Francis Spufford: Neu-York

«Sagen Sie», erwiderte Smith, «halten Sie auch heute noch so wenig von Romanen?»
«Das war meine Meinung ja erst gestern, und heute ist nicht so viel geschehen, dass ich Anlass gehabt hätte, sie zu ändern. Also ja. Schmant für kleine Geister, Sir. Nahrung für all jene, denen alles schmeckt.»

Inzwischen dreifach preisgekrönter Erstlingsroman eines bereits als Sachbuch-Autor etablierten englischen Schriftstellers. Das Buch spielt vor der Kulisse des noch holländisch geprägten, aber von England beherrschten New Yorks der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier kommt am 1. November 1746 ein geheimnisvoller Engländer an, Richard Smith mit Namen, und begibt sich au­gen­blick­lich zu einem der reichen Kaufleute der Stadt, um ihm einen Wechsel über 1.000 englische Pfund zu über­rei­chen. Seiner Forderung wird mit Misstrauen begegnet, und man einigt sich darauf, auf weitere Bestätigungen der Forderung aus England zu warten und, nach deren Eintreffen, den Wechsel zu Ende Dezember 1746 einzulösen.

Die zwei Monate bis dahin werden mit einigen wilden Abenteuern Smith’ gefüllt, darunter auch erotischen, mehreren Verfolgungsjagden, Ge­fäng­nis­auf­ent­ha­lten, einem Duell und was der knalligen Episoden mehr sind. Erst ganz am Ende erfährt der Leser, was der eigentliche Auftrag ist, den Smith in Neu-York zu erledigen hat, und noch am Ender, das eines der jungen Mädchen des Romans, die Smith bis beinahe zur letzten Seite umwirbt, die vorgebliche Erzählerin des Buches sein soll. Diese letzte Wendung der Erzählform geht leider nicht auf, nicht nur weil es auch für eine unkonventionelle Frau des frühen 19. Jahrhunderts unmögliche wäre, bestimmte Passagen des Buches zu verfassen, sondern auch weil sie trotz ihrer Behauptung, Smith’ Geschichte nacherzählen zu wollen, auf weiten Strecken Stoff verarbeitet, der ihr auf keine Weise zur Kenntnis gekommen sein kann. Dies scheint daher ein Nachgedanke des Autors gewesen zu sein, nicht die ursprüngliche Konstruktion der Erzählung.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Übersetzung im Detail zu prüfen; von der am Original gelobten Nähe zur Sprache des 18. Jahrhunderts ist in der deutschen Fassung nur hier und da eine altertümelnde Schreibweise festzustellen, die aber kaum irritieren dürfte. Im Großen und Ganzen reden die Figuren wie Kunstfiguren des 20. Jahrhunderts und nicht wie Personen des 18. Jahrhunderts miteinander; ganz und gar unmöglich sowohl im Ton als auch im Stoff ist der angebliche Brief, den Smith aus dem Gefängnis an seinen Vater schreibt, der nicht nur die Briefform selbst massiv sprengt, sondern der sich auch auf keine erdenkliche Weise im Besitz der Erzählerin befinden kann.

All das macht deutlich, dass es sich um einen zwar flott erzählten, sonst aber  weitgehend gewöhnlichen Text der rezenten Unterhaltungsliteratur handelt, dessen humanitäre Pointe ebenso aufgesetzt ist wie alles andere. Zudem weist er die üblichen Schlampereien des Genres auf: Der 5. November 1746 war kein Sonntag, sondern ein Samstag (nach dem julianischen Kalender wohlgemerkt, der bis 1752 in England und den englischen Kolonien noch galt; merkwürdigerweise stimmt im letzten Drittel des Buchs die Zuordnung von Daten und Wochentagen), der Geburtstag des Königs George II wird zwei Tage zu spät gefeiert (sein Thronjubiläum fiele zwar auf einen 11., aber einen Monat früher), Smith kennt bereits 1746 Laurence Sterne als Erzähler und was der Kleinigkeiten mehr sind. Natürlich muss einen das nicht stören, aber es macht eben die Sorgfalt deutlich, die der Autor, der Übersetzer und zwei Lektorate dem Text gewidmet haben. Natürlich hat der Autor die Ausflucht, dass alle diese Fehler seiner Erzählerin zuzuschreiben sind; sinnvoller werden sie dadurch aber nicht.

Alles im allem kein schlechter Schmöker, der aber in Bezug auf den von der Kritik gezogenen Vergleich zu Fielding und Sterne erheblich zu kurz springt.

Francis Spufford: Neu-York. Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Reinbek: Rowohlt, 2017. Pappband, Lesebändchen, 396 Seiten. 19,95 €.

Uwe Johnson: Jahrestage 4

Nun fing ich an, wegzugehen.

Johnson-Jahrestage-4Erst 1983, also zehn Jahre nach dem dritten Band, erschien der Abschluss der „Jahrestage“. Wahrscheinlich wäre der Roman aufgrund Lebenskrise Johnsons nicht zu Ende geschrieben worden, hätten den Autor nicht massive finanzielle Probleme zu dem Versuch gezwungen, an den Erfolg der früheren Bände anzuschließen. Das Erscheinen des Bandes wurde denn auch entsprechend aktiv vom Verlag beworben, so dass der Band als eine der wichtigsten Neuerscheinungen der Buchmesse 1983 wahrgenommen wurde.

Inhaltlich schließt auch dieser Band nahtlos an den Vorgänger an. Allerdings ist festzustellen, dass das Thema des Kriegs in Viet Nam (um Johnsons Schreibweise zu übernehmen) in den Hintergrund tritt. Ob dies einer bewussten poetologischen Entscheidung des Autors geschuldet ist oder schlicht der Tatsache, dass dieser Krieg nach 10 Jahren im Bewusstsein des Autors schlicht an Bedeutung verloren hat, kann auf die Schnelle nicht entschieden werden. Die Erzählung der Nachkriegszeit setzt den Schwerpunkt auf die Schulkarriere Gesines unter den politischen und ideologischen Bedingungen der frühen DDR – hier ist ein Glanzstück die Behandlung von Fontanes „Schach von Wuthenow“ im Deutschunterricht der „Elf A Zwei“ (2. August 1968 ff.) –, die alles andere als harmlos verläuft, sondern gleich mehrere politische Prozesse gegen Schüler umfasst. Heinrich Cresspahl, der im Mai 1948 als körperlich gebrochener, kranker Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, bleibt im letzten Teil der Erzählung nur eine Nebenfigur. Die Chronologie des Lebens Gesines in der Nachkriegszeit wird gegen Ende des Buches in einem eher summarischen Verfahren bis an den Beginn der erzählerischen Jetztzeit herangeführt und so das Ende mit dem Anfang des Buches zu einem Zirkel geschlossen.

Die zwei Monate des Jahres 1968, die erzählt werden, sind hauptsächlich bestimmt vom Näherrücken des 21. August, an dem Gesine in Prag ihrer neue Stelle antreten soll. Die Entwicklung hin zur Zerschlagung des Prager Frühlings wird täglich der New York Times entnommen, wobei Gesine bis zum Ende optimistisch bleibt, dass das Prager Experiment eines humanen, demokratischen Sozialismus gelingen könnte.

Allerdings hat auch dieser Band seinen zentralen Todesfall: Gesines Geliebter D.E., den zu heiraten sie sich inzwischen entschlossen hatte, stirbt bei einem Absturz mit einer Cessna, die er selbst flog, in Finnland. Gesine verheimlicht diesen Todesfall ihrer Tochter, da sie befürchtet, Marie würde sich ansonsten weigern, mit nach Europa zu kommen. Sie selbst beherrscht ihre Trauer nach wenigen Tagen; von ihrer Bank wegen des Trauerfalls freigestellt, reist sie mit Marie in einer Art Abschiedstournee durch verschiedene Städte der USA.

Das Buch endet mit einem Treffen zwischen Gesine und Dr. Kliefoth, ihrem ehemaligen Lehrer und Schulrektor, am 20. August 1968 in Kopenhagen. Johnson lässt offen, ob Gesine tatsächlich am nächsten Tag in Prag in die Wirren des beginnenden Endes des Prager Frühlings gerät. Spekulieren darf der Leser aber, dass ihr die Wiederholung auch dieses Musters (man bedenke die Rückkehr ihres Vaters ins nationalsozialistischen Deutschland) nicht erspart bleiben wird.

Auch nach der zweiten Lektüre, die diesmal in wesentlich kürzerer Zeit abgeschlossen wurde als beim ersten Mal (von den Veränderungen des Lesers in 30 Jahren wollen wir schweigen), bleibt dies einer der ganz großen Zeitromane der deutschen Literatur. Johnsons Fähigkeit, nicht nur das Leben der Einzelnen, sondern zugleich seine Verflechtung mit und Bedingtheit durch die politische und gesellschaftliche Entwicklung zu erzählen, macht die „Jahrestage“ nicht nur zu einem bedeutenden Roman, sondern auch zu einem einmaligen Dokument deutscher Lebenswirklichkeit.

Uwe Johnson: Jahrestage 4. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. Juni 1968 – August 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1983. Leinen, Fadenheftung, 502 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 814 KB. 11,99 €.

Uwe Johnson: Jahrestage 3

Als Kinder, noch bei Gewitter in einer Kornhocke, haben wir uns gedacht: uns sieht einer. Wir werden alle gesehen.

Johnson-Jahrestage-3Der dritte Band der „Jahrestage“ ist der schmalste der Tetralogie und markiert die Lebens- und Schreibkrise in Johnsons Leben. Er umfasst nur zwei Monate aus dem Leben der Protagonistin im Jahr 1968 statt der vier der beiden vorangegangenen Bände. In Gesines Leben gibt es keine bedeutenden Änderungen: Sie beobachtet auch weiterhin im Auftrag der Bank, bei der sie angestellt ist, die Entwicklung in der ČSSR zu dem Ende, dass sie als Vertreterin der Bank nach Europa wechseln soll.

Für ihre Tochter Marie sind es Monate der politischen Desillusionierung: Ihr Idol John Vliet Lindsay, der Bürgermeister von New York, fällt bei ihr als Opportunist in Ungnade, und auch ihre Trauer um den am 5. Juni 1968 niedergeschossenen und tags darauf verstorbenen New Yorker Senator und Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy wird erheblich getrübt durch ihre Einsicht in die Inszenierung dieses Todes durch Politik und Familie. Marie ist zudem gegen den bevorstehenden Umzug nach Europa und will ihre Mutter zum Bleiben in den USA überreden, indem sie ihr ein Haus und eine geruhsame Zukunft verspricht, sobald sie selbst Geld verdienen wird.

Ganz kurz taucht an einem Urlaubswochenende mit zwei Kolleginnen aus der Bank die Alternative einer Frauen-WG vor den Toren New Yorks auf, die es Marie eventuell ermöglichen würde, in den Staaten zu bleiben, während ihre Mutter in Europa arbeitet, doch zerschlägt sich dieser Plan nach kurzer Zeit, weil eine der Frauen doch wieder zu ihrem Mann zurückkehrt. Und auch die Beziehung zwischen Gesine und dem bislang wohl noch gar nicht erwähnten D. E., bürgerlich Professor Dietrich Erichson, einem für die Rüstungsindustrie tätigen Physiker mecklenburger Herkunft, der Gesine regelmäßig Heiratsanträge macht, die anzunehmen sie sich fürchtet, da sie ihrer eigenen Befähigung zu einem bürgerlich ruhigen Leben misstraut, macht keine wirklichen Fortschritte.

Im Gegensatz dazu entwickelt sich das Leben Heinrich Cresspahls im Nachkriegsdeutschland dramatisch: Zwar übt er auch unter der russischen Besatzung zunächst weiterhin das Amt des Bürgermeisters von Jerichow aus, doch wird er eines Tages aus für ihn nicht durchschaubaren Gründen verhaftet, wochenlang verhört und schließlich ins Lager Fünfeichen überführt und dort anscheinend vergessen. Die dreizehnjährige Gesine lebt nun im väterlichen (eigentlich eigenem) Haus unter der Aufsicht von Jakob Abs und seiner Mutter, ist in Jakob verliebt, ohne es ihm zu zeigen, besucht wieder die Schule und versucht, ohne ihre wichtigste Vertrauensperson, ihren Vater in den ärmlichen Zeiten zurechtzukommen. Der Band schließt mit der Beschreibung des Wiederaufbaus nicht nur der Infrastruktur der russischen Besatzungszone, sondern auch des politischen Lebens durch von der Besatzungsmacht angeregte Gründungen von bürgerlichen Parteien, die die Entstehung eines deutschen Sozialismus vorbereiten sollen.

Uwe Johnson: Jahrestage 3. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. April 1968 – Juni 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1973. Leinen, Fadenheftung, 357 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 593 KB. 11,99 €.

Wird fortgesetzt …

Uwe Johnson: Jahrestage 2

Wahrheit. Wahrheit. Schietkråm.

Johnson-Jahrestage-2Zur Struktur des Romans und den allgemeineren Umständen der Fabel ist bei der Besprechung des ersten Bandes schon das Wichtigste gesagt worden. Der zweite Band schließt nahtlos an: In New York bereitet sich Gesine Cresspahl auch weiterhin darauf vor, Ihre Bank in unbestimmter Zeit bei der Prager Regierung zu vertreten. Sie wird deshalb befördert, bekommt ein Büro in einer höheren Etage und auch der Kontakt zum Vizedirektor der Bank de Rosny intensiviert sich. Parallel dazu erfahren wir aus Gesines Lektüre der New York Times von der politischen Entwicklung in der ČSSR und des Vietnam-Krieges. Das einschneidende Ereignis der zweiten Hälfte des Bandes bildet die Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968, dem am 11. April die Schüsse auf Rudi Dutschke in Berlin folgen.

Auf der historischen Ebene umfasst die Erzählung die Zeit von 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Einzug der Russen in das zuerst britisch besetzte Jerichow. Das bewegendste Ereignis in der ersten Hälfte ist sicherlich der Selbstmord Lisbeth Cresspahls, die sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Leben nimmt. Lisbeth Cresspahl leidet unter einem immer anwachsenden Schuldgefühl: Sie sieht die Entwicklung, die Deutschland nimmt, sie glaubt den Voraussagen ihres Mannes, dass es bald Krieg geben wird, und macht sich Vorwürfe, weil Mann und Kind auf ihren Wunsch hin in Deutschland leben. Und sie hat den Anspruch an sich, dass sie etwas gegen das Böse in dieser Welt tun müsste, Christin, als die sie sich begreift. Ihr Schuldbewusstsein geht soweit, dass ihre Tochter beinahe durch ihre Untätigkeit ums Leben kommt, als sie auf eine volle Regentonne steigt und hineinfällt:

Sie hätte das Kind sicher gewußt, fern von Schuld und Schuldigwerden. Und sie hätte von allen Opfern das größte gebracht. [19. Januar 1968]

Zur Katastrophe kommt es, als Lisbeth am 9. November 1938 im nahe gelegenen Gneez das Niederbrennen der Synagoge erlebt und dann im heimischen Jerichow dazukommt, wie der nationalsozialistische Bürgermeister bei der Plünderung eines jüdischen Geschäftes die kleine Tochter der Eigentümer, Marie Tannebaum, niederschießt. Lisbeth ohrfeigt den Bürgermeister mehrfach und geht dann heim, wo sie allein ist, da Heinrich mit seiner Tochter zu Besuch bei Schwester und Schwager in Wendisch Burg ist. In der Nacht legt Lisbeth Feuer in der Werkstatt Heinrichs und verbrennt dabei selbst. Cresspahls stumme Trauer und Pastor Wilhelm Brüshavers Erwachen zum Widerstand an diesem Todesfall gehören mit zum Besten der deutschen Literatur.

Wie bereits gesagt, wird die Geschichte Cresspahls in diesem Band bis zum Kriegsende fortgeführt: Cresspahl beginnt – mehr gezwungen als freiwillig – für den britischen Geheimdienst zu arbeitet, hält sich aber sonst so weit es geht aus der Welt heraus, ja macht den Eindruck eines über dem Tod seiner Frau merkwürdig gewordenen Kauzes. Er kümmert sich um das Erwachsenwerden Gesines, schmiedet mit ihr ein Schutz- und Trutzbündnis gegen die Welt und übersteht damit den Krieg. Die zuerst in Jerichow einrückenden Briten machen ihn zum Bürgermeister, räumen dann aber aufgrund des Gebietstausches für die drei Westzonen Berlins Mecklenburg komplett und die Russen übernehmen die Stadt.

Herausgehoben werden sollte vielleicht noch die Passage über Hans Magnus Enzensberger und sein von ihm öffentlich inszeniertes Verlassen der USA, das in einiger Breite und mit schöner Ironie präsentiert wird:

– Mrs. Cresspahl, warum macht dieser Deutsche Klippschule mit uns?
– Er freut sich, daß er so schnell gelernt hat; er will uns lediglich von seinen Fortschritten unterrichten, Mr. Shuldiner.
– Sollten wir nun auch nach Cuba gehen? Hat er in Deutschland nichts zu tun?
– Man soll anderer Leute Post nicht lesen, und böten sie einem die an.
– Aber Ihnen, da Sie eine Deutsche sind, hat er gewiß ein Beispiel setzen wollen.
– Naomi, deswegen mag ich in Westdeutschland nicht leben.
– Weil solche Leute dort Wind machen?
– Ja. Solche guten Leute. [29. Februar 1968]

Uwe Johnson: Jahrestage 2. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. Dezember 1967 – April 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1971. Leinen, Fadenheftung, 544 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 807 KB. 11,99 €.

Wird fortgesetzt …

Uwe Johnson: Jahrestage (1)

Wenn ich gewußt hätte wie gut die Toten reden haben. Die Toten sollen das Maul halten.

Johnson-Jahrestage-1Zum ersten Mal wahrgenommen habe ich Uwe Johnsons „Jahrestage“ in meinem ersten Semester an der Universität Tübingen. Da kam der Autor zu seiner allerletzten öffentlichen Lesung, denn zur Buchmesse war endlich der vierte und abschließende Band des Romans erschienen, und Johnson las in einem der großen Hörsäle im Tübinger Brechtbau vor einem übervollen Haus aus den Abschnitten, in denen Gesine Cresspahl von ihrem Deutschunterricht und Theodor Fontanes „Schach von Wuthenow“ erzählt. Anschließend wollte oder konnte kein einziger der Zuhörer auch nur eine einzige Frage stellen – mir ist bis heute nicht so ganz genau klar, warum nicht –, so dass sich Johnson selbst was fragte und es beantwortete. Ich vermute fast, es ist ihm im Leben oft so ergangen.

Danach habe ich mir die vier Bände, die es damals noch nur im Leineneinband gab, peu à peu zugelegt und mich hineingelesen in die Welt und die Tage der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie, die – darauf bestand ihr Autor bei allen Gelegenheiten – keine Figuren sind, sondern Personen waren und mit denen man demgemäß Umgang zu pflegen hatte. Jetzt, 30 Jahre später, sind die vier Bände nicht nur erneut im Taschenbuch aufgelegt worden, sondern auch als eBook; allerdings auch hier immer noch in vier Teilen anstatt als der eine große Roman, als den Johnson den Text gelesen haben wollte. Wahrscheinlich will man bei Suhrkamp Rücksicht auf die Leser nehmen, sich nicht um den Gewinnst bringen von vier Verkäufen statt einem, und wer bei Suhrkamp mag sich überhaupt noch auskennen mit dem, was ein alter Sturkopf ehemals so alles gewollt haben mag. Ich jedenfalls habe die Dateien zum Geburtstag geschenkt bekommen, und die zweiten Lektüre denke ich mehr oder weniger in einem Zug zu vollenden, falls sich bei über 1.800 Seiten von einem solchen Zug überhaupt sprechen lässt.

Zur Entstehung ist anzumerken, dass es wohl ursprünglich eine Trilogie werden sollte, dreimal vier Monate, dass dann aber das dazwischen gekommen ist, was in den Kurzbiographien des Autors „eine Krise“ heißt und eine Zeit der Depression, der Paranoia und des Alkoholismus war. Und so erschien 1973 ein kurzer dritter Band und erst zehn Jahre später dann der abschließende vierte. Manche Kritiker wollten in dem stilistische Brüche entdeckt haben, als hätten sie zur Kritik des letzten die vorherigen tatsächlich noch einmal gelesen oder könnten sich an sie noch erinnern oder was. Es wird sich zeigen, was davon zu halten ist.

Das Roman hat mindestens vier Erzählebenen: Seine Jetztzeit bilden die 367 Tage vom 20. August 1967 bis zum 20. August 1968. Die hauptsächliche Erzählerin ist Gesine Cresspahl, am 3. März 1933 im fiktiven Jerichow in Mecklenburg geboren als Tochter des Tischlers Heinrich Cresspahl und seiner Frau Lisbeth, einer geborenen Papenbrock. Gesine lebt mit ihrer anfangs neunjährigen Tochter Marie seit sechs Jahren in New York. Sie arbeitet als eine Auslandskorrespondentin bei einer Bank und steht wohl vor einem Karrieresprung, der im Zusammenhang mit den politischen Reformen der Tschechoslowakei zu stehen scheint. Maries Vater ist jener Jakob, über den der Autor zuvor schon einige Mutmassungen niedergeschrieben hatte; überhaupt ist hervorzuheben, dass die Gesamtheit der sogenannten fiktionalen Texte Uwe Johnsons einen einzigen großen Zusammenhang bildet, den im Gedächtnis zu behalten nicht immer einfach ist. Jedenfalls bilden Gesines Leben und das ihrer Tochter wohl die umfassende Erzählung des Romans.

Die zweite Ebene liefert die Erzählung Gesines von der Geschichte ihrer Eltern, die sie ihrer Tochter Marie erzählt, teils direkt, teils auf Tonband, „für wenn sie tot ist“. Gesines Vater Heinrich, Jahrgang 1888, hatte sich im August 1931, bereits wieder auf dem Weg nach England, wo er als Tischlermeister einen Betrieb leitete, in ein junges Mädchen verguckt: Lisbeth Papenbrock, 18 Jahre jünger als er, der er nach Jerichow folgt und mit der er rasch einig wird, dass sie sich heiraten. Sie gehen dann gemeinsam fort aus Deutschland, in dem der Aufstieg der Nazis schon zu begonnen hat, denen der halbe Sozialdemokrat Cresspahl den Willen nicht nur zur Abschaffung der Republik, sondern auch den zum Krieg schon anmerkt. Doch Lisbeth hat Heimweh, nicht nur nach ihrer Familie, sondern auch nach ihrer Mecklenburgischen Landeskirche, und so nutzt sie die bevorstehende Geburt ihres ersten (und letztlich einzigen) Kindes zur Flucht zurück nach Deutschland. Und Cresspahl folgt ihr, widerwillig, aber er folgt ihr und bleibt dort, wo er nur um ihretwillen lebt. Doch auch damit wird Lisbeth nicht glücklich.

Die dritte Ebene bildet die tägliche Zeitungslektüre Gesines: Jeden Tag erwirbt sie die New York Times, aus der heraus die jeweils aktuelle politische und gesellschaftliche Wirklichkeit in den Roman gelangen: der Rassenkonflikt, politische Umtriebe und Skandale, der Krieg in Viet Nam und die Proteste gegen ihn, die Mafia und die alltägliche Kriminalität schlechthin etc. pp. Diese Ebene bietet zum einen Anlass zur Auseinandersetzung zwischen Gesine und Marie, wobei Marie – die erstaunlich klug und redegewandt für ihr Alter ist – im Vergleich zu ihrer Mutter nicht nur einen amerikanischeren Standpunkt einnimmt, sondern aufgrund ihres Alters natürlich auch eine opportunistischere Grundhaltung zeigt.

Die vierte Ebene besteht aus zumeist kurzen Gedankendialogen Gesines mit Lebenden und Toten, in denen sich Gesine oft selbst in eine kritisches Licht setzt. Hier werden die Kompromisse deutlich, die sie eingeht, oft um ihrer Tochter willen, aber sie kritisiert auch ihre eigene Bequemlichkeit, ihre Furcht, als Ausländerin in den USA negativ aufzufallen, ihre Bindungsängste und vieles mehr.

Sowohl das New York des Jahres 1967 als auch das Mecklenburg der 30er Jahre zeichnen sich durch einen großen Reichtum an handelnden Personen aus, wobei es Johnson oft gelingt, eine Person auf wenigen Seiten markant zu charakterisieren. Wer sich einen kurzen Eindruck von Johnsons Erzählkunst verschaffen will, lese zum Beispiel die Charakterisierung des jerichower Rechtsanwaltes Dr. Avenarius Kollmorgen auf den Seiten 305 ff. (17. November 1967). Johnson reduziert das Erzählte zumeist auf das Notwendigste, liefert auch häufig zum Verständnis wesentliche Details erst später in anderen Zusammenhängen nach, so dass vom Leser ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit gefordert wird, um den komplexen Beziehungen der Figuren untereinander zu folgen. Dies wird ein wenig dadurch gemildert, dass ab und zu kurze Zusammenfassungen eingeschoben werden, die die Orientierung erleichtern. Auch sprachlich setzt der Text dem Leser einigen Widerstand entgegen: Neben vereinzelten Dialogen im mecklenburger Platt, fallen heute besonders jene Stellen auf, an denen Johnson englische Wendungen ins Deutsche übersetzt, die heute als Amerikanismen geläufig sind; interessanterweise merkt man gerade an diesen Stellen dem Text am deutlichsten sein Alter an. Und auch sonst ist Johnsons Deutsch eher kantig als eingängig, was wohl als Abbildung eines Deutsch gelesen werden muss, das nicht nur mecklenburgische Wurzeln hat, sondern auch durch den jahrelangen Gebrauch des Englischen verändert wurde.

Der Roman liefert ein außergewöhnlich reiches und differenziertes Bild sowohl des Lebens im Deutschland der ersten Hälfte der 30er Jahre als auch im New York der 60er Jahre. Johnsons prinzipielles Misstrauen gegen Ideologien und eindimensionale Erklärungen sowie seine klare Haltung gegen Rassismus, Diktaturen und Unfreiheit bilden das Fundament der Erzählung, ohne dass der Autor seine Figuren, pardon, Personen mit dieser Grundhaltung überfrachtet. Johnson erzählt, soweit das überhaupt möglich ist, das Leben selbst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im vierten Band Theodor Fontane als Schirmherr dieses Romans herbeizitiert wird.

Was die derzeit verkaufte Kindle-Edition des Romans angeht, so sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass Suhrkamp das Erstellen der betreffenden Dateien noch ein wenig üben muss: Bei Verwendung der sogenannten Verleger-Schriftart zeigt mein Kindle Paperwhite nur graphischen Müll an; bei Wahl einer anderen Schriftart wird auf dem Paperwhite nur Flattersatz angezeigt, während bei Anzeige über die App auf dem iPad die kursive Textauszeichnung komplett verloren geht. Zudem werden die meisten Gedankenstriche nur als Bindestriche dargestellt. Da Suhrkamp derzeit für eBooks nur 1 Cent weniger verlangt als für das entsprechende Taschenbuch, darf man als Käufer wohl ein wenig mehr Sorgfalt bei Herstellung und der Prüfung der Dateien erwarten.

Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. August 1967 – Dezember 1967. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. Leinen, Fadenheftung, 478 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 732 KB. 11,99 €.

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John Griesemer: Herzschlag

»Hast Du zurückgeschaut?«
»Nein.«

Griesemer_HerzschlagVorerst letzter Teil meiner kleinen Lesereihe zum Thema 11. September 2001. Allerdings handelt es sich bei John Griesemer »Herzschlag« nur am Rande um ein Buch zu diesem Thema; in erster Linie ist es ein Theaterroman, der in zahlreichen Details autobiographisch unterfüttert zu sein scheint. Ich-Erzähler des Buches ist der New Yorker Schauspieler Noah Pingree, der zu Beginn kurz vor einer Vorstellung eine Schlaganfall erleidet, danach eine Zeitlang im Koma liegt und, als er wieder zu Bewusstsein kommt, von den Anschlägen auf das World Trade Center erfährt. Allerdings ist die mehrfach wiederholte Einsicht, dass nun »alles anders sei« für einen Schlaganfallpatienten nicht sehr spezifisch.

Der Großteil des Buches wird gefüllt mit der Lebensgeschichte Noahs, der praktisch am Theater aufgewachsen ist: Seine Mutter arbeitet als Sekretärin an einer Schauspielschule, seine meist alkoholisierte Tante ist Schauspielerin, er selbst wird Schauspieler und befreundet sich mit Schauspielern und was der überaus spannenden Ereignisse mehr sind. Für jemanden, der sich in der entsprechenden Szene der Ostküste der USA auskennt, ist das wahrscheinlich mit interessanten Anspielungen und Hinweisen gespickt; für einen Leser wie mich, der Schauspieler nicht allein deswegen für interessant hält, weil es sich um Schauspieler handelt, ist das alles eher unoriginell und erwartbar. Schon Griesemers »Rausch« hatte durchaus seine Längen; hier scheinen die Längen aber den überwiegenden Teil des Textes auszumachen.

Besonders merkwürdig an dem Buch ist aber, dass Griesemer keinen amerikanischen Verlag gefunden zu haben scheint, der an ihm interessiert war. Eine englischsprachige Ausgabe habe ich jedenfalls nicht finden können, und es ist auch im Impressum keine nachgewiesen. Ich habe nicht ausführlich genug bibliographiert, um festzustellen, ob es sich bei der deutschen Ausgabe um die Erstausgabe überhaupt handelt, möglich wäre es aber.

John Griesemer: Herzschlag. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Fischer Tb. 18746. Frankfurt/M.: Fischer, 2012. Broschur, 427 Seiten. 9,99 €.

Jonathan Safran Foer: Extremely Loud & Incredibly Close

Nine out of ten significant people have to do with money or war!

Foer_ExtremlyEin weiteres Buch in meiner kleinen Lesereihe zum Thema Nine-Eleven, und bislang das literarisch weitaus überzeugendste. Foer gehört zu den erfindungsreichsten, phantasievollsten der ernstzunehmenden US-amerikanischen Autoren. »Extremely Loud & Incredibly Close« erschien 2005, also noch vor »Terrorist« (2006) und »Falling Man« (2007), und es ist zugleich indirekter und motivisch differenzierter als diese Nachfolger, bei denen man zumindest für Don DeLillo annehmen darf, dass er Foers Buch während der Niederschrift gekannt hat.

Erzählt wird die Geschichte vom neunjährigen Oskar Schell, der seinen Vater vor etwa einem Jahr beim Anschlag auf das World Trade Center verloren hat und immer noch heftig um ihn trauert. Oskar wurde von seinem Vater offenbar nie als Kind, sondern immer als junger Erwachsener behandelt. So ist Oskar zu einem etwas altklugen und zugleich ängstlichen Jungen geworden, der einen  stark naturwissenschaftlich geprägten Blick auf die Welt hat. Wahrscheinlich ist dies auch ein Grund dafür, warum es Oskar so schwer fällt, mit dem Gefühl der Trauer umgehen zu können. Der eigentliche Erzählanlass ist, dass er den Kleiderschrank seines Vaters durchstöbert und er dabei eine blaue Vase zerbricht, in der sich ein kleiner Umschlag mit einem Schlüssel findet. Auf dem Umschlag steht der Name Black, was Oskar, dessen Vater für ihn Forschungsexpeditionen erfunden hat, um seine Menschenscheu zu überwinden, dazu veranlasst, alle Blacks New Yorks zu recherchieren und einen nach dem anderen aufzusuchen, um das Geheimnis des Schlüssels zu entdecken.

Gleichzeitig wird die Geschichte der Großeltern Oskars erzählt, die aus Dresden stammen: Thomas Schell sen. hatte sich als junger Bildhauer in Anna verliebt und ein Kind mit ihr gezeugt. Bevor die beiden heiraten können oder das Kind geboren wird, kommt Anna bei der amerikanischen Bombardierung Dresdens (eine bewusste historische Spiegelung der Anschläge vom 11. September) ums Leben. Thomas wandert in die USA aus, wo er langsam verstummt und sich nur noch schreibend verständig. Als er bereits völlig verstummt ist, trifft er zufällig Annas Schwester, die den kontaktscheuen Mann zu einer Ehe drängt. Als sie gegen die ausdrücklich Verabredung der beiden schwanger wird, flieht Thomas Schell zurück nach Deutschland. Erst als er dort aus der Zeitung vom Tod seines Sohns erfährt, kehrt er nach New York zurück. Eine wichtigere Rolle als dieser Großvater, der überhaupt erst im letzten Teil des Buches leibhaftig in Oskars Leben auftaucht, spielt die Großmutter, die offenbar all ihre Liebe für dem toten Sohn auf ihren Enkel übertragen hat und seine wichtigste Bezugsperson ist.

Die Suche nach dem Schlüssel erweist sich schließlich als kompletter MacGuffin, ausschließlich erfunden um Oskar in die Welt und unter seine Mitmenschen zu bringen. Das Buch folgt locker dem Muster des Entwicklungsromans; ob der Name Oskar für den etwas altklugen Jungen eine Anspielung auf »Die Blechtrommel« darstellt ist zumindest bei einem ersten Durchgang nicht zu entscheiden.

Das Buch ist motivisch sehr reich aufgrund der zahlreichen Begegnungen Oskars mit den verschiedenen Blacks, deren Geschichten das stets wechselnde Widerlager zu Oskars Verlust bilden. Die parallel erzählte Leidensgeschichte der Großeltern fügt eine weitere Ebene hinzu, die dazu dient, die Singularität des Geschehens und des Schicksals der Opfer des 11. Septembers zu relativieren. Foers Blick auf den Anschlag ist nicht tagespolitisch, sondern historisch, auch wenn er letztlich absichtlich kindlich-naiv bleibt. Erwähnt werden sollte wohl noch der für einen Roman ungewöhnlich breite Einsatz von Fotomaterial, das Oskars Sicht auf seine Welt direkt visualisiert.

Jonathan Safran Foer: Extremely Loud & Incredibly Close. London: Hamisch Hamilton, 2005. Softcover, Fadenheftung, 355 Seiten.

Ulrich Peltzer: Bryant Park

was übrig bleibt, sind Geschichten, jemand, der sie erzählt,
erst das, dann dieses und jenes, wie es einem in die Gedanken kommt

Ulrich Peltzers Erzählung, gedruckt im Jahr 2002, ist wahrscheinlich die früheste belletristische Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 in der deutschsprachigen Literatur. Es handelt sich dabei nicht um eine um eine Erzählung des Ereignisses selbst, sondern um einen Einbruch der unmittelbaren Gegenwart in die Niederschrift der Erzählung: »Bryant Park« verfolgt mehrere Erzählstränge, von denen zu Anfang durchaus nicht klar ist, ob sie alle demselben Erzähler zugehören. Die Gegenwart scheint ein Aufenthalt des Erzählers in New York zu bilden, bei dem er in einer am Bryant Park gelegenen Bibliothek Quellen zur Geschichte des amerikanischen Zweigs seiner Familie studiert. Er lebt in dieser Zeit mit einer Schauspielerin zusammen, die er auf Kreta kennen und lieben gelernt hat; diese Beziehung steht aber schon unmittelbar vor ihrem Scheitern. Kernsequenz dieser Erzählebene ist eine Freilichtvorführung von John Hustons »Moby Dick« im Bryant Park. Auf einer zweiten, in weiten Teilen der Erzählung kursiv ausgezeichneten Ebene erinnert sich der Erzähler einerseits des Sterbens seines Vaters, andererseits einer Tour nach Neapel, wo er erfolglos versucht, Rauschgift einzukaufen, das er in Deutschland gewinnbringend zu verkaufen gedenkt.

Wie bereits gesagt, wird diese Doppelerzählung nach etwa vier Fünfteln durch die unmittelbare Reaktion des Autors auf den Anschlag auf das World Trade Center unterbrochen: Der Autor macht sich Sorgen um zwei Freundinnen, die in Manhattan in der Nähe der Twin Towers wohnen, versucht sie telefonisch zu erreichen, telefoniert mit gemeinsamen Bekannten dieser Freundinnen, erfährt, dass sie den Anschlag unbeschadet überstanden haben und nimmt anschließend, beinahe resigniert, weil doch nichts anderes zu tun ist, als das einmal Begonnene zum Ende zu bringen, das Erzählen wieder auf.

Auch als geübter Leser braucht man einige Zeit, um sich in die Erzählposition einzufinden und sie zu akzeptieren. Peltzers Erzählung hat nur wenig Handlung im traditionellen Sinne, sie exzelliert über weite Strecken in Beschreibungen der Stadt New York, von Stimmungen und Vorgängen, die kaum den Namen Ereignis verdienen. Der Text überzeugt durchaus mit seiner ruhigen, gänzlich unaufgeregten Manier; allerdings wird nicht jeder Leser die nötige Geduld mit dem Autor und seinem Erzähler aufbringen. Wer sich einlassen kann, findet sich aber wahrscheinlich belohnt.

Ulrich Peltzer: Bryant Park. Zürich: Ammann, 2002. Leinen, Lesebändchen, 158 Seiten. 19,90 €.

John Updike: Terrorist

Da ich aus didaktischem Anlass gerade aufs Thema gestoßen bin, werde ich einige weitere, unsystematisch ausgewählte Erzählungen anhängen, die sich – mehr oder minder direkt – mit den Anschlägen vom 11. September 2011 beschäftigen. Darunter ist Updikes »Terrorist« wahrscheinlich einer der bekanntesten. Es erschien bereits ein Jahr vor Don DeLillos »Falling Man«. Es ist inhaltlich weit geradliniger und erzählerisch schlichter und richtet sich deutlich an ein breiteres Lesepublikum.

Erzählt wird die Geschichte des zu Anfang kurz vor seinem High-School-Abschluss stehenden, knapp 18-jährigen Ahmed Mulloy, Sohn einer irischstämmigen US-Amerikanerinnen und eines Ägypters, der bald nach Ahmeds Geburt aus dem Leben der Mutter verschwunden ist. Ahmed ist ein etwas schüchterner, unsicherer junger Mann von einigem Stolz, ans einer Schule zugleich ein guter Schüler und ein Außenseiter. Seine Identität definiert er hauptsächlich über seine Zugehörigkeit zu einer muslimischen Gemeinde, deren Imam Ahmeds Isolation und seine Verachtung der moralischen Laxheit seiner Schulkameraden, ja der US-amerikanischen Gesellschaft überhaupt systematisch fördert und verschärft. Der Imam ist es auch, der Ahmeds Berufswahl nach dem Schulabschluss entscheidend beeinflusst; so wird er LKW-Fahrer in einer der Moschee nahe verbundenen Möbelspedition.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Ahmed soll einige Tage nach dem 11. September 2004 einen mit Sprengstoff beladenen Laster in einem der Tunnel von New Jersey nach New York zur Explosion bringen. Doch greift kurz zuvor Ahmeds ehemaliger Beratungslehrer, ein atheistischer, desillusionierter Jude, der auf dem originellen Namen Jack Levy hört und der, um ihn während des Romans zu beschäftigen und auch nach dem Schulabschluss mit Ahmed zu verbandeln, vom Autor durch ein Verhältnis mit Ahmeds Mutter geschleift wird, bedeutend in die Handlung ein. Wie es am Ende ausgeht, soll nicht verraten werden, denn immerhin bilden die letzten 70 Seiten die einzige gelungene Passage des Buches.

Ansonsten leidet das Buch sehr darunter, dass es sich bei praktisch allen Figuren des Buches um Idioten handelt. Der Leser ist daher gezwungen, sich seitenweise durch mit Plattitüden und Klischees angefüllte, stilistisch unerhebliche Dialoge zu arbeiten, in denen Updike nicht nur das letztlich recht schlichte Gemüt Ahmeds, sondern auch die Gehaltlosigkeit der US-amerikanischen Alltagskultur widerspiegelt. Zumindest das muss man dem Autor zugestehen, dass er Ahmeds Verachtung der ihn umgebenden Realität über weite Strecken teilt, wenn er auch weder seine Alternative schätzt, geschweige denn die Konsequenzen billigt, die sein junger, naiver Protagonist aus dieser kritischen Haltung zieht.

Alles im allem ist das Buch trivial und über weite Strecken langatmig. Es ist die Behandlung des Themas islamistischer Terrorismus, wie man sie von einem routinierten US-Autor erwarten würde, könnte aber auch sowohl inhaltlich als auch formal ebenso gut zum Beispiel von Stephen King stammen. Ich werde bei Gelegenheit meine alte Einschätzung John Updikes durch eine erneute Lektüre der Rabbit-Romane noch einmal justieren müssen.

John Updike: Terrorist. Deutsch von Angelika Praesent. rororo 24473. Reinbek: Rowohlt, 2008. Broschur, 397 Seiten. 9,95 €.

Don DeLillo: Falling Man

There was the fact that they would all be dead one day.

Wieder einmal eine Lektüre aus didaktischem Anlass. Vor vielen Jahren hatte ich es einmal mit DeLillos »Unterwelt« versucht, war aber nicht bis zu dem Punkt vorgedrungen, an dem mir der Text eingeleuchtet hätte. Danach hatte sich bis dato kein weiterer Anknüpfungspunkt ergeben, bis ich nun mit einiger Überraschung feststellen durfte, dass es »Falling Man« offenbar in den Lektürekanon der deutschen Oberstufe geschafft hat.

Erzählt wird die Geschichte des Ehepaars Neudecker. Keith Neudecker, 39 Jahre alt, arbeitet als Jurist im World Trade Center als es am 11. September 2001 zum bekannten islamistischen Anschlag kommt. Neudecker entkommt der Katastrophe knapp und nur leicht verletzt und lässt sich, noch ganz unter dem Schock des Anschlags stehend, zum Appartment seiner Frau bringen, von der er seit einiger Zeit getrennt lebt. Lianne Neudecker ist freie Lektorin und kümmert sich außer um den gemeinsamen, 7-jährigen Sohn Justin auch um ihre kränkelnde Mutter. Sie leitet zudem eine Gruppe für therapeutisches Schreiben von Alzheimer-Patienten. Das einzige Interesse, das Keith neben seiner Arbeit gepflegt zu haben scheint, sind regelmäßige Pokerrunden mit einigen Freunden, von denen allerdings drei im Anschlag auf das World Trade Center getötet worden sind. Mit Keith’ Erscheinen bei Lianne nach dem Anschlag ist die Phase der Trennung des Ehepaars offenbar vorüber.

DeLillo treibt die Handlung in zwei weitgehend voneinander unabhängigen Erzählsträngen vorwärts: Während Lianne in der Hauptsache der Vergangenheit und ihren und fremden Erinnerungen verhaftet scheint, entwickelt Keith eine etwas beemdliche Beziehung zu einer Frau, deren Aktenkoffer er eher zufällig aus dem WTC mitgenommen hatte. Ansonsten holt er Justin von der Schule ab und verbringt einige Zeit mit ihm; Justin entwickelt in der Zeit nach den Anschlägen einige etwas seltsame Verhaltensweisen. Letztlich bleibt Keith aber intellektuell und emotional isoliert. Lianne dagegen erlebt, wie sich ihre Mutter und deren Geliebter Martin über die Deutung und Bedeutung des Anschlages streiten. Martin soll dabei wohl eine eher europäische Perspektive repräsentieren, denn er stammt offenbar aus Deutschland und war in der 68er-Bewegung auf eher undeutliche Weise in den politischen Widerstand verstrickt. In einem dritten, deutlich kürzeren Teil zeigt DeLillo das Ehepaar dann etwa drei Jahre nach dem Anschlag: Sie sind immer noch miteinander verheiratet, wenn auch Keith die meiste Zeit unterwegs ist, da er sein Geld inzwischen als professioneller Pokerspieler verdient.

Durchbrochen und gekontert wird diese Erzählung von drei kurzen Passagen, die einen der Attentäter des Anschlags in verschiedenen Phasen schildert: Während der Hamburger Zeit in der Marienstraße, während der Flugausbildung in Florida und schließlich kurz bevor sein Flugzeug im Turm des WTC einschlägt. Ob man die in aller Kürze dargestellte Entwicklung eines eher unsicheren Menschen zum Massenmörder überzeugend findet, muss, angesichts des unzureichenden empirischen Vergleichsmaterials, jeder Leser für sich entscheiden.

Seinen Titel bezieht das Buch von einer Randfigur, einem New Yorker Performance-Künstler, der sich, gesichert mit einer Sicherheitsweste und gehalten von einem Kabel, an öffentlichen Plätzen als Falling Man aufführt. Er ahmt dabei mit seiner Körperhaltung eines der berühmtesten Fotos von den aus den Türmen des WTC springenden Menschen nach. Im dritten Teil widmet DeLillo ihm einen ausführlichen Nachruf.

Alles in allem eine eher durchschnittliche Lektüre. Wirklich überzeugend scheint nur eine einzige längere Passage im dritten Teil zu sein, die Keith’ Welt als Pokerspieler beschreibt; alles andere erzeugt den Eindruck einer weitgehenden Beliebigkeit, als könnte all dies gut so, aber eben genauso gut auch ganz anders sein. Weder was die Analyse der Anschläge, noch was die existenziellen Folgen für das Opfer Keith Neudecker angeht, hat DeLillo etwas wirklich Überraschendes oder Originelles zu erzählen.

Don DeLillo: Falling Man. New York u.a.: Scribner, 32008. Broschur, 319 Seiten. Ca. 6,– €.