Homer: Ilias

Zehn Jahre nach seiner Odyssee-Übersetzung legt Manesse nun auch die Ilias in der Übertragung durch Kurt Steinmann vor. Das Buch ist – wie schon sein Vorläufer – exquisit ausgestattet: ein großformatiger, geprägter Leinenband in bedrucktem Schuber, zwei Lesebändchen, 16 farbige, zum Teil doppelseitige Illustrationen, die sich dem grausigen Geschehen stellen, das das Epos schildert, eine ebenso aus­ge­such­te wie großzügige Typographie – alles, was man sich von einem repräsentativen Geschenkbuch wünschen kann. Leider ist das ebenso prunkvolle Gegenstück von 2007 lange schon nicht mehr lieferbar; wer also damals nicht vorsorglich eingekauft hat, muss heute die An­ti­qua­ri­a­te bemühen, um zu sehen, wie schön die beiden Bände aufeinander abgestimmt sind: Während die Odyssee mit einem tiefen Blau die Ägäis beschwört, ist der Einband der Ilias farblich zum Violetten hin verschoben worden; schon der Einband deutet die Ströme von Blut an, die in diesem Epos fließen. Leser, so ist zu befürchten, wird Steinmanns Übersetzung in dieser Ausgabe wohl eher wenige finden, aber dafür wird dann später eine preiswerte Ausgabe sorgen, die allein den Text und die Anmerkungen liefert.

Homer – Es ist dem Leser des 21. Jahrhunderts gänzlich unverständlich, warum sich in der Antike niemand besser um die Biographie des ersten europäischen Dichters überhaupt gekümmert hat. Nicht nur soll es dieser mythischen Person gelungen sein, zu einem unbestimmten Zeitpunkt an sieben Orten gleichzeitig geboren worden zu sein, auch hat er blind und ohne Blindenschrift Texte verfasst, die schon im Goldenen Jahrhundert Athens zentraler Inhalt aller Bildung waren. Mir wurde an der Universität noch die Mär erzählt, jeder gebildete Grieche habe beide Epen Homers Zeile für Zeile auswendig gekonnt, und auf meine Rückfrage, woran man denn einen gebildeten Griechen habe erkennen können, geantwortet, eben daran, dass er beide Epen Homers Zeile für Zeile auswendig konnte. O selige Zeit, die solche Definitionen pflegen konnte.

Alles zusammengenommen wissen wir von Homer nichts: Weder wann und ob er überhaupt gelebt hat, ob er, wie schon die Antike glaubte, blind war, ob die beiden Epen tatsächlich das Produkt einer einzigen Person sind oder von zwei Redakteuren oder gar zwei oder mehr Redakteuren pro Epos zu­sam­men­ge­schrie­ben worden sind, wieviel von seinem Stoff aus mündlicher Überlieferung stammt und wie diese Überlieferung ausgesehen haben könnte etc. pp. Zu allen diesen Fragen gibt es ausgiebige wissenschaftliche Spekulationen, verlässliches Wissen aber hatte schon die Antike nicht mehr.

So sollten Leser sich angewöhnen, den Namen Homer als eine Art Platzhalter anzusehen für den- oder diejenigen, die vermutlich im 8. Jahrhundert v.u.Z. die Mühe auf sich genommen haben, aus dem altehrwürdigen Sagenstoff zwei Epen zu schmieden, die am Beginn aller erzählenden Literatur Europas stehen.

Ilias – Die Ilias schildert einen kurzen, nur 51 Tage umfassenden Ausschnitt aus dem zehn Jahre andauernden, mythischen Krieg um Troja. Erzählanlass ist die Beleidigung eines Priesters des Apoll, der im Heerlager der Griechen (man verzeihe mir die saloppe Zusammenfassung der Troja belagernden Volksgruppen unter dieser anachronistischen Bezeichnung) vor Troja erscheint und seine als Kriegsbeute verschleppte Tochter Chryseïs vom griechischen Heerführer Agamemnon zurück erbittet. Aufgrund dieser Beleidigung sendet Apoll eine Seuche ins Lager der Griechen, die nur dadurch abgewendet werden kann, dass man das Mädchen mit großer Gesandtschaft dem Vater wieder zustellt. Zum Ausgleich für das ihm so entgehende Vergnügen, fordert der Heerführer und König ( ἄναξ/βασιλεύς) Agamemnon das Beutemädchen Briseïs aus dem Besitz des Achill; kein sehr geschickter Schachzug, wie sich zeigen wird.

Achill, ob dieser Kränkung seiner Ehre erzürnt, verweigert die weitere Teilnahme am Krieg gegen die Troër, trägt sich sogar mit dem Gedanken, zusammen mit seinen Myrmidonen das griechische Lager zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Achills Verweigerung führt zu wechselhaft verlaufendem Kampfgeschehen, bei dem die Griechen in Gefahr geraten, ihre Schiffe zu verlieren und so für immer von der Heimat abgeschnitten zu sein.

Die Lage wendet sich erst, als Achills engster Freund Patroklos darum bittet, diesen in der Rüstung Achills auf dem Schlachtfeld vertreten zu dürfen. Als Patroklos dabei von der Hand des troischen Helden Hektor fällt, wendet sich der Zorn des Achill von Agamemnon ab und den Troërn zu; mit einer neuen, vom Gott Hephaistos persönlich geschmiedeten Rüstung wirft er sich ins Kampfgeschehen und tötet den trojanischen Vorkämpfer Hektor, dessen Leiche er vom Schlachtfeld zurück ins Lager der Griechen schleift. Es folgt noch eine ausführliche Schilderung der Beisetzung des Patroklos, und das Epos schließt mit der Besänftigung des Achill, als Priamos, der König Trojas und Vater Hektors sich ins griechische Lager schleicht und er­folg­reich die Herausgabe der Leiche seines Sohnes erbittet, um ihn dem Brauch gemäß beisetzen zu können.

Überlagert wird dieses Geschehen von einer ausführlichen Göttererzählung, die die Handlung zu einer Art von Schachspiel der olympischen Götter macht. Auch auf dem Olymp existieren zwei Parteien: Zeus hält es mit Troja, Hera und Athene dagegen mit den Griechen. Aber es ist nicht nur so, dass der Ratschluss der Götter ganz allgemein das Schicksal der Menschen dirigiert, sondern die Götter greifen auch persönlich und handfest in die Kämpfe um Troja ein; es kommt sogar soweit, dass es dem Griechen Diomedes mit Hilfe der Athene gelingt, den Kriegsgott Ares im Zweikampf zu verletzen!

Aus Sicht der heutigen Leser ist die Ilias ein Text von einer erstaunlichen Brutalität. Die Ilias enthält Beschreibungen kriegerischer Gewalt, rasenden Zorns in der Schlacht, brutalster Orgien von Totschlag und Verstümmelung, so dass der Text, wäre er heute geschrieben, wahrscheinlich keine Ju­gend­frei­ga­be erhalten würde. Die beschriebene Welt ist eine kämpfender Män­ner, die dem Feind gegenüber in der Schlacht keine Gnade kennen und von ihm ebensowenig Gnade erwarten, die für sich und den Mann neben sich kämpfen und wissen, dass sie nur mit dem eigenen Leben davonkommen werden, wenn sie sich ohne Kompromiss der Gewalt des Krieges ausliefern und zugleich die Götter mit Wohlwollen auf sie blicken.

Doch was Homer schildert, geht noch darüber hinaus: Er zeigt nur einen Ausschnitt eines zehn Jahre andauernden Ringens zweier Großmächte. Die Griechen sind mit 50.000 Mann vor Troja erschienen und doch wäre es ihnen auch nach zehn Jahren nicht gelungen, die Stadt zu erobern, hätte nicht der listenreichen Odysseus einen Einfall gehabt, wie man Griechen in die Stadt schmuggeln und diese von innen heraus aufbrechen könne. Aber diesen spektakulären Fall der mächtigen Stadt – sicherlich eine Orgie der Gewalt, die selbst in seiner Vorstellung ihres gleichen gesucht hat – schil­dert Homer nicht, sondern nur vier gewöhnliche Tage der Schlacht; und jeder, der nicht vollständig abgestumpft ist, begreift nicht, wie Menschen zehn Jahre so hätten leben sollen. Sicherlich, Homers Zuhörer oder Leser waren zum großen Teil Männer, die selbst die Erfahrung der Schlacht gemacht hatten und einer Gesellschaft angehörten, die regelmäßig ihre Interessen nach außen hin nur dadurch durchsetzen konnte, dass sie in einen Krieg zog. Für nahezu jeden erwachsenen Mann gehörte der Krieg zum unvermeidlichen Erfahrungsschatz. Es ist daher kein Wunder, dass die meisten heutigen Leser vor dem brutalen Realismus des Trojanischen Krieges erschrecken.

Der heutige Leser sollte sich aber zum einen klar machen, dass die Ilias von Vorgängen erzählt, die zu dem Zeitpunkt, als sie abgefasst wurde, min­de­stens 400 Jahre in der Vergangenheit lagen. Dieser zeitliche Abstand ist in etwa vergleichbar mit dem der romantischen Ritterromane zu dem Mittelalter, das ihre historische Folie bildet. Zum anderen ist die Ilias ein Werk der Fiktion, was auch immer die Griechen der Antike geglaubt haben mögen. Einen solchen Krieg um Troja, zumal einen, dessen Grund der Raub einer Ehefrau war, hat es nie gegeben. Und falls es sich bei dem Schutt­hau­fen Hisarlık tatsächlich um die Überreste des antiken Troja handeln sollte, so haben sich dort bislang keinerlei Anzeichen für eine auch nur annähernd so umfangreiche kriegerische Auseinandersetzung finden lassen, wie die Ilias sie beschreibt. Anders gesagt: Der Trojanische Krieg fand und findet nur an einem einzigen Ort statt – auf den Seiten der Ilias, nirgends sonst.

Es ließe sich hier nun eine breite Reflexion darüber anschließen, welchen Status Ilias und Odyssee für die Griechen der Antike hatten, auf welche Weise diese beiden Epen zusammen mit dem, was wir sonst noch griechische Sagen nennen, ihnen eine Art von Ersatz-Historie lieferte für eine Zeit, von der sie wussten, dass es dort bereits Griechen gegeben hatte, die aber geschichtlich für sie komplett verloren gegangen war. Über die Dunklen Jahrhunderte hinweg  zur Zeit der Heroen, als noch Götter und Halbgötter auf Erden wandelten, reichten nur diese Erzählungen, mit denen sich die Griechen ihrer Herkunft und gemeinsamen Geschichte versichern konnten. Aber es wird ohnehin schon lang genug.

Homer auf Deutsch – Mit der Übersetzung der Odyssee durch Johann Heinrich Voß beginnt 1781 eigentlich erst so recht die Geschichte Homers auf Deutsch, obwohl er bei weitem nicht der erste war, der sich dem antiken Epiker gewidmet hat. Seine Übersetzungen machten die Deutschen des 18. Jahrhunderts zuerst und auf Dauer mit Homer bekannt und liessen den Odysseus zu einem der Abenteuerhelden der deutschen gebildeten Jugend werden. Und Voß gab auch den Weg vor, den die meisten Übersetzer nach ihm gehen würden, den des deutschen Hexameters. Es ist eine Ausnahme, dass ein Übersetzer sich entschließt, diesen Widerstand des griechischen Originals zu umgehen und zu versuchen, den homerischen Text in schlichte Prosa zu übertragen; ich kenne drei, genauer zweieinhalb Übersetzungen in Prosa: die der Odyssee von Wolfgang Schadewaldt sowie die beider Epen von Gerhard Schreiber und Karl Ferdinand Lempp, dessen Übersetzung eine Art von Notwehr darstellt, nachdem er den Voßschen Homer vergeblich ver­sucht hatte, im Unterricht zu vermitteln. Für eine Übersetzung in Prosa spricht Homers von allen Kennern des Originals so gelobter Lakonismus, seinen Neigung zu einfachem und unaufgeregtem Ausdruck selbst bei aufgeregtester Textlage. Wie man es und sich auch wendet, so kommt der Hexameter im Deutschen noch in seinem bescheidensten Ausdruck immer etwas zu großartig daher. Doch kann man dem mit einigem Recht ent­ge­gen­hal­ten, dass Homer sich die Mühe des Hexameters nicht umsonst gemacht habe und Übersetzer und Leser eben diese Mühe mit­zu­ma­chen haben, um an das Werk heranzukommen. Und natürlich ist es nur eine Frage der Gewohnheit: Hält man dreißig oder auch vierzig Seiten in einer metrischen Übersetzung durch, ja, kann man sich vielleicht sogar dazu überwinden, sie laut vorzulesen, so wird man sich bald in den Duktus einfinden. Besonders vor den neueren Übersetzungen (etwa die Dietrich Ebeners oder Roland Hampes) braucht man keinerlei Furcht zu haben.

Kurt Steinmanns Übersetzung kann sich in Sachen Eingängigkeit und Ver­ständ­lich­keit mit den besten Vorläufern messen. Auch über die gerade in der Ilias erforderliche Flexibilität im Ausdruck verfügt sein Hexameter, so dass er von der blutigsten und brutalsten Sequenz einer Schlacht über die Beschreibung der Waffen des Achill bis hin zur befreienden Komik des Wettlaufs in Buch 23 allen Tönen des Epos gerecht werden kann. Der angehängte Kommentar und das äußerst nützliche, erläuternde Per­so­nen­re­gi­ster beschränken sich auf das Nötigste, so dass hier sicherlich das eine oder andere ein wenig leichthin abgetan wird, was aber dem Nicht-Fachmann nur entgegenkommt; und die anderen haben sich ohnehin schon anderwärts informiert.

Jedem, der sich auf die Antike und ihre Phantasie einlassen mag, kann dieses Buch nur empfohlen werden, obwohl es für den heutigen Leser sicherlich in einigen Teilen eine Zumutung darstellt; aber dafür ist es nahe an den Erfahrungen antiken Lebens. Diejenigen, die mit Iphigenie „das Land der Griechen mit der Seele suchen“ – was ohne Frage ebenso wichtig und nützlich ist –, sollten sich dem Buch mit Vorsicht nähern; denen aber, die wissen möchten, „wie die Alten den Tod gebildet“ – man entschuldige den doppelten Anachronismus – kann man das Buch mit ruhigem Gewissen auf den Gabentisch legen.

Homer: Ilias. Aus dem Griechischen von Kurt Steinmann. München: Manesse, 2017. Großformatiger Leinenband (29,5 × 19 cm) in bedrucktem Schuber, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 16 großformatige, farbige Illustrationen von Anton Christian, 574 Seiten. 99,– €.

Homer: Odyssee. Aus dem Griechischen von Kurt Steinmann. München: Manesse, 2007. Großformatiger Leinenband (29,5 × 19 cm) in bedrucktem Schuber, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 16 großformatige, farbige Illustrationen von Anton Christian, 446 Seiten. In dieser Ausgabe nur antiquarisch lieferbar. Der Text ist in einer alternativen Ausgabe greifbar.

Isaak Babel: Mein Taubenschlag

Und  das ungeheuerliche Russland, unwahrscheinlich wie eine Herde bekleideter Läuse, stapfte in Bast­schu­hen zu beiden Seiten des Waggons.

Babel-TaubenschlagZum schönsten in einem langen und kontinuierlichen Leseleben gehören jene Momente, in denen man unvorbereitet auf einen Autor stößt, der einem ganz neu und ursprünglich ein Vergnügen bereitet, mit dem man schon lange nicht mehr gerechnet hatte. Meine Lektüre von Isaak Babels Erzählungen ist ein solcher Glücksfall. Natürlich kannte ich Babel dem Namen nach, wusste auch, dass er in der DDR viel gelesen wurde, aber ich war nie zufällig so an einem seiner Bücher vorbeigekommen, dass es mich im Augenblick gereizt hätte, ihn kennenzulernen. Erst die jetzt erschienene Neuausgabe seiner sämtlichen Erzählungen bei Hanser hat mich verführt.

Im Zentrum des Bandes steht Babels Erzählzyklus „Die Reiterarmee“ in der Übersetzung Peter Urbans, die – mit wenigen Änderungen – aus der Ausgabe der Friedenauer Presse von 1994 übernommen wurde. „Die Reiterarmee“ enthält Babels Erzählungen aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920, an dem er als Kriegsjournalist teilnahm, nachdem er zuvor schon im Ersten Weltkrieg und dem nachfolgenden russischen Bürgerkrieg als Soldat und Reporter gedient hatte. Babels Erzählweise ist zumeist denkbar knapp und unemotional, dann aber immer wieder durchsetzt mit kurzen, nahezu lyrischen Na­tur­be­schrei­bun­gen, ohne dass die Texte dadurch ihre Stimmigkeit verlieren würden. Babel versucht an keiner Stelle ein historisches oder auch nur geschlossenes Bild des Krieges zu liefern; er konzentriert sich im Gegenteil auf Anekdoten, von denen durchaus nicht jedesmal klar wird, wo sie in der Chronologie der Ereignisse zu verorten sind. Kriegselend, Euphorie der Attacke und Streitereien unter den Soldaten, hohe Kriegsziele und Orien­tie­rungs­lo­sig­keit, Geistliche, Künstler, Bettler und Generale, Juden und Christen, Polen und Russen treffen unvermittelt auf­ein­an­der, Verständnis, Missverständnis und Tod wechseln sich un­vor­her­seh­bar ab und der Erzähler Ljutov – Babels eigener Nom de guerre – scheint kaum hinterherzukommen mit seinen Notizen.

Um diesen Kern herum finden sich in vier Teilen alle anderen Erzählungen Babels in der Übersetzung von Bettina Kaibach. Man muss ihr das Kompliment machen, dass es ihr tatsächlich gelungen ist, einen Ton für ihre Übersetzung zu finden, der kaum eine Diskrepanz zu dem Urbans erkennen lässt. Natürlich sind Babels Erzählungen aus Odessa stofflich oft leichter und in weiten Teilen humoristischer als die der „Reiterarmee“, aber Kaibach trifft wie Urban die lakonisch-lyrische Spannung der Texte vortrefflich. Der „Reiterarmee“ voran gehen die beiden Sammlungen „Die Geschichte meines Tau­ben­schlags“ und die „Geschichten aus Odessa“, wobei dieser Zyklus und die Sammlung „Die Reiterarmee“ um einige zugehörige Texte ergänzt werden. Nachgestellt sind zwei Gruppen von Erzählungen, die Babel nicht selbst gesammelt hat und die der Chronologie der Entstehung nach geordnet wurden. Besonders die frühen, noch recht konventionellen Erzählungen machen deutlich, wie Babel schließlich zu seinem eigenen, knappen und lakonischen Ton gefunden hat.

Wie bereits oben gesagt, hat mich seit Langem kein Erzähler mehr so auf Anhieb überrascht und überzeugt. Babels Erzählungen prä­sen­tie­ren eine ganz und gar eigenständige und originelle Sicht auf die Welt, sie zeigen eine Wirklichkeit, die sich in dieser Präzision wohl schwer­lich anderswo wird finden lassen, wenn sie sich überhaupt finden lässt. Eines jener wenigen Bücher, die tatsächlich ein Stück Welt bewahren!

Isaak Babel: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. München: Hanser, 2014. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 863 Seiten. 39,90 €.

Émile Zola: Der Zusammenbruch

Wehe dem, der stehenbleibt im fortwährenden Streben der Nationen! Der Sieg gehört denen, die in der Vorhut marschieren, den weisesten, den gesündesten, der stärksten!

zola_rougonDer vorletzte Band der Rougon-Macquart ist, wie schon der Titel anzeigt, dem Ende des Zweiten Kaiserreichs gewidmet, mit dessen Beginn der Zyklus in »Das Glück der Familie Rougon« zugleich einsetzte. »Der Zusammenbruch« knüpft direkt an »Die Erde« an, an dessen Ende Jean Macquart seine gescheiterte bäuerliche Existenz hinter sich ließ und sich angesichts des bevorstehenden Kriegs gegen Preußen wieder zum Militär meldete. Auch das Ende von »Nana«, die unter den Rufen »Nach Berlin! Nach Berlin« das Zeitliche segnete, wird unmittelbar wieder aufgenommen. So liefert »Der Zusammenbruch« die Abrundung der gesellschaftspolitischen und historischen Ebene des Zyklus, während der letzte Band »Doktor Pascal« die soziologisch-biologische Ebene abschließen wird. Dabei ist Jean Macquart aber nur eine von zwei Hauptfiguren des Buches, die den Zusammenhang des Romans mit der Familiengeschichte der Rougon-Macquarts sichert, während als gleichwertige Gegenfigur Maurice Levasseur eingeführt wird. Zola braucht eine zweite Hauptfigur, um in den beiden die Zerissenheit des französischen Volks in der Zeit des Umbruchs von Zweiten Kaiserreichs zur Dritten Republik personifizieren zu können.

Der Roman ist klar in drei Teile gegliedert: Teil 1 schildert die Desorganisation der französischen Truppen im August 1870, die dazu führt, dass im Gegensatz zum geplanten Einmarsch der Franzosen in Deutschland es die alliierten deutschen Truppen sind, die erfolgreich nach Frankreich eindringen. Teil 2 ist vollständig der Schlacht um Sedan in den ersten Tagen des September 1870 gewidmet, und Teil 3 schildert die nachfolgende Gefangenschaft und verlängert die Erzählung bis zum Ende der Pariser Commune. Jean Macquarts dient als Korporal in der französischen Infanterie; Maurice Levasseur ist einer seiner Untergebenen, der zuerst massive Vorurteile gegen den bäuerlichen Jean hegt, ihn dann aber als kompetenten und um seine Soldaten besorgten Vorgesetzten schätzen lernt und spätestens während der gemeinsamen Gefangenschaft nach der Schlacht bei Sedan eine echte Freundschaft zu ihm entwickelt. Die beiden fliehen gemeinsam aus der Gefangenschaft, wobei Jean durch einen Schuss ins Bein verletzt wird. Während Jean in der Pflege der Schwester Maurices zurückbleibt, begibt sich Maurice nach Paris, um die Stadt gegen die Preußen zu verteidigen. Dort schlägt er sich auf die Seite der Pariser Commune, während Jean nach seiner Genesung zu den regierungstreuen Truppen stößt. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Bei der Erstürmung der Barrikaden verletzt sich Jean Maurice tödlich, und mit dem Ende der Commune endet auch Maurices Leben.

Das Buch versucht nach dem offensichtlichen Vorbild von Tolstois »Krieg und Frieden« eine Parallelführung privater Schicksale mit dem Verlauf des Deutsch-Französischen Kriegs. Beides gelingt nicht wirklich zufriedenstellend: Die Schilderung der militärhistorischen Abläufe bleibt für den Nichtfachmann oft verwirrend – dies mögen die Zeitgenossen Zolas noch anders wahrgenommen haben –, und die private Ebene erscheint oft zu konstruiert, um zu überzeugen. Insbesondere die symbolistische Überfrachtung der Freundschaft zwischen Jean und Maurice, der, um die Tragik der Geschehnisse noch zu erhöhen, auch noch eine verhinderte Liebesgeschichte zwischen Jean und Maurices Schwester Henriette hinzugefügt wird, wirkt aufgesetzt und einzig um der sentimentalen Wirkung Willen inszeniert. »So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.«

Wichtig aber dürfte sein, dass Zola mit der militärischen und politischen Führung des Zweiten Kaiserreichs scharf ins Gericht geht: Während der Kaiser selbst zu einer kränklichen, machtlosen Figur verblasst, erweisen sich die Generäle entweder als selbstsüchtige und -gefällige Stümper oder auch als schlicht unfähig, mit den organisatorischen und militärischen Anforderungen der Lage zurechtzukommen. Für Zola erfüllt sich in der Niederlage gegen die Preußen eine notwendige Entwicklung, die ein korruptes und intrigantes Regime zu seinem natürlichen Ende bringt. Frankreich hatte aus der Sicht Zolas spätestens durch das Zweite Kaiserreich seine Führungsrolle in Europa, die es durch die Revolution von 1789 erworben hatte, verspielt. Der Roman endet daher ganz bewusst mit dem Appell, es gelte jetzt, »ein ganzes Frankreich neu zu erschaffen.«

Der Roman gehört sicherlich aufgrund der ideologischen Belastung seiner Konstruktion zu den schwächeren des Zyklus und zu denen, die rapide gealtert sind. Und er gehört ebenso sicher zu denen, die ein eher national gesinnter Franzose gänzlich anders lesen wird als ein eher philosophisch orientierter Deutscher.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk.

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden

Das ärgerte ihn noch mehr, denn in seiner Seele wusste er, nicht aus Überlegung, sondern durch etwas Stärkeres als Überlegung, dass er zweifellos recht hatte mit seiner Meinung.

Tolstoi_KuFNatürlich bietet es sich an, im Jahr 2012, 200 Jahre nach Napoleons Feldzug nach Russland, »Krieg und Frieden« zu lesen. Das Buch stand weit oben auf der imaginären Liste des Wiederzulesenden; die erste Lektüre wird an die 30 Jahre zurückliegen. Damals war es die Übersetzung von Marianne Kegel bei Winkler, diesmal habe ich es natürlich mit der Neuübersetzung von Barbara Conrad bei Hanser versucht. Parallel dazu habe ich etwas mehr als die Hälfte des Textes in der ausgezeichneten Komplett-Lesung von Ulrich Noethen angehört, der eine nicht genauer bezeichnete Bearbeitung der Übersetzung von Hermann Röhl liest, die wohl zuerst 1915 erschienen ist, wenn sie auch in zahlreichen Bibliographien mit der Jahreszahl 1922 oder 1923 verzeichnet ist.

Hörbuch_Krieg_und_FriedenAngesichts der inzwischen zahlreichen Verfilmungen des Stoffs – zuletzt 2007 mit einer durchaus nicht unkomischen Soap-Opera-Ästhetik fürs Fernsehen – ist eine ausführlichere Inhaltsangabe wohl unnötig. Für all jene, die das Buch nie gelesen haben, sollte wohl gesagt werden, dass die Handlung um die vier Adels-Familien Bolkonski, Besuchow, Kuragin und Rostow nur eine von drei Ebenen des Romans bildet; die zweite ist eine durchaus kontroverse Geschichte der Napoleonischen und russischen Feldzüge zwischen 1805 und 1812, die dritte, besonders im dritten und vierten Buch präsente, bildet eine breit angelegte Reihe geschichtsphilosophischer Essays. Der Einfluss, den diese Mischung verschiedener Genres in einem Roman auf die Entwicklung der Gattung im 19. und 20 Jahrhundert hatte, sollte nicht unterschätzt werden.

Die Neuübersetzung dürfte, wenn ich der einzigen Stichprobe trauen darf, die ich vorgenommen habe, die genaueste sein, die es in deutscher Sprache gibt. Sie verzichtet im Gegensatz zu den Vorläufern darauf, Tolstois Text stilistisch zu glätten. Aufgefallen war mir eine Passage, die ich zuerst für einen Lapsus der Übersetzerin hielt; da heißt es zu Anfang des 3. Kapitels im 1. Teil von Buch 4:

Neun Tage nachdem Moskau aufgegeben worden war, kam ein Bote von Kutusow nach Petersburg mit der offiziellen Nachricht, dass Moskau aufgegeben würde. Dieser Bote war der Franzose Michaud, der kein Russisch konnte, doch quoique étranger, Russe de cœur et d’âme war, wie er von sich sagte.

Der Kaiser empfing den Boten sofort in seinem Kabinett im Palais auf Kamenny Ostrow. Michaud, der Moskau vor der Kampagne noch nie gesehen hatte und der kein Russisch konnte, fühlte sich dennoch gerührt, als er vor notre très gracieux souverain (wie er schrieb) mit der Nachricht vom Brand Moskaus erschien, dont les flammes éclairaient sa route.

Die Doppelung der Information, dass Michaud kein Russisch spricht, was sich im Verlauf des Gesprächs mit dem Kaiser auch als gänzlich unnötig erweist, ist stilistisch etwas unglücklich, um das wenigste zu sagen. Da keine der mir erreichbaren Übersetzungen diese Doppelung reproduziert (merkwürdiger Weise aber in einem Fall im ersten und im anderen im zweiten Absatz fort lässt), habe ich einen des Russischen mächtigen Bekannten gebeten, das Original für mich aufzuschlagen (an dieser Stelle mein Dank an Frank Fischer). Und tatsächlich findet sich die von Barbara Conrad übersetzte Doppelung so bei Tolstoi. Ob es sich dabei um einen Fehler oder um die absichtliche Zuspitzung der auch sonst in weiten Teilen des Romans zu beobachtenden Methode, Informationen wiederholt und in ähnlichem Wortlaut mitzuteilen, handelt, kann ich nicht beurteilen. Aber der Fund erhöht mein Vertrauen in die Zuverlässigkeit der neuen Übersetzung.

Aus dem obigen Zitat lässt sich auch eine weitere Entscheidung der Übersetzerin ablesen, nämlich die nicht russischen – in der Hauptsache französischen – Passagen des Buches in der jeweiligen Sprache im Haupttext zu belassen und nur in Fußnoten ins Deutsche zu übersetzen. Tolstoi markiert mit dem durchaus breiten Gebrauch des Französischen besonders in Gesprächen am Hof und unter dem Hof nahestehenden Adeligen nicht nur einen historischen Zug der russischen Kultur, sondern ist sich zugleich der Ironie bewusst, dass sich die Russen einem Angriff von Seiten genau jener Kulturnation gegenübersehen, die sie in ihrem höfischen Leben zu imitieren suchen. Auch diese Entscheidung der Neuübersetzung hebt sie aus der Reihe der bisherigen deutlich heraus. Hinzukommt, dass es sich wohl um eine der wenigen wirklich vollständigen Übersetzungen ins Deutsche handelt, da die meisten anderen deutschen Ausgaben auf die Übertragung des zweiten, rein essayistischen Teils des Epilogs verzichten.

Trotz alledem und obwohl meine zweite Lektüre sicherlich der ersten an Verständnis weit voraus ist, muss ich am Ende gestehen, dass ich mit Tolstoi nicht warm zu werden verstehe. Ich sehe durchaus die Vorzüge des Buches: Der breit angelegte Stoff, sowohl was die Fabel im engeren Sinne als auch was die historische Darstellung angeht, der lange Atem des Erzählers, die Spannbreite der dargestellten Lebens- und Notlagen zwischen Geburt und Tod, der ambitionierte Versuch zur Begründung einer originären – letztlich aber wohl inkonsistenten und von der eigenen historischen Erzählung konterkarierten – Theorie der Geschichte. Ich bewundere die Kunstfertigkeit, die disparaten gedanklichen und stofflichen Tendenzen des Buches miteinander in ein Gleichgewicht und einen Einklang zu bringen. Ich begreife inzwischen auch wenigstens in Grundzügen den Einfluss, den dieser Roman auf die Entwicklung der Gattung im 19. und 20. Jahrhundert gehabt hat.

Dennoch, und das betrifft nicht nur »Krieg und Frieden«, sondern ist mir mit »Anna Karenina« genauso gegangen, kann ich mich nicht dazu bringen, am Schicksal der Tolstoischen Figuren irgendeinen Anteil zu nehmen. Wer es auch sein mag, Natascha, Sonja, Marja, Andrej oder Pierre, sie bleiben mir gänzlich gleichgültig, und ich nehme ihre Meinungen, ihre Verirrungen, ihre Gedanken und Gefühle achselzuckend zur Kenntnis und denke: Naja, so geht es halt zu unter Menschen. Ich mag auch noch das erzählerische Konzept verstehen, dass diese Adeligen, diese Creme der Gesellschaft, zwar besser gebildet, deshalb aber nicht weniger dämlich ist als der Rest der Menschheit, der sie umgibt, doch eine Empathie mit ihnen erwächst daraus nicht. Im Gegenteil: Je menschlicher sie im Verlauf der Handlung geraten, desto mehr gehen sie mir auf die Nerven.

Als Essayist zeigt Tolstoi zahlreiche Mängel eines sogenannten Selbstdenkers, also eines Menschen, der nur eine unzureichende Ausbildung im abstrakten Denken erhalten hat: Er wiederholt sich aufs Umständlichste, analysiert Gedankengänge anhand konkreter Beispiele, die sich durchaus immer auch anders verstehen lassen, bleibt in seiner Kritik oft negativ, ohne sagen zu können, wodurch denn die von ihm kritisierten Deutungsansätze ersetzt werden sollten, und endet zu oft bei völlig vagen Konzepten wie zum Beispiel dem »Geist des Heeres«.

Vielleicht sollte ich Tolstoi die Lizenz Nietzsches einräumen, dass man von großen Dingen entweder groß reden oder schweigen soll, und entsprechend den Mund halten. Aber unter uns bleibt es dabei: Tolstoi ist zweifellos eine literarhistorische Größe, vielleicht auch ein Gigant, aber nichts von alle dem geht mich etwas an. Bei Gelegenheit werde ich sicherlich auch noch einmal »Anna Karenina« in der neuen Übersetzung bei Hanser in die Hand nehmen, doch viel Hoffnung mache ich mir nicht.

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. Übersetzt von Barbara Conrad. München: Hanser, 2010. 2 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 1104 und 1184 Seiten. 58,– €.

Leo Tolstoi: Krieg und Frieden. In der Übersetzung von Hermann Röhl vollständig gelesen von Ulrich Noethen. Berlin: DAV, 2009. 54 CDs (3979 Minuten). 199,– €.

Lion Feuchtwanger: Der Tag wird kommen

feuchtwanger_josephus_III Der dritte Band der Josephus-Trilogie. Das Buch ist zuerst 1942 in einer englischen Übersetzung erschienen, dann 1945 das deutsche Original. Der Roman verschärft die Tendenzen, die sich schon im zweiten Teil Die Söhne beobachten ließen: Der Autor kann mit seinem ursprünglichen Protagonisten Josephus Flavius nun noch weniger anfangen als bislang schon. So gerät das Buch zu einem historischen Roman über den Kaiser Domitian, in dem Josephus nurmehr eine Nebenfigur abgibt. Josephus ist zwar weiterhin mit dem Kaiserhaus schicksalhaft verbandelt, aber weder der Umfang der Anteile am Text, die ihm gewidmet sind, noch die darin geschilderten Ereignisse heben ihn wesentlich über andere Nebenfiguren in diesem Roman heraus. So erfahren wir etwa ausführlich vom Schicksal der Vestalin Cornelia, die im berauschten Zustand vom Privatsekretär des Kaisers beschlafen und deshalb einem jämmerlichen Tod zugeführt wird. Oder von Clemens und Domitilla, deren Söhne Domitian zu seinen Nachfolger bestimmt hat, und die deshalb als störende Elemente in der Erziehung der Knaben beseitigt werden müssen. Oder von der Kaiserin Lucia, ihrem Einfluss, ihrer Macht und ihren Sym- und Antipathien dem Kaiser gegenüber. Usw. usf.

Feuchtwanger war diese Schwäche des Romans natürlich bewusst. Er hat versucht sie dadurch zu verschleiern, dass er die Josefs-Figur sowohl an Anfang und Ende des Romans prominent präsentiert – so wird seinem Tod das Schlusskapitel gewidmet, das deshalb auch wie angeklebt wirkt – und außerdem den Roman in zwei Teile gliedert, deren ersten er »Domitian« und deren zweiten er »Josephus« überschreibt. Erzählt wird über Joseph in etwa das folgende: Er sitzt daheim mit seiner neuen Familie, die er mit Mara gegründet hat und schreibt an seiner »Geschichte des jüdischen Volkes«. Er tritt nur selten in der Öffentlichkeit auf und lebt ein bescheidenes und zurückgezogenes Leben für einen Mann seines Ruhms. Aufgrund seiner prominenten Position unter dem Kaiser Vespasian ist er am Hofe aber nicht vergessen. Er nimmt am Besuch einer Delegation jüdischer Gelehrter aus Jabne beim Kaiser teil, bei der unter anderem erörtert wird, dass der Messias dem Geschlecht  Davids entstammen soll, was auch für Josephus zutrifft. Der Kaiser will nun alle Nachfahren Davids töten lassen, um sicher zu gehen, dass es keinen Messias wird geben können, fürchtet sich aber vor dem unsichtbaren Gott der Juden so sehr, dass er doch lieber darauf verzichtet. Stattdessen sucht er lieber eine Gelegenheit, Josephus zu verletzen, die er auch findet, als dessen Sohn Matthias ins Gefolge der Kaiserin Lucia eintritt und in die Affäre um die oben schon erwähnte Domitilla verwickelt wird. Dies liefert Domitian den Vorwand, Matthias ermorden zu lassen. Josephus überführt die Leiche des Matthias zur Beisetzung nach Judäa und verbringt den Rest seines Lebens dort. Mit über 70 lässt er sich noch einmal von nationalistischen Gefühlen hinreißen und wird von einer Gruppe römischer Soldaten beiläufig zu Tode geschleift.

Auch in diesem Buch zeigt sich wieder Feuchtwangers Desinteresse an Entwicklung oder Veränderung seiner Figuren. Domitian gleicht als Kaiser in seinen Befürchtungen und Motivationen weitgehend seinem Bruder und Vorgänger im Amt Titus, er reagiert nur bösartiger auf sie. Josephus ändert sich in den mehr als 50 Jahren, die die Trilogie umfasst, nicht – wie Feuchtwanger im Roman explizit schreibt –, sondern bleibt im Grunde derselbe eitle, von sich und seiner Sendung überzeugte Dummkopf, der er von Anfang an ist. Das eigentliche Problem mit dieser Hauptfigur ist aber, dass sie die knapp 1.500 Seiten der Trilogie einfach nicht trägt. So wiederholt sich vieles und die soziale Dynamik der Figuren hat sich lange erschöpft, bevor der Leser den dritten Band erreicht. Was bleibt, ist ein Erzählen historischer Ereignisse, von denen sich einige ereignet haben mögen, die meisten aber sicherlich nicht. Insoweit bleibt die Trilogie am Ende eine Enttäuschung, gut zum Zeitvertreib, mehr aber nicht. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, für den genügt es, den ersten Band Der jüdische Krieg zu lesen und den ersten Teil dieses dritten Bandes.

Lion Feuchtwanger: Der Tag wird kommen. Aufbau Taschenbuch 5604. Berlin: Aufbau, 32006. 439 Seiten. 10,00 €.

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P.S.: Was den Aufbau Verlag wohl dazu getrieben haben mag, ausgerechnet Catilina als Abbildung aufs Cover zu setzen?

Lion Feuchtwanger: Die Söhne

feuchtwanger_josephus_II Zweiter Teil der Josephus-Trilogie. Wie bei der Besprechung von Der jüdische Krieg bereits festgestellt, war das Werk ursprünglich nur auf zwei Bände angelegt. Ein Nachwort Feuchtwangers zu Die Söhne teilt dem Leser mit, dass der zweite Band bei Erscheinen des ersten bereits vollständig konzipiert und zu einem großen Teil auch geschrieben war. Diese Fassung und die zugehörigen  Materialien wurde bei der Plünderung von Feuchtwangers Haus im März 1933 – Feuchtwanger befand sich seit November 1932 im Ausland – durch die Nationalsozialisten vernichtet. Feuchtwanger schreibt weiter:

Den verlorenen Teil in der ursprünglichen Form wiederherzustellen erwies sich als unmöglich. Ich hatte zu dem Thema des »Josephus«: Nationalismus und Weltbürgertum, manches zugelernt, der Stoff sprengte den früheren Rahmen, und ich war gezwungen, ihn in drei Bände aufzuteilen.

Ob das dem Roman gut getan hat, ist natürlich eine kaum zu entscheidende Frage. Allerdings ist das Buch recht handlungsarm und langatmig geraten. Es beginnt mit dem Tod Kaiser Vespasians (79) und erstreckt sich bis über den Tod Titus’ (81) hinaus in die erste Regierungszeit von dessen Bruder Domitian. Wie der Titel schon vorgibt, steht im Zentrum eines Großteils der Handlung der Kampf des Josephus Flavius um seine beiden Söhne: Simon, sein »jüdisches Kind«, das er zusammen mit seiner ersten Frau Mara gezeugt hat, und Paulus, dessen Mutter die Ägypterin Dorion ist, die den Knaben im Sinne der griechischen Kultur erziehen lässt und dem Joseph aus einem Rachebedürfnis heraus entfremdet. Joseph kämpft um seinen Sohn Paulus, in dem er sein Ideal des jüdisch-griechischen Weltbürgers zu verwirklichen sucht, indem er ein Adoptionsverfahren anstrengt. Als er die Gunst des Kaisers Titus für sich erlangen kann, gewinnt er den Prozess, gibt den nun rechtlich unter seiner Obhut stehenden Jungen aber seiner Mutter zurück, als er begreift, wie unglücklich er ihn durch die Trennung von Mutter und Lehrer gemacht hat. Unterdessen ist der etwas von Joseph vernachlässigte Simon bei einem jugendlichen Kampfspiel verunglückt und ums Leben gekommen.

Dann kehrt Joseph nach Judäa zurück. Hier trifft er seine erste Frau Mara wieder, und es gibt eine ganze Menge Gerede um die jüdische Sekte der Christen und den Fortbestand des Judentums überhaupt. Josephus wird für eine Weile in die lokalen religiös-politischen Streitigkeiten verwickelt, entschließt sich dann aber überraschend, Mara wieder zu heiraten und nach Rom zurückzukehren, um endlich mit seiner großen Geschichte des jüdischen Volkes zu beginnen. Das Buch endet mit einer durch Domitian inszenierten öffentlichen Demütigung Josephs, die ihn für immer von seinem Sohn Paulus zu trennen scheint.

Der offensichtlichste Mangel des Buches ist wohl, dass Feuchtwanger ein ausreichend gewichtiger Handlungsfaden fehlt: Während in Der jüdische Krieg der Krieg, seine Vorgeschichte und seine Folgen das Unterfutter für eine Art von Entwicklungsroman Josephs lieferte, fehlt eine solche grundierende Fabel diesmal. Das Buch erschöpft sich daher über weite Strecken darin, zwischen einzelnen Figuren und Schauplätzen hin und her zu springen, ohne dass der Leser einen Eindruck davon bekäme, wo das ganze hinaus will. Der Charakter des Josephus bleibt weitgehend statisch; der Entwicklungsroman wird nicht fortgesetzt, man hat den Eindruck, dass der Autor selbst nicht so recht weiß, was er mit seinem Protagonisten anfangen soll. Dafür treten ideologische Aspekte stark in den Vordergrund: Es wird an einer breiten Zahl von Fällen erörtert, wie Isolationismus der Juden und Vorurteile der Nichtjuden einander bedingen und verstärken, so dass auch der Gutwilligste unfähig bleibt, die Schranken zu überwinden. Allerdings ist derlei höchstens ausreichend für eine Kurzgeschichte und trägt keinen Roman.

Insgesamt ein Buch, das sich nicht recht entscheiden kann, was es nun eigentlich erzählen will, deshalb viele Versuche und nur wenig wirklich Gerundetes enthält.

Lion Feuchtwanger: Die Söhne. Aufbau Taschenbuch 5603. Berlin: Aufbau, 32006. 527 Seiten. 10,00 €.

Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg

feuchtwanger_josephus_I Der erste Roman einer Trilogie, in deren Zentrum der jüdisch-stämmige Historiker Josephus Flavius steht. Der erste Band umfasst in etwa fünf Jahre vom ersten Besuch Josefs in Rom noch unter der Herrschaft Neros bis zu seiner Rückkehr dorthin unter dem Kaiser Vespasian. In der Zwischenzeit hat er eine erstaunliche Karriere hinter sich gebracht: Vom jüdischen Rebellenführer im Kampf gegen die römische Besatzungsmacht Judäas über die Gefangenschaft bis zum offiziellen Kriegsberichterstatter des jüdischen Krieges und persönlichen Berater des Kaisersohns Titus. Am Ende des Romans ist aus dem jungen jüdischen Juristen ein kompletter Außenseiter geworden: Die jüdischen Gemeinden Jerusalems und Roms feinden ihn an und das römische Bürgerrecht, das er sich für einen hohen Preis vom Kaiser hatte erwerben müssen, um seine Geliebte heiraten zu können, erscheint als eine Äußerlichkeit, der keine soziale Gemeinschaft entspricht.

Der Roman konzentriert sich auf einige wenige »große Figuren« der Zeit, wobei deren Motivationen nicht immer ganz zu überzeugen wissen. Auch die konkreten politischen Vorgänge – so etwa die Ausrufung Vespasians zum Kaiser – bleiben eher schemenhaft. Auch der Alltag der »kleinen Leute« in Rom und dem Nahe Osten bleibt bis auf einzelne Schilderung der Unterschiede zwischen jüdischen und römischen Haushalten eher blass. Sehr überzeugend sind dagegen die Belagerung und Zerstörung Jerusalems, deren Beschreibung sicherlich den Höhepunkt des Buches bilden.

Die Entwicklung des Protagonisten hebt sich recht positiv von der Darstellung der anderen Figuren ab: Josef Ben Matthias beginnt seine Karriere als ein hoch begabter, aber auch etwas selbstverliebter junger Mann, der erst langsam lernt, dass seine Handlungen neben den erwünschten auch unerwünschte und von ihm unvorhergesehene Konsequenzen zeitigen, dass sein Konzept des »Vernünftigen« durchaus nicht von allen seinen Zeitgenossen geteilt wird und dass er schließlich weit öfter Getriebener als Treiber ist.

Das Ende des Buches macht deutlich, dass es nicht für sich steht, sondern eine Fortsetzung konkret geplant geplant war; allerdings hatte Feuchtwanger wohl vorerst an einen, nicht zwei weitere Bände gedacht. Es hat sich dann so ergeben, dass die drei Bände der Josephus- zwischen 1931 und 1941 alternierend mit denen der Wartesaal-Trilogie entstanden sind. Die beiden Folgebände werden ebenfalls hier vorgestellt werden.

Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg. Aufbau Taschenbuch 5602. Berlin: Aufbau, 32006. 463 Seiten. 10,00 €.

Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo

feuchtwanger_toledo Endlich also Feuchtwanger! Feuchtwanger ist eine der ganz großen Lücken meiner Lesegeschichte. Nun hat der Aufbau Verlag anlässlich der 50. Wiederkehr des Todestages drei Kassetten mit Romanen Feuchtwangers auf den Markt gebracht: zum einen fünf historische Romane – darunter eben auch Die Jüdin von Toledo –, zum zweiten die »Wartesaal«-Trilogie und zum dritten die Josephus-Trilogie. Ich habe das zum Anlass genommen, endlich mit der Feuchtwanger-Lektüre zu beginnen.

Die Jüdin von Toledo behandelt die legendenhafte Affäre Alfons VIII. von Kastilien mit einer schönen Jüdin, die seit dem 16. Jahrhundert zahllose Bearbeitungen in Romanzen, Dramen und Erzählungen erfahren hat, selbst aber natürlich alles andere als originell ist, sondern letztendlich auf den Aufenthalt des Odysseus auf der Insel der Kalypso zurückgeht. Was den Roman Feuchtwangers auszeichnet, ist, dass er diese Legende in ein historisch genaues Zeitbild Spaniens im 12. Jahrhundert einpasst, die Geschichte der »Fermosa« mit den historischen Ereignissen verknüpft und ihr auf diese Weise mehr als die übliche tragische Liebesgeschichte abgewinnt.

Feuchtwangers Erzählung beginnt mit der Rückkehr Jehuda Ibn Esras nach Toledo. Er ist eine Art Wirtschaftsminister für Alfons VIII., der gerade in einen achtjährigen Frieden mit den Moslems der iberischen Halbinsel hat einwilligen müssen. Jehuda kehrt mit einer fast erwachsenen Tochter und einem jüngerern Sohn in das toledanische Haus seiner Familie zurück, das zuvor von den Baronen Castro bewohnt war, mit denen Alfons VIII. verfeindet ist. Alfons ist mit seinem neuen Minister nicht sehr zufrieden, da dessen Vorsicht, Umsicht und Bedachtsamkeit seinem ritterlichen Wesen zuwider sind. Alfons erscheint als eine Art gezähmter Raufbold, der sich nur ungern sagen lässt, was gut für sein Land ist.

Als Alfons die Tochter Jehudas, Raquel, kennenlernt, verliebt er sich widerstrebend in sie. Er lässt für sie ein altes Lustschloss in der Umgebung Toledos wieder herrichten und verfügt, dass sie dort zu wohnen habe. Vater und Tochter willigen in dieses Arrangement ein, und Alfons verfällt dort seiner Liebe zu Raquel so sehr, dass er darüber sein Land und seine Frau vergisst. Seine Frau Leonora aber, immerhin Tochter des englischen Königs Heinrich II., verzehrt sich vor Eifersucht und dynastischen Befürchtungen, denn Raquel gebiert Alfons den lang ersehnten Sohn und möglichen Thronfolger. Leonora stiftet also einen Krieg an, der ihren Mann aufs Schlachtfeld zwingen soll, wo er seine kleine Jüdin hoffentlich rasch vergessen soll. Um sicher zu gehen, stiftet sie – während Alfons sich im Krieg befindet – auch noch einen der Barone Castro zur Ermordung Jehudas und seiner Tochter an. Das Kind bleibt verschont, da es Jehuda schon zuvor hat in Sicherheit bringen lassen, um es der christlichen Taufe zu entziehen. Den aus dem Krieg nach Toledo geschlagen zurückkehrende König trifft die Nachricht von der Ermordung Raquels schwer. Er geht als veränderter, tief getroffener Mann aus dieser Kriese hervor.

Feuchtwanger leuchtet den Stoff gründlich aus: Ihn interessieren über die tragische Liebesgeschichte hinaus das Verhältnis von Privatem und Historischem, die wirtschaftlichen Grundlagen von Krieg und Frieden, das Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander sowohl im historischen als auch im aktuellen Sinn. Er setzt der kriegerischen bzw. feindlichen Opposition der Angehörigen der Glaubensgruppen die tolerante Auseinandersetzung freier Geister im Hause Jehudas gegenüber, in dem ein moslemischer Skeptiker, ein christlicher Zweifler und ein junger jüdischer Wahrheitssucher gleichberechtigt miteinander umgehen, ohne dass dazu einer von seiner Religion oder seiner Herkunft Abstand nehmen müsste.

Als etwas mühsam mögen einige jüngere Leser wahrscheinlich die leicht manieristische Sprache des Romans empfinden, die auch hier und da Kobolz schießt. Was mir am meisten gefehlt hat, ist psychologische Dynamik der Figuren: Außer Alfons und Raquel wandelt sich eigentlich keine der Figuren, und selbst bei diesen beiden erscheint die Verwandlung mehr behauptet als durchgeführt. Und Sätze wie die folgenden sind schon das Höchste, wozu sich Feuchtwanger aufschwingt:

Don Alfonso hörte zu, ablehnend, doch mit Teilnahme. Seine Welt war nun einmal die der Ritter. Die Wahrheit eines Königs war eine andere als die eines alten Juden und Bänkers. Seine, Alfonsos, Philosophie waren die Lieder Bertrans. Dabei hat dieser Ephraim vermutlich recht, und wenn er, Alfonso, in zwölf Jahren seinen Krieg erfolgreich führen will, muß er jetzt die Untern verhätscheln.

Die Wahrheit eines Königs ist nicht die eines Bänkers und dennoch hat der Bänker wahrscheinlich recht? Was für eine Sorte von Wahrheit soll denn das bitte sein? Und »Seine Welt war nun einmal die der Ritter« befindet sich psychologisch etwa auf dem Niveau von »La donna è mobile«.

Insgesamt ein gut lesbarer, stoffreicher Roman über die hochmittelalterliche Phase der Reconquista.

Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo. Mit dem Nachwort des Autors von 1955. Aufbau Taschenbuch 5638. Berlin: Aufbau, 112008. 511 Seiten. 9,95 €.

Harry Sidebottom: Der Krieg in der antiken Welt

sidebottom_krieg Eine interessante kleine Studie, wenn mich auch der Titel zuerst ein wenig in die Irre geleitet hat. Das Buch beschäftigt sich mit dem »Krieg in der antiken Welt« selbst eher unsystematisch; in der Hauptsache handelt es vom ideologischen Konzept der »abendländischen Art der Kriegführung«. Dies soll nicht bedeuten, das Buch sei nicht informativ; das Gegenteil ist der Fall. Nur wird die Darstellung der antiken Sachverhalte nicht in einer vermeintlich objektiven und neutralen Art und Weise versucht, sondern sie werden stets durch eine spezifische Interpretation dieser Sachverhalte vermittelt. Diese Interpretationen können sowohl der Antike selbst als auch der neueren Geschichtsschreibung entstammen. Dabei ist Sidebottom nicht kleinlich, was die Art der »Geschichtsschreibung« angeht: An gleich drei Stellen ist Ridley Scotts Film »Gladiator« Auslöser seiner Ausführungen.

Hat man sich einmal auf den ideologiekritischen Ansatz des Autors eingelassen, so liefert das Buch zahlreiche interessante Aspekte des antiken Kriegswesens. Die Mehrzahl der Beispiele entstammt der griechischen und römischen Antike; Perser, Germanen, Gallier etc. kommen nur insoweit vor, als sie Gegner der Griechen oder Römer waren und damit zugleich auch ihr ideologisches Gegenbild darstellten. Behandelt werden sowohl der Krieg als Aspekt der griechischen und römischen Gesellschaften, als Teil ihres Selbstverständnisses, aber auch der konkrete Aufbau der Armeen, ihre Kampftechniken, Probleme der Logistik und der Ökonomie.

Insgesamt eine lesenswerte und anregende Einführung in das Thema mit einem anspruchsvollen Ansatz, die aber die Erwartungen historischer Laien wohl nur teilweise erfüllen wird.

Harry Sidebottom: Der Krieg in der antiken Welt. Aus dem Englischen übersetzt von Florian Himmler. RUB 18484. Stuttgart: Reclam, 2008. 224 Seiten. € 5,60.