Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Zum 300. Jubiläum seines Erscheinens ist mir dieser Roman wieder in die Hände geraten.  Robinson Crusoe war wahrscheinlich das erste Buch für Erwachsene, das ich jemals gelesen habe. Ein gutmeinender Bekannter meiner Mutter, der sah, dass ich Karl May las, erbarmte sich wohl und wollte mir ein anständiges Abenteuerbuch zukommen lassen. Es war tatsächlich eine vollständige Übersetzung des ersten Teils, und ich habe mich damals brav durch das Buch hindurch gearbeitet – ich war als Karl-May-Leser einiges an langweiligen Passagen gewohnt und dachte, das müsse so sein. Später dann habe ich den Roman noch einmal kursorisch angeschaut, weil das Insel-Motiv bei Arno Schmidt nicht unwichtig ist und Defoes Buch für zahlreiche Variationen die Folie geliefert hat. Damals erfuhr ich dann auch, dass der Roman eigentlich zwei oder gar drei Teile hat (wenn man den 1720 nachgeschobenen Essayband, mit dem Defoe den Erfolg der ersten beiden Teile noch weiter melken wollte, als Teil eines Gesamtwerks gelten lassen will).

Diesmal war es dann eine gründlichere Lektüre der beiden erzählerischen Teile. Das Buch erfüllt in etwa die Erwartungen, die man an einen Erstling eines geschäftstüchtigen Journalisten und religiösen Agitators haben kann: Es zielt auf die damals vorherrschende Neugier des Lesepublikums auf exotische Sensationen ab, rührt die Pauke für eine protestantische, nichtkirchliche, atheologische Frömmigkeit, die eine direkte Beziehung des Einzelnen zu Gott aus der Bibel-Lektüre gewinnen will, und spiegelt ansonsten das hartherzige und kalkulierende Gemüt eines Engländers des frühen 18. Jahrhunderts. James Joyce hat das einmal ganz gut zusammengefasst:

In Crusoe ist der ganze angelsächsische Geist: die männliche Unabhängigkeit, die unbewußte Grausamkeit, die Ausdauer, die langsame aber wirkungsvolle Intelligenz, die sexuelle Apathie, die praktische und ausgewogene Religiosität. Die berechnende Schweigsamkeit. Wer dieses schlichte, bewegende Buch im Hinblick auf die nachfolgenden geschichtlichen Ereignisse wieder liest, kann sich seinem prophetischen Bann nicht entziehen. [aus: Daniel Defoe (1911/1912). In: Kleine Schriften, S. 244.]

Der zweite Teil ist offensichtlich aufgrund des überraschend großen Erfolges rasch nachgeschoben worden und bei weitem nicht so dicht wie der erste. Während sich etwa zwei Drittel mit Robinsons Rückkehr zu seiner Insel und der Rettung des Seelenheils der dort inzwischen ansässigen Engländer und Wilden befassen, wird dann zur Erreichung des notwendigen Volumens noch eine 10-jährige Weltreise (Madagaskar–Indien–China–Russland–Deutschland–England) angeklebt, die allerdings einige erstaunliche Passagen aufweist. So begeht die Schiffsbesatzung, mit der Robinson unterwegs ist, auf Madagaskar aus Rache ein ungeheuerliches Massaker an der einheimischen Bevölkerung, nachdem einer der Seeleute eine Einheimische vergewaltigt hatte und dafür von den Einheimischen getötet wurde. Sehr zu belasten scheint das aber niemanden, wenn auch Robinson moralische Bedenken deswegen hegt, weil die Europäer den Konflikt immerhin begonnen hatten. Als er aber Jahre später auf sogenannte tatarische Heiden trifft, von denen er erzählt bekommt, sie hätten einen christlichen Missionar, der sich an ihrem Götzen vergriffen habe, auf grausame Weise getötet, schlägt er vor, man solle an ihnen doch ein Exempel statuieren, wie es damals auf Madagaskar so erfolgreich exerziert worden sei. Zum Glück kann er von seinem Vorhaben abgebracht werden.

Dass es diese Abenteuer-Scharteke in den Rang bedeutender Literatur und eines Klassikers gebracht hat, ist wohl in der Hauptsache Jean-Jaques Rousseaus Schuld, der in seinem Emile oder Über die Erziehung den Roman als erste und einzige Lektüre des zu erziehenden Knaben vorschlägt, da er an ihm wahres Menschentum erlernen könne.

Dieser Roman, von allen nebensächlichen Zuthaten befreit, mit Robinson’s Schiffbruche in der Nähe seiner Insel beginnend und mit der Ankunft des Schiffes, welches zu seiner Rettung erscheint, schließend, wird Emil während des ganzen Zeitabschnittes, von welchem hier die Rede ist, zugleich Unterhaltung wie Belehrung verschaffen. Ich will, daß ihm der Kopf darüber schwindele, daß er sich unaufhörlich mit seinem Schlosse, seinen Ziegen und Pflanzungen beschäftige; daß er, nicht aus Büchern, sondern an den Dingen selbst, Alles, was man in einem ähnlichen Falle wissen muß, bis ins Einzelne lerne; daß er sich selbst für einen zweiten Robinson halte, daß er sich in Felle gekleidet, mit einer großen Mütze auf dem Kopfe, einem furchtbaren Säbel an der Seite, kurz in dem ganzen grotesken Aufzuge der Figur erblicke, nur den Sonnenschirm ausgenommen, dessen er nicht bedürfen wird. [Übers. Hermann Denhardt]

Es ist wohl diese Passage, die im 18. und 19. Jahrhundert die Produktion eines ganzen Füllhorns pädagogischer Variationen und Bearbeitungen des Insel-Stoffs ausgelöst hat. Keinen der zahlreichen Nachfolger Rousseaus scheint dabei gestört zu haben, dass Robinson eine zutiefst durch die Zivilisation geprägte Figur ist: Wäre es ihm nicht gelungen, vom Wrack seines Schiffes Waffen, Werkzeuge und Vorräte zu retten (er unternimmt immerhin ein Dutzend Fahrten zum Schiff, bis dies endgültig untergeht), so hätte er wohl kaum die ersten Wochen auf der Insel überstanden. Die wahren Naturkinder des Buches sind die kannibalischen Wilden, die Robinsons Insel von Zeit zu Zeit besuchen, die aber so märchen- und schemenhaft bleiben, dass in aufklärerischer Absicht mit ihnen schlicht nichts anzufangen ist.

Für den heutigen Leser liest sich das Buch befremdend: Robinsons Egozentrik und Selbstgefälligkeit, seine christliche Arroganz, seine moralische Engstirnigkeit lösen bei Erwachsenen wahrscheinlich nur noch Kopfschütteln aus. Breite Passagen des Buches haben sich schlicht überlebt, und Robinson Crusoe ist heute wohl wieder das, was es ehemals war: eine Abenteuer-Scharteke, etwas zu lang, aber sonst ganz nett, wenn man nicht zu genau hinschaut. Weltliteratur durch sein Alter, Hochliteratur eher nicht.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Zwei Teile in einem Band. Aus dem Englischen von Lore Krüger. München: C. H. Beck, 31997. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 415 + 368 Seiten. Derzeit noch für 9,90 € lieferbar.

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