E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels

Eure Geschichte, Mönch Medardus! fing er an: ist die verwunderlichste die ich jemals vernommen.

Noch während Hoffmann 1814 und 1815 an der Zusammenstellung und Ergänzung der Fantasiestücke arbeitet, entsteht parallel sein erster Roman Die Elixiere des Teufels, so dass nahezu unmittelbar nachdem der letzte Band der Fantasiestücke erschienen ist (Juni 1815), bereits der erste von zwei Bänden der Elixiere vorliegt (September 1815). Die Elixiere sind ein Moderoman, sie greifen die Form der in England bereits im Abklingen befindlichen Welle des Schauerromans (Gothic Novel) auf und liefern gemäß dem Genre eine Schauer- und Mordgeschichte mit einem Mönch als Protagonisten. Da das Genre in Deutschland in der Hauptsache immer noch aus Übersetzungen der englischen Vorlagen bekannt war, konnten Hoffmann und sein Verleger zu Recht auf einen bedeutenden Verkaufserfolg hoffen.

Natürlich hat der Text, so wie es sich für die Zeit gehört, eine Herausgeberfiktion, die die Geschichte in eine unbestimmte Vergangenheit verlegt: Erzählt wird im Rückblick und in seinen eigenen Worten die Lebensgeschichte des Knaben Franz, der als Mönch unter dem Namen Medardus in ein Kapuzinerkloster eintritt. Da er sich als frommer Bruder auszeichnet, wird ihm bald die Reliquiensammlung des Klosters anvertraut, in der sich neben anderem Firlefanz auch eine geheimnisvolle Weinflasche befindet, die aus dem Besitz des heiligen Antonius stammen soll. Mit dem Öffnen dieser Flasche beginnt Medardus Sündenfall. Er wird aus dem Kloster in die Welt geschickt und verwickelt sich augenblicklich in eine der unwahrscheinlichsten Geschichten, die man sich ausdenken kann: Sein zufälliges Zusammentreffen mit einem Doppelgänger (der sich als sein Halbbruder erweisen wird) führt ihn in ein erstes Abenteuer, in dem er die Identität des Doppelgängers annimmt und das in einem Doppelmord endet. Die Flucht aus diesem Abenteuer führt notwendig ins nächste und von diesem Zeitpunkt an flieht Medardus nicht nur seinen klösterliche, sondern auch seine doppelgängerische Identität, erlügt sich eine dritte, wird beinahe entlarvt, dann aber durch das unerwartet Auftauchen seines vermeintlich toten Doppelgängers errettet, verfällt dem Wahnsinn, dann der Reue und Buße und landet am Ende wieder in dem Kloster, von dem aus er in die Welt gezogen ist. Das Buch wimmelt von exaltierten Figuren, wobei Medardus immer die exaltierteste von allen ist. Der Leser erfährt die sündhafte Geschichte der Herkunft Medardus’, die der eigentliche Auslöser all seiner Abenteuer sein soll. Insofern spielen die titelgebenden Elixiere des Teufels im ganzen Roman kaum ein direkte, allerhöchstens eine metaphorische Rolle.

Ich muss zugestehen, dass mir das Buch bei der Wiederlektüre deutlich weniger auf die Nerven gefallen ist als damals während des Studiums; offensichtlich hat meine Toleranz gegen Schauer- und Mordgeschichten mittlerweile doch deutlich zugenommen. Das ändert nichts daran, dass der Roman gleich an zwei Symptomen leidet: Nicht nur ist die Anhäufung gänzlich unwahrscheinlicher Koinzidenzen schon für sich genommen störend, die zweite Hälfte des Romans krankt zudem daran, dass der Erzähler mit dem Erklären und Aufarbeiten dieser Zufälle einen gehörigen Teil des Textes füllen muss. Gekontert wird dieses triviale Herumgerenne mit durchaus interessanten Reflexionen zu Fragen der Identität; zum Teil wird die Handlung derart auf die Spitze getrieben, dass sich selbst der Leser fragt, ob nicht doch auf irgendeine Weise ein Anderer die Taten des Medardus begangen haben könnte. Auch der Fall des Ich-Erzählers in Wahn und Bewusstlosigkeit ist durchaus überzeugend gestaltet und reicht deutlich über die Trivialmuster der Zeit hinaus.

Für alle Freunde des Schauerromans ein historisches Muss, aber auch für all jene, die an der Entwicklung von Begriffen wie Identität, Wahn oder Unheimliches interessiert sind, ein gewichtiges Stück Geistesgeschichte.

E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners.  In: Sämtliche Werke 2/2. Hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1988. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 759 Seiten. Diese Ausgabe ist derzeit auch als Taschenbuch lieferbar.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl

Heute vor 200 Jahren verstarb Jane Austen nach einer kurzen, aber durchaus erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin im Alter von nur 41 Jahren. In diesem Gedenkjahr legt Manesse eine Neuübersetzung ihres ersten veröffentlichten Romans “Sense and Sensibility” (1811) vor. Zu Inhalt und literarhistorischer Einordnung des Buches ist hier an anderer Stelle schon etwas gesagt worden, das nicht wiederholt zu werden braucht.

Die Neuübersetzung von Andrea Ott liefert einen eingängigen Text für den heutigen Markt, der sich grundsätzlich durch eine geschmeidige, glatte Sprache auszeichnet. Insofern wird sie den meisten der nicht­phi­lo­lo­gischen Leserinnen Jane Austens entgegenkommen. Ott nimmt sich aber zu diesem Zweck große Freiheiten in Wortstellung und Ausdruck heraus, die ihren Text ein deutliches Stück vom Original weiter entfernen als die von mir wegen ihrer hohen Präzision geschätzte Übersetzung von Ursula und Christian Grawe. So bezeichnet Austen zum Beispiel gleich auf der ersten Seite die zweite Ehefrau Henry Dashwoods mit den Worten “by his present lady”, also gerade nicht als “his second wife”. Nun ist es sachlich natürlich nicht falsch, das mit „von seiner jetzigen Frau“ zu übersetzen, aber es trifft den Ton des Originals nicht; besser ist das von den Grawes verwendete Wort „Gemahlin“, das zwar altertümelnd daherkommen mag, der Stillage Austens aber eindeutig näher steht.

Dieses kleine Beispiel soll pars pro toto meine grundsätzliche Ein­schät­zung der Übersetzung Otts illustrieren und keine Kritik an deren Arbeit darstellen. Es gilt für alle Übersetzungen, dass sie immer nur in der Lage sind, höchstens auf einen oder zwei Aspekte des Originals scharf zu stellen. Wer einen inhaltlich korrekten und zugleich eingängigen Text lesen möchte, ist mit dieser Neuausgabe gut bedient; wer allerdings einen Text sucht, der ihm eine Vorstellung vom Stil und auch der Kantigkeit Jane Austens liefert, wird auch weiterhin zu der Ausgabe bei Reclam greifen.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Zürich: Manesse, 2017. Pappband, Lesebändchen, 412 Seiten. 26,95 €.

Sophokles: Antigone

Er komme, komme!
Erscheine, der Tode Schönster,
Der den letzten Tag mir bringt,
Er, der Höchste! –
Er komme, komme! daß ich nicht
Den anderen Tag noch sehn muß!

[Wolfgang Schadewaldt]

Gefühlt die 20. Lektüre seit meiner Schulzeit, einmal mehr aus didaktischem Anlass, diesmal in der wohl recht neuen Übersetzung von Kurt Steinmann bei Reclam. Begegnet bin ich dem Stoff allerdings zuerst als laienschauspielender Schüler in der Bearbeitung von Jean Anouilh. Dann habe ich im Studium manche Stunde über der Hölderlinschen Übersetzung rätselnd zugebracht, zu der ich auch wieder erst über einen Umweg gekommen bin, nämlich der Brechtschen Bearbeitung von 1948, die versucht, den Stoff als Widerstandsstück gegen einen Unrechtsstaat zu lesen. Und schließlich bin ich dann – wie bei so vielen anderen Texten – bei Wolfgang Schadewaldt hängen geblieben, der Sophokles in einer ganz merkwürdigen Schwebe zwischen Lakonismus und Pathos zu halten versteht, dessen Übersetzungen aber wohl gerade untergehen, da ihr Verfasser in politische Ungnade gefallen ist.

Der Stoff des Mythos dürfte wohl bekannt sein oder kann wenigstens leicht an zahlreichen Stellen gefunden werden, deshalb hier nur eine ganz kurze Erinnerung: Antigone, die Tochter des König Ödipus, folgt dem Gebot der Götter und bestattet entgegen dem Verbot ihres Onkels Kreon ihren Bruder Polyneikes. Der ist bei dem Versuch, die Herrschaft über Theben seinem Bruder Eteokles gewaltsam zu entreißen, ebenso wie dieser auf dem Schlachtfeld geblieben. Während Eteokles als Beschützer der Stadt mit allen Ehren beigesetzt wird, soll Polyneikes nach dem Willen des neuen Herrschers Kreon als Staatsfeind Nr. 1 auf dem Schlachtfeld verrotten. Antigone wird bei der Wiederholung des Bestattungsrituals auf frischer Tat ertappt, verhaftet, verhört und zum Tode verurteilt. Um sich durch deren Hinrichtung nicht den Zorn der Götter zuzuziehen, mauert man sie bequem in eine Höhle vor der Stadt ein. Als sich Kreon endlich eines anderen – um nicht zu sagen: Besseren – besinnt, ist es zu spät: Antigone hat sich erhängt, Kreons Sohn, der mit Antigone verlobt war, versucht zuerst den Vater zu töten und stürzt sich dann zu Füßen der toten Braut in sein Schwert, woraufhin sich notwendigerweise auch Kreons Frau Eurydike umbringt. Auf der Bühne bleibt der dem Wahnsinn nahe Alleinherrscher zurück, der ebenfalls nur noch den Tod herbeisehnen kann. Man sieht: ganz großes Kino!

Schwierig aber wird es, das Stück zu interpretieren, und es wird je schwieriger, je länger man darüber nachdenkt. Was vergleichsweise noch als einfach erscheint, ist, die Intention des Autors zu verstehen: Sophokles beweist sich auch in seinen anderen Stücken als ein Konservativer, der seinen säkularen Zeitgenossen den moralisierenden Spiegel vorhalten und sie daran erinnern will, dass die Gebote der Götter denen der Menschen in einem absoluten Sinne vorgehen und sich derjenige sträflich verhält, der beim Erlass weltlicher Gesetze gegen die der oberen wie der unteren Götter verstößt.

Leider kann nun mit einigem Fug behauptet werden, dass dem so sein mag, wie es will, dass aber das Stück gerade das nicht zeigt. Dazu muss man sich klar machen, dass eine säkulare Diskussion über die Geltung religiöser Wertesysteme in Griechenland seit mindestens 100 Jahren geführt wurde – Xenophanes berühmte Feststellung, dass wenn die Pferde Götter hätten, sie wie Pferde aussehen würden, markiert die späteste Grenze, die wir für den Beginn einer solchen Diskussion ansetzen müssen –, als „Antigone“ auf der Bühne erschien. Leider können wir auch nicht die Ausrede gelten lassen, Sophokles behandle hier einen Mythos, also Ereignisse aus quasi prähistorischen Zeiten, da keiner der Interpreten des Stückes jemals bezweifelt hat, dass der Autor kein Historiendrama liefert, sondern unmittelbar zu seinen Zeitgenossen spricht. Die absolute Geltung der Gebote der Götter kann also weder für den Autor noch für sein Publikum fraglos vorausgesetzt werden.

Wenn dies aber der Fall ist, so unterminiert dies die vom Autor intendierte Verteilung von Schuld und Sühne im Stück, sprich: Die Protagonisten werden von Vertretern einer objektiven Werte- und Weltordnung auf Vertreter zweier diskursiv gegeneinander abzuwägender Glaubenssysteme reduziert. Und genau dieser Diskurs findet im Stück nicht statt. Im Gegenteil führt das Stück zwei zur Kommunikation miteinander unfähige Einzelne vor, von denen einer die faktische Macht über die andere hat und diese Macht auch ausübt. Daraus folgt denn auch, dass nichts an der Peripetie des Stückes überzeugt, da der Autor keine Gründe für den plötzlichen Umschwung in der Überzeugung Kreons anzuführen weiß: Ist Kreon in Vers 1063 noch der (wahrscheinlich vollständig korrekten) Überzeugung, die Warnungen des Sehers Teiresias seien von seinen, Kreons, politischen Gegnern finanziert worden, so ist er, ohne dass weitere Gründe hinzutreten würden, nur 32 Verse später in seinem Geist verstört‘. Von diesem Moment an bricht das rationale System Kreons weitgehend unmotiviert zusammen, und dieser Zusammenbruch wird mit Hilfe der zahlreichen Toten am Ende des Stücks bis an die Grenze des Wahns vorangetrieben. Das mag man dramaturgisch (und eventuell auch noch psychologisch) durchwinken wollen, es mogelt sich aber gerade um die zentrale Frage des Stücks herum, ob ein religiöses Wertesystem einen absoluten Vorrang vor einem staatsdienlichen hat oder haben soll.

Es muss der Verdacht bestehen, dass Sophokles diese Schwäche des Stücks – die sich letztendlich aus dem stofflichen Widerstand des Mythos gegen seine tagespolitische Zurichtung ergibt – durchaus erkannt hat. Nicht umsonst endet das Stück im Raunen (und geraunt wird immer dort, wo man etwas vorzeigen möchte, dies aber nicht vermag):

CHOR. Weitaus erste Bedingung des Glücks
ist das vernünftige Denken; man darf die Sphäre der Götter
niemals entheiligen; doch große Worte
der über die Maßen Stolzen lehren,
haben sie unter großen Schlägen gebüßt,
im Alter vernünftiges Denken. [Steinmann]

Das weitaus Erste an höchstem Glück
Ist Besonnensein. Und not auch ist,
Vor den Göttern nie zu verletzen die Scheu.
Doch große Worte Großprahlender,
Wenn mit großen Schlägen sie gebüßt,
Haben im Alter gelehrt die Besinnung. [Schadewaldt]

Von allen Gnaden die höchste doch bleibt
Der verständige Geist. Und der Götter Bereich
Entweihe man nicht! Doch gewaltiges Wort
Hoffärtiger büßt mit gewaltigem Sturz:
Draus lernt sich im Alter die Weisheit. [Reinhardt]

Hoch raget gewiß vor Gütergenuß
Die Bedachtsamkeit. Frevle drum nie
Gegen die Gottheit. Das gewaltige Wort,
In gewaltigem Schlag doch büßend einmal
Den Empörungsmut,
Lehrt endlich im Alter Besinnung. [Solger]

Um vieles ist das Denken mehr, denn
Glückseeligkeit. Man muß, was Himmlischer ist, nicht
Entheiligen. Große Blike aber
Große Streiche der hohen Schultern
Vergeltend,
Sie haben im Alter gelehrt, zu denken. [Hölderlin]

Χορός
πολλῷ τὸ φρονεῖν εὐδαιμονίας
πρῶτον ὑπάρχει. χρὴ δὲ τά γ᾽ εἰς θεοὺς
μηδὲν ἀσεπτεῖν. μεγάλοι δὲ λόγοι
μεγάλας πληγὰς τῶν ὑπεραύχων
ἀποτίσαντες
γήρᾳ τὸ φρονεῖν ἐδίδαξαν.

Sophokles: Antigone. Übersetzt von Kurt Steinmann. Reclam XL 19244. Stuttgart: Reclam, 2016. Broschur, 110 Seiten. 4,60 €.

P.S.: Ergänzend von Andre Gottwald:

Paul Scott: Das Juwel in der Krone

Paul Scott (1920–1978) darf in Deutschland als unbekannter Autor gelten und das, obwohl gleich acht seiner Romane ins Deutsche übersetzt wurden: In den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts zwei bei Kiepenheuer & Witsch sowie einer bei Blanvalet; dann von 1985 an sein Raj-Quartet, das zwischen 1965 und 1975 entstanden ist, und zusätzlich den Nachzügler zu dieser Tetralogie, der 1977 sogar den Booker-Preis gewann, den der schon sehr kranke Autor aber leider nicht mehr entgegennehmen konnte. Die fünf zuletzt genannten Bände legte 1997/1998 Goldmann noch einmal im Taschenbuch vor, um Scott damit in die erneute Vergessenheit zu verabschieden.

Ich habe „Das Juwel in der Krone“, den ersten Band des Raj-Quartets, vor 20 Jahren auf eine Empfehlung hin gelesen, und seitdem immer vorgehabt, die Reihe komplett zur Kenntnis zu nehmen. Nun habe ich mich innerlich verpflichtet gefühlt, dem doch noch nachzukommen, bevor ich die Bände wegen des eklatanten Platzmangels in der Bibliothek aussortiere, und habe daher erneut mit diesem Auftaktband begonnen.

Die Handlung spielt im Wesentlichen im Jahr 1942 in der erfundenen nordindischen Stadt Majapur. Den Kern bilden einige wenige Tage im August, nachdem die Cripp’s Mission gescheitert ist und Gandhi den Konflikt mit der britischen Obrigkeit bewusst verschärft. Auch in Majapur und Umgebung kommt es zu Unruhen: Die Leiterin einer Missionsschule wird auf einer Inspektionsfahrt zu einer ihrer Schulen von einer Gruppe Aufständiger überfallen, und dabei wird ein indischer Lehrer getötet. Und es kommt unter anderem in Majapur zur Vergewaltigung einer Engländerin in einem Park durch eine Gruppe von Indern; besonders dieser Vorfall ist in seinen Umständen sehr komplex, und es benötigt das gesamte Buch, bis dem Leser die tatsächlichen Abläufe und ihre Folgen klar sind.

Neben den in diese Ereignisse direkt verwickelten Figuren weist der Roman eine ganze Reihe weiterer Hauotpersonen auf, die dem Geschehen mehr oder weniger nahestehen: der örtlichen Polizeichef, der der später vergewaltigten Engländerin einen Heiratsantrag macht, aber abgewiesen wird, eine reiche Inderin, bei der die junge Engländerin wohnt, und die stellvertretend das aus Sicht der Engländer gesellschaftsfähige Indien repräsentiert, eine russische Emigantin, die ein Hospiz für diejenigen betreibt, die sonst auf der Straße sterben würden, einen jungen Inder, der in England aufgewachsen ist und nach Bankrott und Suizid seines Vaters nach Indien zurückgekehren musste, nur um sich dort als doppelter Außenseiter wiederzufinden, der militärische Anführer und der Chef der zivilen Verwaltung und noch einige mehr.

Scott hat für seine komplexe Schilderung der sozialen Verhältnisse, die den eigentlichen Gehalt des Buches darstellen, und der Ereignisse während der Tage des Aufstandes eine sich langsam fortentwickelnde Erzählform erfunden, die als auktoriale Erzählung zu beginnen scheint, sich aber zunehmend in den Bericht eines namenlosen Erzählers verwandelt, der versucht, die Umstände der Vergewaltigung zu rekonstruieren. So liefert das Buch in der zweiten Hälfte nicht nur Briefe der Figuren, sondern auch Auszüge aus biografischen Erinnerungen, die Niederschrift eines Interviews, Auszüge aus dem Tagebuch des Opfers etc. pp.

Insgesamt muss ich leider sagen, dass dem Roman die Zweitlektüre nicht unbedingt gut getan hat: Wenn der Leser einmal um die Umstände der Vergewaltigung weiß, ist ein wichtiges Spannungselement des Romans verschwunden, so dass mir besonders die ersten zwei Drittel diesmal einige Mühe gemacht haben. Ich schreibe das aber komplett der erneuten Lektüre zu, so dass man sich von einer ersten dadurch nicht abhalten lassen sollte. Ich hoffe, es gelingt mir in der nächsten Zeit einigermaßen zügig die anderen Bände folgen zu lassen.

Paul Scott: Das Juwel in der Krone. Aus dem Englischen von Manfred Ohl u. Hans Sartorius. btb 72102. München: Goldmann, 1997. Broschur, 669 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Jane Austen: Überredung

Annes Absicht war es, niemandem im Weg zu sein …

austen-ueberredung„Überredung“ ist der letzte Roman Jane Austens, den sie wenige Monate vor ihrem Tod fertiggestellt hat und der von ihrem Bruder zusammen mit dem üb­er­ar­bei­te­ten, älteren „Northanger Abtei“ postum her­aus­ge­ge­ben wurde. „Überredung“ hat nur etwa den halben Umfang seiner beiden Vorläufer „Mansfield Park“ und „Emma“, was dem Buch erzählerisch sehr zugute kommt. Es ist unklar, ob diese Entscheidung zugunsten der kürzeren Form eine ästhetische war oder Austen durch ihre Erkrankung aufgenötigt wurde.

Auch in diesem Fall variiert Austen wieder Charakter und sozialen Stand ihrer Protagonistin: Anne Elliot ist die zweite von drei Töchtern des Barons Walter Elliot, der nach dem Tod seiner Frau für einige Jahre deutlich über seine Verhältnisse gelebt hat und sich nun beträchtlich einschränken muss, um seine Schulden begleichen zu können. Seine jüngste Tochter Mary ist verheiratet mit einem Mann, der sich zuerst um Anne beworben hatte, von dieser aber abgewiesen worden war. Anne hatte vor dem Antrag ihres späteren Schwagers bereits einen Heiratsantrag von dem damals mittellosen Marine-Offizier Frederick Wentworth erhalten, diesen aber entgegen ihrer Neigung auf Zureden ihrer mütterlichen Freundin Lady Russell abgelehnt. Aufgrund dieser Situation hat man sie im väterlichen Haushalt quasi aufgegeben; die wenige Aufmerksamkeit, die der eitle und egozentrische Baron überhaupt aufbringen kann, gilt nun ihrer älteren, ebenfalls noch unverheirateten Schwester Elizabeth.

Der Roman beginnt mit der Auflösung des Haushaltes auf dem Herrensitz der Elliots: Walter Elliot ist gezwungen, sein Haus zu vermieten und in bescheidenere Verhältnisse nach Bath zu übersiedeln. Ins Haus zieht ein Admiral ein, der mit einer Schwester Frederick Wentworth’ verheiratet ist. Wentworth hat in den napoleonischen Kriegen sein Glück gemacht, ist nun ein wohlhabender Kapitän und – entsprechend dem ersten Satz von „Stolz und Vorurteil“ – auf der Suche nach einer Frau. Durch die Verbindung mit dem Haushalt seiner Schwester kommt es natürlich zur Wiederbegegnung mit Anne …

Auch in diesem Fall ist es nicht nacherzählenswert, wie Austen die letztliche Wiedervereingung der füreinander bestimmten Liebesleute bewerkstelligt. Interessant ist dagegen die Gestaltung der Protagonistin: Anne Elliot ist einmal mehr ein Gegenentwurf zu einer von Austens früheren Figuren: Wo Emma Woodhouse das Zentrum der sie umgebenden Gesellschaft bildet, ist Anne Elliot so etwas wie eine graue Maus. Von ihrer Schwester Mary wie eine bessere Bedienstete behandelt, von ihrer Familie als schwieriger Fall abgeschrieben, mit ihrer einzigen Liebe zu Wentworth gescheitert, hat sich Anne resignierend mit ihrer Rolle abgefunden. Sie hat keine realistischere Aussicht auf eine Zukunft als als alte Jungfer im Haushalt ihres Vaters oder einer ihrer Schwestern ihr Leben zuzubringen, als ihre zukünftigen Neffen und Nichten umsorgende, geliebte Tante und guter Geist des Haushalts. Austen stellt diesem Leben am Rande einer Familie des niederen Adels ganz bewusst den weit menschlicheren Umgang in der bürgerlichen Sphäre der anderen Marine-Offiziere um Kapitän Wentworth entgegen, in der allein Anne unabhängig von ihrem familiären und ehelichen Status wahrgenommen wird. Wenn bei Austen irgendwo eine gesellschaftliche Utopie zu finden ist, dann hier.

Es kann nur als sehr bedauerlich angesehen werden, dass Austen nur eine so kurze Karriere als Schriftstellerin beschieden gewesen ist. „Überredung“ zeigt, dass sie in der Lage war, sich von den literarischen Klischees ihrer Zeit weitgehend zu befreien und zu erzählerischen Konzepten vorzustoßen, die wir normalerweise erst Autoren des bürgerlichen Realismus zuschreiben. Von dieser Autorin wäre noch viel zu erwarten gewesen.

Jane Austen: Überredung. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 7972. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 320 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Jane Austen: Emma

Die Zeit verging.

austen-emmaBei „Emma“ handelt es sich um Austens längsten und – gemessen an ihrem eigenen Gesamtwerk – zugleich langweiligsten Roman. Für ihn spricht zwar der anspruchsvolle Versuch, beim Publikum mit einer negativen Heldin durchzukommen, aber Emmas Wandlung zur idealen Gattin im zweiten Teil des Romans verdirbt das ohnehin nur halbherzig unternommenen Experiment. Der Roman erschien 1815 und war die letzte Veröffentlichung Austens zu Lebzeiten; ihre letzten beiden Romane gab ihr Bruder Henry aus dem Nachlass heraus.

Erzählt werden einige Monate aus dem Leben von Emma Woodhouse. Emma unterscheidet sich von allen bisherigen Heldinnen Austens darin, dass sie zum einen wohlhabend ist – sie lebt in einem wohlversorgten Haushalt und ist die einzige Erbin ihres Vaters – und zum anderen keinerlei Ambitionen zu haben scheint zu heiraten. Damit Austen sich aber nicht zu weit von ihrem einzigen und zentralen Thema entfernt, pflegt Emma als Hobby die Eheanbahnung für andere, eine Tätigkeit, für die sie sich besonders begabt glaubt, in deren Verlauf sich ihr Mangel an Menschenkenntnis, Selbsterkenntnis und Bescheidenheit aber nur zu deutlich erweist. Doch unter dem Einfluss des unbestechlichen Mr. Knightley, der sie bereits seit ihren Kindertagen kennt, wandelt sich Emma zu einer hehren Lichtgestalt, bemerkt, dass sie – wie jede andere Frau – natürlich auch nichts anderes zum Lebensglück braucht als einen Ehemann und heiratet den unerträglich moralisierenden, zum Hintüberfallen aufrechten Mr. Knightley; sie hat auch nicht anderes verdient.

Es mag sein, dass Jane Austen selbst von dem Abziehbild, das ihre Fanny Price im Wesentlichen darstellt, so gelangweilt war, dass sie auf den Gedanken verfiel, ob es nicht möglich sei, einen Roman mit einer negativen Heldin zu schreiben. Emma wird also als absolutes Gegenteil gestaltet: reich, verwöhnt, eingebildet und zu selbstverliebt, um heiraten zu wollen. Woran Austen letztlich scheitert, ist, für diese neue Art von Heldin ein Schicksal zu erfinden, das sich ebenso radikal von der Schablone der zeitgenössischen Romane unterscheidet wie die Grundkonzeption der Protagonistin. Stattdessen liefert Austen einmal mehr eine vollständig geradlinige, vorhersehbare und kaum über ihre Konstruktion hinausreichende Fabel. Auch von ihrem Humor ist in diesem Roman wenig zu spüren, so dass es kein Wunder ist, dass dieser Roman mit großem Erfolg und Gwyneth Paltrow zu einer Seifenoper verarbeitet worden ist.

Jane Austen: Emma. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 7633. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 560 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Jane Austen: Mansfield Park

Ich kenne so viele, die in der festen Erwartung und im Vertrauen auf einen ganz besonderen Vorteil bei der Verbindung oder ein Talent oder eine gute Eigenschaft bei ihrem Partner geheiratet haben, sich dabei völlig getäuscht sahen und gezwungen waren, sich mit dem genauen Gegenteil abzufinden. Was ist das anderes als ein Reinfall?

austen-mansfield-park-reclamDer dritte Roman Jane Austens, wenn man nach der Reihenfolge der Veröffentlichung geht, erschienen 1814. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern hat er nicht mehrere Stufen der Überarbeitung durchlaufen, was ihm auch deutlich anzumerken ist: Ihm fehlt sowohl die erzählerische Dichte als auch in weiten Teilen jene durchgängig ironisch distanzierte Erzählhaltung, die die beiden Romane zuvor auszeichnet. Statt dessen wirken lange Passagen der Erzählung ausschließlich impressionistisch; sie schildern zwar präzise die Verhältnisse und Beschäftigungen der Bewohner von Mansfield Park, sie tragen aber kaum etwas zur Entwicklung der Protagonistin oder der Handlung bei.

Erzählt wird die Geschichte der etwa 18-jährigen Fanny Price. Fanny entstammt einer kinderreichen, bürgerlichen Familie, die in bescheidenen Verhältnissen in Portsmouth lebt. Im Alter von neun Jahren wird Fanny auf Anregung einer ihrer Tanten – der durchweg als egozentrisch und missgünstig geschilderten Witwe Mrs. Norris – in den Haushalt ihres sehr wohlhabenden Onkels Sir Thomas Bertram aufgenommen. Die Bertrams haben bereits vier ältere Kinder: Tom, der den Besitz der Bertrams einmal erben wird, Edmund, für den die für einen jüngeren Sohn eines Adeligen durchaus typische Karriere eines Geistlichen vorgesehen ist, und Maria und Julia, die natürlich gut verheiratet werden sollen. Es entwickelt sich früh schon eine besondere Freundschaft zwischen Fanny und Edmund, die sich zum Zeitpunkt der Haupthandlung zumindest bei Fanny zu einer handfesten, insgeheimen Liebe gemausert hat, ohne dass Fanny sich Hoffnungen machen dürfte, dass Edmund sie heiratet. Aber natürlich geht es aus, wie es ausgehen muss.

Im Gegensatz zu den beiden früheren Romanen ist die Fabel des Romans sehr geradlinig erzählt; ihr fehlt jede überraschende Wendung, jede verdeckte Motivation, jedes Geheimnis. Alle Absichten der Figuren werden stets sofort ausgeplaudert, der Leser verfügt zu jeder Zeit über alle zum vollständigen Verstehen der Handlung benötigten Informationen. Weder ist er überrascht, als sich der Bösewicht als Bösewicht herausstellt, noch ist es überraschend, wie sich dies erweist. Auch wird der Bösewicht nur zu dem einen Zweck entlarvt, die Protagonistin auf einfache Weise von der Bedrohung durch seine Heiratsabsichten zu befreien. Austen gelingt es nur an ganz wenigen Stellen, sich erzählerisch über das Niveau jedes beliebigen Romans ihrer Zeit zu erheben.

All das dürfte zum einen der vergleichsweise raschen Entstehung des Romans geschuldet sein: Austen hatte mit den beiden Veröffentlichungen zuvor (die beide mehrfache Überarbeitungen deutlich älterer Entwürfe waren) außergewöhnliche Erfolge gefeiert und sah sich gedrängt, möglichst rasch den nächsten Roman nachzuliefern. Zum anderen kann man Austen zugestehen, dass sie in „Mansfield Park“ den Versuch macht, eine für sie gänzlich neue Art von Protagonistin zu entwickeln: Im Gegensatz zu Elinor Dashwood oder Elizabeth Bennet, die beide durch Selbstbewusstsein und sicheres Urteil charakterisiert sind, befindet sich Fanny Price nicht nur in einer gedrückten und abhängigen äußeren Lage, sondern sie hat zudem einen von Bescheidenheit, Zurückhaltung und Selbstzweifeln geprägten Charakter. Ihr wird von ihrer Tante Mrs. Norris keine Chance gegeben, ihre Position als arme Verwandte im Hause Bertram zu vergessen; dass sie sich in diese Position klaglos einfindet, dass sie Vernachlässigung und Zurücksetzung als ihrer Position im Haus angemessen empfindet, dass sie sich schließlich lesend selbst ausbildet, macht sie zu einer Heroin des Tugendkults ihrer Zeit, und genau das ist es, was Austen in der Masse des Textes daran hindert, ihren früheren ironischen Ton fortzusetzen: Fanny ist am Ende in jedem Detail eine positive Protagonistin – oder ist wenigsten so beabsichtigt –, mit der Austen durch und durch einverstanden ist und deren Tugend sich auf das Herrlichste bewähren muss. Genau das ist der Kern der Langeweile, die der Roman über weite Strecken verbreitet.

Jane Austen: Mansfield Park. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. RUB 8007. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 572 Seiten. In dieser Ausgabe nicht mehr lieferbar. Lieferbare Ausgabe.

Neuigkeiten vom Großen weißen Wal

Ich will einen heidnischen Freund probieren, dachte ich, denn christliche Freundlichkeit hat sich als hohle Höflichkeit und sonst nichts erwiesen.

melville-md-rathjenDie Neuübersetzung von Herman Melvilles „Moby-Dick“ (nur echt mit dem Bindestrich) war zu Anfang des Jahrhunderts eine der wenigen Kontroversen um eine Übersetzung, die auch von einer breiteren, literarisch interessierten  Öffentlichkeit wahrgenommen wurde: Im Jahr 2001 erschien beim Hanser Verlag zum Auftakt einer geplanten breiteren Werkauswahl Melvilles (von der faktisch bei heute drei Romane und ein Band mit biographischem Material erschienen sind; inzwischen ist „Pierre“ (2002) bei Hanser schon nicht mehr lieferbar und seit 2009 kein weiterer Band mehr erschienen), – als Auftakt also erschien eine Neuübersetzung des Romans „Moby-Dick“ aus der Feder von Matthias Jendis. Diese Übersetzung war eine Überarbeitung einer älteren, bis dahin ungedruckten Übersetzung Friedhelm Rathjens, die dieser in den Jahren 1991 bis 1993 erstellt hatte.

Unter den damaligen Herausgebern in spe des Hanser-Melvilles Norbert Wehr, Paul Ingendaay und Hermann Wallmann kaufte der Verlag 1994 die Übersetzung Rathjens, doch kam es nicht zu der geplanten Veröffentlichung. 1996 stiegen die drei Herausgeber aus dem Projekt aus und Hanser begann nach einem neuen Herausgeber zu suchen, der aber mit Daniel Göske erst 1998 gefunden wird. Göske nun war mit Rathjens Übersetzung nicht recht zufrieden und regte eine Überarbeitung an, mit der sich Rathjen nach Festlegung einer Reihe von Richtlinien auch einverstanden erklärte; die Überarbeitung übernahm Matthias Jendis. Als Rathjen Anfang 2001 diese Überarbeitung zu sehen bekommt, hält er die Eingriffe für so gravierend, dass er den neuen Text nicht unter seinem Namen veröffentlicht haben möchte, da es sich nicht mehr um seine Übersetzung handele. Da sich eine Einigung zwischen altem Übersetzer und neuem Herausgeber und Übersetzer als nicht möglich erwies, einigte sich Rathjen mit dem Hanser Verlag auf folgende, durchaus großzügige Regelung: Der Vertrag von 1994 wird aufgelöst, Rathjen erhält die Rechte an seiner ursprünglichen Übersetzung zurück und verzichtet im Gegenzug auf alle Urheberrechte an der Überarbeitung durch Matthias Jendis. Angedeutet wird dies alles in der Hanser-Ausgabe des „Moby-Dick“ (2001) durch folgende Sätze in der Danksagung:

Eine erste Übersetzung des Moby-Dick wurde von Friedhelm Rathjen erstellt, welcher der Übersetzer und der Herausgeber zahlreiche und wichtige Anregungen verdanken. Beide und der Verlag danken Friedhelm Rathjen für seine überaus konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit […] (S. 910)

Dies geschieht allerdings nicht, ohne dass zwei Seiten zuvor in einer „Editorischen Notiz“ der zu erwartenden Debatte um die Übersetzung vorgegriffen wird, indem der erste Übersetzer und die Grundsätze seiner Übersetzung vorsorglich wie folgt eingeschätzt werden:

Die häufig angemahnte und beanspruchte Originaltreue einer literarischen Übersetzung ist, wenn sie nicht genau spezifiziert wird, immer eine naive und kurzschlüssige Vorstellung. Im Fall des Moby-Dick ist die Idee eines quasiheiligen Originals besonders absurd, denn weder Melvilles Manuskript noch die korrigierten Fahnenabzüge des Romans sind erhalten.

Zu Deutsch: Ein Übersetzer, der sich zu genau an den philologisch gesicherten Text hält (denn Rathjen übersetzte ja nicht etwa aus der Erstausgabe oder sonst einem „quasiheiligen Original“, sondern aus der philologisch erarbeiteten Ausgabe der Northwestern University Press von 1988), hat nicht verstanden, dass Herausgeber und Übersetzer immer schlauer sind als der Text und ihm dort, wo er dunkel, grammatikalisch schwierig oder gar falsch ist, aufhelfen müssen. Überhaupt sind das Schlauersein der Nachgeborenen und die sogenannte Lesbarkeit des Textes die wichtigsten Kriterien an denen sich Neuausgaben und -übersetzungen klassischer Texte zu orientieren haben. Die aber, die meinen, ein übersetzter Text müsse möglichst eng am Original geführt werden, sind „naiv und kurzschlüssig“.

Fahrt nahm die Debatte dann noch einmal im Jahr 2004 auf, als bei 2001 in einer großen, illustrierten Ausgabe die ursprüngliche Übersetzung Friedhelm Rathjens erschien und man nun direkt vergleichen konnte. Die wenigstens Kritiker allerdings machten sich tatsächlich die Mühe, die beiden Texte miteinander oder gar mit dem Original abzugleichen, sondern urteilten entlang sehr allgemeiner Eindrücke, oft auch nur entlang der übersetzerischen Programme, wie sie den Anhängen der Bücher zu entnehmen waren. Seitdem liegen mehr oder weniger kontinuierlich parallel zwei deutsche Übersetzungen des „Moby-Dick“ vor: Die sehr nah am Original mit all seinen Ecken, Kanten und Verwerfungen entlang geführte Übersetzung Rathjens (bei 2001 und im Fischer Taschenbuch) und die einmal mehr geglättete und konsumierbar gemachte Überarbeitung von Matthias Jendis (bei Hanser und btb).

Anlass, all dies nochmals zu erzählen, ist eine Neuausgabe der Übersetzung Friedhelm Rathjens bei Jung und Jung. Wer bis dato keine Gelegenheit hatte oder unentschlossen war, sich dem großen Wal zu nähern, hat hier einmal mehr die Möglichkeit eine Übersetzung dieses ungeheuerlichen, wilden, vulkanischen Romans zu lesen, die sich so weit dem Original annähert, wie es wohl überhaupt nur geht. Niemand sollte sich von den Gerüchten von der Unlesbarkeit oder Schwierigkeit dieser Übersetzung abschrecken lassen (und wer einen Beweis benötigt, wie gut diese Übersetzung sprachlich funktioniert, höre sich deren Lesung durch Christian Brückner an), sondern sollte sich auf das Abenteuer einer Lektüre einlassen, die so vielgestaltig und exotisch ist, wie die See, das Geschäft auf ihr und der weiße Wal in ihr, die der Roman in Worte zu fassen versucht. Melvilles Roman ist in seiner Wucht erst verstanden worden, als die wichtigsten Schritte in der modernen Literatur bereits gemacht worden waren; dann erst konnte man begreifen, wie sehr Melville mit diesem Buch seiner Zeit voraus gewesen ist, wie sein Gemisch aus Abenteuer-Erzählung, biologischem Traktat, ökonomischer und gewerblicher Darstellung, existenziellem Essay und Kritik rassistischer und religiöser Voreingenommenheiten Dimensionen des Romans ausgelotet hatte, von denen kaum ein zweiter seiner Zeitgenossen auch nur eine Ahnung gehabt hat.

melville-zwiesprache-mit-hawthorneWie sehr Melville selbst mit diesem Buch gerungen hat, wie unsicher einerseits und getrieben andererseits er war, lässt sich einem zweiten Buch, das nahezu zeitgleich mit dieser Neuausgabe herausgekommen ist, entnehmen. In „Zwiesprache mit Hawthorne“ fasst Friedhelm Rathjen im eigenen Verlag alle seine Übersetzungen von Texten Melvilles aus dem näheren und weiteren Umfeld der Entstehung des „Moby-Dick“ zusammen: Briefe, Notizen, Rezensionen, Gedichte und eine Erzählung, die aus verschiedenen Perspektiven Blitzlichter auf den Roman und seine Enstehung werfen. Dieses Buch, das in einer Kleinauflage von nur 99 nummerierten und signierten Exemplaren aufgelegt wurde, sei allen empfohlen, die einen Eindruck davon gewinnen wollen, wer Melville war und warum er sich gedrängt gefühlt hat, einen Roman zu verfassen, von dem er zu Recht fürchten musste, dass ihn nur wenige seiner Zeitgenossen goutieren würden.

Herman Melville: Moby-Dick oder: Der Wal. Deutsch von Friedhelm Rathjen. Mit Illustrationen von Raymond Bishop. Salzburg u. Wien: Jung und Jung, 2016. Bedruckter Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 932 Seiten. 45,– €.

Herman Melville: Zwiesprache mit Hawthorne. Aus der Werkstatt des Moby-Dick. Hg. u. übersetzt von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2016. Bedruckter Pappband, limitiert auf 99 Exemplare, 145 Seiten. 35,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Zwar war Mr. Collins nicht gerade mit Geistesgaben gesegnet; seine Gesellschaft war ermüdend und seine Liebe zu ihr war wohl nur Einbildung. Aber immerhin war er bald ihr Ehemann. Von Männern und Ehe hatte sie nie viel gehalten; alles was sie wollte, war verheiratet sein.

austen-stolz-vorurteilDieser der Veröffentlichung nach zweite Roman Jane Austens gilt im englischen Sprachraum zu Recht als ihr Meisterwerk. Auch dieses Buch war in einer frühen Fassung bereits lange vor seiner Veröffentlichung 1813 entstanden; erst der Erfolg von „Verstand und Gefühl“ (1811) führte zum Druck, obwohl das Buch bereits 16 Jahre zuvor einem Verleger angeboten worden war. Die Handlung ist deutlich komplexer gebaut als in den anderen Romanen Austens, ohne dass dies zu einem Ausufern des Personals geführt hätte.

Im Mittelpunkt der etwas mehr als ein Jahr umfassenden Fabel steht die Familie Bennet, die auf dem Landsitz Longbourn lebt. Das Ehepaar Bennet hat fünf Töchter, aber keinen Sohn, was zu der damals durchaus üblichen, für die Familie aber unangenehmen Lage führt, dass der Land- und Geldbesitz der Familie bis auf 5.000 £ nach dem Tod des Vaters einem Sohn seines Bruders – Mr. Collins – zufällt. Die 5.000 £ müssen zur Versorgung von Mutter und Töchtern und für die Aussteuer der fünf Mädchen genügen. Die Töchter der Familie Bennet sind also keine gute Partien, und können nur darauf hoffen, dass sich jemand in sie verliebt, der auf eine hohe Mitgift keinen Wert legt oder legen muss.

Austen-Pride_1stEdDie Aufregung unter den weiblichen Angehörigen der Familie Bennet ist daher groß, als in der Nachbarschaft ein reicher Junggeselle für den Sommer einen Landsitz mietet. Mr. Bingley kommt zudem nicht allein, sondern bringt seinen noch wohlhabenderen, ebenfalls noch unverheirateten Freund Fitzwilliam Darcy mit. Außerdem begleiten ihn seine beiden Schwestern, deren jüngste auf eine Ehe mit Darcy spekuliert, und sein Schwager. Aus dieser Grundkonstellation entsteht unvermeidlich die bei Austen stets vorhandene Eheanbahnungshandlung: Bingley und Jane, die älteste Bennet-Schwester, verlieben sich ineinander, doch bevor die Affäre ernst werden kann, verschwindet Bingley wieder nach London. Jane reist, von Onkel und Tante eingeladen, ihm dorthin nach, wird aber von Bingleys Schwester geschnitten und trifft Bingley vorerst nicht wieder.

Elizabeth Bennet, die zweitälteste Schwester und eigentliches Zentrum des Romans, entwickelt derweil eine starke Abneigung gegen Mr. Darcy und eine Vorliebe für den Miliz-Offizier Mr. Wickham, dem von Darcy angeblich vor einigen Jahren übel mitgespielt wurde. Im Wesentlichen dient der Roman dazu, diese beiden Verwerfungen zu überwinden und am Ende dem lesenden Publikum zwei glückliche Ehepaare zu liefern. Den ironischen Gegensatz zu dem an sich schon nicht ganz lupenreinen Happy End des Romans liefert bereits sein erstes Kapitel, in dem uns das glückliche Ehepaar Bennet vorgeführt wird: ein stoischer Philosoph, der nur an einer Stelle des Romans überhaupt in wirkliche Aufregung gerät, als er sich seinem Schwager gegenüber in Schulden wähnt, und seine stets überschwängliche, grunddumme Gattin, deren einziges und wenig subtil betriebenes Geschäft es ist, ihre Töchter unter die Haube zu bringen. Und sie sind nicht das einzige Beispiel glücklicher Ehepaare im Roman.

Es ist die die Romane bestimmende souverän-ironische Grundhaltung der Erzählerin, die ihren anhaltenden Erfolg begründet: Einerseits hat Austen nicht mehr zu erzählen als die empfindsamen Romane ihrer Zeit, andererseits verfügt sie über einen weit realistischeren und zugleich humorvolleren Blick auf die Gesellschaft ihrer Lebenssphäre, die englische Gentry. Wo man heute Richardson nur noch aus historischer oder sentimentaler Perspektive heraus goutieren kann, leben Austens Figuren immer noch mit den Lesern mit.

Wenn man sonst nichts von Austen kennt, sollte man wenigstens diesen einen Roman lesen! Er ist eines der wichtigen Vorbilder für die großen Romane des 19. Jahrhunderts.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil. Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. Reclam Tb. 20408. Stuttgart: Reclam, 2016. Broschur, 478 Seiten. 7,95 €.

Charlotte Brontë: Jane Eyre

»Oh, da habe ich keine große Wahl! In der Regel geht es um ein und dasselbe Thema – das Freien; und mit der Aussicht auf die eine Katastrophe – die Ehe.«

Bronte-EyreDie Brontë-Schwestern sind in Deutschland nicht zuletzt durch Arno Schmidts Essay „Angria & Gondal“ (entstanden 1959/60, Erstdruck 1969) bekannt geworden. Schmidt hatte den damals in Deutschland wohl nur einigen Fachleuten geläufigen Korpus der jugendlichen Erzählungen der vier Geschwister Brontë um zwei nach Afrika hineinerfundene Phantasiereiche ins Zentrum gestellt und von dort aus Linien in die bekannteren Romane der drei Brontë-Schwestern gezogen. Es folgte dann in der zweiten Hälfte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts eine kleine Welle von Publikationen, zu denen nicht nur erste Übersetzungen aus den Angria-&-Gondal-Erzählungen, sondern auch eine weithin beachtete Biografie der drei Schwestern aus der Feder von Elsemarie Maletzke gehörte.

Im vergangenen Jahr nun hat der Insel Verlag eine Neuübersetzung von „Jane Eyre“, dem wohl bekanntesten Roman Charlotte Brontës, durch die sehr sorgfältig arbeitende Übersetzerin Melanie Walz (hier wurde zuletzt ihre „Orlando“-Neuübersetzung besprochen) vorgelegt. Der Roman ist 1847 unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell als erster Roman der Autorin erschienen und war so erfolgreich, dass bereits ein Jahr später eine erste deutsche Übersetzung vorlag. Erzählt wird das Schicksal des Waisenkindes Jane Eyre aus ihrer eigenen Erinnerung heraus. Die Erzählung beginnt um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert: Jane Eyre lebt als ungeliebtes, zehnjähriges Kind im Haushalt ihrer angeheirateten Tante zusammen mit deren verwöhnten drei leiblichen Kindern. Jane ist nach dem frühen Tod der Eltern vom Bruder ihrer Mutter in sein Haus aufgenommen worden, der allerdings auch bald darauf verstarb. Sie ist ein widerspenstiges Kind, das sich gegen die Ungerechtigkeiten ihrer Pflegefamilie mehr und mehr aufzulehnen beginnt und deshalb von ihrer Tante in ein Internat abgeschoben wird. Hier erhält Jane eine zwar von Ärmlichkeit geprägte, aber dennoch gute Ausbildung; sie ist eine so gute Schülerin, dass sie nach dem Ende der Schulzeit sogar noch zwei Jahre als Lehrerin in dem Institut verbleibt.

Mit etwa 18 Jahren sucht sich Jane eine Stelle als Gouvernante und wird in einen etwas entlegenen Haushalt aufgenommen, wo sie eine junge Französin, das Pflegekind des Hausherrn – möglicherweise eine von ihm unehelich gezeugte Tochter –, zu unterrichten hat. Es kommt, wie es in Frauenromanen des 19. Jahrhunderts kommen muss: Der Hausherr verliebt sich in sie und will sie trotz ihrer Mittellosigkeit (die sich am Ende als so mittellos gar nicht herausstellt) ehelichen. Aber natürlich hat er ein dunkles Geheimnis, das erst am Altar enthüllt wird und zu einem weiteren Umweg im Leben der Protagonistin führt. Wie es weiter und zu Ende geht, muss hier nicht erzählt werden, der Leser sollte aber nichts zu Ausgefallenes erwarten.

Für den heutigen Geschmack ist der Roman deutlich zu lang geraten. Insbesondere die Dialoge sind von einer lästigen und sich wiederholenden formelhaften Umständlichkeit; auch die immer wiederkehrenden längeren moralisierenden Einschübe, die einerseits weit über den Horizont der Erzählerin hinausgehen und andererseits die tatsächliche moralische Komplexität der Erzählung grandios unterlaufen, sind von Mal zu Mal schwerer auszuhalten. Hinzukommt eine je länger je penetranter werdende christliche Frömmelei des Romans, die die Sache nicht wirklich besser macht.

Zugutehalten muss man der Autorin, dass sie die vollständige Erfüllung der literarischen Klischees der trivialen Liebes- und Eheromane des 19. Jahrhunderts immer gerade so zu vermeiden vermag. Sie gerät an einigen Stellen gefährlich nahe an den literarischen Kitsch ihrer Zeit heran, kann aber immer noch das Schlimmste verhindern. Eine wirklich genüssliche Lektüre ist wahrscheinlich nur aus einer historisierenden Perspektive heraus möglich; den Längen und Umständlichkeiten des Romans kann leider auch diese sorgfältige Neuübersetzung nicht aufhelfen.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Eine Autobiographie. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Lizenzausgabe. Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg, 2015. Bedruckter Leinenband, Lesebändchen, 653 Seiten. 25,– €.