Sprache in Bildern

Ein Ge- oder Verschenkbuch ist eines, dass man für sich selbst nicht kaufen würde, bei dem man sich im besten Fall aber freuen würde, wenn man es geschenkt bekäme. Im schlechteren Fall schenkt man es einer/m, weil man sonst nicht weiß, was man ihr/m schenken soll. Es gibt einfach Menschen, die haben schon alle anderen Bücher – also, falls sie überhaupt welche haben. Aber lassen wir die Abgründe der Geschenke-Dialektik rasch hinter uns und wenden uns dem vorliegenden Fall eines typischen Geschenkbuchs zu:

Der Dudenverlag (einer der wenigen deutschen Verlage, der zwischen seinem Namen und seiner Branche lobenswerter Weise kein Leerzeichen pflegt) legt ein Büchlein mit 50 sogenannten Infografiken rund um die Sprache vor. Die meisten dieser angeblichen Grafiken umfassen eine Doppelseite, so dass man ein ganz nettes Büchlein für die 10 geforderten Euro erhält: Es ist nicht zu groß, lässt sich gut einpacken, der bil­der­buch­di­cke Pappeinband trägt zusätzlich zum soliden Eindruck bei. Zum Durch­blät­tern ist der Band ganz nett, nur genauer hinschauen, geschweige denn zugleich dabei denken sollte der Betrachter nicht. Oder doch?

Es fängt damit an, dass – wie oben schon angedeutet – zahlreiche der Grafiken nur mit Müh und Not als solche anzusprechen sind. Die meisten Seiten präsentieren mehr oder weniger einleuchtend ummalte Wortlisten (es ist ja bei einem Buch über Sprache auch nur wenig anderes zu erwarten), nur in einzelnen Fällen trägt der grafische Anteil eine zusätzliche Information. So erfahren wir etwa in Grafik 28 den längsten und die kürzesten Ortsnamen in Europa und in Deutschland, und zusätzlich informieren uns Grafiken wo Oy bzw. Llan­fair­pwllg­wyn­gyll­go­ge­rych­wyrn­drobwll­llan­ty­si­lio­go­go­goch ungefähr liegen. Auf anderen Seiten (74/75, Grafik 34) hat der Grafiker schlicht vor der Aufgabe kapituliert und aus der Wörterliste eine Wörterliste gemacht; eine Tabelle ist ja schließlich auch eine Art von Grafik, irgendwie, oder?

Schauen wir uns ein paar Grafiken inhaltlich an: Grafik 33 präsentiert sogenannte Wortwolken; in der Mitte steht ein Bezugswort und außen herum angeblich Wörter, die mit dem Bezugswort „typische Verbindungen“ eingehen, wobei die Größe, in der diese Wörter dargestellt sind, Auskunft darüber geben soll, wie typisch die Verbindung ist. Nun erscheint mir das Messen eines Grads von – ja was? Typischsein? eher schwierig, weshalb ich eher einen Grad der Häufigkeit der Verbindung erwartet hätte. Das kann aber nicht dargestellt sein, denn eine Verbindung wie „Sinn machen“, die extrem häufig verwendet wird, bewertet die Grafik als sehr untypisch, während eine Verbindung von „blau“ und „Maus“ – da wage ich nicht einmal das sprachliche Normal zu bilden [„Maus, Du bist ja schon wieder blau“?] – sehr typisch sein muss, wenn es nach der Grafik 33 geht. Aber nicht nur ich scheine hier meine Zweifel zu haben, denn die Redaktion warnt Betrachter dieser Grafik: „Die Daten, die den Wolken zugrunde liegen, sind maschinell erzeugt [„Wenn man Tomatensaft ganz maschinell erzeugt, dann wird es Automatensaft“, heißt es bei Georg Kreisler] und nicht das Ergebnis redaktioneller Arbeit. Das bedeutet [ist es nicht nett, dass die Redaktion meint, erläutern zu müssen, was es bedeutet, dass etwas nicht das Ergebnis redaktioneller Arbeit ist; eher würde man erwarten, dass sie erklärt, was denn überhaupt redaktionelle Arbeit ist]: Sie stellen keine Handlungsempfehlung oder Wertung dar.“ Ergo ist das Ergebnis redaktioneller Arbeit normalerweise eine Hand­lungs­em­pfeh­lung oder Wertung? Na, lassen wir es auf sich beruhen.

Wenden wir uns stattdessen Grafik 4 zu: „Das moderne lateinische Alphabet besteht bekanntlich 26 Buchstaben.“ So geht es zu, nachdem man erst einmal das Wort ,bekanntlich‘ zur Sprache zugelassen hat: ä, ö und ü sind keine eigenen Buchstaben, sondern a, o und u mit einem Trema [„Nein, das kommt in dem Fall nicht vom Trinken, Maus!“] bzw. Umlautpunkten, die vom Trema aber nicht einmal mikroskopisch zu unterscheiden sind; und das arme ß besteht nun gleich aus zwei Buchstaben, die für immer ligiert [sic!] wurden, wird also auch nicht als wirklicher Buchstabe gezählt, auch wenn es inzwischen einen großen Bruder bekommen hat [Patchwork-Family]. Es bleibt also dabei: 26 Buchstaben. Folgt eine Grafik, die deutlich macht, dass zahlreiche Sprachen in ihrer Schreibung auf die Verwendung einiger dieser Zeichen verzichten (Hawaiisch verwendet zum Beispiel nur 12 lateinischen Buchstaben und kommt auch so sehr gut zurecht), während andere, nicht-lateinische Alphabete oft deutlich mehr als 26 Zeichen verwenden, so etwa „das japanische Alphabet“ mit angeblich 46 Zeichen. Abgebildet sind dann 46 Zeichen Katakana, was den Fall hinreichend und schlüssig beweist. Schade nur, dass es eben gar kein „japanisches Alphabet“ gibt, denn erstens vertreten die Zeichen nur im Fall der Vokale einen einzelnen Laut in unserem Sinne, während alle anderen Zeichen eine Zu­sam­men­set­zung aus Konsonant und Vokal repräsentieren (nur das ン steht für einen Nasal am Silbenende), zweitens gibt es mit Katakana und Hiragana mindestens zwei originär japanische Aufschreibsysteme, drittens steht die Zahl 46 für eine recht restriktive Zählung der im Gebrauch befindlichen Kana (eigentlich gibt es mindestens 51 unterschiedliche Zeichen, die zudem auch noch abgewandelt werden können [vgl. oben das Um­laut­schick­sal!]) und viertens sollte man sicherlich auch über Kanjis reden, wenn man schon über japanische Schriftzeichen spricht. Aber 46 Buchstaben im japanischen Alphabet geht natürlich auch. Ist zwar falsch, prägt sich aber gut ein, wie einer meiner Professoren in Tübingen seine Falschinformationen zu rechtfertigen pflegte.

Ich höre jetzt auf. Wie man leicht sieht, bietet das Büchlein einem besserwisserisch veranlagten Menschen tage-, vielleicht auch wochenlang  Spaß und Gelegenheit, seinen Mitgeschöpfen auf die Nerven zu gehen. Andererseits ist er, hat er den ersten Fehler entdeckt, so sehr mit der Prüfung der anderen Grafiken beschäftigt, dass man auch stundenlang Ruhe vor ihm hat. Ob dies alles die verlangten 10 Euro wert ist, muss natürlich jede/er für sich selbst beurteilen. Ich jedenfalls werde mein Rezensionsexemplar sogleich verschenken. An jemanden, der allem Gedruckten blind vertraut: „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“

Sprache in Bildern. Zahlen, Fakten & Kurioses aus der Welt der Wörter. Berlin: Bibliographisches Institut, 2017. Bedruckter Pappband, 111 Seiten. 10,– €.

Elizabeth Kolbert: The Sixth Extinction

Though it might be nice to imagine there once was a time when man lived in harmony with nature, it’s not clear that he ever realy did.

Ein verbreitetes paläontologisches Modell geht davon aus, dass es im Laufe der Geschichte des Lebens auf der Erde fünf Zeiten des großen Artensterbens gegeben hat, die jeweils die Voraussetzung für eine neue Richtung der evolutionären Entwicklung bildeten. Es gibt guten Gründe dafür anzunehmen, dass wir alle in der sechsten dieser Perioden leben und dass der Mensch eine der wesentlichen Ursachen für das beschleunigte Verschwinden von Tierarten auf dem gesamten Planeten darstellt.

Dieses sechste Sterben (wie der deutsche Titel des Buches lautet) stellt Elizabeth Kolbert in groben Zügen dar; ergänzt werden die eher unsystematischen Erzählungen vom Artensterben hier und da und dann und wann von einer wissenschaftshistorischen Darstellung, wie das Konzept des Aussterbens überhaupt entwickelt wurde und sich durchsetzen konnte, da natürlich in der vollkommenen Schöpfung eines Gottes für den Gedanken daran, dass ganze Arten von Tieren ausgestorben seien, nur wenig Raum war. Inzwischen ist nicht nur das Konzept des Artensterbens jedem Kind geläufig, sondern man kann sich der Autorin ohne Probleme darin anschließen, dass das derzeitige Artensterben wahrscheinlich die dauerhafteste Auswirkung der Existenz der Menschheit auf den ihn umgebenden Kosmos darstellt.

Wenn man Kolberts journalistischen Ton und ihr zeitweiliges Abschweifen in Erlebnisaufsatz-Prosa einmal als populäre Elemente ihres Stils akzeptiert, so kann man dem Buch wohl nur vorhalten, dass es sich bei der von ihm gestellten Frage nach der Stellung des Menschen innerhalb oder außerhalb der Natur nicht entscheiden kann: Einerseits möchte die Autorin das vom Menschen verursachte Artensterben als eine moralisch verwerfliche und daher möglichst rasch zu unterbindende Handlung verurteilen, andererseits möchte sie evolutionär argumentieren und aus dieser Sicht ist der Mensch eine Art wie alle anderen Arten und sein zerstörerisches Verhalten eben das, was er tut. Ein Virus, der Wirtstiere tötet, ist moralisch vollständig neutral zu betrachten; er ist weder gut noch böse, sondern Teil eines natürlichen Prozesses, der selbst ohne Ziel oder Zweck abläuft. Es ist aus evolutionärer Sicht nicht gut einzusehen, warum der Mensch eine andere Position ein nehmen sollte. Jede Unterscheidung zwischen Natur und Zivilisation, zwischen menschlichem und natürlichem Verhalten etc. wird angesichts des blinden Prozesses der Evolution scheitern. Was immer die Menschen tun – von der Ausrottung der anderen Menschenarten auf diesem Planeten bis zur systematischen Vernichtung von Lebensraum und Artgenossen – muss aus der Sicht der Natur als sein artspezifisches Verhalten angesehen werden und ist, aus der neutralen Perspektive einer Paläontologie der Menschheit, nur eine Katastrophe mehr, die das Leben auf diesem Planeten überstehen wird.

Das Auftauchen und letztendliche Verschwinden der Menschheit ist nichts anderes als der Meteoriteneinschlag, der die Dinosaurier hat verschwinden lassen: eine Naturkatastrophe, der einige Arten zum Opfer fallen werden, die aber der Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten wahrscheinlich nur eine neue Richtung geben wird. In einer oder zwei Millionen Jahren wird hoffentlich von uns keine Rede mehr sein. Manche mögen das bedauerlich finden, aber das tun einige Kinder auch mit Blick auf die Dinosaurier.

Elizabeth Kolbert: The Sixth Extinction. An Unnatural History. London u.a.: Bloomsbury, 2014. Kindle-Edition, 336 Seiten (Druckversion). 4,81 €.

Hans Peter Duerr: Die dunkle Nacht der Seele

Der Optimist glaubt, daß die Menschheit eines Tages den Tod besiegen wird. Und der Pessimist befürchtet, daß ihr dies tatsächlich gelingen könnte.

Duerr Dunkle NachtNach seinem Ausflug in die griechische Antike wendet sich Hans Peter Duerr wieder einem eher ethnologischen Thema zu: Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen, wobei er an keiner Stelle einen Zweifel daran lässt, dass er beides für innerpsychische Phänomene hält, denen keine wie auch immer geartete transzendente oder metaphysische Bedeutung oder gar Wirklichkeit entspricht. Daher taucht der Terminus Nahtod-Erfahrung – außer im Untertitel des Buches – auch stets in Anführungsstrichen bei ihm auf. Anlass der Beschäftigung mit diesem Thema sind zwei „Nahtod-Erfahrungen“ Duerrs (die erste davon hatte er bereits 1982), die sich so stark von den von Duerr zuvor gemachten Erlebnissen mit Drogen und Halluzinationen unterschieden, dass sein Interesse an dem Phänomen geweckt wurde.

Wie schon bei seinen früheren Büchern überwiegt bei Duerr die Dokumentation der überlieferten Erfahrungen bei weitem jeden Versuch, eine wie auch immer geartete theoretische Erklärung für die geschilderten Erlebnisse zu liefern. Duerr analysiert zuerst mit unzähligen Belegen die zentralen, „Nahtod-Erfahrungen“ weitgehend gemeinsamen Elemente, wobei sich bei einigen zeigt, dass ihre jeweilige Ausprägung stark durch die Kultur- und Glaubenszugehörigkeit der „Jenseitsreisenden“ geprägt ist. Anschließend nimmt er eine ebenso umfangreich belegte Abgrenzung der „Nahtod-Erfahrungen“ von anderen sogenannten psychischen Grenzerfahrungen vor: Schamanen-Reisen, Ekstasen, Halluzinationen, Träumen, Drogenerfahrungen, Entführungsphantasien, Teufels-Bessenheiten und zuletzt auch den Zuständen bei Herzstillstand. Eine kleine, nicht ganz vollständige Zusammenfassung der möglichen Bedingungen von „Nahtod-Erfahrungen“ liest sich so:

Ein solcher Zustand kann nicht nur bei Entspannung, extremer sensorischer Deprivation, Unfällen, Todesangst oder bei einer Überdosis gewisser pflanzlicher Drogen wie Iboga oder Stechapfel eintreten, sondern ebenfalls, wenn man vom Blitz getroffen wird oder möglicherweise auch, wenn man von einem hohen Felsen in die Tiefe springt. (S. 335)

Zu Ende des Buches findet sich dann doch noch ein eher theoretisches Kapitel, in dem – im umgangssprachlichen Sinne – esoterische Deutungen der „Nahtod-Erfahrungen“ unter Rekurs auf Wittgenstein und einen handfesten Realitätssinn (um es nicht Realismus zu nennen) abgewiesen werden.

Ich kann es nur abschätzen, aber ich vermute, das Buch stellt die umfangreichste Dokumentation von „Nahtod-Erfahrungen“ dar, die je erstellt wurde. Duerrs Belege reichen von der Antike bis in die Gegenwart und entstammen Berichten von sechs der sieben Kontinente. Duerr unterscheidet nicht systematisch zwischen religiös und profan überschriebenen Erlebnissen; überhaupt ist seine Darstellung von einer erfrischenden, vorurteilslosen Distanz gegenüber den meisten gerade gängigen ideologischen Positionen.

Die eine oder den anderen wird das Buch wegen seines nahezu ausschließlich dokumentarischen Ansatzes enttäuschen; selbst dort, wo Duerr bereit ist, sich auf eine eher abstrakte Diskussion des Themas einzulassen, geschieht dies in rein falsifikatorischer Absicht. So werden manche Leser nach der Lektüre zwar mit einem unvergleichbar reicheren Wissen über das Phänomen, aber – soweit sie sich auf Duerrs Argumente einlassen – mit keiner zufriedenstellenden Erklärung zurückbleiben. Und erfahrungsgemäß ist das etwas, was die wenigstens auszuhalten verstehen.

Hans Peter Duerr: Die dunkle Nacht der Seele. Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen. Berlin: Insel, 2015. Pappband, 688 Seiten. 29,95 €.

Bill Bryson: Sommer 1927

Charles Lindberghs Tournee war immer noch nicht beendet.

Bryson-1927Nachdem nun schon eine Zeitlang Jahreszahlen-Bücher beliebt zu sein scheinen, legt der erfolgreiche Sachbuchautor Bill Bryson mit „Sommer 1927“ ein erstes Jahreszeiten-Buch vor, wenn er auch dabei etwas mogelt und seinen Sommer auf fünf Monate streckt. Ich erwarte nun binnen Jahresfrist einen Tausendseiter von Peter Ackroyd, etwa über den 23. April 1616, also circa 500 Seiten für jeden der beiden Tage.

Nach den beiden materialreichen Bänden zur Wissenschafts- bzw. zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts – „Eine kurze Geschichte von fast allem“ und „At Home“ –  liefert Bryson mit „Sommer 1927“ eine US-amerikanische Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Der Sommer 1927 bildet dabei in der Hauptsache aus zwei Gründen den Schwerpunkt: zum einen dem Lindbergh-Flug über den Atlantik, zum anderen dem bis heute bestehenden Rekord des Baseball-Spielers Babe Ruth.

Ich muss gestehen, dass ich an diesem sehr auf ein US-Publikum zugeschnittenen Buch nur mäßig interessiert war, was aber gut an mir und nicht am Buch liegen kann. Weder interessiert mich eine aus­führ­li­che Darstellung der Geschichte des Baseballs, noch habe ich mein kind­li­ches Interesse an der Fliegerei über mehr als dreißig Jahre hinweg konservieren können. Auch der Boxsport, die Vita Al Capones oder Henry Fords konnten mich nicht gefangennehmen. Hinzukommt, dass die Übersetzung des Buches offenbar unter großem Zeitdruck ent­stan­den und stilistisch nicht immer rund geraten ist. Auch das un­durch­schau­ba­re Nebeneinander von metrischen und nichtmetrischen Längenangaben, die häufig nicht oder nur schlecht erklärten Be­grif­fe aus der Welt des Baseballs und nicht zuletzt die, auch was den Zeitrahmen angeht, umfangreichen Abschweifungen haben meine Unzufriedenheit wohl noch erhöht.

Alles in allem kein wirklich schlechtes Buch, aber verglichen mit seinen beiden Vorgängern für mich eine Enttäuschung.

Bill Bryson: Sommer 1927. Übersetzt von Thomas Bauer. München: Goldmann, 2014. Pappband, Lesebändchen, 639 Seiten. 24,99 €.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

… – es macht keinen Unterschied.

Harari-Kurze-GeschichteEin so schlechtes Buch, dass es sich kaum lohnt, es überhaupt zu besprechen, außer in dem Sinne, dass es der einen oder dem anderen die Lektüre ersparen wird. Der Autor ist Historiker, was man dem Buch aber nicht anmerkt. Nach einem Überblick über die Frühgeschichte der Menschheit geht der Autor dazu über, sich sehr allgemein darüber auszulassen, wie die menschliche Gesellschaft seiner Meinung nach funktioniert. Seine Haupteinsicht besteht darin, dass es sich bei menschlichen In­sti­tu­tio­nen und Ü­ber­zeu­gun­gen um Fiktionen handelt, die nichtsdestowe­ni­ger wirksam sind. Zwar kann Harari weder erklären, wie solche Fik­tio­nen installiert werden (sie werden einfach von jemandem erfunden), noch warum sie perpetuiert werden, wenn sie ihre Nützlichkeit ver­lo­ren haben, was ihn aber in keiner Weise dabei stört, ein schlecht durch­dach­tes Beispiel ans andere zu hängen, ohne ein einziges Mal auf Strukturen der Macht zu sprechen zu kommen. Auch handelt es sich bei der Geschichtswissenschaft und den Naturwissenschaften offenbar nicht um solche Fiktionen; auch seine Theorie vom fiktiven Charakter der gesellschaftlichen Institutionen scheint von dieser Theorie aus­ge­nom­men zu sein – so ein Glück!

Es lohnt nicht, Hararis Geschwätz detaillierter zu beschreiben. Die Argumentation des Buches ist flach, dumm, ermangelt jeglicher Selbst­ref­le­xion und weitgehend der Sachrichtigkeit.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013. Pappband, 526 Seiten. 24,99 €.

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen
Goethe

Hoare-LeviathanEin recht merkwürdiges Buch, von dem gar nicht einfach anzugeben ist, wovon es handelt. Sicherlich: Das meiste, was es enthält, hat mehr oder weniger direkt mit Walen zu tun, aber sein Aufbau ist in weiten Teilen so assoziativ, dass die Kapitelstruktur nur wie übergestülpt erscheint. Manchmal scheint es, als seien die Kapitel jedes für sich und in Unkenntnis der anderen verfasst, dann wieder findet man einen logischen Aufbau, dem man für 30 oder 40 Seiten folgt, bevor dem Autor wieder etwas völlig anderes einfällt. An manchen Stellen liefert das Buch eine hohe Informationsdichte (etwa bei den Zahlen zum Walfang nach dem Zweiten Weltkrieg), an anderen erschöpft es sich in einer eher be­lie­bi­gen Aufzählung von Ereignissen (so etwa bei der Aneinanderreihung von Walstrandungen), dann wird einem englischen Cetologen ein kurzes Denkmal gesetzt und schon geht es wieder zu etwas anderem. Dann folgt völlig unverhofft und unvermittelt eine Passage, in der der Autor vom Sterben seiner Mutter erzählt, was mit gar nichts anderem außer ihm selbst etwas zu tun hat. Hier und da finden sich auch gedanklich eher wirre Passagen wie zum Beispiel diese:

Als man entdeckte, dass die Unterwasserwelt, die alle sich als stumm vorgestellt hatten, von Geräuschen erfüllt war, kam man auf die Idee, dass U-Boote Waltöne aussenden und sich auf diese Weise als Wale tarnen konnten. Ein Jahrhundert zuvor hatten sich Sklavenschiffe als Walfänger getarnt; jetzt bedienten sich Atom-U-Boote eines ähnlichen Tricks. So missbrauchte der Mensch die Mittel der Wale, um in ihre Welt einzudringen, und erzeugte dabei Geräusche, die für sie tödlich waren. (S. 378)

Insgesamt gewinnt man nur bedingt den Eindruck, ein Buch zu lesen, vielmehr ist es, als höre man einem Redefluss zu, der all das an einem vorbeischwemmt, ohne dass hinter dem Ganzen mehr stecken würde als die zufällige Abfolge der Gedanken des Autors.

Das alles soll aber nicht bedeuten, dass ich das Buch ungern gelesen hätte. Nachdem ich mich an seine Unförmigkeit gewöhnt hatte, ging es recht gut, und vieles, was der Autor erzählt ist interessant und manch anderes nimmt man en passant zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Wer sich auf die assoziative Geschwätzigkeit des Autors ein­las­sen kann, findet sich von der Lektüre durchaus belohnt. Das Buch lie­fert ein reichhaltiges Panoptikum zum Thema Wal, Walfang, -strandungen, -forschung, -Watching und -darstellung; es bietet eine Kurzbiographie Herman Melvilles, Reflektionen über „Moby-Dick“ in Wort und Bild, Gedanken über Sklaverei, einen Bericht vom Tauchen mit Pottwalen vor den Azoren, eine kleine Geschichte der Azoren und nicht zuletzt die Information, was der Urgroßvater des Autors beruflich gemacht hat.

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Hamburg: Mareverlag, 2013. Pappband, Lesebändchen, 522 Seiten. 26,– €.

Sebastian Castellio: Das Manifest der Toleranz

Castellio-ToleranzDieses in der „Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten“ des Alcorde Verlags erscheinende Buch dokumentiert die Reaktion des Baseler Theologen Sebastian Castellio auf die Verurteilung und nachfolgende Hinrichtung des spanischen Theologen Michael Servet als Ketzer, die 1553 auf Initiative Calvins in Genf stattfand. Dieser Ketzerprozess stellt so etwas wie den Sündenfall des protestantischen Glaubens dar, da sich in ihm Calvin als einer der führenden Köpfe der Reformation der Formen und Argumente der verhassten römischen Kirche und ihrer Inquisition bediente, um sich einen persönlich verhassten theologischen Konkurrenten vom Hals zu schaffen.

Den Kern des Buches bildet Castellios „De haeriticis“, eine Sammlung, die zahlreiche Texte von Augustinus bis Luther zum Problem der Ketzer und der Auseinandersetzung mit ihnen enthält. Ergänzt wird diese Hauptschrift durch kleinere Schriften Castellios aus dem Umfeld der Auseinandersetzung mit Calvin anlässlich des Falls Servet sowie eine biographischen Studie Stefan Zweigs zu Castellio – wie üblich bei Zweig mit mehr rhetorischem als sachlichem Aufwand – und die die Toleranzdebatte betreffenden Kapitel aus der Castellio-Biographie von Hans R. Guggisberg. Zusammen mit der Einführung des Herausgebers Wolfgang F. Stammlers dürfte dies eine so umfassende wie Darstellung der Reaktion Castellios darstellen, wie sie sich wünschen lässt.

Das Anhängen dieser innerchristlichen Toleranzdebatte an die derzeit weitgehend hysterisch geführte Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen ist ebenso wie der Titel des Buches eine notwendige Werbestrategie, um dem wesentlich religionshistorischen Material eine breitere Aufmerksamkeit zu sichern. Tatsächlich einschlägig ist Castellios Streit mit Calvin nur in einem so abstrakten Sinne – eben unter dem sehr allgemeinen Schlagwort der Toleranz –, dass es an Banalität nicht nur grenzt. Wer sich für die Verwerfungen des christlichen Schismas des 16. Jahrhunderts interessiert, findet einen exzellent gemachten Quellenband. Wer Stoff zum rezenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen sucht, wird sich wahrscheinlich enttäuscht sehen.

Das Manifest der Toleranz. Sebastian Castellio: Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll. Aus dem Lateinischen von Werner Stingl. Hg. v. Wolfgang F. Stammler. Essen: Alcorde, 2013. Leinen, Lesebändchen, 440 Seiten. 34,– €.

(geschrieben für Literaturwelt)

Drei Propheten

Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, [/] Doch ihre Weine trinkt er gern.
Goethe

Klages-MenschEs ist nicht wirklich verwunderlich, dass es noch Menschen gibt, die den Wirrkopf Ludwig Klages lesen. Klages ist durch seine – na, Nähe zum wäre ein Euphemismus; sagen wir also: Verwickelung mit dem Nationalsozialismus in Misskredit geraten, dem er nur deshalb nicht komplett in die Fänge gegangen ist, weil Alfred Rosenberg in ihm eine ernstzunehmende Konkurrenz sah und ihn verbellt hat. Alles in allem ist Klages Position heute undiskutabel geworden: zuviel Mythengeraune, Völkisches, Rassistisches schwebt da allenthalben umeinander, als dass man ihn noch einmal auszugraben versuchen könnte.

Verwunderlich ist bei dieser Lage der Dinge aber, dass sein Vortrag “Mensch und Erde“ von 1913 regelmäßig wieder aufgelegt und offenbar auch gelesen wird. Das Jubiläumsjahr 2013 sieht diesmal sein Wiedererscheinen bei Matthes & Seitz, die so unverdächtig des falschen Gedankenguts sind, dass sie sich auch leisten können, wirre, rechte Rassisten zu drucken. Mit diesem Vortrag, den er bei einer jugendbewegten Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig gehalten hat, ist Klages zu einem der frühen Propheten der ökologischen Bewegung geworden. Zumindest wenn man den Text nur kursorisch liest, klagt Klages die wissenschaftliche Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts der Zerstörung der Arten und Lebensräume an. Vieles von dem, was er an Beispielen anführt, ist zwar eher der westlichen Luxus- und Massengesellschaft anzulasten als konkret dem Projekt der Durchtechnisierung  der Welt, aber da Klages ebenso den Verfall der Kultur, die Vernichtung der Naturvölker und Vertreibung der Wölfe aus Europa bedauert, kommt es so genau nicht darauf an. Wichtig sind nur zwei Dinge: Die Welt ist in einem üblen Zustand und Rettung wird kommen in einem mythischen Endkampf, in dem die Gerechten am Ende durch mindestens ein Wunder den Sieg davontragen.

Was sich in der Wiederauflage des Büchleins – und in dem hier und da affirmativen Zitieren Klages’ – allerdings deutlicher zeigt als in Klages Vortrag selbst, ist die fortschreitende Fragmentierung – fast hätte ich Eklektizismus geschrieben, aber das hieße das Brouhaha unserer Zeit schon überschätzen – unserer Kultur, also das, was in aller Hilflosigkeit Postmoderne genannt wird – Epigonentum am Epigonentum, wenn es je eines gegeben hat. Wer Klages war, was er tatsächlich gemeint haben könnte, all das ist völlig gleichgültig. Da er ein paar undeutliche Phrasen und Zusammenhänge zur Verfügung stellt, die irgendwie in unseren Kram passen, zitieren wir ihn fröhlich und kümmern uns einen Dreck um den Rest. Den kennt ja ohnehin keiner.

Ludwig Klages: Mensch und Erde – ein Denkanstoß. Berlin: Matthes & Seitz, 2013. Broschur, 62 Seiten (wovon der Vortrag selbst 30 Seiten umfasst). 10,– €.

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Emmott-Zehn-MilliardenGanz in dieselbe Kerbe, wenn auch mit einem anderen Beil, schlägt Stephen Emmotts Traktat „Zehn Milliarden“. Auch er beschwört den nahenden Untergang der Menschheit innerhalb des laufenden Jahrhunderts. Emmotts, der es für nötig hält zu betonen, dass er Wissenschaftler sei (S. 15), malt ein schwarzes Bild von einer Zukunft, in der nicht nur 10 Milliarden Menschen den Planeten bevölkern und ihn damit durch die Produktion von Lebensmitteln, den übermäßigen Verbrauch von Wasser und die Produktion von Abfall notwendig zerrütten, sondern er bezweifelt auch, dass noch ein gangbarer Weg existiert, den katastrophalen Untergang der menschlichen Spezies an den Folgen ihrer eigenen Existenz zu verhindern. Darin ist ihm zuzustimmen. So wird es kommen, und je eher je besser.

Doch leider kann seiner optimistischen Einschätzung vom Untergang der Menschheit nicht zugestimmt werden, da sich die Spezies, auch wenn sie etwas anderes glaubt, auch weiterhin als Teil eines natürlichen Systems darstellt, das sich erlauben wird, sie auf das Maß zusammenzustutzen, das bedauerlicherweise ihre weitere Existenz, unter welchen Bedingungen dann auch immer, ermöglichen wird. Aber davon haben andere anderswo ausreichend ausführlich geschrieben.

Die ironische Pointe an dem Büchlein von Emmott ist jedoch, dass auch sein Inhalt deutlich zu kurz ist, um allein eine für den Buchmarkt geeignete Verkaufseinheit zu bilden. Während Matthes & Seitz sich die Mühe macht, dem Klages ein etwa gleich langes Nachwort anzuhängen, greift Suhrkamp zu einem schon andernorts erprobten Mittel: Man nimmt einfach den PowerPoint-Vortrag des Autors und druckt ihn 1:1 ab; so geraten auf viele Seiten nur ein oder zwei Sätze, die dort einen ganz wundervoll einprägsamen Eindruck machen. Damit gelingt es Suhrkamp, das Textlein auf stattliche 200 Seiten auszuwalzen. Das ist natürlich eine grandiose Idee bei einem Buch, dessen Kern die Kritik der Verschwendung von natürlichen Ressourcen bildet. (Wer mag, kann sich auf der Seite des Suhrkamp Verlages mittels einer Leseprobe einen Eindruck von diesem Meisterwerk des Buchdrucks verschaffen.)

Stephen Emmott: Zehn Milliarden. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Berlin: Suhrkamp, 2013. Bedruckter Pappband, 206 Seiten. 14,95 €.

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Ein Kubikkilometer genügt

Ein Mathematiker hat behauptet,
daß es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.

In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!

Man könnte also die ganze Menschheit
in eine Kiste steigen heißen
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.

Da lägen wir dann, fast unbemerkbar,
als würfelförmiges Paket.
Und Gras könnte über die Menschheit wachsen.
Und Sand würde daraufgeweht.

Kreischend zögen die Geier Kreise.
Die riesigen Städte stünden leer.
Die Menschheit läge in den Kordilleren.
Das wüßte dann aber keiner mehr.

Erich Kästner
Gesang zwischen den Stühlen (1932)

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

MacGregor-Shakespeares-WeltNeil MacGregor ist der Direktor des Britischen Museums und hat im Jahr 2011 mit seiner Kulturgeschichte „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ einen internationalen Bestseller geschrieben, die die Entwicklung der Zivilisation anhand ausgesuchter Artefakte aus dem Bestand des Museums nacherzählte. In ähnlicher Weise aufgebaut folgt nun ein Buch zur Zeit und der Welt Shakespeares, also der Jahrzehnte um die Jahrhundertwende vom 16. zum 17. Jahrhundert.

Der Band ist reich illustriert und zeichnet in 20 Kapiteln anhand von Alltagsgegenständen und Druckwerken der Zeit ein durchaus weit gespanntes Panorama der englischen Kultur, Gesellschaft und Politik der Elisabethanischen und ersten Jahre der Jakobinischen Ära. Das ein oder andere Thema spielt bei Shakespeare nur indirekt eine Rolle, wobei MacGregor es versteht, auch die Blindstellen in Shakespeares Widerspiegelung seiner Lebenswelt in den Stücken interessant zu machen.

Das Buch versucht nicht, eine Shakespeare-Biographie zu liefern oder Shakespeares Stücke in irgendeinem erschöpfenden Sinne zu interpretieren (Interpretationen zitiert MacGregor klugerweise von Experten), es will nur die reichhaltige Verwebung der Stücke Shakespeares und der ihre Zuschauer (und ihren Autor) umgebenden Kultur an prominenten Einzelbeispielen aufscheinen lassen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet. Das Buch ist als Einführung in die Welt Shakespeares und den Reichtum und die Offenheit seines Theaters bestens geeignet. Es macht Lust, sich mit der spannungsreichen und widersprüchlichen Kultur und Geschichte dieser Zeit, zu der Shakespeares Stücke nur ein Segment einer ganzen Reihe liefern, intensiver auseinanderzusetzen.

Erwähnt werden sollte auch, dass der Band nicht nur in sehr guter Qualität auf schwerem Papier gedruckt wurde, sondern bei einem Preis von knapp 30,– Euro auch mit einer Fadenheftung glänzt. Hätte man auch noch einige Druckfehler ausgemerzt (einer macht – in einer Bildunterschrift – aus dem gerade wieder einmal populären Gun-Powder-Plotter Guy Fawkes einen Guy Hawkes), wäre der Band ein Musterstück geworden.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Zeit. Aus dem Englischen von Klaus Binder. München: C.H. Beck, 2013. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 347 Seiten. 29,95 €.

Frank Brady: Endgame

He was poised for battle against the chess establishment, the Union Bank of Switzerland, the Jews, the United States, Japan, Icelanders in general, the media, processed foods, Coca-Cola, noise, pollution, nuclear energy, and circumcision.

Brady_EndgameFrank Brady schreibt seit knapp 50 Jahren Biographien über den elften Schachweltmeister Robert James (Bobby) Fischer. Bereits 1965 erschien sein erstes Buch, damals noch dem Wunderkind Fischer gewidmet, das der 1943 geborenen Fischer zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr war, und dieses Buch wurde in einer überarbeiteten Neuauflage 1973 und einem unveränderten Nachdruck 1989 nochmals publiziert. 2011 ist dann mit »Endgame« sozusagen die Fassung letzter Hand erschienen; es dürfte für einen Kenner kein kleiner Spaß sein, die Wandlung der Biographie Fischers in der Darstellung Bradys durch die Jahre hindurch zu verfolgen.

Brady ist ein routinierter, journalistischer Schriftsteller mit der Neigung, ab und an sprachlich etwas dick aufzutragen. Eigentlich möchte er Fischer sympathisch darstellen, was ihm aber gerade im letzten Teil des Buches angesichts des immer unerträglicher werdenden Charakters dieses Menschen zunehmend schwer fällt. Fischer war spätestens seit den 80er Jahren soziopathisch, paranoid und schwer depressiv. Und auch wenn ihn Brady bei der Darstellung der letzten, isländischen Jahre zu einem Intellektuellen zu stilisieren versucht, so muss doch festgestellt werden, dass etwa Fischers Faszination mit ständig wechselnden religiösen Ideologien, die er sich immer so zurechtlegt, dass sie sein persönliches Wahnsystem und sein Selbstbild stützen – sobald der jeweils aktuelle Versuch brüchig wird, wechselt er die Religion – und sein wahnhafter Antisemitismus – Juden sind für Fischer letztlich alle Menschen, die nicht seiner Meinung sind – starke Indizien dafür liefern, dass Fischer seinen Kopf außer zum Schachspielen zu nicht viel anderem richtig zu gebrauchen wusste. Es muss Brady zugutegehalten werden, dass er alle für dieses Urteil nötigen Sachverhalte zur Verfügung stellt, wenn er sich auch letztlich weigert, die sich daraus ergebende Konsequenz selbst zu ziehen. Fischer ist für ihn offenbar ein bemitleidenswerter und kranker Mann gewesen, über den den Stab zu brechen Brady zu vermeiden sucht.

Alles in allem ist die Biographie solide, wenn auch dem Kenner hier und da merkwürdige Auslassungen auffallen können: So war Fischer zum Beispiel für das Interzonenturnier in Palma de Mallorca im Jahr 1970, in dem er sich mit einem überragenden Sieg für die Kandidaten-Kämpfe der WM 1972 qualifizierte, nicht startberechtigt, da er an der für dieses Turnier qualifizierenden US-Meisterschaft 1969 nicht teilgenommen hatte. Qualifiziert hatte sich unter anderen Pál Benkő, der seinen Qualifikationsplatz zugunsten Fischers aufgab und ihm so den Weg zum Weltmeistertitel 1972 freimachte. Kein Wort davon in Bradys Biographie. Am Platz kann es nicht gelegen haben, denn an anderer Stelle erfahren wir so wichtige Details wie dieses:

As he [Fischer] and his two bodyguards drove along the banks of the Danube, Bobby noticed that the river wasn’t the color he’d thought it would be. Unlike the ‘The Blue Danube’ of Strauss’s waltz, this deep water was mud brown.

Nun gut.

Eine teilweise sprachlich pompöse, aber trotzdem lesbare und insgesamt stimmige, im Detail etwas nachlässige Biographie Bobby Fischers, die besonders für Nichtschachspieler den Vorzug besitzt, gänzlich ohne Partienotationen und Diagramme auszukommen. Eine deutsche Übersetzung liegt seit 2012 ebenfalls vor.

Frank Brady: Endgame. Kindle-Edition. London: Constable, 2011. 418 Seiten (gedruckte Ausgabe). 7,20 €.