Geschichte der deutschen Lyrik

Bei Reclams Geschichte der deutschen Lyrik handelt es sich, wie häufig bei den Produkten des Verlages, nicht um eine einheitlich konzipierte Darstellung aus der Feder (heute wohl eher der Tastatur) eines einzelnen Autors, sondern um die Zusammenstellung von sechs weitgehend unabhängig voneinander entstandenen Texten, die mittels eines Vorworts über das gemeinsame Thema hinaus wenigstens aufs Gröbste miteinander verbandelt wurden. Ziel war letztendlich eine Publikation der einzelnen Teile in separaten Bänden innerhalb der RUB, was denn auch 2012/2013 geschehen ist.

Diese Geschichte der deutschen Lyrik umfasst den Zeitraum vom Mittelalter (etwa seit dem 10. Jahrhundert) bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts. Dabei wurde folgende Aufteilung und Gewichtung des Stoffs vor­ge­nom­men:

  1. Mittelalter von Franz-Josef Holznagel (85 Seiten)
  2. Von der Reformation bis zum Sturm und Drang von Hans-Georg Kempner (167 Seiten)
  3. Klassik und Romantik von Mathias Mayer (115 Seiten)
  4. Zwischen Romantik und Naturalismus von Bernhard Sorg (97 Seiten)
  5. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs von Ralf Schnell (111 Seiten)
  6. Deutschsprachige Lyrik seit 1945 von Hermann Korte (86 Seiten)

Die Ansätze der Darstellung sind in den einzelnen Teilen durchaus unterschiedlich: Während etwa Holznagel sehr detaillierte Auskunft zur Entstehung und Überlieferung der Quellen gibt, findet bei Mayer eine inhaltlich konzise, zugleich aber anspruchsvolle Auseinandersetzung sowohl mit Genres und Formen als auch inhaltlich mit einzelnen Gedichten statt.

Enttäuschend ist einzig der 4. Teil von Bernhard Sorg, der sich einerseits zu spekulativen poetologischen Konstruktionen aufschwingt, die in keinem zeitgenössischen Text verankert werden, andererseits bei der Interpretation konkreter Beispiele aber derart flach bleibt, dass einige seiner Deutungen kaum über ein räsonierendes Nacherzählen des Gedichts  hinauskommen. Und dass einer „die Epoche des Realismus“ in der deutschen Lyrik behandelt, dabei aber den Namen Fontanes nicht an einer einzigen Stelle auch nur erwähnt, wird ihm wahrscheinlich auch so rasch keiner nachmachen wollen.

Bei den letzten beiden Teilen fällt natürlich auch dem Nichtfachmann auf, wie stark die Darstellung gedrängt und kursorisch bleiben muss; hier wäre eine deutlich erweiterte Geschichte der deutschen Lyrik im 20. Jahrhundert wünschenswert. Immerhin sollte lobend erwähnt werden, dass Ralf Schnell ein Kapitel seiner Darstellung der deutschen Lyrik zwischen 1933 und 1945 widmet (NS-Lyrik, Innere Emigration, Widerstand und Exil), wobei auch hier nicht mehr als repräsentative Schlaglichter geboten werden können.

Insgesamt ein trotz der sehr unterschiedlichen Ansätze der Autoren (offenbar hat man sich in Stuttgart nicht sehr bemüht, wenigstens eine einzige Germanistin ausfindig zu machen, die über Lyrik schreiben kann), empfehlenswerter Überblick, wobei ich die Teile 2 und 3 als besonders gelungen empfunden habe.

Geschichte der deutschen Lyrik. Stuttgart: Reclam, 2004. Pappband, 755 Seiten. In dieser einbändigen Ausgabe nicht mehr lieferbar; verfügbar sind die sechs Teilbände innerhalb der RUB.

Neuigkeiten vom Großen weißen Wal

Ich will einen heidnischen Freund probieren, dachte ich, denn christliche Freundlichkeit hat sich als hohle Höflichkeit und sonst nichts erwiesen.

melville-md-rathjenDie Neuübersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“ (nur echt mit dem Bindestrich) war zu Anfang des Jahrhunderts eine der wenigen Kontroversen um eine Übersetzung, die auch von einer breiteren, literarisch interessierten  Öffentlichkeit wahrgenommen wurde: Im Jahr 2001 erschien beim Hanser Verlag zum Auftakt einer geplanten breiteren Werkauswahl Melvilles (von der faktisch bei heute drei Romane und ein Band mit biographischem Material erschienen sind; inzwischen ist „Pierre“ (2002) bei Hanser schon nicht mehr lieferbar und seit 2009 kein weiterer Band mehr erschienen), – als Auftakt also erschien eine Neuübersetzung des Romans „Moby-Dick“ aus der Feder von Matthias Jendis. Diese Übersetzung war eine Überarbeitung einer älteren, bis dahin ungedruckten Übersetzung Friedhelm Rathjens, die dieser in den Jahren 1991 bis 1993 erstellt hatte.

Unter den damaligen Herausgebern in spe des Hanser-Melvilles Norbert Wehr, Paul Ingendaay und Hermann Wallmann kaufte der Verlag 1994 die Übersetzung Rathjens, doch kam es nicht zu der geplanten Veröffentlichung. 1996 stiegen die drei Herausgeber aus dem Projekt aus und Hanser begann nach einem neuen Herausgeber zu suchen, der aber mit Daniel Göske erst 1998 gefunden wird. Göske nun war mit Rathjens Übersetzung nicht recht zufrieden und regte eine Überarbeitung an, mit der sich Rathjen nach Festlegung einer Reihe von Richtlinien auch einverstanden erklärte; die Überarbeitung übernahm Matthias Jendis. Als Rathjen Anfang 2001 diese Überarbeitung zu sehen bekommt, hält er die Eingriffe für so gravierend, dass er den neuen Text nicht unter seinem Namen veröffentlicht haben möchte, da es sich nicht mehr um seine Übersetzung handele. Da sich eine Einigung zwischen altem Übersetzer und neuem Herausgeber und Übersetzer als nicht möglich erwies, einigte sich Rathjen mit dem Hanser Verlag auf folgende, durchaus großzügige Regelung: Der Vertrag von 1994 wird aufgelöst, Rathjen erhält die Rechte an seiner ursprünglichen Übersetzung zurück und verzichtet im Gegenzug auf alle Urheberrechte an der Überarbeitung durch Matthias Jendis. Angedeutet wird dies alles in der Hanser-Ausgabe des „Moby-Dick“ (2001) durch folgende Sätze in der Danksagung:

Eine erste Übersetzung des Moby-Dick wurde von Friedhelm Rathjen erstellt, welcher der Übersetzer und der Herausgeber zahlreiche und wichtige Anregungen verdanken. Beide und der Verlag danken Friedhelm Rathjen für seine überaus konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit […] (S. 910)

Dies geschieht allerdings nicht, ohne dass zwei Seiten zuvor in einer „Editorischen Notiz“ der zu erwartenden Debatte um die Übersetzung vorgegriffen wird, indem der erste Übersetzer und die Grundsätze seiner Übersetzung vorsorglich wie folgt eingeschätzt werden:

Die häufig angemahnte und beanspruchte Originaltreue einer literarischen Übersetzung ist, wenn sie nicht genau spezifiziert wird, immer eine naive und kurzschlüssige Vorstellung. Im Fall des Moby-Dick ist die Idee eines quasiheiligen Originals besonders absurd, denn weder Melvilles Manuskript noch die korrigierten Fahnenabzüge des Romans sind erhalten.

Zu Deutsch: Ein Übersetzer, der sich zu genau an den philologisch gesicherten Text hält (denn Rathjen übersetzte ja nicht etwa aus der Erstausgabe oder sonst einem „quasiheiligen Original“, sondern aus der philologisch erarbeiteten Ausgabe der Northwestern University Press von 1988), hat nicht verstanden, dass Herausgeber und Übersetzer immer schlauer sind als der Text und ihm dort, wo er dunkel, grammatikalisch schwierig oder gar falsch ist, aufhelfen müssen. Überhaupt sind das Schlauersein der Nachgeborenen und die sogenannte Lesbarkeit des Textes die wichtigsten Kriterien an denen sich Neuausgaben und -übersetzungen klassischer Texte zu orientieren haben. Die aber, die meinen, ein übersetzter Text müsse möglichst eng am Original geführt werden, sind „naiv und kurzschlüssig“.

Fahrt nahm die Debatte dann noch einmal im Jahr 2004 auf, als bei 2001 in einer großen, illustrierten Ausgabe die ursprüngliche Übersetzung Friedhelm Rathjens erschien und man nun direkt vergleichen konnte. Die wenigstens Kritiker allerdings machten sich tatsächlich die Mühe, die beiden Texte miteinander oder gar mit dem Original abzugleichen, sondern urteilten entlang sehr allgemeiner Eindrücke, oft auch nur entlang der übersetzerischen Programme, wie sie den Anhängen der Bücher zu entnehmen waren. Seitdem liegen mehr oder weniger kontinuierlich parallel zwei deutsche Übersetzungen des „Moby-Dick“ vor: Die sehr nah am Original mit all seinen Ecken, Kanten und Verwerfungen entlang geführte Übersetzung Rathjens (bei 2001 und im Fischer Taschenbuch) und die einmal mehr geglättete und konsumierbar gemachte Überarbeitung von Matthias Jendis (bei Hanser und btb).

Anlass, all dies nochmals zu erzählen, ist eine Neuausgabe der Übersetzung Friedhelm Rathjens bei Jung und Jung. Wer bis dato keine Gelegenheit hatte oder unentschlossen war, sich dem großen Wal zu nähern, hat hier einmal mehr die Möglichkeit eine Übersetzung dieses ungeheuerlichen, wilden, vulkanischen Romans zu lesen, die sich so weit dem Original annähert, wie es wohl überhaupt nur geht. Niemand sollte sich von den Gerüchten von der Unlesbarkeit oder Schwierigkeit dieser Übersetzung abschrecken lassen (und wer einen Beweis benötigt, wie gut diese Übersetzung sprachlich funktioniert, höre sich deren Lesung durch Christian Brückner an), sondern sollte sich auf das Abenteuer einer Lektüre einlassen, die so vielgestaltig und exotisch ist, wie die See, das Geschäft auf ihr und der weiße Wal in ihr, die der Roman in Worte zu fassen versucht. Melvilles Roman ist in seiner Wucht erst verstanden worden, als die wichtigsten Schritte in der modernen Literatur bereits gemacht worden waren; dann erst konnte man begreifen, wie sehr Melville mit diesem Buch seiner Zeit voraus gewesen ist, wie sein Gemisch aus Abenteuer-Erzählung, biologischem Traktat, ökonomischer und gewerblicher Darstellung, existenziellem Essay und Kritik rassistischer und religiöser Voreingenommenheiten Dimensionen des Romans ausgelotet hatte, von denen kaum ein zweiter seiner Zeitgenossen auch nur eine Ahnung gehabt hat.

melville-zwiesprache-mit-hawthorneWie sehr Melville selbst mit diesem Buch gerungen hat, wie unsicher einerseits und getrieben andererseits er war, lässt sich einem zweiten Buch, das nahezu zeitgleich mit dieser Neuausgabe herausgekommen ist, entnehmen. In „Zwiesprache mit Hawthorne“ fasst Friedhelm Rathjen im eigenen Verlag alle seine Übersetzungen von Texten Melvilles aus dem näheren und weiteren Umfeld der Entstehung des „Moby-Dick“ zusammen: Briefe, Notizen, Rezensionen, Gedichte und eine Erzählung, die aus verschiedenen Perspektiven Blitzlichter auf den Roman und seine Enstehung werfen. Dieses Buch, das in einer Kleinauflage von nur 99 nummerierten und signierten Exemplaren aufgelegt wurde, sei allen empfohlen, die einen Eindruck davon gewinnen wollen, wer Melville war und warum er sich gedrängt gefühlt hat, einen Roman zu verfassen, von dem er zu Recht fürchten musste, dass ihn nur wenige seiner Zeitgenossen goutieren würden.

Herman Melville: Moby-Dick oder: Der Wal. Deutsch von Friedhelm Rathjen. Mit Illustrationen von Raymond Bishop. Salzburg u. Wien: Jung und Jung, 2016. Bedruckter Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 932 Seiten. 45,– €.

Herman Melville: Zwiesprache mit Hawthorne. Aus der Werkstatt des Moby-Dick. Hg. u. übersetzt von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2016. Bedruckter Pappband, limitiert auf 99 Exemplare, 145 Seiten. 35,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Christian Grawe: Jane Austen. 100 Seiten

grawe-austen-100-seitenDas Bändchen ist Teil einer neuen Reihe bei Reclam. Es handelt sich dabei weniger um eine Biographie im eigentlichen Sinne als vielmehr um eine lockere Annäherung an das literarische Phänomen Jane Austen. Christian Grawe zeichnete zusammen mit seiner Frau Ursula für die erste vollständige Austen-Übersetzung aus einer Hand verantwortlich und darf als einer der besten deutschen Kenner Austens gelten. Er hat auch die erste umfangreiche deutschsprachige Biographie Austens verfasst, beinahe zehn Jahre bevor das Buch von Elsemarie Maletzke zum Bestseller wurde.

Natürlich enthält das schmale Bändchen auch einige biographische Skizzen, aber es werden auch die wichtigsten Verfilmungen der Romane besprochen, einige Austen-Hasser kommen zu Wort, der Austen-Kult und seine Gedenkstätten im Süden Englands werden vorgestellt, es gibt Lesevorschläge für Austen-Neulinge, Auszüge aus Briefen und Romanen usw. usf. Natürlich ist das ganze eine Art Gemischtwarenladen, aber es ist gut geschrieben und wirbt für seine Sache: Wer von Austen nur wenig oder nichts weiß, bekommt ein lebendiges und interessantes Bild von ihr gezeichnet, das Lust auf mehr macht. Das einzige, was mich ein wenig hat zusammenzucken lassen, ist der Preis von 10 € für solch ein Bändchen; da kann man nur hoffen, dass der Autor ein ordentliches Garantiehonorar bekommen hat.

Christian Grawe: Jane Austen. 100 Seiten. Reclam Tb. 20417. Stuttgart: Reclam, 2016. Broschur, 100 Seiten. 10,– €.

Samuel Schoenbaum: William Shakespeare

This is mere speculation.

Schoenbaum-ShakespeareDiese beinahe dreißig Jahre alte, vergleichweise kurze Biographie Shakespeares führt den Untertitel “A Compact Documentary Life”, der den Charakter des Buches vollständig beschreibt. Schoenbaum hält sich streng daran, nur das für bare Münze zu nehmen, was durch ein aus Shakespeares Zeit stammendes Dokument belegt ist. Er referiert zwar auch die ältesten und beliebtesten Shakespeare-Legenden, macht ihre Fragwürdigkeit aber stets deutlich und widerlegt auch nebenbei mit präzisen historischen Fakten und scharfer Argumentation das eine oder andere dieser Märchen. Wer wenigstens einmal die biographischen Fakten zum Leben Shakespeares von den Phantasien seiner Biographen trennen möchte, hat dazu mit Schoenbaums Biographie das richtige Werkzeug in der Hand.

Ansonsten ist es aber auch mit dieser Shakespeare-Biographie wie mit allen anderen: Man liest sie nicht, um wirklich etwas Neues über Shakespeares Leben zu erfahren, sondern um weitere Details zur Elizabethanischen Epoche, ihrer Kultur im Allgemeinen und ihrem Theater im Besonderen kennenzulernen. Dabei müsste in diesem Fall das eine oder andere Detail zu den Texten Shakespeare und ihrer Entstehung revidiert werden, so dass das Buch dem heutigen Leser nur zur fundierenden Ergänzung der neueren Forschung oder als biographisches Purgativ empfohlen werden kann.

Samuel Schoenbaum: William Shakespeare. A Compact Documentary Life. New York / Oxford: Oxford University Press, 1987. Nachdruck durch Amazon Fullfilment. Broschur, 384 Seiten. 23,– €.

James Shapiro: Contested Will

Shapiro-Contested-WillDer seltene Fall eines Buches über die Frage nach der Urheberschaft von Shakespeares Werken, das von einem Stratfordianer verfasst ist.

Wie auch hier bereits dargestellt, gibt es seit dem 19. Jahrhundert eine breite populär- und fachwissenschaftliche Diskussion der Frage nach dem Autor von Shakespeares Werken. Es stehen derzeit wohl in der Hauptsache noch drei Kandidaten zur Diskussion: Francis Bacon, Christopher Marlowe und Edward de Vere. Shapiro geht nur auf zwei dieser Kandidaten ausführlich ein, während er den Fall Marlowe, der allerdings auch auf extrem spekulativen Grundlagen beruht, für erledigt zu halten scheint. Auch Bacon behandelt er eher als historische Position, da mit der Spekulation um dessen Autorenschaft der erste ernsthafte und umfangreiche Versuch unternommen wurde, den Stratforder Kaufmann durch eine Person zu ersetzen, die den modernen Ansprüchen an einen Autor besser gerecht wird. Die einzige noch lebendige Theorie aber dürfte die um Edward de Vere sein, wenn auch hier einige der extremeren Spielarten, in denen Edward de Vere kurz davor ist, als sein eigener Großvater aufzutreten, ebenfalls als weitgehend erledigt angesehen werden dürfen.

Shapiros Darstellung verfolgt zwei Ziele: Zum einen möchte er die historische Entwicklung der alternativen Verfassertheorien darstellen und auf diese Weise verständlich machen, warum Menschen überhaupt auf den Gedanken verfallen, sich einen besseren Autor für Shakespeare Stücke zu wünschen. Zum anderen führt er in einem eigenen Kapitel eine ganze Reihe von Argumenten auf, die insbesondere Edward de Vere als Verfasser ausschließen. In einem Epilog findet sich zudem eine Kritik an der allgemein weitgehend spekulativen biographischen Tradition, in der auch die meisten Biographien des Stratforders stehen. Das seit dem 18. Jahrhundert Stufe für Stufe entstandene Bild vom Zusammenhang zwischen der Biographie und dem Werk eines Autors wird zu Recht für die Elizabethanische Zeit als nicht zielführend zurückgewiesen.

Das Buch beweist nicht in einem positivistischen Sinne – und will dies auch gar nicht –, dass der Stratforder William Shakespeare der Autor der ihm zugeschriebenen Werke ist. Es zeigt aber einleuchtend auf, dass zum einen die vorgeschlagenen Alternativen noch sehr viel unwahrscheinlichere Kandidaten sind, und dass es zum anderen zwischen etwa 1592 und 1610 einen wohlbekannten Londoner Schauspieler und Stückeschreiber gegeben hat, dem ein gebildeter Teil des Publikums und zahlreiche Kollegen die unter dem Namen Shakespeare veröffentlichten Stücke zugeschrieben und zugetraut haben und von dem zumindest einige dieser Kollegen wussten, dass er aus Stratford stammt. Man kann sich nun dagegen wehren wollen und all dies auch weiterhin einer Art von Verschwörung zuschreiben, allerdings muss man dabei wohl zugleich eingestehen, dass es auch nicht ein einziges authentisches, auf eine solche Verschwörung hinweisendes Dokument gibt.

Am Ende bleibt es dabei: Wir verstehen es nicht, aber es scheint tatsächlich so zu sein, wie es zu sein scheint.

James Shapiro: Contested Will. Who wrote Shakespearte? London: Faber and Faber, 2010. Pappband, Fadenheftung, 367 Seiten. Derzeit wohl nur im Taschenbuch für ca. 13,– €.

James Shapiro: A Year in the Life of William Shakespeare: 1599

Shapiro-1599Alle biographischen Bücher über William Shakespeare haben mit einer großen Schwierigkeit zu kämpfen: Wir wissen so gut wie nichts über den Mann. Das ist für Menschen der Elizabethanischen Epoche durchaus nichts ungewöhnliches; auch über viele andere Autoren, Künstler, Wissenschaftler etc. der Zeit wissen wir vergleichsweise wenig. Da unsere Zeit aber dem Aberglauben an die Ausnahmepersönlichkeit huldigt, verlangt sie nach Biographien. Shakespeares Biographen helfen sich aus dieser Notlage normalerweise mit einem (oder mehreren) der folgenden Tricks heraus: Entweder sie spekulieren sich ein Leben Shakespeares einfach zusammen (bzw. sie schreiben die Spekulationen anderer ab) oder sie schreiben stattdessen über England, seine allgemeine Kultur oder spezieller über das Theaterwesen der Epoche. Oder sie schreiben die Biographie eines ganz anderen Menschen und behaupten, dieser habe Shakespeares Theaterstücke geschrieben.

James Shapiros Bestseller (dem er mit “1606” inzwischen auch noch ein weiteres Jahresbuch hat folgen lassen) geht grundsätzlich den zweiten Weg: Es konzentriert sich auf die historischen Ereignisse des Jahres 1599, das Shapiro als ein Wendejahr in der Entwicklung Shakespeares begreifen möchte. In diesem Jahr wurde das Globe-Theater errichtet, und Shapiro argumentiert dafür, dass Shakespeare in diesem Jahr einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung zum Ausnahmeschriftsteller seiner Zeit getan habe. Shapiro betont außerdem, dass eine angemessene Rezeption Shakespeares ohne die Kenntnis der Kultur und Geschichte seiner Zeit nicht möglich ist, ein Grundsatz, der in dieser Allgemeinheit natürlich einerseits eine Banalität darstellt, dem andererseits aber bis heute in der Phase von der Zeitlosigkeit Shakespeares eine weitere Banalität entgegensteht.

Der Leser sollte von Shapiros Buch nun nicht alle jene Einsichten in das Leben Shakespeares erwarten, die er aus anderen Biographen über den Schwan vom Avon nicht hat erhalten können. Shapiro erzählt die tagespolitischen und kulturellen Ereignisse des Jahres 1599 nach, soweit wir sie noch kennen: den Feldzug Essex’ gegen Irland und den Anfang vom Ende dieses Machtpolitikers, die gegenstandslose Armada-Hysterie des Jahres 1599, die Gründung der East India Company, den Tod und die Beisetzung Edmund Spensers, den Neubau des Globe, den Weggang des Clowns William Kemp von den Chamberlain’s Men und einige Kleinigkeiten mehr. Außerdem setzt er sich mit vier von Shakespeares Stücken auseinander, deren Entstehung wahrscheinlich in das Jahr 1599 fällt: „König Heinrich V.“, „Julius Cäsar“, „Wie es Euch gefällt“ und „Hamlet“. Shapiro gelingt dabei keine sehr enge Verbindung zwischen den geschilderten Ereignissen und den Theaterstücken. Einsichten wie die folgende sind das äußerste, was man erwarten darf:

Born into a world in which the old religion had been replaced by the new, and like everybody else, living in nervous anticipation of the imminent end of Elizabeth’s reign and the Tudor dynasty, Shakespeare’s sensitivity to moments of epochal change was both extraordinary and understandable. In Hamlet he perfectly captures such a moment, conveying what it means to live in the bewildering space between familiar past and murky future. [S. 279]

Es ließe sich hier nun zu Recht einwenden, dass beinahe jeder Schriftsteller zu jeder Zeit “in the bewildering space between familiar past and murky future” gelebt habe oder sich wenigstens einbilden durfte, das zu tun, dass aber kein anderer einen „Hamlet“ daraus zustande gebracht hat. Doch Shapiro würde sich gegen diesen Einwand kaum zur Wehr setzen. Es geht ihm überhaupt nicht darum, Shakespeare Stücke konsequent aus ihrer Zeit heraus zu entwickeln, sondern er glaubt nur, dass sich beliebte Missverständnisse vermeiden lassen, wenn man sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen versucht.

Hat man die im Großen und Ganzen eher lockere Parallelität zwischen Epochenerzählung und Interpretation der Stücke akzeptiert, ist Shapiros Buch eine anregende und sehr informative Lektüre. Es ist daher kein Wunder, dass das Buch auch nach mehr als 10 Jahren noch nicht auf Deutsch vorliegt.

James Shapiro: A Year in the Life of William Shakespeare: 1599. New York, London u.a.: HarperCollins, 62010. Broschur, 410 Seiten. Ca. 13,– €.

100 Jahre Dada

Alles in unserer Zeit ist Dada, nur die Dadaisten nicht. Wenn die Dadaisten Dadaisten wären, dann wären die Dadaisten keine Dadaisten.
Theo van Doesburg

In diesem Jahr wäre Dada 100 Jahre alt geworden, wenn es nicht bereits unmittelbar vor seiner Zeugung verstorben wäre:

Dada ist tot, bevor es überhaupt angefangen hat. Zum ersten Mal stirbt Dada, als Tzara aus einer Laune eine Kunstrichtung machen will. Dada stirbt seinen Heldentod, als Ball im Juni 1916 Zürich verlässt. Dada dreht sich im Grabe um, als Huelsenbeck, Tzara und Arp versuchen, es in anderen Städten zu etablieren. In der Auseinandersetzung zwischen Picabia, Breton, Tzara und ihren Gesellen stirbt Dada tausend Tode. Aber so darf Dada nicht vertröpfeln, es muss auch einmal ordentlich symbolisch zu Grabe getragen werden.

Banalerweise leben Totgesagte immer länger, besonders dann, wenn zu bezweifeln ist, dass sie überhaupt jemals von selbst geatmet haben. Das alles stört aber Dada und die meisten seiner Vorkämpfer überhaupt nicht. Sich um solch offenbare Widersprüche zu kümmern, hieße die Macht des Paradoxen zu verschwenden. Dada setzt tiefer an, nämlich dort wo sich Vernunft und Unvernunft gute Nacht sagen – an der kargen Oberfläche der bürgerlichen Kultur.

dada-almanachNatürlich ist der Manesse Verlag mit Sitz in Zürich prädestiniert, Dada zum Jubiläum mit einer Anthologie zu würdigen. Die Textauswahl ist beeindruckend umfassend; sogar Clément Pansaers (1885–1922) und Paul von Ostaijen (1896–1928), zwei belgische Dadaisten, von denen ich bis dato noch nie gehört oder gelesen hatte, sind vertreten. Ansonsten ist alles anwesend, was noch keinen Rang hatte und sich einen Namen machte: Tristan Tzara, Hans Arp, Georg Grosz, Walter Serner, Richard Huelsenbeck, Hugo Ball und Emmy Hennings, Walter Mehring (den ich besonders schätze), Raoul Hausmann, Francis Picabia, André Breton, Paul Éluard und und und. Die Auswahl der Texte ist ebenso gelungen: Weder fehlen die bekannten Klassiker (etwa Balls „Karawane“ oder Schwitters „An Anna Blume“), noch die Überraschungen, wegen derer man einen solchen Almanach kaufen sollte. Auch die Auswahl aus der unendlichen Flut dadaistischer Manifeste, die bekanntlich nichts sagen, dass aber in einer Ausführlichkeit, mit der sich nur politische Reden messen können, ist exzellent. Begleitet werden die Texte durch einen Anhang, der die wichtigsten Dadaisten in biographischen Kurzporträts vorstellt und die wichtigsten Orte der Aufführung präsentiert. Das zusätzliche Spiel mit Schwarz und Rot im Druckbild rundet den Band perfekt ab. Das einzige, was man vermissen könnte, ist, dass Dada nicht ausschließlich eine textbasierte Strömung war, sondern insbesondere auch Graphik, Collage und Musik mit einbezog.

mittelmeier-dadaWer darüber mehr erfahren  und Dada im allgemeineren Kontext der Moderne dargestellt haben möchte, kann zu Martin Mittelmeiers Buch greifen (aus dem auch das längere Zitat oben stammt). Mittelmeier versucht, einen Weg zu finden, dem chronologischen, persönlichen, formalen und inhaltlichen Chaos Dadas gerecht zu werden. Wer sich nicht schon ein wenig in der Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts auskennt, könnte im Stakkato einiger Passagen des Buches verlorengehen. Alles in allem und im Großen und Ganzen muss man Mittelmeier zugestehen, dass er diese schwierige Aufgabe gut bewältigt, sind doch zahllose biographische Details, parallele Entwicklungen, Verwerfungen, Verfeindungen und Zweckbündnisse, Widersprüche und Gegensätze darzustellen, deren Anlässe für einen, der nicht tief in den Verwicklungen dieser Zeit steckt, nur schwer nachzuvollziehen sind.

Sehr loben muss man Mittelmeier dafür, dass er den bequemen Ansatz, Dada sei die Reaktion einiger Intellektueller auf den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges, als unzureichend begreift und Dada stattdessen in die künstlerischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts einstellt: Das Aufgeben der Zentralperspektive in der Malerei, der Harmonik in der Musik – wenn auch seine Rede davon, Schönberg befreie „den einzelnen Ton aus dem Korsett der klassischen Tonalität“ (S. 51) dummes Geschwätz ist –, die Faszination der Geschwindigkeit und die Empfindung der Simultanität sind andere Aspekte desselben grundsätzlichen Zweifels an den tradierten Formsprachen, der sich auch in Dada manifestiert. Auch lässt Mittelmeier keinen Zweifel daran, dass Mangel an konkretem Inhalt, Wiederholung und der Dada notwendig innewohnende Selbstwiderspruch zu nichts anderem als zur baldigen Auflösung von Dada führen konnten, und jede neue Stadt, in die Dada getragen wird, die Agonie nur überdeckt und herauszögert. Ergänzt wird diese sehr klarsichtige Darstellung durch einige dadaistische Zwischenspiele, auf die man sich – wie auf Dada überhaupt – schlicht einlassen sollte.

Ob Mittelmeier aber tatsächlich der Auffassung ist, der Eiffelturm sei 1000 Meter hoch (S. 48), Erich Mühsam habe den Vornamen Ernst geführt (S. 66), moderne Kunst verfüge über „Autonomie“ (S. 102) oder Schwitters Bilder seien „funktional gesehen gotische Dome“ (S. 184), kann man angesichts dessen, was hier gelungen ist, auf sich beruhen lassen.

Dada-Almanach. Vom Aberwitz ästhetischer Kontradiktion. Hg. v. Andreas Puff-Trojan und H. M. Compagnon. Zürich: Manesse, 2016. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 176 Seiten. 39,95 €.

Martin Mittelmeier: Dada. Eine Jahrhundertgeschichte. München: Siedler, 2016. Pappband, 272 Seiten. 22,99 €.

Lila Azam Zanganeh: Der Zauberer

Zanganeh-ZaubererEine merkwürdige Mischung aus biographischer Studie, literarischem Essay und Fan-Prosa über Vladimir Nabokov und einige von seinen Büchern. Merkwürdig ist das Buch vor allem deshalb, weil es von einer Art naiver Begeisterung getragen ist, die normalerweise nicht lang genug überlebt, um in einem Buch dokumentiert zu werden. Für jemanden, der von Nabokov nur das Übliche oder gar kein Buch gelesen hat, mag das ganz nett sein, doch diejenigen, die sich nur ein wenig besser auskennen, werden schwerlich mit dem Buch zufrieden sein.

In der Hauptsache geht es um drei Bücher Nabokovs: die beiden Romane „Lolita“ und „Ada“ sowie seine Autobiographie „Erinnerung, sprich“; das ein oder andere wird zwar en passant zusätzlich zitiert, doch bleibt es bei marginalen Zitaten. Weder Nabokovs frühe Versuche im Kriminal- oder Unterhaltungsgenre werden erwähnt, noch seine Bücher, die sich in der Hauptsache um staatliche Gewalt, Gefangenschaft und Tod drehen. Denn Zanganeh geht es bei Nabokov wesentlich um eine Sache: um – ach! – die Liebe! Und die wahre Liebe gibt es natürlich immer nur in der Erinnerung, sei es Nabokovs sentimentaler Blick zurück auf seine russische Jugend oder Humbert Humberts erste und einzige pubertäre Verliebtheit an der Riviera.

Man muss fair sein und zugeben, dass Zanganeh sich wie Nabokov selbst darüber im Klaren ist, dass das Sentimentale nur eine Seite der Medaille darstellt und stets verquickt ist mit zerstörerischen Umständen: politischem Umsturz, Pädophilie oder Inzest. Doch diese Seite stört bei Zanganehs Neigung zur Sentimentalität, weshalb der unbelehrte Leser einen eher schiefen Eindruck von der Welt der Nabokovschen Fiktionen erhält. So ist Humbert Humbert zwar immer noch der egozentrische, verantwortungslose Asoziale des Romans, doch ist in Zanganehs Blick seine narzisstische Fixierung auf Dolly Haze trotz allem Liebe. Nabokov würde es wahrscheinlich mit einem schiefen Lächeln quittieren.

Neben der Auseinandersetzung mit einigen von Nabokovs Texten, wird er als Lepidopterologe gewürdigt (seine Fähigkeiten als Schachkomponist bleiben unerwähnt), sein Sohn Dmitri tritt auf und wir erfahren dies und das über die Autorin, die sich als Leserin Nabokovs immer wieder mit ins Spiel bringt. Zumindest dieser letzte Aspekt des Buches ist originell und trägt der Einsicht Rechnung, dass Lektüre im Idealfall immer die Verflechtung zweier – im Fall dieses Buches sogar dreier – Individualitäten darstellt.

Insgesamt für all jene (und das werden wohl die meisten sein), die Nabokov nicht oder nur aus dem einzigen Buch „Lolita“ kennen, wahrscheinlich eine anregende und informierende Lektüre, für einen Achtel-Kenner wie mich zu selektiv und enthusiastisch.

Lila Azam Zanganeh: Der Zauberer. Nabokov und das Glück. Aus dem Englischen von Susann Urban. Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg, 2015. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 240 Seiten. 19,95 € (Preis für Mitglieder) / 22,95 €.

Hazel Hutchison: Henry James

Hutchison-JamesWie an anderer Stelle bereits erwähnt, erfährt Henry James im Vorfeld der 100. Wiederkehr seines Todestages eine kleine Renaissance in Deutschland. Dazu gehört auch die Veröffentlichung einer kurzen, populären Biographie beim Parthas Verlag. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Englischen, und das Elend mit dem Buch beginnt bereits im Impressum, dem nicht zu entnehmen ist, wann und wo das Original einst erschienen ist (London: Hesperus Press, 2012). Die Autorin Hazel Hutchison ist, so der Waschzettel, „spezialisiert auf die Literatur des 19. Jahrhunderts“, eine Behauptung, die ich nicht per se in Zweifel ziehen will, … Für diese kurze Biographie wenigstens hat sie annähernd genug gelesen. Insgesamt kann man unempfindlicheren Lesern das Buch durchaus in die Hand geben, bei sensibleren Naturen würde ich davon abraten.

Das Buch ist eine jener Komplettkatastrophen, die nur selten in dieser Reinheit zutage treten: Die Autorin verfügt entweder nicht über ausreichend Bildung für das, worüber sie schreibt, oder sie hat schlicht schlampig gearbeitet, das Deutsch der Übersetzerin ist schlecht und ihre Übersetzung zumindest an einigen Stellen schlicht falsch und schließlich liegt auch noch ein Totalversagen der Lektorin vor, deren Namen der Verlag – vielleicht zur Strafe? – im Impressum ausdrücklich anführt.

Beginnen wir mit der Autorin: Mag es gerade noch so angehen, William Makepeace Thackeray als „comic novelist“ zu charakterisieren, so ist es ganz sicher falsch, jenes Fort, dessen Beschießung den Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs markiert, Fort Summer zu nennen (das allerdings könnte auch auf die Kappe von Übersetzerin oder Lektorin gehen; ich habe die Originalstelle nicht ansehen können) und es nach North, statt richtig nach South Carolina zu verlegen. Auch die Behauptung, der 14-jährige Henry James habe Gemälde der Präraffaeliten in der Londoner National Gallery gesehen, bezeugt die weitgehende Ahnungslosigkeit der Autorin, was die allgemeine Kultur des 19. Jahrhunderts angeht. (Es mag durchaus sein, dass James bereits um 1857 Bilder der Schule angeschaut hat, aber wenn, dann in der Royal Academy; die Sammlung der National Gallery enthielt zu dieser Zeit noch gar keine zeitgenössischen Werke.) Auch, dass sie zu faul ist nachzuschlagen, wie alt Turgenjew im November 1875 war, als James ihn kennenlernte, und sich mit einem nicht nur ungefähren, sondern einfach falschen „um die fünfzig“ begnügt, wirft kein gutes Licht auf das Buch.

Es ist durch die Übersetzung nicht besser geworden: Bereits die Übersetzung der oben erwähnten Phrase vom „comic novelist“ mit „Komödiendichter“ ließ mich Arges befürchten, aber dies ist nur der Auftakt zu einer ganzen Bonanza von Rechtschreibfehlern, willkürlich gesetzten oder weggelassenen Kommas, fehlenden Apostrophen, adjektivisch gebrauchten Adverbien, grammatikalisch falschen Konstruktionen, falschen „dass“, unglücklichen Übersetzungen Falscher Freunde und gröbsten stilistischen Schnitzern, dass es bald aufhört, ärgerlich zu sein, und sich der Leser köstlich über die schiere Menge an Patzern zu amüsieren beginnt.

All dies hätte durch das Lektorat aufgefangen werden müssen, doch ist dies nicht nur nicht geschehen, die Lektorin hat ihren Beitrag zum Gelingen der vollständigen Katastrophe geleistet: So teilt uns etwa der Text mit, dass sich das Ehepaar Edith und Teddy Wharton 1905 ein Automobil zugelegt hatte, in dem herumkutschiert zu werden, Henry James offenbar großen Spaß bereitete. Auf der gegenüberliegenden Seite wird dies illustriert durch ein Bild, das das Ehepaar Wharton und Henry James angeblich 1904 in dem betreffenden Automobil zeigt. Auf S. 82 bekommen wir ein kleines Porträt-Bild von Constance Fenimore Woolson zu sehen, das sie im Jahre 1887 zeigt; ergänzend bringt S. 101 ein nahezu identisches Bild angeblich aus dem Jahr 1890. Hinzukommen falsche Worttrennungen, und sogar einer der heute so selten gewordenen Zwiebelfische hat es ins Buch geschafft.

Kurz gesagt: Mir ist seit Jahren kein so durch und durch schlampig gemachtes Buch mehr in die Hand gekommen. Mag sein, hier wurde ein neuer Standard begründet!

Hazel Hutchison: Henry James. Übersetzt von Ute Astrid Rall. Berlin: Parthas, 2015. Pappband, 224 Seiten. 24,80 €.

P.S.: Noch ein Detail am Rande: Das Buch ist bei der Deutschen Nationalbibliothek unter dem falschen Autorennamen Hutchinson erfasst. Vielleicht wird es ja so gnädigerweise unauffindbar.

Sade

Sade verdient also besondere Beachtung weder als Schriftsteller noch als sexuell Pervertierter.
Simone de Beauvoir

Sade-RezeptionDie Person und das Werk des Marquis de Sade sorgen seit über 200 Jahren für intellektuelle Nervosität und moralische Aufregung. Von den einen als eine durchtriebene Zuspitzung der Ideologie der Aufklärung ins Absurde, von den anderen als eine Blütenlese von Obszönitäten gelesen, ist es Sade gelungen, kontinuierlich im Gedächtnis einer Moderne zu verbleiben, deren Wahnsinn er am Horizont seines eigenen Dilettantismus nicht einmal erahnen konnte.

Das vorliegende Buch sammelt theoretische Dokumente der Sade-Rezeption von 1789 bis 2014, wenn man das Nachwort der Herausgeberin mit hinzunimmt. Das Haupt- und Schmuckstück ist Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Aufsatz „Juliette oder Aufklärung und Moral“ von 1944, der allerdings Sade gleich so maßlos überschätzt, dass an ihm – Sade, nicht dem Aufsatz – bereits das gesamte Projekt der Aufklärung nahtlos in das Morden der Nationalsozialisten übergeht. Das ist ideologisch hübsch gemacht, findet auch auf einem argumentativen Niveau statt, an das keiner der anderen Essays an nur annähernd heranreicht, ist aber, tritt man einen Schritt zurück und wendet sich einem der Romane zu, die die Grundlage für solch einen Gedankengang bilden sollen, von erhabener Albernheit. Wenigstens muss man den beiden Autoren zugute halten, dass sie die einzigen sind, die den für Sades Phantasien zentralen Zusammenhang zwischen Macht und Sexualität ernst nehmen, der in beinahe allen anderen Texten höchstens am Rande eine Rolle spielt.

Herauszuheben ist ansonsten noch Thomas de Quinceys Vortrag „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“, der für sich genommen ein sehr witziger Text, allerdings mit der Sade-Rezeption nur im atmosphärischen Sinne verbunden ist. Von allem anderen war ich eher enttäuscht, wenn ich auch hier und da Schlimmeres erwartet hatte. So war mir beispielsweise das etwas selbstgefällige Geschwätz einer Susan Sontag bei weitem nicht so widerständig wie früher – wahrscheinlich werde auch ich altersmilde. Aber zu oft regieren Sätze wie:

Das Frankreich des 18. Jahrhunderts ist für seine Frivolität bekannt. Die Ausschweifungen der reichen Müßiggänger und Müßiggängerinnen [sic!] kannten keine Grenzen. (Viktor Jerofejew)

So etwas beschleunigt die Lektüre natürlich ungemein. Was der Band aber deutlich werden lässt, ist, dass Sades Dilettantismus den eigentlichen Kern seines Werks bildet: Seine zusammengelesenen Philosopheme, die eklektizistischen, flüchtigen und oft krummen Gedankengänge seiner Philosophie der Folterkammer sind der ideale Nährboden, auf dem jedermann (und auch jede Frau, wenn’s beliebt) seine ganz eigenen Pflänzchen anbauen kann. So ist denn vieles, was über Sade geschrieben wurde, wie Sades Werk selbst: letztlich gänzlich belanglos.

Sade. Stationen einer Rezeption. Hg. v. Ursula Pia Jauch. stw 2115. Berlin: Suhrkamp, 2014. Broschur, 469 Seiten. 20,– €.