E. T. A. Hoffmann: Seltsame Leiden eines Theater-Direktors

Geschmack! Das ist nur eine fabelhafte Idee – ein Gespenst, von dem alle sprechen und das niemand gesehen hat.

Die Ausgabe, in der ich derzeit Hoffmanns Sämtliche Werke zu lesen in der Lage wäre, so ich denn wollte, rühmt sich zu Recht die vollständigste jemals erschienene zu sein. Das liegt unter anderem daran, dass sie neben den hier besprochenen Seltsamen Leiden eines Theater-Direktors (1819) eine frühere und deutlich kürzere Fassung des Textes mit abdruckt, die 1817 im Berliner Dramaturgischen Wochenblatt unter dem Titel Die Kunstverwandten über mehrere Lieferungen hin erschienen war. Der Herausgeber der hier vorliegenden Sämtlichen Werke weist – ebenso zu Recht – darauf hin, dass es sich hier um den von Hoffmann am meisten überarbeiteten und erweiterten Text handelt. Für den Nichtfachmann und den, der nicht Fachmann werden möchte, beweist jene frühere, kürzere Fassung in der Hauptsache eines, nämlich dass die spätere, längere Fassung an einigen Stellen doch unmäßig lang geraten ist, was man aber vielleicht auch ohne den direkten Vergleich hätte herausfühlen können. Aber für den Germanisten taugt alles Fühlen nichts, wenn er etwas geradewegs durch Nachzählen beweisen kann!

Die Seltsamen Leiden eines Theater-Direktors nehmen eine Form auf, die sich bereits in den Fantasiestücken in der Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza gefunden hat: der unmittelbare Dialog als Stellvertreter für die fortlaufende Erzählung. Schon in der Nachricht war es in einigen Passagen um das zeitgenössische Theater gegangen, und Hoffmann nimmt diesen Punkt nicht nur formal, sondern auch inhaltlich wieder auf, in dem er in den Seltsamen Leiden gleich zu Anfang von einer Oper die Rede sein lässt, deren Protagonist, der Löwe Gusmann, von einem wohlabgerichteten Hund gespielt werden soll: „Himmel! – wieder ein Hund! – wieder ein Hund!“

In diesem Fall aber unterhalten sich zwei Theaterdirektoren miteinander, die zufällig im Frühstücksraum eines Gasthauses aufeinander treffen. Der Graue ist Direktor der offenbar nicht kleinen Städtischen Bühne, der Braune dagegen Direktor einer reisenden Truppe. Während der Graue ein an dem eigenen, durch Jahre der Erfahrung gestählten Pragmatismus verzweifelnder Macher („Wir machen mal was zusammen!“) ist, erweist sich der Braune dagegen als ein durch keine Beschränkungen eingeschüchterter Idealist, der Autoren, Schauspielern, Intendanz, Publikum und Kritik nur das Beste abverlangt und in seinen Ergüssen immer aufs Neue beweist, dass das Beste nicht nur besonders gut, sondern auch besonders förderlich und nützlich ist („Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci / lectorem delectando pariterque monendo“).

Wie schon gesagt, ist das eine oder andere für den heutigen (wahrscheinlich aber auch für den zeitgenössischen) Leser etwas langatmig geraten. Dafür entschädigen aber alle naselang Theateranekdoten, die man nicht verpassen möchte, weswegen man sich nicht wirklich traut, vom Quer- zum Kreuz-und-quer-lesen überzugehen. Überhaupt hat der Text ein Ende, nachdem sich auch bessere Schriftsteller als Hoffmann (und so sehr viele gibt es da nicht) die Finger geleckt haben würden: Nicht nur wird ein Märchen von Gozzi nacherzählt, das es in sich hat und jeder romantischen Bühne zur Ehre gereicht hätte, sondern die letzten Zeilen warten mit einer Pointe auf, die einen beinahe den Text noch einmal lesen ließe, wenn er nur ein wenig kürzer wäre. Aber das erwähnte ich wohl schon.

Eine durchaus vergnügliche Lektüre, besonders auch für jene, die noch dem Theaterbetrieb, ob innerlich, ob äußerlich, folgen, aber auch für die anderen, denen die romantische Kunstauffassung nahegeblieben oder nahegekommen ist. Und dort, wo sie ungeduldig werden, mögen sie sich sagen: „Geduld! Geduld!“

E. T. A. Hoffmann: Seltsame Leiden eines Theater-Direktors. Aus mündlicher Tradition mitgeteilt vom Verfasser der Fanatsiestücke in Callots Manier. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A Hoffmann: Nachtstücke

Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in der Form eines Herzens erbaut. Du trittst hinein, der Boden ist mit weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den Stein eingegrabenen Worte: Es ruht!

Die Nachtstücke (1816/1817) sind Hoffmanns Versuch, an die ungewöhnlich erfolgreichen Fan­ta­sie­stü­cke (1814) anzuschließen. Als große Oberthemen der acht Er­zäh­lun­gen (in zwei Bänden) lassen sich Wahn und Ver­bre­chen ausmachen, worauf der Titel offensichtlich anspielt. Das bekannteste der Nachtstücke ist zweifellos und zu Recht Der Sandmann, das zumindest zu meinen Zeiten als Student an kaum einem Germanisten vorübergegangen sein dürfte. Alle anderen Erzählungen der Sammlung fallen deutlich gegen dieses Zauberstück ab, wie überhaupt das erzählerische Niveau von Stück zu Stück sehr unterschiedlich ist.

Der Sandmann ist die Erzählung um den jungen Nathanael, der seine Heimatstadt zum Studium verlassen hat, dort aber immer noch Kontakt pflegt zu seinem Freund Lothar und dessen Schwester Clara, mit der er verlobt ist. Die Erzählung beginnt mit einem bewegenden Brief, in dem sich Nathanael der Umstände erinnert, unter denen sein Vater zu Tode gekommen ist: Bei alchemistischen Experimenten, die er zusammen mit der unheimlichen Figur Coppelius unternimmt, kommt es zu einem für den Vater tödlichen Unfall, den Nathanael ob zu Recht oder nicht für die Schuld Coppelius’ hält. Nun ist ihm an seinem Studienort der fliegende Händler für Brillen und andere optische Geräte Coppola begegnet, der ihn nicht nur dem Namen nach an den fatalen Coppelius erinnert und durch sein Auftauchen ein traumatisches und letztendlich schicksalhaftes Wiederdurchleben der Erinnerungen an den Tod des Vaters auslöst, sondern der Nathanael auch für die Begegnung empfänglich macht, die den Kern der Fabel bildet. Der Professor Spalanzani, bei dem Nathanael studiert, hat vorgeblich eine Tochter namens Olimpia, die er vor der Gesellschaft verbirgt. Nathanael aber, der im Haus gegenüber der Wohnung des Professors sein Quartier hat, beobachtet durch eines der Ferngläser des Händlers Coppola diese Tochter heimlich, die stundenlang regungslos an einem Tisch sitzt. Bei der schließlich doch erfolgenden Einführung Olimpias in die Gesellschaft verliebt sich Nathanael sofort in das junge Mädchen, das von allen anderen Anwesenden als hölzern und wenig sympathisch empfunden wird. Die weitere Fabel im Detail nachzuerzählen, ist unnötig: Nathanael verfällt einem sich immer weiter steigernden Liebeswahn, kehrt nach der Entlarvung Olimpias (mehr sei hier nicht verraten!) nach Hause zurück, wird scheinbar geheilt und …

Diese Erzählung hat solche Unmengen von Deutungen hervorgebracht, dass deren Studium beinahe faszinierender ist als die des Stücks selbst. Der Sandmann ist zur Hervorbringung von Interpretationen nahezu ideal geeignet: Offenbar wusste der Autor Hoffmann selbst nicht um die Bedeutung der verschiedenen suggerierten Zusammenhänge und das Verhältnis der einzelnen Elemente der Erzählung zueinander. Schon allein der Kunstgriff, das Kindheitstrauma Nathanaels über die Dop­pel­gän­ger­fi­gur Coppelius / Coppola mit dem Liebeswahn um Olimpia zu verknüpfen garantiert der Erzählung eine Mehrdeutigkeit, die von der Interpretation kaum einzuholen sein wird. Hinzukommen die Spiegelthemen Alchemie / Mechanik, Animismus / Rationalismus, Gefühl / Vernunft und Vernunft / Wahn, die die Erzählung nahezu zwangsläufig zu einem Herd einander widerstreitender Deutungen machen. Nur von Zeit zu Zeit gelingt einem Autor einmal ein solcher Wurf, von dem sich noch Generationen von Lesern getroffen fühlen; von der hehren Germanistik noch ganz zu schweigen.

Wie schon angedeutet fallen die anderen Stücke der Sammlung dem gegenüber ab:

  • Ignaz Denner ist eine Räubererzählung mit juristischem Nachspiel.
  • Die Jesuitenkirche in G. ist eine Künstlernovelle um einen Maler, der seine wahre Bestimmung nicht oder nur sehr unglücklich und spät findet.
  • Das Sanctus ist eine Künstlernovelle um eine psychosomatisch erkrankte Sängerin, die durch eine heimlich mit angehörte Erzählung geheilt wird.
  • Das öde Haus ist eine aufgelöste Gespenstergeschichte, der es nicht wirklich gelingt, das Unheimliche, das sie erzeugen möchte, aufs Papier zu bringen.
  • Das Majorat ist eine Bruder-, Mord- und Geistererzählung, die umständlicher ist, als ihr gut tut.
  • Das Gelübde erzählt um die verwickelten politischen Verhältnisse Polens herum eine Liebes- und Vergewaltigungsgeschichte, die schon von den Zeitgenossen Hoffmanns als eine unangenehme Fortsetzung der Kleistschen Marquise von O….  empfunden wurde.
  • Das steinerne Herz schließlich, das immerhin seinen Titel einem der Romane Arno Schmidts geliehen hat, ist eine motivisch außerordentlich locker gebaute Liebesgeschichte, deren Nachtseite sich auf eine recht pragmatische Art und Weise auflöst. Am Ende wird geheiratet, wie sich das für jede anständige Komödie gehört.

Alles in allem gelingt es Hoffmann nicht, den Fantasiestücken eine gleichwertige Sammlung von Erzählungen an die Seite zu stellen, was angesichts der sehr unterschiedlichen Produktionszeiten auch nicht wirklich zu erwartet ist. Das herausragende Stück der Sammlung wird noch Generationen von Lesern und Germanisten beschäftigen, bis sich eines Tages jemand wundern wird, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man sich über derartige Konstruktionen weitreichend Gedanken gemacht hat.

E. T. A. Hoffmann: Nachtstücke. In: Sämtliche Werke 3. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 22011. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 1200 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit nur als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels

Eure Geschichte, Mönch Medardus! fing er an: ist die verwunderlichste die ich jemals vernommen.

Noch während Hoffmann 1814 und 1815 an der Zusammenstellung und Ergänzung der Fantasiestücke arbeitet, entsteht parallel sein erster Roman Die Elixiere des Teufels, so dass nahezu unmittelbar nachdem der letzte Band der Fantasiestücke erschienen ist (Juni 1815), bereits der erste von zwei Bänden der Elixiere vorliegt (September 1815). Die Elixiere sind ein Moderoman, sie greifen die Form der in England bereits im Abklingen befindlichen Welle des Schauerromans (Gothic Novel) auf und liefern gemäß dem Genre eine Schauer- und Mordgeschichte mit einem Mönch als Protagonisten. Da das Genre in Deutschland in der Hauptsache immer noch aus Übersetzungen der englischen Vorlagen bekannt war, konnten Hoffmann und sein Verleger zu Recht auf einen bedeutenden Verkaufserfolg hoffen.

Natürlich hat der Text, so wie es sich für die Zeit gehört, eine Herausgeberfiktion, die die Geschichte in eine unbestimmte Vergangenheit verlegt: Erzählt wird im Rückblick und in seinen eigenen Worten die Lebensgeschichte des Knaben Franz, der als Mönch unter dem Namen Medardus in ein Kapuzinerkloster eintritt. Da er sich als frommer Bruder auszeichnet, wird ihm bald die Reliquiensammlung des Klosters anvertraut, in der sich neben anderem Firlefanz auch eine geheimnisvolle Weinflasche befindet, die aus dem Besitz des heiligen Antonius stammen soll. Mit dem Öffnen dieser Flasche beginnt Medardus Sündenfall. Er wird aus dem Kloster in die Welt geschickt und verwickelt sich augenblicklich in eine der unwahrscheinlichsten Geschichten, die man sich ausdenken kann: Sein zufälliges Zusammentreffen mit einem Doppelgänger (der sich als sein Halbbruder erweisen wird) führt ihn in ein erstes Abenteuer, in dem er die Identität des Doppelgängers annimmt und das in einem Doppelmord endet. Die Flucht aus diesem Abenteuer führt notwendig ins nächste und von diesem Zeitpunkt an flieht Medardus nicht nur seinen klösterliche, sondern auch seine doppelgängerische Identität, erlügt sich eine dritte, wird beinahe entlarvt, dann aber durch das unerwartet Auftauchen seines vermeintlich toten Doppelgängers errettet, verfällt dem Wahnsinn, dann der Reue und Buße und landet am Ende wieder in dem Kloster, von dem aus er in die Welt gezogen ist. Das Buch wimmelt von exaltierten Figuren, wobei Medardus immer die exaltierteste von allen ist. Der Leser erfährt die sündhafte Geschichte der Herkunft Medardus’, die der eigentliche Auslöser all seiner Abenteuer sein soll. Insofern spielen die titelgebenden Elixiere des Teufels im ganzen Roman kaum ein direkte, allerhöchstens eine metaphorische Rolle.

Ich muss zugestehen, dass mir das Buch bei der Wiederlektüre deutlich weniger auf die Nerven gefallen ist als damals während des Studiums; offensichtlich hat meine Toleranz gegen Schauer- und Mordgeschichten mittlerweile doch deutlich zugenommen. Das ändert nichts daran, dass der Roman gleich an zwei Symptomen leidet: Nicht nur ist die Anhäufung gänzlich unwahrscheinlicher Koinzidenzen schon für sich genommen störend, die zweite Hälfte des Romans krankt zudem daran, dass der Erzähler mit dem Erklären und Aufarbeiten dieser Zufälle einen gehörigen Teil des Textes füllen muss. Gekontert wird dieses triviale Herumgerenne mit durchaus interessanten Reflexionen zu Fragen der Identität; zum Teil wird die Handlung derart auf die Spitze getrieben, dass sich selbst der Leser fragt, ob nicht doch auf irgendeine Weise ein Anderer die Taten des Medardus begangen haben könnte. Auch der Fall des Ich-Erzählers in Wahn und Bewusstlosigkeit ist durchaus überzeugend gestaltet und reicht deutlich über die Trivialmuster der Zeit hinaus.

Für alle Freunde des Schauerromans ein historisches Muss, aber auch für all jene, die an der Entwicklung von Begriffen wie Identität, Wahn oder Unheimliches interessiert sind, ein gewichtiges Stück Geistesgeschichte.

E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners.  In: Sämtliche Werke 2/2. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1988. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 759 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit auch als Taschenbuch lieferbar.

E. T. A. Hoffmann: Fantasiestücke in Callot’s Manier

Bei den Fantasiestücken handelt es sich um die erste Buchveröffentlichung Hoffmanns aus dem Jahr 1814. Hoffmann war bereits seit 1803 publizistisch tätig, aber schloss erst 1813 einen Vertrag mit dem Bamberger Verleger Kunz, der einen einzelnen Band weitgehend mit bereits veröffentlichten Texten Hoffmanns bringen wollte. Die Planung wurde aber sehr rasch erweitert, so dass die Fantasiestücke schließlich bis 1815 in vier Bänden ausgeliefert wurden. Die Jahre 1813 bis 1815 sind eine ereignisreiche Zeit im Leben Hoffmanns: Während der Zeit der Zu­sam­men­stel­lung und Niederschrift der vier Bände ist er als Musikdirektor in Dresden und Leipzig angestellt, gilt also schon als wichtiger Musiker seiner Zeit. Er hat bereits eine eigene Symphonie vorgelegt und kom­po­niert in dieser Zeit seine Oper Undine nach dem Libretto Friedrich de la Motte Fouqués. Zugleich orientiert er sich beruflich neu, indem er sich um eine Anstellung im preussischen Justizministerium bewirbt, die ihn nach Berlin zurückbringen wird.

Trotz dieser beruflichen Auslastung entstehen in dieser Zeit bedeutende literarische Texte, die Hoffmanns Ruhm als Autor etablieren werden: Der goldene Topf, der den dritte Band der Fantasiestücke bildet, entsteht genauso wie umfangreiche Texte der Kreisleriana und nicht zuletzt weite Teile von Hoffmanns erstem Roman Die Elixiere des Teufels. Nebenbei schreibt er noch einige Rezensionen und kleinere Texte, von denen sicherlich Die Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden hervorzuheben ist.

Die Fantasiestücke selbst sind eine Zusammenstellung musikalischer und li­te­ra­ri­scher Schriften. Band 1 und 4 erhalten hauptsächlich Texte, die sich um Musik im engeren und weiteren Sinne drehen; in Band 1 tritt mit Jaques Callot [sic!] ein kurzer programmatischer Text zur Erläuterung des Titels hinzu; in Band 4 mit Die Abenteuer der Sylvester-Nacht eine anekdotisch erzählte, unglückliche Liebesgeschichte. Die meisten musikalischen Texte werden um ein Alter Ego Hoffmanns, den als verrückt angesehenen Kapellmeister Johannes Kreisler, gruppiert und tragen daher den Sammeltitel Kreisleriana. Band 2 enthält nur zwei Texte: Die Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, einem Gespräch zwischen dem Erzähler und dem von Cervantes erfundenen Hund, das unter anderem eine schneidende Parodie auf den zeit­ge­nös­si­schen Schauspiel-Betrieb enthält, die bis heute nicht wenige ihrer Spitzen behalten hat. Es folgt die Novelle Der Magnetiseur, eine halb phi­lo­so­phi­sche, halb schauerliche Geschichte von dem unheimlichen Einfluss eines unheimlichen Mannes, der am Ende zum Untergang einer ganzen Familie führt.

Wie bereits gesagt, bringt Band 3 nur einen einzigen Text: Der goldene Topf ist sicherlich das Schau- und Schmuckstück der Sammlung und zu Recht ihr bekanntester Text: Das Märchen vom Studenten Anselmus, der mitten in den Streit zweier Fraktionen von Elementargeistern gerät, glänzt mit seinem nahtlosen Ineinandergreifen von fantastischer und bürgerlicher Welt. Für Anselmus personifiziert sich der Konflikt zwischen den Ansprüchen der beiden Welten an ihn in der Liebe einerseits der bürgerlichen Veronika zu ihm und andererseits in seiner Liebe zu Serpentina, der Tochter des Archivars Lindhorst, der in Wahrheit ein in die profane Welt verbannter elementarischer Salamander ist. Natürlich geht alles am Ende so gut aus, wie man es von einem Märchen erwarten darf, wenn auch vielleicht nicht in dem Sinne, wie ordentliche Bürger es sich vorstellen. Der goldene Topf hatte einen erheblichen Anteil an der Etablierung Hoffmanns als bekanntem und erfolgreichem Schriftsteller.

E. T. A. Hoffmann: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten. In: Sämtliche Werke 2/1. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1993. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 941 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit auch als Taschenbuch lieferbar.

William Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung

Heiraten oder Hängen bleibt sich gleich.

Shakespeare-Guenther-13Auch eines der Stücke Shakespeares, mit denen sich die moderne Kritik schwer tut, endet es doch ausnahmsweise mit einer so unübersehbaren, platten und chauvinistischen Moral, dass es für den kritischen Menschen von heute das ganze Stück ruiniert. Da ist es doch einmal besser, kein Intellektueller zu sein und es so zu machen, wie das Publikum, das sich an der gut gemachten Komödie erfreut und Kätchens das Stück beschließende Predigt schlicht achselzuckend auf sich beruhen lässt. Denn gut gemacht ist das Stück:

Shakespeare exzelliert hier in der Parallelführung zweier Handlungsstränge. Zum einen geht es um das Liebeswerben Lucentios um Bianca, zum anderen um die Erziehung ihrer eigensinnigen Schwester Katharina durch den ihr frisch angetrauten Petruchio. Lucentio ist ein junger Mann aus Pisa, der nach Padua zum Studium kommt. Gleich und auf Anhieb verliebt er sich aber in Bianca, die Tochter Baptistas, und um sie umschmeicheln zu können, lügt er sich als Lehrer verkleidet in Baptistas Haus. Baptista allerdings hat ein dringenderes Problem, als die liebliche Bianca an den Mann zu bringen: Biancas ältere Schwester Katharina ist als unverträgliche Zanknudel verschrieen. Um sie aus dem Haus zu bekommen, verhängt Baptista das Gebot, dass Bianca erst nach der Vermählung Katharinas an die Reihe komme.

Da trifft es sich gut, dass bei einem der Bewerber um Biancas Hand ein alter Freund eintrifft: Petruchio, gerade Erbe des väterlichen Reichtums geworden, sucht eine Frau zur Ergänzung seines Vermögens und Haushalts. Ihm ist nicht bange vor Katharina und ihren Launen und der Überzeugung, schon Schlimmeres durchgestanden zu haben als ein bisschen Zank. So wirbt er um Katharina bei ihrem Vater, teilt dann seiner Braut in spe in einem kurzen Wortgefecht seine Absichten mit und verabschiedet sich in Geschäften nach Venedig. Am nächsten Sonntag taucht er erst kurz vor der Trauung in einem unmöglichen Aufzug auf, lässt sich unter unmöglichem Benehmen trauen und verschwindet mit seiner Frau umgehend aus Padua.

Während nun in Padua für die Bewerber Biancas der Weg frei ist, wird uns im Hause Petruchios Katharinas Erziehung vorgeführt: Der Ehemann benimmt sich ärger als seine Frau es je könnte und traktiert sie gleichzeitig durch Essens- und Schlafentzug. Dies Spielchen treibt er solange, bis Katharina sich in die Machtverhältnisse fügt, zu allem Ja und Amen sagt und als die Klügere ihrem Ehemann, dem sie nun einmal ausgeliefert wurde, endlich nachgibt. Die letzte Probe liefert dann ein Fest, das zugleich drei Hochzeiten feiert: Die Katharinas und Petruchios, die Biancas und Lucentios und eine weitere, die der Symmetrie wegen benötigt wird. Hier führt Petruchio seinen Sieg über Katharina öffentlich vor, indem er – im Gegensatz zu den anderen Ehemännern – in der Lage ist, seiner Ehefrau geradewegs Befehle zu erteilen, ohne irgendeinen Widerstand bei ihr zu erregen. Das ganze gipfelt in eben jener schon erwähnten Moralpredigt Katahrinas über die Rolle der Ehefrau als gehorsame Untertanin und Dienerin ihres Ehemannes.

Man kann nun versuchen, mit diesem Schluss auf ganz verschiedene Weise fertig zu werden: Man kann ihn ironisieren – was nicht das Schlimmste ist, was die Tradition mit Shakespeares Stücken so getrieben hat –, man kann ihn kritisieren – was etwa auch der Übersetzer Frank Günther tut –, man kann ihn als dramaturgische Notwendigkeit begreifen – schließlich ist es die Aufgabe des Dramas, die Harmonie der Bühnengesellschaft wiederherzustellen – oder man kann ihn schlicht auf sich beruhen lassen – was klugerweise die meisten Zuschauer tun. Und doch ist es bemerkenswert, dass Shakespeare, dessen Stücke in den meisten Fällen von platten moralischen Belehrungen so angenehm frei sind, gerade dort, wo er einmal auf gut einer Seite die offizielle Moral seiner Zeit unverstellt zu Wort kommen lässt, uns gleich ganz und gar unmodern erscheint. Ob er überhaupt berühmt wäre, wenn er geschrieben hätte, was er wirklich dachte?

William Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 13. Cadolzburg: ars vivendi, 2002. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 304 Seiten. 33,– €.

William Shakespeare: Wie es euch gefällt

Ich bin Verstandesmensch so gut wie er, aber ich schau dankbar auf zum Himmel und trag’s nicht vor mir her.

Shakespeare Guenther 12Eine weitere leichte Komödie Shakespeares. Den dramatischen Anlass bildet ein doppelter Bruderzwist: Orlando wird ungerecht behandelt von seinem Bruder Oliver, der ihn als billige Arbeitskraft auf dem ererbten Hof verschleißt anstatt ihm eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen, wie der Vater es gewollt hatte, und der ältere Herzog ist von seinem Bruder Frederick aus Amt und Würden vertrieben worden und lebt nun fröhlich „wie Robin Hood“ mit einem Teil seines Hofstaats im Wald von Arden. Zu ihm gesellen sich nun auch Orlando und – in etwas größerer Distanz  – Rosalinde und Celia, die Töchter des alten und des neuen Herzogs, wobei sich Rosalinde als Mann verkleidet hat, um die Sicherheit der beiden Damen zu erhöhen. Bevor man in den Wald verschwindet, wird kurz noch Gelegenheit gemacht, dass Rosalinde und Orlando sich ineinander verlieben können: Orlando gewinnt einen Catch-Wettbewerb am Hofe Fredericks und kann so seine Männlichkeit strahlen lassen.

Im Wald leben alle fröhlich und harmonisch, nur die Liebe bringt Verwicklungen mit sich, die weidlich ausgekostet werden: Rosalinde, jetzt als Ganymed in Hosen, überredet Orlando an ihr/ihm sein Liebeswerben um Rosalinde zu üben (eine Posse, die in Shakespeares Theater noch dadurch zugespitzt wurde, dass alle Frauenrollen ohnehin von Männern gespielt wurden), eine Schäferin namens Phoebe verliebt sich in Ganymed/Rosalinde und wird wiederum vom Schäfer Silvius begehrt. Probstein, der Narr des alten Herzogs, verliebt sich sterblich in Käte, eine hässliche Ziegenhirtin, die ihm auch gern zu Willen ist, und schließlich werden sich auch Celia und der seinen Bruder suchende Oliver in rasender Geschwindigkeit einig. Am Ende hagelt es Hochzeiten, der junge Herzog bekehrt sich urplötzlich zum Besseren und wird Eremit, und alle laufen fort zum Fest und lassen das Publikum nach Hause gehen.

Höhepunkte des Stücks sind einerseits Lord Jaques selbst aus dem Hofstaat des alten Herzogs, ein melancholischer Philosoph –

Gut, gut, wenn ich jemals jemand danke schön sage, sag ich’s Ihnen; aber was Höflichkeiten tauschen heißt, kommt mir vor, als wenn sich zwei Nasenaffen am Hintern riechen.

– und andererseits seine vielzitierte “All the world’s a stage”-Metapher, die beide dem Stück gelegentlich ein wenig Tiefgang verpassen, ohne dass der ansonsten getriebene allgemeine Unfug groß gestört wird – der blankste Realismus, wie man sieht!

Dies ist eines jener Stücke, an denen man gut erkennen kann, dass Shakespeare Teil eines kommerziellen Unterhaltungsbetriebs war, in dem es darum ging, einem möglichst bunten und breiten Teil des vorhandenen Publikums Vergnügen zu bereiten und ihm damit das Geld aus der Tasche zu ziehen. Man wird diese Art des gehobenen Klamauks dann viel später etwa bei Nestroy wiederfinden, der in einer ganz ähnlichen Lage schrieb wie der Stratforder Meister.

William Shakespeare: Wie es euch gefällt. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 12. Cadolzburg: ars vivendi, 2002. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 282 Seiten. 33,– €.

William Shakespeare: König Richard III.

Ich fürcht, ich fürcht, ’s wird rundgehn mit der Welt.

Shakespeare Guenther 11König Richard III. ist bekanntlich jener dialektische Tyrann, den es brauchte, um den englischen Sturz aus der politischen Unschuld in den Rosenkrieg so auf die Spitze zu treiben, dass er überwunden werden konnte. Nach ihm erschien jede Herrschaft annehmbarer und sei es die eines Heinrich VII. Und so sind Richards Tyrannei, seine moralische wie körperliche Verwachsenheit zentrale Elemente jenes Tudor-Mythos, der zur Rechtfertigung und Sicherung der Herrschaft seiner Nachfolger diente. Und Shakespeares Stück ist nur eine theatralische Verlängerung und dramaturgische Verwertung jenes Mythos.

Selbstverständlich ist eine durch und durch böse Figur von besonderem Reiz, zeigt sie doch die Vorzüge der Macht einmal unverstellt und beflügelt so die Phantasie derer, die selbst heimlich oder unheimlich von ihr träumen. Und so gerät Richard denn auch: Beredt, charmant, beliebt bei Kindern, erfolgreich selbst bei Frauen, deren Ehemänner er kurz zuvor noch ermordet hat, öffentlich fromm, privat gottlos, Solidaritäten einfordernd, selbst aber verweigernd – und alle, die ihm widersprechen, werden einfach hingerichtet. Was für ein angenehmes Leben!

Natürlich kann man solche unverstellte Selbstherrlichkeit nicht auf sich beruhen lassen, und das Schicksal schreitet rasch: Einige entkommen dem Zugriff des Tyrannen und wollen selbst Kalif sein anstelle des Kalifen. Was macht man unter Männern, wenn man sich über den Zugang zur Macht nicht einig wird? Man führt Krieg. Und in dem hat Richard das Pech, erschlagen zu werden und so sein historisches Porträt von den Siegern geschrieben zu bekommen. Wahrscheinlich war er in Wirklichkeit nicht bucklig, nur halb so bös und kaum viertels so beredt.

Shakespeare hat in „König Richard III.“ hauptsächlich mit einem Mangel an echter Handlung und Entwicklung zu kämpfen. Die Handlung setzt kurz vor dem Tod Edward IV. ein: Richard beseitigt seinen Bruder George, der ein möglicher Konkurrent bei der Thronfolge wäre, aber leider gelingt dies ohne viel Aufwand. Edward stirbt kurz darauf von selbst und anschließend muss nur der Thronerbe in den Tower gesperrt werden, damit die eigene Thronfolge mit geringem Aufwand inszeniert werden kann. Richards Streben nach der Macht wird zwar oft und wortreich beklagt, aber niemand leistet effektiven Widerstand. Der letzte Akt liefert dann endlich eine Schlacht, aber bis dahin ist nur wenig zu tun.

Auch kann von keiner Entwicklung des Protagonisten gesprochen werden: Seine Intentionen sind von der ersten Szene an so eindeutig und langweilig offenbar, dass von daher kaum irgendeine dramaturgische Bewegung erhofft werden kann. Shakespeare hilft sich heraus, indem er zahlreiche Szenen einbaut, in denen andere über Richard und die fatalen Folgen seines Strebens zur Macht klagen. Es ist ihm dabei zugute zu halten, dass es unter all denen, die Richard beschuldigen, keinen gibt, die oder der selbst frei von Schuld wäre; hier sitzt ein jeder, der Steine wirft, im eigenen Glashaus. So geht’s halt zu bei Königs daheim.

Ein Stück, das nahezu ausschließlich von der Faszination am unverstellten Bösen und dem Charakter des Protagonisten lebt. Wer Tyrannen, ihr Wirken, Meinen und Leiden eher nebensächlich oder weniger interessant findet, mag sich langweilen. Für alle, die glauben, die Macht könne sie oder gar uns erretten, eine Art Lehrstück. Am wirkungsvollsten in Diktaturen aufzuführen.

William Shakespeare: König Richard III. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 11. Cadolzburg: ars vivendi, 2002. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 376 Seiten. 33,– €.

William Shakespeare: Zwei Herren aus Verona

Außerdem: 1594 […] war [Shakespeare] 30 Jahre alt; vergleichsweise war Georg Büchner da schon sechs Jahre tot.

Wolfgang Wicht

Shakespeare Guenther 09Bei den „Zwei Herren aus Verona“ handelt es sich um eines jener Stücke Shakespeares, die den Nachlebenden erhebliche interpretatorische Bauchschmerzen bereiten. Uneins ist man sich bereits bei der Frage der zeitlichen Verortung des Stückes: Einige halten es eindeutig für ein Frühwerk, andere weisen auf die raffinierte Gearbeitetheit des Stückes hin und wollen es auf jeden Fall dem reifen Dichter zuordnen. Was die einen nur als dramaturgische Hilflosigkeit verstehen können, ist für die anderen eine provokante Parodie auf spätmittelalterlichen Chauvinismus. Was auch immer es ist, wirklich gelungen scheint es nicht zu sein.

Einmal mehr handelt es sich „Zwei Herren aus Verona“ um eine italienisch situierte Liebeskomödie Shakespeares: Valentin und Proteus, zusammen in Verona aufgewachsen und dicke Freunde, werden auf kurze Zeit voneinander getrennt: Valentin geht nach Mailand an den Hof des Kaisers, Proteus bleibt zurück, um seine geliebte Julia zu hofieren. Das allerdings nützt ihm nicht viel, denn sein Vater entscheidet bald, dass auch der Stubenhocker Proteus nach Mailand soll, wogegen der sich plötzlich nicht mehr wehrt. In Mailand eingetroffen findet er Valentin verliebt in Silvia, die Tochter des Herzogs, vor. Ruck, zuck vergisst Proteus seine Julia, verliebt sich ebenfalls in Silvia und will sich nun den zum Widersacher gewordenen Valentin vom Halse schaffen. Daher verrät er Valentins und Silvias Fluchtplan dem herzoglichen Vater, der Valentin daraufhin verbannt. Auf dem Weg nach Mantua wird Valentin von einer Räuberbande aufgegriffen, die ihn kurzerhand zu ihrem Hauptmann macht, anstatt ihn auszurauben. Schließlich laufen auch Silvia, Proteus, der Herzog und dessen Ehekandidat für Silvia, ein Herr Thurio, in den Wald, wo sich alle zum Happy End treffen: Valentin und Proteus versöhnen sich wieder, Proteus wendet sich der als Page verkleideten Julia wieder zu, der euphorisierte Herzog verzeiht Valentin und allen seinen Räubern alles und erlaubt die Heirat mit Silvia, und selbst Herr Thurio wird mit zur Doppelhochzeit eingeladen.

Das Stück ist nach unserem Verständnis tatsächlich dramaturgisch abenteuerlich uneinheitlich: Einerseits lässt sich auf die schön gearbeiteten Spiegelungsverhältnis der Paare Proteus/Julia und Valentin/Silvia hinweisen; auch die feinen Spitzen gegen höfisches Rittertum sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits überzeugen weder die urplötzliche Räuberhauptmannschaft noch die gesamte Konstellation der Konfliktlösung am Ende des Stücks. Als eigentliche Crux erweist sich dabei die Versöhnung der beiden Protagonisten, zwischen denen nicht nur nach einem kurzen Reuebekenntnis des Proteus alles wieder gut ist, sondern als deren Konsequenz Valentin auch noch ganz großzügig Silvia dem Proteus als Freundschaftspreis anbietet.

Nun weisen zwar Übersetzer Frank Günther und der Verfasser des beigebundenen Essays Wolfgang Wicht darauf hin, dass man dies – ob Parodie oder Ernst – im Rahmen der zeitgenössischen Ideologie der Männerfreundschaft lesen sollte, doch auch das befriedet nur, befriedigt aber letztlich nicht. Was auch immer der Grund für die augenscheinliche Unausgewogenheit des Stückes sein mag (man könnte geneigt sein, ein zeitgenössisches Stück erfinden wollen, das so schlecht und zugleich so bekannt war, dass Shakespeare mit „Zwei Herren aus Verona“ eine direkte Parodie darauf verfasst hat, die keiner mehr erkennt, weil die Vorlage vollständig verschwunden ist; aber natürlich würde das in unseren Zeiten der Vernunft kein Mensch gelten lassen), wir werden damit leben müssen, hier nur ein verwachsenes Kind des Schwans vom Avon vorliegen zu haben.

William Shakespeare: Zwei Herren aus Verona. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 9. Cadolzburg: ars vivendi, 2001. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen. 246 Seiten. 33,– €.

William Shakespeare: Was ihr wollt

Jetzt geht’s zu End, die ganze großspurige große Welt wird ein salbaderndes Narrenhaus!

Shakespeare Guenther 08Im Jahr eines Shakespeare-Jubiläums soll man nach Möglichkeit auch Shakespeare lesen! Fangen wir also an: Bei „Was ihr wollt“ handelt es sich – wie schon der Titel erahnen lässt – um eine von Shakespeares leichten Komödien, die versuchen, einen möglichst breiten Publikumsgeschmack zu treffen. Im Vordergrund stehen daher Spaß und Klamauk, Wortspiele und Liebes-Gedöns. Als Gegengewicht wird ein alternder, zum Narren verkommener Philosoph mit in die Handlung verwickelt, und weil man dann immer noch nicht auf die notwendige Länge kommt, stecken wir noch eine kleine Verwechslungsgeschichte mit Zwillingen dazu.

Die Handlung ist im Grunde diese: A liebt B, B liebt C, C liebt A. D liebt heimlich auch B, wird aber dafür von E, F und G – die letztern beiden Saufkumpane, von denen G, um die Verwirrung komplett zu machen, es auch noch auf B abgesehen hat – auf den Arm genommen. C ist eigentlich eine Frau, hat sich zur Sicherheit aber als Mann verkleidet, da sie als Schiffbrüchige (beinahe hätte ich geschrieben ‚Alleinerziehende‘) im fremden Land – einem vollständig erfundenen Illyrien – leben muss. Verkleidet als Mann gleicht sie zum Verwechseln ihrem Zwillingsbruder C1. C und C1 glauben einander wechselseitig ertrunken. Den Rest kann sich jeder leicht selbst ausdenken, es kommt nicht so sehr aufs Detail an. Die Hauptsache ist ein üppiges Hin und Her, das ausreichend Gelegenheit zu gewollten und ungewollten Missverständnissen, Wortwechseln, Streitereien und Verwechslungen liefert, die sich schließlich alle durch eine, in diesem Fall sogar zwei Hochzeiten auflösen lassen.

Dieser weitgehend schematisierte Klamauk ist natürlich dadurch geadelt, dass er von Shakespeare stammt. Die Qualität der Wortspiele ist hoch, hier und da fällt sogar ein echter Gedanke dabei ab. So darf der neben der eigentlichen Handlung herlaufende Narr Feste wenigstens halbwegs Anspruch auf Originalität machen. Anlass für diesen speziellen Klamauk war eine Art von englischem Karneval, der um die Weihnachtszeit gefeiert wurde und dessen Höhepunkt auf den Dreikönigstag – der Twelfth Night nach Weihnachten; daher der englische Haupttitel des Stücks – fiel.

Es sind aber gerade die Wortspiele, die es dem Übersetzer schwer machen: Frank Günther, dessen erklärtes Ziel es ist, eine spielbare Übersetzung zu liefern, die dem heutigen deutschen Publikum einen ähnlichen Eindruck vermittelt wie das Original den Zeitgenossen Shakespeares, macht aus der Not eine Tugend und erfindet Dialoge zum Teil vollständig neu, da sich die englischen nicht ins Deutsche retten lassen. In den umfangreichen Anmerkungen werden die entsprechenden Entscheidungen vom Übersetzer ausführlich dokumentiert und erläutert; da die Shakespeare-Ausgabe Günthers immer zweisprachig daherkommt, kann sich jeder Leser auch selbst ein Bild davon machen, was der Übersetzer aus dem Original hat werden lassen.

Ein Stück, das man nicht zu ernst nehmen sollte – was offenbar, wie man dem angehängten Essay von Christa Jansohn entnehmen kann, auf deutschen Bühnen gern geschieht – und das, mit dem richtigen Tempo gespielt, auch heute noch seine Wirkung entfalten dürfte.

William Shakespeare: Was ihr wollt. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 8. Cadolzburg: ars vivendi, 2001. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen. 296 Seiten. 33,– €.

Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen

Nabokov-Bastardzeichen„Das Bastardzeichen“ erschien nach einer längeren Pause im Schreiben Vladimir Nabokovs erst 1947 in den USA. Nach „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ (1941) hatte Nabokov nur als Auftragsarbeit seine Kurzeinführung zu „Nikolaj Gogol“ geschrieben, ansonsten war er damit beschäftigt gewesen, als Entomologe, Lehrer für Russisch und Dozent für zeitgenössische Literatur seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit „Bend Sinister“, wie der Text im Original heißt, kehrt er ab dem Herbst 1942 zur fiktionalen Prosa zurück.

Der Roman schließt in einem gewissen Sinne an „Einladung zur Enthauptung“ (1936) an: Auch hier bildet den Hintergrund der Fabel ein fiktives totalitäres System, das Züge sowohl des Sowjetstaates als auch des Dritten Reiches trägt. Protagonist ist der international berühmte Philosophieprofessor Adam Krug, der zu Beginn des Romans den überraschenden Tod seiner erkrankten Ehefrau erleben muss. Krug bleibt mit seinem kleinen Sohn zurück, dem er den Verlust der Mutter so lange wie möglich zu verheimlichen sucht. Zugleich versucht er nach Kräften, den politischen Umsturz in seinem Land zu ignorieren: Ein Schulkamerad Krugs, Paduk, genannt „Die Kröte“, hat mit seiner Partei des durchschnittlichen Menschen die Macht an sich gerissen und lässt umfangreich Verhaftungen vornehmen, die zuerst nur den Bekanntenkreis Krugs betreffen. Solange es noch problemlos möglich wäre, aus dem Land zu fliehen, weigert sich Krug dies zu tun, weil dies hieße, die Realität und Relevanz der politischen Welt anzuerkennen. Auch weigert er sich, für die Universität beim neuen Diktator vorstellig zu werden, ja, als er diesem schließlich mit sanftem Nachdruck vorgeführt wird, weigert er sich ebenso strikt, die Stelle des Rektors einer neuen Staatsuniversität zu übernehmen. Und als er schließlich wenigstens in seinen Träumen bereit ist, eine Flucht zu unternehmen, ist es zu spät: Krug wird verhaftet und in einer sich immer weiter zuspitzenden, alptraumhaften Sequenz der staatlichen Willkür zugeführt.

Das wesentliche erzählerische Mittel des Romans ist die Abfolge von Real- und Traumsequenzen, die, wie auch bereits in „Einladung zur Enthauptung“, nahtlos ineinander übergehen; nur von Zeit zu Zeit wird das Ende einer zu realistisch geratenen Traumsequenzen durch das Erwachen des Träumers markiert. Pointe dieser Technik ist hier allerdings, dass die letzte Sequenz des Buches, die die reale Vernichtung Krugs und seines Sohnes vorführt, alle Träume und Alpträume zuvor an Wahn übersteigt. Die totalitäre Wirklichkeit der Durchschnittsmenschen kann mit keiner Phantasie des Philosophen Schritt halten.

Die Leidenschaft, die der Autor offensichtlich in die Verdammung eines fiktiven Totalitarismus investiert, erklärt sich natürlich problemlos aus der Biographie Nabokovs, der aus Deutschland gleich zum zweiten Mal vor einer unmenschlichen Diktatur in eine Fremde und eine andere Sprache zu fliehen gezwungen war. Doch dem heutigen Leser mag es nicht unbedingt leicht fallen, sich auf diese Leidenschaft einzulassen, denn nicht nur sind Nabokovs Bilder der Gewalt gealtert, auch das Metaphernpaar Realität/Traum wirkt etwas zu abgegriffen und flach, um dem Grauen der Gewalt im 20. Jahrhundet gerecht zu werden. Das Schlimmste war es eben nicht, dass ein berühmter Philosoph und ein kleines Kind umgekommen sind, sondern das wahre Grauen lag ganz woanders; aber das konnte Nabokov kaum erahnen, als er das Buch schrieb.

Darüber hinweg trösten kann man sich vielleicht mit jenem Kapitel, indem sich Nabokov über einige Shakespeare-Deuter des 19. Jahrhunderts lustig macht, oder auch mit jener Passage, in der er eine Reihe unzusammenhängender Fakten als Notizen Krugs für einen Essay ausgibt, deren Zusammenhang allerdings nicht einmal mehr Krug noch zu durchschauen weiß.

Es mag auch sinnvoll sein, wenigstens einen Hinweis zu dem etwas kryptischen Titel zu geben: „Bend Sinister“ ist ein Fachbegriff aus der Heraldik, der auf Deutsch Bastardbalken oder Bastardfaden heißt und in Wappen dazu dient, den unehelichen Zweig eine Familie kenntlich zu machen. Wer allerdings in diesem Roman aus welchen Gründen der Bastard ist, wird jeder Leser mit sich selbst ausmachen müssen.

Vladimir Nabokov: Das Bastardzeichen. Deutsch von Dieter E. Zimmer. Gesammelte Werke VII. Reinbek: Rowohlt, 1990. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 347 Seiten. 23,– €.