnen kennen, verliebt sich in sie, kommt ihr aber erst während des Krieges in Europa näher und kehrt 1918 mit ihr als Ehefrau und mit einem kleinen Sohn nach New York zurück. Jimmy ist der einzige, dem es am Ende des Romans gelingt, aus dem Dunstkreis New Yorks und damit vielleicht auch seinem Unglück zu entkommen. George Baldwin ist ein aufstrebender, junger Anwalt mit einer Schwäche fürs schöne Geschlecht. Er macht berufliche Karriere, endet als Bezirksstaatsanwalt und potenzieller Kandidat für das Amt des Bürgermeisters. Auch er verliebt sich leidenschaftlich in Ellen, verliert zwischenzeitlich sogar einmal die Kontrolle über seine Gefühle so weit, dass er versucht sie zu erschießen, und endet, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit aber mit Notwendigkeit als ihr letzter, unglücklicher Ehemann. Stanwood Emery ist ein junger, reicher Taugenichts und Ellens große und wahrscheinlich einzige Liebe. Stan ist ein notorischer Säufer, heiratet im Suff versehentlich die falsche Frau und kommt bei einem von ihm selbst verursachten Brand ums Leben.

Um diese Hauptfabel herum entwickelt Dos Passos ein reiches Panorama von Figuren und Geschichten: Bud Korpenning flieht als Mörder vom Land in die Stadt, fristet dort sein Dasein als Tagelöhner und Bettler und springt von einer der Brücken New Yorks in den Tod. Joe Harland war einst der König der Wall Street, hat sich verspekuliert und versäuft sein restliches Leben. James Merivale, ein Cousin Jimmy Herfs, ist ein opportunistischer Schwachkopf, kommt als Kriegsheld aus dem Ersten Weltkrieg und wird ein erfolgreicher Banker, der seine Schwester an einen Hochstapler verheiratet. Congo Jake ist ein französischer Matrose und Barkeeper, der als Alkoholschmuggler reich wird. John Oglethorpe (Ellens erster Ehemann), Ruth Prynne, Nevada Jones und Tony Hunter sind Schauspieler, die nie so recht den Durchbruch schaffen. Gus McNiel und seine Frau Nellie haben Glück im Unglück und machen aus einem Beinbruch eine Karriere. Joey O’Keefe ist ein Spitzel, der sich später für die Veteranen des Krieges engagiert. Dutch Robertson ist einer dieser Veteranen und macht Karriere als Räuber. Anna Cohen ist eine lebenslustige Jüdin, die gern tanzt und sich als Näherin durchschlägt; auch ihr Leben ist letztlich schicksalhaft mit dem Ellens verbandelt. Rosie und Jake Silverman sind ein Betrügerpärchen, dem kein Erfolg beschieden ist. Man könnte diese Aufzählung problemlos weiter treiben.

Alle diese Geschichten, Kleinsterzählungen und Anekdoten werden in kurzen Abschnitten – von einer halben Seite bis zu einigen Seiten Länge – vorangetrieben, die einander nach einem nur scheinbar zufälligen Muster ablösen. Dazwischen finden sich immer wieder rein impressionistische Abschnitte, aber auch kurze Blitzlichter der sozialen und politischen Verhältnisse New Yorks im frühen 20. Jahrhundert. Das korrupte Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften wird thematisiert, das Elend der Arbeitslosen, die Not der ungewollt Schwangeren, die Abschiebung politisch Unerwünschter, all dies und vieles mehr kommt oft nur wie nebenbei, aber dennoch unübersehbar in dem Gesamtbild vor, das der Roman zeichnet.

Der Roman ist mit seinem inhaltlichen und motivischen Reichtum sowie seiner musivischen Form eines der wichtigen Vorbilder für die Entwicklung des Romans im 20. Jahrhundert. Es ist sehr erfreulich, dass dieses wichtige, historische Musterbuch für deutsche Leser endlich in einer angemessenen Übersetzung vorliegt. Jeder und jedem, die an der Entwicklung der literarischen Moderne interessiert sind, sei die Lektüre dieser Neuübersetzung dringend empfohlen.

John Dos Passos: Manhattan Transfer. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Reinbek: Rowohlt, 2016. Pappband, Lesebändchen, 540 Seiten. 24,95 €.

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders

Andersch-VaterAlfred Andersch ist einer meiner kleineren Hausheiligen. Einige seiner frühen Texte sind ideologisch unnötig deutlich, aber die positive Unbestimmtheit seiner Texte nimmt mit der Zeit erfreulich zu, und mit „Winterspelt“ hat er einen der wichtigen deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts geschrieben.

Bei „Der Vater eines Mörders“ handelt es sich um die letzte von sechs Erzählungen, die um den Protagonisten Franz Kien herum erfunden wurden. Bei Franz Kien handelt es sich gemäß dem Bekenntnis des Autors um sein literarisches Alter ego, und die Erzählungen verarbeiten daher direkt autobiographisches Material, persönliche Erinnerungen. In diesem speziellen Fall handelt es sich wesentlich um eine Schulstunde im Jahre 1928, genauer eine Griechisch-Stunde, in der Franz Kien vom Rektor des Wittelsbacher Gymnasiums in München geprüft und für zu faul befunden wird. Diese Stunde bildet deshalb einen Wendepunkt in der Lebensgeschichte Franz Kiens, weil aus ihr sein Verweis vom Gymnasium resultiert, er in eine kaufmännische Lehre wechseln und einer ungewissen Zukunft entgegen gehen muss. Er teilt dies Geschick mit seinem Bruder.

Die eigentliche Ursache der Schulverweise aber liegt woanders: Franz’ Vater, ein Offizier des Ersten Weltkriegs, ist erkrankt und ohne Arbeit und kann daher das Schulgeld für seine Söhne nicht aufbringen. Der Rektor lässt die beiden Brüder aus Einsicht in die Notlage ihres Vaters dennoch das Gymnasium weiterhin besuchen, doch kann eine solche Subvention der Knaben nur durch entsprechende schulische Leistungen gerechtfertigt werden. Da sich beide aber mehr oder weniger durch den Schulbetrieb durchmogeln, erbringt der Rex in der geschilderten Schulstunde den öffentlichen Beweis, dass Franz Kien als Schüler nicht zu halten ist. Insoweit ist die gesamte Stunde eine Inszenierung, eine Vorführung, in der der Schüler Kien seine Rolle zu spielen hat, und er schlägt sich, sieht man von seinen mangelhaften Griechisch-Kenntnissen einmal ab, dabei ganz respektabel.

Ihren für den oben geschilderten Inhalt eher merkwürdigen Titel bezieht die Erzählung aus der Tatsache, dass im Jahr 1928 der Rektor des Wittelbacher Gymnasiums Gebhard (der Vorname kommt bei Andersch nirgends vor) Himmler war, der Vater des späteren Anführers der SS und Massenmörders Heinrich Himmler. In diesem Detail ragt die Erzählung sozusagen in eine Wirklichkeit hinein, deren Fürchterlichkeit in ihr selbst nicht realisiert ist und nicht realisiert werden kann. Das Interessanteste an dem historischen Faktum, dass es Gebhard Himmler war, der entscheidend in Alfred Anderschs Lebenslauf eingegriffen hat, ist aber, dass Andersch sich selbst nicht darüber klar ist, ob und was das eigentlich zu bedeuten hat.

Die Erzählung hat – wie gute Literatur das immer tut – zahlreiche, oft nicht oder nur unzureichend vom Text gedeckte Reaktionen hervorgebracht: Den Anlass dafür, dass ich das Buch nach vielen Jahren wieder zur Hand genommen habe, bilden zwei solche Rezeptionszeugnisse.

Dass [Heinrich] Himmler keineswegs – wie Alfred Andersch in seiner bekannten Erzählung Der Vater eines Mörders von 1980 behauptet hat – aus protofaschistischen Verhältnissen kam, hat spätestens Peter Longerich in seiner Biographie von 2008 belegt. Vielmehr war Himmlers Münchner Elternhaus zwar konservativ und streng katholisch, aber bildungs- und nicht kleinbürgerlich.

Bastian Hein1

Nun ist es einerseits etwas schwierig, dass Andersch in einer Erzählung etwas behauptet haben soll, denn es handelt sich ja eben nicht um einen unmittelbar autobiographischen Text, dem man eventuell mit einigem Recht einen historischen Wahrheitsanspruch unterstellen könnte, sondern um eine Fiktion, die vorerst einmal gar nichts über die Wirklichkeit behauptet, sondern eine Wirklichkeit erfindet. Andererseits verführen uns natürlich der Titel und die von Andersch betonte autobiographische Unterfütterung der sechs Franz-Kien-Erzählungen, diese erfundene Wirklichkeit mit der historischen abzugleichen und sie auf Übereinstimmungen hin zu kontrollieren.

Problematischer aber an dem Zitat von Hein ist, dass selbst wenn man Anderschs Erzählung als autobiographisches Dokument liest, dort nirgends zu finden ist, Heinrich Himmler stamme aus „protofaschistischen Verhältnissen“, was immer das auch sein mag.

Andersch hat die Befürchtung gehabt, dass gerade diese Erzählung eine außergewöhnlich hohe Rate an Missverständnissen hervorbringen würde, und ihr deshalb einen reflektierenden Text mitgegeben, der „Nachwort für Leser“ überschrieben ist. Dort findet sich eine Stelle, in der er explizit über die soziologische Einordnung des Elternhauses von Heinrich Himmler spricht:

Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis – nicht, wie der Mensch, dessen Hypnose er erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen. [S. 86]

Heins Zitat verweist aber auf eine weitere Auseinandersetzung mit Anderschs Erzählung in der Himmler-Biographie Peter Longerichs. Dabei sollte man Hein nicht dahingehend missverstehen, dass bereits Longerich die Auffassung vertritt, Anderschs Erzählung behaupte, Himmler entstamme „protofaschichstischen Verhältnissen“. Longerichs Biographie liefert Hein bloß die Widerlegung dieser von Andersch nie gemachten Behauptung. Doch Longerich verfügt ersatzweise über ein ganz eigenes Missverständnis. Er fasst die Fabel der Erzählung in gut zehn Zeilen zusammen und beschließt diese Synopse mit folgenden Sätzen:

Nun befiehlt der Rex den Helden der Geschichte, den Andersch Franz Kien genannt hat, an die Tafel und führt nicht nur geradezu genussvoll dessen miserable Griechischkenntnisse vor, sondern macht Kien-Andersch nach allen Regeln der Kunst – zynisch, hämisch, gemein – fertig. […] er muss die Anstalt verlassen.2

Der nicht durch seine eigene Schulerfahrung traumatisierte Leser der Erzählung wundert sich wahrscheinlich über diese Einschätzung des Rex, denn von Zynismus, Häme oder Gemeinheit lässt sich in der Erzählung nichts entdecken. Im Gegenteil lobt der Rektor gleich mehrfach und ohne jegliche Ironie die Intelligenz und Auffassungsgabe Kiens; wenn in dieser Unterrichtsstunde überhaupt jemand fertig gemacht wird, ist es der die Klasse unterrichtende Kandidat Dr. Kandlbinder, den der Rex vor der Klasse scharf dafür zurechtweist, dass es seiner Aufmerksamkeit entgangen ist, dass Franz Kien seit sechs Wochen in seinem Unterricht nicht mehr als gerade einmal das griechische Alphabet gelernt hat. Sicherlich wird Franz’ Unwissen vorgeführt, doch der Grund hierfür ist nicht Zynismus oder Gemeinheit; der Rektor verschafft sich, wie oben bereits gesagt, durch die Inszenierung der Stunde einen Anlass dafür, Franz Kien von der Schule verweisen zu können. Im Widerspruch zu Longerichs Lektüre zeigt der Rex eine außergewöhnliche Sympathie für den Schüler Kien: Er hält ihn für klüger als die meisten seiner Mitschüler, nur eben zu Recht für faul und verwildert. Er nimmt Kiens Antwort, er wolle später Schriftsteller werden, ganz ernst und statt sich über die Ambitionen des Schulversagers lustig zu machen, fragt er ihn, was er denn für Bücher schreiben wolle. Und als Franz antwortet, dass er das noch nicht wisse, hält der Rex das für eine „ganz gescheite Antwort – ich hätte sie dir gar nicht zugetraut“. Natürlich handelt es sich nicht um ein Gespräch auf Augenhöhe, aber das ist bei einer Unterhaltung zwischen einem 14-jährigen Schüler und seinem Rektor und schon gar im Jahr 1928 auch nicht zu erwarten. Doch fertig gemacht wird Franz Kien in der Erzählung keineswegs.

Longerich hätte besser auf eine seiner Quellen hören und den Text Anderschs daraufhin noch einmal lesen sollen:

[Otto] Gritschneder hatte […] als Klassenkamerad neben Andersch gesessen; dieser sei, so seine Auskunft, einfach ein schlechter Schüler gewesen, und seine Schulkarriere am Wittelsbacher Gymnasium sei auf ganz normale Weise beendet worden.3

Genau das und nichts anderes steht in Anderschs Erzählung.

Die Kunst des genauen Lesens ist zumindest ebenso selten zu finden wie die des guten Schreibens.

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte. detebe 23608. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 89 Seiten. 8,90 €.


1 – Bastian Hein: Die SS. Geschichte und Verbrechen. München: C. H. Beck, 2015. S. 15.
2 – Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. München: Siedler, 2008. S. 17.
3 – Ebd. S. 18.

Alois Brandstetter: Altenehrung

Der Zahn der Zeit nagt freilich auch am Denkmalschützer selbst.

Brandstetter AltenehrungDer Österreicher Alois Brandstetter wurde mir im letzten Jahr in Wien empfohlen, als wir dort unter anderem über Schriftsteller wie Thomas Bernhard und Herbert Rosendorfer sprachen. Ich wurde auch gleich mit zwei Romanen Brandstetters ausgestattet, darunter „Altenehrung“ von 1983. Brandstetter war im Hauptberuf Professor für ältere deutsche Literatur an der Universität Klagenfurt, hat aber dennoch ein umfangreiches belletristisches Œuvre vorgelegt. Mir selbst war er bis im letzten Jahr vollkommen unbekannt, woraus ich aber nicht auf seine tatsächliche Bekanntheit schließen möchte; manchmal verpasst man auch einfach etwas. Andererseits könnte Brandstetter auch auf diese Weise ganz gut mit Herbert Rosendorfer zusammenpassen, der bis auf sein One-hit-wonder der „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ ebenfalls weitgehend ein Geheimtipp geblieben ist.

„Altenehrung“ (Betonung auf der ersten Silbe) ist die Ich-Erzählung eines alternden Kunsthistorikers, der in Klagenfurt als Denkmalschützer verbeamtet ist. Der Erzählanlass kommt im Buch erst relativ spät zur Sprache: Der Erzähler hat seine berufliche Karriere mit einem anarchischen Akt der öffentlichen Beleidigung seines Vorgesetzten beendet; dies wurde offensichtlich auch von seiner Frau dazu benutzt, ihn zu verlassen, so dass die Erzählung mehr und mehr als der Monolog eines grantelnden Alten erscheint, bis sie ganz zum Schluss eine merkwürdige Wendung ins Offene nimmt. Der Hauptgrund jener Beleidigung ist das Gefühl des Erzählers, bei der Beförderung ungerechterweise übergangen worden zu sein und einen zwar dienstälteren, aber inkompetenten und ungebildeten Kollegen vor die Nase gesetzt bekommen zu haben. Der Erzähler protzt durch den ganzen Text hindurch mit seiner umfangreichen Kenntnis lateinischer Spruchweisheiten – die er in den meisten Fällen aber freundlicherweise für die Leser gleich ins Deutsche übersetzt – und zeigt sich stolz auf seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung: eine Sammlung von Inschriften vom Frühmittelalter bis zum 30-jährigen Krieg im Bundesland Kärnten. Schon darin hatte er in einer hinzuerfundenen lateinischen Inschrift eine Schmähung seines Vorgesetzten versteckt, was aber erst in Laufe seines Disziplinarverfahrens zutage gekommen ist.

Außer diesem Hauptstrang der Erzählung finden sich zahlreiche weitere Anlässe zur Unzufriedenheit: andere Denkmalschützer, die Jugend von heute (darunter sein eigener Sohn), die anderen Mitarbeiter im Amt, universitäre Gepflogenheiten, die allgemeine Unbildung, die alten Nazis (in den frühen 80ern noch nicht die neuen!) usw. In diesen Passagen klingt in Brandstetters Text zum Teil zu deutlich der Ton von Bernhards Prosa an, auch wenn die Bernhardsche Penetranz offenbar bewusst vermieden wird. Merkwürdig immerhin bleibt die Schlusswendung des Textes, die hier unerörtert bleiben mag.

Alles in allem ist Brandstetter eine positive Entdeckung: Unter den zahlreichen Bernhard-Epigonen der deutschsprachigen Literatur sticht er mit einer außergewöhnlich gepflegten Sprache und einer ungewöhnlichen literarischen Bildung hervor. Seine Sprache ist nur auf den ersten Blick unauffällig, erweist sich bei genauerem Hinsehen als exakt und differenziert; auch dadurch passt er gut mit Rosendorfer zusammen. Bei Gelegenheit werde ich eine Besprechung von „Die Burg“ (1986) nachliefern.

Alois Brandstetter: Altenehrung. Salzburg/Wien: Residenz, 1983. Leinenband, 140 Seiten. (Zuletzt im dtv-Taschenbuch; derzeit nicht lieferbar.)

Theodor W. Adorno: Minima Moralia

Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid.

Adorno-Digitale-BibliothekBei der Kleinen Ethik Adornos, die in der Hauptsache zwischen 1944 und 1947 entstanden ist, handelt es sich wahrscheinlich um sein meistgelesenes Buch überhaupt. Die Auflage liegt inzwischen bei über 120.000 Exemplaren, was für ein deutschsprachiges, ernsthaft philosophisches Buch des 20. Jahrhunderts beachtlich ist. Dabei ist zu betonen, dass es Adorno seinen Lesern durchaus nicht einfach macht: Seine Sprache befindet sich überall auf der Höhe der Reflexion, die behandelten Themen werden vor dem Hintergrund einer nirgends ausführlich ausgeführten Gesellschaftstheorie analysiert und viele dieser Analysen sind sehr knapp gehalten; einzig die Gliederung des Materials in 153 Abschnitte, die selten mehr als drei Seiten umfassen, kommt der Lektüre des philosophischen Laien entgegen.

Adorno Minima MoraliaJe nach Lektüre lassen sich unterschiedliche Zentren des Buches ausmachen. Adorno selbst hat später die Handreichung gegeben, die „Minima Moralia“ seien ein Buch über das falsche Leben; genau so könnte man behaupten, dass sie ein Buch über die Unmöglichkeit einer Ethik in einer auf den Tauschwert aller Erscheinung geeichten Gesellschaft ist. Man kann es auch als eine differenzierende Fortsetzung der „Dialektik der Aufklärung“ lesen. Neben spezifisch ethischen Themen behandelt Adorno auch Fragen der Ästhetik, insbesondere der Erscheinungen der Massenkultur – sein Lieblingsbeispiel ist der Hollywood-Film, wobei hier zu bedenken ist, dass er die volle Entwicklung dieser Form des Kunstgewerbes zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht einmal erahnen konnte.

Die bedeutendste Schwierigkeit, die sich einer angemessenen Auseinandersetzung mit Adornos Ethik entgegenstellen dürfte, ist sein eigentümliches Menschenbild, das den Individualismus nahezu vollständig als fehlerhaftes begriffliches Konzept behandelt und mit Ausnahme weniger widerständiger Intellektueller und Künstler nurmehr den bis auf verschwindende Reste mit seiner gesellschaftlichen Funktion identischen Massenmenschen kennt. Man wird unter diesen Massenmenschen auf Anhieb wahrscheinlich nur wenig Bereitschaft finden, diesem anthropologischen Entwurf beizutreten. Die Lebensform der Menschheit ist – wie bereits gesagt – die grundsätzliche Reduzierbarkeit aller Erscheinungen auf ihren Tauschwert, sprich der Kapitalismus, als dessen konsequenteste Form sich der Faschismus erwiesen hat. Angesichts solcher Verhältnisse ist an eine Ethik im emphatischen Sinn nicht zu denken. Was bleibt ist die dialektische Kritik, die stets fortzuentwickeln ist, da das falsche Weltverhältnis die prinzipielle Tendenz hat, jegliche Kritik in sich zu vereinnahmen und aufzuheben. Es wäre für Adorno ein verzweifelter Genuss gewesen, hätte er erleben dürfen, wie sehr er mit seiner Analyse Recht behalten sollte.

Unabhängig davon, ob man dem zugrunde liegenden Weltbild zustimmt oder nicht, bietet das Buch eine Überfülle von präzisen und auf den Punkt formulierten Details. Ich selbst habe Adorno zuletzt in meiner Studienzeit gelesen und bei der erneuten Lektüre einen nicht erinnerten Reichtum an Einzelbeobachtungen und -formulierungen gefunden, die für sich bestehen uneingedenk der konkreten dialektischen Bewegung, der sie entstammen.

Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß im wörtlichen Sinn bald keiner mehr wird daran denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Ferment kommender Destruktion. – Karl Kraus tat recht daran, sein Stück »Die letzten Tage der Menschheit« zu nennen. Was heute geschieht, müßte »Nach Weltuntergang« heißen.

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. In: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann. Digitale Bibliothek Band 97 (CD-ROM). Berlin: Directmedia Publishing, 2004. Digitale Lizenzausgabe der Gesammelten Schriften in 20 Bänden des Suhrkamp Verlages.

Anthony Burgess: Earthly Powers

Toomey offers this bulky but overpriced novel as an elected swansong.

Burgess Earthly PowersDieser Roman stand seit Mitte der 80er Jahre ungelesen in meinem Bücherschrank. Ich hatte damals – angeregt durch einen Kommilitonen – eine kurze Phase der Burgess-Begeisterung, konnte mich dann aber doch nicht dazu aufraffen, mich durch die 650 Seiten dieses Romans zu beißen. Wahrscheinlich hätte er mir damals auch nicht so viel Vergnügen gemacht wie heute, einfach deshalb, weil mir viele der Anspielungen entgangen wären.

Ich-Erzähler ist der über 80-jährige britische Schriftsteller Kenneth M. Toomey, der zur Jetzt-Zeit des Romans – Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts – in Malta lebt, um der Besteuerung in England zu entgehen. Toomey war über die Ehe seiner Schwester verwandt mit Carlo Campanati, Papst Gregor XVII., der in der fiktiven Welt des Romans 1958 als Nachfolger Pius’ XII. gewählt wird. An seinem 81. Geburtstag erhält Toomey einen Besuch des Erzbischofs von Malta, der ihn bittet, im Heiligspechungsverfahren Gregors als Zeuge aufzutreten, da er eine vorgebliche Wunderheilung durch den damals noch als Exorzisten wirkenden Carlo miterlebt habe. Dies liefert den Anstoß dazu, dass Toomey sein Leben ab dem Jahr 1916 erzählt, was die Hauptmasse des Romans bildet. Auftakt der pseudoautobiographischen Erzählung bildet Toomeys innere Lossagung von der katholischen Kirche, die seine Homosexualität nur als Sünde begreifen kann. Toomey ist eines von drei Kindern aus einer britisch-französichen Ehe und im Glauben seiner Mutter erzogen worden. Er ist bereits zu Anfang der Autobiographie als Schriftsteller tätig. Sein erster Roman ist zwar kein großer Erfolg, doch gelingt ihm der Durchbruch als Bühnenautor mit einigen leichten Komödien. Als eine Affäre mit einem verheirateten Schauspieler publik wird, flieht Toomey vor einer drohenden Strafverfolgung aus England; in Italien lernt er wenig später zufällig die Brüder Carlo und Domenico Camapanati kennen. Carlo ist damals bereits ein ambitionierter Geistlicher, während Domenico ein mittelmäßig begabter Musiker ist, der mit einer Oper Erfolg zu haben hofft. Toomey soll ihm das Libretto dazu schreiben; die Oper wird zwar kein Erfolg, doch Domenico und Kenneth’ Schwester Hortense werden ein Paar und heiraten.

Der weitere Roman verfolgt nun in der Hauptsache die Karrieren dieser vier Familienmitglieder des Toomey-Campanati-Clans sowie der beiden Kinder von Hortense und Domenico. Ihre gewöhnlich ungewöhnliche Familiengeschichte liefert Anlass für eine Auseinandersetzung mit der Kultur der USA, insbesondere Hollywoods, dem Nationalsozialismus – Toomey durchleidet mehrfach unfreiwillige Verwicklungen –, der katholischen Kirche und der Schriftstellerei als Beruf und Geschäft. All das ist witzig und intelligent gemacht, liefert aber trotz Ausflügen nach Asien und Afrika durchaus nicht das große, umfassende Bild der Welt des 20. Jahrhunderts, das dem Buch manchenorts zugeschrieben wird. Es ist viel eher als eine vielfach gebrochene, in weiten Teilen uneitle Selbstbespiegelung des alten Burgess’ zu lesen, woran auch die dem Protagonisten zusätzlich aufgepfropfte Homosexualität nichts ändert.

Ich habe mich anlässlich dieser Lektüre gefragt, ob Burgess in Deutschland noch gelesen wird. Soweit der Buchmarkt einen Hinweis gibt, scheint das nicht so zu sein: Zwar sind die Übersetzungen von “A Clockwork Orange” (dies sogar in zwei Übersetzungen) und “Earthly Powers” („Der Fürst der Phantome“) sowie der lesenswerten Einführung in das Werk von James Joyce – der naturgemäß auch in “Earthly Powers” prominent vertreten ist – “Here Comes Everybody” (zuletzt 2004 als „Joyce für Jedermann“ im Suhrkamp Taschenbuch) noch lieferbar, aber alles andere scheint vergessen zu sein und das, obwohl Burgess in bedeutender Breite ins Deutsche übertragen wurde.

Da mir “Earthly Powers” einiges Vergnügen bereitet hat, wird hier sicherlich in Zukunft noch der eine und andere Hinweis auf Bücher von Burgess folgen.

Anthony Burgess: Earthly Powers. New York u.a.: Penguin, 51983. Broschur, 649 Seiten. Lieferbar als Vintage Classic für ca. 27,– €.

Uwe Timm: Rot

Bald […] werden die Herbstbilder Pegasus, Fische und Walfisch gut zu sehen sein. Und in dem Walfisch ist der [τ] Cet, der unserer Sonne so ähnlich sein soll, weil auch er Planeten hat. Vielleicht das wahre Utopia, ohne angemaßte Herrschaft, ohne unnötiges Leid, das würde schon reichen.

timm-rotEin außergewöhnlich gut konstruierter und detailreicher Roman über den Abschied von den Idealen der 68er-Studentbewegung; für die eine oder den anderen dürfte er vielleicht sogar ein wenig zu konstruiert sein. Der Ich-Erzähler Thomas, ein Alt-68er, der im bürgerlichen Leben nie recht Fuß gefasst hat, liegt buchstäblich auf der Straße, die er bei Rot überquert hatte, weshalb er angefahren wurde. Wahrscheinlich stirbt er während des Erzählens und färbt mit seinem Blut die Straße unter sich; neben ihm liegt ein Päckchen Sprengstoff, das gerade aus seiner Aktentasche gefallen ist.

Beruflich ist Thomas Grabredner, einer jener, die gebeten werden, in den Fällen über dem Toten zu sprechen, wenn keine der Konfessionen sich als zuständig betrachtet oder vom Toten gern gesehen würde. Und so hält Thomas in seinen letzten Minuten auf Erden eine Grabrede auf sich und seine ehemaligen Freunde aus der Studentenbewegung: Zum Beispiel Edmond und Vera, die aus der Frankophilie Edmonds einen lukrativen Weinimport gemacht und sich als neureiche Alkoholiker in einer Neubau-Villa niedergelassen haben. Die Ehe kriselt, Vera ist im Entzug, Edmond sitzt im von seiner Frau leergeräumten Haus, säuft Wein aus dem Suppenteller und schlägt seinen Kopf vor die Wand. Oder Krause, der mit Lisa, einer Norwegerin, in Mecklenburg-Vorpommern in ländlicher Idylle mit Streuselkuchen und Schlagsahne lebt. Beide sind Lehrer, und Krause betreibt nebenbei ein Antiquariat, das auf die Theorie der Studentenrevolution spezialisiert ist.

Am wichtigsten aber ist Aschenberger, der gerade verstorben ist und Thomas testamentarisch als seinen Grabredner verpflichtet hat. Auch Aschenberger scheint sich bürgerlich etabliert zu haben – er hat bei seiner Heirat den Namen seiner Frau angenommen und heißt nun Lüders. Er verdient sein Geld mit alternativen Stadtführungen durch Berlin, lebt in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung und plant einen letzten großen Coup: Er will die Berliner Siegessäule als Symbol der missratenen deutschen Geschichte in die Luft sprengen und sich anschließend der Polizei stellen. Aus seinem Nachlass stammt der Sprengstoff, der Thomas bei seinem Unfall aus der Tasche gefallen ist.

Die Wiederbegegnung mit Aschenberger setzt Thomas sichtlich zu, der selbst sich vor einigen Jahren nach einer Midlife-Crisis radikal von der eigenen Vergangenheit getrennt hat, in dem er allen persönlich Besitz verkauft oder weggeworfen hat und seitdem in einer kargen Wohnung sein Leben von Tag zu Tag verbringt. Doch sein unreligiöses Mönchstum wird derzeit heftig gestört: Thomas hat eine Affäre mit der verheirateten Iris, die eine Generation jünger ist als er. Iris ist Bühnenbildnerin und Lichtgestalterin, sie lebt also davon, ästhetische Illusionen zu verkaufen. Die Affäre spitzt sich kurz vor Thomas Unfall zu, als Iris schwanger wird, ihren Mann Ben verlässt und mit Thomas eine Familie gründen will. Ihre offene Emotionalität überwältigt Thomas immer mehr, der kurz davor steht, sich auf Iris Pläne einzulassen, als der Unfall all dem ein Ende setzt.

Außer dieser Hauptlinie der Erzählung glänzt der Roman mit zahlreichen weiteren Nebenfiguren und Kleinsterzählungen, etwa der depressiven Animateurin Tessy, der politisch engagierten Türkin Nilgün oder dem Maler Horch – wahrscheinlich der spannendsten Figur im ganzen Roman. Man findet heute nur wenige Erzähler, die tatsächlich soviel zu erzählen haben und denen es gelingt, ihre divergierenden Stoffe dennoch auf die großen literarischen Themen – Tod, Liebe, Geburt – zu fokussieren, ohne dass es peinlich wird. Ein wirklich gelungenes Stück!

Uwe Timm. Rot. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001/2005. Bedruckter Pappband, 428 Seiten. 15,– Euro. (Auch als dtv-Taschenbuch lieferbar.)