Joseph Conrad: Die Schattenlinie

Die Schattenlinie ist während des 1. Weltkriegs unter schwierigen persönlichen und finanziellen Umständen des Autors entstanden. Es ist die wohl am unmittelbarsten autobiographische Erzählung Conrads, die in wesentlichen Teilen den Verlauf seines ersten Kommandos als Kapitän wiedergibt. Der Band bei Hanser bringt nicht nur eine Neu-Übersetzung dieses Textes, sondern auch von Der geheime Teilhaber (The Secret Sharer), ohne dass dies aus der Titelei hervorginge; dieser Zusatz dient dem Übersetzer und Herausgeber des Bandes Daniel Göske zur interpretativen Annäherung an Die Schattenlinie, da im Zentrum beider Texte ein von seiner Mannschaft in bestimmter Weise isolierter Kapitän steht, der sein Schiff gerade erst übernommen hat. Was den Verlag veranlasst hat, diesen zweiten Text im Band sozusagen zu verstecken, bleibt ebenso rätselhaft wie der versteckte Deserteur und Doppelgänger des Kapitäns in dieser zweiten Erzählung.

Die Schattenlinie wird erzählt von einem namenlosen Alten, der sich an sein erstes Kommando erinnert: Er hatte geraden als junger Mann in Singapur aus einer Laune heraus als Erster Offizier abgeheuert und eigentlich vor, nach Europa zurückzukehren, als ihm auf eine recht umständliche Weise das Kommando über ein Schiff in Bangkok angeboten wird, dessen Kapitän verstorben ist. Er nimmt die Gelegenheit ohne zu zögern wahr und verlässt noch am selben Abend Singapur auf einem Dampfboot. In Bangkok aber erweisen sich die Zustände als schwierig: Ein Teil der Mannschaft ist an einem Fieber erkrankt und auch sonst dauert es sehr lange, bis das Segelschiff endlich zu Abfahrt bereit ist. Als es endlich soweit ist, liegt der Erste Offizier mit Fieber im Krankenhaus, doch der neue Kapitän weigert sich, ihn zurückzulassen. Endlich auf See gerät das Schiff in eine langanhaltende Flaute; zudem erweist sich, dass man das Fieber nicht losgeworden ist, sondern immer noch Männer an ihm erkranken. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der vorherige Kapitän des Schiffes das Chinin der Bordapotheke verkauft hat und man ohne wirksames Medikament gegen das Fieber dasteht. Je länger die Flaute anhält, desto mehr Männer sind unfähig, ihren Dienst an Bord zu leisten und als das Schiff endlich in einem Gewitter die ersehnte Fahrt aufnimmt, ist außer dem Kapitän praktisch nur noch der herzkranke Schiffskoch in der Lage, das Schiff zu segeln.

Der Geheime Teilhaber ist die Geschichte eines Kapitäns, der auf einer ersten Nachtwache auf einem gerade erst übernommenen Schiff zufällig den Deserteur eines anderen Schiffes entdeckt und heimlich an Bord nimmt. Er versteckt ihn in seiner Kabine und fährt schließlich ein riskantes seemännisches Manöver, um dem Versteckten nicht nur von Bord, sondern auch mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher an Land zu verhelfen. Wie oben schon gesagt dient dieser recht bekannte und umfangreich ausgedeutete Text dem Übersetzer in der Hauptsache dazu, im Nachwort einige interpretative Parallelen zu Die Schattenlinie zu ziehen.

Die neue Übersetzung ist wohl im Vergleich zu den Vorgängern am nächsten am Original; Göske lässt nicht nur die eher dunklen Stellen Conrads unangetastet, er bemüht sich auch, dessen zum Teil merkwürdigen sprachlichen Wendungen entsprechend ins Deutsche zu übertragen. Zudem sind beide Texte ausführlich kommentiert, wobei die Anmerkungen en passant auch die breite Kenntnis des Übersetzers von Conrads Gesamtwerk dokumentieren. Man würde sich wünschen, dass diesem Band noch einige Conrad-Übersetzungen mehr folgen werden.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Aus dem Englischen von Daniel Göske. München: Hanser, 2017.  Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 419 Seiten. 30,– €.

Anthony Burgess: Jetzt ein Tiger

Weißt du, die Wirklichkeit ist immer langweilig, aber wenn wir einsehen, dass sie alles ist, was wir haben – dann hört sie wundersamerweise auf, langweilig zu sein.

Bei Jetzt ein Tiger (Time for a Tiger) handelt es sich um Burgess’ ersten Roman, der 1956 erschien. Er bildet den Auftakt zur sogenannten Malayan Trilogy, deren übrige Bände bis 1959 herausgebracht wurden. Seitdem wurden sie in allen englischen Ausgaben nur noch zusammen gedruckt und haben den Übertitel The Long Day Wanes (Der lange Tag schwindet) bekommen. Alle drei Romane sind jeweils etwa 200 Seiten stark, so dass sie zusammen einen ganz ansehnlichen Band ergeben. Zusammengehalten werden sie durch den gemeinsamen Protagonisten Victor Crabbe, einen Engländer, der in Malaya (dem Vorgängerstaat des heutigen Malaysia) als Lehrer die letzten Jahre der britischen Herrschaft (1955–1957) erlebt.

Crabbe ist verheiratet, etwas unglücklich, da seine Frau Fenella nach Europa zurück will und er sich Vorwürfe macht, sie nicht genug zu lieben, wenigstens weniger als seine erste Frau, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, bei dem Crabbe am Steuer saß. Er ist Lehrer an einer englisch geprägten Privatschule im Norden Malaya und ist bei seinen Schülern ebenso beliebt wie bei der Schulleitung unbeliebt. Crabbe unterrichtet Geschichte und ist sich der prekärer politischen Lage Malayas bewusst: Im Dschungel drohen kommunistische Terroristen, die von China unterstützt werden, mit dem Umsturz des Staates, die soziale Spanne zwischen Ober- und Unterschicht ist erheblich und die diversen Ethnien und Religionen (Malaien, Chinesen, Inder und Europäer bzw. Moslems, Buddhisten, Hindus und Christen) hegen solide Vorurteile gegeneinander, was auch den Schulalltag nicht eben leichter macht. Am Ende von Jetzt ein Tiger wird Crabbe die Schule verlassen und an die Ostküste der malaiischen Halbinsel wechseln.

Neben Crabbe, der die Trilogie als Protagonist zusammenhält, gibt es in Jetzt ein Tiger weitere Hauptfiguren: Den ewig betrunkenen Polizei-Leutnant Nabby Adams, der ständig auf der Suche nach dem nächsten Tiger ist – einer bis heute in Südostasien beliebten Biermarke – und den in halbwegs nüchternem Zustand die Liste seiner untilgbar erscheinenden Schulden plagt. Und seinen Sancho Pansa Alladad Khan, der – ähnlich unglücklich verheiratet wie Crabbe – heimlich in Crabbes Frau verliebt ist und im Laufe des Buches für einen Moslem erstaunliche Mengen Alkohol konsumiert. Dieses Trio (bzw. Quartett, wenn man Fenella mit dazu zählt) ist umringt von einer ganzen Schar von schrägen und interessanten Nebenfiguren: Dem schwulen, aber verheirateten Koch der Crabbes, dem ebenso überforderten wie cholerischen Schulleiter Boothby, einem jungen chinesischen Schüler, aus dem weder Crabbe noch Boothby richtig schlau werden, einem Kollegen Alladad Khans, den Khan um dessen Kenntnisse der englischen Sprache beneidet, Crabbes malaiischer Geliebten, die versucht sich an ihm mit Gift zu rächen, als er sie verlässt usw. usf.

Eine Handlung hat das Buch zwar, aber es lohnt kaum, sie nachzuerzählen. Seine Qualität bezieht das Buch vielmehr aus der Beschreibung des Lebens, der Konflikte, der Bestrebungen, Hoffnungen und Träume seiner Protagonisten. Für die nur gut 200 Seiten, die das Buch umfasst, ist es erstaunlich welthaltig und liefert mit seinem Gemisch aus englischen und malaiischen Dialogen (auf die Wiedergabe des von Adams und Khan gebrauchten Urdu verzichtet Burgess glücklicherweise) einen sehr lebendigen Ausschnitt dieser malaiisch-britischen Welt. Für einen Erstling ein ganz erstaunlich reichhaltiges Buch.

Die deutsche Übersetzung habe ich nur stichprobenartig geprüft, und sie hat sich an allen Stellen bewährt. Auch schwierige Stellen sind durchaus witzig gelöst – so heißt Adams Hündin Cough im Deutschen Issdich – und mit der Entscheidung, die malaiischen Passagen unübersetzt ins Deutsche zu übernehmen – Burgess hat ein Glossar erstellt, das natürlich ebenfalls übersetzt wurde –, hat man dem Buch seine sprachliche Vielfalt belassen.

Es ist zu hoffen, dass dieses überraschend gute Buch auf genügend Interesse stößt, dass sich Verlag und Übersetzer entschließen können, auch die beiden übrigen Teile der Malayan Trilogy ins Deutsche zu transportieren.

Anthony Burgess: Jetzt ein Tiger. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Coesfeld: Elsinor, 2019. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen,  231 Seiten. 26,– €.

Ian Kershaw: Roller-Coaster

And despite his personal magnetism, Rudi Dutschke’s visits to activists in East Berlin and Prague did not result in a meeting of minds. ‘The love lasted, but the problem with Dutschke was that he only talked nonsense, leftist, stupid 68er nonsense,’ a GDR dissident, arrested in 1968 for protesting against the Soviet invasion of Czechoslovakia in August that year, later wrote.

Roller-Coaster ist die Fortsetzung von To Hell and Back, also der zweite Teil von Kershaws Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und damit zugleich der Abschluss der Penguin History of Europe. Die Darstellung setzt im Jahr 1950 ein und wird bis ins Jahr 2017 fortgeführt. Wie bei aller Geschichtsschreibung, die sich der Gegenwart annähert, besteht das erste Problem in der Auswahl und Gewichtung des überreich vorhandenen Materials. Kershaw bewährt sich einmal mehr als einer der besten historischen Erzähler unserer Zeit: Nicht nur gelingt es ihm, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa umfassend und klar gegliedert darzustellen, auch die Ereignisse, die zum Zusammenbruch des Ostblocks und damit zur deutschen Vereinigung und der Osterweiterung der EU geführt haben, werden in musterhafter Klarheit nacherzählt.

Bei der Geschichtsschreibung der Gegenwart lässt sich noch weniger als ohnehin der Einfluss persönlicher Ansichten und politischer Überzeugungen auf die Darstellung neutralisierend. Kershaw ist ein liberaler Befürworter der europäischen Einigung und sieht die Geschichte der EU alles in allem als eine Erfolgsgeschichte: Die weitgehende Bewahrung des Friedens (er erkennt das Gewicht der Ausnahme der Jugoslawienkriege durchaus), die weitgehende Demokratisierung Europas (auch hier ist ihm bewusst, dass nicht überall dieselben demokratischen und freiheitlichen Standards eingehalten werden), die Bewährung der europäischen Gemeinschaft in den Krisen der letzten Jahrzehnte, all dies sind unbestreitbare Gewinne, die sich die Länder Europas im 20 Jahrhundert erarbeitet haben.

Dabei ist Kershaw nicht blind für die grundsätzlichen Schwierigkeiten, denen sich die EU in der Gegenwart und unmittelbaren Zukunft gegenübersieht. In seinem Nachwort, das für sich allein als ein brillanter Essay gelesen werden kann, zeichnet er ein präzises Bild von den Problemen, denen sich die Gemeinschaft stellen muss, darunter nicht zuletzt die Folgen des Klimawandels, die sich kaum mehr werden vermeiden lassen. Den nicht-britischen Lesern wird vielleicht ein leichtes Übergewicht bei der Darstellung der englischen Verhältnisse auffallen, aber besonders deutsche Leser werden dafür Kershaws genaue Kenntniss und gerechte Beurteilung der deutschen Nachkriegsgeschichte dankbar sein (mir hat einzig ein ausdrücklicher Hinweis auf den rechtsradikalen Terror im vereinten Deutschland gefehlt).

Mit den beiden Bänden ist Kershaw eine exzellente und umfassende Geschichte Europas im 20. Jahrhundert gelungen, die eine – soweit ich es sehe – ganz einmalige Gesamtschau liefert. Die deutsche Übersetzung des zweiten Bandes ist für März 2019 bei DVA angekündigt.

Ian Kershaw: Roller-Coaster. Europe, 1950–2017. London: Allen Lane, 2018. Kindle-Edition, 584 Seiten. 18,69 €.

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens

«Die ganze Wahrheit? Wenn man ein Huhn zerlegt, Ethan, ist alles Huhn, trotzdem gibt es helles und dunkles Fleisch.»

Der Winter unseres Miss­ver­gnü­gens von 1961 ist John Steinbeck letzter Roman. Der Literaturnobelpreis, den er 1962 erhielt, veränderte seinen Status als Prominenter so stark, dass er danach bei zunehmender Krankheit vor lauter öffentlichem Engagement nur noch wenig zum Schreiben kam. So sind dieser Roman und die 1962 noch erschienene, autobiographische Reise mit Charlie seine letzten Bücher gewesen. Erzählt wird im Winter unseres Missvergnügens hauptsächlich die Geschichte Ethan Allen Hawleys, eines jungen Mannes, verheiratet, mit zwei Kindern, der seine Familie und sich als Verkäufer in einem Leb­ens­mit­tel­la­den über Wasser hält. Der Laden hat im einmal gehört, aber er war als ein unerfahrener Kriegsheimkehrer pleite gegangen und der Käufer des Ladens, ein italienischer Einwanderer, hatte ihm eine Stelle als Verkäufer im selben Geschäft angeboten.

Die Handlung spielt in zwei kurzen Episoden um Ostern und den 4. Juli 1960 herum in dem kleinen, fiktiven, us-amerikanischen Ostküstenstädtchen New Baytown. Ethan gehört zu einer der Gründerfamilien des Städtchen, die ehemals durch den Walfang reich geworden, dann aber heruntergekommen war. Ethans Vater hatte die Reste des Familienvermögens durchgebracht und so bleibt Ethan nichts als das Haus und der Nachruhm der Familie. Sein Misserfolg als Kaufmann hängt ihm immer noch nach, aber um die Osterfeiertage herum beschließt er, in die Klasse der wohlhabenden Bürger zurückzukehren. Den Plan, mit dem er das ins Werk setzen will, entwickelt er im Laufe dieser Tage.

An der Oberfläche erzählt der Roman den Ablauf einiger weniger Tage, an denen sich eine entscheidende Wendungen in Ethans Leben einstellt. Im Hintergrund aber erzählt Steinbeck auch die Geschichte einer kleinen, von Tradition und Korruption gezeichneten Gemeinde und einer Gesellschaft, die trotz ihrer öffentlichen Moral von Ehrlichkeit, Fleiß und Rechtschaffenheit im Wesentlichen von Eigennutz, Betrug und Lügen geprägt ist.

New Baytown hatte so lange geschlafen. Jene Männer, die die Stadt regierten, in politischer, moralischer und wirtschaftlicher Hinsicht, beherrschten das Gemeinwesen schon so lang, dass sie in ihren Gewohnheiten festgefahren waren. Stadtdirektor und Stadtrat, Richter und Polizei waren für die Ewigkeit eingesetzt. Der Stadtdirektor verkaufte Baumaterial an die Stadt, und die Richter ließen Strafzettel verschwinden, wie sie es seit jeher taten, weshalb ihnen dies auch nicht illegal schien – obwohl die Gesetzbücher es behaupteten. Sie fanden es nicht unmoralisch, weil sie normale Menschen waren. Kein Mensch war unmoralisch. Die Nachbarn ausgenommen.

In diesem normalen Städtchen ist Ethan so etwas wie ein Einhorn: ein ehrlicher Mann, der sich – zumindest zu Anfang – weigert, an dem allgemeinen Spiel des Betrugs und der Bereicherung teilzunehmen. Als er dann beschließt, doch mitzumachen, soll das nicht ohne Folgen bleiben. Aber das soll jeder Leser selbst entdecken.

Der Roman ist in locker wechselnder Perspektive erzählt: Personales und Ich-Erzählen lösen einander ab; im zweiten Teil gibt es auch Kapitel, die ganz traditionell auktorial daherkommen. Breite Passagen sind dialogisch gefasst; überhaupt ist der Gegensatz zwischen dem, was die Figuren sagen, dem, was sie denken und beabsichtigen und schließlich dem, was sie tun, das zentrale Spannungselement des Romans. Steinbeck lässt sich lange Zeit, bevor er seinen Lesern erlaubt, seinem Protagonisten auf die Spur zu kommen, und selbst als der dann endlich weiß, was Ethan plant, sollte er sich nicht zu sehr darauf verlassen.

Die Neuausgabe bei Manesse ersetzt die ältere, bereits 1963 erschienene Übersetzung von Harry Kahn (Geld bringt Geld). Diese Übersetzung machte zumindest klar, wie schwierig es ist, Steinbeck gut zu übersetzen. Steinbecks Texte haben bei aller Ernsthaftigkeit ihrer Stoffe einen leichten, immer humoristischen Grundton, der insbesondere auch die Dialoge prägt. Zugleich gibt es in Der Winter unseres Missvergnügens einen durchgängigen, peu à peu wachsenden zornigen Unterton, der im letzten Kapitel auf ganz überraschende Weise kulminiert. Es ist sehr, sehr schwierig, das in einer anderen Sprache nachzubilden. Bernhard Robben ist dies alles andere als kleine Kunststück mit einer Souveränität gelungen, die man nur bewundern kann. Robben gehört schon lange zu den besten Übersetzern aus dem Englischen, aber hier ist ihm ein besonderes Meisterstück gelungen. Dem deutschen Text fehlt nichts von der Leichtigkeit und Eingängigkeit des Originals; insbesondere die ehelichen Dialoge zwischen Ethan und Mary sind mit einer Genauigkeit getroffen, die man bei Kenntnis des Originals kaum für möglich halten würde. Ein echter Glücksfall!

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Zürich: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 606 Seiten. 25,– €.

Bernhard Shaw: Die heilige Johanna

Shaw-Effendi, der Töpfer, der mit leeren Tongefäßen gute Geschäfte machte, …

Kurt Tucholsky

Johanna von Orléans bzw. Jeanne d’Arc ist eine jener Figuren des Mittelalters, die im 19. Jahrhundert als Symbolfiguren einer neu empfundenen nationalen Identität aufgebaut wurden. So wie man sich in Deutschland ideologisch etwa unter der Fahne eines steinernen Friedrich Barbarossa sammelte, so schossen in Frankreich marmorne und eherne Denkmäler der Jungfrau aus dem Boden, die die moderne Einheit der Nation mittels der historischen Heldin feiern und festigen sollten. Voltaire hatte sich wenige Jahrzehnte zuvor noch über das Mädchen aus Domrémy lustig gemacht. Es ist daher kein großes Wunder, dass Shaw während einer Frankreich-Reise auf diese historische Figur aufmerksam wurde, von der er zu Recht feststellte, dass sie trotz ihrem erheblichen Einfluss auf die englische Geschichte in der Literatur seines Landes praktisch nicht vorkam. Einzig in Shakespeares König Heinrich VI., bei dem Shaw aber eher zweifelte, ob es überhaupt von Shakespeare stamme, trat sie auf, doch wurde ihr diese Darstellung nur wenig gerecht.

Als Shaw Anfang 1923 nach einem neuen Stoff suchte, war es seine Ehefrau, die ihn an das alte Projekt eines Stücks über Johanna erinnerte. Das Stück war dann im August 1923 bereits fertig und wurde Ende desselben Jahres in New York uraufgeführt. Es war ein großer internationaler Erfolg, hatte bereits 1924 in Deutschland und ein Jahr später auch in Frankreich Premiere. Es ist unzweifelhaft einer der Hauptgründe gewesen, warum Shaw 1925 der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde.

Die Buchausgabe setzt vor das Stück eine gut 70-seitige Abhandlung Shaws, in der er seine Auffassung Jeanne d’Arcs und ihrer geschichtlichen Rolle nicht nur umständlicher, sondern auch deutlich langweiliger als im Stück erörtert. Interessant an Shaws Zugriff ist, dass er Johanna nicht nur als Symbolfigur einer nationalen Einigung begreift, sondern sie als Vorschein zweier geschichtlicher Entwicklungen deutet: der Reformation und des Absolutismus. Der Reformation insoweit Johanna ihre direkte Beziehung zu Gott und seinen Boten durch ihre Visionen über die Autorität der Kirche stellt und hartnäckig jede Belehrung über den Charakter dieser Visionen verweigert, des Absolutismus, da sie den König, nicht den Adel, zum Machtzentrum Frankreichs erklärt, dem von Gott alles französische Land geschenkt worden sei. Im Stück erkennen die Vertreter von Kirche (Bischof Cauchon) und Hochadel (Graf Warwick) diese Gefahren und werden so zu natürlichen Verbündeten beim Kampf gegen das vermeintlich gefährliche Mädchen. Shaw hat dieser Zugriff nachträglich viel Kritik eingebracht, da er den anachronistischen Terminus Protestantismus im Stück verwendet, den man ihm aber für die notwendige Klarheit bei der Darstellung seiner Position schlicht zugestehen sollte.

Das Stück selbst erzählt in sechs ins sich abgeschlossenen Szenen die Entwicklung von Jeannes erstem Auftreten 1429 bei Robert von Baudricourt, der sie zum Dauphin bringen lässt, bis zu ihrer Verbrennung 1431 nach. Die Dialoge sind in der Übersetzung Wolfgang Hildesheimers erfrischend unprätentiös – Karl Kraus hatte dem früheren Shaw-Übersetzer Siegfried Trebitsch bescheinigt, er übersetze „die […] Stücke des Herrn Shaw aus dem Englischen in eine ihm gleichfalls fremde Sprache“ – und das Stück trotz seinem historischen Stoff sehr eingängig. Angehängt wird ein Epilog, indem Shaw in einer Traumsequenz Karls VII. (des früheren Dauphins) die Nachwirkung Johannas von ihrer Rehabilitation 1453 bis zur Heiligsprechung im Jahr 1920 wenigstens aufblitzen lässt; das Stück kommt sicherlich gut auch ohne diesen Wurmfortsatz aus. Auch Shaw setzt sich wie sein Vorgänger Schiller nicht groß mit dem Status der Visionen Jeannes auseinander; für ihn hat sie einfach eine lebhafte Phantasie und diese Erklärung muss hinreichen. Bei Shaw erwächst die Stellung Jeannes im Heer nicht ihrem göttlichen Auftrag, sondern schlicht der Tatsache, dass die französischen Befehlshaber keine Alternative mehr sehen und Johanna nach dem Motto folgen, dass es schlimmer auch nicht mehr werden könne. Insbesondere der Dauphin ist bei Shaw eigentlich gar nicht mehr bereit zu kämpfen, sondern will sich mit den Engländern auf einen Frieden einigen, der ihm seine Ruhe garantiert; nur widerwillig lässt er sich auf die von Jeanne initiierte Kampagne zur Befreiung Orléans ein.

Worin Shaw sich sicherlich irrt, ist zum einen, dass der Prozess gegen Johanna in irgend einem Sinne fair gewesen sei – das ist bei jeglichem Religionsprozess schlicht unmöglich – und dass er unpolitisch gewesen sei. Hier unterdrückt er das historische Faktum, dass das erste Urteil gegen Johanna – lebenslange kirchliche Haft – nicht auf den Widerstand der Verurteilten, sondern im Gegenteil auf den des englischen Hofes traf. Von daher ist auch seine Darstellung, es sei Johanna selbst gewesen, die sich am Ende für den Scheiterhaufen entschieden habe, als historisch falsch abzulehnen.

Sieht man davon ab, dass Shaw am Mythos Johannas ebenso scheitert wie seine Vorgänger, ist es ein flottes und amüsantes Stück eines alten Mannes um die Verbrennung eines 19-jährigen Mädchens, die in ihrer jugendlichen Naivität glaubte, es genüge das Gute zu wollen, um in der Welt bestehen zu können, durch eine Gruppe von Männern, die der Zufall in eine Position der Macht gespült hat. Es muss dann jede und jeder selbst schauen, wie sie oder er damit zurecht kommt.

Bernhard Shaw: Die heilige Johanna. Aus dem Englischen von Siegfried Trebitsch (Essay) und Wolfgang Hildesheimer (Drama). st 1861. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 82016. Broschur, 237 Seiten. 11,– €.

Arno Schmidt: Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger

Am 15. Februar 1959 schreibt Arno Schmidt an Hans Wollschläger:

[…] wir ergo wollen uns, im Interesse einer begierig zuhorchenden Nachwelt, einer schlichten Genauigkeit in Namen, Orten und Daten (der Worte & Werke noch ganz zu geschweigen) befleissigen – das wird ohnehin mal ein schwermütiger Spaß werden, wenn unsere Correspondenz (wie es ja gar nicht ausbleiben kann) gedruckt erscheint, und die bewußten ›Edelmenschen‹ dann, bestürzt die Querhand vor der Stirn, ihr Porträt & das ihres Wirkens ratlos aus (dann wahrscheinlich schon ziemlich schadhaft gewordenen) ›Knopflöchern‹ bestarren.

Nun also ist es endlich soweit – die erste Ankündigung des Briefwechsels liegt gut 30 Jahre zurück –, und es gibt tatsächlich eine, wenn auch wahrscheinlich eher kleine Nachwelt, die begierig zuhorcht. Und es ist schwermütig genug geworden. Ob aber auch ein Spaß? Nunja.

Der erste Kontakt der beiden Schriftsteller findet im September 1957 statt, als Wollschläger mit einem Leserbrief auf einen Schmidt-Text über Karl May  in der FAZ reagiert und der Redaktion eine Erwiderung zukommen lässt, die diese verständlicherweise nicht abdrucken möchte, sondern an Schmidt weiterleitet. Schmidt vermutet in Wollschläger sogleich einen Mitstreiter in der Sache, Karl Mays literarisches Renommee zu heben, und erkennt sehr rasch, dass Wollschläger nicht nur ein May-Kenner ersten Ranges ist, sondern ihm als Mitarbeiter des Karl-May-Verlages (damals unter Ustad-Verlag firmierend) auch einen erneuten, quasi unterirdischen Zugang zu dessen Archiv eröffnen könnte, nachdem es sich Schmidt durch seine undiplomatische Besserwisserei mit der Verlagsleitung bereits verdorben hatte.

Hans Wollschläger ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt (21 Jahre jünger als Schmidt), seiner Ausbildung und seinen Ambitionen nach Musiker, Fachmann für Gustav Mahler, dessen 10. Symphonie er zu rekonstruieren versucht, und verdient sich sein karges Brot als freier Mitarbeiter des Karl-May-Verlages. Schmidt und Wollschläger sind sich wenigstens darin einig, dass May ein unterschätzter Autor sei, wenn auch Schmidt im Wesentlichen nur vier Bücher des Spätwerks gelten lassen will, wohingegen Wollschläger wenigstens zu Anfang an eine breitere Auswahl schätzenswerter Werke zu denken scheint.

Und so ist denn der Großteil des Briefwechsels leider auch geworden: Das Thema Karl May ist durch das ganze Konvolut hindurch dominant. Es werden die Güte bzw. die Mängel verschiedener Ausgaben diskutiert, man weist einander auf antiquarische Angebote hin, Wollschläger schiebt Schmidt Materialien aus dem Verlagsarchiv zu, ist überhaupt eine Quelle für biographische Details, die er aus seiner Lektüre zahlloser Briefe Mays gewinnen konnte. Wen May interessiert, wird hier eine Bonanza von Material und Feinheiten finden; wer allerdings trotz Arno Schmidt und Hans Wollschläger hartnäckig bei der Auffassung verharrt, dass es sich bei May um einen hochgradigen Schwätzer und ausgemachten Hohlkopf handelt, wird sich über weite Strecken durch diesen Briefwechsel durcharbeiten müssen.

Denn eigentlich erfährt man nichts: Weder Schmidts Behauptung, beim Mayschen Alterswerk handele es sich um eine Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie, wird in irgendeiner Weise reflektiert oder auch nur erläutert, noch wird der Schwenk Schmidts zu einer psychoanalytischen Lesart Mays methodisch oder inhaltlich diskutiert. Als Schmidt das erste Mal gegenüber Wollschläger andeutet, May könne homosexuell gewesen sein, lehnt dieser die Vermutung aus seiner biographischen Kenntnis heraus rundweg ab. Erst als Schmidt die Wendung findet, dass May seine homosexuellen Neigungen unbewusst verarbeitet habe, stimmt Wollschläger sofort und gänzlich unkritisch zu. Danach tritt er Schmidt hier wie auch überall sonst die Brücke.

Für Freunde oder Bewunderer Wollschlägers – inzwischen ist auch bei ihm von einer Gemeinde seiner Leser die Rede, wie es früh schon für die Leser Schmidts üblich geworden war –  ist der Briefwechsel insoweit ergiebig, als er Schmidts Bemühungen um den jungen Autor gut dokumentiert: Schmidt ermutigt Wollschläger immer wieder zur Fertigstellung seines Romans Herzgewächse, empfiehlt das Manuskript bei den Verlagen, zu denen er Kontakt hat, verschafft Wollschläger seine ersten Aufträge als Übersetzer und holt ihn zu dem großen Projekt der Poe-Übersetzung mit ins Boot. Als Schmidt dann in die Niederschrift von Zettel’s Traum abtaucht und der Briefwechsel immer loser wird, ist Wollschläger so weit etabliert, dass er von Suhrkamp – trotz seiner Verbindung zu Arno Schmidt, von dem Verlagschef Unseld nicht viel zu halten scheint – den Auftrag erhält, den Ulysses neu zu übersetzen. Damit schreibt er sich dann endgültig in die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ein.

Und trotz der Koketterie des einleitenden Zitats ist es natürlich klug, sich beim Lesen von Briefen fremder Menschen klar zu machen, dass man damit unvermeidlich in einen privaten Bereich vordringt, den zu betreten man ganz eigentlich kein Recht hat. Mich hat die Lektüre dieses Briefwechsels von beiden Autoren weiter entfernt; ein wenig mehr von Schmidt, ein deutliches Stück mehr von Wollschläger, obwohl hier die Distanz ohnehin schon erheblich war. Aber das liegt nun ausschließlich an mir und tut für das Buch weiter nichts zur Sache. Nur einmal mehr hat sich das Wort Schmidts bestätigt, dass sich ein Schriftsteller langsam in seine Werke auflöse; „den zurückbleibenden schäbigen Rest besieht man sich besser nicht“.

Arno Schmidt: Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger. Briefe IV. Hg. v. Giesbert Damaschke. Berlin: Suhrkamp, 2018. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 1034 Seiten. 68,– €.

Bernard Shaw: Pygmalion

Ich habe mich bislang nicht sehr um Shaw gekümmert über das Anekdotische hinaus, das einem nahezu  zwangsläufig über den Weg läuft, wenn man sich intensiver mit Literatur beschäftigt. Nun hat es sich in der Nachfolge der Wilde-Lektüre der letzten Zeit ergeben, dass ich auch zu Shaw gekommen bin. Pygmalion war und ist eines seiner erfolgreichsten Stücke, besonders auch weil es durch die Musical-Adaption My Fair Lady am Leben gehalten wird.

Der Inhalt dürfte weitgehend bekannt sein: Der Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins geht eine Wette ein, aus dem ungebildeten Blumenmädchen Eliza Doolittle durch eine sprachliche Ausbildung innerhalb von sechs Monaten eine gesellschaftsfähige „Herzogin“ zu machen. Das Stück präsentiert zwar eine Zwischenstufe der Ausbildung, die noch etwas grobschlächtig ausfällt, lässt Higgins am Ende aber triumphieren, womit der eigentliche Konflikt des Stücks erst ausgelöst wird. Mit der Vollendung des Experiments verliert Higgins das Interesse an Eliza; die frühe Warnung seiner Mutter, er zerstöre gedankenlos Elizas Zukunft, bewahrheitet sich jetzt. Die falsche Herzogin Eliza kann nicht zurück in ihre gesellschaftliche Klasse (welche das auch immer gewesen sein soll), noch hat sie eine Zukunft in der Oberschicht, der Higgins angehört. Eliza flieht aus Higgins’ Haus zu dessen Mutter, in deren Salon es zum eigentlichen Schaustück des Dramas kommt: einem Streitgespräch zwischen Eliza und Higgins.

In diesem Streitgespräch dreht es sich hauptsächlich um die Frage der Unabhängigkeit Elizas und warum Higgins sich weigert, sich in seine eigene Schöpfung zu verlieben. Higgins besteht darauf, Eliza rücksichtslos behandeln zu dürfen, da er alle seine Mitmenschen rücksichtslos behandele. Durch das Streitgespräch, in dem – je nach Perspektive des Zuschauers – beide oder keiner von beiden Recht behält, wird Eliza allerdings klar, dass sie durch das Erziehungsprogramm, das sie durchlaufen hat, tatsächlich eine neue Art der Unabhängigkeit gewonnen hat, dass sie nun über ihren Lebensweg entscheiden kann. Diese Einsicht in ihre gesellschaftliche Freiheit – die wenigstens das Stück behauptet – ermöglicht es ihr, Higgins auf Augenhöhe zu begegnen und nun nicht mehr vor ihm fliehen zu müssen.

Das Happy End – die Hochzeit Elizas mit irgendeinem der Trottel, die durchs Stück laufen – verweigert Shaw seinem Publikum; allerdings war er dumm genug, ein Nachwort zum Stück zu schreiben, das diesen Vorteil zunichte macht. Dramaturgisch ist das Stück nicht uninteressant, da es den Konflikt, den es in seinem Verlauf aufzulösen gilt, nicht schon zu Anfang des Stückes voraussetzt, sondern erst im Gang der Handlung erzeugt. Handlung liefert sein Grundeinfall allerdings zu wenig, weswegen Shaw ihm mit einer Nebenhandlung (der Karriere von Elizas Vater) aufhelfen muss. Auch die Eingangsszene, die die wichtigen Figuren einführt, ist mit Blick auf den Rest des Stücks weitgehend beliebig. Alles in allem eine ganz nette Komödie, aber alles andere als ein Meisterstück. Über die deutsche Übersetzung deckt man am besten den Mantel des Schweigens.

Bernard Shaw: Pygmalion. Aus dem Englischen von Harald Müller. st 1859. Broschur, 127 Seiten. Berlin: Suhrkamp, 122017. 7,– €.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw

Die inzwischen eingestellte Reihe der Rowohlt-Bildmonographien war in meiner Schul- und Studienzeit die einzige einigermaßen zuverlässige Quelle kurz gefasster biographischer Portraits, die im Umfang zwischen lexikalischen Einträgen und umfangreichen Biographien lagen. Dabei war die Qualität innerhalb der Reihe sehr unterschiedlich: Um rasch an Breite zu gewinnen, ließ der Herausgeber Kurt Kusenberg zum Teil essayistische Texte übersetzen, die kaum dem Anspruch einer Biographie genügten (Edgar Allan Poe; der frühe Band zu Joyce von Jean Paris); zum Teil waren die Autoren mit der Darstellung des Werkes oder Wirkens so beschäftigt, dass sie kaum zur eigentlichen Biographie kamen (Martin Luther); zum Teil waren die Autoren dem Dargestellten gegenüber so feindlich eingestellt, dass man das Büchlein über den Anhang hinaus kaum gebrauchen konnte (Gustave Flaubert). Aber abgesehen von solchen Einbrüchen war die Reihe für einen breit und historisch interessierten Leser völlig unverzichtbar, und es gab eben auch keine Alternative.

Auch die Shaw-Biographie von Hermann Stresau gehört zu den eher problematischen Fällen: Sie wurde 1962 geschrieben und seitdem nur im bibliographischen Anhang überarbeitet. Sie liefert eine Biographie im eigentlichen Sinne nur im ersten Drittel, wobei sie sich hier durch holzschnittartige Darstellung und undifferenzierte Urteile auszeichnet (Vater: Taugenichts; Mutter: nicht hartherzig, aber herzenskühl und lieblos; Shaw selbst: schüchtern bis zur Menschenscheu, aber aktives Vereinsmitglied und bedeutender öffentlicher Redner, immer gerade so, wie es passt). Anschließend geht der Text in eine weitgehend von Metaphern getragene Interpretation der Stücke Shaws über, die großteils für den Orientierung suchenden Leser unbrauchbar ist, weil bei den allermeisten Stücken eine schlichte Inhaltsangabe fehlt. Ohne Kenntnis der Stücke ist die Interpretation Stresaus aber weder nachvollziehbar noch überprüfbar.

Auch dieses, nur noch antiquarisch greifbare Büchlein steht ohne Alternative da; selbst im Englischen scheint es keine auch nur halbwegs aktuelle Biographie Shaws zu geben. Auch die sogenannte Werkausgabe in Einzelbänden bei Suhrkamp ist nur noch zur Hälfte lieferbar; es scheint nicht gut bestellt zu sein um Shaw und sein Werk.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw. rm 50059. Reinbek: Rowohlt, 122001. Broschur, 178 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Sinclair Lewis: Main Street

Warum lügen Romane eigentlich immer so schrecklich?

Main Street, 1920 erschienen, ist der Roman, mit dem Sinclair Lewis seinen Durchbruch als Autor hatte. Ihm waren bereits sechs andere Romane mit mäßigem Erfolg vorausgegangen, doch Main Street traf offenbar einen Nerv der Zeit, denn während der ersten sechs Monate verkaufte sich das Buch 180.000 mal und brachte es innerhalb von nur wenigen Jahren auf eine Auflage von 2.000.000 Exemplaren. Dieser Bestseller begründete den anhaltenden Ruhm des Autors, der ihm 1930 als erstem us-amerikanischem Autor den Literatur-Nobelpreis einbringen sollte.

Erzählt wird die Geschichte Carols, die nach dem Studium einige Zeit als Bibliothekarin in Saint Paul, Minnesota arbeitet. Dann lernt sie, die eigentlich nicht darauf aus ist zu heiraten, den Arzt Will Kennicott kennen, der ihr sehr rasch einen Heiratsantrag macht. Angesichts der Tatsache, dass sie beruflich nicht zufrieden ist, nimmt sie den Antrag an, auch weil sie überzeugt ist, Will durchaus zu lieben. Will nimmt sie mit in die Kleinstadt Gopher Prairie, ebenfalls in Minnesota, in der er praktiziert. Minnesota ist den Deutschen zumindest von seiner winterlichen Seite wahrscheinlich durch den Film Fargo bekannt; hier leben vorwiegend deutsche und skandinavische Einwanderer, die ihren Lebensunterhalt als Farmer verdienen. Gopher Prairie ist eine typische, provinzielle Kleinstadt, die für die umliegenden Farmen Läden, Schule und eben auch einige Ärzte vorhält.

Wie man sich leicht denken kann, stößt die hübsche und – vergleichsweise – hochgebildete junge Carol in Gopher Prairie zuerst auf eine spürbare Ablehnung. Zwar hat sie als Frau des Arztes sofort einen gewissen gesellschaftlichen Status, aber ihre städtische Kleidung, ihre Ideen zur Ausgestaltung ihres Hauses und ihrer Partys und die Art, wie sie ihre Bildung ins Gespräch einfließen lässt, machen sie zur Außenseiterin. Man muss den Einheimischen von Gopher Prairie allerdings zugutehalten, dass Carol sich nicht besonders um Anpassung an die vorgefundenen Verhältnisse bemüht, sondern von Beginn an der Auffassung ist, ihre vornehmste Aufgabe sei es, die Stadt und ihre Bewohner zu reformieren. Dazu gehört auch ihr Plan, die in ihren Augen hässliche Hauptstraße (Main Street) städtebaulich zu verschönern, ein Traum, den sie bereits während ihrer Studienjahre entwickelt hat. Carol ist daher weitgehend isoliert; einzig bei einem der Juristen der Stadt, einem eingeschworenen Einzelgänger, und einem lesenden Arbeiter findet sie einige Sympathien; selbst ihr Mann steht eigentlich auf der Seite derer, die Carol etwas merkwürdig finden, wenn er auch zu glauben scheint, dass sich diese Probleme mit der Zeit von selbst geben werden. Ihre einzige erklärte Freundin, eine Lehrerin, die auch die Bibliothek betreut, ist eher daran interessiert, Carol für ihr eigenes, christlich motiviertes Reformprojekt einzuspannen.

Nachdem diese Grundkonstellation aufgestellt ist, schleppt sich der Roman über viele Seiten hin, um eine immer erneute Verschärfung der Krise heraufzubeschwören. Dort, wo Carol sich langsam an den Alltag Gopher Prairies anpasst, wirft sie sich selbst vor zu verspießern; im Gegenzug gibt es immer wieder Ereignisse, die ihr klar machen, dass sie nie in dieser Stadt zufrieden wird leben können. Lewis spielt auch mit einer Liebesaffäre Carols, die aber nie richtig in Gang kommt, offenbar weil er die Moral seiner potenziellen Leserinnen fürchtet. Auch ein eigenes Schlafzimmer für Carol oder die Geburt eines Kindes ändern die Situation nicht wirklich. Schließlich bricht Carol aus der Kleinstadtatmosphäre aus, geht nach Washington und lebt einige Jahre ein unabhängiges und selbstständiges Leben. Am Ende siegt aber doch die Normalität, und sie kehrt zu ihrem Mann in die kleinstädtischen Verhältnisse zurück, gereift durch die Jahre ihrer Unabhängigkeit und die Einsicht, dass auch in der großen Welt nicht alles Gold ist, was glänzt. 

Dieses versöhnliche, sehr amerikanische Ende hat wahrscheinlich nicht unwesentlich zu dem Erfolg des Buches beigetragen. Main Street vermeidet konsequent die Katastrophe, die sich aus dem Missverhältnis der inneren und äußeren Welt der Protagonistin entwickeln ließe; man vergleiche dazu nur die offensichtliche literarische Vorlage der Madame Bovary (dumme Gans mit literarischer Bildung heiratet Provinzdoktor und scheitert an ihrem aus den Romanen entnommenen Weltbild). Der Kompromiss mit dem Publikumsgeschmack, den der Autor offensichtlich erfolgreich eingegangen ist, führt auch dazu, dass er über weite Strecken wesentlich nicht weiß, was er mit seiner Protagonistin weiterhin anfangen soll. Und so ist der Roman nicht nur auf weiten Strecken anekdotisch, sondern auch deutlich zu lang geraten und im Abgang mehr als seicht. Von der ironischen Schärfe, die Babbitt beherrscht, ist hier nur an einigen wenigen Stellen ein Vorschein zu erkennen. Erst nach diesem Erfolg war sich Lewis als Autor sicher genug, um seinen eigentlichen Ton anzustimmen.

Sinclair Lewis: Main Street.  Aus dem amerikanischen Englisch von Christa E. Seibicke. München: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 1002 Seiten. 28,– €.

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus

Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.

Der Tractatus, um praktischerweise die gebräuchliche Abkürzung des Titels zu benutzen, gilt als eines der schwierigsten philosophischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Nun gilt für philosophische Bücher ohnehin die Regel, dass es keine einfachen gibt: Sind sie einfach, sind sie nicht philosophisch. In zahlreichen Fällen besteht der Hauptgrund dieser Schwierigkeit in der Tatsache, dass man philosophische Bücher erst dann zu verstehen beginnt, wenn man bereits weiß, was in ihnen steht, was ein offenbares und nicht einfach zu umgehendes Hindernis darstellt. Das ist mit der Grund, warum die allermeisten an Philosophie Interessierten das Fach nicht aus den Quellen schöpft, sondern sich von mehr oder minder Berufenen eine Nacherzählung liefern lässt, die sie dann für den Gang der Gedanken selbst halten. Ein Großteil der populären philosophischen Vorurteile stammt daher.

Beim Tractatus kommt sicherlich eine weitere Schwierigkeit hinzu: Um einen umfangreichen Teil des Buches zu verstehen, muss man mit formaler Logik vertraut sein; hinzu kommen jene Passagen, in denen sich Wittgenstein mit dem logischen System Gottlob Freges oder  mathematischen Ansätzen Bertrand Russells auseinandersetzt, die weitere, sehr spezielle Kenntnisse voraussetzen. Sollte sich der unvorbereitete Leser tatsächlich durch den ontologischen ersten Teil des Buches hindurchgearbeitet haben, so gibt er in der Regel spätestens beim Erreichen des Abschnittes über die Formalisierung der Gedanken auf und sucht Hilfe in der Sekundärliteratur.

Meine erste Begegnung mit Wittgenstein geschah relativ früh in meinem Studium, Mitte der 1980er Jahre. Ich habe damals in zwei Semestern die beiden Hauptwerke Wittgensteins durchgearbeitet, wahrscheinlich nicht unter der besten Anleitung, die man sich wünschen kann, aber immerhin. Natürlich war auch ich bei der damaligen Lektüre des Tractatus in der Hauptsache damit beschäftigt, überhaupt zuerst einmal zu verstehen, worum es im Buch geht. Die Lektüre im Rahmen eines Seminars hatte selbstverständlich den Vorteil, dass einem der historische und ideologische Rahmen, in dem die Gedanken zu diesem Buch entstanden sind, vermittelt wurde und man so wenigstens schon einmal eine konkretere Vorstellung davon bekam, mit welcher Fragestellung sich Wittgenstein beschäftigte.

Ich habe nun den Tractatus nach etwas mehr als 30 Jahren zusammen mit einem jungen Studenten der Philosophie noch einmal Satz für Satz gelesen. Diese detaillierte analysierende Lektüre hat einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen. Zum einen erscheint das Buch aus heutiger Sicht überraschend redundant, was angesichts seines geringen Umfangs noch seltsamer erscheint. Selbst wenn sich der Leser klar macht, dass ein bedeutender Teil der Ausführungen etwa zur formalen Logik gänzlich neu und grundlegend war, irritieren die wirklich zahlreichen Wiederholungen des bereits einmal Gesagten, die ein immer erneutes Ansetzen des Gedankens markieren. Dies erzeugt eine nicht unerhebliche Spannung zu dem durch das System der Nummerierung der Sätze erzeugten Eindruck, der Text präsentiere einen durchkonstruierten und glatten Gedankengang. 

Zum anderen ist Wittgensteins Tractatus von einer erstaunlichen philosophischen Naivität: Hat man einmal die Parallelkonstruktion von Ontologie und Sprachfiktion und die Grundlegung dieser Sprachfiktion in der formalen Logik verstanden, fragt man sich unwillkürlich, wie jemand dies tatsächlich für eine Lösung aller philosophischen Fragen halten konnte. Selbstverständlich stand Wittgenstein damals unter dem Einfluss des philosophischen Analphabeten Russell, aber die anscheinend vollständig naive Übernahme der These, man müsse philosophisches Reden nur formal unterbinden, um mit 2.500 Jahren Philosophiegeschichte abzurechnen, überrascht denn doch. Offensichtlich ist sich Wittgenstein bewusst, dass er den Grund, aus dem heraus sich philosophisches Fragen immer wieder erneuert, nicht beseitigen oder unfruchtbar machen kann; seine Idealsprache kann nur das Reden darüber verhindern.

6.52 Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.

Aber auf welche Weise sollte die Menschheit zu der Überzeugung gelangen, dass dies ein Vorteil sei und deshalb die natürliche Sprache durch das System der Idealsprache ersetzt werden sollte. Hier zeigt sich, wie entfernt Wittgenstein zumindest zu diesem Zeitpunkt davon war, zu verstehen, warum Menschen seit jeher und zu jeder Zeit Philosophie betrieben haben. Das Erstaunen vor dem Selbstverständlichen war ihm nicht fremd, das über die Jahrhunderte hinweg geführte Gespräch darüber offenbar schon. 

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Bibliothek Suhrkamp 1322. Berlin: Suhrkamp, 72014. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 139 Seiten. 13,95 €