Ian Kershaw: To Hell and Back

Churchill had proposed shooting major criminals as soon as they were caught. Stalin preferred them to be tried first and then shot.

Dass Ian Kershaw einer der hervorragenden Historiker des Zweiten Weltkriegs ist, wurde hier an andere Stelle schon einmal festgestellt. Dem breiteren Publikum ist er durch seine Hitler-Biographie (1998/2000) bekannt geworden; seitdem liefert er mit schöner Re­gel­mä­ßig­keit umfangreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg. Der vorliegende Band behandelt die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (genauer 1914–1949). Es handelt sich um den ursprünglich als Abschluss geplanten 8. Band von Penguins History of Europe, der ursprünglich das gesamte 20. Jahrhundert umfassen sollte. Kershaw hat sich dann aber zwei Bände für den Zeitraum ausgebeten, so dass eine Fortsetzung bis an die Gegenwart heran noch aussteht.

Auch Kershaw folgt dem Konzept des sogenannten kurzen 20. Jahrhunderts (das, wenn ich es richtig sehe, von Eric Hobsbawm populär gemacht wurde), zumindest was den Beginn seiner Darstellung angeht. Es besteht derzeit ein weitgehender Konsens, dass mit dem Ersten Weltkrieg ein radikaler Umbruch stattfand, der so zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Konventionen des 19. Jahrhunderts in Frage stellte, dass mit ihm eine neue Epoche begann. Die Wahl für das Jahr 1949 als Abschluss des ersten Bandes ist darin begründet, dass Kershaw damit die Nachwehen sowie die politischen und sozialen Folgen des Zweiten Weltkrieges noch in den Band aufnehmen kann. So schließt der Band mit den Entwicklungen, die zum Wiederaufstieg Deutschlands im Westen und der Entstehung des Kalten Krieges führen.

Bei aller Kürze (der Band behandelt 35 Jahre der Geschichte aller europäischer Nationen inklusive Russlands bzw. der Sowjetunion auf 520 Seiten) ist die Darstellung ausgezeichnet gewichtet und umfasst nicht nur die großen Linien der politischen und militärischen Ereignisse, sondern auch soziale und kulturelle Entwicklungen. So ist das Buch wohl auch für diejenigen mit Gewinn zu lesen, die bereits über gute Kenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfügen; ich habe etwa die Beschreibung der politischen Rolle der katholischen Kirche in dieser Präzision und Kürze bislang nirgendwo anders gefunden.

Kershaw gelingt einmal mehr eine gut strukturierte und exakte Analyse des komplexen historischen Materials ohne Zuhilfenahme eines groben ideologischen Schemas. Aufgrund von Kershaws klarem Stil ist das Buch sowohl als anspruchsvolle Einführung für historische Laien als auch als auffrischender Überblick für Kenner der Materie zu empfehlen. Man darf auf den zweiten Teil des Buches gespannt sein.

Ian Kershaw: To Hell and Back. Europe, 1914–1949. London: Allen Lane, 2015. Kindle-Edition, 574 Seiten. 10,99 €.

Uwe Johnson: Jahrestage 4

Nun fing ich an, wegzugehen.

Johnson-Jahrestage-4Erst 1983, also zehn Jahre nach dem dritten Band, erschien der Abschluss der „Jahrestage“. Wahrscheinlich wäre der Roman aufgrund Lebenskrise Johnsons nicht zu Ende geschrieben worden, hätten den Autor nicht massive finanzielle Probleme zu dem Versuch gezwungen, an den Erfolg der früheren Bände anzuschließen. Das Erscheinen des Bandes wurde denn auch entsprechend aktiv vom Verlag beworben, so dass der Band als eine der wichtigsten Neuerscheinungen der Buchmesse 1983 wahrgenommen wurde.

Inhaltlich schließt auch dieser Band nahtlos an den Vorgänger an. Allerdings ist festzustellen, dass das Thema des Kriegs in Viet Nam (um Johnsons Schreibweise zu übernehmen) in den Hintergrund tritt. Ob dies einer bewussten poetologischen Entscheidung des Autors geschuldet ist oder schlicht der Tatsache, dass dieser Krieg nach 10 Jahren im Bewusstsein des Autors schlicht an Bedeutung verloren hat, kann auf die Schnelle nicht entschieden werden. Die Erzählung der Nachkriegszeit setzt den Schwerpunkt auf die Schulkarriere Gesines unter den politischen und ideologischen Bedingungen der frühen DDR – hier ist ein Glanzstück die Behandlung von Fontanes „Schach von Wuthenow“ im Deutschunterricht der „Elf A Zwei“ (2. August 1968 ff.) –, die alles andere als harmlos verläuft, sondern gleich mehrere politische Prozesse gegen Schüler umfasst. Heinrich Cresspahl, der im Mai 1948 als körperlich gebrochener, kranker Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, bleibt im letzten Teil der Erzählung nur eine Nebenfigur. Die Chronologie des Lebens Gesines in der Nachkriegszeit wird gegen Ende des Buches in einem eher summarischen Verfahren bis an den Beginn der erzählerischen Jetztzeit herangeführt und so das Ende mit dem Anfang des Buches zu einem Zirkel geschlossen.

Die zwei Monate des Jahres 1968, die erzählt werden, sind hauptsächlich bestimmt vom Näherrücken des 21. August, an dem Gesine in Prag ihrer neue Stelle antreten soll. Die Entwicklung hin zur Zerschlagung des Prager Frühlings wird täglich der New York Times entnommen, wobei Gesine bis zum Ende optimistisch bleibt, dass das Prager Experiment eines humanen, demokratischen Sozialismus gelingen könnte.

Allerdings hat auch dieser Band seinen zentralen Todesfall: Gesines Geliebter D.E., den zu heiraten sie sich inzwischen entschlossen hatte, stirbt bei einem Absturz mit einer Cessna, die er selbst flog, in Finnland. Gesine verheimlicht diesen Todesfall ihrer Tochter, da sie befürchtet, Marie würde sich ansonsten weigern, mit nach Europa zu kommen. Sie selbst beherrscht ihre Trauer nach wenigen Tagen; von ihrer Bank wegen des Trauerfalls freigestellt, reist sie mit Marie in einer Art Abschiedstournee durch verschiedene Städte der USA.

Das Buch endet mit einem Treffen zwischen Gesine und Dr. Kliefoth, ihrem ehemaligen Lehrer und Schulrektor, am 20. August 1968 in Kopenhagen. Johnson lässt offen, ob Gesine tatsächlich am nächsten Tag in Prag in die Wirren des beginnenden Endes des Prager Frühlings gerät. Spekulieren darf der Leser aber, dass ihr die Wiederholung auch dieses Musters (man bedenke die Rückkehr ihres Vaters ins nationalsozialistischen Deutschland) nicht erspart bleiben wird.

Auch nach der zweiten Lektüre, die diesmal in wesentlich kürzerer Zeit abgeschlossen wurde als beim ersten Mal (von den Veränderungen des Lesers in 30 Jahren wollen wir schweigen), bleibt dies einer der ganz großen Zeitromane der deutschen Literatur. Johnsons Fähigkeit, nicht nur das Leben der Einzelnen, sondern zugleich seine Verflechtung mit und Bedingtheit durch die politische und gesellschaftliche Entwicklung zu erzählen, macht die „Jahrestage“ nicht nur zu einem bedeutenden Roman, sondern auch zu einem einmaligen Dokument deutscher Lebenswirklichkeit.

Uwe Johnson: Jahrestage 4. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. Juni 1968 – August 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1983. Leinen, Fadenheftung, 502 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 814 KB. 11,99 €.

Uwe Johnson: Jahrestage 3

Als Kinder, noch bei Gewitter in einer Kornhocke, haben wir uns gedacht: uns sieht einer. Wir werden alle gesehen.

Johnson-Jahrestage-3Der dritte Band der „Jahrestage“ ist der schmalste der Tetralogie und markiert die Lebens- und Schreibkrise in Johnsons Leben. Er umfasst nur zwei Monate aus dem Leben der Protagonistin im Jahr 1968 statt der vier der beiden vorangegangenen Bände. In Gesines Leben gibt es keine bedeutenden Änderungen: Sie beobachtet auch weiterhin im Auftrag der Bank, bei der sie angestellt ist, die Entwicklung in der ČSSR zu dem Ende, dass sie als Vertreterin der Bank nach Europa wechseln soll.

Für ihre Tochter Marie sind es Monate der politischen Desillusionierung: Ihr Idol John Vliet Lindsay, der Bürgermeister von New York, fällt bei ihr als Opportunist in Ungnade, und auch ihre Trauer um den am 5. Juni 1968 niedergeschossenen und tags darauf verstorbenen New Yorker Senator und Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy wird erheblich getrübt durch ihre Einsicht in die Inszenierung dieses Todes durch Politik und Familie. Marie ist zudem gegen den bevorstehenden Umzug nach Europa und will ihre Mutter zum Bleiben in den USA überreden, indem sie ihr ein Haus und eine geruhsame Zukunft verspricht, sobald sie selbst Geld verdienen wird.

Ganz kurz taucht an einem Urlaubswochenende mit zwei Kolleginnen aus der Bank die Alternative einer Frauen-WG vor den Toren New Yorks auf, die es Marie eventuell ermöglichen würde, in den Staaten zu bleiben, während ihre Mutter in Europa arbeitet, doch zerschlägt sich dieser Plan nach kurzer Zeit, weil eine der Frauen doch wieder zu ihrem Mann zurückkehrt. Und auch die Beziehung zwischen Gesine und dem bislang wohl noch gar nicht erwähnten D. E., bürgerlich Professor Dietrich Erichson, einem für die Rüstungsindustrie tätigen Physiker mecklenburger Herkunft, der Gesine regelmäßig Heiratsanträge macht, die anzunehmen sie sich fürchtet, da sie ihrer eigenen Befähigung zu einem bürgerlich ruhigen Leben misstraut, macht keine wirklichen Fortschritte.

Im Gegensatz dazu entwickelt sich das Leben Heinrich Cresspahls im Nachkriegsdeutschland dramatisch: Zwar übt er auch unter der russischen Besatzung zunächst weiterhin das Amt des Bürgermeisters von Jerichow aus, doch wird er eines Tages aus für ihn nicht durchschaubaren Gründen verhaftet, wochenlang verhört und schließlich ins Lager Fünfeichen überführt und dort anscheinend vergessen. Die dreizehnjährige Gesine lebt nun im väterlichen (eigentlich eigenem) Haus unter der Aufsicht von Jakob Abs und seiner Mutter, ist in Jakob verliebt, ohne es ihm zu zeigen, besucht wieder die Schule und versucht, ohne ihre wichtigste Vertrauensperson, ihren Vater in den ärmlichen Zeiten zurechtzukommen. Der Band schließt mit der Beschreibung des Wiederaufbaus nicht nur der Infrastruktur der russischen Besatzungszone, sondern auch des politischen Lebens durch von der Besatzungsmacht angeregte Gründungen von bürgerlichen Parteien, die die Entstehung eines deutschen Sozialismus vorbereiten sollen.

Uwe Johnson: Jahrestage 3. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. April 1968 – Juni 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1973. Leinen, Fadenheftung, 357 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 593 KB. 11,99 €.

Wird fortgesetzt …

Uwe Johnson: Jahrestage 2

Wahrheit. Wahrheit. Schietkråm.

Johnson-Jahrestage-2Zur Struktur des Romans und den allgemeineren Umständen der Fabel ist bei der Besprechung des ersten Bandes schon das Wichtigste gesagt worden. Der zweite Band schließt nahtlos an: In New York bereitet sich Gesine Cresspahl auch weiterhin darauf vor, Ihre Bank in unbestimmter Zeit bei der Prager Regierung zu vertreten. Sie wird deshalb befördert, bekommt ein Büro in einer höheren Etage und auch der Kontakt zum Vizedirektor der Bank de Rosny intensiviert sich. Parallel dazu erfahren wir aus Gesines Lektüre der New York Times von der politischen Entwicklung in der ČSSR und des Vietnam-Krieges. Das einschneidende Ereignis der zweiten Hälfte des Bandes bildet die Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968, dem am 11. April die Schüsse auf Rudi Dutschke in Berlin folgen.

Auf der historischen Ebene umfasst die Erzählung die Zeit von 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Einzug der Russen in das zuerst britisch besetzte Jerichow. Das bewegendste Ereignis in der ersten Hälfte ist sicherlich der Selbstmord Lisbeth Cresspahls, die sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Leben nimmt. Lisbeth Cresspahl leidet unter einem immer anwachsenden Schuldgefühl: Sie sieht die Entwicklung, die Deutschland nimmt, sie glaubt den Voraussagen ihres Mannes, dass es bald Krieg geben wird, und macht sich Vorwürfe, weil Mann und Kind auf ihren Wunsch hin in Deutschland leben. Und sie hat den Anspruch an sich, dass sie etwas gegen das Böse in dieser Welt tun müsste, Christin, als die sie sich begreift. Ihr Schuldbewusstsein geht soweit, dass ihre Tochter beinahe durch ihre Untätigkeit ums Leben kommt, als sie auf eine volle Regentonne steigt und hineinfällt:

Sie hätte das Kind sicher gewußt, fern von Schuld und Schuldigwerden. Und sie hätte von allen Opfern das größte gebracht. [19. Januar 1968]

Zur Katastrophe kommt es, als Lisbeth am 9. November 1938 im nahe gelegenen Gneez das Niederbrennen der Synagoge erlebt und dann im heimischen Jerichow dazukommt, wie der nationalsozialistische Bürgermeister bei der Plünderung eines jüdischen Geschäftes die kleine Tochter der Eigentümer, Marie Tannebaum, niederschießt. Lisbeth ohrfeigt den Bürgermeister mehrfach und geht dann heim, wo sie allein ist, da Heinrich mit seiner Tochter zu Besuch bei Schwester und Schwager in Wendisch Burg ist. In der Nacht legt Lisbeth Feuer in der Werkstatt Heinrichs und verbrennt dabei selbst. Cresspahls stumme Trauer und Pastor Wilhelm Brüshavers Erwachen zum Widerstand an diesem Todesfall gehören mit zum Besten der deutschen Literatur.

Wie bereits gesagt, wird die Geschichte Cresspahls in diesem Band bis zum Kriegsende fortgeführt: Cresspahl beginnt – mehr gezwungen als freiwillig – für den britischen Geheimdienst zu arbeitet, hält sich aber sonst so weit es geht aus der Welt heraus, ja macht den Eindruck eines über dem Tod seiner Frau merkwürdig gewordenen Kauzes. Er kümmert sich um das Erwachsenwerden Gesines, schmiedet mit ihr ein Schutz- und Trutzbündnis gegen die Welt und übersteht damit den Krieg. Die zuerst in Jerichow einrückenden Briten machen ihn zum Bürgermeister, räumen dann aber aufgrund des Gebietstausches für die drei Westzonen Berlins Mecklenburg komplett und die Russen übernehmen die Stadt.

Herausgehoben werden sollte vielleicht noch die Passage über Hans Magnus Enzensberger und sein von ihm öffentlich inszeniertes Verlassen der USA, das in einiger Breite und mit schöner Ironie präsentiert wird:

– Mrs. Cresspahl, warum macht dieser Deutsche Klippschule mit uns?
– Er freut sich, daß er so schnell gelernt hat; er will uns lediglich von seinen Fortschritten unterrichten, Mr. Shuldiner.
– Sollten wir nun auch nach Cuba gehen? Hat er in Deutschland nichts zu tun?
– Man soll anderer Leute Post nicht lesen, und böten sie einem die an.
– Aber Ihnen, da Sie eine Deutsche sind, hat er gewiß ein Beispiel setzen wollen.
– Naomi, deswegen mag ich in Westdeutschland nicht leben.
– Weil solche Leute dort Wind machen?
– Ja. Solche guten Leute. [29. Februar 1968]

Uwe Johnson: Jahrestage 2. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. Dezember 1967 – April 1968. Frankfurt: Suhrkamp, 1971. Leinen, Fadenheftung, 544 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 807 KB. 11,99 €.

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Uwe Johnson: Jahrestage (1)

Wenn ich gewußt hätte wie gut die Toten reden haben. Die Toten sollen das Maul halten.

Johnson-Jahrestage-1Zum ersten Mal wahrgenommen habe ich Uwe Johnsons „Jahrestage“ in meinem ersten Semester an der Universität Tübingen. Da kam der Autor zu seiner allerletzten öffentlichen Lesung, denn zur Buchmesse war endlich der vierte und abschließende Band des Romans erschienen, und Johnson las in einem der großen Hörsäle im Tübinger Brechtbau vor einem übervollen Haus aus den Abschnitten, in denen Gesine Cresspahl von ihrem Deutschunterricht und Theodor Fontanes „Schach von Wuthenow“ erzählt. Anschließend wollte oder konnte kein einziger der Zuhörer auch nur eine einzige Frage stellen – mir ist bis heute nicht so ganz genau klar, warum nicht –, so dass sich Johnson selbst was fragte und es beantwortete. Ich vermute fast, es ist ihm im Leben oft so ergangen.

Danach habe ich mir die vier Bände, die es damals noch nur im Leineneinband gab, peu à peu zugelegt und mich hineingelesen in die Welt und die Tage der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie, die – darauf bestand ihr Autor bei allen Gelegenheiten – keine Figuren sind, sondern Personen waren und mit denen man demgemäß Umgang zu pflegen hatte. Jetzt, 30 Jahre später, sind die vier Bände nicht nur erneut im Taschenbuch aufgelegt worden, sondern auch als eBook; allerdings auch hier immer noch in vier Teilen anstatt als der eine große Roman, als den Johnson den Text gelesen haben wollte. Wahrscheinlich will man bei Suhrkamp Rücksicht auf die Leser nehmen, sich nicht um den Gewinnst bringen von vier Verkäufen statt einem, und wer bei Suhrkamp mag sich überhaupt noch auskennen mit dem, was ein alter Sturkopf ehemals so alles gewollt haben mag. Ich jedenfalls habe die Dateien zum Geburtstag geschenkt bekommen, und die zweiten Lektüre denke ich mehr oder weniger in einem Zug zu vollenden, falls sich bei über 1.800 Seiten von einem solchen Zug überhaupt sprechen lässt.

Zur Entstehung ist anzumerken, dass es wohl ursprünglich eine Trilogie werden sollte, dreimal vier Monate, dass dann aber das dazwischen gekommen ist, was in den Kurzbiographien des Autors „eine Krise“ heißt und eine Zeit der Depression, der Paranoia und des Alkoholismus war. Und so erschien 1973 ein kurzer dritter Band und erst zehn Jahre später dann der abschließende vierte. Manche Kritiker wollten in dem stilistische Brüche entdeckt haben, als hätten sie zur Kritik des letzten die vorherigen tatsächlich noch einmal gelesen oder könnten sich an sie noch erinnern oder was. Es wird sich zeigen, was davon zu halten ist.

Das Roman hat mindestens vier Erzählebenen: Seine Jetztzeit bilden die 367 Tage vom 20. August 1967 bis zum 20. August 1968. Die hauptsächliche Erzählerin ist Gesine Cresspahl, am 3. März 1933 im fiktiven Jerichow in Mecklenburg geboren als Tochter des Tischlers Heinrich Cresspahl und seiner Frau Lisbeth, einer geborenen Papenbrock. Gesine lebt mit ihrer anfangs neunjährigen Tochter Marie seit sechs Jahren in New York. Sie arbeitet als eine Auslandskorrespondentin bei einer Bank und steht wohl vor einem Karrieresprung, der im Zusammenhang mit den politischen Reformen der Tschechoslowakei zu stehen scheint. Maries Vater ist jener Jakob, über den der Autor zuvor schon einige Mutmassungen niedergeschrieben hatte; überhaupt ist hervorzuheben, dass die Gesamtheit der sogenannten fiktionalen Texte Uwe Johnsons einen einzigen großen Zusammenhang bildet, den im Gedächtnis zu behalten nicht immer einfach ist. Jedenfalls bilden Gesines Leben und das ihrer Tochter wohl die umfassende Erzählung des Romans.

Die zweite Ebene liefert die Erzählung Gesines von der Geschichte ihrer Eltern, die sie ihrer Tochter Marie erzählt, teils direkt, teils auf Tonband, „für wenn sie tot ist“. Gesines Vater Heinrich, Jahrgang 1888, hatte sich im August 1931, bereits wieder auf dem Weg nach England, wo er als Tischlermeister einen Betrieb leitete, in ein junges Mädchen verguckt: Lisbeth Papenbrock, 18 Jahre jünger als er, der er nach Jerichow folgt und mit der er rasch einig wird, dass sie sich heiraten. Sie gehen dann gemeinsam fort aus Deutschland, in dem der Aufstieg der Nazis schon zu begonnen hat, denen der halbe Sozialdemokrat Cresspahl den Willen nicht nur zur Abschaffung der Republik, sondern auch den zum Krieg schon anmerkt. Doch Lisbeth hat Heimweh, nicht nur nach ihrer Familie, sondern auch nach ihrer Mecklenburgischen Landeskirche, und so nutzt sie die bevorstehende Geburt ihres ersten (und letztlich einzigen) Kindes zur Flucht zurück nach Deutschland. Und Cresspahl folgt ihr, widerwillig, aber er folgt ihr und bleibt dort, wo er nur um ihretwillen lebt. Doch auch damit wird Lisbeth nicht glücklich.

Die dritte Ebene bildet die tägliche Zeitungslektüre Gesines: Jeden Tag erwirbt sie die New York Times, aus der heraus die jeweils aktuelle politische und gesellschaftliche Wirklichkeit in den Roman gelangen: der Rassenkonflikt, politische Umtriebe und Skandale, der Krieg in Viet Nam und die Proteste gegen ihn, die Mafia und die alltägliche Kriminalität schlechthin etc. pp. Diese Ebene bietet zum einen Anlass zur Auseinandersetzung zwischen Gesine und Marie, wobei Marie – die erstaunlich klug und redegewandt für ihr Alter ist – im Vergleich zu ihrer Mutter nicht nur einen amerikanischeren Standpunkt einnimmt, sondern aufgrund ihres Alters natürlich auch eine opportunistischere Grundhaltung zeigt.

Die vierte Ebene besteht aus zumeist kurzen Gedankendialogen Gesines mit Lebenden und Toten, in denen sich Gesine oft selbst in eine kritisches Licht setzt. Hier werden die Kompromisse deutlich, die sie eingeht, oft um ihrer Tochter willen, aber sie kritisiert auch ihre eigene Bequemlichkeit, ihre Furcht, als Ausländerin in den USA negativ aufzufallen, ihre Bindungsängste und vieles mehr.

Sowohl das New York des Jahres 1967 als auch das Mecklenburg der 30er Jahre zeichnen sich durch einen großen Reichtum an handelnden Personen aus, wobei es Johnson oft gelingt, eine Person auf wenigen Seiten markant zu charakterisieren. Wer sich einen kurzen Eindruck von Johnsons Erzählkunst verschaffen will, lese zum Beispiel die Charakterisierung des jerichower Rechtsanwaltes Dr. Avenarius Kollmorgen auf den Seiten 305 ff. (17. November 1967). Johnson reduziert das Erzählte zumeist auf das Notwendigste, liefert auch häufig zum Verständnis wesentliche Details erst später in anderen Zusammenhängen nach, so dass vom Leser ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit gefordert wird, um den komplexen Beziehungen der Figuren untereinander zu folgen. Dies wird ein wenig dadurch gemildert, dass ab und zu kurze Zusammenfassungen eingeschoben werden, die die Orientierung erleichtern. Auch sprachlich setzt der Text dem Leser einigen Widerstand entgegen: Neben vereinzelten Dialogen im mecklenburger Platt, fallen heute besonders jene Stellen auf, an denen Johnson englische Wendungen ins Deutsche übersetzt, die heute als Amerikanismen geläufig sind; interessanterweise merkt man gerade an diesen Stellen dem Text am deutlichsten sein Alter an. Und auch sonst ist Johnsons Deutsch eher kantig als eingängig, was wohl als Abbildung eines Deutsch gelesen werden muss, das nicht nur mecklenburgische Wurzeln hat, sondern auch durch den jahrelangen Gebrauch des Englischen verändert wurde.

Der Roman liefert ein außergewöhnlich reiches und differenziertes Bild sowohl des Lebens im Deutschland der ersten Hälfte der 30er Jahre als auch im New York der 60er Jahre. Johnsons prinzipielles Misstrauen gegen Ideologien und eindimensionale Erklärungen sowie seine klare Haltung gegen Rassismus, Diktaturen und Unfreiheit bilden das Fundament der Erzählung, ohne dass der Autor seine Figuren, pardon, Personen mit dieser Grundhaltung überfrachtet. Johnson erzählt, soweit das überhaupt möglich ist, das Leben selbst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im vierten Band Theodor Fontane als Schirmherr dieses Romans herbeizitiert wird.

Was die derzeit verkaufte Kindle-Edition des Romans angeht, so sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass Suhrkamp das Erstellen der betreffenden Dateien noch ein wenig üben muss: Bei Verwendung der sogenannten Verleger-Schriftart zeigt mein Kindle Paperwhite nur graphischen Müll an; bei Wahl einer anderen Schriftart wird auf dem Paperwhite nur Flattersatz angezeigt, während bei Anzeige über die App auf dem iPad die kursive Textauszeichnung komplett verloren geht. Zudem werden die meisten Gedankenstriche nur als Bindestriche dargestellt. Da Suhrkamp derzeit für eBooks nur 1 Cent weniger verlangt als für das entsprechende Taschenbuch, darf man als Käufer wohl ein wenig mehr Sorgfalt bei Herstellung und der Prüfung der Dateien erwarten.

Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. August 1967 – Dezember 1967. Frankfurt: Suhrkamp, 1970. Leinen, Fadenheftung, 478 Seiten. Kindle-Edition. Berlin: Suhrkamp, 2013. 732 KB. 11,99 €.

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Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten

978-3-10-089434-2Sönke Neitzel hat im Jahr 2005 unter dem Titel »Abgehört« einen ersten Band mit Abhörprotokollen des britischen Militärgeheimdienstes veröffentlicht, die während des 2. Weltkrieges in der Hauptsache im Gefangenenlager Trent Park in der Nähe Londons erstellt worden waren. In Trent Park war eine handverlesene Gruppe höherer Offiziere interniert, von denen sich der Geheimdienst besonders ergiebige Erkenntnisse erwartete. Bei »Soldaten« handelt es sich um eine Erweiterung dieses ersten Bandes. Diesmal werden auch Abhörprotokolle von Mannschaftsdienstgraden ausgewertet. Im Vergleich zu »Abgehört« wurde die Gewichtung zwischen Dokumentation und Interpretation bei diesem neuen Band deutlich zu Ungunsten der Dokumentation verschoben. Die Zusammenarbeit mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer führt dazu, dass der Textanteil des deutenden Zugriffs in diesem Buch den der eigentlichen Protokolle deutlich überwiegt. Das Buch ist daher offensichtlich eher für den historischen Laien gedacht.

Das leitende Interesse der Autoren ist das Phänomen der Gewalt, wobei sie von der oft diskutierten Frage ausgehen, wieso Wehrmachtsangehörige während des Krieges Gewalt gegen Zivilisten ausgeübt haben und darüber hinaus aus auch an offenbar verbrecherischen Aktionen, selbst wenn sie diese Aktionen aus moralischen oder anderen Gründen innerlich abgelehnt haben. Dabei wird die Erklärung zurückgewiesen, dass durch das Kriegsgeschehen eine Verrohung der Soldaten eintritt, sondern Welzer vertritt die Auffassung, dass der militärische Bezugsrahmen bereits genügt, um ausreichende Bedingungen für Gewaltexzesse zu schaffen. Ausführlich wird dabei untersucht, wie und in welchem Umfang die Ideologie und der Rassebegriff des Nationalsozialismus Einfluss auf Selbstverständnis und Handeln der Soldaten hatten.

Die grundsätzlich vertretene These ist, dass Gewalt nicht als eine Ausnahmeerscheinung der menschlichen Existenz angesehen werden sollte:

Der Krieg und das Handeln der Arbeiter und Handwerker des Krieges sind banal, so banal, wie es das Verhalten von Menschen unter heteronomen Bedingen – also im Beteib, in einer Behörde, in der Schule oder in der Universität – immer ist. Gleichwohl entbindet diese Banalität die extremste Gewalt der Menschheitsgeschichte und hinterlässt mehr als 50 Millionen Tote und einen in vielerlei Hinsicht auf Jahrzehnte verwüsteten Kontinent. (S. 409)

Soldaten lösen ihre Aufgaben im Krieg mit Gewalt; das ist auch schon das Einzige, was ihr Tun systematisch von dem anderer Arbeiter, Angestellten und Beamten unterscheidet. Und sie Produzieren andere Ergebnisse als zivile Arbeitende: Tote und Zerstörung. (S. 439)

Wenn man aufhört, Gewalt als Abweichung zu definieren, lernt man mehr über unsere Gesellschaft und wie sie funktioniert, als wenn man ihre Illusionen über sich selbst weiter teilt. Wenn man also Gewalt in ihren unterschiedlichen Gestalten in das Inventar sozialer Handlungsmöglichkeiten menschlicher Überlebensgemeinschaften zurückordnet, sieht man, dass diese immer auch Vernichtungsgemeinschaften sind. Das Vertrauen der Moderne in ihre Gewaltferne ist illusionär. Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist. (S. 445)

Ich kann mich dieser Sicht nur schwer entziehen, muss aber kritisch feststellen, dass das im Buch vorgeführte Material diese Grundauffassung zwar überzeugend illustriert, aber letztlich nicht beweist. Was das Autorenteam zwar immer mit reflektiert, letztlich aber nicht ernsthaft bei der Bewertung der Protokolle berücksichtigen kann, ist, dass diese Gespräche zwischen Soldaten in Gefangenschaft auch immer gruppendynamischen Zwängen unterliegen:

… gewiss ist er der Kommunikationssituation geschuldet, die eine Infragestellung des militärischen Wertekanons auch und vielleicht gerade in der Gefangenschaft nicht zuließ. (S. 357)

Oder:

… möglicherweise hat er aber auch schlicht gelogen, um seinen Gesprächspartner zu beeindrucken. (S. 362)

Dieser prinzipielle Zweifel ist natürlich nicht auszuräumen, doch wie schon Aristoteles betonte, darf man von jedem Urteil nur den Grad an Genauigkeit erwarten, den der vorliegende Gegenstand erlaubt.

Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt: S. Fischer, 2011. Pappband, 520 Seiten. 22,95 €.

Philip Roth: Nemesis

978-0-224-08953-1Sogenannter Kurzroman (Short Novel), der aber mit immerhin 280 Seiten so manche heutzutage schlicht mit Roman betitelte Produktion deutlich übertrifft. Erzählt wird die Geschichte Eugene »Bucky« Cantors, eines jungen Sportlehrers, der im Jahr 1944 während der Sommerferien in Newark einen Sportplatz als Playground director betreut. Cantor leidet darunter, dass er nicht wie andere junge Männer seiner Generation im Krieg ist, da er aufgrund seiner extrem schlechten Augen als untauglich eingestuft wurde. Nichtsdestotrotz ist er ein überdurchschnittlicher Athlet, der Turmspringen und Speerwurf als besondere Disziplinen betreibt. Und er betreut den Sportplatz gern, hat ein herzliches Verhältnis zu den meisten Kindern dort und wird auch von ihnen als Vorbild und wichtige Bezugsperson wahrgenommen. Nur dass er während der Ferien von seiner Freundin Marcia Steinberg, die in dieser Zeit in einem Sommercamp in Pennsylvania arbeitet, getrennt ist, lässt ihn ein wenig mit seiner Situation hadern.

Bereits zu Beginn des Sommers bricht in Newark eine Polio-Epidemie aus, die sich bald schon auf den jüdischen Stadtteil Weequahic, in dem auch Cantors Schule und der Sportplatz liegen, zu konzentrieren scheint. Kurz nach Ausbruch der Epidemie sterben gleich zwei Jungen, die Cantor regelmäßig auf dem Sportplatz betreut hatte. Die Mutter eines anderen erkrankten Kindes macht Cantor Vorwürfe, er schone die Kinder nicht genug und sei deshalb mitverantwortlich an den zahlreichen Erkrankungen. Nahezu gleichzeitig ergibt sich für Cantor die Möglichkeit, seiner Freundin nachzureisen, da im Ferienlager ein Schwimmlehrer gebraucht wird. Obwohl Cantor es für seine Pflicht hält, in der Stadt zu bleiben und seine Kinder nicht im Stich zu lassen, gibt er, einem plötzlichen Impuls folgend, den Bitten seiner Freundin nach, kündigt seine Stelle und flieht vor der Epidemie in die scheinbar heile Welt des Ferienlagers. Dort angekommen macht ihm zwar zuerst noch sein Gewissen zu schaffen, das ihm nicht nur seine Flucht aus Newark, sondern auch seine militärische Untauglichkeit vorhält, doch angesichts des harmonischen Lagerlebens und der Nähe seiner Freundin versucht er diese Gedanken zu verdrängen. Sieben Tage nach seiner Ankunft erkrankt einer der Jungen aus seiner Hütte an Polio. Es folgen rasch weitere Fälle und wiederum ein paar Tage später ist auch Bucky Cantor eines der Opfer der Krankheit.

Bis zu dieser Stelle ist der Roman eher ruhig und in einem weitgehend auktorialen Stil geschrieben. Wir erfahren im ersten Teil zwar kurz, dass der Text einen Ich-Erzähler hat, Arnie Mesnikoff, einen der erkrankten Jungen in Newark. Doch erst im dritten Teil des Buches kommt dieser Ich-Erzähler im eigentlichen Sinne zu Wort. Er berichtet davon, Bucky Cantor viele Jahre nach den geschilderten Ereignissen wiedergetroffen zu haben. Beide befreunden sich erneut, und Cantor erzählt Mesnikoff seine Lebensgeschichte. Wir erfahren, dass er sich nach seiner Erkrankung geweigert hat, wieder Kontakt zu Marcia aufzunehmen. Er wollte seiner Geliebten nicht eine Ehe mit einem Behinderten zumuten und sein eigenes Glück aufopfern, um sie nicht unglücklich zu machen. Gespeist wird die Opferrolle, in die sich Cantor begibt, durch seine ihn überwältigenden Schuldgefühle: Er glaubt sich nicht nur verantwortlich für den Ausbruch der Krankheit im Ferienlager, sondern hält es sogar für wahrscheinlich, dass er auch die Kinder in Newark angesteckt habe. Zusammen mit den ihn sowieso peinigenden Selbstvorwürfen wegen seiner Untauglichkeit und seiner Flucht aus Newark ergibt sich eine psychische Lage, aus der er sich selbst nicht mehr befreien kann. Das Buch endet überraschend mit einer Apotheose Cantors, indem der sich erinnert, seinen Schülern auf dem Sportplatz seine Fähigkeiten als Speerwerfer vorgeführt zu haben: Dabei gerät Bucky beinahe zu einem klassisch-griechischen Helden.

Es handelt sich um einen für Roth außergewöhnlich ruhig erzählten, weitgehend ereignislosen Roman, dem ein echter Höhepunkt fehlt. Die eher ungewöhnliche erzählerische Konstruktion war ähnlich bereits in The Human Stain zu finden, in dem der Ich-Erzähler ebenfalls relativ spät im Text auftritt. Für die Einordnung des Textes erscheint es nicht unwichtig, dass der Verlag dem Buch eine Übersicht der Rothschen Werke mitgegeben hat, in der vier seiner letzten Bücher – Everyman, Indignation, The Humbling und eben Nemesis – unter der Überschrift Nemeses: Short Novels zu einer neuen Gruppe zusammengefasst wurden. Nemesis steht hier wohl in erster Linie für das vom Schicksal dem Einzelnen Zugeteilte, wobei noch zu reflektieren wäre, ob bei Roth das Prinzip der gerechten Strafe nicht durch das einer ausgleichenden Ungerechtigkeit ersetzt worden ist.

Philip Roth: Nemesis. London: Jonathan Cape, 2010. Pappband, 283 Seiten. 11,95 €.

Heike B. Görtemaker: Eva Braun

978-3-406-58514-2Alles in allem ein überflüssiges Buch. Wie bereits der Untertitel »Leben mit Hitler« klar macht, erhebt die Autorin nicht den Anspruch, eine Biografie Eva Brauns zu liefern. Das kann sie auch nicht, da sich das spezifisch biografische Material zu Eva Braun, das die Autorin liefert, bequem auf 25 Seiten zusammenfassen ließe, wobei sich ein nicht unerheblicher Anteil davon auch noch auf dem Niveau von Klatsch- und Tratschgeschichten bewegt. Der Rest ist einmal mehr eine allgemein gehaltene Historie des Dritten Reiches, wobei natürlich ein besonderer Schwerpunkt beim Hitlerschen Hofstaat liegt. Görtemaker bedient sich dazu der gewöhnlichen Quellen, kommt zu den gewöhnlichen Ergebnissen, angereichert um die immer wieder erneuerte Geste pseudokritischen Fragens, das aber zu keinerlei Antworten führt, weil dazu kein ausreichendes Material vorliegt:

War sich Eva Braun der geschichtlichen Bedeutung dieser Tage, die sie auf dem Berghof miterlebte und deren Dramatik sie offenkundig fotografisch einzufangen suchte, bewußt? Zeitgenössische sowie spätere Aussagen dazu gibt es nicht. [S. 231]

Rächte sich Eva Braun jetzt inmitten des Untergangs an ihren früheren Feinden für die Herabwürdigungen im Zusammenhang mit ihrer Mätressenrolle? Diese Frage muß unbeantwortet bleiben … [S. 269]

Ob sich Eva Braun vor diesem Hintergrund «bewußt» mit politischen Äußerungen zurückhielt, wie ihre Schwester Ilse nach Kriegsende vor Gericht erklärte, oder ihr Schweigen lediglich mangelndes Interesse bedeutete, ist aufgrund der Quellenlage schwer zu beantworten. Auch die Frage, ob sie vom Holocaust wußte, bleibt letztlich ungeklärt. [S. 289]

Wer einen ersten Einstieg in das Thema des Hitlerschen Hofstaates sucht, ist mit Görtemakers Buch vielleicht noch ganz gut bedient, wer aber bereits auch nur einigermaßen orientiert ist, für den ist die Lektüre wahrscheinlich nur Zeitverschwendung.

Heike B. Görtemaker: Eva Braun. Leben mit Hitler. München: Beck, 2010. Pappband, 366 Seiten. 24,95 €.

Ian Kershaw: Wendepunkte

978-3-570-55120-2 Man kommt kaum umhin, diese Studie zu den Kriegsjahren 1940 und 1941 als brillant zu bezeichnen. Kershaw, der durch seine umfangreiche Hitler-Biografie bekannt geworden ist, zeichnet ein umfassendes Bild dieser Jahre, indem er in zehn Kapiteln jeweils eine zentrale Entscheidung einer der Kriegsparteien in den Mittelpunkt stellt und zu jeder dieser Entscheidungen die personellen, strukturellen, historischen, ideologischen, politischen und individuellen Bedingungen darstellt, die zu ihr geführt haben. Besonders beeindruckt hat mich die Darstellung der Lage Japans, für die zum einen der Prozess dokumentiert wird, in dem sich Japan für den Weg in den Krieg entscheidet, zum anderen jener, der zum Angriff auf Pearl Harbor führte.

Will man unbedingt Schwächen des Buches finden, so bieten sich meiner Meinung nach höchstens zwei Punkte an: Einerseits wird die Lage in Nordafrika immer nur am Rande behandelt, zum anderen neigt Kershaw ein wenig dazu, Person und Entscheidungen Roosevelts im günstigsten Licht zu zeigen. Eine gewisse Redundanz der Darstellung, die es erlaubt, die einzelnen Kapitel auch unabhängig von den anderen zu lesen, kann dem Buch nicht als Mangel angelastet werden.

Eine der besten Gesamtdarstellungen der Weltlage in den frühen Kriegjahren, die ich kenne.

Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. München: Pantheon, 2010. Broschiert, 735 Seiten. 18,99 €.

Nicholson Baker: Menschenrauch

978-3-498-00661-7Beeindruckende Sammlung von Quellen im Wesentlichen vom Ende des ersten Weltkriegs bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941. Dokumentiert werden sowohl die Bestrebungen der Kriegstreiber als auch die vergeblichen Bemühungen der Kriegsgegner, den nächsten Krieg zu verhindern bzw. so rasch wie möglich zu beenden. Neben der offiziellen Geschichte werden nahezu gleichrangig Tagebücher und Erinnerungen von Opfern dokumentiert. Einen breiten Raum nehmen auch Zitate aus zeitgenössischen Tageszeitungen ein.

Diese Fleißarbeit Bakers erzeugt ein bislang nicht dagewesenes musivisches Bild der Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg hin und der ersten Kriegsjahre. Für Leser, die sich in dieser Zeit einigermaßen gut auskennen, bereichert die Lektüre des Buches ihren Blick auf überraschende Weise. Besonders die Aktivitäten der Pazifisten und Kriegsgegner waren wenigstens mir so präsent nicht. Auch der nicht nur in Deutschland, sondern weltweit verbreitete Antisemitismus tritt sehr deutlich hervor.

Ein wenig ist allerdings zu befürchten, dass sich Leser, die sich mit Hilfe dieses Buches erstmals mit der Epoche auseinandersetzen, ein etwas eigentümliches Bild zusammenstellen könnten. Besonders als Deutscher hegt man Zweifel, ob sich etwa zur Judenvernichtung ein historisch korrekter Eindruck ergibt, wenn pseudorationale Argumente von Antisemiten oder Nationalsozialisten scheinbar gleichrangig neben Klagen von Juden oder jüdischen Hilfsorganisationen stehen. Da die Quellen zudem im Dezember 1941 enden, wird die entsetzlichste Phase des Holocaust nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 ausgeblendet. Die Sammlung zeichnet von daher trotz aller dargestellten Gräuel ein schiefes Bild der deutschen Verbrechen an den Juden. Hier liegen Grenzen der auf den ersten Blick durchaus faszinierenden Methode des Buches, die Quellen weitgehend selbst sprechen zu lassen.

Nicholson Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Deutsch von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Reinbek: Rowohlt, 2009. Pappband, Lesebändchen, 639 Seiten. 24,90 €.