Shortlists (3) – nicht zu Ende gelesen!

Blogger-Kollege Jürgen Fenn hat auf seiner Schneeschmelze auf eine Umfrage des französischen Radiosenders France Culture hingewiesen, der seine Hörer nach nicht zu Ende gelesenen Romanen gefragt hat. Fenn weicht – kluger Weise? – jeder Diskussion der Ergebnisse aus und listet einfach nur die Top-10 auf:

  1. Ulysses von James Joyce
  2. Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell
  3. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust
  4. Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien
  5. Die Schöne des Herrn von Albert Cohen
  6. Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil
  7. Rot und Schwarz von Stendhal
  8. Madame Bovary von Gustave Flaubert
  9. Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Marquez
  10. Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline

Wie bei vielen Fällen statistischer Daten ist die Deutung schwierig: Zwar haben auf die Umfrage immerhin 3.000 Hörer geantwortet, aber sie dürften dennoch kaum eine repräsentative Stichprobe bilden, denn zum einen handelt es sich um Franzosen – wofür sie selbstredend nichts können – und zum anderen sind sie Hörer eines Kultursenders. Jenes führt dazu, dass sechs von zehn Titeln von französischen Autoren stammen, dieses, dass alle Titel zumindest in dem Verdacht stehen müssen, zur Hochkultur zu gehören.

Aber vielleicht liegt die Vorhersehbarkeit der Antworten auch in der Frage begründet: Während kaum jemand auf Fragen wie „Am Fuß welcher 8.000er haben Sie bereits gestanden, ohne sie bestiegen zu haben?“ oder „In welchen Ozeanen haben Sie schon gebadet, ohne sie durchschwommen zu haben?“ antworten würde, machen Kulturmenschen bei der Frage nach abgebrochenen Lektüren sofort Männchen und geben hächelnd genau jene Antworten von sich, die von ihnen erwartet werden; und je anonymer die Befragten, desto stereotyper die Antworten.

Natürlich führt der Joycesche Ulysses das Feld in jeder dieser Umfragen an. Der durchaus begründete Ruf der Bedeutung dieses Romans steht in direkt reziproker Proportionalität zum Glauben des kultivierten Lesers, er müsse ihn einerseits gelesen haben, er – der Roman, nicht der Leser – werde aber andererseits zu Recht für unlesbar gehalten; es versteht sich von selbst, dass beides falsch ist. Nicht der Ulysses ist unlesbar, sondern die meisten seiner Leser begegnen ihm mit zumeist unbewussten Konzepten, wie ein Roman zu funktionieren habe, denen das Buch aber in nur ver­schwin­den­den Anteilen entspricht. Anders gesagt: Die Leser des Ulysses scheitern in der Regel an ihren anderwärts sich bewährenden Vorurteilen, nicht am Buch.

Ganz anders dagegen ein Fall wie Der Mann ohne Eigenschaften: Hier scheitert das Zuendelesen bereits an der Tatsache, dass der Roman gar nicht zu Ende geschrieben worden ist, dass also auch die umfangreichste und gründlichste Lektüre immer den Fall liefert, dass man das Buch nicht zu Ende gelesen hat; was aber naturgemäß die wenigsten der Befragten wissen dürften, da sie lange vor diesem nicht existenten Ende aufgegeben haben. Das wiederum liegt daran, dass Musil für einen impliziten Leser schreibt, der deutlich intelligenter und aufmerksamer ist als der reale. Das meiste, was Musil schreibt, entkommt seinen Lesern also direkt über den Kopf hinweg ins Nichts.

Ganz anders wiederum ein Fall wie Der Herr der Ringe, ein Buch, das, wenn man ehrlich ist, nicht nur von gähnender Langweiligkeit ist, sondern auch seine wichtigste Pointe bereits im Titel des dritten Bandes ausschwatzt: Die Rückkehr des Königs. Ganz abgesehen davon, dass man inzwischen bequem die Verfilmung anschauen kann.

Ganz anders wiederum ein Fall wie Madame Bovary, bei dem es sich nur mit massivster Humorlosigkeit oder Gehirnamputation erklären lässt, wenn einer das Buch nicht zu Ende liest. Man sieht leicht, wohin das führt.

Aber – und deshalb schreibe ich das alles hier– am andersten ein Fall wie Die Schöne des Herrn, zumindest für einen deutschen Leser – für mich: Mir war die Existenz des Buches bis zu dieser Umfrage komplett entgangen, was sich am einfachsten daraus erklärt, dass Elke Heidenreich es empfohlen hat. Etwas verwundert darüber, dass ich dieses eine Buch der Liste so gar nicht einordnen konnte, habe ich mir beim deutschen Verlag eine Leseprobe der Übersetzung her­un­ter­ge­la­den und durfte gleich auf der zweiten Seite  folgendes lesen:

Um den knirschenden Kies zu vermeiden, wagte er einen Sprung in die mit Muschelwerk eingefassten Hortensienbeete.

Was für ein Mann! Nicht nur läuft er seit Textbeginn mit nacktem Oberkörper durch den Roman, er wagt es auch, in mehrere Hortesienbeete zugleich zu springen! Mir läuft es eiskalt den Nasenrücken herunter. Aber gleich geht es weiter: Völlig unvorbereitet und unvorhersehbar hat unser Held etwas in der Hand:

Er lächelte ohne Grund und ging auf und ab, von Zeit zu Zeit seine automatische Pistole in der Hand wiegend.

Ja, seinen Ballermann hat er wohl aus der Hose gefischt, weil der Autor nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte. Und auch die Übersetzung hat es in sich:

In dem Salon, dessen Wände mit rotem Samt ausgeschlagen und mit vergoldetem Holz getäfelt waren, …

Nun kann zwar ein Salon mit Samt ausgeschlagen sein, aber seine Wände können es nicht. Um etwas mit etwas anderem ausschlagen zu können, bedarf das erste Etwas so etwas wie eines Innenraums, was Wände schlechthin nicht haben. Aber es wird noch besser:

Stieß sie sich an irgendeiner Unzulänglichkeit, wie eine brüchige Rampe, ein aus den Fugen geratenes Eisengitter, ein versiegter öffentlicher Brunnen, …

Verzweifelnd nach vorn blätternd, entdecke ich, dass das Buch nicht nur einen Übersetzer, sondern auch noch einen grundlegenden Überarbeiter der Übersetzung hat. Nur damit man es recht versteht: Ein französischer Roman aus dem Jahr 1968 wurde nicht nur 1983 ins Deutsche übersetzt, sondern die Übersetzung war offenbar derart, dass 2012 eine grundlegende Überarbeitung erschien. Dabei ist das Buch zweimal durchs Lektorat gegangen, und dann steht ein Satz wie der oben zitierte auf der achten Textseite. Das ist kein Deutsch! Auch wenn auf der Straße und in der Tagesschau so gesprochen wird, ist das kein Deutsch. Wer mag, kann den Grund gern unter „Kongruenz im Kasus“ nachschlagen. Was auch immer im Original steht, es kann nicht auch nur halbwegs so schrecklich sein wie das, was im Deutschen daraus geworden ist.

Und auch wenn ich kaum angefangen habe, werde ich dieses Buch nicht zu Ende lesen. Weil es fürchterlich ist; weil der Übersetzer oder der Üb­er­ar­bei­ter kein Deutsch kann; weil solche Bücher unerträglich sind. Von Frau Heidenreich empfohlen: „Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.“ – Jo!

Und wie geht sowas jetzt in eine Umfrage ein?

Paul Scott: Der Skorpion

Nun ja, die Wahrheit ist immer eine Sache, aber in gewisser Weise zählt nur das andere, der Klatsch.

Der zweite Band des Raj Quartets, der mit seiner Handlung unmittelbar an die Ereignisse in „Das Juwel in der Krone“ anschließt. Im Mittelpunkt steht diesmal die Familie Layton oder genauer Sarah Layton, die zusammen mit ihrer jüngerern Schwester Susan als Tochter eines englischen Militärs in Nordindien aufgewachsen ist. Bei einer eher beiläufigen Gelegenheit lernt Sarah Lady Manners kennen, die Tante jenes Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fers aus dem vorangegangenen Band; außerdem befindet sich unter den Freunden des Verlobten ihrer Schwester jener Ronald Merrick wieder, der als Polizeichef die Ermittlungen im Fall der Vergewaltigung geleitet hatte. Im Mittelpunkt von Sarahs Aufmerksamkeit aber steht die Hochzeit Susans mit Teddie Bingham, einem englischen Captain.

Zu Beginn des Romans aber wird die Verhaftung Mohammed Ali Kasims im August 1942 geschildert. Kasim ist ein führender moslemischer Funktionär der Kongresspartei und ehemaliger Ministerpräsident der Provinz Ranpur. Er wird wie viele andere Führer der Kongresspartei von den Engländern verhaftet in der Hoffnung, man könne auf diese Weise den befürchteten Aufständen ihre Anführer nehmen und sie auf diese Weise schon vor ihrem Ausbruch verhindern. Kasim wird von britischen Gouverneur der Provinz das Angebot gemacht, aus der Kongresspartei aus- und in sein Kabinett einzutreten, um sich auf diese Weise die drohende Haft zu ersparen. Kasim lehnt es aber ab, sich auf diese Weise instrumentalisieren zu lassen, und geht mit zumindest äußerlich stoischer Haltung in die luxuriöse Einzelhaft, die man ihm zugesteht. Dieser Abschnitt der Erzählung, der über einen der Söhne Kasims, Achmed, eher locker mit der Geschichte der Laytons verknüpft ist, dient Scott dazu, in dem langen Gespräch zwischen Kasim und dem Gouverneur die im ersten Band eher am Rande vorkommenden politischen Hintergründe ausführlicher vorführen zu können.

In einem zweiten Nebenstrang des Romans liefert Scott Material zu dem Fall der Vergewaltigung Daphne Manners nach: Sowohl der ehemalige Polizeichef Merrick als auch der Geliebte Daphnes, Hari Kumar, kommen ausführlich zu Wort und schildern den Fall und seine Umstände aus ihrer jeweiligen Sicht. Hierbei handelt es sich um Material, das eigentlich in den ersten Band gehört, dort aber den Rahmen des Buches gesprengt hätte, ohne etwas Wesentliches zu der Darstellung des Falles beizutragen. Dies bleibt leider auch in diesem zweiten Roman der zentrale Mangel dieses Stoffs: Die erneute Durcharbeitung der Vorgeschichte der Vergewaltigung und die ausführlicher Motivierung der beiden Akteure Merrick und Kumar, die sich beide um die Liebe Daphnes bemüht hatten, bringt nichts Neues: Merrick erweist sich als genau der britische Holzkopf, den man im ersten Band schon in ihm erkennen konnte, und Kumar schafft es nicht, auch nur ein einziges Detail beizusteuern, das einen aufmerksamen Leser des ersten Bandes überraschen würde. Hier wird breitgetreten, was im ersten Band so vorteilhaft auf sich beruhen durfte.

Leider muss ich feststellen, dass sich meine Enttäuschung über „Das Juwel in der Krone“ bei der jetzigen Lektüre nur fortgesetzt hat: Scott ist es nicht gelungen, mich für seine Figuren mehr als beiläufig zu interessieren. Das liegt hauptsächlich daran, dass keine seiner Figuren mehrdimensional oder offen für Entwicklung erscheint. Selbst die beiden differenziertesten Figuren, Ali Kasim und Sarah Layton, ragen nicht über ihre Funktion in der Konstruktion des Textes hinaus. Alles an ihnen ist brav und klug erfunden und dient den Absicht des Autors, aber ihnen wird kein Überschuss mitgegeben, der aus ihnen Personen anstatt nur Figuren werden lässt. Am enttäuschendsten sind dabei Merrick und Kumar, die im ersten Band so etwas wie verhinderte Rivalen waren: Ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung und das Missverhältnis der Macht, die Merrick über Kumar auszuüben in der Lage ist, verhindern eine tatsächliche Rivalität. Daphne Manners verliebt sich in Kumar und weist Merrick ab (Kumar gewinnt), Merrick verhaftet Kumar und wirft ihn nach einer in der Sache gänzlich nutzlosen Nacht der Folter ins Gefängnis (Merrick gewinnt). Dieses Missverhältnis kann nirgends und für nichts erzählerisch fruchtbar gemacht werden, was dazu führt, dass sich im zweiten Band diese beiden Figuren auch nicht für einen einzigen Augenblick begegnen können. Ihre beiden Binnenerzählungen müssen unvermittelt nebeneinander stehen bleiben. Das soll nicht als Vorwurf an den Autor verstanden werden, sondern ist nur die Einsicht in die Konsequenzen aus den soziologischen und politischen Bedingungen des Erzählten. Durch die Einsicht in diese Bedingtheit werden aber leider weder die Figuren noch das Erzählte besser.

Ich werde daher die Lektüre des Raj Quartets mit diesem Band abbrechen, da ich nicht die Hoffnung hege, dass die weiteren Bände, die einen ähnlichen Umfang haben, eine Besserung der Lage bringen werden. Die Reihe ist für jemanden, dem die sozialen und politischen Verhältnisse in Indien in den 40-er Jahren nicht oder nur wenig geläufig sind, vielleicht von einigem Interesse; literarisch aber springt sie leider um ein Weniges zu kurz.

Paul Scott: Der Skorpion. Aus dem Englischen von Manfred Ohl u. Hans Sartorius. btb 72128. München: Goldmann, 1997. Broschur, 608 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Alfred Döblin: Die drei Spünge des Wang-lun

doeblin-drei-spruengeEs passiert einem doch vergleichsweise hartnäckigen und trainierten Leser wie mir selten, dass ich an einem Roman eines Autors, der mich interessiert, vollständig scheitere. Bei „Die drei Sprünge des Wang-lun“ habe ich nach einem Viertel des Romans aufgegeben, noch ein wenig im dritten und vierten Teil gestöbert und das Buch dann zur Seite gelegt mit dem deutlichen Eindruck, dass, was immer nun noch erzählt werden wird, mich einfach nicht interessiert.

Dass Unverständnis beginnt schon damit, dass mir in Sekundärtexten gesagt wird, der Roman spiele im China des 18. Jahrhunderts. Das tut er nicht. Der Roman spielt nirgendwo und nirgendwann, in irgendwelchen Städten und Dörfern, Bergen und Tälern, Höhlen und Hütten, die alle vollkommen gesichtslos und einander gleich sind. Seine Charaktere sind flach wie die Hermann Hesses, ihre vorgeblichen Gedanken wuschig wie die Peter Sloterdijks und die Episoden der Handlung so zufällig aufgereiht wie die Lottozahlen. Es mag schon sein, dass das alles zusammen irgendetwas bedeutet, dass die Zahnräder des Romans an irgendeiner Stelle in irgendeine irgendwann existiert habende Wirklichkeit eingegriffen und etwas angetrieben haben, aber falls dem so sein sollte, ist es mir vollständig verschlossen geblieben.

So weit ich es beurteilen kann, wird im Roman die Geschichte Wang-luns erzählt: Sohn eines Fischers, ein wilder und unerzogener Knabe eines eingebildeten Vaters, der zu einem Kerl heranwächst, der stiehlt und sich über andere lustig macht. Dann wird ihm von der Polizei ein Freund erschlagen, er wiederum erwürgt den Polizisten, flieht in die Berge und wird ein frommer Mann. Viele Dummköpfe strömen ihm zu. Er ermordet einen Teil der Dummköpfe. Er geht fort, angeln. Der Kaiser ermordet einen anderen Teil der Dummköpfe. Da wendet sich Wang-lun an der Spitze der verbliebenen Dummköpfe gegen den Kaiser. Und dann lässt er es wieder bleiben. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer chinesisch dekorierten Märchenwelt. Hermann Hesses „Siddharta“ ist ähnlich undeutlich, aber viel, viel kürzer.

Das Buch gehört in die Reihe der China-Bücher vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts (Karl May, Elisabeth von Heyking, Klabund, Hans Bethge, Albert Ehrenstein, Bert Brecht), steht aber mit seiner Entstehungszeit 1912/13 relativ früh in dieser Reihe. Es ist für seinen abgehobenen Inhalt erstaunlich gut verkauft und noch vor 1933 ins Dänische und Französische übersetzt worden. Es muss also wohl was dran sein. Nur was, habe ich nicht herausfinden können.

Gelesen habe ich: Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Chinesischer Roman. Olten/Freiburg i.Br.: Walter, 1977. Leinen, Fadenheftung, 502 Seiten.

Lieferbar ist: Dass. Fischer-Tb. 90460. Frankfurt/M.: Fischer, 2013. Broschur, 528 Seiten. 10,99 €.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

… – es macht keinen Unterschied.

Harari-Kurze-GeschichteEin so schlechtes Buch, dass es sich kaum lohnt, es überhaupt zu besprechen, außer in dem Sinne, dass es der einen oder dem anderen die Lektüre ersparen wird. Der Autor ist Historiker, was man dem Buch aber nicht anmerkt. Nach einem Überblick über die Frühgeschichte der Menschheit geht der Autor dazu über, sich sehr allgemein darüber auszulassen, wie die menschliche Gesellschaft seiner Meinung nach funktioniert. Seine Haupteinsicht besteht darin, dass es sich bei menschlichen In­sti­tu­tio­nen und Ü­ber­zeu­gun­gen um Fiktionen handelt, die nichtsdestowe­ni­ger wirksam sind. Zwar kann Harari weder erklären, wie solche Fik­tio­nen installiert werden (sie werden einfach von jemandem erfunden), noch warum sie perpetuiert werden, wenn sie ihre Nützlichkeit ver­lo­ren haben, was ihn aber in keiner Weise dabei stört, ein schlecht durch­dach­tes Beispiel ans andere zu hängen, ohne ein einziges Mal auf Strukturen der Macht zu sprechen zu kommen. Auch handelt es sich bei der Geschichtswissenschaft und den Naturwissenschaften offenbar nicht um solche Fiktionen; auch seine Theorie vom fiktiven Charakter der gesellschaftlichen Institutionen scheint von dieser Theorie aus­ge­nom­men zu sein – so ein Glück!

Es lohnt nicht, Hararis Geschwätz detaillierter zu beschreiben. Die Argumentation des Buches ist flach, dumm, ermangelt jeglicher Selbst­ref­le­xion und weitgehend der Sachrichtigkeit.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013. Pappband, 526 Seiten. 24,99 €.

Hans Herbert Grimm: Schlump

Da auf einmal kam ihn ein menschliches Rühren an. Es drängte ihn gewaltig dorthin, wo der Kaiser auch selber hingehen muß.

grimm_schlumpDiese „Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt »Schlump«“ sind 1928 zum ersten Mal erschienen und im Jubiläumsjahr des Beginns des 1. Weltkriegs mit einem überaus freundlichen Nachwort von Volker Weidermann, dessen „Buch der verbrannten Bücher“ sich diese Wiederentdeckung verdankt, neu gedruckt worden. Das Groß­fö­je­tong hat mehrheitlich positiv auf das Buch reagiert, wahr­schein­lich weil die Herren Rezensenten – wie ich mir zu vermuten erlaube – nicht das Buch, sondern nur das Nachwort gelesen haben.

Das Buch ist ziemlich schrecklich: Sein Stil ist der Hauptsatz, sein Humor der Herrenwitz und seine soziale Kompetenz beschränkt sich auf Mutterliebe und geschlechtlichen Verkehr. Kritik am Krieg übt es sicherlich auch noch, aber nicht mehr als man bequem in jedem anderen Anti-Kriegsroman der Zeit findet – und in denen nicht nur besser geschrieben, sondern eben auch mit einem belehrten sozialen und/oder politischen Hintergrund. „Schlump“ kommt über die Einsicht, dass Krieg eben eine üble Angelegenheit ist, bei der Menschen zu Tode kommen, kaum hinaus.

So bleibt nur eine literarhistorische Lektüre nach dem Motto: „Es ist schon interessant, was früher so alles gedruckt worden ist.“ Darüber hinaus hat das Büchlein denjenigen, die sich in der bel­le­tris­ti­schen Literatur zum Ersten Weltkrieg etwas auskennen, kaum etwas zu bieten.

Hans Herbert Grimm: Schlump. Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt »Schlump«. Von ihm selbst erzählt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014. Pappband, Lesebändchen, 348 Seiten. 19,99 €.

Elizabeth Maguire: Fenimore

Daß auch Harry nur ein ganz normaler Mensch war, der es sich erlaubte, seinem Begehren nachzugeben, erfüllte mich mit einer Art erfürchtigem Respekt.

Maguire_FenimoreKleiner, etwas kitschig geratener Roman, der eine fiktive Autobiographie der US-amerikanischen Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson liefert, die man, obwohl zu Lebzeiten durchaus erfolgreich, heute wahrscheinlich kaum mehr kennen würde, wenn ihre Beziehung zu Henry James nicht Anlass zu ausgiebigem Klatsch bieten würde. Elizabeth Maguire liefert, wohl als Akt ausgleichender Ungerechtigkeit, eine Version aus der Sicht Woolsons.

Das Buch überzeugt nicht: Zwar fußt es auf einer offensichtlich gründlichen Kenntnis des Lebens und Werks Woolsons, doch wirkt es stilistisch bemüht und liefert eine erhebliche Menge von Plattitüden, die als Lebensweisheiten verstanden sein wollen. Literarische Peinlichkeiten wie die folgende sind nicht selten genug:

Die Füße gegen den Wind fest in die Erde gestemmt, betrachtete ich die uralten Steine von Stonehenge und bat sie, ihr Geheimnis preiszugeben. Doch es antwortete nur der Wind.

Aufgrund der Tatsache, dass ich weder das Original noch den anderen Roman der Autorin und auch nichts von Woolson kenne, kann ich nicht beurteilen, ob all dies Maguire zuzuschreiben ist oder es sich um einen Versuch stilistischer Imitation handelt. Dass auch das Deutsch der Übersetzerin nicht das beste ist, kann man oben am Motto ablesen. Wie es auch sein mag, schlecht bleibt es allemal.

Elizabeth Maguire: Fenimore. Aus dem Amerikanischen von Christel Dormagen. dtv 13957. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2011. Broschur, 256 Seiten. 9,90 €.

Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese

Eine besondere Lektüre durch meine Teilnahme an dem Leseprojekt Gordimer Lesen, die ich zusammen mit der Lektüre des Buches vorzeitig beendet habe. Zu den Gründen, die dazu geführt haben, habe ich dort ein Posting verfasst.

Der Roman spielt hauptsächlich in den Jahren nach der Aufhebung der Apartheid und dem Wahlsieg des ANC in Südafrika. Im Zentrum scheint ein junges Ehepaar zu stehen, das aufgrund der Tatsache, dass er ein weißer Jude und sie eine schwarze Methodistin ist, vor der Revolution eine geheime Ehe geführt haben. Sie haben am Kampf gegen das Apartheids-Regime teilgenommen und beginnen nun eine bürgerliche Existenz zu führen: Er wird Universitäts-Dozent, sie arbeitet für die Staatsanwaltschaft.

Doch ist das Ehepaar nicht das eigentliche Thema des Buchs: Der Fokus der Erzählung liegt auf den gesellschaftlichen und sozialen Realitäten im nun endlich freiheitlichen Südafrika, die – wen überrascht es? – von den Idealvorstellungen der ehemaligen Revolutionäre erheblich abweichen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden auch weiterhin von unterschiedlichen rassistischen Vorurteilen überschattet, einige der ehemaligen Freiheitskämpfer entpuppen sich als korrupte, selbstsüchtige und machtbesessene Machos, Armut und ungleiche Bildungschancen existieren immer noch und die Flüchtlinge aus den Nachbarländern werden zum sozialen Bodensatz der neuen Gesellschaftsordnung. All dies wird mit einer unterschwelligen Mischung von Zorn und Enttäuschung geschildert, wobei die Schilderungen selbst oberflächlich und ohne analytischen Zugriff bleiben; jeder bessere Zeitungsartikel dürfte detaillierter, neutraler und solider über die Sachverhalte informieren. Auch den Antrieb des Erzählens selbst reflektiert die Autorin nicht. Sie dringt zwar bis zu der Frage vor, warum die Revolutionäre denn erwartet und geglaubt hätten, dass gerade in Südafrika das Goldenen Zeitalter ausbrechen werde, statt dass sich eine der ganz gewöhnlichen Spielarten des modernen Elends einstelle, aber sie bleibt von der Frage fixiert und dringt auch hier zu keinem analytischen oder selbstkritischen Gedanken durch. Und die politische Naivität der Autorin schlägt direkt auf die Figuren durch.

Da es Gordimer wesentlich um die Darstellung der südafrikanischen Gesellschaft und nicht um die Fabel geht, bleiben die Figuren flach, die Handlung springt erratisch, folgt erst diesem und dann jenem Einfall. Es werden Nebenfiguren eingeführt, die augenblicklich und folgenlos wieder verschwinden. Es wird keinerlei Form oder Struktur erkennbar. Der Großteil der Gedanken der Figuren, wenn sie denn überhaupt welche zugeschrieben bekommen, sind trivial, die Auswahl der verwendeten Motive ist voraussehbar und langweilig. Einzig die Sprache, die Gordimer verwendet, ist sperrig (die bedauernswerte Übersetzerin tut übrigens ihr Bestes, das im Deutschen nachzubilden) und verhindert, dass sich die Leser wie in einem Trivialroman einrichten. Aber das allein genügt selbstverständlich nicht, um ein gelungenes Buch auszumachen.

Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Berlin: Berlin Verlag, 2012. Pappband, Lesebändchen, 506 Seiten. 22,99 €.

Padgett Powell: Roman in Fragen

Sollte ich weggehen? Sie in Frieden lassen? Sollte ich mit meinen Fragen nur mich selbst behelligen?

powell_fragenHandelt es sich bei dieser mehr als 180 Seiten langen Ansammlung unzusammenhängender Fragen tatsächlich um einen Roman? Ist ein Roman nicht ein Werk der erzählenden Literatur? Wäre es nicht besser gewesen, die Übersetzung des Originaltitels »The Interrogative Mood. A Novel?« zu benutzen? Ist ein Konzept, das auf zehn, vielleicht auch auf zwanzig Seiten witzig ist, auf mehr als 180 Seiten nicht nur noch eine Frage der Ausdauer oder eine Manie? Warum mit 180 Seiten aufhören? Sind dem Autor die Fragen ausgegangen, oder hat ein Controller des Verlages das Buch auf die am Markt am besten zu platzierenden Länge zusammengekürzt?

Glauben Autor, Übersetzer und Verlag tatsächlich, dass das witzig ist? Schätzen Sie den Humor von Harry Rowohlt? Glauben Sie nicht auch, dass sich seine Wortspielchen beliebig reproduzieren lassen und seine Gedankenströme eher seichter Natur sind? Ist seine Selbst-Identifikation mit Winnie-the-Pooh nicht vielleicht nur ironisch gemeint?  Könnte es sein, dass gerade Sie deshalb dieses Buch schätzen würden, während ich es nach zwanzig Seiten gähnend langweilig fand? Braucht man tatsächlich irgend wofür ein »kindliches Gemüt«? Und besitzt man eines, wenn man es ständig vor sich her trägt? Sollte man als Leser seine wenige und wertvolle Lesezeit nicht besser auf etwas weniger Beliebiges verwenden?

Heißt der Autor des Buches Padgett Powell? Lautet sein Titel »Roman in Fragen«? Wurde es von Harry Rowohlt aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt? Ist es im Jahr 2012 in Berlin im Berlin Verlag erschienen? Handelt es sich um einen Pappband mit Lesebändchen und 191 Seiten? Kostet es 17,90 €?

(Wurde diese Besprechung für
Literaturwelt
geschrieben?)

James Wood: How Fiction Works

A great deal of nonsense is written every day …

978-1-845-95093-4Da gerade die deutsche Übersetzung dieses in der englischsprachigen Welt nahezu durchweg positiv besprochenen Büchleins erschienen ist, habe ich mir endlich einmal das Original besorgt und angelesen. Wood selbst stellt seine Einführung in die Belltristik in eine Reihe mit Ruskins »The Elements of Drawing« (1857); es scheint also für alle jene geschrieben, die zwar die Literatur lieben, aber wenig Bewusstsein für ihre Gemachtheit besitzen. Von daher gehöre ich eher nicht zur Zielgruppe des Autors, und ich sollte mich vielleicht eines Urteils gänzlich enthalten. Da nun aber zumindest einige Leser hier ebenfalls nicht zur Zielgruppe gehören, mögen wenigstens diese gewarnt sein und Zeit und Geld sparen.

Ich habe mich bei der Lektüre gehörig gelangweilt, da ich weder originelle noch sonst überraschende oder erhellende Gedanke finden konnte. Die zweite Hälfte habe ich denn auch nur noch kursorisch angeschaut, und die Lektüre dann schulterzuckend abgebrochen. Damit soll nicht gesagt sein, dass das Buch für den Normal-Leser nicht anregend sein kann. Die meisten Leser begegnen einem fiktionalen Text in der Regel wie einem Naturereignis. Nur wenige machen sich bewusst, dass in einer Fiktion jedes einzelne Detail auf einer bewussten oder unbewussten Entscheidung des Autors beruht, dass jedes einzelne Detail auch anderes hätte ausfallen können – natürlich oft mit weitreichenden Folgen für den gesamten Text.

Es ist sicherlich so, dass Wood die Grundelemente, die die Erscheinung und das Gelingen eines Textes bestimmen (so etwa Erzählperspektive, grammatikalische und ontologische Zeit, Bestimmtheit oder Vagheit, Charakterbildung und Sprache), kurz und prägnant anreißt. Dabei verzichtet er sowohl auf jeden systematischen Balast als auch auf akademische Sprache und Gestus. Er plaudert in kürzeren und längeren Abschnitten über das, worauf man beim Lesen achten könnten, liefert zahlreiche Beispiele aus der gehobenen Literatur, die er zumeist angemessen erläutert. Hier und da zuckt der professionelle Leser auch einmal zusammen, weil Wood deutlich zu kurz greift, aber so richtig falsch gerät es an keiner Stelle; so richtig richtig aber eben auch nicht.

James Wood: How Fiction Works. London: Vintage, 52009. Broschur, 194 Seiten. 10,– €.

Michel Onfray: Anti Freud

978-3-8135-0408-8Ich habe mich sehr schwer getan, zu diesem Buch etwas zu schreiben, auch überlegt, ob ich es nicht einfach stillschweigend übergehen sollte, da es ein sehr schlechtes Buch ist und ich die Lektüre nach 150 Seiten eingestellt habe, weil kein neuer, geschweige denn ein origineller Gedanke mehr zu erwarten war. Ich selbst bin als Fachmann für Arno Schmidt auch ein halber, vielleicht auch nur ein drittel Fachmann für Freud geworden, weshalb mich die Auseinandersetzung mit ihm immer noch interessiert, während mir der Rest der psychoanalytischen Literatur inzwischen weitgehend gleichgültig ist.

Um das Buch angemessen zu rezensieren, ist es leider notwendig, zuvor einige Sätze zu meiner eigenen Position in der Sache zu schreiben, damit man meine Kritik an Onfray nicht als ein Plädoyer für die Psychoanalyse missversteht. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds ist eine der bedeutendsten Begründungen einer Weltanschauung (um nicht Religion zu schreiben) des 20. Jahrhunderts. Das in ihr implizit und explizit zum Ausdruck kommende Menschenbild hat einen nicht zu unterschätzenden weltweiten Einfluss auf die Kulturentwicklung gehabt, und niemand kann hoffen, die Entwicklung der westlichen Kultur in den letzten gut 100 Jahren zu verstehen, wenn er diesen Einfluss zu ignorieren versucht. In Freuds Denken fokussieren sich bedeutende geistige Strömungen des 19. Jahrhunderts: die Säkularisierung der Kultur, die Verbreitung atheistischen Denkens, der naive Glaube an die Erklärungsmächtigkeit rationaler Wissenschaft, das romantische Bewusstsein vom notwendig widersprüchlichen Charakter unseres Selbst und nicht zuletzt die Einsicht, dass es sich beim Bild vom Menschen als autarkem Herrn im eigenen Haus um eine weit verbreitete Selbsttäuschung handelt. Das Freudsche und in der Folge dann psychoanalytische Menschenbild im Allgemeinen hat das von Christentum und Humanismus geprägte der Neuzeit soweit gewandelt und aufgelöst, dass grundlegende Thesen der Psychoanalyse heute so weit zum selbstverständlichen und weitgehend popularisierten Grundbestand der westlichen Kultur gehören, dass sich selbst prinzipiell konkurrierende Glaubenssysteme (wie etwa das Christentum) dem anzupassen gezwungen sind.

Dies ist allerdings nicht der einzige Aspekt, unter dem die Psychoanalyse zu betrachten ist: Wie die meisten Weltanschauungen enthält auch die Psychoanalyse ein Heilsversprechen. In ihrem Fall ist dies erst sekundär ein gesellschaftliches oder soziales, primär ist es eines, das auf das Individuum zielt. Die Psychoanalyse versteht sich selbst in erster Linie als Therapie, und ihr wichtigstes Kriterium für die Richtigkeit des eigenen Menschen- und Weltbildes ist der therapeutische Erfolg. (Ob sich ein solcher nachweisen lässt oder nicht, ist eine so komplexe Frage, das sie hier nicht thematisiert werden kann.)

Dass es sich bei der Psychoanalyse nicht um eine Wissenschaft in dem Sinne handelt, wie sich dieser Begriff in den letzten beiden Jahrhunderten herausgemendelt hat, ist – auch entgegen den Ansprüchen einiger ihrer Adepten – offensichtlich und durch die Arbeiten von Wissenschaftstheoretikern wie Adolf Grünbaum hinreichend eindeutig nachgewiesen worden. Insbesondere die freie und freizügige Verwendung der logischen Negation, durch die in der psychoanalytischen Interpretation am Ende beinahe alles beinahe alles andere bedeuten kann, desavouiert die psychoanalytische Methode in den Augen empirischer Wissenschaftler. Im Gegensatz zu ihrem weit verbreiteten Selbstverständnis untersucht die Psychoanalyse nicht empirisch vorhandene Phänomene, sondern sie erzeugt wesentlich den Gegenstand ihrer Untersuchung im Vollzug dieser Untersuchung selbst. Sie ist daher – und bereits Sigmund Freud wusste dies sehr genau – eher eine historische als eine empirische Wissenschaft. Als Gegengewicht zu dieser sehr grundsätzlichen Kritik sollte man sich allerdings an die Einsicht des Aristoteles erinnern, dass von jeder Wissenschaft nur jener Grad von Genauigkeit erwartet werden sollte, den der behandelte Gegenstand tatsächlich hergibt (Nikomachische Ethik, 1094b).

Nach diesem ungewöhnlich langen Vorwort nun endlich zu Michel Onfrays Buch. Onfrays Kritik an Freud ist kein Versuch einer objektiven Einschätzung des wissenschaftlichen Anspruchs seiner Theorie oder ihrer Rolle in der Kultur des 20. Jahrhunderts. Vielmehr handelt es sich um eine Polemik, die versucht, Freuds Person zu verleumden und dadurch seine Theorie zu entwerten. Zu diesem Zweck wiederholt Onfray etwa alle fünf Seiten seine Behauptung, dass Freud seine Theorie zum einen hauptsächlich bei Nietzsche abgeschrieben habe, zum anderen aus seiner persönlichen psychischen Disposition abgeleitet und verallgemeinert habe. Diese Verallgemeinerung sei unzulässig, da Freud dadurch von ihm als universell ausgegebene psychische Gesetzmäßigkeiten von einem einzigen, noch dazu seinem eigenen Fall ableite.

Diese beiden Behauptungen werden von Onfray mit großer rhetorischen Beharrlichkeit immer erneut abgewandelt. Zwischen diesen Wiederholungen des ewig Selben beschuldigt Onfray in der Hauptsache Anna Freud, Ernest Jones und Peter Gay der systematischen Legendenbildung im Fall Freuds. Dies alles wird in einem Ton vorgebracht, als würden hier große Neuigkeiten verkündet, was wahrscheinlich nur diejenigen Leser Onfrays überzeugen wird, auf die das Buch zielt. Jeder dagegen, der sich auch nur oberflächlich mit der Literatur zu Freud beschäftigt hat, weiß, dass der Einfluss der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts und insbesondere Nietzsches auf Freud inzwischen breit dokumentiert und diskutiert wurde. Onfray rennt hier unter großem Gebrüll Türen ein, die bereits seit mehreren Jahrzehnten weit offen stehen.

Was die methodologische Kritik angeht, so bemerkt Onfray offenbar nicht (oder er will es nicht bemerken), dass seine Kritik gänzlich ins Leere geht: Zum einen hat Freud nie bestritten, dass er selbst und die Angehörigen seiner Familie bevorzugte Objekte seiner Studien waren, zum anderen ist es nicht verwunderlich, dass Freud allgemein gültige psychische Gesetzmäßigkeiten auch an sich selbst feststellen kann. Onfrays Argument folgt in etwa der Struktur, dass Newtons Gravitationsgesetz nicht gültig gewesen wäre, hätte Newton es bloß dadurch herausgefunden, dass er es an der Schwere seiner eigenen Person studiert hätte. Wollte Onfray tatsächlich nachweisen, dass hier ein Fehler vorliegt, so müsste er – wie dies andernorts durchaus fruchtbar praktiziert worden ist – zuerst auf empirischem oder logischem Weg nachweisen, dass die von Freud als allgemein gültig angesehen psychischen Gesetzmäßigkeiten diesem Anspruch nicht genügen, um dann Freuds Schluss von sich auf andere als Fehlschluss nachweisen zu können. Selbstverständlich macht sich der Philosoph Onfray die Mühe eines solchen Nachweises nicht, besonders auch weil dessen langwierige Erarbeitung und detaillierte Darstellung am Interesse seiner Zielgruppe gänzlich vorbeigehen würde.

Von der logischen Schwierigkeit, dass Onfrays Argument gegen Freud auf ihn selbst zurückschlägt und so seine Kritik Freuds als nichts anderes erscheinen muss als ein Ausfluss seiner – Onfrays – persönlichen psychischen Disposition, wollen wir hier ganz schweigen; ein beschämendes Bild mangelnder Reflexion für einen, der sich als Philosophen ausgibt. Bleibt nur noch festzuhalten, dass Onfray eine Diskussion des wichtigen Arguments, dass sich die Richtigkeit der psychoanalytischen Theorie letztlich nur an den Erfolgen bzw. Misserfolgen der therapeutischen Praxis entscheiden wird (eine Entscheidung, die noch lange nicht gefallen ist und wahrscheinlich auch erst fallen wird, wenn sie vollständig unerheblich geworden ist), in keiner einzigen Zeile auch nur versucht.

Insgesamt lässt sich das Buch völlig ausreichend beurteilen, wenn man einen Blick auf das Cover der deutschen Ausgabe wirft: Da hat ein frecher, kleiner Junge dem Papa Sigmund Hörner, eine Brille und eine herausgestreckte Zunge angemalt und eine Teufelsgabel in die Hand gedrückt. Man kann das witzig finden, aber es ist weder ein Argument gegen die Psychoanalyse, noch wird Freud auf diese Weise tatsächlich zum Teufel. Das Buch ist ein alberner und etwas kindischer Versuch Onfrays, mit einem seiner geistigen Väter abzurechnen – und es folgt damit so klassisch dem Freudschen Mythos vom Vatermord, dass es schon wieder lächerlich ist.

Michel Onfray: Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. München: Knaus, 2011. Pappband, Lesebändchen, 540 Seiten. 24,99 €.