Nikolaus Wachsmann: KL

Die überwiegende Mehrheit der bis zu sechs Millionen Juden, die unter dem NS-Regime ermordet wurden, kam anderswo um, erschossen in Gräben und Feldern irgendwo in Osteuropa oder vergast in besonderen Vernichtungslagern wie Treblinka, die getrennt von den KL operierten.

Nikolaus Wachsmann hat eine zugleich minutiöse und umfassende Geschichte der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Konzentrationslager geschrieben. Er verwendet zur Bezeichnung dieser Lager nicht die heute geläufige Ab­kür­zung KZ, sondern die von der Verwaltung des Mordens benutzte: KL. Seine Darstellung beginnt mit den nach der Machtübernahme durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in allen Teilen Deutschlands unorganisiert und illegal entstandenen Lager, die der Schutzhaft, sprich: der rechtswidrigen, polizeilichen Inhaftierung politischer Gegner dienten, zeigt dann Organisation, Ausbau und Aufbau der Verwaltung der Lager, deren Übergang in die alleinige Verantwortung der SS, die für die Bewachung und den Betrieb der KL einen eigenen Truppenteil – die Totenkopfverbände – begründete, die Kommerzialisierung dieser Ungeheuerlichkeit unter der Führung Heinrich Himmlers und schließlich die unvorstellbare Pervertierung dieser Per­ver­sion nach Ausbruch des Krieges und ihre unbegrenzte Verhöllung, nachdem der Krieg mit der Sowjetunion begonnen hatte.

Ich betrachte mich selbst als einen Leser, der emotional nicht leicht durch die Schilderung von Verbrechen oder gar Morden zu beeindrucken ist. Dieses Buch allerdings hat meine Grenze deutlich überschritten. Es ist eine sich immer wiederholende, sich bei jeder Wiederholung un­glaub­li­cher­wei­se immer noch einmal steigernde Schilderung von Schrecken, von denen wir alle natürlich in einem abstrakten Sinne Kenntnis haben, die aber hier in einer Verdichtung vorgeführt werden, die das Buch für seine Leser nur schwer erträglich macht. Ich will mir nicht realistisch vorstellen, wie es gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Dabei verliert die Dar­stel­lung an keiner Stelle ihre historische Objektivität; wahrscheinlich ist es diese Position, die das Schreiben und Lesen eines solchen Buches überhaupt nur möglich macht.

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Die Objektivität der Darstellung wird nicht dadurch erkauft, dass sich der Autor von den geschilderten Schrecken distanzieren würde oder auch nur könnte; im Gegenteil trägt er dafür Sorge, dass nahezu alle der allgemeinen Schilderungen des unsäglichen Schreckens durch konkrete Einzelschicksale illustriert werden. Nie weicht der Autor aus, nie erlaubt er es dem Leser sich in eine Distanz vom Geschehen zu­rück­zu­ziehen, in der ihn das alles nur so weit angeht, wie für ihn etwa der Einfall der Mongolen in Europa relevant ist. Das Buch ist fürchterlich und notwendig, seine Lektüre für all die eine beinahe – für einige sicherlich auch tatsächlich – unerträgliche Pflicht, die das 20. Jahrhundert verstehen möchten, was der Mensch ist und was aus ihm werden kann und wahrscheinlich auch, was uns noch bevorsteht.

Vermutlich die wichtigste Lektüre in diesem Jahr!

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, 2016. Pappband, 1016 Seiten. 39,99 €.

Sophokles: Antigone

Er komme, komme!
Erscheine, der Tode Schönster,
Der den letzten Tag mir bringt,
Er, der Höchste! –
Er komme, komme! daß ich nicht
Den anderen Tag noch sehn muß!

[Wolfgang Schadewaldt]

Gefühlt die 20. Lektüre seit meiner Schulzeit, einmal mehr aus didaktischem Anlass, diesmal in der wohl recht neuen Übersetzung von Kurt Steinmann bei Reclam. Begegnet bin ich dem Stoff allerdings zuerst als laienschauspielender Schüler in der Bearbeitung von Jean Anouilh. Dann habe ich im Studium manche Stunde über der Hölderlinschen Übersetzung rätselnd zugebracht, zu der ich auch wieder erst über einen Umweg gekommen bin, nämlich der Brechtschen Bearbeitung von 1948, die versucht, den Stoff als Widerstandsstück gegen einen Unrechtsstaat zu lesen. Und schließlich bin ich dann – wie bei so vielen anderen Texten – bei Wolfgang Schadewaldt hängen geblieben, der Sophokles in einer ganz merkwürdigen Schwebe zwischen Lakonismus und Pathos zu halten versteht, dessen Übersetzungen aber wohl gerade untergehen, da ihr Verfasser in politische Ungnade gefallen ist.

Der Stoff des Mythos dürfte wohl bekannt sein oder kann wenigstens leicht an zahlreichen Stellen gefunden werden, deshalb hier nur eine ganz kurze Erinnerung: Antigone, die Tochter des König Ödipus, folgt dem Gebot der Götter und bestattet entgegen dem Verbot ihres Onkels Kreon ihren Bruder Polyneikes. Der ist bei dem Versuch, die Herrschaft über Theben seinem Bruder Eteokles gewaltsam zu entreißen, ebenso wie dieser auf dem Schlachtfeld geblieben. Während Eteokles als Beschützer der Stadt mit allen Ehren beigesetzt wird, soll Polyneikes nach dem Willen des neuen Herrschers Kreon als Staatsfeind Nr. 1 auf dem Schlachtfeld verrotten. Antigone wird bei der Wiederholung des Bestattungsrituals auf frischer Tat ertappt, verhaftet, verhört und zum Tode verurteilt. Um sich durch deren Hinrichtung nicht den Zorn der Götter zuzuziehen, mauert man sie bequem in eine Höhle vor der Stadt ein. Als sich Kreon endlich eines anderen – um nicht zu sagen: Besseren – besinnt, ist es zu spät: Antigone hat sich erhängt, Kreons Sohn, der mit Antigone verlobt war, versucht zuerst den Vater zu töten und stürzt sich dann zu Füßen der toten Braut in sein Schwert, woraufhin sich notwendigerweise auch Kreons Frau Eurydike umbringt. Auf der Bühne bleibt der dem Wahnsinn nahe Alleinherrscher zurück, der ebenfalls nur noch den Tod herbeisehnen kann. Man sieht: ganz großes Kino!

Schwierig aber wird es, das Stück zu interpretieren, und es wird je schwieriger, je länger man darüber nachdenkt. Was vergleichsweise noch als einfach erscheint, ist, die Intention des Autors zu verstehen: Sophokles beweist sich auch in seinen anderen Stücken als ein Konservativer, der seinen säkularen Zeitgenossen den moralisierenden Spiegel vorhalten und sie daran erinnern will, dass die Gebote der Götter denen der Menschen in einem absoluten Sinne vorgehen und sich derjenige sträflich verhält, der beim Erlass weltlicher Gesetze gegen die der oberen wie der unteren Götter verstößt.

Leider kann nun mit einigem Fug behauptet werden, dass dem so sein mag, wie es will, dass aber das Stück gerade das nicht zeigt. Dazu muss man sich klar machen, dass eine säkulare Diskussion über die Geltung religiöser Wertesysteme in Griechenland seit mindestens 100 Jahren geführt wurde – Xenophanes berühmte Feststellung, dass wenn die Pferde Götter hätten, sie wie Pferde aussehen würden, markiert die späteste Grenze, die wir für den Beginn einer solchen Diskussion ansetzen müssen –, als „Antigone“ auf der Bühne erschien. Leider können wir auch nicht die Ausrede gelten lassen, Sophokles behandle hier einen Mythos, also Ereignisse aus quasi prähistorischen Zeiten, da keiner der Interpreten des Stückes jemals bezweifelt hat, dass der Autor kein Historiendrama liefert, sondern unmittelbar zu seinen Zeitgenossen spricht. Die absolute Geltung der Gebote der Götter kann also weder für den Autor noch für sein Publikum fraglos vorausgesetzt werden.

Wenn dies aber der Fall ist, so unterminiert dies die vom Autor intendierte Verteilung von Schuld und Sühne im Stück, sprich: Die Protagonisten werden von Vertretern einer objektiven Werte- und Weltordnung auf Vertreter zweier diskursiv gegeneinander abzuwägender Glaubenssysteme reduziert. Und genau dieser Diskurs findet im Stück nicht statt. Im Gegenteil führt das Stück zwei zur Kommunikation miteinander unfähige Einzelne vor, von denen einer die faktische Macht über die andere hat und diese Macht auch ausübt. Daraus folgt denn auch, dass nichts an der Peripetie des Stückes überzeugt, da der Autor keine Gründe für den plötzlichen Umschwung in der Überzeugung Kreons anzuführen weiß: Ist Kreon in Vers 1063 noch der (wahrscheinlich vollständig korrekten) Überzeugung, die Warnungen des Sehers Teiresias seien von seinen, Kreons, politischen Gegnern finanziert worden, so ist er, ohne dass weitere Gründe hinzutreten würden, nur 32 Verse später in seinem Geist verstört‘. Von diesem Moment an bricht das rationale System Kreons weitgehend unmotiviert zusammen, und dieser Zusammenbruch wird mit Hilfe der zahlreichen Toten am Ende des Stücks bis an die Grenze des Wahns vorangetrieben. Das mag man dramaturgisch (und eventuell auch noch psychologisch) durchwinken wollen, es mogelt sich aber gerade um die zentrale Frage des Stücks herum, ob ein religiöses Wertesystem einen absoluten Vorrang vor einem staatsdienlichen hat oder haben soll.

Es muss der Verdacht bestehen, dass Sophokles diese Schwäche des Stücks – die sich letztendlich aus dem stofflichen Widerstand des Mythos gegen seine tagespolitische Zurichtung ergibt – durchaus erkannt hat. Nicht umsonst endet das Stück im Raunen (und geraunt wird immer dort, wo man etwas vorzeigen möchte, dies aber nicht vermag):

CHOR. Weitaus erste Bedingung des Glücks
ist das vernünftige Denken; man darf die Sphäre der Götter
niemals entheiligen; doch große Worte
der über die Maßen Stolzen lehren,
haben sie unter großen Schlägen gebüßt,
im Alter vernünftiges Denken. [Steinmann]

Das weitaus Erste an höchstem Glück
Ist Besonnensein. Und not auch ist,
Vor den Göttern nie zu verletzen die Scheu.
Doch große Worte Großprahlender,
Wenn mit großen Schlägen sie gebüßt,
Haben im Alter gelehrt die Besinnung. [Schadewaldt]

Von allen Gnaden die höchste doch bleibt
Der verständige Geist. Und der Götter Bereich
Entweihe man nicht! Doch gewaltiges Wort
Hoffärtiger büßt mit gewaltigem Sturz:
Draus lernt sich im Alter die Weisheit. [Reinhardt]

Hoch raget gewiß vor Gütergenuß
Die Bedachtsamkeit. Frevle drum nie
Gegen die Gottheit. Das gewaltige Wort,
In gewaltigem Schlag doch büßend einmal
Den Empörungsmut,
Lehrt endlich im Alter Besinnung. [Solger]

Um vieles ist das Denken mehr, denn
Glückseeligkeit. Man muß, was Himmlischer ist, nicht
Entheiligen. Große Blike aber
Große Streiche der hohen Schultern
Vergeltend,
Sie haben im Alter gelehrt, zu denken. [Hölderlin]

Χορός
πολλῷ τὸ φρονεῖν εὐδαιμονίας
πρῶτον ὑπάρχει. χρὴ δὲ τά γ᾽ εἰς θεοὺς
μηδὲν ἀσεπτεῖν. μεγάλοι δὲ λόγοι
μεγάλας πληγὰς τῶν ὑπεραύχων
ἀποτίσαντες
γήρᾳ τὸ φρονεῖν ἐδίδαξαν.

Sophokles: Antigone. Übersetzt von Kurt Steinmann. Reclam XL 19244. Stuttgart: Reclam, 2016. Broschur, 110 Seiten. 4,60 €.

P.S.: Ergänzend von Andre Gottwald:

Johannes Willms: Mirabeau

Mirabeaus Unglück war nicht seine «unmoralische» Vergangenheit, die er mit vielen Größen der Revolution gemeinsam hatte, als vielmehr seine Zukunft, die ihm seine zahlreichen Talente verhießen. Ebendieses Versprechen, das ihn von den meisten Abgeordneten unterschied, wurde ihm zum Verhängnis.

Mit „Mirabeau“ liefert Johannes Willms nach „Tayl­le­rand“ eine weitere französische Biographie der Re­vo­lu­tions­zeit. Mirabeau stirbt allerdings schon am 2. April 1792, so dass er die Phase des revolutionären Terrors nicht mehr miterleben musste. Mirabeau stammte aus provenzalischem Adel, hatte aber den Großteil seines Lebens mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sein Vater, der selbst ständig in Geldnot war, weigerte sich, ausreichend für den Unterhalt seines verheirateten Sohns zu sorgen, ließ ihn im Gegenteil mehrfach wegen Schuldenmachens festsetzen und sah sich zum Ausgleich in späteren Jahren der öffentlichen literarischen Kritik seines Sohnes ausgesetzt. Mirabeaus Ehe scheiterte exemplarisch, eine einzige wirklich empfundene Liebesaffäre brachte ihm ein Todesurteil ein, dessen Vollstreckung er erfolgreich ausweichen konnte, und er sah sich genötigt, sich längere Zeit als politischer Publizist über Wasser zu halten. Kurz vor Ausbruch der Revolution geht er im Auftrag des französischen Hofes als Spion nach Preussen, aber der anschließend angestrebte Wechsel in den offiziellen diplomatischen Dienst scheitert ebenso wie spätere Versuche, in den Staatsdienst übernommen zu werden.

Im Jahr 1789 erkennt Mirabeau in der Einberufung der Generalstände seine Chance, politischen Einfluss zu gewinnen. Er lässt sich als einer von wenigen Adeligen als Abgeordneter des Dritten Standes in die Ver­samm­lung wählen und nimmt mit entscheidenden Einfluss auf die Umwandlung der Generalstände in die Nationalversammlung. Als Abgeordneter vertritt Mirabeau eine Linie, für die er auch schon zuvor in seinen Schriften geworben hatte: Er hatte bis zu seinem Tod die Vorstellung, Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie zu verwandeln, in der der König als Kopf der Exekutive agiert, die legislative Gewalt aber dem Volk in Gestalt der Nationalversammlung übertragen hat und auf sie höchstens in Form eines Vetos Einfluss nimmt. Er begreift aber erst sehr spät, dass er sich mit dieser Position je länger je weiter von den realen politischen Mög­lich­kei­ten entfernt: Die Revolutionäre lehen immer eindeutiger die Idee vom König als vollwertigem Akteur im politischen Prozess ab, während der Hof seine weitgehende politische Tatenlosigkeit wohl mit der illusionären Hoffnung verbindet, eine der revolutionären Krisen zur Rückkehr zu den alten Machtverhältnissen nutzen zu können. Jedenfalls dämmert es Mirabeau erst sehr spät, dass der König keinerlei Interesse daran hat, mit ihm zusammen Frankreich zu retten und dabei seine gesetzgeberische Gewalt endgültig aufzugeben.

Abgesehen von seiner zunehmenden Unfähigkeit, sich den konkreten politischen Umständen anzupassen, scheitert Mirabeau auch mit seinem anderen Plan, als Minister – möglichst ohne Portefeuille – in die Regierung zu wechseln. Sein erster Versuch wird von der Na­tio­nal­ver­samm­lung dadurch abgestraft, dass man Abgeordneten grundsätzlich die Annahme eines Regierungsamtes verbietet; aber auch von der anderen Seite besteht nur wenig Interesse daran, den Revolutionär Mirabeau in das königliche Kabinett zu übernehmen. Erst in seinen letzten Jahren gelingt es Mirabeau, den Hof wenigstens zeitweise von seiner Ver­trau­ens­wür­dig­keit und politischen Aufrichtigkeit zu überzeugen und sich als Berater des Hofes, sprich: geheimer Zuträger, zu verdingen. Mit diesem heimlichen Wechsel der Fronten gelingt es ihm, auf einen Schlag seine Schulden loszuwerden und zum ersten Mal ein beträchtliches Einkommen zu beziehen. Sofort schlägt sich seine Eitelkeit in einem Lebensstil nieder, der ihn dem Verdacht aussetzt, im Sold des Königs zu stehen. Um diesem Verdacht entgegenzuwirken, sieht er sich gezwungen, sich als radikaler Revolutionär zu gerieren, was ihm wiederum das Mißtrauen des Hofes einträgt. An keiner Stelle scheint ihm der Gedanke gekommen zu sein, sich politisch klug oder auch nur geschickt zu verhalten oder wie ein solches Verhalten hätte aussehen können.

Bei allem rhetorischen Talent und machtpolitischem Instinkt beweist Mirabeau an keiner Stelle seiner Karriere eine wirkliche politische Begabung: Weder ist er zu einer realistischen Einschätzung der sehr dynamischen politischen Situation in Frankreich in der Lage, noch kann er bei auch nur einer einzigen Entscheidung von seinen Eitelkeiten, seinen egoistischen Interessen oder seiner Geld- und Machtgier absehen. All dies scheint von seinen Zeitgenossen auch recht gut begriffen worden zu sein, so dass sich Mirabeau in allen Phasen seiner politischen Laufbahn erheblichem Widerstand gegenüber gesehen hat; niemals aber scheint ihm die Ursache dieses Widerstands aufgegangen zu sein. Es ist nicht ohne Reiz, darüber zu spekulieren, wann und durch wen Mirabeau der Guillotine zugeführt worden wäre, wäre er nicht bereits 1792 verstorben.

Abgesehen von ihrem eher unerfreulichen Gegenstand ist die Biographie durchaus zu empfehlen. Wie immer gelingt Willms eine klar struk­tu­rie­rte und gut lesbare Darstellung, die sich weitgehend einer moralischen Wertung ihres Objektes enthält. Die Gewichtung des biographischen Materials ist der historischen Rolle Mirabeaus angemessen: Etwa die Hälfte des Buches ist den letzten knapp 3 Jahren in Mirabeaus Leben gewidmet. Als einzigen Mangel könnte man empfinden, dass man sich von den gesellschaftlichen Lebensumständen Mirabeaus in seinen letzten Jahren ein nur fragmentarisches Bild machen kann und dass seine Erkrankung und sein Tod überraschend kurz abgehandelt werden.

Johannes Willms: Mirabeau oder Die Morgenröte der Revolution. München: C. H. Beck, 2017. Pappband, 397 Seiten. 26,95 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (96)

In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pech­ra­ben­schwarz. Denn die Welt ist nur ein Spiegel: Was hereinschaut, schaut heraus. In Folge dessen brachte er das Kunststück fertig, sich in einer Welt von Schurken, die er sich ausmalte, als verfolgter Biedermann zu fühlen. Diese Schwäche und Beschränktheit des Menschen beschränkte auch seine Begabung. Wo er wild, trotzig, grimmig und vor allem, wo er boshaft die Feder schwang, war er groß. Dann brach eine elementare Urgewalt in seinen Schöpfungen hervor. Wo er hingegen pausbäckigen Humor pflegen wollte, wirkte er unbedeutend; wo er gar in gerührter Menschenfreundlichkeit schwelgte, wirkte er theils läppisch theils für den tieferen Beobachter widerlich durch verlogene Sentimentalität.

Diese mittelmäßigen Mißgeburten hielt er dann natürlich für seine besten Erzeugnisse, und die unreife Presse, welche seine wirklich bedeutenden Bücher weder las noch verstand, ermuthigte ihn noch in diesem Irrwahn. Man munterte ihn auf, sich zum Idealismus emporzuranken und die Bahnen des greulichen Zola zu fliehen.

Karl Bleibtreu
Größenwahn

Paul Scott: Der Skorpion

Nun ja, die Wahrheit ist immer eine Sache, aber in gewisser Weise zählt nur das andere, der Klatsch.

Der zweite Band des Raj Quartets, der mit seiner Handlung unmittelbar an die Ereignisse in „Das Juwel in der Krone“ anschließt. Im Mittelpunkt steht diesmal die Familie Layton oder genauer Sarah Layton, die zusammen mit ihrer jüngerern Schwester Susan als Tochter eines englischen Militärs in Nordindien aufgewachsen ist. Bei einer eher beiläufigen Gelegenheit lernt Sarah Lady Manners kennen, die Tante jenes Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fers aus dem vorangegangenen Band; außerdem befindet sich unter den Freunden des Verlobten ihrer Schwester jener Ronald Merrick wieder, der als Polizeichef die Ermittlungen im Fall der Vergewaltigung geleitet hatte. Im Mittelpunkt von Sarahs Aufmerksamkeit aber steht die Hochzeit Susans mit Teddie Bingham, einem englischen Captain.

Zu Beginn des Romans aber wird die Verhaftung Mohammed Ali Kasims im August 1942 geschildert. Kasim ist ein führender moslemischer Funktionär der Kongresspartei und ehemaliger Ministerpräsident der Provinz Ranpur. Er wird wie viele andere Führer der Kongresspartei von den Engländern verhaftet in der Hoffnung, man könne auf diese Weise den befürchteten Aufständen ihre Anführer nehmen und sie auf diese Weise schon vor ihrem Ausbruch verhindern. Kasim wird von britischen Gouverneur der Provinz das Angebot gemacht, aus der Kongresspartei aus- und in sein Kabinett einzutreten, um sich auf diese Weise die drohende Haft zu ersparen. Kasim lehnt es aber ab, sich auf diese Weise instrumentalisieren zu lassen, und geht mit zumindest äußerlich stoischer Haltung in die luxuriöse Einzelhaft, die man ihm zugesteht. Dieser Abschnitt der Erzählung, der über einen der Söhne Kasims, Achmed, eher locker mit der Geschichte der Laytons verknüpft ist, dient Scott dazu, in dem langen Gespräch zwischen Kasim und dem Gouverneur die im ersten Band eher am Rande vorkommenden politischen Hintergründe ausführlicher vorführen zu können.

In einem zweiten Nebenstrang des Romans liefert Scott Material zu dem Fall der Vergewaltigung Daphne Manners nach: Sowohl der ehemalige Polizeichef Merrick als auch der Geliebte Daphnes, Hari Kumar, kommen ausführlich zu Wort und schildern den Fall und seine Umstände aus ihrer jeweiligen Sicht. Hierbei handelt es sich um Material, das eigentlich in den ersten Band gehört, dort aber den Rahmen des Buches gesprengt hätte, ohne etwas Wesentliches zu der Darstellung des Falles beizutragen. Dies bleibt leider auch in diesem zweiten Roman der zentrale Mangel dieses Stoffs: Die erneute Durcharbeitung der Vorgeschichte der Vergewaltigung und die ausführlicher Motivierung der beiden Akteure Merrick und Kumar, die sich beide um die Liebe Daphnes bemüht hatten, bringt nichts Neues: Merrick erweist sich als genau der britische Holzkopf, den man im ersten Band schon in ihm erkennen konnte, und Kumar schafft es nicht, auch nur ein einziges Detail beizusteuern, das einen aufmerksamen Leser des ersten Bandes überraschen würde. Hier wird breitgetreten, was im ersten Band so vorteilhaft auf sich beruhen durfte.

Leider muss ich feststellen, dass sich meine Enttäuschung über „Das Juwel in der Krone“ bei der jetzigen Lektüre nur fortgesetzt hat: Scott ist es nicht gelungen, mich für seine Figuren mehr als beiläufig zu interessieren. Das liegt hauptsächlich daran, dass keine seiner Figuren mehrdimensional oder offen für Entwicklung erscheint. Selbst die beiden differenziertesten Figuren, Ali Kasim und Sarah Layton, ragen nicht über ihre Funktion in der Konstruktion des Textes hinaus. Alles an ihnen ist brav und klug erfunden und dient den Absicht des Autors, aber ihnen wird kein Überschuss mitgegeben, der aus ihnen Personen anstatt nur Figuren werden lässt. Am enttäuschendsten sind dabei Merrick und Kumar, die im ersten Band so etwas wie verhinderte Rivalen waren: Ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung und das Missverhältnis der Macht, die Merrick über Kumar auszuüben in der Lage ist, verhindern eine tatsächliche Rivalität. Daphne Manners verliebt sich in Kumar und weist Merrick ab (Kumar gewinnt), Merrick verhaftet Kumar und wirft ihn nach einer in der Sache gänzlich nutzlosen Nacht der Folter ins Gefängnis (Merrick gewinnt). Dieses Missverhältnis kann nirgends und für nichts erzählerisch fruchtbar gemacht werden, was dazu führt, dass sich im zweiten Band diese beiden Figuren auch nicht für einen einzigen Augenblick begegnen können. Ihre beiden Binnenerzählungen müssen unvermittelt nebeneinander stehen bleiben. Das soll nicht als Vorwurf an den Autor verstanden werden, sondern ist nur die Einsicht in die Konsequenzen aus den soziologischen und politischen Bedingungen des Erzählten. Durch die Einsicht in diese Bedingtheit werden aber leider weder die Figuren noch das Erzählte besser.

Ich werde daher die Lektüre des Raj Quartets mit diesem Band abbrechen, da ich nicht die Hoffnung hege, dass die weiteren Bände, die einen ähnlichen Umfang haben, eine Besserung der Lage bringen werden. Die Reihe ist für jemanden, dem die sozialen und politischen Verhältnisse in Indien in den 40-er Jahren nicht oder nur wenig geläufig sind, vielleicht von einigem Interesse; literarisch aber springt sie leider um ein Weniges zu kurz.

Paul Scott: Der Skorpion. Aus dem Englischen von Manfred Ohl u. Hans Sartorius. btb 72128. München: Goldmann, 1997. Broschur, 608 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Paul Scott: Das Juwel in der Krone

Paul Scott (1920–1978) darf in Deutschland als unbekannter Autor gelten und das, obwohl gleich acht seiner Romane ins Deutsche übersetzt wurden: In den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts zwei bei Kiepenheuer & Witsch sowie einer bei Blanvalet; dann von 1985 an sein Raj-Quartet, das zwischen 1965 und 1975 entstanden ist, und zusätzlich den Nachzügler zu dieser Tetralogie, der 1977 sogar den Booker-Preis gewann, den der schon sehr kranke Autor aber leider nicht mehr entgegennehmen konnte. Die fünf zuletzt genannten Bände legte 1997/1998 Goldmann noch einmal im Taschenbuch vor, um Scott damit in die erneute Vergessenheit zu verabschieden.

Ich habe „Das Juwel in der Krone“, den ersten Band des Raj-Quartets, vor 20 Jahren auf eine Empfehlung hin gelesen, und seitdem immer vorgehabt, die Reihe komplett zur Kenntnis zu nehmen. Nun habe ich mich innerlich verpflichtet gefühlt, dem doch noch nachzukommen, bevor ich die Bände wegen des eklatanten Platzmangels in der Bibliothek aussortiere, und habe daher erneut mit diesem Auftaktband begonnen.

Die Handlung spielt im Wesentlichen im Jahr 1942 in der erfundenen nordindischen Stadt Majapur. Den Kern bilden einige wenige Tage im August, nachdem die Cripp’s Mission gescheitert ist und Gandhi den Konflikt mit der britischen Obrigkeit bewusst verschärft. Auch in Majapur und Umgebung kommt es zu Unruhen: Die Leiterin einer Missionsschule wird auf einer Inspektionsfahrt zu einer ihrer Schulen von einer Gruppe Aufständiger überfallen, und dabei wird ein indischer Lehrer getötet. Und es kommt unter anderem in Majapur zur Vergewaltigung einer Engländerin in einem Park durch eine Gruppe von Indern; besonders dieser Vorfall ist in seinen Umständen sehr komplex, und es benötigt das gesamte Buch, bis dem Leser die tatsächlichen Abläufe und ihre Folgen klar sind.

Neben den in diese Ereignisse direkt verwickelten Figuren weist der Roman eine ganze Reihe weiterer Hauotpersonen auf, die dem Geschehen mehr oder weniger nahestehen: der örtlichen Polizeichef, der der später vergewaltigten Engländerin einen Heiratsantrag macht, aber abgewiesen wird, eine reiche Inderin, bei der die junge Engländerin wohnt, und die stellvertretend das aus Sicht der Engländer gesellschaftsfähige Indien repräsentiert, eine russische Emigantin, die ein Hospiz für diejenigen betreibt, die sonst auf der Straße sterben würden, einen jungen Inder, der in England aufgewachsen ist und nach Bankrott und Suizid seines Vaters nach Indien zurückgekehren musste, nur um sich dort als doppelter Außenseiter wiederzufinden, der militärische Anführer und der Chef der zivilen Verwaltung und noch einige mehr.

Scott hat für seine komplexe Schilderung der sozialen Verhältnisse, die den eigentlichen Gehalt des Buches darstellen, und der Ereignisse während der Tage des Aufstandes eine sich langsam fortentwickelnde Erzählform erfunden, die als auktoriale Erzählung zu beginnen scheint, sich aber zunehmend in den Bericht eines namenlosen Erzählers verwandelt, der versucht, die Umstände der Vergewaltigung zu rekonstruieren. So liefert das Buch in der zweiten Hälfte nicht nur Briefe der Figuren, sondern auch Auszüge aus biografischen Erinnerungen, die Niederschrift eines Interviews, Auszüge aus dem Tagebuch des Opfers etc. pp.

Insgesamt muss ich leider sagen, dass dem Roman die Zweitlektüre nicht unbedingt gut getan hat: Wenn der Leser einmal um die Umstände der Vergewaltigung weiß, ist ein wichtiges Spannungselement des Romans verschwunden, so dass mir besonders die ersten zwei Drittel diesmal einige Mühe gemacht haben. Ich schreibe das aber komplett der erneuten Lektüre zu, so dass man sich von einer ersten dadurch nicht abhalten lassen sollte. Ich hoffe, es gelingt mir in der nächsten Zeit einigermaßen zügig die anderen Bände folgen zu lassen.

Paul Scott: Das Juwel in der Krone. Aus dem Englischen von Manfred Ohl u. Hans Sartorius. btb 72102. München: Goldmann, 1997. Broschur, 669 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Welttag des Buches – Paradies

Da war einmal ein Königssohn, niemand hatte so viele und so schöne Bücher als er; alles, was in dieser Welt geschehen, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Bildern bewundern. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten, aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin, und der gerade war es, an den er am meisten dachte.

Hans Christian Andersen
Der Garten des Paradieses

Ian Kershaw: To Hell and Back

Churchill had proposed shooting major criminals as soon as they were caught. Stalin preferred them to be tried first and then shot.

Dass Ian Kershaw einer der hervorragenden Historiker des Zweiten Weltkriegs ist, wurde hier an andere Stelle schon einmal festgestellt. Dem breiteren Publikum ist er durch seine Hitler-Biographie (1998/2000) bekannt geworden; seitdem liefert er mit schöner Re­gel­mä­ßig­keit umfangreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg. Der vorliegende Band behandelt die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (genauer 1914–1949). Es handelt sich um den ursprünglich als Abschluss geplanten 8. Band von Penguins History of Europe, der ursprünglich das gesamte 20. Jahrhundert umfassen sollte. Kershaw hat sich dann aber zwei Bände für den Zeitraum ausgebeten, so dass eine Fortsetzung bis an die Gegenwart heran noch aussteht.

Auch Kershaw folgt dem Konzept des sogenannten kurzen 20. Jahrhunderts (das, wenn ich es richtig sehe, von Eric Hobsbawm populär gemacht wurde), zumindest was den Beginn seiner Darstellung angeht. Es besteht derzeit ein weitgehender Konsens, dass mit dem Ersten Weltkrieg ein radikaler Umbruch stattfand, der so zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Konventionen des 19. Jahrhunderts in Frage stellte, dass mit ihm eine neue Epoche begann. Die Wahl für das Jahr 1949 als Abschluss des ersten Bandes ist darin begründet, dass Kershaw damit die Nachwehen sowie die politischen und sozialen Folgen des Zweiten Weltkrieges noch in den Band aufnehmen kann. So schließt der Band mit den Entwicklungen, die zum Wiederaufstieg Deutschlands im Westen und der Entstehung des Kalten Krieges führen.

Bei aller Kürze (der Band behandelt 35 Jahre der Geschichte aller europäischer Nationen inklusive Russlands bzw. der Sowjetunion auf 520 Seiten) ist die Darstellung ausgezeichnet gewichtet und umfasst nicht nur die großen Linien der politischen und militärischen Ereignisse, sondern auch soziale und kulturelle Entwicklungen. So ist das Buch wohl auch für diejenigen mit Gewinn zu lesen, die bereits über gute Kenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfügen; ich habe etwa die Beschreibung der politischen Rolle der katholischen Kirche in dieser Präzision und Kürze bislang nirgendwo anders gefunden.

Kershaw gelingt einmal mehr eine gut strukturierte und exakte Analyse des komplexen historischen Materials ohne Zuhilfenahme eines groben ideologischen Schemas. Aufgrund von Kershaws klarem Stil ist das Buch sowohl als anspruchsvolle Einführung für historische Laien als auch als auffrischender Überblick für Kenner der Materie zu empfehlen. Man darf auf den zweiten Teil des Buches gespannt sein.

Ian Kershaw: To Hell and Back. Europe, 1914–1949. London: Allen Lane, 2015. Kindle-Edition, 574 Seiten. 10,99 €.

Arthur Conan Doyle: The Complete Sherlock Holmes

Wer was versteckt, der findets auch wieder.

James Joyce

Ich habe für die zweite vollständige Lektüre der Doyleschen Sherlock-Holmes-Romane und -Erzählungen wohl gute sechs Jahre gebraucht. Es war eines der ersten Bücher, die ich mir für den Kindle gekauft habe, und es war in dieser Zeit mein Vademecum, das immer herhalten musste, wenn unterwegs gerade kein anderes Buch zur Hand war oder ich keine Lust auf anstrengendere Lektüre hatte. Den ersten Durchgang habe ich zu Studienzeiten mit der damals aktuellen Neuausgabe des seligen Haffmans Verlages erledigt, den zweiten nun im englischen Original. Dabei soll betont werden, dass dieser Complete Sherlock Holmes so wie die meisten anderen sogenannten Gesamtausgaben natürlich nicht komplett ist, sondern nur jene Texte enthält, denen die Ehre zuteil wurde, von Doyle selbst in Buchform veröffentlicht zu werden. Für mich und mein Interesse genügte das immer.

Nun ist Sherlock Holmes im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich über den Status einer literarischen Figur hinausgewachsen und zu so etwas wie einer kulturellen Ikone geworden. Natürlich ist dieser Prozess nicht ohne Verwerfungen abgelaufen, aber die unzähligen Verwandlungen, Ironisierungen und Neuerfindungen der Figur im Laufe ihrer mehr als hundertjährigen Existenz sind so vielgestaltig, dass sich zwangsläufig die Frage aufdrängt, warum gerade mit ihr eine solche Erfolgsgeschichte geschrieben wurde. An der literarischen Qualität der Texte kann es kaum liegen, denn das immer in ihnen wieder variierte Grundmuster ist sehr eng, die Texte sind sehr offensichtlich von ihrer Auflösung her konstruiert und Holmes’ Scharfsinn daher immer eine Täuschung, auf die nur die naivsten Leser dankbar hereinfallen dürften.

Holmes verkörpert zuerst einmal einen reizvollen und komplexen gesellschaftlichen Außenseiter: Seine unhöfliche Direktheit, seine Arroganz, sein Drogenkonsum bilden die (tolerable) dunkle Seite seines vorgeblichen Genies. Zu seiner intellektuellen Überlegenheit, die sich nicht nur aus seinem ungewöhnlichen Vermögen zum deduktiven Denken, sondern auch aus seiner extrem verfeinerten Beobachtungsgabe besteht,  treten seine emotionale Selbstbeherrschung, seine sportliche Fitness, seine Verachtung gesellschaftlicher Konventionen und sein aus all dem resultierendes Einzelgängertum hinzu. Alle diese Aspekte machen die Figur zu einem menschlichen Superhelden, ebenso souverän und überlegen wie verletzlich und leidend – immer eine gute Mischung.

Entscheidend für die Faszination der Figur und ihren Erfolg scheint mir aber noch etwas anderes zu sein: Holmes verkörpert wie kein Zweiter die Illusion, dass sich eine für den alltäglichen Blick undurchschaubar chaotische Welt rational durchdringen und erklären lässt. Holmes weist immer aufs Neue nach, dass sich das irrational oder gar unmöglich erscheinende Material der Welt am Ende doch einer rationalen Ordnung fügt. Insofern ist Holmes der Herakles des aufklärerischen Mythos von der prinzipiellen rationalen Erklärbarkeit der Welt. Und vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass dieser Mythos von den Wissenschaften des 20. Jahrhunderts so erfolgreich durch sich selbst dekonstruiert worden ist, die Holmes zu einer Sehnsuchtsfigur nach den guten alten Zeiten des Rationalismus gemacht hat.

Arthur Conan Doyle: The Complete Sherlock Holmes. O.O.: Middleton Classics, 2010. Kindle-Edition, ca. 1560 Seiten. 1,02 €.