Allen Lesern ins Stammbuch (121)

»Was lesen Sie denn zum Beispiel jetzt?«

Fr. Rat. Morgens nach dem Kaffee – und dazu trink ich eine Bouteille Wasser, weil mir aus Eifer das Blut in den Kopf steigt – les ich zwei Stund und länger, aber alle Augenblick muß ichs Buch hinlegen und mich verwundern. Vorige Woche fing ich ein Buch an über die Inquisition von Goa. Da muß ich sagen, wenn auch mein Glauben mir bis zum Bergversetzen gelungen wär, so versetzt solch ein Buch mitsamt denen Bergen mich außer allen Glauben!

»Wär’s da nicht besser, Sie lesen solche Bücher nicht? – die nur Ihr Gemüt beunruhigen und Ihnen keine Erheiterung sind.«

Fr. Rat. Was halten Sie von mir, daß Sie mir einen so schwächlichen Rat geben? – Sollt ich meinen Geist mehr schonen als meinen Leib? – Der kann auch nicht auf Rosen gebettet liegen! und die Seel würde samt ihm zugrund gehen, die kein ander Exerzitium hätt als bloß Wohlbehagen. – Der Geist ist grad dazu gemacht, sich durch Dorn und Distel zu reißen, ich kann den Rat von Ihnen nicht gut heißen, ihn wie einen Schlemmer zu behandlen!

Bettina von Arnim
Dies Buch gehört dem König

Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe

Da, da rennen sie alle auf der Straße hin und her, einer wie der andere schon seiner Natur nach ein Lump und Verbrecher; noch schlimmer – ein Idiot!

Der erste der fünf letzten, umfangreichen Romane Dostojewskijs, die im Westen das Zentrum seiner Rezeption bilden. Ich habe den Roman jetzt zum ersten Mal in der Übersetzung Swetlana Geiers gelesen, nachdem ich während des Studiums und auch später noch einmal an der Hermann Röhls gescheitert war. Überhaupt stelle ich fest, dass ich mit vielen Übersetzungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts so meine Schwierigkeiten habe. Mit der Neuübersetzung hat sich mir der Roman auf eine neue und ungeahnte Weise geöffnet.

Wie allgemein bekannt sein dürfte, erzählt das Buch die Geschichte vom Mord des ehemaligen Jurastudenten Rodion Raskolnikow an einer alten Pfandleiherin und ihrer Schwester, die ihn zufällig bei seiner Tat überrascht. Überhaupt ist Raskolnikow jene Art von Amateur, die sich für besonders schlau hält und sich gerade deshalb besonders dumm anstellt. Seine Tat geht in seiner eigenen Einschätzung weit über einen simplen Raubmord hinaus, vielmehr möchte sich der junge Mann für einen kommenden Napoleon halten und sich auf diese Weise das Startkapital für eine überragende, die Menschheit oder doch zumindest Russland beglückende Karriere verschaffen. Ein wesentlicher Teil der Entwicklung des Romans besteht darin, seinem Protagonisten wenigstens im Ansatz deutlich werden zu lassen, dass er eher kein Napoleon ist. Enttäuscht von sich selbst und eingeholt von der Sinnlosigkeit seiner Tat – die Beute hat er nicht angerührt, sondern an einem zufälligen Ort versteckt – stellt sich Raskolnikow der Polizei, als schon niemand mehr außer einzig dem ermittelnden Staatsanwalt an seine Schuld glaubt. Soweit das Muster des Kriminalromans, dem das Buch auf den ersten Blick folgt. Zwar macht ein sogenannter Epilog, der Raskolnikows Zeit und Wandlung in Sibirien schildert, deutlich, dass es Dostojewskij wesentlich und eine Wandlung Raskolnikows vom nihilistischen Saulus zum christlichen Paulus geht, doch kann man diesen Aspekt bei der Lektüre weitgehend ignorieren.

Der Roman zeichnet sich durch eine Fülle hoch differenzierter und interessanter Figuren aus: So etwa dem Lüstling Swidrigajlow, der sich an Raskolnikows Schwester zu vergreifen versucht und am Ende keine bessere Lust mehr weiß, als sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Oder Semjon Marmeladow, ein ehemaliger Beamter, der dem Suff verfallen ist und sich zugleich schwerste Vorwürfe macht, dass seine Familie im Elend lebt, ja seine Tochter aus erster Ehe – Sonja, die der rettende Engel Raskolnikows werden soll – sogar der Prostitution nachgeht, um die Familie über Wasser halten. Oder Pjotr Luschin – hier kein Schachspieler –, ein eingebildeter, egozentrischer, rachsüchtiger Schwachkopf, der sich allein wegen seiner Arroganz für ein überlegenes Wesen hält. Zudem laufen noch ein sozialistischer Ministerialbeamter, eine sentimentale Mutter, eine selbstbestimmte Schwester, ein immer auf das Notwendige verfallender Kommilitone, ein psychologisierender Arzt und was der wundervollen Typen mehr sind durchs Buch. Alle diese Charaktere sind handfester und ernster als die entsprechenden Chargen etwa bei Dickens, aber der Reichtum der Texte an Menschen und Menschlichkeit ist durchaus vergleichbar. Natürlich fehlt es Dostojewskijs Roman über weite Strecken an Humor – einige Stellen beweisen allerdings, dass er durchaus über diesen Ton verfügt –, doch zum Ausgleich dafür zeigt sein Figurenensemble eine durchaus sehenswerte Palette weltanschaulicher Positionen der Mitte des 19. Jahrhunderts.

In der Übersetzung Swetlana Geiers erscheint das Buch tatsächlich als der moderne Roman, als der er zu Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Lizenzausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,21994. Pappband, Fadenheftung, 767 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 13,– €.

Aus gegebenem Anlass (XXVI) – Bloomsday

– Ich schmelze, sagte er, wie die Kerze sehr richtig bemerkte, als sie … Aber Schwamm drüber. Kein Wort mehr zu diesem Thema. Kinch, wach auf. Brot, Butter, Honig. Haines, komm rein. Der Fraß ist fertig. Segne uns, Herr, und diese deine Gaben.
Wo ist der Zucker? O je, wir haben keine Milch.
Stephen holte den Brotlaib, den Honigtopf und den Butterkühler aus dem Schränkchen. Buck Mulligan setzte sich in einem plötzlichen Anfall von schlechter Laune hin.
– Was ist das hier bloß für ein Saftladen! murrte er. Ich hab’ ihr doch ausdrücklich gesagt, sie soll gleich nach acht kommen!
– Wir können ihn ja schwarz trinken, sagte Stephen. Im Schrank ist auch noch eine Zitrone.
– Verdammtnochmal, du und deine Pariser Marotten, sagte Buck Mulligan. Ich will Sandycove-Milch!
Haines kam vom Eingang herein und sagte ruhig:
– Die Frau kommt schon herauf mit der Milch.
– Gottes Segen über dich! schrie Buck Mulligan, vom Stuhl aufspringend. Setz dich hin. Schenk den Tee da ein. Der Zucker ist in der Tüte. Hier, ich kann nicht erst lange noch rummurksen an den verdammten Eiern. Er hackte in dem Gebratenen auf der Schüssel herum, klatschte es auf drei Teller und sagte:
In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.
Haines setzte sich, um den Tee einzuschenken.
– Ich gebe euch jedem zwei Stücke, sagte er. Aber das muß ich schon sagen, Mulligan, du machst ja den Tee ganz schön stark, was?
Buck Mulligan, eben dabei, dicke Scheiben vom Brotlaib zu säbeln, sagte mit der Schmeichelstimme einer alten Frau:
– Wenn ich Tee mache, dann mache ich Tee, wie die olle Mutter Grogan sagte. Und wenn ich Wasser mache, dann mache ich Wasser.
– Beim Jupiter, es ist Tee, sagte Haines.
Buck Mulligan fuhr fort zu säbeln und zu schmeicheln:
Das mach’ ich, jawoll, Mrs. Cahill sagt sie. Ach Herrjeh, Ma’am, sagt da Mrs. Cahill, dann geb’s nur der liebe Gott, daß Sie’s nicht beides in denselben Topf machen!

James Joyce
Ulysses

Allen Lesern ins Stammbuch (119)

Die meisten Schriftsteller sind zugleich ihre Leser – indem sie schreiben – und daher entstehn in den Werken so viele Spuren des Lesers – so viele kritische Rücksichten – so manches, was dem Leser zukömmt und nicht dem Schriftsteller. Gedankenstriche – großgedruckte Worte – herausgehobne Stellen – alles dies  gehört in das Gebiet des Lesers. Der Leser setzt den Accent willkührlich – er macht eigentlich aus einem Buche, was er will.

Novalis

Welttag des Buches – Das Buch des Jahres

„Können Sie schwören, daß dies das weitestverbreitete Buch des Jahres ist?“
„Ohne Zweifel.“
„Können Sie behaupten, daß dies das Buch ist, das man gelesen haben muß?“
„Unbedingt.“
„Ist das Buch auch wirklich gut?“
„Was für eine gänzlich überflüssige und unstatthafte Frage!“
„Ich danke Ihnen recht sehr“, sagte ich kaltblütig, ließ das Buch, das die absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt gelesen haben mußte, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich geräuschlos, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. „Ungebildeter und unwissender Mensch!“ rief mir freilich der Verkäufer in seinem berechtigten, tiefen Verdruß nach. Ich ließ ihn jedoch reden und ging gemächlich weiter, und zwar, wie ich sogleich auseinandersetzen und verständlich machen werde, direkt in die nächstgelegene imposante Bankanstalt.

Robert Walser:
Der Spaziergang

Iwan Bunin: Ein unbekannter Freund

Ein sehr schmales Bändchen, das ich mir nur wegen der Übersetzerin Swetlana Geier zugelegt habe. Bunin war mir nur seinem Namen auf der Liste der Literatur-Nobelpreisträger nach bekannt und zumindest die zweite dieser beiden sogenannten Erzählungen ist ganz in der Nähe davon angesiedelt.

Ein unbekannter Freund besteht aus einer Reihe von 14 Briefen, die eine wahrscheinlich russische Leserin, die mit einem Franzosen verheiratet und mit drei Kindern irgendwo in Irland an der Küste in einer Villa lebt, dem Autor eines Buches schreibt, das sie gerade gelesen hat. Sie schreibt die Briefe zwischen einem 7. Oktober und einem 10. November desselben Jahres. Sie ersehnt sich, erhält aber keine Antwort. Die Briefe beschäftigen sich nicht mit dem Inhalt des Buches, das sie veranlasst hat, sie liefern kaum Informationen über dessen Autor und nur wenig mehr über seine Leserin. Sie sind Ausdruck von Einsamkeit und der Sehnsucht nach einem Gespräch mit einer verbundenen Seele. Die Leserin scheint ein wenig zu alt für solch pubertäre Annäherung an Literatur, aber es waren andere Zeiten. Der Autor schweigt. Selbst im sehr großzügigen Satz des Buches kommen so gerade mal 20 Seiten zustande.

Der zweite Text, Nobelpreis-Tage, ist ein Auszug aus den Erinnerungen Bunins von 1950 und beschreibt die Zeit zwischen der Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises 1933 an Bunin bis zur Zeremonie in Stockholm und endet mit der Wiedergabe seiner Dankrede beim sich anschließenden Festbankett. Alles in allem ein eitler Text, aber wenn einer aus einer vergleichsweisen Unbekanntheit so plötzlich in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerissen wird, kann ihm eine realistische Einschätzung seiner eigenen Person und Bedeutung schon mal verloren gehen. Das wichtigste an diesem Text ist wohl die von der Übersetzerin im Anhang gelieferte Information, dass die Stockholmer Akademiker dreimal versucht haben, einen der ersten Literatur-Nobelpreise an Tolstoi zu vergeben, der sich dagegen aber erfolgreich gewehrt hat. So hat man denn Bunin genommen, als man meinte, nun sei aber endlich ein Russe dran.

Ein eher merkwürdiges Buch, mit der Kunst des Buchdrucks überhaupt erst zu einem solchen aufgeblasen, dem man nichts recht entnehmen kann: Weder erhält man wirklich einen Eindruck vom Autor, noch weiß man, was die beiden Texte zusammengebracht hat, außer dass die Übersetzerin daran ihr Handwerk geübt hat. Mag sein, auch sie hat auf eine Antwort des Autors gewartet.

Iwan Bunin: Ein unbekannter Freund. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2005. Bedruckter Pappband. 7,– €.

Savinien Cyrano de Bergerac: Reise zum Mond und zur Sonne

Gott der Gerechte! Was macht man nicht alles dem Volke weis in Eurer Welt!

Eine Lektüre aus nostalgischem Grund: Zu Beginn meines Studiums habe ich eine ganze Reihe Utopien und phantastischer Reisen der frühen Neuzeit gelesen. Allerdings war damals Cyrano de Bergerac noch nicht im Schwange, da die Verfilmung des Theaterstücks von Edmond Rostand, die ihn wieder in die aktive Erinnerung der Kultur schwemmen sollte, noch ausstand. Die beiden Reisen sind die einzigen Romane, die Cyrano geschrieben hat, wobei die zur Sonne Fragment geblieben ist. Beide wurde mit wesentlichen Kürzungen, die in der Hauptsache die religions- und kirchenkritischen Passagen betrafen, aus dem Nachlass herausgegeben. Zum Glück sind die Manuskripte des Autors erhalten geblieben, so dass moderne Ausgaben die vollständigen Texte präsentieren.

Ich bin nun eher zufällig auf die hier vorgestellten Ausgabe gestoßen, die auch schon wieder nicht mehr lieferbar ist. Sie wurde 2005 erstmalig veröffentlicht und 2009 dann bei dtv, wenn ich es richtig sehe, in nur einer einzigen Auflage nachgedruckt. Das Buch ist liebevoll gemacht, gut übersetzt und ausgezeichnet historisch kommentiert, also eigentlich so, wie solche Bücher sein sollen. Es ist sehr schade, wenn Bücher wie dieses einfach sang- und klanglos wieder verschwinden.

Erzählt wird das, was bereits der Titel besagt: Der Ich-Erzähler – zweifellos ein Alter ego des Autors – unternimmt auf wunderliche, aber durchaus technische Art und Weise zwei Reisen: Die zum Mond bringt ihn ins biblische Paradies, wo er auf einige Propheten des Alten Testaments trifft, die allerdings theologisch recht unkonventionelle Meinungen vertreten. Außerdem führt der Erzähler dort eine breite Diskussion zeitgenössischer physikalische Theorien. Bei der Reise zur Sonne ist in der ersten Hälfte der phantastische Anteil stärker ausgeprägt; so gerät der Erzähler etwa in eine Gesellschaft sprechender Vögeln, die ihn als Unmenschen anklagen und wegen der auf Erden praktizierten Grausamkeit der Menschen den Vögeln gegenüber zum Tode verurteilen, vor dem er nur errettet wird, weil er früher einmal nett zum Papagei seiner Tante war. Auch findet sich die Darstellung einer Gesellschaft von Bäumen, die vor dem Feuertier (das ist der Salamander) zittern, aber von einem Eistier beschützt werden, und was der Dinge mehr sind. Übrigens leben alle verstorbenen Philosophen auf der Sonne weiter, doch bevor der Erzähler mit dem großen Campanella als Führer so recht in dieses Reich vordringen kann, bricht das Fragment ab.

Die Lektüre ist aufgrund der großen zeitlichen Distanz nur zusammen mit dem Kommentar wirklich fruchtbar: Der Übersetzer und Herausgeber Wolfgang Tschöke hat sich die Mühe gemacht, die Parallelen zu und Übernahmen aus Cyranos literarischen Vorlagen und die von ihm diskutierten wissenschaftlichen Theorien im Anhang ausführlich darzulegen. Wer es darauf anlegte, könnte von diesem Kommentar aus einen Weg durch alle empirischen Wissenschaften des 17. Jahrhundert finden. So ist das Buch nicht nur jenen zu empfehlen, die sich für frühe Utopien der Neuzeit interessieren, sondern auch jenen, die einen Einblick in den Stand der naturwissenschaftlichen Diskussion Mitte des 17. Jahrhundert gewinnen wollen. Eine sehr anregende, wenn auch nicht ganz einfach Lektüre.

Savinien Cyrano de Bergerac: Reise zum Mond und zur Sonne. Aus dem Französischen von Wolfgang Tschöke. München: dtv, 2009. Broschur, 360 Seiten. Derzeit nicht lieferbar.

Allen Lesern ins Stammbuch (118)

Unser Publikum ist noch so jung und einfältig, daß es eine Fabel nicht versteht, wenn es am Schluß keine Moral findet. Es errät keinen Scherz, spürt keine Ironie; es ist einfach schlecht erzogen. Es weiß noch nicht, daß in anständiger Gesellschaft und in einem anständigen Buch offenkundiges Schimpfen keinen Platz finden darf; daß die gegenwärtige Bildung eine schärfere, nahezu unsichtbare und nichtsdestotrotz tödliche Waffe erfunden hat, die, im Gewande der Schmeichelei, den unabwendbaren und sicheren Schlag versetzt. Unser Publikum gleicht einem Provinzialen, der, da er das Gespräch zweier Diplomaten belauscht hat, die einander feindlichen Höfen angehören, versichert bleibt, daß jeder der beiden seine Regierung hintergeht zugunsten ihrer gegenseitigen, zärtlichsten Freundschaft.

Michail Lermontov
Ein Held unserer Zeit

H. C. Artmann: Gesammelte Prosa

Von Zeit zu Zeit stößt man in seiner Lesegeschichte auf Schriftsteller, für die man sich innerlich genötigt fühlt, das Wort Dichter zu verwenden, um ihre Besonderheit zu bezeichnen. Einer davon ist, nicht nur für mich, Hans Carl Artmann, als Autor eigentlich nur unter seinen Initialen geläufig. Obwohl er sicherlich als Lyriker die weitreichendere Wirkung gehabt hat, gibt es von ihm auch ein umfangreiches Prosawerk, das der Residenz Verlag jetzt noch einmal aufgelegt hat. Die beiden dicken Bände sind angefüllt mit phantastischen Texten, voller virtuoser Spielereien mit den Formen, Stimmen und Phrasen der vergangenen Jahrhunderte.

Immer wenn man umblättert, betritt man eine neue Welt: Gerade noch verstrickt in einem verdrehten Abenteuerroman, findet man sich plötzlich wieder in einem phantastischen Sindtbart-Märchen mit einer zauberhaften „printzessin“, gerät danach unter Menschenfresser, von denen man ganz eigentümliche Sitten und Gebräuche erfährt.

Wer unter den menschenfressern erzogen, dem schmeckt keine zuspeis, es sei denn, sie hat hand oder fuß.

Bei Artmann ist Literatur eine anarchische, freie und beglückende Gegenwelt, seine Prosa gibt dem Leser jenes „wundersame Gemisch“ von freier Phantasie, spielerischer Belesenheit und genau beobachteter Welt. Und es nimmt und nimmt kein Ende.

Von Zeit zu Zeit ist es nötig, den Satz Lichtenbergs zu wiederholen:

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

H. C. Artmann: Gesammelte Prosa. Hg. v. Klaus Reichert. Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 22019. Broschur, 789 + 669 Seiten. 49,90 €.