Aus gegebenem Anlass (XXIV) – Bloomsday

Also wer ist denn bloß dieser lange Lulatsch in dem Macintosh da drüben? Ich gäb was drum, wenn ich nur wüßt. Das heißt, es schert mich imgrunde ja einen Dreck. Immer taucht doch plötzlich jemand auf, an den man nicht im Traum gedacht hätte. Eigentlich könnte man ohne weiteres auch sein ganzes Leben alleine leben. Jawohl, könnte man durchaus. Müßte dann bloß jemand auftreiben, der einen unter den Rasen bringt, wenn man gestorben ist, obwohl man sich natürlich auch vorher ein eigenes Grab buddeln könnte. Tun wir sowieso alle. Bloß der Mensch begräbt. Nee, Ameisen ebenfalls. Das erste, was jedem einfällt. Die Toten begraben. Robinson Crusoe etwa, gilt doch als lebensechte Figur. Tja, und dann hat ihn ja auch Freitag begraben. Jeder Freitag begräbt einen Donnerstag, wenn mans recht überlegt.

Ach du armer Robinson Crusoe,
Wie kamst du da bloß zu so?

Armer Dignam! Sein letztes Lager auf Erden in einer Kiste. Wenn man denkt, daß das allen so geht, kommts einem doch glatt wie Holzverschwendung vor. Wird ja alles zernagt. Könnten stattdessen ne hübsche Bahre mit gleitendem Boden erfinden, eine Art Falltür mit Rutschbahn, und auf die Art dann einfach durch und runter damit. Jaja, aber dann würde gleich wieder jeder seine eigene Rutsche haben wollen. Da sind sie nun mal pingelig. Laßt mich in Heimaterde ruhn. Ein Kleckschen Lehm aus dem Heiligen Land. Nur Mutter und totgeborenesKind werden zusammen in einem Sarg beerdigt. Seh den Sinn schon ein. Ganz klar. Schutz für den Kleinen so lange wie möglich, selbst in der Erde noch. Des Irländers Haus ist sein Sarg. Einbalsamieren in Katakomben, Mumien, derselbe Gedanke. Mr. Bloom stand weit hinten, den Hut in der Hand, und zählte die baren Häupter. Zwölf. Ich bin die dreizehn. Nein. Der Kerl da im Macintosh ists. Todeszahl. Wo zum Teufel ist der plötzlich hergekommen? In der Kapelle war er noch nicht, das kann ich beschwören. Blödsinniger Aberglaube, das mit der dreizehn.

James Joyce
Ulysses

Thomas Mann: Buddenbrooks

»Tom, Vater, Großvater und die Anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht mehr. Ach, es ist so hart und traurig!«

Der erste und bis heute zu Recht beliebteste Roman Thomas Manns. Erzählt wird die Geschichte einer Lübecker Kaufmannsfamilie über gut 40 Jahre hin, beginnend mit Jahr 1835 als die Familie ein neues Haus bezieht, was sich rückblickend als der tatsächliche Höhepunkt ihrer geschäftlichen Stellung erweisen soll. Ganz im Sinne des Untertitels „Verfall einer Familie“ erweisen sich alle späteren Erfolge als Scheinsiege, die nur für eine Weile noch den wahren Status der Familie überdecken. Die scheidende Generation des alten Johann Buddenbrook blickt mit rationalem Kopfschütteln auf die religiöse Euphorie der romantischen Generation seines Sohnes Jean; die Generation der Enkelkinder Thomas, Christian und Antonie wird nicht nur in geistiger Orientierungslosigkeit heranwachsen, sie wird auch – in unterschiedlicher Weise – unter ihrem zu empfindlichen Nervenkostüm zu leiden haben. Die Geschichte der Familie vollendet sich in Thomas Sohn Hanno, einer überfeinerten Künstlernatur, die nicht mehr in der Lage ist, den zum Leben nötigen Willen aufzubringen und sich dem Typhus ergibt und aus dem Leben entkommt.

Bricht man das Buch auf diese Struktur herunter, kann man den Verdacht entwickeln, dass es zu konstruiert sei, um gelingen zu können; Thomas Mann versteht es jedoch, dieses Skelett des Romans mit einer solchen Fülle von zeitspezifischen und – man entschuldige – allgemein menschlichen Details anzureichern, dass die Konstruktion tatsächlich als Skelett eines organischen Ganzen zurücktritt. Je weiter die Erzählung fortschreitet, desto mehr verschiebt Mann den Fokus der Erzählung vom Gesellschaftsroman hin zur Familiengeschichte, was in einer nahezu eigenständigen, in sich geschlossenen Geschichte des Schülers Hanno gipfelt, dessen früher Tod auch den Abschluss des Familienromans bildet.

Für einen so jungen Autor – Mann war erst 21 Jahre alt, als er den Roman begann – weist das Werk nicht nur einen ungewöhnlich stimmigen und detaillierten historischen Hintergrund auf, er belegt auch Manns differenziertes sprachliches Vermögen und außergewöhnliches erzählerisches Gespür. Zusammen mit dem zu dieser Zeit offenbar noch bestehenden Vertrauen in den Stoff seiner Erzählung macht diese Melange »Buddenbrooks« zu Manns eingängigstem und populärstem Roman.

Ich habe an anderer Stelle schon einmal meine wechselvolle Lektüre-Geschichte mit Thomas Manns Schriften angedeutet. Meine jetzige, wohl fünfte Lektüre von »Buddenbrooks« war die bislang genussvollste und zugleich entspannteste. Kritik an Werk oder Autor erschien mir diesmal als überflüssig oder kleinlich angesichts dessen, was hier gelungen ist. Einer der großen Romane der deutschen Literatur, als sie noch ganz und gar unberührt zu sein schien von den Zweifeln des 20. Jahrhunderts.

Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Bd. 1.1. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2002. Leinen, Fadenheftung, 843 Seiten. 78,– €.

Zum Tod von Philip Roth

(Thus, with only a moment’s more insanity on his part—a moment of insane excitement—he throws everything into his bag—except the unread manuscript and the used Lonoff books—and gets out as fast as he can. How can he not [as he likes to say]? He disintegrates. She’s on her way and he leaves. Gone for good.)

Philip Roth
Exit Ghost

Laurence Sterne: Werke und Briefe

Man ist überfordert darin, Bücher zu schreiben und auch noch Köpfe zu finden, die sie verstehen.

Der Übersetzer Michael Walter hat seine Arbeit an den Schriften Laurence Sternes fortgesetzt, so dass im 250. Todesjahr zum ersten Mal so etwas wie eine Werkausgabe Sternes auf Deutsch vorliegt. Die leichte Einschränkung ergibt sich daraus, dass ein um­fäng­li­cher Teil der Werke Sternes, seine Predigten, zwar auf Deutsch vorliegen – zuletzt 1921 bei Georg Müller –, den deutsch­spra­chi­gen Lesern aber offenbar nicht mehr zugemutet werden sollen. Sozusagen zum Ausgleich liefert die Ausgabe alle bekannten Briefe Sternes in deutscher Übersetzung.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, hat Sterne nur gut acht Jahre als Schriftsteller im eigentlichen Sinne gearbeitet und im Grunde nur zwei fragmentarische Werke hinterlassen: Zum einen neun Bände des „Tristram Shandy“, der seinen Ruhm als Schriftsteller begründete, zum anderen die beiden Bände der „Empfindsamen Reise“, die nur die erste Hälfte des geplanten Umfangs enthalten. Der Erfolg des späteren Werks gründet sich hauptsächlich auf den sensationellen Erfolg des früheren, das seinen Autor im Jahr 1759 praktisch über Nacht zu einem Star der besseren Gesellschaft Londons gemacht hatte. Sterne war ein skrupelloser Promoter seiner selbst, der im Erfolg seines Romans mit Recht seine einzige Chance auf finanzielle Un­ab­hän­gig­keit erkannte. Dementsprechend sollte er bis zu seinem Lebensende nicht aus den Schulden hinauskommen. Das Hauptwerk des „Tristram Shandy“ füllt denn auch den ersten Band der Ausgabe.

Um weitere Werke im eigentlichen Sinne ist es, außer den durchaus zahlreichen Predigten, etwas dünn bestellt. Es existiert eine politische Satire, die sich mit klerikalem Ämterklüngel in York aus­ein­an­der­setzt, ein „Fragment in Rabelais’scher Manier“ (eine offensichtliche Handübung zum „Tristram Shandy“), das nach fünf Seiten ab­ge­bro­chen wurde, zwei Gedichtlein, eine Sammlung von Briefen an die späte Geliebte Eliza, die bereits von den Zeitgenossen mehr aus Not zum postumen Werk erklärt worden ist, und schließlich noch ein Journal für eben dieselbe Geliebte, das Sterne als Ersatz für die Fortsetzung seiner Briefe geführt hat, als sich Elizabeth Draper  auf einem Schiff in Richtung auf ihren in Indien lebenden Ehemann befand. Diese ärmliche Ansammlung von Werken bildet zusammen mit der „Empfindsamen Reise“ den Inhalt des zweiten Bandes dieser Ausgabe; die Herausgeber trifft kein Vorwurf: Sieht man von dem Korpus der Predigten ab, gibt es einfach nicht mehr.

Die Waltersche Übersetzung der „Empfindsamen Reise“ ist seit ihrem Erscheinen 2010 noch einmal gründlich überarbeitet worden, wobei ich anhand vorgenommener Stichproben keine eindeutige Tendenz der Überarbeitung habe erkennen können: An zahlreichen Stellen erscheint er jüngere Text straffer und kürzer, an wieder anderen zeigt er eine stärkere Neigung zu einem historischen Sprachstand. Es mag am Ende eine Ge­schmacks­fra­ge bleiben, welche der Fassungen man vorzieht. Auf einen Vergleich des „Tristram Shandy“ habe ich verzichtet, da ich mir – bei allem Respekt vor Walters Können und seiner Ausdauer – nicht noch eine Ausgabe der Walterschen Übersetzung antun wollte.

Den Omphalos der Ausgabe aber bildet der Briefband, der, wie schon gesagt, alle derzeit bekannten Briefe Sternes enthält. Diese Briefe bilden die Hauptquelle für die Biographie Sternes. Naturgemäß ist der Anteil der erhaltenen Briefe für seine letzten Lebensjahre deutlich höher, wenn auch immer noch nicht so, dass man daraus tatsächlich ein einigermaßen geschlossenes Bild des Lebens Sternes entnehmen kann. Auch ist Sterne zu selbstverliebt und stets auf die Inszenierung seiner eigenen Bedeutsamkeit und Witzigkeit aus, dass ein Ge­gen­ge­wicht nicht dringend nötig wäre. Aber man muss eben mit dem arbeiten, was man in die Hände bekommt. Walters Übersetzung ist einmal mehr ein Genuss, da er es versteht, dem deutschen Text eine so altertümlich elegante Anmutung zu geben, dass man an einigen Stellen tatsächlich den Ton der Sterneschen Originale zu hören glaubt.

Die Kommentare des Briefbandes, die sich in der Hauptsache am Fuß der einzelnen Briefe befinden, gehen wohl zu einem bedeutenden Umfang auf die englische, sogenannte Florida-Ausgabe der Werke und Briefe Sternes zurück. Es ist zum einen ganz erstaunlich, welche der von Sterne mit Briefen bedachten oder in ihnen erwähnten Personen identifiziert und mit Informationen zu Leben und ge­sell­schaft­li­cher Stellung und Bedeutung für Sterne versehen werden konnten; mindestens ebenso erstaunlich ist die Anzahl der Personen, zu denen man nichts weiß oder deren Identität nur erraten werden kann. Dabei entwickeln diese Kommentare durchaus ihren ganz eigenen Humor; zum Ausgleich wird die Bibel an den meisten Stellen in der Fassung der Luther-Übersetzung von 1545 zitiert, an anderen wieder in einer späteren Fassung (ich vermute eine des 18. Jahr­hun­derts, war aber zu faul, sie zu identifizieren), was vielleicht auch ein Ausdruck von Humor ist. Zudem weist der Briefband eine erstaunliche Anzahl von Druck- und Sachfehlern auf, lässt also noch einigen Raum für eine verbesserte zweite Auflage – aber das ist vielleicht schon eine zu optimistische Sicht der Dinge in Sachen Sterne.

Laurence Sterne: Werke und Briefe in drei Bänden. Übersetzt von Michael Walter. Berlin: Galiani, 2018. Pappbände, Fadenheftung, Lesebändchen. 1885 Seiten. 98,– €. Alle drei Bände sind auch einzeln erhältlich.

Allen Lesern ins Stammbuch (107)

Das gleiche trifft auf Handkes berühmte Reizwörter zu. Sie bringen jenen Teil des Publikums in Rage, der sich von ihnen in Rage bringen läßt. Dieses Publikum wird nicht über das Reizwort an sich, sondern mit Recht dadurch zornig, weil es das Reizwort von einem Schauspieler auf der Bühne hört. Indem der Schauspieler das Reizwort auf der Bühne spricht, ahmt er einen Provokateur nach, der das Publikum zornig machen will, was ihm erfreulicherweise bei jenem Publikum gelingt, das noch naiv mitgeht – dieses Publikum ist immer noch das dankbarste –, während jenes Publikum, das sich durch die Reizwörter nicht in Rage bringen läßt, sich auch mit Recht nicht in Rage bringen läßt, weil es nicht so naiv ist, zu glauben, die Schauspieler, die es in Rage bringen wollen, seien wirkliche Provokateure. Dieses Publikum müßte, um in Rage zu kommen, jenes Publikum nachahmen, das in Rage kommt, das heißt, die Zuschauer, die nicht in Rage kommen, müssen die Rolle spielen, die ihnen Handke zuschreibt, um in Rage zu kommen; sie müssen die Spießer nachahmen, die sie nicht sind, weil sie nicht in Rage kommen, eine Rolle, die ihnen jedoch nicht liegt, weil sie keine Spießer sein wollen, weshalb sie denn auch klatschen: bei Handke klatschen alle, die nicht Spießer sind oder nicht Spießer sein wollen. Hat sich das einmal herumgesprochen, klatscht alles.

Friedrich Dürrenmatt
Sätze über das Theater

Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburgermonarchie

So begannen mehr oder minder alle ein Doppelspiel.

Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges mit zwei Schwerpunkten: zum einen Österreich im allgemeinen, zum anderen die Folgen des Krieges für den Vielvölkerstaat im speziellen. Trotz ihrer Spezialisierung kommt auch Leidingers Darstellung nicht darum herum, ab ovo anzufangen und die Vorgeschichte und Entwicklungen hin zum Ersten Weltkrieg nochmals nachzuerzählen. Dabei ist allerdings einer der drei Einstiege Leidingers ins Thema originell und reizvoll, der in einer knappen, aber präzisen Durchleuchtung von Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ als Quelle für das Kakanien vor dem Ausbruch der Katastrophe besteht. Ich habe im Weiteren dann Joseph Roth, Karl Kraus oder auch Franz Kafka vermisst, aber man kann nicht alles haben; auch das wenige, was Leidinger zu Trakl zu sagen hat, ist leider eher banal.

Immerhin kommt Leidinger in der Mitte des Buches zum Tod Kaiser Franz Joseph I. und damit zum konkreten Anfang vom Ende, so dass sich die zweite Hälfte den politischen und gesellschaftlichen Wirren der beiden letzten Kriegsjahre und dem oben schon zitierten Doppelspiel aller Seiten (Ungarn, Tschechen, Polen, Serben, Russen etc. pp.) widmen kann. Nur sehr wenige scheinen bedingungslos am Habsburgerreich haben festhalten wollen, und man kann sich des Eindrucks nicht entziehen, dass dies bereits 1916 gänzlich obsoleter war. Das Streben nach nationaler Eigenständigkeit gepaart mit der Erfahrung der zweit- oder gar drittklassigen Behandlung der nichtdeutschsprachigen Völker während des Krieges entwickelt zu starke zentrifugale Kräfte, als sie das ohnehin schon brüchige Reich hätte aushalten können. Auch Leidinger findet bei allem Streben nach Objektivität keine wirksamen Gründe das Reich zusammenzuhalten.

Leidinger liefert nur wenig Militärgeschichte des Krieges; stattdessen stellt er anhand zahlreicher Einzelzeugnisse die sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Kriegsverlaufs in den unterschiedlichen sozialen Gruppen und Nationen der Monarchie dar. Dennoch (mag auch sein: deswegen) resümiert Leidinger:

Dass das Ende Österreich-Ungarns im November 1918 allerdings eher militärisch, politisch und territorial zu verstehen ist, nicht so sehr aber wirtschaftlich, sozial und noch weniger mental beziehungsweise kulturell, lässt übrigens mögliche Alternativen zu den historischen Geschehnissen erkennen. Das sechste Fazit ist daher eher eine Vermutung: Als der südafrikanische General Jan Smuts in der Schweiz geheime Friedensgespräche mit den Österreichern führte, offerierte er Londons Beistand bei der Umwandlung der Donaumonarchie in ein „wirklich liberales Reich“ und eine „wohlwollende Schutzmacht“ nach britischem Vorbild. Obwohl Smuts damit die globale Rolle des „Empires“ beschönigte, tat sich darin wenigstens langfristig die Perspektive eines zentraleuropäischen „Commonwealth“ auf.

Das „Scheitern Mitteleuropas“ und entsprechender Föderationspläne in der Zwischenkriegszeit verweist freilich auf die Schwierigkeiten, den Donauraum in der einen oder anderen Form als Einheit zu erhalten. Die Probleme waren allerdings vielfach von der Monarchie mit verursacht. Das Festhalten am Ausgleich von 1867 benachteiligte die meisten „Völker“ zugunsten der Deutschen und Magyaren im Reich. Ihre Führungsschichten sowie insbesondere der innerste Kreis der Verantwortlichen rund um den Regenten hatten schließlich auch durch das fragwürdige Krisenmanagement im Juli 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, maßgeblichen Anteil am eigenen Sturz und Bedeutungsverlust. Siebentes Fazit: Das Habsburgerreich ging vor allem auch an seinen eigenen Eliten zugrunde.

Deutlich, doch – wenn man sich einen Moment besinnt – nicht wirklich überraschend.

Eine gut geschriebene, sauber strukturierte, besonders im zweiten Teil sehr detaillierte und  informative österreichische Geschichte  des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen.

Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburgermonarchie. Innsbruck u. Wien: Haymon, 2017. Pappband, 440 Seiten. 29,90 €.

Anatol Stefanowitsch: Eine Frage der Moral

Sogar die dem Menschen unmittelbar nahegehenden Fragen wie die edle Einfachheit Griechenlands oder der Sinn der Propheten lösten sich, wenn man mit Kennern sprach, in eine unüberblickbare Vielfältigkeit von Zweifeln und Möglichkeiten auf.

Robert Musil

Anatol Stefanowitsch ist mit seinem Bremer Sprachblog einer der bekanntesten Blogger der Republik; er hat Anglistik studiert und ist heute Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der FU Berlin. In der Reihe von kleinen Büchlein der Duden-Redaktion ist gerade ein Statement von ihm zur Frage der Political Correctness erschienen, das gleich im Titel die Frage benennt, mit der sich Stefanowitsch auseinandersetzen will. Nun sind moralische Fragen in aller Regel von einer Komplexität, die nicht nur widerstreitende Antworten auf ein und die selbe Frage erlaubt, sondern seit deutlich mehr als 2500 Jahren in Theologie und Philosophie ganze Scharen von Theorien und Theorie-Ansätzen geliefert hat. Es ist daher etwas merkwürdig, dass im 21. Jahrhundert ein wissenschaftlich gebildeter Mensch versucht, auf eine moralische Frage auf weniger als 60 kleinen Seiten eine Antwort zu geben.

Dass es mit dem ethischen Wissen von Anatol Stefanowitsch nicht sehr weit her ist, findet sich auf Seite 23:

Fast jede praktische Moralphilosophie von Konfuzius bis Kant beruht mehr oder weniger direkt auf der sogenannten goldenen Regel. Als Sprachwissenschaftler und moralphilosophischer Außenseiter werde ich diesen Vorbildern folgen und es ebenso halten.

Zu Konfuzius kann ich nichts sagen, aber Kants Kategorischer Imperativ beruht weder mehr noch weniger auf der sogenannten Goldenen Regel (groß geschrieben, weil die Regel nicht goldfarben, sondern ‚Goldene Regel‘ ein Eigenname ist). Wer das Gegenteil glaubt, kennt den Kategorischen Imperativ, wenn überhaupt, nur als isolierten Satz, nicht aber seine Position innerhalb der Kantischen Ethik. Ist aber alles nicht schlimm, da im weiteren weder Konfuzius noch Kant irgendeine Rolle spielen, sondern Stefanowitsch sie ausschließlich dazu gebraucht, seiner Version der Goldenen Regel Autorität zu verleihen; und das hat sie auch dringend nötig.

Stefanowitsch erkennt rasch, dass mit der Goldenen Regel („Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“; im folgenden GR) allein kein Land zu gewinnen ist. Doch zuerst einmal stellt er fest, dass sich die GR positiv oder negativ formulieren lässt. Positive Fassungen der GR können zu Schwierigkeiten führen: Ich erinnere mich an eine Zeichnung von F. K. Waechter, die einen Mann zeigt, der auf die Kacheln eines Badezimmers eine exotische Strandlandschaft malt, während an der Tür des Bads heftig geklopft wird. Auf einem Schild im Bad liest man: „Bitte verlassen Sie das Badezimmer so, wie Sie es vorzufinden wünschen!“ Auch Stefanowitsch hegt Bedenken gegen die positive Formulierung der GR und hält die negative Formulierung für „robuster“, was wohl „weniger anfällig für gewollte und ungewollte Missverständnisse“ bedeuten soll. Seine spezifisch für sprachliche moralische Probleme formulierte GR lautet also:

Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstellt. [Auch in diesem Buch herrscht die Unsitte, vorgeblich wichtige Passagen durch halbfetten Druck herauszuheben, als könne der Leser nicht selbst entscheiden, was er für bedeutend hält.]

Nun versteht auch Stefanowitsch, dass diese Regel nicht viel taugt, wenn man sie nicht um weitere Vorschriften ergänzt, was denn einer wollen darf, und wie einer an die Stelle eines anderen kommt. Er versucht diese Probleme anekdotisch zu lösen, was naturgemäß zu kurz greift. Das eine Problem ist, dass sich der Anwender der GR mit dem jeweiligen Gegenüber identifizieren muss, damit die Anwendung nicht fehl geht. Gelingt diese Identifikation nicht („Schimpansen sind von grundsätzlich anderer Art, also kann ich gar nicht in die Lage kommen, an ihrer Stelle zu sein. Von daher ist ihre Benutzung für pharmazeutische Experimente völlig in Ordnung und kein moralisches Problem.“) scheitert die Anwendung der GR. Dies Problem der Empathie ist nicht einfach zu lösen, da etwa der Rassist gerade deshalb Rassist ist, weil er sich mit der von ihm verachteten Gruppe von Menschen nicht identifiziert. Wie der Dichter schreibt:

Den Neger? Nein, den haß’ ich nicht,
den dummen schwarzen Mohr.
Ich haß’ doch keinen Stinkemann,
wie komm’ ich mir da vor?

Das andere Problem liegt offenbar darin, wie ich jemandem vorschreibe, was er wollen darf bzw. wollen soll. Die bewährtesten Methoden, die wir dafür kennen, sind Zivilisation, Erziehung und Gruppenzwang; allen dreien haben wir im 20. Jahrhundert bei ihrem grandiosen Versagen in Sachen der Moral zuschauen dürfen. Es steht daher zu befürchten, dass die GR das eigentliche Problem der Begründung moralischen Verhaltens nur um eine Drehung der dialektischen Schraube verschiebt, und wir uns, sobald wir ernsthaft versuchen, sie anzuwenden, erst vor die eigentlichen Probleme gestellt sehen.

Lassen wir also das Problem der Identifikation moralischen Handelns bei Stefanowitsch auf sich beruhen, denn wir können uns auch ohne die GR darauf einigen, dass es unerwünscht ist, andere Menschen zu beleidigen und in ihren Gefühlen zu verletzen. Auch können wir einer allgemeinen Regel zustimmen, dass eine ethnische Gruppe selbst bestimmt, wie sie genannt werden möchte, und dass es Bezeichnungen für ethnische Gruppen gibt, deren Bedeutung aus der Geschichte des Umgangs mit dieser Gruppe mit deren Herabsetzung fest verbunden ist. Ich selbst bin ein halber „Spaghettifresser“ und weiß wenigstens annähernd, was das bedeutet. Es lässt sich unter den Wohlgesinnten darüber leicht Einigkeit erzielen; die anderen erreicht man leider weder durch Appelle an ihre Menschlichkeit noch durch Mahnung an die GR.

Und genau hier haben wir einen Punkt, der leider bei Stefanowitsch nicht vorkommt: Es kann wohl bei der Betrachtung der meisten Kulturen festgestellt werden, dass sie eine mehr oder weniger ausgeprägte Tendenz haben, sich gegen andere Gruppe abzugrenzen. Dies geschieht wohl in den meisten Fällen auch sprachlich: Für die Chinesen sind Europäer Langnasen und ob die nordamerikanische Urbevölkerung wirklich von uns als „Bleichgesichtern“ gesprochen hat, möchte ich ohne neutrale Belege lieber nicht behaupten. Ich bin ganz sicher, dass Deutsche nicht nur Krauts und Schweinefresser sind, sondern sie weltweit unter zahlreichen anderen farbigen Ausdrücken geführt werden. Weiße US-Amerikaner sind fett und dumm, Mexikaner faul und illegal eingereist … na, ich höre mal auf, bevor ich noch Ärger bekomme. Die Abgrenzung der eigenen Gruppe und die Verächtlichmachung anderer ist offensichtlich ein weltweites und durch die Geschichte konstantes Phänomen. Hier wäre, bevor man versucht, dies Phänomen als ein moralisches Problem zu behandeln, ethnologisch und psychologisch zu prüfen, ob es sich dabei nicht um ein notwendiges und unter gewissen Aspekten evolutionär nützliches Verhalten der Spezies Homo sapiens handelt. Dies öffnet ein weites Feld der Forschung, die dann von anderen Wissenschaftlern erfolgreich ignoriert werden kann.

Neben der von einer Lösung weit entfernten moralischen Frage sind da noch zumindest eine historische und eine ästhetische, die sich nicht nur untereinander, sondern auch mit der moralischen überschneiden. Was etwa ist mit Kants Ansichten über die Neger?

§. 2.
Einige Merkwürdigkeiten von der schwarzen Farbe der Menschen.

1. Die Neger werden weiß geboren außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um den Nabel, die schwarz sind. Von diesen Theilen aus zieht sich die Schwärze im ersten Monate über den ganzen Körper.
2. Wenn ein Neger sich verbrennt, so wird die Stelle weiß. Auch lange anhaltende Krankheiten machen die Neger ziemlich weiß; aber ein solcher durch Krankheit weiß gewordener Körper wird nach dem Tode noch viel schwärzer, als er es ehedeß war.
3. Die Europäer, die in dem heißen Erdgürtel wohnen, werden nach vielen Generationen nicht Neger, sondern behalten ihre europäische Gestalt und Farbe. Die Portugiesen am Capo Verde, die in 200 Jahren in Neger verwandelt sein sollen, sind Mulatten.
4. Die Neger, wenn sie sich nur nicht mit weißfarbigen Menschen vermischen, bleiben selbst in Virginien durch viele Generationen Neger.

Niemand kann einen oder zahlreiche Menschen auf der Welt daran hindern, sich durch diese Darstellung von Afrikanern zu Recht beleidigt und verletzt zu fühlen. Was sollen wir nun tun? Kants Schriften an allen Stellen, an denen das N-Wort und wahrscheinlich noch zahlreiche andere Wörter zu finden sind, ändern und damit einen historischen Stand des ethnischen Vorurteils auslöschen? Oder die entsprechenden Schriften in den bibliothekarischen Giftschrank sperren und nur noch bei berechtigtem Forschungsinteresse herausgeben? Und was geschieht mit all den Tausenden von Kopien in privaten Bücherschränken? (Nun gut, die liest keiner, aber immerhin …) Und was ist mit wirklichen Rassisten?

Diejenigen Menschen aber, die ihre Ich-Wesenheit zu wenig entwickelt hatten, die den Sonneneinwirkungen zu sehr ausgesetzt waren, sie waren wie Pflanzen: Sie setzten unter ihrer Haut zu viele kohlenstoffartige Bestandteile ab und wurden schwarz. Daher sind die Neger schwarz.

Hieße das Umschreiben solcher Schriften nicht, einen Dummkopf wie Rudolf Steiner und das gesamte Ausmaß seiner Blödheit zu verharmlosen? Und wie ist es hier um unsere wissenschaftliche Pflicht zur Wahrhaftigkeit bestellt? Wer soll und wie diese beiden Güter gegeneinander abwägen?

Und was ist mit dem Neger bei Kafka, der noch dazu aus der Zeitung zitiert ist? Und was mit all den Negern, auf die gereimt wurde:

»Wenn Sie ein Dichter sind, bin ich ein Neger.«
Das alles sagte ich dem Herrn Verleger.

Muss jetzt die deutsche Literatur großräumig durchforstet und umgeschrieben werden? All diese Probleme tauchen bei Stefanowitsch nur ganz am Rande an den Beispielen von Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ (Negerlein wurden vom Autor zu Messerwerfern geändert) und Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ (Negerkönig wird durch Eingriff des Verlags zu Südseekönig)  behandelt, bei denen sich leicht mit der Schulter zucken lässt. (Nun gut, andere zucken bei Kant mit der Schulter, als ob es bei dem alten Zausel drauf ankäme, ob da nun Neger steht oder nicht.) Aber gelöst sind alle diese Probleme, die sich ebenso um die Frage der Wahrhaftigkeit drehen wie die Frage nach politisch korrekter Sprache, nicht; nicht einmal ernsthaft in Erwägung gezogen.

Wenn wir über Moral und Wahrhaftigkeit sprechen, wie Stefanowitsch das tut, dann müssen wir es auch moralisch und wahrhaftig tun. Und das beginnt wahrscheinlich mit dem Eingeständnis, dass man auf 63 kleinen Seiten die Komplexität des gesamten Feldes nicht einmal ankratzen kann. Anatol Stefanowitsch ist herzlich und aufrichtig zuzustimmen, dass man all diejenigen, die anders genannt werden wollen, unbedingt und jederzeit so nennen soll, wie sie sich das wünschen. Niemand soll beleidigt und verletzt werden, wenn es sich irgend vermeiden lässt. Aber wir wollen auch nicht die Geschichte unserer und der meisten anderen Kulturen umschreiben, weil eine bestimmte ethnische Gruppe berechtigte Einwände gegen ihre Darstellung in dieser Geschichte vorbringen kann. Hier setzten die Verpflichtungen der Erziehung, der Zivilisation und des Gruppenzwangs ein, zu denen ja oben schon eine grundsätzliche Einschätzung abgegeben wurde.

In guter Absicht leider reichlich zu kurz gesprungen.

Anatol Stefanowitsch: Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Dudenverlag, 2018. Broschur, 63 Seiten. 8,– €.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey

Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.

Kurt Tucholsky

Am 18. März vor 250 Jahren starb mit Laurence Sterne einer der bekanntesten, einflussreichsten und umstrittensten Schriftsteller seiner Zeit. Er ist nur 54 Jahre alt geworden, von denen er nur die letzten gut 8 Jahre als Schriftsteller bekannt war. In dieser Zeit machte er eine glanzvolle Karriere, die er selbst geschickt anzuheizen verstand, mit zwei Romanen, die die zeitgenössischen literarischen und sittlichen Grenzen mit Humor und  Geschicklichkeit austesteten. Wie groß der Erfolg seiner Bücher war, lässt sich auch daran messen, wie umgehend sie in andere europäische Sprachen übersetzt wurden: Zum Ende seines Lebens hin wartete man etwa in Deutschland so dringend auf den neuen Sterne, dass die Bücher immer schon im Erscheinungsjahr der Originale auch auf Deutsch vorlagen. Und gerade in Deutschland fanden sich zahlreiche treue Epigonen seines Stils, auch solche, die es verstanden, weit über ihn hinauszukommen.

Anlässlich dieses Jubiläums ist bei Wagenbach in der hübschen SALTO-Reihe ein Essay von Hans von Trotha erschienen. Das Büchlein bemüht sich, eine Art von Hommage an Sterne zu liefern, in dem es wenigstens in Teilen vorgibt eine Sentimentale Reise von London nach Coxwold, dem letzten Wohnort Sternes in Yorkshire, zu beschreiben. Ganz im Sinne Sternes wird das alles natürlich konterkariert durch das, was dem Autor sonst noch einfällt, und das hat hier und da auch schon mal nur wenig oder gar nichts mit Sterne zu tun, liest sich aber immer nett, und wenn man vom 18. Jahrhundert, Sterne und England nur wenig weiß und es mit Wahrheit und Stil nicht so genau hält, ist das sicherlich eine nette Lektüre.

Mir ist besonders der erste Teil, in dem der Autor versucht, sich abwechselnd dumm und schlau zu stellen, erheblich auf die Nerven gegangen, nicht nur wegen seines schiefen Bildes der Aufklärung, nicht nur, weil er die Geschichte des englischen Königshauses falsch wiedergibt, nicht nur wegen seines aufgeblasenen und oft inhaltsfreien Stils, nicht nur wegen des falschen Deutschs, das ihm offenbar keiner im Verlag korrigieren konnte, nicht nur wegen seiner hohlen Pauschalisierungen, sondern besonders deswegen, weil ich trotz alledem spätestens auf jeder dritten Seite eine Kleinigkeit gefunden habe, die ich zuvor nicht wusste oder irgendwann schon wieder vergessen hatte. So gern ich das Buch zugeklappt und weggelegt hätte, immer war ich zu neugierig, was mich um die Ecke der nächsten Seite erwartet. Und auch das ist sternesch im besten Sinne.

Ein im Kern schöner Essay in einem schrecklich gewollten und missratenen Stil, den ich trotzdem nur empfehlen kann, besonders da er, so weit ich sehe, konkurrenzlos dasteht.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Laurence Sterne in Shandy Hall. Berlin: Wagenbach, 2018. Leinen, Fadenheftung, 140 Seiten. 17,– €.

Zur Besprechung der Sterne-Werkausgabe bei Galiani

Allen Lesern ins Stammbuch (106)

Der Triumphwagen der Zivilisation ist grausam, wie jener des Götzenbildes von Jaggernat. Begegnet er auch manchmal einem Herzen, das weniger leicht zu zermalmen ist, so ist das Hemmnis doch bald überwunden, und weiter geht der große Siegeszug. So werdet auch ihr es machen, die ihr dieses Buch in eurer weißen Hand haltet, euch im behaglichen Sessel zurücklehnt und bei euch denkt: ›Hoffentlich ist die Geschichte unterhaltend!‹ Nachdem ihr das heimliche Elend des Vaters Goriot gelesen habt, werdet ihr mit Appetit zu Mittag speisen und eure Gefühllosigkeit auf Rechnung des Autors setzen, werdet ihn der Übertreibung, der Phantasterei bezichtigen. O wißt es nur: dieses Drama ist weder eine Erfindung noch ein Roman, ›All is true‹; es ist so wahr, daß jeder bei sich selbst, in seinem eigenen Herzen vielleicht, die Grundelemente findet, aus denen es entstanden ist.

Honoré de Balzac
Vater Goriot