Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

O Gott! Ich werde das nie vergessen, dachte er.

Der Erstlingsroman Thomas Wolfes, 1929 erschienen, ist für heutige Leser in der Hauptsache Zeitzeugnis, zugleich aber auch Dokument für ein überbordenes Erzähltalent, das sich am Stoff des eigenen Lebens abarbeitet. Wolfes Manuskripte wurden von seinem Lektor auf ein wenigstens einigermaßen markt­ge­rech­tes Maß heruntergekürzt und so überhaupt erst für einen Verlag akzeptabel. Aber auch nach dieser Behandlung merkt man dem Buch immer noch an, dass  Wolfe einer jener Erzähler ist, denen Alles zum literarischen Stoff werden kann und die im Grunde keinerlei Rücksicht auf sich selbst, ihren Stoff oder die Leser zu nehmen verstehen. Es ist daher kein Wunder, dass man in Wolfes Nachlass tausende und abertausende Manuskriptseiten gefunden hat, aus denen die veröffentlichten Bücher quasi nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl darstellen.

Der Roman erzählt in seinen beiden Hauptteilen die Geschichte Eugene Gants, geboren im Jahr 1900 in einer kleinen Stadt in den Bergen North Carolinas, von seinem 12. bis zu seinem 19. Lebensjahr. Vorgeschaltet ist die Geschichte seines Vaters Oliver Gant, im Roman in der Regel nur mit seinem Nachnamen benannt, eines jungen Mannes, der aufgrund der Inspiration durch einen steinernen Engel den Beruf des Steinmetzen erlernt, eine erste Ehe hinter sich gebracht hat und nach deren tragischem Ende in den Alkoholismus abgerutscht ist. Gant findet sich nach einer Periode der Wanderschaft im kleinen Bergstädtchen Altamont wieder, in dem er zu seiner Überraschung eine weitere Frau findet, die ihn heiraten will: Eliza ist besessen von der Vorstellung, Wohlstand durch den Besitz von Liegenschaften zu erwerben, und heiratet ausgerechnet Gant, dem aller Immobilienbesitz zuwider ist. Das Ehepaar bekommt sieben oder acht Kinder (ich gebe zu, an irgendeiner Stelle die Übersicht verloren zu haben), von denen immerhin sechs das Erwachsenenalter erreichen. Eugene ist der Jüngste und wohl zugleich der Begabteste der Geschwister.

Während Gant auch weiterhin mit Phasen der Alkoholsucht zu kämpfen hat, eröffnet Eliza eine Pension, mit der sie wesentlich zum Unterhalt der Familie beiträgt. Wie schon gesagt, setzt die eigentliche Erzählung von Eugenes Leben erst nach knapp 200 Seiten ein: Seine Schulzeit wird ausführlich dargestellt, seine Pubertät, das Erwachen seiner Sexualität, aber auch die weiteren Schicksale seiner weitgehend dysfunktionalen Familie sind Thema des Romans. Eugene erhält eine vergleichsweise gute Ausbildung, da er aufgrund seiner Begabung die erste und einzige Privatschule Altamonts besuchen darf. Auf diese Weise mehr schlecht als recht vorbereitet, besucht er mit nur 16 Jahren die Universität und tut sich auch hier akademisch hervor. All das entfernt ihn einerseits immer weiter von seiner Familie, mit der er aber andererseits emotional in Hass und Liebe eng verbunden bleibt. So ist etwa die Beschreibung des Sterben seines Bruders Ben eine der beeindruckendsten Passagen des gesamten Buchs. Ohne dass der Roman zu einem wirklichen Abschluss gelangen könnte, endet das Buch mit dem erfolgreichen akademischen Abschluss Eugenes und seinem Entschluss, entgegen dem Wunsch seiner Mutter nicht bei einer der lokalen Zeitungen anzufangen, sondern eine akademische Karriere anzustreben.

Das Buch ist formal aufgrund der oben bereits erwähnten Neigung Wolfes zu überschwänglichem Erzählen notwendig anekdotisch geblieben; aber nicht nur stofflich, sondern auch stilistisch bietet das Buch eine erstaunliche Breite zwischen Passagen voller Lyrismen bis hin zu deutlich an Joyce’ früher Prosa geschulten, minutiösen Miniaturen sozialer Kommunikation. An manchen Stellen gerät der Text auch einfach in den Schwulst eines sich an der eigenen Sprache berauschenden Schreiberlings:

Und Eugene beobachtete den langsamen Wechsel der Jahreszeiten; er sah der stolzen Prozession der Monate zu; er sah, wie das Sommerlicht sich wie ein Strom ins Dunkle fraß; er sah den erneuten Triumph der Finsternis und wie die minutengesättigten Tage wie Fliegen heimwärts summten in den Tod.

Das geht wahrscheinlich auch eine Nummer kleiner, ohne das aufzugeben, was gemeint ist.

Sie hatten niemals miteinander geredet. Ihre Blicke begegneten sich niemals – eine große Scham, die Scham zwischen Vater und Sohn, jenes Geheimnis, das tiefer als Mutterschaft und als das Leben selbst hinabreicht, jene geheimnisvolle Scham, die den Männern die Lippen versiegelt und in ihren Herzen wohnt, hatte sie zum Verstummen gebracht.

Wolfe wenigstens scheint diese ihn verstummende Scham erfolgreich überwunden zu haben. Nun gut.

Das Buch ist ohne Frage das, was man einen großen Wurf nennt. Wolfes emotionales Erzählen, seine Leidenschaft für den Stoff und seine Hassliebe zu den Figuren, aber auch die Schonungslosigkeit seinem Protagonisten gegenüber erzeugen einen Eindruck von Wahrhaftigkeit, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Die neue Übersetzung von Irma Wehrli bietet im Gegensatz zur älteren von Hans Schiebelhuth einen sprachlich gut ausdifferenzierten deutschen Text, der der stilistischen Breite Wolfes erstmals gerecht zu werden scheint. Die Ausgabe ist durch Endnoten ausführlich kommentiert, die man, je nach eigener Vorbildung und -belastung mehr oder weniger nützlich finden wird. Die Behauptung des Nachworts, es seien „die Finessen der Intertextualität […] samt und sonders identifiziert“ worden, bliebe zwar kritisch zu prüfen, aber es ist schon eine erstaunliche Anzahl von literarischen Anspielungen festgemacht worden.

Eine intensive Lektüre, nicht ohne Schwächen, aber eben auch mit weiten Teilen, die immer noch gegen jede Kritik bestehen.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Irma Wehrli. btb 74255. München: Random House, 32011. Broschur, 785 Seiten. 14,99 €.

Émile Zola: Der Traum

Die Welt ist voller braver Leute. Wenn man rechtschaffen ist und arbeitet, wird man dafür immer belohnt … Oh, ich weiß, es gibt auch einige schlechte Menschen. Aber zählen die denn? Man verkehrt nicht mit ihnen, sie werden schnell bestraft …

zola_rougon»Der Traum«, der 16. Band der Rougon-Macquart, ist ein durch und durch überraschendes Buch. Es hat zwei hervorragende Eigenschaften: Es informiert den Leser ausführlich über das Handwerk der Gewandstickerei, und es ist mit gut 250 Seiten recht kurz. Alles andere an ihm ist unglaublich schlecht!

Erzählt wird die Geschichte Angéliques, der unehelichen Tochter Sidonie Rougons, die diese direkt nach der Geburt anonym der staatlichen Fürsorge überlässt. Die Erzählung setzt ein, als die neunjährige Angélique in der nordfranzösischen Kleinstadt Beaumont am Weihnachtstag des Jahres 1860 dem Handwerker-Ehepaar Hubert auffällt und sie das Kind in ihr Haus aufnehmen. Da die Huberts kinderlos sind, freunden sie sich schnell mit dem Gedanken an, das verwaiste Kind bei sich zu behalten und ihr eine Ausbildung als Stickerin angedeihen zu lassen. Angélique, die sich zuerst durch ein wildes Wesen auszeichnet, bekehrt sich durch die Lektüre der »Legenda aurea« zu einem schwärmerischen Christentum und träumt zugleich von einer Karriere als Heilige und als Prinzessin. Als sich der Sohn des örtlichen Bischofs – wie der Bischof zu einem Sohn kommt, würde hier zu weit führen, ist aber eine herzzerreißende Geschichte mehr – in die nun Sechzehnjährige verliebt, scheinen alle ihre Träume wahr werden zu können. Aber natürlich ist der Vater des jungen Mannes gegen die Ehe, was Angélique das Herz bricht. Auf dem Totenbett vom Bischof bereits gesalbt, kehrt sie plötzlich ins Leben zurück. Überwunden von diesem selbstgezeugten Wunder, willigt der harte Mann in alles ein, und Angélique verscheidet während ihrer Hochzeit, als sie ihr Gatte zum ersten Male küsst.

Man glaube nun nicht, ich unterschlüge mit meiner Nacherzählung irgend eine ironische oder anderweitig distanzierende Ebene; die Erzählung ist genauso trivial, einfältig und klischeehaft, wie sie oben erscheint. Die »Gartenlaube« hätte sich die Finger danach geschleckt, und jede bürgerliche Mutter hat diesen Roman ihrer heranwachsenden Tochter zur erbaulichen Lektüre in die Hände gelegt. Es ist schlicht fürchterlich.

Was sich Zola bei dem Zeugs gedacht haben mag, kann sich auch keiner seiner Deuter recht erklären. Die immer wieder bei seinen schwachen Romanen herangezogene Ausrede, er habe seine Kritiker überzeugen wollen, dass er auch konventionelle Romane schreiben könne, überzeugt in diesem Falle nicht, denn mit diesem Buch hat er höchstens bewiesen, dass er auch Mist zu schreiben in der Lage war.

Wie nicht anders zu erwarten, war das Buch einer der Verkaufserfolge Zolas, der mit der Auflagenhöhe etwa von »Germinal« durchaus wetteifern konnte. Ohne jede Frage der schriftstellerische Tiefpunkt des Zyklus, vermutlich des Gesamtwerks Zolas.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends

3-423-11928-4Zweitlektüre, zum einen als mein Einstieg ins Kleist-Jahr 2011, zum anderen aus didaktischem Anlass. Mein Gedächtnis will die erste Lektüre in die Zeit des Studiums verlegen, doch meine Ausgabe belehrt mich eines anderen: Sie stammt aus dem Jahr 1994. Auch sonst ist von damals nicht viel in Erinnerung geblieben, und ich fürchte, dass das auch diesmal nicht viel anders gehen wird.

Erzählt wird eine fiktive Begegnung zwischen Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist im Juni 1804 in Winkel am Rhein im Haus der Brentanos. Karoline ist in Begleitung des Ehepaars Savigny, Kleist in der des Arztes Wedekind, in dessen Haushalt er halb als Patient, halb als Gast lebt. Außerdem anwesend sind Clemens Brentano mit seiner Frau Sophie und seiner Schwester Bettine sowie weitere prominente Gäste. Nach anfänglichem Fremdeln geraten die Günderrode und Kleist schließlich auf einem Spaziergang in ein tiefschürfendes Gespräch, in dem beider Missverhältnis zur Welt ausführlich zur Sprache kommt.

Solche fiktiven Gespräche, in denen sich in der Hauptsache der Autor, in diesem Fall die Autorin mit sich selbst unterhält, wurden klassischerweise als Totengespräche inszeniert. Es ist nicht nur durch das ideologische Umfeld, in dem der Text entstand, verständlich, dass Wolf auf eine derartige metaphysische Szenerie verzichtet. Außerdem fügt es dem Gespräch eine gewisse existentielle Note hinzu, dass ihr Selbstmord den beiden Teilnehmern noch bevorsteht. Ob sich die Günderrode und Kleist tatsächlich in ein derartig spätpubertäres, hochtrabendes Geraune verloren hätten, wie Wolf imaginiert, soll ruhig jeder Leser für sich entscheiden. Hübsch ist natürlich der Titel, bei dem es sich um die Eindeutschung des Wortes »Utopie« handelt.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. dtv 11928. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1994. 150 Seiten.