Welttag des Buches – Paradies

Da war einmal ein Königssohn, niemand hatte so viele und so schöne Bücher als er; alles, was in dieser Welt geschehen, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Bildern bewundern. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten, aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin, und der gerade war es, an den er am meisten dachte.

Hans Christian Andersen
Der Garten des Paradieses

Allen Lesern ins Stammbuch (95)

… denn gerade von diesen Leuten hört man die bittersten Klagen über den verworrenen Lauf der Welthändel, über die Seichtigkeit der Wissenschaften, über den Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten, daß eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, grade das Buch nicht lesen würden, das geschrieben wäre wie sie es fordern, daß ihnen die echte Dichtung fremd sei, und daß selbst ein gutes Kunstwerk nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen könne.

Johann Wolfgang von Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre

Allen Lesern ins Stammbuch (94)

Es muß ein Liebhaber her! Ein richtiger Liebhaber, damit mir die Leser nicht davonlaufen. Ich kann ihn doch nicht Tee trinken lassen! Oder doch? Welches Auto fährt er? Kommt Whisky vor? Kommt Gott vor? Darf Gott vorkommen? »Gott lassen wir lieber draußen«, hieß es aus Hamburg. Darf gelacht werden? Wann gehen sie zum ersten Mal zusammen ins Bett? Vor oder nach dem Essen? Ist er behaart? Ist sie rasiert? Ist sie nun glücklich? Und was ist mit ihm? Wo lieben sie sich überhaupt? Darf es auf dem Küchentisch oder im Bad sein? Muß es immer das Bett sein? Missionarsstellung? Trinken sie nachher noch einen Sherry? Fährt er sie nach Hause? Küßt er sie? Bleibt sie? Überhaupt: wie ist es mit dem Rauchen? Raucht jemand? Trinkt jemand? Stirbt jemand? War es ein asthmatischer Anfall? War es Liebe? Das waren meine Fragen.

Arnold Stadler
Der Tod und ich, wir zwei

Allen Lesern ins Stammbuch (93)

Der »Kodex« (diese Bezeichnung findet man zum erstenmal bei Bassett in seinem monumentalen De Selby Compendium) ist eine Sammlung von etwa zweitausend Seiten Kanzleipapier, beidseitig eng mit der Hand beschrieben. Auffälligstes Merkmal des Manuskripts ist der Umstand, daß kein Wort der Schrift lesbar ist. Versuche verschiedener Kommentatoren, gewisse Passagen, die weniger furchterregend erschienen, zu entziffern, waren durch phantastische Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet, die sich nicht an der Bedeutung der Passagen entzündeten (die ohnehin nicht zur Debatte stand), sondern an dem blühenden Unsinn, der sich dabei entfaltete. Eine Passage, von Bassett als »eindringliches Traktat über das Alter« beschrieben, wird von Henderson (dem Biograph Bassetts) als »eine durchaus reizvolle Beschreibung des Lämmerwerfens auf einem nicht näher bezeichneten Bauernhof« erwähnt. Solche Widersprüche tragen, ich muß es gestehen, nicht gerade zum Ruf beider Autoren bei.

Flann O’Brien
Der dritte Polizist

Allen Lesern ins Stammbuch (92)

Probater Rat für Schriftsteller

Man schreibt seine eigenen Betrachtungen nachlässig hin, man läßt sie drucken, bei den verschiedenen Korrekturen werden einem dann nach und nach eine Menge guter Einfälle kommen. Faßt darum Mut, ihr, die ihr euch noch nicht erkühnt habt, etwas drucken zu lassen, auch Druckfehler sind nicht zu verachten, und mit Hilfe von Druckfehlern witzig zu werden, darf als eine rechtschaffene Art gelten, wie man es wird.

Sören Kierkegaard
Entweder-Oder

Aus meinem Poesiealbum (XXIII) – Freiheit

Der Mensch liebt die Freiheit nicht, alles andere ist Lüge, er kann mit der Freiheit nichts anfangen, kaum ist er frei, beschäftigt er sich mit dem Öffnen von Kleider- und Wäschekommoden, mit dem Ordnen von alten Papieren, sucht er Fotografien, Dokumente, Briefe, geht er in den Garten und gräbt um oder läuft vollkommen sinn- und zwecklos in irgendeine Richtung, gleich, wie das Wetter ist, und nennt es Spaziergang.

Thomas Bernhard
Der Keller

Allen Lesern ins Stammbuch (91)

Folgendes sind allgemeingültige Grundgesetze der schriftstellerischen Mitteilung: 1) Man muß etwas haben, was mitgeteilt werden soll; 2) man muß jemand haben, dem man’s mitteilen wollen darf; 3) man muß es wirklich mitteilen, mit ihm teilen können, nicht bloß sich äußern, allein; sonst wäre es treffender, zu schweigen.

Friedrich Schlegel
Kritische Fragmente

Allen Lesern ins Stammbuch (90)

Denn es obliegt dem Literaturhistoriker, darauf hinzuweisen, dass sein Stil sich verblüffend gewandelt hatte. Das Preziöse war gedämpft, das Übermaß gezügelt; diese warmen Quellen waren in der Epoche der Prosa erfroren. Sogar die Landschaft draußen war weniger girlandenumwoben, und selbst die Dornbüsche waren weniger dornig und verschlungen. Vielleicht waren die Sinne ein wenig stumpfer und Honig und Sahne weniger verlockend für den Gaumen. Und zweifellos wirkte sich der Sachverhalt, dass die Straßen besser kanalisiert und die Häuser besser beleuchtet waren, auf den Stil aus.

Virginia Woolf
Orlando

Allen Lesern ins Stammbuch (89)

Und nun noch etwas. Sie wissen, daß im Suhrkamp Verlag Beckett als Nummer 1 aller Autoren rangiert und daß wir uns um ihn wirklich bemühen. Darf ich Ihnen einmal die Verkaufsziffern von Beckett nennen.
»Molloy« (1954 erschienen) 2.554 verk. Exemplare
»Malone« (1958 erschienen) 1.632
»Der Namenlose« (1959 erschienen) 1.467
»Wie es ist« (1961 erschienen) 873
»Dramatische Dichtungen«
1 + 2 (1963 + 1964 erschienen)
1.366 + 1.176 verk. Ex.
Unsere elektronische Absatzstatistik ergibt einen Verkauf von etwa 10 Exemplaren im Monat. Das ist, wenn man so will, ein vernichtendes Ergebnis. Aber wir haben sehr wenig Möglichkeiten, es zu ändern, obschon wir ständig den Versuch unternehmen. Beckett hat nicht ein einziges Mal wegen dieser Absätze geklagt, im Gegenteil, er sieht unser Bemühen und bedankt sich dafür.

Siegfried Unseld an Thomas Bernhard
15. Juli 1968

Zum Tod von Paul Wühr

3. Juni 1986, München

Diana Kempff ruft an. Ich hätte zu ihr einmal gesagt, nach meinem Tod soll sie anderen sagen: ich habe Gott geliebt. Ein anderer Ausbruch: Scheißkonjunktive, ScheißGötter. Aussprüche eines Richtigen? – Ich nütze nichts aus in diesem Leben. Das ist der Rest von Tugend. Sonst war ich immer bemüht, mich aus unguten, peinigenden oder auch belästigenden Empfindungen zu befreien. – Was ich Diana erzählte: Heute im Luitpoldpark ein Augenblick großer Ruhe, auch im Zusammenhang mit der Empfindung des Augenblicks (mehr kann ich darüber nicht sagen: vergessen). Meine Formulierung noch im Park: Das einzige aktuelle Erfassen dieser Welt ist mystisch. Man muß Mystiker werden. Ich werde es mir nicht erlauben. Diana sagte noch viel Gutes, Liebes zu mir.

Paul Wühr
Der faule Strick