Allen Lesern ins Stammbuch (112)

Vieles Lesen macht stolz und pedantisch; viel sehen macht weise, verträglich und nützlich. Der Leser baut eine einzige Idee zu sehr aus; der andere (der Weltseher) nimmt von allen Ständen etwas an, modelliert sich nach allen, sieht, wie wenig man sich in der Welt um den abstrakten Gelehrten bekümmert, und wird ein Weltbürger.

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (H 30)

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte

Es ist witzlos, ein charmanter Bursche zu sein, es sei denn, man hat Vermögen.

Neben den beiden Bänden sogenannter Märchen erschien 1891 ein weiteres schmales Büchlein von Oscar Wilde mit dem Titel Lord Arthur Savile’s Crime and Other Storys. Enthalten waren vier Erzählungen, die Wilde in seiner Zeit als Redakteur der Frauenzeitschrift The Woman’s World geschrieben hatte. Die beiden längeren haben einen humoristischen Grundton, die beiden kürzeren sind von eher anekdotischer Natur. Berühmt geworden ist aus dieser Sammlung Das Gespenst der Cantervilles, in dem eine sehr praktische und abgeklärte us-amerikanische Familie ein altes englisches Schloss kauft und das Schlossgespenst das Fürchten lehrt. Doch ganz zum Schluss wird das Schloss durch die Güte der Tochter der Familie sogar von seinem alten Spuk befreit. Es mag sein, dass Wilde, der die USA aus eigener Anschauung kannte, dies für alle alten Gespenster des Vereinigten Königsreich erhoffte. 

In der Titelgeschichte wird Lord Savile aus seiner Hand vorhergesagt, er werde einen Mord begehen, eine Sache, die ihm so peinlich ist, dass er sie gern noch vor seiner bald bevorstehenden Hochzeit erledigt hätte. Seine Versuche an unangenehmen Verwandten enden kläglich, doch dann spielt ihm das Schicksal eine unwiderstehliche Gelegenheit zu. … 

Die Prosagedichte sind 1894 unter diesem Titel erschienen und enthalten sechs sehr kurze, etwas verblasene Text, die sich in pseudo-biblischer Sprache an zumeist biblisch-mythologischen Motiven abarbeiten. Möglicherweise gelingt es der einen oder dem anderen, darin mehr als stilistische Phraseologie zu erwittern; ich selbst konnte mit dem abgehobenen Zeugs nichts anfangen. 

Oscar Wilde: Erzählungen und Prosagedichte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Werke in 5 Bänden, Bd. 2. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 151 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Märchen

Tatsächlich bin ich immer der Ansicht gewesen, daß harte Arbeit nur eine Zuflucht ist für Leute, die sonst nichts zu tun haben.

Zwei der schmalen Bände mit Erzählungen Oscar Wildes werden traditionell dem Genre Märchen zugeordnet, wobei einige dieser Texte tatsächlich charakteristische Elemente des Kunstmärchens aufweisen: Prinzen und Prinzessinnen, redende Tiere, wunderliche Verwandlungen von Bettlern in Könige, eine Liebesaffäre zwischen einem Fischer und einer Seejungfer und was der Dinge mehr sind. Andererseits finden sich aber auch Erzählungen, die eher der Satire angehören (Die außer­gewöhn­liche Feuerwerksrakete) oder dem historisierenden Erzählen (Der Geburtstag der Infantin).

Allgemein wird angenommen, Oscar Wilde habe seine Märchen für seine Söhne erfunden und dann anschließend veröffentlicht. Bemerkenswert ist aber, dass Der Glückliche Prinz bereits 1885 einer Gruppe von Studenten erzählt worden ist; Wildes Auseinandersetzung mit dem Genre geht also dem Erzählen für seine Söhne voraus. Besonders bei den frühen Texten – The Happy Prince and Other Tales, 1888 – machen die Abschlüsse der Erzählungen einen weit improvisierteren Eindruck als bei den späten – A House of Pomgranate, 1891. Auch weisen die späten Texte zahlreiche Stellen auf, an denen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit thematisiert werden, wenn auch Wildes Sozialkritik an allen Stellen deutlich zu kurz greift. 

»Wahrhaftig«, antwortete seine Kamerad, »wenigen wurde viel gegeben, und den anderen wurde wenig gegeben. Das Unrecht hat die Welt aufgeteilt, und nichts ist gleichmäßig verteilt außer dem Kummer.«

Aber eine solche Kritik dürfte Wilde kaum berührt haben, der eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kunstwerken immer für einen Mangel an gutem Geschmack hielt. 

Alles in allem ein sehr nettes Bändchen, das man mit Vergnügen an einem langen Nachmittag ausliest.

Oscar Wilde: Märchen. Aus dem Englischen von Susanne Luber. Werke in 5 Bänden, Bd. 3. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 207 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray

Wir leben in einer Zeit, wo man zuviel liest, um klug zu sein, und wo man zu viel denkt, um schön zu sein. 

Wildes einziger Roman, entstanden 1890, ist eine Mischung gängiger zeitgenössischer literarischer Tendenzen: Je ein Teil Schauer- und Mord-Geschichte, ein Gutteil Dekadenz-Roman, ein wenig Künstler- und der übliche Schuss Entwicklungsroman und schon ist der Plot fertig. Dies alles ist exzellent miteinander legiert worden und bildet auf den ersten Blick eine überzeugende Einheit; es leidet zwar unter dem Mangel eines bedeutenden Teils der Phantastik, nämlich dass das zentrale Motiv – hier die Übertragung von Alter und moralischem Verfall vom Protagonisten auf sein Abbild – gänzlich unerklärt bleiben muss, aber Wilde gelingt es, diesen Einfall geschickt mit der moralischen Ebene des Romans zu verflechten. 

Die Grundzüge der Fabel dürften weithin bekannt sein: Der junge, auffallend gutaussehende Dorian Gray wird von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward portraitiert. Während der letzten Sitzung lernt er im Atelier den Dandy Lord Henry Wotton kennen, der ihm seine rhetorische Theorie eines neuen Hedonismus aufschwätzt. Dorian gerät rasch unter den Einfluss Lord Henrys, was sich zum ersten Mal deutlich zeigt, als sich Dorian in eine Schauspielerin verliebt, die gerade als er sie zum ersten Mal seinen Freunden Basil und Lord Henry vorführen will, ihr darstellerisches Vermögen verliert und durchfällt. Enttäuscht und blamiert wendet sich Dorian von ihr ab und stellt daheim fest, dass sich dieser grausame Zug seines Charakters zwar in Hallwards Portrait, nicht aber in seinem Gesicht abgezeichnet hat. Auch die nachfolgende Trauer über den Selbstmord der Schauspielerin verwindet Dorian mit Hilfe von Lord Henrys Geschwätz rasch und wird so ein schlechter Mensch. 

Dorians weitere Karriere zum moralisches Monster erspart Wilde sich und uns, stattdessen bekommen wir in Kapitel 11 einen kunsthistorischen Vortrag serviert, der die umfangreiche Belesenheit Wildes dokumentiert. Wir finden Dorian nach einigen Jahren wieder als einen notorisch bekannten Lebemann, immer noch so schön wie früher und immer noch ebenso hohl. Seine Karriere des moralischen Verfalls gipfelt in einem Mord, den er noch vertuschen kann, der aber zu einer nicht unerheblichen Paranoia führt; hinzukommt, dass der Bruder der Schauspielerin versucht, deren Tod zu rächen, sich aber für den Augenblick von Dorians scheinbarem Alter verwirren lässt. Als jedoch alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden sind, möchte Dorian endlich ein neues Leben beginnen und ein guter Mensch werden. Zu diesem Zweck will er das schicksalshafte Portrait endlich zerstören, das sich aber auch am Ende als mächtiger erweist als er.

Sieht man von all diesem unerklärlichen Unfug ab, so ist es ein ganz nettes Buch. Gerade, dass die Schauer- und Mord-Romantik nur einen Nebenstrang der Erzählung bildet und Wilde das Hauptgewicht auf die moralische Entwicklung seines Protagonisten legt, macht die Geschichte erträglich. Alles in allem ist Das Bild des Dorian Gray das Gesellenstück eines Autors, der sehr genau weiß, wie die zeitgenössische Literatur funktioniert und aus seiner Analyse ein Modell des modernen Romans zu basteln versteht, das er dann mit einer einigermaßen interessanten Handlung auszustaffieren versteht. So schreiben Literaturkritiker oder -professoren ihre Romane.

Die Übersetzung von Hans Wolf ist sehr gut lesbar, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen stilistisch nicht ganz auf der Höhe von Wildes sehr elegantem Englisch ist. Sie dürfte aber wohl den wirklich zahlreichen älteren Übersetzungen klar vorzuziehen sein.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray. Aus dem Englischen von Hans Wolf. Werke in 5 Bänden, Bd. 1. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 352 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.

Stephen Leacock: Nonsense Novels

Indessen strich der Monat, welcher Lord Ronald vom Earl zugemessen worden, dahin. Es war bereits der 15. Juli, dann ein, zwei Tage später war’s der 17. Juli, und beinahe unmittelbar darauf der 18. Juli.

Stephen Leackock dürfte in Deutschland allgemein so unbekannt sein, wie er mir war. Leacock wurde 1869 in Südengland geboren und wanderte als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Kanada aus. Dort erhielt er eine hervorragende Ausbildung, schlug sich als Lehrer durchs Studium zuerst der Sprachen, dann der Politologie, in der er auch seinen Studienabschluss machte. Ab 1908 hatte er ein Professur in Montreal für Politologe und Ökonomie inne; sein Buch Elements of Political Science (1906) wurde zu einem internationalen Standardwerk des Fachs. Als belletristischer Schriftsteller begann Leacock bereits während seiner Studienzeit zu arbeiten; sein Œuvre umfasst humoristische Erzählungen, Essays, sozialkritische Romane und Biografien (über Mark Twain und Charles Dickens). In den zwanziger Jahren wurden einige seiner Bücher auch ins Deutsche übersetzt (Kurt Tucholsky rezensierte ihn lobend), aber das Interesse an ihm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich nicht wiederbelebt.

Ich selbst bin jetzt durch die Übersetzung eines seiner Büchlein durch Friedhelm Rathjen auf ihn gestoßen. Die Nonsense Novels (Erstausgabe 1911) sind eine Sammlung literarischer Genre-Parodien, die sich über Ton und Stoffe der Trivialliteratur des späten 19. Jahrhunderts lustig machen, vom Sherlock-Holmes-Roman und der unheimlichen Novelle über die romantische Erzählung von ritterlicher Liebe, dem Gouvernanten-Schicksal- und Seefahrer-Roman bis hin zum Zukunfts-Roman à la H. G. Wells. Diese letzte Parodie lässt mit ihrem Hohelied auf Mühe und Arbeit allerdings etwas zu sehr den Ökonomen Leacock durchblicken.

Die Parodien leben durchweg von der bizarren Übersteigerung der Tendenzen ihrer Vorlagen, so dass der Titel der Sammlung den Ton des Buches recht gut trifft. Rathjen baut den exaltierten Stil Leacocks hübsch nach, so dass auch der deutschsprachige Leser in den vollen Genuss dieses literarhistorischen Nonsens kommt.

Stephen Leacock: Nonsense Novels. Übersetzt und hg. von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2018. Bedruckter Pappband, 140 Seiten. 35,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Allen Lesern ins Stammbuch (111)

Besonders ist, daß unsere Dichter von unsern vernünftigen, Leuten von Stand nicht mit Vergnügen gelesen werden. Der Fehler kann unmöglich in unserm Publikum liegen, er liegt sicherlich in unsern Dichtern, es sind meist junge oder alte Knaben, die im Zirkel unerfahrner Bewunderer aufgewachsen sind, und daher nicht zunehmen können. Wer nicht zu gewissen Jahren oft in Gesellschaft war, wo er nicht die erste Rolle spielte, und seine Kräfte in einer Spannung sein mußten, um nicht eine üble Meinung von sich zu erwecken, wird gewiß ein Tropf werden und das sind gewiß allemal 9 unter 10 unserer gerühmten Dichter. Der Mann der Welt kann nichts von ihnen lernen, er übersieht sie, so wie das handlungsvollste Schauspiel auch noch Bemerkungen enthalten muß, die selbst den Denker bei der Lampe beschäftigen können müssen, so kann selbst die Ode indem sie die Einbildung mit Bildern hinreißt wie das Licht einen, dem der Star jetzt ausgezogen worden, tiefe Bemerkungen enthalten, die den Mann von Überlegung wenn der Rausch verfliegt beschäftigen können. Aber mein Gott wie kann der etwas sagen der nichts weiß?

Georg Christoph Lichtenberg
Sudelbücher (F 613)

Norbert Kohl: Oscar Wilde

Die wesentliche biografische Quelle zu Oscar Wilde ist immer noch Richard Ellmanns Buch von 1988 (deutsch 1991). Aber natürlich haben Verlage und Leser das Bedürfnis nach Neuem, so dass zum letzten Wilde-Jubiläumsjahr 2000 die entsprechenden Bücher in Auftrag gegeben wurden. So auch die Biographie von Norbert Kohl bei Insel. Kohls Biographie hat den unbestreitbaren Vorteil, deutlich kürzer ausgefallen zu sein als die beinahe 800 engedruckten Seiten Ellmanns. Außerdem liest es sich angenehm glatt weg, wenn auch der Autor hier und da zur Phrase neigt, besonders wenn es zur Interpretation einzelner Werke kommt.

Auszukennen scheint er sich recht gut, soweit ich das beurteilen kann, was auch dadurch dokumentiert ist, dass Kohl parallel zur Biographie eine kleine Quellensammlung herausgeben hat (Oscar Wilde im Spiegel des Jahrhunderts). Insbesondere die Darstellung der Prozesse und der letzten Lebensjahre fand ich konzise und überzeugend. 

Ein echter Höhepunkt findet sich gegen Ende, als es um die für den öffentlichen Geschmack etwas zu prominent ausgefallenen Geschlechtsteile des Grabmonuments Wildes geht: 

Kaum war Epsteins Grabmonument im Jahre 1912 aufgestellt worden, als es auch schon das Mißfallen des »conservateur en chef du Père-Lachaise« erregte, dem die Größe der Genitalien mißfiel. Nachdem alle Bemühungen, die anstößigen Teile mit Gips zu ummanteln bzw. hinter einem bronzenen Feigenblatt als cache-sexe zu verbergen, nichts fruchteten, weil sie immer wieder entfernt wurden, umhüllte man kurzerhand das gesamte Grabmal mit einer Plane. Erst ab 1914 war es wieder zu besichtigen. Noch 1961 nahmen Unbekannte an der ausgeprägten Männlichkeit des geflügelten Wesens Anstoß und schlugen ihm beide Testikel ab, die fortan dem Konservator des Friedhofs als Briefbeschwerer (!) dienten und seit langem verschollen sind. 

Ich denke, zumindest dieses Detail der Nachwirkung Oscar Wildes sollte bekannter sein. 

Norbert Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Insel, 2000. Pappband, Fadenheftung, 344 Seiten. Nicht mehr lieferbar. 

Sinclair Lewis: Main Street

Warum lügen Romane eigentlich immer so schrecklich?

Main Street, 1920 erschienen, ist der Roman, mit dem Sinclair Lewis seinen Durchbruch als Autor hatte. Ihm waren bereits sechs andere Romane mit mäßigem Erfolg vorausgegangen, doch Main Street traf offenbar einen Nerv der Zeit, denn während der ersten sechs Monate verkaufte sich das Buch 180.000 mal und brachte es innerhalb von nur wenigen Jahren auf eine Auflage von 2.000.000 Exemplaren. Dieser Bestseller begründete den anhaltenden Ruhm des Autors, der ihm 1930 als erstem us-amerikanischem Autor den Literatur-Nobelpreis einbringen sollte.

Erzählt wird die Geschichte Carols, die nach dem Studium einige Zeit als Bibliothekarin in Saint Paul, Minnesota arbeitet. Dann lernt sie, die eigentlich nicht darauf aus ist zu heiraten, den Arzt Will Kennicott kennen, der ihr sehr rasch einen Heiratsantrag macht. Angesichts der Tatsache, dass sie beruflich nicht zufrieden ist, nimmt sie den Antrag an, auch weil sie überzeugt ist, Will durchaus zu lieben. Will nimmt sie mit in die Kleinstadt Gopher Prairie, ebenfalls in Minnesota, in der er praktiziert. Minnesota ist den Deutschen zumindest von seiner winterlichen Seite wahrscheinlich durch den Film Fargo bekannt; hier leben vorwiegend deutsche und skandinavische Einwanderer, die ihren Lebensunterhalt als Farmer verdienen. Gopher Prairie ist eine typische, provinzielle Kleinstadt, die für die umliegenden Farmen Läden, Schule und eben auch einige Ärzte vorhält.

Wie man sich leicht denken kann, stößt die hübsche und – vergleichsweise – hochgebildete junge Carol in Gopher Prairie zuerst auf eine spürbare Ablehnung. Zwar hat sie als Frau des Arztes sofort einen gewissen gesellschaftlichen Status, aber ihre städtische Kleidung, ihre Ideen zur Ausgestaltung ihres Hauses und ihrer Partys und die Art, wie sie ihre Bildung ins Gespräch einfließen lässt, machen sie zur Außenseiterin. Man muss den Einheimischen von Gopher Prairie allerdings zugutehalten, dass Carol sich nicht besonders um Anpassung an die vorgefundenen Verhältnisse bemüht, sondern von Beginn an der Auffassung ist, ihre vornehmste Aufgabe sei es, die Stadt und ihre Bewohner zu reformieren. Dazu gehört auch ihr Plan, die in ihren Augen hässliche Hauptstraße (Main Street) städtebaulich zu verschönern, ein Traum, den sie bereits während ihrer Studienjahre entwickelt hat. Carol ist daher weitgehend isoliert; einzig bei einem der Juristen der Stadt, einem eingeschworenen Einzelgänger, und einem lesenden Arbeiter findet sie einige Sympathien; selbst ihr Mann steht eigentlich auf der Seite derer, die Carol etwas merkwürdig finden, wenn er auch zu glauben scheint, dass sich diese Probleme mit der Zeit von selbst geben werden. Ihre einzige erklärte Freundin, eine Lehrerin, die auch die Bibliothek betreut, ist eher daran interessiert, Carol für ihr eigenes, christlich motiviertes Reformprojekt einzuspannen.

Nachdem diese Grundkonstellation aufgestellt ist, schleppt sich der Roman über viele Seiten hin, um eine immer erneute Verschärfung der Krise heraufzubeschwören. Dort, wo Carol sich langsam an den Alltag Gopher Prairies anpasst, wirft sie sich selbst vor zu verspießern; im Gegenzug gibt es immer wieder Ereignisse, die ihr klar machen, dass sie nie in dieser Stadt zufrieden wird leben können. Lewis spielt auch mit einer Liebesaffäre Carols, die aber nie richtig in Gang kommt, offenbar weil er die Moral seiner potenziellen Leserinnen fürchtet. Auch ein eigenes Schlafzimmer für Carol oder die Geburt eines Kindes ändern die Situation nicht wirklich. Schließlich bricht Carol aus der Kleinstadtatmosphäre aus, geht nach Washington und lebt einige Jahre ein unabhängiges und selbstständiges Leben. Am Ende siegt aber doch die Normalität, und sie kehrt zu ihrem Mann in die kleinstädtischen Verhältnisse zurück, gereift durch die Jahre ihrer Unabhängigkeit und die Einsicht, dass auch in der großen Welt nicht alles Gold ist, was glänzt. 

Dieses versöhnliche, sehr amerikanische Ende hat wahrscheinlich nicht unwesentlich zu dem Erfolg des Buches beigetragen. Main Street vermeidet konsequent die Katastrophe, die sich aus dem Missverhältnis der inneren und äußeren Welt der Protagonistin entwickeln ließe; man vergleiche dazu nur die offensichtliche literarische Vorlage der Madame Bovary (dumme Gans mit literarischer Bildung heiratet Provinzdoktor und scheitert an ihrem aus den Romanen entnommenen Weltbild). Der Kompromiss mit dem Publikumsgeschmack, den der Autor offensichtlich erfolgreich eingegangen ist, führt auch dazu, dass er über weite Strecken wesentlich nicht weiß, was er mit seiner Protagonistin weiterhin anfangen soll. Und so ist der Roman nicht nur auf weiten Strecken anekdotisch, sondern auch deutlich zu lang geraten und im Abgang mehr als seicht. Von der ironischen Schärfe, die Babbitt beherrscht, ist hier nur an einigen wenigen Stellen ein Vorschein zu erkennen. Erst nach diesem Erfolg war sich Lewis als Autor sicher genug, um seinen eigentlichen Ton anzustimmen.

Sinclair Lewis: Main Street.  Aus dem amerikanischen Englisch von Christa E. Seibicke. München: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 1002 Seiten. 28,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (110)

Der Papiersäufer sieht wie ein Kasten aus, der sich nie geöffnet hat, um nichts zu verlieren. Er scheut sich, von seinen sieben Doktoraten zu sprechen und erwähnt nur drei, es wäre ein leichtes für ihn, jedes Jahr einen neuen Doktor zu erwerben. Er ist freundlich und spricht gern, um sprechen zu können, läßt er auch andere zu Wort kommen. Wenn er sagt: ›Das weiß ich nicht‹, ist ein detaillierter und wissender Vortrag von ihm zu erwarten. Er ist rasch, weil er immer nach neuen Leuten sucht, die ihn anhören. Keinen, der ihn angehört hat, vergißt er, die Welt für ihn besteht aus Büchern und Hörern. Das Schweigen anderer weiß er wohl zu schätzen, er selbst schweigt nur kurz, bevor er zu einem Vortrag ansetzt. Eigentlich will niemand etwas von ihm lernen, weil er auch so viel anderes weiß. Er verbreitet Unglauben, nicht etwa, weil er sich nie wiederholen würde, aber er wiederholt sich nie bei ein und demselben Hörer. Er wäre kurzweilig, wenn es nicht immer etwas anderes wäre. Er ist gerecht gegen sein Wissen, alles zählt, man gäbe viel drum, auf etwas bei ihm zu stoßen, das mehr zählt als etwas anderes. Er entschuldigt sich für die Zeit, in der er wie gewöhnliche Leute schläft.

Elias Canetti
Der Ohrenzeuge

Lothar Machtan: Kaisersturz

– nachdem man den letzten Hohenzollern, Wilhelm II., von dem man sagt, er habe eine Kopfprothese getragen, abgesetzt hatte –

Herbert Rosendorfer

Nachdem hier bereits der Band zum Untergang der K.-u.-k.-Monarchie besprochen wurde, folgt nun das Pendant zum Deutschen Kaiserreich. Lothar Machtan stellt den letzten Hohenzollern-Herrscher in das Zentrum der ersten Hälfte seiner Darstellung; in der zweiten folgt dann der Blick auf die Entwicklung in den letzten Kriegsmonaten in Deutschland und die konkreten politischen Abläufe Ende Oktober, Anfang November 1914, die zum Sturz des Kaisers und zur Errichtung der ersten Demokratie auf deutschem Boden geführt haben. 

Machtan teilt deutlich die allgemeine Abneigung gegenüber Wilhelm II. Er zeichnet das Porträt eines eitlen, überheblichen, unfähigen und von der Realität weit entfernten Herrschers, der bis zum Ende nie recht verstanden hat, warum die politische Entwicklung ihn hinter sich gelassen hat. Neben dieses Bild stellt Machtan das zweier weiterer Hauptakteure des Umbruchs: Prinz Max von Badens, des letzten Reichskanzlers des Kaisers, und Friedrich Eberts, des Führers der Mehrheits-SPD, Nachfolgers des Prinzen und späteren Reichspräsidenten. Auch der Kaiserin Auguste Viktoria wird einige Aufmerksamkeit gewidmet; alle weiteren Akteure spielen nur Nebenrollen bei Machtan. Weder Erich Ludendorff oder Paul von Hindenburg noch Philipp Scheidemann sind angemessen gewichtet, um nur die drei offensichtlichsten Kandidaten zu nennen. Auch Machtans praktische Gleichsetzung der USPD und ihres Programms mit den Interessen und Ansichten des Volkes ist sicherlich eine ungeschickte Verkürzung. 

Wie bereits erwähnt, schildert das Buch in seiner zweiten Hälfte die Zeit des Umbruchs vom Kaiserreich zum revolutionären Endstadium des Deutschen Reichs, das zur Weimarer Republik führen wird. Dabei schildert Machtan hauptsächlich die Vorgänge in Berlin und im Hauptquartier der OHL in Spa; auch hier bleiben etwa die Matrosenaufstände in Kiel oder die revolutionäre Entwicklung in München ganz und gar randständig. Das, was Machtan schildert, ist gut und mit hoher Detailkenntnis dargestellt. Ob allerdings tatsächlich eine ausführliche Schilderung des Interieurs der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 (mit einem Grundriss des Erdgeschosses) für das Verständnis der Revolution fruchtbar ist, darf immerhin bezweifelt werden. Am spannendsten dürfte Machtans These sein, dass es Ludendorffs Nachfolger General Wilhelm Groener war, der gegenüber Prinz Max von Baden die Abdankung Wilhelm II. als Kaiser und preußischer König telefonisch bestätigte, bevor die entsprechenden Entscheidungen in Spa gefallen waren, und so Tatsachen geschaffen hat, die für den weiteren Verlauf der Revolution entscheidend waren.

Ein gut lesbares, in Details sehr interessantes Buch, das sich aber für einen Überblick zur November-Revolution eher nicht eignet. Auch hätten die Charakterzeichnungen, insbesondere die des Kaisers, ruhig etwas neutraler und differenzierter ausfallen dürfen.

Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht. Darmstadt: wbg Theiss, 2018. Pappband, Lesebändchen, 350 Seiten. 24,– €.