Theodor Fontane: Schach von Wuthenow

Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt geraten und ziehen dann jedesmal den Kürzeren.

Schach von Wuthenow aus dem Jahr 1882 (Buchausgabe: 1883) ist nach Vor dem Sturm Fontanes zweiter Roman, dessen Handlung in der Napoleonischen Zeit spielt. Ob die Gattungsbezeichnung korrekt ist, wird seit langer Zeit diskutiert; Fontane selbst nannte den Text mehrfach eine Novelle, so dass man je nach Geschmack entweder von einem kurzen Roman oder einer ausgefallenen Novelle sprechen kann. Wie zahlreichen anderen Texten Fontanes liegt auch diesem ein historischer Fall zugrunde, den Fontane dramaturgisch strafft und zuspitzt.

Die Handlung spielt in Berlin im Jahr 1806 am Vorabend der preußischen Niederlage gegen Napoleon. Erzählt wird von dem jungen Baron Schach von Wuthenow, Angehöriger des Regiments Gendarmes, der als ein Außenseiter und eingebildeter Schönling gilt. Schach verkehrt im Salon der verwitweten Josephine von Carayon, die mit ihrer Tochter Victoire in keineswegs luxuriösen Umständen in der Nähe des Gendarmenmarktes wohnt. Ihn verbindet eine offensichtliche Sympathie mit der Mutter; zugleich lässt sich eine Verliebtheit der mit ihm etwa gleichaltrigen Tochter in Schach aber nicht leugnen.

Der erste Teil des Romans widmet sich ausführlich der Schilderung der Situation Preußens, das einen fragilen Frieden mit Frankreich erreicht hat, an dessen Dauer aber niemand recht glauben kann. Zur Knüpfung des dramatischen Knotens kommt es, als Schach eines Abends unangemeldet bei den Carayons vorspricht und Victoire allein antrifft. Statt sich sofort wieder zu verabschieden, wie es sein erster Impuls ist, bleibt Schach und beginnt, mit Victoire zu plaudern.

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu waffnen suchte. Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.

Die Zimmeruhr schlug neun und die Turmuhr draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück, und trat ans Fenster und sah auf die Straße.
» Was erregt dich?«

Der Übergang des Dialogs vom formellen Sie zum intimen Du muss genügen, um das eigentliche Geschehen zu schildern. Victoire ist eine ehemalige Schönheit, die durch eine Erkrankung an Blättern entstellt ist. Alles, was der Leser sonst von ihr erfährt, macht sie zu einer potentiell idealen Gattin Schachs, doch fürchtet der eine offizielle Verbindung mit ihr, die ihn möglicherweise dem Spott seiner Kameraden aussetzen würde. Schach versucht daher in den folgenden Wochen konsequent jede intimere Begegnung mit Victoire zu vermeiden, die auch diese Wendung ihrer Beziehung zu Schach klag- und kommentarlos hinnimmt, bis sie eines Tages zusammenbricht und ihrer Mutter das Geschehene verrät, wohl auch, weil es sich ohnehin nur noch eine begrenzte Zeit würde verheimlichen lassen.

Frau von Carayon stellt Schach daraufhin bestimmt, wenn auch nicht unfreundlich zur Rede, der sich sofort zu seiner Verantwortung bekennt und mit der Mutter sowohl den Verlobungs- als auch den Hochzeitstermin festlegt. Doch in der Woche vor der Bekanntmachung der Verlobung erscheinen in Berlin Stück für Stück drei Karikaturen, die Schachs Verhältnis sowohl zur Mutter als auch zur Tochter thematisieren. Schachs einziger Einfall ist es, sich sofort und ohne sich zu verabschieden auf sein Schloss Wuthenow zurückzuziehen und dort quasi zu verstecken.

Die düpierte Frau von Carayon, die von den Karikaturen noch nichts weiß, glaubt Schach wolle sich nun doch vor der Ehe mit Victoire drücken und nutzt ihre Verbindung zum Hof, um die Einhaltung von Schachs Versprechen einzufordern. Der König – Friedrich Wilhem III. –, zitiert ihn an den Hof und teilt ihm ziemlich lakonisch mit, dass er von ihm die Erfüllung seiner Pflicht oder seinen Abschied als Offizier erwarte. Sogar Königin Louise lässt sich dazu herbei, Schach ins Gewissen zu reden.

Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt worden. Er wusste, was er dem König schuldig sei: Gehorsam! Aber sein Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach.

Dieses „etwas“ bildet nun die eigentliche Pointe des Textes: Schach verlobt sich und heiratet Victoire, wie es von ihm erwartet wird, und auf der Rückfahrt von der Hochzeitsfeier nach Hause – am nächsten Tag soll das Brautpaar in die Flitterwochen reisen – erschießt er sich in seinem Wagen.

Fontane schließt mit zwei Deutungen des „Falls Schach“: Zum einen durch den damals berühmten Militärhistoriker von Bülow, der Schach als ein Symbol für den aushöhlten Ehrbegriff des preußischen Militärs versteht, zum anderen durch Schachs Ehefrau Victoire, die den Freitot ihres Mannes als Flucht vor der von ihm gefürchteten Institution der Ehe deutet und sich mit dem Glück ihres Kindes bescheidet. Wie durch den ganzen Text hindurch repräsentiert Victoire den Sieg des Stoizismus über die Welt.

Natürlich bietet sich eine dritte Deutung des Buch, nicht so sehr des „Falls Schach“ an: Fontane wollte seine Erzählungen als eine Fortsetzung des Programms der Weimar Klassiker unter Überspringen des romantischen Denkens und Erzählens verstehen. Von daher kann Schach von Wuthenow programmatisch gelesen werden, die sozusagen im Rückblick der Romantik den Spiegel vorhält und sagt: Seht dies war Eure Welt und solche Stoffe standen Euch zur Verfügung, und nichts davon findet sich in Euren Romanen wieder. Dass diese Sicht nicht nur anachronistisch, sondern auch ungerecht wäre, ist sowohl offensichtlich als auch wenig erheblich. Klappern gehört eben zum Handwerk, auch dem eines Schriftstellers.

Nur am Rande sei hier noch auf eine außerordentliche Auseinandersetzung mit diesem Text hingewiesen: Uwe Johnson lässt im vierten Band seiner Jahrestage Gesine Cresspahl in ihrem letzten Schuljahr diesen Roman unter Anleitung eines jungen, gerade von der Universität kommenden Kandidaten lesen und liefert so einen wundervollen Kommentar eines Schriftstellers zu einem Meisterstück eines seiner Vorgänger. Unbedingt lesenswert.

Theodor Fontane: Schach von Wuthenow. Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. RUB 19518. Stuttgart: Reclam, 2019. Broschur, 214 Seiten. 4,40 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (122)

«Ihr tut meinem Beruf zu viel Ehre an», sagte Yoomy. «Wir Sänger singen unsre Lieder ganz unbekümmert, edler Herr Media.»
«Ja und umso mehr Unheil verursachen sie.»
«Doch manchmal sind wir Dichter auch lehrreich.»
«Lehrreich und öde. Viele von euch langweilen allzu gern, außer sie sind boshaft.»
«Doch in unseren Versen, edler Herr, führen nur wenige von uns Böses im Schilde.»
«Seid ihr auch für euch selbst harmlos, so doch nicht für Mardi.»
«Entspringen schmutzige Flüsse nicht oftmals klaren Quellen, edler Herr?», bemerkte Babbalanja. «Die Essenz alles Guten und Bösen ist in uns und nicht außerhalb. Die Blumen, auf denen sich Bienen und Wespen nebeneinander niederlassen, enthalten weder Gift noch Honig. Natur ist eine unbefleckte Jungfrau, edler Herr, die stets unverhüllt vor uns steht. Echte Poeten malen nur den Zauber, den alle Augen schauen. Die Verderbten wären auch ohne sie verderbt.»

Herman Melville
Mardi

„konkrete poesie“ / „visuelle poesie“

schreibe einen text. jetzt
entferne sämtliche lügen.

cia rinne

Wie progressiv mein Deutschunterricht gewesen ist, begriff ich erst, als mir klar wurde, dass die Kenntnis von Gedichten Ernst Jandls oder Gerhard Rühms durchaus nicht zur Allgemeinbildung der meisten deutschen Gymnasiasten gehörte. Dass jene Gedichte, die ich unter dem Schlagwort „Konkrete Poesie“ kennengelernt hatte, eine sehr moderne Spielart der Lyrik waren, war mir klar; eine wie schmale Spalte sie bildeten dagegen nicht. Und noch später fand ich dann erst die Vorläufer, die spätestens seit der Barocklyrik existieren. Dass diese Spielart des Wortspiels überhaupt so bekannt ist, wie sie es ist, verdankt sich zu einem wesentlichen Teil auch der Sammlung Eugen Gomringers, die 1972 zum ersten Mal erschien und eine essentielle Auswahl vorstellte. Reclam hat nun im vergangenen Jahr eine erweiterte Neuauflage des Bändchens aufgelegt, die zusätzlich Gedichte von neun weiteren Autoren liefert.

konkrete poesie – das sind texte zum meditieren, zum spielen und mitspielen. sie helfen das gesicht der wörter wieder zu entdecken, im trivialen das komplexe, im komplexen das triviale.

Die Sammlung zeigt eine erstaunliche Breite an Stilen und Ansätzen, die von rein formalen Spielen über rhetorische Studien bis zu sehr direkt politischen Gedichten reicht. Natürlich kann immer nur ein sehr schmaler Ausschnitt aus dem lyrischen Werk der Autoren aufgenommen werden, aber der Band ist ein idealer Einstieg in diese Form moderner Lyrik, von dem ausgehend sich ganz eigene Welten entdecken lassen.

a short history of life
(en vers, tout calculé)

verehren
verkehren
verzehren
vermehren
vers ehren
gegen ehren

(so kann das nicht weitergehen)

cia rinne

Ergänzend hat Gomringer im Jahr 1996 den Band „visuelle poesie“ zusammengestellt, dessen Beiträge einen deutlich stärkeren optischen Einschlag haben. Wer sich den einen Band besorgt, sollte auch gleich den anderen mit bestellen.

konkrete poesie. anthologie von eugen gomringer. Erweiterte Neuausgabe. RUB 19554. Stuttgart: Reclam, 2018. Broschur, 271 Seiten. 8,80 €.

visuelle poesie. anthologie von eugen gomringer. RUB 9351. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 153 Seiten. 4,80 €.

Raymond Queneau: Stilübungen

Raymond Queneau gehört zu einer Gruppe französischer Schriftsteller, die sich in Deutschland einen kleinen, aber treuen Kreis von Lesern erobern konnte, was in der Hauptsache der unermüdlichen Übersetzungsarbeit Eugen Helmlés zu verdanken sein dürfte. Queneaus bekanntester Text dürfte der kleine Roman Zazie in der Metro (1959) sein, auch wegen der Verfilmung durch Louis Malle.

Die Stilübungen sind eine Sammlung kurzer Variationen auf eine vollständig nichtssagende Anekdote von einem jungen Mann, der sich in einem Bus mit einem anderen Passagier streitet, weil dieser ihn mehrfach angerempelt hat und sich dann auf einen freien Platz setzt; zwei Stunden später entdeckt der anonyme Erzähler den jungen Mann erneut, als der von einem Bekannten über einen fehlenden Knopf an seinem Mantel belehrt wird. Diese kurze Erzählung wird nun durch allerlei stilistische Varianten gejagt, sowohl in Prosa als auch in Versform. So kommen insgesamt mehr als Hundert Kurztexte zusammen, die auf immer andere Weise um dasselbe Nichts tanzen.

Interessanterweise sind eine bedeutende Anzahl dieser Stilübungen noch während des Zweiten Weltkriegs unter der deutschen Okkupation Frankreichs entstanden und veröffentlicht worden. 1947 erschien dann ein Buch mit 99 Stilübungen, die aber mit der Zeit immer noch erweitert wurden. Eugen Helmlé übersetze dann 1961 zusammen mit Ludwig Harig 100 dieser Kurztexte ins Deutsche und eröffnete damit überhaupt erst die Rezeption Queneaus in Deutschland. Jetzt arbeitet Frank Heibert diesen Übersetzungen noch einmal nach, indem er vor drei Jahren zusammen mit Hinrich Schmidt-Henkel eine stark erweiterte Ausgabe der Stilübungen neu übersetzte und in diesem Jahr auch Zazie in der Metro folgen ließ. Die Neuübersetzung ist frisch und macht Spaß holt damit die besten Qualitäten Quenaus wieder zurück ins Bewusstsein der jüngeren deutschen Leserschaft.

Für alle, die Vergnügen an Sprachspielen und -variationen haben, eine sehr gute Gelegenheit, sich Queneaus wirklich bedeutendem literarischen Werk zu nähern. Ich werde hier bei nächster Gelegenheit auch noch ausführlicher auf Zazie in der Metro eingehen.

Raymond Queneau: Stilübungen. Aus dem Französischen von Frank Herbert und Hinrich Schmidt-Henkel. bibliothek suhrkamp 1495. Berlin: Suhrkamp,22017. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 215 Seiten. 22,– €.

„Verrückt nach Karten“

Von Zeit zu Zeit fällt einem doch wieder einmal ein rundum gelungenes Buch in die Hand! Dieser großformatige Band (ein wenig über DIN A4) widmet sich dem Zusammenhang zwischen Kartographie und Literatur, also nicht nur dem Phänomen der fiktiven Karten, sondern auch dem der geographischen Karten, die zu Stoff für die Phantasie von Autoren wurden oder die selbst ihre weißen Flächen mit erfundenen Kontinenten, Inseln, Ländern und Bewohnern angefüllt haben. Er ist üppig bebildert und enthält zahlreiche locker geschriebene, gut lesbare und interessante Essays, die sich von ganz verschiedenen Richtungen aus dem zentralen Thema annähern: So eröffnet der Herausgeber Huw Lewis-Jones den Band mit einem ausführlichen Gang durch den Teil der englischsprachigen Literatur, der auf die ein oder andere Weise mit der Kartographie verbunden ist; es folgen dann Autoren der phantastischen Literatur, Zeichner phantastischer Karten (darunter Daniel Reese, der die Karten für die Herr-der-Ringe-Verfilmungen von Peter Jackson gezeichnet hat), Leserinnen und Leser (so etwa die witzige und immer originelle Sandi Toksvig, die durch die durch und durch englische Quizshow QI endgültig zur Berühmtheit geworden ist), ja es findet sich mit Roland Chambers sogar ein Illustrator, der die durchaus weit verbreitete Furcht vor Karten thematisiert.

Der Band ist zu stundenlangem staunenden Blättern ebenso gut wie zur unterhaltendsten Lektüre, die selbst wieder Anlass werden wird zu eigenen Entdeckungen und neuen Lektüren. Als deutschsprachiger Leser wünschte man sich natürlich, dass auch die eigene Literatur vorkäme, so etwa Arno Schmidt mit seinen selbstgezeichneten Karten und Skizzen oder auch Heimito von Doderer mit seinen riesigen Wandplänen, auf denen er die Welt seiner Figuren entworfen hat. Aber man kann nicht alles haben.

Es ist noch ein wenig früh für Geschenktipps zum Fest: Aber mit diesem Buch macht man allen Freunden gleich welchen Literaturgenres eine Freude. Ein ideales Geschenk für sich und andere!

Huw Lewis-Jones (Hg.): Verrückt nach Karten. Geniale Geschichten von fantastischen Ländern. Darmstadt: wbg Theiss, 2019. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 256 Seiten. 34,– €.

Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin

Als sich Lombardo ans Werk machte, wusste er nicht, was es werden würde. Er mauerte sich nicht in Pläne ein, er schrieb drauflos; und dadurch drang er immer tiefer in sein Inneres. Wie ein beherzter Reisender, der sich durch trügerische Wälder schlägt, wurde er schließlich für seine Mühen belohnt.

Zum 200. Geburtstag Melvilles legt Manesse noch einmal dessen dritten Roman Mardi vor, der vor 170 Jahren erschienen ist. Melville hatte seine Laufbahn als Autor mit zwei Südsee-Romanen (Typee (1846) und Omoo (1847)) begonnen, die auf das allgemeine Interesse der Zeit an Reisebeschreibungen und die voyeuristischer Neugier auf die Südsee-Insulaner im Besonderen trafen und vergleichsweise erfolgreich waren. Natürlich waren Verleger und Publikum an einer Fortsetzung dieser Linie interessiert, aber Melville selbst war durch die Wiederholung des ewig Gleichen offenbar gelangweilt. Ihm ging es eher darum, seine Möglichkeiten als Autor auszutesten und den Rahmen dessen, was in einem Roman möglich war, auszuloten. Daher heißt es schon im kurzen Vorwort zum Roman:

Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden, kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorigen Erfahrung.

Dementsprechend fängt Mardi als ein ziemlich konventioneller Seefahrer-Roman an: Der Ich-Erzähler hat auf einem Walfänger angeheuert, um von einer der Südsee-Inseln fort und über die Zwischenstation der Galapagos-Inseln wieder in zivilisiertere Gebiete zu kommen. Doch der Kapitän der Arcturion ändert, da das Jagdglück ausbleibt, seinen Kurs nach Norden, um in arktischen Gewässern Wale zu finden. Der Erzähler macht sich deshalb zusammen mit einem Schiffskameraden nachts heimlich von Bord, um zurück zu den Südsee-Inseln zu segeln, solange sie noch erreichbar sind. Nach einiger Zeit schon ganz in der Nähe ihres Ziels stoßen die beiden Deserteure – die inzwischen von einem treibenden Schiff einen Eingeborenen als Passagier aufgelesen haben – auf ein Floß, auf dem ein älterer Priester und seine drei Söhne eine offenbar weiße, junge Frau transportieren. Als der Erzähler begreift, dass der Priester vorhat, dass Mädchen Yillah zu opfern, tötet er diesen eher beiläufig und entführt sie.

Auf der Insel, die die kleine Reisegesellschaft kurze Zeit später erreicht und die zur fiktiven Inselgruppe Mardi gehört, die dem Roman seinen Titel gibt, wird der Erzähler als Personifikation des Halbgottes Taji angesprochen und zusammen mit seinen Gefährten entsprechend wohlwollend aufgenommen. Es beginnt eine kurze Episode paradiesischen Glücks, bis eines Tages Yillah spurlos verschwunden ist. Taji macht sich zusammen mit König Media, dem Philosophen Babbalanja, dem Poeten Yoomy und dem Historiker Mohi auf die Suche nach Yillah, womit der eigentliche, fantastische Teil der Reise durch Mardi beginnt. Von dieser Stelle an wandelt sich der Charakter des Textes zum Teil von Kapitel zu Kapitel: Zuerst findet sich eine Swiftsche Satire diverser Sitten und Institutionen, aber schon bald schweift das Buch über zu Gesprächen über Philosophie, Waljagd und Paläontologie, Freiheit und Notwendigkeit, Deismus und Atheismus, der Allmacht Gottes, Demokratie und Monarchie, Poetik und Geschichtsschreibung und was der Dinge mehr sind. Innerhalb der Reise durch Mardi findet auch eine komplette Weltumsegelung statt, bei der Charakterisierungen ganzer Kontinente, aber auch einzelner Länder vorgenommen werden. Es findet sich eine Verhöhnung Englands ebenso wie eine scharfe Kritik der Sklaverei in den USA – nicht nur, aber besonders die Südstaaten betreffend – und auch satirische Portraits einzelner Politiker. Auch die Februarrevolution wird als zerstörerischer Vulkanausbruch im Reiche Franko allegorisiert.

Man kann nicht wirklich sagen, ob das Buch mit seinen 800 Seiten zu kurz oder zu lang geraten ist. Bis auf den roten Faden der Suche nach Yillah und der Verfolgung Tajis durch die drei Söhne des getöteten Priesters ist die zweite Hälfte des Romans weitgehend formlos und anekdotisch.  Er dokumentiert die weitgreifende Belesenheit des Autors, sein ernsthaftes Interesse an letzten Fragen, sein eigenwilliges religiöses Denken und nicht zuletzt sein politisches Engagement – von hier aus betrachtet, wird auch Moby-Dick zu einer deutlich politischeren Lektüre. Sowohl in seiner Auflösung der Form als auch in seinen enzyklopädischen Neigungen ist Mardi ein entscheidender Schritt Melvilles auf dem Weg zum Jahrhundertautor, der er durch Moby-Dick nur zwei Jahre später werden sollte.

Manesse hat die gute, moderne (und überhaupt einzige) Übersetzung des Romans komplett neu gesetzt, die Endnoten des Übersetzers in Fußnoten verwandelt – was angesichts der Tatsache, dass einige Teile des Textes für die meisten Leser doch der Erläuterung bedürfen, eine gute Entscheidung ist – und damit insgesamt ein sehr schönes Buch vorgelegt, bei dem einzig die Fadenheftung fehlt, um es als vollständig gelungen anzusehen.

Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin. Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Rainer G. Schmidt. Zürich: Manesse, 2019. Pappband, Lesebändchen, 824 Seiten. 45,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (121)

»Was lesen Sie denn zum Beispiel jetzt?«

Fr. Rat. Morgens nach dem Kaffee – und dazu trink ich eine Bouteille Wasser, weil mir aus Eifer das Blut in den Kopf steigt – les ich zwei Stund und länger, aber alle Augenblick muß ichs Buch hinlegen und mich verwundern. Vorige Woche fing ich ein Buch an über die Inquisition von Goa. Da muß ich sagen, wenn auch mein Glauben mir bis zum Bergversetzen gelungen wär, so versetzt solch ein Buch mitsamt denen Bergen mich außer allen Glauben!

»Wär’s da nicht besser, Sie lesen solche Bücher nicht? – die nur Ihr Gemüt beunruhigen und Ihnen keine Erheiterung sind.«

Fr. Rat. Was halten Sie von mir, daß Sie mir einen so schwächlichen Rat geben? – Sollt ich meinen Geist mehr schonen als meinen Leib? – Der kann auch nicht auf Rosen gebettet liegen! und die Seel würde samt ihm zugrund gehen, die kein ander Exerzitium hätt als bloß Wohlbehagen. – Der Geist ist grad dazu gemacht, sich durch Dorn und Distel zu reißen, ich kann den Rat von Ihnen nicht gut heißen, ihn wie einen Schlemmer zu behandlen!

Bettina von Arnim
Dies Buch gehört dem König

Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe

Da, da rennen sie alle auf der Straße hin und her, einer wie der andere schon seiner Natur nach ein Lump und Verbrecher; noch schlimmer – ein Idiot!

Der erste der fünf letzten, umfangreichen Romane Dostojewskijs, die im Westen das Zentrum seiner Rezeption bilden. Ich habe den Roman jetzt zum ersten Mal in der Übersetzung Swetlana Geiers gelesen, nachdem ich während des Studiums und auch später noch einmal an der Hermann Röhls gescheitert war. Überhaupt stelle ich fest, dass ich mit vielen Übersetzungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts so meine Schwierigkeiten habe. Mit der Neuübersetzung hat sich mir der Roman auf eine neue und ungeahnte Weise geöffnet.

Wie allgemein bekannt sein dürfte, erzählt das Buch die Geschichte vom Mord des ehemaligen Jurastudenten Rodion Raskolnikow an einer alten Pfandleiherin und ihrer Schwester, die ihn zufällig bei seiner Tat überrascht. Überhaupt ist Raskolnikow jene Art von Amateur, die sich für besonders schlau hält und sich gerade deshalb besonders dumm anstellt. Seine Tat geht in seiner eigenen Einschätzung weit über einen simplen Raubmord hinaus, vielmehr möchte sich der junge Mann für einen kommenden Napoleon halten und sich auf diese Weise das Startkapital für eine überragende, die Menschheit oder doch zumindest Russland beglückende Karriere verschaffen. Ein wesentlicher Teil der Entwicklung des Romans besteht darin, seinem Protagonisten wenigstens im Ansatz deutlich werden zu lassen, dass er eher kein Napoleon ist. Enttäuscht von sich selbst und eingeholt von der Sinnlosigkeit seiner Tat – die Beute hat er nicht angerührt, sondern an einem zufälligen Ort versteckt – stellt sich Raskolnikow der Polizei, als schon niemand mehr außer einzig dem ermittelnden Staatsanwalt an seine Schuld glaubt. Soweit das Muster des Kriminalromans, dem das Buch auf den ersten Blick folgt. Zwar macht ein sogenannter Epilog, der Raskolnikows Zeit und Wandlung in Sibirien schildert, deutlich, dass es Dostojewskij wesentlich und eine Wandlung Raskolnikows vom nihilistischen Saulus zum christlichen Paulus geht, doch kann man diesen Aspekt bei der Lektüre weitgehend ignorieren.

Der Roman zeichnet sich durch eine Fülle hoch differenzierter und interessanter Figuren aus: So etwa dem Lüstling Swidrigajlow, der sich an Raskolnikows Schwester zu vergreifen versucht und am Ende keine bessere Lust mehr weiß, als sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Oder Semjon Marmeladow, ein ehemaliger Beamter, der dem Suff verfallen ist und sich zugleich schwerste Vorwürfe macht, dass seine Familie im Elend lebt, ja seine Tochter aus erster Ehe – Sonja, die der rettende Engel Raskolnikows werden soll – sogar der Prostitution nachgeht, um die Familie über Wasser halten. Oder Pjotr Luschin – hier kein Schachspieler –, ein eingebildeter, egozentrischer, rachsüchtiger Schwachkopf, der sich allein wegen seiner Arroganz für ein überlegenes Wesen hält. Zudem laufen noch ein sozialistischer Ministerialbeamter, eine sentimentale Mutter, eine selbstbestimmte Schwester, ein immer auf das Notwendige verfallender Kommilitone, ein psychologisierender Arzt und was der wundervollen Typen mehr sind durchs Buch. Alle diese Charaktere sind handfester und ernster als die entsprechenden Chargen etwa bei Dickens, aber der Reichtum der Texte an Menschen und Menschlichkeit ist durchaus vergleichbar. Natürlich fehlt es Dostojewskijs Roman über weite Strecken an Humor – einige Stellen beweisen allerdings, dass er durchaus über diesen Ton verfügt –, doch zum Ausgleich dafür zeigt sein Figurenensemble eine durchaus sehenswerte Palette weltanschaulicher Positionen der Mitte des 19. Jahrhunderts.

In der Übersetzung Swetlana Geiers erscheint das Buch tatsächlich als der moderne Roman, als der er zu Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Lizenzausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,21994. Pappband, Fadenheftung, 767 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 13,– €.

Aus gegebenem Anlass (XXVI) – Bloomsday

– Ich schmelze, sagte er, wie die Kerze sehr richtig bemerkte, als sie … Aber Schwamm drüber. Kein Wort mehr zu diesem Thema. Kinch, wach auf. Brot, Butter, Honig. Haines, komm rein. Der Fraß ist fertig. Segne uns, Herr, und diese deine Gaben.
Wo ist der Zucker? O je, wir haben keine Milch.
Stephen holte den Brotlaib, den Honigtopf und den Butterkühler aus dem Schränkchen. Buck Mulligan setzte sich in einem plötzlichen Anfall von schlechter Laune hin.
– Was ist das hier bloß für ein Saftladen! murrte er. Ich hab’ ihr doch ausdrücklich gesagt, sie soll gleich nach acht kommen!
– Wir können ihn ja schwarz trinken, sagte Stephen. Im Schrank ist auch noch eine Zitrone.
– Verdammtnochmal, du und deine Pariser Marotten, sagte Buck Mulligan. Ich will Sandycove-Milch!
Haines kam vom Eingang herein und sagte ruhig:
– Die Frau kommt schon herauf mit der Milch.
– Gottes Segen über dich! schrie Buck Mulligan, vom Stuhl aufspringend. Setz dich hin. Schenk den Tee da ein. Der Zucker ist in der Tüte. Hier, ich kann nicht erst lange noch rummurksen an den verdammten Eiern. Er hackte in dem Gebratenen auf der Schüssel herum, klatschte es auf drei Teller und sagte:
In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.
Haines setzte sich, um den Tee einzuschenken.
– Ich gebe euch jedem zwei Stücke, sagte er. Aber das muß ich schon sagen, Mulligan, du machst ja den Tee ganz schön stark, was?
Buck Mulligan, eben dabei, dicke Scheiben vom Brotlaib zu säbeln, sagte mit der Schmeichelstimme einer alten Frau:
– Wenn ich Tee mache, dann mache ich Tee, wie die olle Mutter Grogan sagte. Und wenn ich Wasser mache, dann mache ich Wasser.
– Beim Jupiter, es ist Tee, sagte Haines.
Buck Mulligan fuhr fort zu säbeln und zu schmeicheln:
Das mach’ ich, jawoll, Mrs. Cahill sagt sie. Ach Herrjeh, Ma’am, sagt da Mrs. Cahill, dann geb’s nur der liebe Gott, daß Sie’s nicht beides in denselben Topf machen!

James Joyce
Ulysses