Jane Austen: Vernunft und Gefühl

Heute vor 200 Jahren verstarb Jane Austen nach einer kurzen, aber durchaus erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin im Alter von nur 41 Jahren. In diesem Gedenkjahr legt Manesse eine Neuübersetzung ihres ersten veröffentlichten Romans “Sense and Sensibility” (1811) vor. Zu Inhalt und literarhistorischer Einordnung des Buches ist hier an anderer Stelle schon etwas gesagt worden, das nicht wiederholt zu werden braucht.

Die Neuübersetzung von Andrea Ott liefert einen eingängigen Text für den heutigen Markt, der sich grundsätzlich durch eine geschmeidige, glatte Sprache auszeichnet. Insofern wird sie den meisten der nicht­phi­lo­lo­gischen Leserinnen Jane Austens entgegenkommen. Ott nimmt sich aber zu diesem Zweck große Freiheiten in Wortstellung und Ausdruck heraus, die ihren Text ein deutliches Stück vom Original weiter entfernen als die von mir wegen ihrer hohen Präzision geschätzte Übersetzung von Ursula und Christian Grawe. So bezeichnet Austen zum Beispiel gleich auf der ersten Seite die zweite Ehefrau Henry Dashwoods mit den Worten “by his present lady”, also gerade nicht als “his second wife”. Nun ist es sachlich natürlich nicht falsch, das mit „von seiner jetzigen Frau“ zu übersetzen, aber es trifft den Ton des Originals nicht; besser ist das von den Grawes verwendete Wort „Gemahlin“, das zwar altertümelnd daherkommen mag, der Stillage Austens aber eindeutig näher steht.

Dieses kleine Beispiel soll pars pro toto meine grundsätzliche Ein­schät­zung der Übersetzung Otts illustrieren und keine Kritik an deren Arbeit darstellen. Es gilt für alle Übersetzungen, dass sie immer nur in der Lage sind, höchstens auf einen oder zwei Aspekte des Originals scharf zu stellen. Wer einen inhaltlich korrekten und zugleich eingängigen Text lesen möchte, ist mit dieser Neuausgabe gut bedient; wer allerdings einen Text sucht, der ihm eine Vorstellung vom Stil und auch der Kantigkeit Jane Austens liefert, wird auch weiterhin zu der Ausgabe bei Reclam greifen.

Jane Austen: Vernunft und Gefühl. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Zürich: Manesse, 2017. Pappband, Lesebändchen, 412 Seiten. 26,95 €.

Henry James: Die Kostbarkeiten von Poynton

Der arme Owen ging mit offener Furcht vor dem Denken der Menschen durchs Leben: Es gab Erklärungen, die zu bekommen er sich fast ebenso scheute, wie sie zu liefern.

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die erste Hälfte der 1890er Jahre für Henry James so etwas wie eine Wendezeit dargestellt hat: Der Tod seiner Schwester Alice 1892, der Selbstmord seiner Freundin Constance Fenimore Woolson 1894 und nicht zuletzt sein Scheitern als Bühnenautor mit der Premiere von „Guy Domville“ Anfang 1895  bilden die Eckpunkte eine Krise, die zu seiner Neuerfindung als Romanautor führen. Der kleine Roman “The Spoils of Poynton” erschien 1897 und ist nach “The Other House” der zweite Roman, der Ergebnis dieser Neubesinnung war. Der Roman dürfte in Deutschland zu den unbekannteren von James gehören; Manesse legt ihn in seiner Reihe von Neuübersetzungen in einer Übertragung von Nikolaus Stingl erneut vor.

Im Mittelpunkt des Buches steht die junge Fleda Vetch, die zufällig die Bekanntschaft der vergleichsweise wohlhabenden Witwe Adela macht. Mrs. Gereth hat sich zusammen mit ihrem Mann im Herrenhaus von Poynton ein kleines, privates Museum zusammengestellt. Bei ihren jahrelangen Reisen durch Europa haben sie auf Märkten, Basaren und in Antiquariaten Schmuckstücke der europäischen Kultur erworben, die nun in Poynton eine, zumindest in den Augen der Hausherrin einmalige Sammlung bilden. An dieser Sammlung hängt denn auch ihr Herz, und sie befürchtet, dass ihr Sohn Owen, der nach seiner Hochzeit das Haus und seine Einrichtung erbt, eine Frau heiraten wird, die den Wert der Sammlung weder zu schätzen, noch zu bewahren wissen wird. Die entsprechende Kandidatin ist bereits vorhanden: Mona Brigstock, die durch die Geschmacklosigkeit der Ausstattung des elterlichen Hauses und ihre offenbare Gleichgültigkeit den Schätzen von Poynton gegenüber ausreichend als Barbarin entlarvt ist. Ganz im Gegensatz zu ihr stellt die gesellschaftlich unbedeutende Fleda Vetch in den Augen von Mrs. Gereth die ideale Schwiegertochter dar: Ästhetisch feinfühlig, emphatisch und intelligent wäre sie diejenige, der Mrs. Gereth ihre Sammlung bedenkenlos überlassen würde.

Nachdem sich Owen mit Mona verlobt hat, erweist sich einzig die Übergabe des Hauses von Poynton als Hinderungsgrund für die Hochzeit. Mrs. Gereth sollen ein kleineres Haus umziehen, das der Familie seit dem Tod eines Tante gehört, die Inneneinrichtung Poyntons aber bis auf einige wenige Stücke, die Owen ihr mitzunehmen gestatten will, zurücklassen. Zwar kommt Mrs. Gereth zwar dem Wunsch nach, das Haus zu räumen, aber sie zieht mit nahezu der kompletten Ausstattung aus Poynton aus.

In dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen Mutter und Sohn wird Fleda zur Vermittlerin zwischen den Parteien, die beide im Glauben sind, sie befinde sich wesentlich auf ihrer Seite. Fleda ist in dem Konflikt nicht ohne eigene Interessen, da sie sich in Owen verliebt hat, aber heroisch auf ihn zu verzichten gedenkt, da sie die von ihm eingegangene Verlobung auf keinen Fall stören möchte. Owen wiederum, der von Mona solange hingehalten wird, bis er die Sachen von seiner Mutter zurückbekommen hat, verliebt sich nun in Fleda, erklärt sich ihr gegenüber auch, erhält aber natürlich aus dem oben genannten ethischen Motiv heraus von ihr einen Korb. James versteht es, die Situation so zu entwickeln, dass dem Leser lange Zeit unklar bleibt, wie sich die Spannung lösen wird. Auch hier sollen die Auflösung und die abschließende Pointe nicht verraten werden.

Der Roman ist ereignisarm, dialoglastig und gerät an mehreren Stellen in gänzlich statische Sackgassen, die dennoch erzählerisch über Seiten und Seiten hinweg aufrechterhalten werden. Sein im Wesentlichen auf drei Personen beschränktes Personal (selbst Mona bildet nur eine Nebenfigur) kann den Leser dazu verführen, das ganze als eine Art soziologisches Experiment zu lesen, das die Frage stellt, was geschieht, wenn ein wirklich anständiges Mädchen mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft kollidiert.

Die Neuübersetzung wird dem anspruchsvollen Roman weitgehend gerecht, dessen Hauptproblem darin besteht, die voraussetzungsreichen und zumeist indirekt geführten Dialoge angemessen zu übersetzen, so dass sie weder unverständlich noch banal werden. Diese Gratwanderung ist gut gelungen; einzig den naiven Ton des Gentlemans Owen hätte ich mir noch deutlicher herausgearbeitet gewünscht.

Ein Roman für Henry-James-Leser und alle, die am psychologischen Realismus der Jahrhundertwende interessiert sind.

Henry James: Die Kostbarkeiten von Poynton. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Zürich: Manesse, 2017. Leinenband, Lesebändchen, 288 Seiten. 24,95 €.

Allen Lesern ins Stammbuch (98)

[…] möglicherweise sucht sich die Sprache die Schriftsteller aus, derer sie bedarf, sie bedient sich ihrer, damit diese einen kleinen Teil dessen ausdrücken, was sie ist, wenn die Sprache alles gesagt hat und schweigt, dann möchte ich doch mal wissen, wie wir leben würden.

José Saramago
Das Todesjahr des Ricardo Reis

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

O Gott! Ich werde das nie vergessen, dachte er.

Der Erstlingsroman Thomas Wolfes, 1929 erschienen, ist für heutige Leser in der Hauptsache Zeitzeugnis, zugleich aber auch Dokument für ein überbordenes Erzähltalent, das sich am Stoff des eigenen Lebens abarbeitet. Wolfes Manuskripte wurden von seinem Lektor auf ein wenigstens einigermaßen markt­ge­rech­tes Maß heruntergekürzt und so überhaupt erst für einen Verlag akzeptabel. Aber auch nach dieser Behandlung merkt man dem Buch immer noch an, dass  Wolfe einer jener Erzähler ist, denen Alles zum literarischen Stoff werden kann und die im Grunde keinerlei Rücksicht auf sich selbst, ihren Stoff oder die Leser zu nehmen verstehen. Es ist daher kein Wunder, dass man in Wolfes Nachlass tausende und abertausende Manuskriptseiten gefunden hat, aus denen die veröffentlichten Bücher quasi nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl darstellen.

Der Roman erzählt in seinen beiden Hauptteilen die Geschichte Eugene Gants, geboren im Jahr 1900 in einer kleinen Stadt in den Bergen North Carolinas, von seinem 12. bis zu seinem 19. Lebensjahr. Vorgeschaltet ist die Geschichte seines Vaters Oliver Gant, im Roman in der Regel nur mit seinem Nachnamen benannt, eines jungen Mannes, der aufgrund der Inspiration durch einen steinernen Engel den Beruf des Steinmetzen erlernt, eine erste Ehe hinter sich gebracht hat und nach deren tragischem Ende in den Alkoholismus abgerutscht ist. Gant findet sich nach einer Periode der Wanderschaft im kleinen Bergstädtchen Altamont wieder, in dem er zu seiner Überraschung eine weitere Frau findet, die ihn heiraten will: Eliza ist besessen von der Vorstellung, Wohlstand durch den Besitz von Liegenschaften zu erwerben, und heiratet ausgerechnet Gant, dem aller Immobilienbesitz zuwider ist. Das Ehepaar bekommt sieben oder acht Kinder (ich gebe zu, an irgendeiner Stelle die Übersicht verloren zu haben), von denen immerhin sechs das Erwachsenenalter erreichen. Eugene ist der Jüngste und wohl zugleich der Begabteste der Geschwister.

Während Gant auch weiterhin mit Phasen der Alkoholsucht zu kämpfen hat, eröffnet Eliza eine Pension, mit der sie wesentlich zum Unterhalt der Familie beiträgt. Wie schon gesagt, setzt die eigentliche Erzählung von Eugenes Leben erst nach knapp 200 Seiten ein: Seine Schulzeit wird ausführlich dargestellt, seine Pubertät, das Erwachen seiner Sexualität, aber auch die weiteren Schicksale seiner weitgehend dysfunktionalen Familie sind Thema des Romans. Eugene erhält eine vergleichsweise gute Ausbildung, da er aufgrund seiner Begabung die erste und einzige Privatschule Altamonts besuchen darf. Auf diese Weise mehr schlecht als recht vorbereitet, besucht er mit nur 16 Jahren die Universität und tut sich auch hier akademisch hervor. All das entfernt ihn einerseits immer weiter von seiner Familie, mit der er aber andererseits emotional in Hass und Liebe eng verbunden bleibt. So ist etwa die Beschreibung des Sterben seines Bruders Ben eine der beeindruckendsten Passagen des gesamten Buchs. Ohne dass der Roman zu einem wirklichen Abschluss gelangen könnte, endet das Buch mit dem erfolgreichen akademischen Abschluss Eugenes und seinem Entschluss, entgegen dem Wunsch seiner Mutter nicht bei einer der lokalen Zeitungen anzufangen, sondern eine akademische Karriere anzustreben.

Das Buch ist formal aufgrund der oben bereits erwähnten Neigung Wolfes zu überschwänglichem Erzählen notwendig anekdotisch geblieben; aber nicht nur stofflich, sondern auch stilistisch bietet das Buch eine erstaunliche Breite zwischen Passagen voller Lyrismen bis hin zu deutlich an Joyce’ früher Prosa geschulten, minutiösen Miniaturen sozialer Kommunikation. An manchen Stellen gerät der Text auch einfach in den Schwulst eines sich an der eigenen Sprache berauschenden Schreiberlings:

Und Eugene beobachtete den langsamen Wechsel der Jahreszeiten; er sah der stolzen Prozession der Monate zu; er sah, wie das Sommerlicht sich wie ein Strom ins Dunkle fraß; er sah den erneuten Triumph der Finsternis und wie die minutengesättigten Tage wie Fliegen heimwärts summten in den Tod.

Das geht wahrscheinlich auch eine Nummer kleiner, ohne das aufzugeben, was gemeint ist.

Sie hatten niemals miteinander geredet. Ihre Blicke begegneten sich niemals – eine große Scham, die Scham zwischen Vater und Sohn, jenes Geheimnis, das tiefer als Mutterschaft und als das Leben selbst hinabreicht, jene geheimnisvolle Scham, die den Männern die Lippen versiegelt und in ihren Herzen wohnt, hatte sie zum Verstummen gebracht.

Wolfe wenigstens scheint diese ihn verstummende Scham erfolgreich überwunden zu haben. Nun gut.

Das Buch ist ohne Frage das, was man einen großen Wurf nennt. Wolfes emotionales Erzählen, seine Leidenschaft für den Stoff und seine Hassliebe zu den Figuren, aber auch die Schonungslosigkeit seinem Protagonisten gegenüber erzeugen einen Eindruck von Wahrhaftigkeit, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Die neue Übersetzung von Irma Wehrli bietet im Gegensatz zur älteren von Hans Schiebelhuth einen sprachlich gut ausdifferenzierten deutschen Text, der der stilistischen Breite Wolfes erstmals gerecht zu werden scheint. Die Ausgabe ist durch Endnoten ausführlich kommentiert, die man, je nach eigener Vorbildung und -belastung mehr oder weniger nützlich finden wird. Die Behauptung des Nachworts, es seien „die Finessen der Intertextualität […] samt und sonders identifiziert“ worden, bliebe zwar kritisch zu prüfen, aber es ist schon eine erstaunliche Anzahl von literarischen Anspielungen festgemacht worden.

Eine intensive Lektüre, nicht ohne Schwächen, aber eben auch mit weiten Teilen, die immer noch gegen jede Kritik bestehen.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Irma Wehrli. btb 74255. München: Random House, 32011. Broschur, 785 Seiten. 14,99 €.

Francis Spufford: Neu-York

«Sagen Sie», erwiderte Smith, «halten Sie auch heute noch so wenig von Romanen?»
«Das war meine Meinung ja erst gestern, und heute ist nicht so viel geschehen, dass ich Anlass gehabt hätte, sie zu ändern. Also ja. Schmant für kleine Geister, Sir. Nahrung für all jene, denen alles schmeckt.»

Inzwischen dreifach preisgekrönter Erstlingsroman eines bereits als Sachbuch-Autor etablierten englischen Schriftstellers. Das Buch spielt vor der Kulisse des noch holländisch geprägten, aber von England beherrschten New Yorks der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier kommt am 1. November 1746 ein geheimnisvoller Engländer an, Richard Smith mit Namen, und begibt sich au­gen­blick­lich zu einem der reichen Kaufleute der Stadt, um ihm einen Wechsel über 1.000 englische Pfund zu über­rei­chen. Seiner Forderung wird mit Misstrauen begegnet, und man einigt sich darauf, auf weitere Bestätigungen der Forderung aus England zu warten und, nach deren Eintreffen, den Wechsel zu Ende Dezember 1746 einzulösen.

Die zwei Monate bis dahin werden mit einigen wilden Abenteuern Smith’ gefüllt, darunter auch erotischen, mehreren Verfolgungsjagden, Ge­fäng­nis­auf­ent­ha­lten, einem Duell und was der knalligen Episoden mehr sind. Erst ganz am Ende erfährt der Leser, was der eigentliche Auftrag ist, den Smith in Neu-York zu erledigen hat, und noch am Ender, das eines der jungen Mädchen des Romans, die Smith bis beinahe zur letzten Seite umwirbt, die vorgebliche Erzählerin des Buches sein soll. Diese letzte Wendung der Erzählform geht leider nicht auf, nicht nur weil es auch für eine unkonventionelle Frau des frühen 19. Jahrhunderts unmögliche wäre, bestimmte Passagen des Buches zu verfassen, sondern auch weil sie trotz ihrer Behauptung, Smith’ Geschichte nacherzählen zu wollen, auf weiten Strecken Stoff verarbeitet, der ihr auf keine Weise zur Kenntnis gekommen sein kann. Dies scheint daher ein Nachgedanke des Autors gewesen zu sein, nicht die ursprüngliche Konstruktion der Erzählung.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Übersetzung im Detail zu prüfen; von der am Original gelobten Nähe zur Sprache des 18. Jahrhunderts ist in der deutschen Fassung nur hier und da eine altertümelnde Schreibweise festzustellen, die aber kaum irritieren dürfte. Im Großen und Ganzen reden die Figuren wie Kunstfiguren des 20. Jahrhunderts und nicht wie Personen des 18. Jahrhunderts miteinander; ganz und gar unmöglich sowohl im Ton als auch im Stoff ist der angebliche Brief, den Smith aus dem Gefängnis an seinen Vater schreibt, der nicht nur die Briefform selbst massiv sprengt, sondern der sich auch auf keine erdenkliche Weise im Besitz der Erzählerin befinden kann.

All das macht deutlich, dass es sich um einen zwar flott erzählten, sonst aber  weitgehend gewöhnlichen Text der rezenten Unterhaltungsliteratur handelt, dessen humanitäre Pointe ebenso aufgesetzt ist wie alles andere. Zudem weist er die üblichen Schlampereien des Genres auf: Der 5. November 1746 war kein Sonntag, sondern ein Samstag (nach dem julianischen Kalender wohlgemerkt, der bis 1752 in England und den englischen Kolonien noch galt; merkwürdigerweise stimmt im letzten Drittel des Buchs die Zuordnung von Daten und Wochentagen), der Geburtstag des Königs George II wird zwei Tage zu spät gefeiert (sein Thronjubiläum fiele zwar auf einen 11., aber einen Monat früher), Smith kennt bereits 1746 Laurence Sterne als Erzähler und was der Kleinigkeiten mehr sind. Natürlich muss einen das nicht stören, aber es macht eben die Sorgfalt deutlich, die der Autor, der Übersetzer und zwei Lektorate dem Text gewidmet haben. Natürlich hat der Autor die Ausflucht, dass alle diese Fehler seiner Erzählerin zuzuschreiben sind; sinnvoller werden sie dadurch aber nicht.

Alles im allem kein schlechter Schmöker, der aber in Bezug auf den von der Kritik gezogenen Vergleich zu Fielding und Sterne erheblich zu kurz springt.

Francis Spufford: Neu-York. Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Reinbek: Rowohlt, 2017. Pappband, Lesebändchen, 396 Seiten. 19,95 €.

„Deutsche Geschichte“

Der handliche Band liefert auf knapp 300 Seiten ein Gerüst zur deutschen Geschichte vom 2. vorchristlichen Jahrhundert bis heran an die Gegenwart. Das Buch ist im Originalverlag unter dem Reihentitel „Allgemeinbildung Kompakt“ erschienen, was eine recht gute Vorstellung davon vermittelt, was der Band liefert. Die Behandlung von mehr als 2.000 Jahren in dieser knappen Form (wobei zu betonen ist, dass der Zeit nach 1815 mehr als die Hälfte des Umfangs gewidmet ist) zwingt die Autoren dazu, sich auf das wesentlichste Geschehen und die grundlegendsten Zusammenhänge zu konzentrieren. Je näher der Leser der Gegenwart kommt, desto schmerzlicher wird bewusst, wie notwendig unzureichend die Darstellung bleiben muss.

Andererseits liefert das Buch mehr oder weniger jene Informationen, die ein Abiturient idealerweise aus dem Geschichtsunterricht mit in sein Bildungsleben nehmen sollte. Es ist gut geeignet, um sich einen raschen, aber dennoch soliden Überblick über eine Zeit und ihre wesentlichen geschichtlichen Eckpunkte zu verschaffen. Die Kapitel lesen sich gut, da sie nicht aus einer blanken Auflistung von Daten, Personen und Orten bestehen, sondern in kurzen, erzählenden Absätzen eine rudimentäre, aber dennoch zusammenhängende Geschichtserzählung liefern.

Der Band ist – wie immer nur für kurze Zeit – bei der Bundeszentrale für politische Bildung für den einer Schutzgebühr gleichkommenden Preis von 1,50 € erhältlich. Für diesen Preis sollte er auf keinem Schreibtisch fehlen.

Alexander Emmerich / Kay Peter Jankrift / Bernd Kockerols / Wolfdietrich Müller: Deutsche Geschichte. Menschen, Ereignisse, Epochen. Lizenzausgabe. Schriftenreihe der bpb, Bd. 10023. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. Broschur, 296 Seiten. 1,50 €.

Aus gegebenem Anlass (XXIII) – Bloomsday

Er trug ein langes ärmelloses Gewand aus jüngst erst abgezogener Ochsenhaut, welches als loser Kilt ihm bis auf die Knie reichte, und ward dasselbe um seine Mitte gehalten von einem Gürtel aus geflochtenem Stroh und Binsen. Darunter trug er Hochländerhosen aus Hirschleder, gar roh mit Darm genähet. Seine untern Extremitäten waren von hohen Balbriggan-Halbstiefeln umschlossen, gefärbt in Flechtenpurpur, und seine Füße mit groben Stiefeln beschuht aus gepökelter Kuhhaut, welche mit der Luftröhre desselben Tieres geschnürt waren. Von seinem Gürtel hing eine Kette aus Kieseln, welche bei jeder Bewegung seiner unheilkündenden Gestalt zusammenschlugen, und es waren eingegraben auf ihnen mit roher, doch überraschender Kunst die Stammeszeichen vieler irischer Helden und Heldinnen des Altertums, Cuchulin, Conn von hundert Schlachten, Niall von den neun Geiseln, Brian von Kincora, Der Ardri Malachi, Art MacMurragh, Shane O’Neill, Pater John Murphy, Owen Roe, Patrick Sarsfield, Red Hugh O’Donnell, Red Jim MacDermott, Soggarth Eoghan O’Growney, Michael Dwyer, Francy Higgins, Henry Joy M’Cracken, Goliath, Horace Wheatley, Thomas Conneff, Peg Woffington, Der Dorf-Schmied, Captain Moonlight, Captain Boycott, Dante Alighieri, Christoph Columbus, St. Fursa, St. Brendan, Marschall MacMahon, Karl der Große, Theobald Wolfe Tone, Die Mutter der Makkabäer, Der Letzte Mohikaner, Die Rose von Kastilien, Der Mann für Galway, Der Mann der die Bank von Monte Carlo sprengte, Der Mann in der Bresche, Die Frau die es nicht tat, Benjamin Franklin, Napoleon Bonaparte, John L. Sullivan, Cleopatra, Savourneen Deelish, Julius Caesar, Paracelsus, Sir Thomas Lipton, Wilhelm Tell, Michelangelo, Hayes, Mohammed, Die Braut von Lammermoor, Peter der Einsiedler, Peter der Packer, Dunkel Rosaleen, Patrick W. Shakespeare, Brian Confuzius, Murtagh Gutenberg, Patricio Velasquez, Kapitän Nemo, Tristan und Isolde, Der erste Prince of Wales, Thomas Cook und Sohn, Der Junge Tapfere Soldat, Arrah na Pogue, Dick Turpin, Ludwig Beethoven, Die Colleen Bawn, Waddler Healy, Angus der Kuldeer, Dolly Mount, Sidney Parade, Ben Howth, Valentine Greatrakes, Adam und Eva, Arthur Wellesley, Boss Croker, Herodot, Jack der Riesentöter, Gautama Buddha, Lady Godiva, Die Lilie von Killarney, Balor mit dem Bösen Blick, Die Königin von Saba, Acky Nagle, Joe Nagle, Alessandro Volta, Jeremiah O’Donovan Rossa, Don Philip O’Sullivan Beare. Ein hingestreckter Speer aus gespitztem Granit ruhte neben ihm, indessen zu seinen Füßen ein wildes Tier aus der Rasse der Hunde lag, dessen schnarchende Atemzüge verkündeten, daß es in unruhigen Schlaf gesunken sei, eine Vermutung, bestätigt von heiserem Grollen und krampfartigen Bewegungen, welche sein Herr von Zeit zu Zeit vermittels besänftigender Schläge mit einer mächtigen, roh aus paläolithischem Gestein gefertigten Keule unterdrückte.

James Joyce
Ulysses

Allen Lesern ins Stammbuch (97)

 Ihr Deutsche kommt mir vor wie jener Mathematiker, der, nachdem er Glucks »Iphigenia in Tauris« gehört hatte, den entzückten Nachbar sanft auf die Achsel klopfte und lächelnd fragte: »Aber was ist dadurch nun bewiesen?« – Alles soll noch außer dem, was es ist, was anderes bedeuten, alles soll zu einem außerhalb liegenden Zweck führen, den man gleich vor Augen hat, ja selbst jede Lust soll zu etwas anderm werden, als zur Lust und so noch irgendeinem andern leiblichen oder moralischen Nutzen dienen, damit nach der alten Küchenregel immer das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden bleibe.

E. T. A. Hoffmann
Nachricht von den neuesten Schicksalen
des Hundes Berganza

Aus gegebenem Anlass (XXII) – Auf dem Weg in die Zukunft

Und jeder Führung ledig, rollte und rollte die Lokomotive unablässig dahin. Endlich konnte die Störrische, die Wunderliche dem Feuer ihrer Jugend nachgeben wie eine noch ungezähmte Stute, die den Händen des Hüters entkommen war und über das flache Land galoppierte. Der Kessel war mit Wasser versehen, die Kohle, mit der die Feuerbüchse gerade aufgefüllt worden war, geriet in Brand; und während der ersten halben Stunde stieg der Druck toll an, wurde die Geschwindigkeit erschreckend. Ohne Zweifel war der Oberzugführer vor Müdigkeit eingeschlafen. Die Soldaten, die noch betrunkener wurden, weil sie so zusammengepfercht waren, gerieten plötzlich in fröhliche Stimmung über diese ungestüme Fahrt und sangen lauter. Maromme wurde wie in einem Blitz durchfahren. Beim Herannahen der Signale, bei der Durchfahrt durch die Bahnhöfe ertönten keine Pfeifsignale mehr. Es war ein Geradeausgalopp, das Tier, das mit gesenktem und stummem Kopf zwischen den Hindernissen dahinschoß. Es rollte und rollte ohne Ende, durch den gellenden Lärm seines Atems gleichsam immer wahnwitziger gemacht.

In Rouen sollte Wasser genommen werden; und Entsetzen ließ den Bahnhof zu Eis erstarren, als man diesen wahnsinnigen Zug, diese Lokomotive ohne Führer und Heizer, diese Viehwagen, die mit pa­trio­tische Kehrreime brüllenden Muschkoten angefüllt waren, in einem Taumel aus Rauch und Flammen vorüberrasen sah. Sie zogen in den Krieg, und sie wollten schnellstens dort unten an den Ufern des Rheines sein. Die Bahnangestellten waren mit aufgerissenem Mund und mit fuchtelnden Armen stehengeblieben. Sofort ertönte der allgemeine Schrei: Niemals würde dieser zügellose, sich selbst überlassene Zug ungehemmt den Bahnhof von Sotteville durchfahren, der wie alle großen Bahn­be­triebs­wer­ke stets durch Rangierfahrten versperrt, mit Wagen und Lokomotiven verstopft war. Und man stürzte zum Telegraphen, man warnte. Dort konnte gerade ein Güterzug, der das Gleis besetzte, in einen Schuppen zurückgedrückt werden. Schon war in der Ferne das Rollen des entlaufenen Ungeheuers zu hören. Es war in die beiden Tunnel hin­ein­ge­stürmt, die bis nahe an Rouen heranreichen, es kam mit seinem wütenden Galopp heran wie eine ungeheure und unwiderstehliche Gewalt, die nichts mehr aufzuhalten vermochte. Und der Bahnhof von Sotteville wurde ohne Halt durchrast, es sauste mitten durch die Hindernisse, ohne irgendwo hängenzubleiben, es tauchte wieder in der Finsternis unter, in der sein Grollen nach und nach erlosch.

Aber jetzt läuteten alle Telegraphenapparate der Strecke, alle Herzen klopften bei der Nachricht von dem Geisterzug, den man soeben in Rouen und Sotteville hatte vorüberbrausen sehen. Man zitterte vor Angst: ein voraus befindlicher Schnellzug würde sicherlich eingeholt werden. Er aber, wie ein Keiler im Hochwald, setzte seinen Lauf fort, ohne auf die roten Signallichter oder die Knallkapseln zu achten. In Oissel wäre er beinahe an einer Rangierlokomotive zerschellt; Pont-de-lArche setzte er in Schrecken, denn seine Geschwindigkeit schien sich nicht zu verringern. Von neuem verschwunden, rollte und rollte er in die schwarze Nacht hinein, man wußte nicht wohin.

Was lag schon an den Opfern, die die Lokomotive unterwegs zermalmte! Fuhr sie nicht trotz allem der Zukunft entgegen, unbekümmert um das vergossene Blut? Ohne Führer inmitten der Finsternis, wie ein blindes und taubes Tier, das man in den Tod rennen ließ, rollte und rollte sie dahin, beladen mit jenem Kanonenfutter, jenen Soldaten, die schon stumpfsinnig vor Müdigkeit und betrunken waren und die sangen.

Émile Zola
Das Tier im Menschen

Nikolaus Wachsmann: KL

Die überwiegende Mehrheit der bis zu sechs Millionen Juden, die unter dem NS-Regime ermordet wurden, kam anderswo um, erschossen in Gräben und Feldern irgendwo in Osteuropa oder vergast in besonderen Vernichtungslagern wie Treblinka, die getrennt von den KL operierten.

Nikolaus Wachsmann hat eine zugleich minutiöse und umfassende Geschichte der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Konzentrationslager geschrieben. Er verwendet zur Bezeichnung dieser Lager nicht die heute geläufige Ab­kür­zung KZ, sondern die von der Verwaltung des Mordens benutzte: KL. Seine Darstellung beginnt mit den nach der Machtübernahme durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in allen Teilen Deutschlands unorganisiert und illegal entstandenen Lager, die der Schutzhaft, sprich: der rechtswidrigen, polizeilichen Inhaftierung politischer Gegner dienten, zeigt dann Organisation, Ausbau und Aufbau der Verwaltung der Lager, deren Übergang in die alleinige Verantwortung der SS, die für die Bewachung und den Betrieb der KL einen eigenen Truppenteil – die Totenkopfverbände – begründete, die Kommerzialisierung dieser Ungeheuerlichkeit unter der Führung Heinrich Himmlers und schließlich die unvorstellbare Pervertierung dieser Per­ver­sion nach Ausbruch des Krieges und ihre unbegrenzte Verhöllung, nachdem der Krieg mit der Sowjetunion begonnen hatte.

Ich betrachte mich selbst als einen Leser, der emotional nicht leicht durch die Schilderung von Verbrechen oder gar Morden zu beeindrucken ist. Dieses Buch allerdings hat meine Grenze deutlich überschritten. Es ist eine sich immer wiederholende, sich bei jeder Wiederholung un­glaub­li­cher­wei­se immer noch einmal steigernde Schilderung von Schrecken, von denen wir alle natürlich in einem abstrakten Sinne Kenntnis haben, die aber hier in einer Verdichtung vorgeführt werden, die das Buch für seine Leser nur schwer erträglich macht. Ich will mir nicht realistisch vorstellen, wie es gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Dabei verliert die Dar­stel­lung an keiner Stelle ihre historische Objektivität; wahrscheinlich ist es diese Position, die das Schreiben und Lesen eines solchen Buches überhaupt nur möglich macht.

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Die Objektivität der Darstellung wird nicht dadurch erkauft, dass sich der Autor von den geschilderten Schrecken distanzieren würde oder auch nur könnte; im Gegenteil trägt er dafür Sorge, dass nahezu alle der allgemeinen Schilderungen des unsäglichen Schreckens durch konkrete Einzelschicksale illustriert werden. Nie weicht der Autor aus, nie erlaubt er es dem Leser sich in eine Distanz vom Geschehen zu­rück­zu­ziehen, in der ihn das alles nur so weit angeht, wie für ihn etwa der Einfall der Mongolen in Europa relevant ist. Das Buch ist fürchterlich und notwendig, seine Lektüre für all die eine beinahe – für einige sicherlich auch tatsächlich – unerträgliche Pflicht, die das 20. Jahrhundert verstehen möchten, was der Mensch ist und was aus ihm werden kann und wahrscheinlich auch, was uns noch bevorsteht.

Vermutlich die wichtigste Lektüre in diesem Jahr!

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, 2016. Pappband, 1016 Seiten. 39,99 €.