Aus dem Zugang (2)

Werkausgaben – wie immer sie sich nun nennen mögen: Gesammelte Werke, Sämtliche Werke oder gar Sämtliche Schriften (ein Titel, der sich beinahe niemals einlösen lässt) – sind janusköpfige Wesen: Auf der einen Seite erschrecken sie den unerfahrenen Leser mit ihrem Umfang und vorgeblicher Erklärungsmacht, auf der anderen handelt es sich bis zu ihrer Vollständigkeit um zarte, verletzliche Wesen, den schon der kleinste Luftzug irreparable Schäden oder gar den Tod bringen kann. Wieviele Verlage sind früher dahingegangen als ihre Werkausgaben? Wieviele Werkausgaben hatten gerade zögerlich ein oder zwei Bände in die Welt gesetzt, als sie von einem finanziellen Engpass aus in einen Abgrund stürzten oder von ihrem Herausgeber sträflich vernachlässigt am Rande einer Buchmesse dahinsiechten? Und selbst, wenn die Hürde von 10 oder gar 20 Bänden übersprungen ist, kann sie immer noch die Verunstaltung treffen, dass sie unvollendet bleiben und für immer in dieser schaurigen Gestalt durch die Bibliotheken geistern müssen. Und wie oft hat schon ein Leser den oft zitierten 16. Band gesucht, nur um sich nach Jahren von einem pensionierten Bibliothekar kopfschüttelnd belehren lassen zu müssen: Der sei doch nie erschienen; da sei doch damals die Hilfskraft dem Professor untreu geworden und der habe sich daraufhin als unfähig erwiesen, das nicht von ihm gezeugte Wesen bis zur Lebensfähigkeit durchzubringen. Habent sua fata libelli.

Mit Band 24 – Briefe an Véra – ist heuer daher die Vollständigkeit und damit Großjährigkeit der Vladimir-Nabokov-Werkausgabe (Gesammelte Werke, obwohl die beiden Brief-Bände der Ausgabe gerade keine Werke enthalten) zu feiern. Ein dreifaches Hoch! auf den Herausgeber Dieter E. Zimmer – dessen erleichtertes Aufseufzen man wahrscheinlich noch in Montreux hören konnte –, einen herzlichen Glückwunsch an den Paten Rowohlt aus Reinbek (der ganz bescheiden auf seiner Webseite die Vollständigkeit des Kindes nicht einmal erwähnt, geschweige denn sich mit dem vollbrachten Aufziehen des Kindes brüstet, wie es ihm zustünde) und ein Freudenfest für alle deutschen Leser Nabokovs. Es ist vollbracht! Nur 28 Jahre hat es gedauert, bis die Wucht der 25 Bände (Band 15 wurde geteilt!) vorliegt; ich war zu faul, die Seitenzahlen aufzuaddieren und ein weiteres Glanzlicht aufscheinen zu lassen.

Diese Nabokov-Ausgabe ist nach Vollständigkeit und Sorgfalt der Kommentierung sicherlich einmalig auf der Welt. Einzig die Gedichte scheinen absichtlich außen vor gelassen worden zu sein, sofern sie nicht in andere Texte eingebettet sind; ich habe bislang keine Stelle finden können, an der der Herausgeber diese Entscheidung erklären würde. Selbst Nabokovs Dramen und seine eher fragwürdigen Vorlesungen zur europäischen Literatur, mit denen Nabokov zahlreiche us-amerikanische Studenten auf diverse Holzwege geschickt hat, wurden neu und ausführlich ediert. Die beiden Bände mit den Erzählungen (13 und 14), die zusammen mit Lolita 1989 die Ausgabe eröffnet hatten, sind 2014 überarbeitet und erweitert neu aufgelegt worden. Man sieht leicht, dass wirklich alle möglichen Anstrengungen unternommen worden sind, die Ausgabe auf ein möglichst hohes Niveau zu bringen, bevor man sie für abgeschlossen und fertig erklären muss.

Bleibt die Frage, ob dieser ganze Aufwand für ein One-Book-Wonder wie Nabokov denn überhaupt gerechtfertigt sei. Hierzu empfehle ich die fortgesetzte Lektüre meiner Besprechungen zu Nabokov oder auch die Lektüre des Romans Pnin, von dem aus sich Nabokov auf ganz und gar andere Weise erschließt als von der zumeist als Missverständnis gelesenem Lolita. Nabokov gehört zu den letzten durch und durch romantischen Autoren der europäischen Erzähltradition – im Sinne der Literaturepoche, nicht in dem der gefühligen Kerzenlicht-Soße –, einer der von der Macht und der Notwendigkeit erfundener Welten für das Wohl der Menschen zutiefst überzeugt war und glaubte, dass die Anspielung der einzige Weg ist, auf dem ein gebildeter Mensch einen Scherz machen sollte.

Vladimir Nabokov: Briefe an Véra. Hg. v. Brian Boyd u. Olga Voronina. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Gesammelte Werke XXIV. Reinbek: Rowohlt, 2017. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 1147 Seiten. 40,– €.

Albrecht Schöne: Der Briefschreiber Goethe

Nur werden bemerkenswerte Entdeckungen und loh­nen­de Einsichten hier durch eine Fülle von Selbst­ver­ständ­li­chem und Belanglosem erschwert.

Schoene_BriefeschreiberAlbrecht Schöne, der das nicht kleine Kunststück fer­tig­ge­bracht hat, mit einer Faust-Ausgabe zu Feuil­le­ton-Bekanntheit zu gelangen, legt ein neues Goethe-Buch vor. Für Schöne bin ich meinem Vorsatz untreu geworden, keine Goethe-Literatur mehr zu lesen, denn wenn es sich nicht gerade um eine ger­ma­nis­ti­sche, hoch spezialisierte Monographie handelt, liest man zu mindestens 80 % das, was man in den 50 Bü­chern zuvor auch schon gelesen hatte. Schöne allerdings hält, was ich von ihm erwartet habe, denn selbst dort, wo sein Buch langweilig ist, ist es das auf originelle Weise.

Schöne beschäftigt sich mit den Goetheschen Briefen mit einer ex­tre­men Pars-pro-toto-Methode: Er wählt aus den nahezu 15.000 be­kann­ten Goethe-Briefen 9 (!) aus, zu denen er dann jeweils einen um­fang­rei­chen Kommentar liefert. Die ausgewählten Briefe um­span­nen das gesamte Leben Goethes: Es beginnt mit einem sehr formalen Auf­nah­me­ge­such des pubertären Goethe in eine Gruppe adeliger Schöngeister und endet mit einem Brief an Wilhelm von Humboldt, den Goethe nur wenige Tage vor seinem Tod abgeschlossen hat.

Besonders die frühen Briefe werden sehr rhetorisch analysiert, was in der Hauptsache daran liegt, dass sie selbst nur wenig Inhalt mit­brin­gen. Das ändert sich naturgemäß später, so dass auch die Kom­men­tie­rung stärker auf die biographischen und gesellschaftlichen Vor­aus­set­zun­gen der Schreiben eingehen kann. Das alles rettet Schöne aber auch in den späteren Briefen nicht davor, Inhalte schlicht noch einmal in eigenen Worten zu paraphrasieren oder den Gebrauch un­ter­schied­li­cher grammatikalischer Tempora ausführlich auf ihre Funktion hin zu un­ter­su­chen, die jeder nicht gänzlich taube Leser schon beim ein­fa­chen Lesen des Briefes wahrnimmt.

Andererseits liefert Schöne hoch interessantes biographisches Ma­te­rial, das man so nicht einfach anderswo wird finden können, so etwa am Beispiel des Briefes an Johann Friedrich Krafft vom 11. Dezember 1778, eines offenbar in Not geratenen Menschen, dem Goethe Le­bens­un­ter­halt und Sicherheit vor Verfolgung verschaffen will. Für mich war das Schmuckstück der letzte Brief an Humboldt, in dem es um poe­to­lo­gi­sche und produktionsästhetische Fragen im Zusammenhang mit dem zweiten Teil des „Faust“ geht.

Ergänzt werden die neun Kommentare um drei „Exkurse“ betitelte An­hän­ge, die die deutschen und speziell Weimarischen Post­ver­hält­nis­se, Goethes Gewohnheit, Briefe zu diktieren, und zuletzt die von Goethe verwendeten Anredepronomina behandeln. Auch hier spiegelt sich das 2:1-Verhältnis von interessantem Material zu eher langweiliger Stoff­hu­be­rei nahezu perfekt wider, das auch sonst im Buch vorherrscht.

Was der Leser nicht erwarten sollte, ist ein struktureller Überblick über die bekannten Briefe Goethes, eine allgemeine Charakteristik Goethes als Briefschreiber, eine einführende Beschreibung in die großen Brief­wech­sel (Schiller, Zelter, Carl August, Christiane) oder auch nur die Behandlung der wichtigsten Briefe Goethe, wie auch immer man wür­de herausfunden wollen, welche das sind. Was er erwarten darf, ist eine in weiten Teilen anregende und interessante Lektüre, wie sie für die populärere Goethe-Literatur außergewöhnlich ist.

Albrecht Schöne: Der Briefschreiber Goethe. München: C. H. Beck, 2015. Leinen, Lesebändchen, 539 Seiten. 29,95 €.

Altes und Neues aus Bargfeld

Schriftsteller sollte man nie persönlich kennenlernen!

Arno Schmidt hat das große Glück gehabt, dass sich – zwar spät, aber immerhin – mit Jan Philipp Reemtsma ein potenter Mäzen eingefunden hat, der dafür gesorgt hat, dass Werk und Nachlass dieses außergewöhnlichen Autors nach seinem Tod von einer Stiftung betreut und sorgfältig ediert zum Druck gebracht wird. So sind in diesem Herbst im Vorfeld des 100. Geburtstages am 18. Januar 2014 vier Neuveröffentlichungen vorgelegt worden, die auf ganz unterschiedliche Lesergruppen abzielen.

Arno-Schmidt-PostautoMit »Und nun auf, zum Postauto!« erscheint zum ersten Mal eine umfangreiche Anthologie von Briefen Arno Schmidts außerhalb der Briefedition der Bargfelder Ausgabe. Wie die Herausgeberin Susanne Fischer, die unter anderem Geschäftsführerin der Bargfelder Arno Schmidt Stiftung ist, in ihrem kurzen Vorwort herausstellt, dokumentieren alle ausgewählten Briefe „Schmidts Selbstverständnis als Schriftsteller“. Von den in der Sammlung enthaltenen 160 Briefen sind einige bereits in den bislang erschienenen Briefwechseln enthalten, allerdings findet sich auch eine erkleckliche Anzahl bislang unveröffentlichter, von denen die an Schmidts langjährigen Verleger Ernst Krawehl und an Hans Wollschläger wohl zu den interessantesten gehören.

Für den Fachmann stellt sich über weite Strecken das gewohnte Bild der Selbstinszenierung des Autors als autodidaktisch errichtete Festung der Hochliteratur ein, das auch heute noch einen Teil der Rezeption Schmidts unangenehm prägt. Hier und da und besonders in den späteren Briefen finden sich aber erfreuliche Momente des Nachlassens jenes unentwegten, offiziellen Strammstehens im Dienste der Literatur.

Was ZETTELS TRAUM anbelangt, so sind 2.000 Seiten fertig, (dh im Rohentwurf; der aber notfalls auch schon einen recht leidlichen Begriff gäbe, (ich hab ihn ziemlich sorgfältig durchgeackert)); da er jedoch im Ganzen 5.000 bekommen wird, sind noch weitere 2 Jahre nötig. (Und dann noch womöglich eine ›Reinschrift‹!). Überdem werden unlängst (fürcht ich!) auch wieder Brotarbeiten einzuschalten sein; (war’s doch ohnehin wunders genug, daß ich anderthalb Jahre so pausenlos daran schuften durfte) – man schwâfelt so gern & viel von buddhistischer Ascese oder Acta Sanctorum plus Thebaischer Wüste: ich glaube immer ›zwei Jahre Bargfeld & Arbeit an ZT‹ würden selbst dem rindsledernsten Heiligen zu denken geben. (Zumal ich im – krassen Gegensatz zu Ihrer wohlwollenden Prognose – mit nichten der Hoffnung lebe, ich würde nun, mit diesem Werk in der Hand, endgültig den Gipfel des Parnaß usw.; (was allein rein technisch unmöglich ist; wird mein Büchlein doch, (wie Krawehl jüngst, besorgt, errechnete), 25 Pfund wiegen: wir haben vor, es mit Trageriemen binden zu lassen, und den größten Teil der Auflage unserer Bundeswehr, für Gepäckmärsche, zu offerieren); immerhin, Sie sehen, eine gewisse Einzigartigkeit ist fast schon garantiert).

an Hans Wollschläger, 20. 1. 67

Wie gesagt: Momente!

Die Briefe sind spärlich mit dem Notwendigsten kommentiert, was ich durchweg als angenehm empfunden habe; dem nicht so sehr bewanderten Leser dürfte aber wohl die eine oder andere Stelle etwas kryptisch bleiben, und ihm wird dann auch der Verweis des Kommentars auf die entsprechende Stelle der Bargfelder Ausgabe eher nur mäßig helfen, so er die nicht gerade zufällig zur Hand hat. Aber wahrscheinlich wird es ohnehin nicht so sehr viele Leser dieser Art geben.

Insgesamt eine vergnügliche Passage durch Leben und Werk, die mich an so manichäerleye (sorry!) erinnert und gemahnt hat.

»Und nun auf, zum Postauto!«. Briefe von Arno Schmidt. Hg. v. Susanne Fischer. Berlin: Suhrkamp, 2013. Pappband mit Leinenrücken, Fadenheftung, 296 Seiten. 29,– €.

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In der Universalbibliothek von Reclam sind gleich zwei Bändchen erschienen:

Arno-Schmidt-zum-VergnügenZum einen ist in der inzwischen sehr ansehnlichen Reihe „… zum Vergnügen“ (mit den feinen Umschlagbildern von Nikolaus Heidelbach) nun auch ein Arno-Schmidt-Band erschienen. Die Reihe versammelt Kurz- und Kürzesttexte des jeweiligen Autors, macht also selbst Kant zu einem potenziellen Aphoristiker. Schmidt ist für das Konzept ein sehr geeigneter Kandidat, da beinahe alle seine Text mit pointiert formulierten Gedanken und Schlagsätzen geradezu durchwirkt sind:

›Oh diese Deutsch’n!‹): »Die halbe Nazion iss irre; (& die andre Hälfte nich ganz bei Groschn!): Ich mag sie nicht.« (S. 83)

Das Leben des Menschen ist kurz; wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren! (S. 133)

Ein Irrenhaus nimmt mich gar nicht mehr auf, ich habe mich erkundigt, ich machte ihnen bloß die Leute verrückt, hieß es. (S. 171)

Dabei beschränkt die Herausgeberin Susanne Fischer die Auswahl durchaus nicht nur auf solche aphoristischen Bonmots, sondern sie mischt zuweilen auch eine komplette Erzählung etwa aus Schmidts Stürenburg-Reihe, eines seiner Prosagedichte oder auch ein langes Briefzitat unter die Fragmente.

Für alle, die sich vor Schmidt aufgrund der gängigen Vorurteile über den Autor, ein wenig fürchten, ist dieses hübsch gemachte Bändchen eine Gelegenheit zum Schnuppern, für die anderen ein Vademecum zum Entdecken und Wiedererinnern.

Arno Schmidt zum Vergnügen. Hg. v. Susanne Fischer. RUB 18931. Stuttgart: Reclam, 2013. Broschur, 191 Seiten. 5,– €.

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Arno-Schmidt-WeimarZum anderen hat der Wieland-Kenner und -Herausgeber Jan Philipp Reemtsma die umfangreicheren Texte Arno Schmidts zum Weimar der Wieland- bzw. Goethezeit in einem Band versammelt: »Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!« Der Weimarische Musenhof bildet ein für Schmidts Denken nicht unerhebliches Modell, das er ebenso zustimmend wie kennerisch ablehnend direkt und indirekt immer wieder an- und ausspielt.

Es ist ohne Zweifel so, dass trotz der an vielen Stellen formulierten kritischen, oft polemischen Haltung, Goethe derjenige Schriftsteller ist, den Arno Schmidt in seinem Werk am häufigsten zitiert und assoziiert. Diese Zitate belegen eine umfassende Kenntnis der Goetheschen Schriften. Auch für Wieland muss Schmidt als guter Kenner angesehen werden. Im Vergleich dazu spielt Johann Gottfried Herder, der Dritte im Bunde des Reclam-Bändchens, bei Schmidt nur eine nebensächliche Rolle. Zwar existiert ein umfangreicher Radio-Essay zu Herder, doch darüber hinaus scheint er nur wenig Einfluss auf Schmidt gehabt zu haben. Es ist auch unwahrscheinlich, dass Schmidt über eine etwa seiner Wieland- oder Goethe-Lektüre vergleichbare umfangreiche Kenntnis der Schriften Herders verfügte. Dabei ist der Radio-Essay über ihn durchaus quellen- und kenntnisreich, doch merkt man zum Beispiel dort, wo Schmidt die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ anhand der Kapitelüberschriften bespricht, dass seine Einsicht zumindest in die theoretischen Schriften Herders doch wohl eher kursorisch geblieben ist.

Als eigentliche Lücke in der Darstellung des klassischen Weimar stellt auch Reemtsma zu Recht Schmidts unterbliebene Auseinandersetzung mit Leben und Werk Friedrich Schillers fest. Schiller, der in den frühen „Dichtergesprächen im Elysium“ als christlicher Eiferer und Gegenstück zum heidnischen Goethe vom Dichter-Paradies ausgeschlossen bleibt, findet auch später keine Gnade mehr vor den Augen des Bargfelder Meisters. Auch hier gilt, dass Schmidt Schiller durchaus pointiert und richtig zu zitieren weiß, doch findet er für ihn keinen Platz in seinem Pantheon, ein Schicksal, das natürlich noch andere Autoren dieser und der nachfolgenden  Zeit teilen: Hölderlin, Kleist und später dann Heine – um nur die mir wichtigsten zu nennen – bleiben Schmidt auch alle wesentlich fremd.

Vielleicht hätte man dem Band noch den kleinen Aufsatz „DIE GROSSEN SPINNEN.“ – ich zitiere den Titel absichtlich in der Schreibweise der Bargfelder Ausgabe (III/3, 228) – beigeben können, der sich zwar nur in der ersten Hälfte mit Weimar beschäftigt, aber eben in dieser Kürze ein Bild von den ungeselligen Dichtern zeichnet, das Schmidts Modell Weimar nahtlos an die Welt seiner „Gelehrtenrepublik“ anknüpft.

Arno Schmidt: »Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!« Über Wieland – Goethe – Herder. Hg. v. Jan Philipp Reemtsma. RUB 18979. Stuttgart: Reclam, 2013. Broschur, 234 Seiten. 6,40 €.

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Arno-Schmidt-LesebuchBleibt abschließend noch „Das große Lesebuch“ zu würdigen, das im Fischer Taschenbuch Verlag den ehemaligen Hausautor Arno Schmidt an die Reihe anderer Großer Lesebücher anfügt. Als Herausgeber fungiert in diesem Fall Bernd Rauschenbach, der Geschäftsführende Vorstand der Arno Schmidt Stiftung.

Wem das reclamsche „Arno Schmidt zum Vergnügen“ dann doch zu fragmentiert und sprunghaft ist, findet im „Großen Lesebuch“ auf über 430 Seiten eine Fülle kurzer und längerer erzählerischer und essayistischer Texte vom erst posthum gedruckten Frühwerk bis zu den „Ländlichen Erzählungen“ aus der ersten Hälfte 60er Jahre, die in Erzählweise und Sprache schon deutlich auf „Zettel’s Traum“ verweisen. Dabei lässt sich Rauschenbach nicht von der Chronologie des Schmidtschen Werks leiten, sondern mischt Texte aller Werkphasen, wobei im Großen und Ganzen Länge und Komplexität der Stücke im Laufe einer kontinuierlichen Lektüre immer weiter zunehmen. Natürlich ist eine kontinuierliche Komplettlektüre von der ersten zur letzten Seite bei einem solchen Lesebuch wohl ohnehin eher die Ausnahme, was durch das Aufbrechen der Chronologie noch gefördert werden dürfte.

Es muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass es bei einer solch chaotischen Ordnung dann eher misslich ist, wenn die spärlichen Angaben zur Entstehungszeit der einzelnen Stücke im Anhang des Bandes fehlerhaft sind: So ist „Enthymesis oder W.I.E.H.“ nicht im Februar 1956, sondern im Februar 1946 entstanden, ist also die allererste Nachkriegsprosa Schmidts, was für das Verständnis nicht ganz unerheblich ist. Aber hier hört die negative Kritik an dem Band auch schon wieder auf.

Eine gelungene Auswahl, die nicht nur für jeden an der deutschen Nachkriegsliteratur interessierten Leser etwas bringt, sondern sich auch uneingeschränkt als Einstieg in die literarische Welt Arno Schmidts empfehlen lässt.

Arno Schmidt: Das große Lesebuch. Hg. v. Bernd Rauschenbach. Fischer Tb. 90555. Broschur, 445 Seiten. 9,99 €.

Paul Feyerabend: Briefe an einen Freund

Sinn hat dieses verrückte Leben keinen und scheinbar einen konstruieren kann man nur dann, wenn man eine Unmenge neuen Unsinns dem alten Unsinn hinzufügt. Alles was man tun kann, ist Märchen erzählen und sich und andere so vorübergehend zu unterhalten.

Feyerabend_Duerr_BriefeDer Band präsentiert wohl etwa die Hälfte oder auch etwas mehr des Briefwechsels zwischen Paul Feyerabend und Hans Peter Duerr, der den Band herausgegeben hat. Das heißt, es handelt sich in der Hauptsache um Briefe Feyerabends an Duerr, denn die Briefe Duerrs in umgekehrter Richtung haben sich leider nur in Einzelfällen erhalten, da Feyerabend mit ihnen gänzlich sorglos umgegangen ist.

Es ist natürlich hübsch, Briefe gerade von diesen beiden kreativen Außenseitern des akademischen Wissenschaftsbetriebs lesen zu können. Während Duerr eher durch seine Inhalten und Interpretationen verstört, nimmt Feyerabend den gesamten Betrieb nicht mehr ernst und nur noch im Sinne einer Lebensweise an ihm teil. Was die meisten Fachkollegen und Kritiker an Feyerabends Schriften am meisten irritiert haben dürfte, ist ihre prinzipiell skeptische Grundposition, die nicht versucht, dem Allmachtsanspruch des Rationalismus einen anderen entgegenzusetzen, sondern sich mit der Haltung des Kindes begnügt, das die Nacktheit aller Herrscher ausschreit.

Außer um das Elend des Wissenschaftsbetriebs im persönlichen und allgemeinen Sinne geht es in der Hauptsache ums Schreiben und Lesen, hier und da auch um Frauen, Familie und Essen. Am Rande fallen einige hübsche Kurzporträts ab – am reizvollsten ist vielleicht das Siegfried Unselds geraten.

Für mich persönlich war es hübsch zu lesen, dass Feyerabend als ehemaliger popperscher Rationalist seine Wandlung der Wittgensteinschen Gehirnwäsche verdanke.

Ein sehr menschliches Buch, aus dem vielleicht kommende Jahrhunderte ersehen könnten, dass nicht alle Menschen der sogenannten westlichen Kultursphäre des 20. Jahrhunderts dem Wahnwitz verfallen waren.

Paul Feyerabend: Briefe an einen Freund. Hg. v. Hans Peter Duerr. edition suhrkamp 1946. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995. Broschur, 291 Seiten. 11,50 €.

Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel

978-3-257-06174-1 Ein mit 36 Briefen dünner Briefwechsel dieser beiden prominentesten Schweizer Autoren des vergangenen Jahrhunderts, den ich aus didaktischem Anlass wieder einmal aus dem Schrank geholt habe. Natürlich erklärt sich der geringe Umfang hauptsächlich daraus, dass Frisch und Dürrenmatt sehr vieles mündlich verhandelt haben bzw. sich später nur noch wenig zu sagen hatten. Man merkt beiden am Ende die gute Absicht an, mit der der jeweils andere nichts mehr anzufangen weiß. Dennoch waren sie wohl bis zum Schluss mit dem Gegenüber innerlich mehr beschäftigt, als es die äußerlich bleibenden Briefe ahnen lassen.

Daher ist das beinahe das Wichtigste an dem Buch der umfangreiche Essay Fast eine Freundschaft des Herausgebers Peter Rüedi, der die Bekanntschaft der beiden Autoren sorgfältig aufarbeitet und darstellt. Rüedi hat zudem die einzelnen Briefe sorgfältig kommentiert, so dass das Bändchen eine Fülle von biografischen Materialien zu beiden Autoren liefert. Die Texte sind ergänzt um einige Brief-Faksimiles und Bilder sowie eine parallele Chronik zu beiden Autoren. Ein Personen- und Werkregister erschließt das Buch.

Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel. Hg. v. Peter Rüedi. Zürich: Diogenes, 1998. Leinen, Lesebändchen, 240 Seiten. 19,90 €.