Stendhal: Die Kartause von Parma

Schluß damit! immer diese Romane!

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis ich schließlich doch soweit in diesen Roman hineingefunden habe, dass ich ihm bis zum Ende gefolgt bin. Der jetzige Anstoß, es noch einmal zu versuchen, war die erneute Beschäftigung mit Balzac, und nun scheine ich endlich erwachsen genug zu sein, um auch diesen Roman lesen zu können.

Erzählt wird die Geschichte Fabrizio del Dongos, 1798 in Mailand geboren (mutmaßlich außerehelich gezeugt durch einen französischen Besatzungsoffizier), der unter der Aufsicht seiner Mutter und Tante zumeist im Stammschloss der del Dongos am Comer See aufwächst. Fabrizio wird zu einem außergewöhnlich hübschen, idealistischen jungen Mann, der 1815 nach Frankreich aufbricht, um dem von ihm verehrten, seinem Vater verhassten Napoleon Schützenhilfe zu leisten. Er folgt ihm entgegen erheblicher Widerstände bis Waterloo, nimmt auch irgendwie an der Schlacht teil, ohne sich nachher klar darüber werden zu können, ob er denn tatsächlich auch gekämpft habe. Nach weiteren Verwicklungen – Fabrizio wird bei der Auseinandersetzung mit einem französischen Husaren verletzt – gelangt er letztendlich wieder nach Mailand, wo er allerdings inzwischen aufgrund einer Denunziation durch seinen älteren Bruder als Hochverräter gesucht wird.

Zu Fabrizios Glück ist seine Tante Gina, die ein bisschen zu sehr in ihn verliebt ist, derweil in der Welt herum- und heraufgekommen. Sie ist mittlerweile die verwitwete Gräfin Pietranera (leider hat ihr ihr Ehemann nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen) und hat beim Besuch der Mailänder Oper mit einem Grafen Mosca angebandelt, der in Parma Polizei- und sonstiger Minister ist. Graf Mosca, der selbst noch verheiratet ist (jedoch spielt diese Tatsache im Roman kaum eine Rolle) installiert Gina durch eine Alibi-Hochzeit mit einem stets abwesenden alten Herzog in dessen Palazzo in Parma als seine Geliebte. In Parma regiert Ernesto IV., ein reaktionärer und paranoider Despot, bei dem Graf Mosca binnen Kurzem zum Ersten Minister aufsteigt. Gina und Mosca beschließen, dass Fabrizio Erzbischof von Parma werden soll (eine Art von Familientradition) und schicken ihn für drei Jahre zum Theologiestudium nach Neapel.

Im Jahr 1821 kommt Fabrizio dann nach Parma und stellt sich dort den oberen 100 und auch dem Erzbischof vor, der ihn sofort ins Herz schließt und ihm eine Stelle mit der Aussicht verpasst, bald zu seiner rechten Hand und designiertem Nachfolger zu werden. Leider hat sich Fabrizio, der sich für unfähig zu wahrer Liebe hält, in Neapel eine Neigung zu sexuellen Affären zugezogen. So verliebt er sich in Parma augenblicklich in die Schauspielerin Marietta, die allerdings bereits über einen eifersüchtigen Liebhaber verfügt. Mosca, der trotz eigener Eifersucht auf Fabrizio, der von seiner Tante Gina zu offensichtlich angehimmelt wird, eine väterliche Hand über den jungen Mann hält, verbannt die Schauspieltruppe aus Parma, nur um damit ungewollt eine Zufallsbegegnung zwischen Fabrizio und den Schauspielern zu provozieren. Bei dieser Begegnung greift der Liebhaber Mariettas Fabrizio an und wird von ihm getötet. Diese Notwehr wird in Parma als Mord ausgeschrien, und die politischen Gegner Moscas hoffen, darüber ihn und seine geliebte Herzogin zu Fall bringen zu können.

Warum sollte den Erzähler, der getreu den kleinsten Einzelheiten, der ihm überlieferten Geschichte folgt, irgendeine Schuld treffen? Ist es sein Fehler, wenn die Figuren, von Leidenschaften verführt, die er zu seinem Unglück nicht teilt, zutiefst unmoralische Handlungen begehen? Freilich geschehen Dinge dieser Art nicht mehr in einem Land, in dem die einzige Leidenschaft, die alle anderen überlebt hat, das Geld ist, ein Werkzeug der Eitelkeit.

S. 147 f.

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Roman als ein etwas eindimensional geratener Entwicklungsroman lesen, doch erweist es sich nun, dass der Autor für den zweiten Teil etwas vollständig anderes im Sinn hat: Fabrizio flieht vor der Verfolgung durch die Sbirren Parmas über Ferrara nach Bologna, wo er von der Herzogin Gina mit Geld versorgt wird. In Parma wütetet der Kampf um seine Verurteilung in Abwesenheit als Mörder, der schließlich darin gipfelt, dass Fabrizio mittels gefälschter Briefe der Herzogin in eine Falle gelockt und verhaftet wird. Man bringt ihn in die Zitadelle Parmas, das Gefängnis für Staatsverbrecher, aus dem eine Flucht aussichtslos erscheint. Aber Fabrizio gelingt es auch unter diesen Umständen, einer Frau den Kopf zu verdrehen: die Tochter des Gouverneurs der Zitadelle, Clelia verfällt seinem Liebreiz und wird zu einem maßgeblichen Instrument in den Fluchtplänen, die die Herzogin Gina schmiedet. Um Fabrizio vor einer drohenden Vergiftung zu retten, schmuggelt sie unter den unwahrscheinlichsten Umständen Seile in die Zitadelle, mit deren Hilfe sich Fabrizio tatsächlich aus der Gefangenschaft retten kann.

Von seiner Tante in ein Dorf im Piemont gebracht, erlebt Fabrizio die nun folgenden politischen Umstürze in Parma nicht mit: Der alte Fürst stirbt, und sein Tod wird Anlass zu einem Volksaufstand, der von dem Arzt und Dichter Ferrante Palla angeführt wird, der wiederum von der Herzogin in die Pläne zur Befreiung Fabrizios eingeweiht und mit Geld ausgestattet wurde. Es erweist sich, dass zumindest ein Teil dieses Geldes zur Finanzierung des Aufstandes verwendet wurde. Nach dem Umsturz wird die Herzogin zur Oberhofmeisterin der Fürstinmutter berufen und Mosca bleibt an der Spitze der Regierung unter dem neuen Fürsten Ernesto V. Doch bleibt beider Position prekär, da sie zum einen weiterhin versuchen, Fabrizio rehabilitieren zu lassen, zum anderen fürchten müssen, dass der geflohene Palla gefasst wird und sie als Unterstützer des Aufstandes benennt. Hinzu kommt, dass sich nun auch noch Ernesto V. in die Herzogin verkuckt und von ihr eine Nacht in seinem Bett fordert, um Fabrizio einen gerechten Prozess mit Freispruch zu garantieren.

Alles geht sich aus, aber die Hauptfiguren bleiben beschädigt zurück: Die Herzogin hat sich zur Rettung Fabrizios prostituiert und flieht nach Bologna, Fabrizio wird zwar die rechte Hand des Bischofs, leidet aber unter seiner aufrichtigen Liebe zur verheirateten Clelia und vice versa, Graf Mosca heiratet zwar die Herzogin, muss aber zeitweilig seinen Posten in Parma aufgeben und sich mit seiner Gattin in bescheidene Verhältnisse fügen. Schließlich überspringt Stendhal drei Jahre um ein Resümee zu ziehen: Clelia hat einen außerehelich gezeugten Sohn von Fabrizio, Mosca ist wieder Erster Minister in Parma, Fabrizio ist Bischof und hat sogar nach dem Tod seines älteren Bruders das Familienvermögen geerbt. Die titelgebende Kartause von Parma kommt überhaupt erst auf der letzten Seite vor als Zufluchtsort Fabrizios, nachdem sein Sohn und seine geliebte Clelia verstorben sind. Aber auch er ist da schon dem Tode geweiht und auch die Herzogin überlebt die letzte Seite des Romans nicht.

Bei mir hat besonders der zweite Teil des Romans (Buch II setzt ein, als die politischen Feinde Moscas versuchen, Fabrizio in Abwesenheit als Mörder verurteilen zu lassen) einen etwas schwankenden Eindruck hinterlassen, als ob der Autor sich weder sicher gewesen ist, was genau er erzählen möchte, welchen Umfang die einzelnen Passagen haben sollten und wie er zwischen einer zu banalen, den Leser langweilenden Fabel einerseits und einer zu komplexen, den Leser überfordernden Fabel andererseits den richtigen Weg zu dem angestrebten tragischen Ende finden kann. Besonders der Eindruck der Unsicherheit, was die Länge der jeweiligen Passage betrifft, wird verstärkt durch immer wieder vom Erzähler eingeflochtene Bemerkungen wie „der Leser mag dieses Gespräch endlos finden“, „vielleicht hat der Leser diese Verfahrensfragen satt“, „es würde zu lange dauern“ oder noch ganz am Schluss: „Hier bitten wir um die Erlaubnis, ohne ein weiteres Wort eine Spanne von drei Jahren zu überspringen.“

Während einerseits die Schwierigkeit der politischen Intrigen in breiten Gesprächen vorgeführt wird, die die Handlung immer nur um ein Weniges weiterführen, werden andererseits ganze Entwicklungspassagen mit einem Satz übersprungen. Bei der ersten Festungshaft Fabrizios, die mehr als drei Monate umfasst, kommt die Erzählung über Seiten hinweg nahezu vollständig zum Stillstand, da Stendhal die Fluchtvorbereitungen nur en passant, dafür aber den verbotenen Flirt zwischen Clelia und Fabrizio in unnötiger Breite behandelt. Die zweite Festungshaft Fabrizios wiederum wird ausschließlich erfunden, um in einer hoch dramatischen Szene Clelias Liebe zu Fabrizio unter Beweis stellen zu können. Auch dies hätte sich anders und mit weniger dramatischem Aufwand lösen lassen.

Überhaupt stellt sich dem Leser, der sich nicht von dem ungerechten Schicksal Fabrizios mitreißen lässt, die Frage, was dieser zweiten Teil eigentlich erzählen soll: Der Protagonist durchläuft keine weiterführende Entwicklung mehr – er wird nur zunehmend depressiver –, der reaktionäre politische Zustand Parmas ließe sich auch deutlich konziser darstellen, und falls der zweite Teil mehr als nur eine Abenteuerscharteke à la Dumas (mir ist der Anachronismus, der in dieser Charakterisierung steckt, durchaus bewusst) auf hohem Niveau mit tragischen Ausgang darstellen soll, sind die Windungen und Wendungen der Fabel unnötig kompliziert. Nimmt man zu diesem Befund nun noch hinzu, dass Stendhal den Roman in weniger als zwei Monaten niedergeschrieben bzw. diktiert hat und zudem durch seinen Verleger immer wieder gedrängt wurde, den Roman kurz zu halten, da dieser keine drei oder gar vier Bände produzieren wollte (ein Potenzial, das Balzac in dem Stoff des Romans augenblicklich erkannt hat), wird das Bild der formalen Vagheit des Buches komplett.

Stendhal hat am Ende seines zu kurzen Lebens an einer Überarbeitung des Romans gearbeitet; leider sind hiervon nur Bruchstücke erhalten, die in dem auch diesmal umfangreichen und hervorragenden Anhang zum Roman dokumentiert sind. In diesem Fall wäre es wirklich einmal interessant gewesen zu sehen, wie der Autor besonders den zweiten Teil bei einem zweiten, reflektierteren und langsameren Durchgang gestaltet hätte.

Eine insgesamt sowohl formal als auch inhaltlich interessante Lektüre. Bei der Übersetzung habe ich diesmal auf die Zuverlässigkeit Elisabeth Edls vertraut und mir nicht die Mühe gemacht, einzelne Passagen zu prüfen, weil einerseits auch sonst genug im Text los war und mir andererseits auch keine Stellen aufgefallen sind, die mich an den übersetzerischen Entscheidungen hätten zweifeln lassen.

Stendhal: Die Kartause von Parma. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 32008. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 998 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte

Da Hanser für diesen Herbst den dritten und letzten Roman Iwan Gontscharows, „Das Steilufer“ angekündigt hat, habe ich mir nun endlich die Zeit genommen, um die 2021 erschienene Neuübersetzung seines ersten Romans zu lesen. Der Roman ist 1847 zuerst gedruckt worden und war damals ein erheblicher Erfolg. Im Ausland hat er immer im Schatten von „Oblomow“ gestanden, wohl im Wesentlichen deshalb, weil seinem Protagonisten bei weitem die Originalität Oblomows mangelt.

Erzählt wird hauptsächlich die Geschichte Alexander Fjodorytsch Adujews, eines Zwanzigjährigen aus der Provinz, der in den 1820-er Jahren von seiner Mutter eher widerwillig nach Petersburg zu seinem Onkel Pjotr Iwanytsch geschickt wird, um dort in einem Ministerium als Beamter Karriere zu machen. Alexander ist ein extrem romantischer und idealistischer junger Mann – wobei der Leser nie erfährt, wie er sich diese Behinderungen zugezogen hat –, der damit nicht nur bei seinem äußerst pragmatischen und gefühlskalten Onkel auf Unverständnis, sondern auch in der Welt auf manche Enttäuschung stößt. Nachdem er von der Liebe, der Freundschaft und seinem mangelnden schriftstellerischen Erfolg enttäuscht ist, wird er eine Art Prä-Oblomow, zieht sich von der Welt aufs Sofa zurück und versumpft. Das Gegengewicht zur Überspanntheit Alexanders bildet neben dem Onkel dessen junge Frau, die als verständnisvolle mütterliche Freundin immer wieder versucht, einen Ausgleich zwischen den beiden Antagonisten herzustellen.

Der Roman exzelliert darin, die gesamte dünne und vorhersehbare Handlung in ausführlichsten und umständlichsten Gesprächen auszubreiten und durchzudeklinieren. Während dieses systematische Aneinandervorbeireden für eine Weile noch ganz witzig ist, ermüdet es den Leser schließlich doch, so dass ich eingestehen muss, besonders im zweiten Teil des Buches das eine oder andere Gespräch eher quergelesen zu haben. Was von wem gesagt wird, ist ohnehin klar und nur eine bestätigende, an einem neuen Fall erneut demonstrierte Wiederholung des bereits Gesagten.

Alles geht jedenfalls gut aus: Nach acht Jahren kehrt Alexander zu seiner Mutter aufs Land zurück, wo er über einige Jahre hinweg heilt. Als nun gestärkter, pragmatischer Mitdreißiger taucht er erneut in Petersburg auf, heiratet eine wohlhabende junge Frau, erhält endlich die Zustimmung seines pragmatischen Onkels und wird ein braver russischer Bürger wie tausende mehr. Es darf stark vermutet werden, dass Gontscharow in diesem Buch wenigstens zum Teil seine eigene Entzauberung zu einem nützlichen Mitglied der russischen Gesellschaft verarbeitet hat. Nur über sein eigenes schriftstellerisches Talent dürfte er vielleicht anderer Meinung geblieben sein.

Für den heutigen Leser nicht ohne Längen, literarhistorisch als ein Baustein in der Entwicklung etwa zu Dostojewskis Romanen hin aber nicht uninteressant.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 512 Seiten. 38,– €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Im Schatten junger Mädchenblüte

»Hast du jemals Proust gelesen?« fragte er sie.
»Ich hab’s versucht, aber er langweilt mich.«
»Er ist wirklich außergewöhnlich.«
»Möglich! Aber er ist mir zu langweilig: all diese Sophisterei! Er hat keine Gefühle, er hat nur endlose Worte über Gefühle. Ich bin diese überheblichen Mentalitäten leid.«

D. H. Lawrence

In der Welt von Madame Swann

Wir alle sind gezwungen, einige kleine Dummheiten in uns zu nähren, um die Wirklichkeit erträglich zu machen.

Der zweite Band des Zyklus setzt unmittelbar dort ein, wo der erste aufgehört hatte: Bei der Liebe des Erzählers Marcel zu Gilberte Swann. Es gelingt ihm wider Erwarten Zugang zur Familie Swann zu finden (wie zuvor schon erwähnt, stehen sich die Familien des Erzählers und der Swanns nicht mehr nahe) und ein regelmäßiger Gast bei Gilbertes Tee-Gesellschaften zu werden. Außerdem wird er trotz seinen jungen Jahren ein Mitglied des Salons von Odette Swann, die sich langsam, aber sicher in der Gesellschaft nach ober arbeitet. Auch als sich Marcel nach einer verärgerten Reaktion Gilbertes entschließt, sie nicht mehr wiedersehen zu wollen, verbleibt er im Umfeld von Madame Swann. Dort lernt er auch den von ihm hochgeschätzten Schriftsteller Bergotte persönlich kennen, dessen Person zwar in einer radikalen Widerspruch zu dem Bild steht, das sich Marcel anhand der Lektüre der Werke von ihm gemacht hat, der aber den jungen Mann schätzt und ein wichtiger Einfluss auf dem Weg Marcels zu seinem eigenen Schriftstellertum wird.

Weite Strecken dieses Teils sind gefüllt mit Reflexionen, Hoffnungen und Fantasien Marcels, die sich aus seiner Trennung von Gilberte ergeben, die immer und immer wieder gewendet und neu formuliert werden. Dagegen bleibt Marcels offensichtliches Interesse an Madame Swann von einer erzählerischen Durcharbeitung weitgehend verschont.

Ländliche Namen: Das Land

Vielleicht sind ja manche Meisterwerke unter Gähnen entstanden.

Der zweite Abschnitt dieses zweiten Buches spielt in Balbec, einem fiktiven Seebad, in das der Erzähler mit seiner Großmutter reist, um seine schwächlichen Gesundheit auf die Sprünge zu helfen. Der Erzähler hatte sich alnge schon danach gesehnt, die Kirche von Balbec zu sehen, von der er schon lange phantastische Vorstellungen hegt; abermals wird er von der Realität zuerst enttäuscht, dann aber von einem ästhetisch profunderem Geist angeleitet, das Besondere im Allgemeinen zu erkennen. Im Wesentlichen lernt der Erzähler außer drei Männern (Robert von Saint-Loup, den Baron von Charlus und den Maler Elstir) eine Gruppe junger Mädchen kennen, von denen er sich nach einigem Hin und Her in eine verliebt: Albertine. Er versucht sie zu küssen, sie klingelt nach dem Personal.

In den ästhetischen Reflexionen findet sich hier der Übergang von der Architektur – zuvor in der Hauptsache repräsentiert durch Kirchen – zur Malerei – repräsentiert durch die Figur Elstirs, einer Mischung hauptsächlich aus Whistler und Turner mit ein wenig Monet und Manet –, der, wie zuvor der Schriftsteller Bergotte, als zeitweiliger Nestor des jungen Erzählers fungiert.

Es liegt natürlich an mir, aber auch nach 1.300 Seiten kann ich mich nicht für den Erzähler interessieren. Das Buch wird ein klein wenig lebendiger, als Albertine auftritt, deren Sprache den Text wie ein frischer Wind durchweht. Aber so gleich geht es wieder über Seiten und Seiten hinweg um Ereignisse, Figuren und Gedanken, die mir vollständig gleichgültig bleiben. Wie überaus fein ziseliert, wie überaus langweilig. Es wird nun eine erhebliche Weile dauern, bevor ich den dritten Band in die Hand nehmen werde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 2: In Schatten junger Mädchenblüte. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 834 Seiten. 32,95 €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Auf dem Weg zu Swann

Es ist die Höflichkeit Prousts, dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als den Autor.

Theodor W. Adorno

Ich habe mich bislang mit dem Einstieg in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sehr schwer getan. Seit meiner Studienzeit (in der meine damalige Freundin den gesamten Zyklus in vergleichsweise kurzer Zeit komplett gelesen hat) sind mehrfache Anläufe zur Lektüre immer wieder gescheitert. Ich habe dafür zum einen der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens die Schuld gegeben, mit deren Deutsch ich mich nie recht anfreunden konnte, auch nicht nach der Überarbeitung der Übersetzung durch Luzius Keller; ich habe mich stets bemüht, aber wie der Dichter sagt: „Du hast nun die Antipathie!“ Und nun extra noch Französisch zu lernen, wäre doch ein zu fantastischer Einfall gewesen. Zum anderen bin ich immer erneut an dem mir nur schwer verdaulichen ersten Teil Combray gescheitert, dessen Handlungslosigkeit ich noch tolerieren konnte, dessen selbstverliebte Tendenz zu Klatsch und Tratsch ich aber nicht die ironische Distanz abgewinnen konnte, die Proust vermutlich dem französischen Text mitgegeben hat. Auch hier schien die Übersetzung wenigstens für mich nicht gut genug.

So habe ich es mit großer Freude gesehen, dass bei Reclam seit 2013 mit schöner Regelmäßigkeit die sieben Bände der Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer erschienen. Die ersten Kritiken waren zwar nicht gut, da die meisten Kritiker aber zugleich die mir sprachlich widrige Rechel-Mertens lobten, derweil sie Fischer schmähten, hatte ich den unbelehrten Verdacht, dass diese Kritiken wenigstens an meiner zukünftigen Lektüre würden vorbeigeschrieben sein. Und so habe ich im vergangenen Jahr sehr, sehr langsam begonnen, endlich einen Einstieg in die „Recherche“ zu finden.

Combray

Auch in mir sind viele Dinge zerstört worden, von denen ich geglaubt hatte, sie währten ewiglich, und neue haben sich aufgebaut, die neue Schmerzen und Freuden hervorbrachten, die ich damals nicht hätte erahnen können, ganz so wie mir die alten schwer verständlich geworden sind.

Dieser erste der drei Teile des ersten Bandes liefert sowohl eine poetologische Hin- als auch eine praktische Durchführung des Grundthemas Erinnerung, das den gesamten Zyklus bestimmt. Der vorerst noch namenlose Ich-Erzähler beginnt mit den halb traumhaften Bewusstseins­zuständen beim Einschlafen über der abendlichen Lektüre im Bett, in denen sein Schlafzimmer in Combray, wo er die Sommer seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seinen Eltern im Haus seiner Tante Léonie zugebracht hat, eine wiederkehrende Rolle spielt, und kommt dann zu dem berühmten Moment, als ihm der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine die Erinnerung an die gesamte Zeit in Combray zurückbringt. Die sich anschließende Darstellung dieser Erinnerungen ist, wie bereits gesagt, weitgehend handlungsfrei und kreist um zahlreiche Motive: Klatsch und Tratsch seiner Tante über die Bewohner des Städtchens, die Hypochondrie der Tante, die seit Jahren die meiste Zeit im Bett zubringt, ihre Köchin Françoise und deren Hass-Liebe zur Tante, der Nachbar Swann und seine Tochter Gilberte, die erste Verliebtheit des Erzählers, seine frühen sexuellen Sehnsüchte, seine Lektüre und sommerliches Nichtstun, Spaziergänge in der Umgebung und die damit einhergehende Naturerfahrung, die Bewunderung von Kircharchitektur und -fenstern und auch das Interesse an historischen Figuren und der Sphäre des Adels, die der Erzähler vorerst noch als einen entrückten halb historischen, halb gesellschaftlichen Hintergrund empfindet.

Nun verstehe ich auf einer abstrakten Ebene sehr wohl, warum all das so gestaltet ist, und warum es zwar beliebig erscheint, angesichts des Grundthemas aber nur so sein kann, wie es ist, aber es ist mir bei der aktuellen Lektüre auch klar geworden, dass mein hauptsächliches Problem mit Combray nicht in der Übersetzung wurzelt, sondern dass mich die Figuren zu wenig interessieren. Es wird im letzten Drittel dieses ersten Teils besser, wenn das jugendliche Ich des Erzählers soweit herangereift ist, dass erste Reflexionen zur Natur und vage sexuelle Empfindungen auftauchen, doch das Provinzielle und insbesondere das Personal Combrays ist mir zu fad. Natürlich habe ich den Verdacht, dass dieser erste Teil im Rückblick bzw. bei einem zweiten Durchgang nach der Gesamtlektüre des Zyklus einen komplett anderen Eindruck machen wird. Dennoch stellt Combray für mich eine echte Hürde beim Einstieg in den Romanzyklus dar.

Eine Liebe von Swann

»Er ist ja nicht direkt hässlich, wenn Sie so wollen, aber auf irgendeine Weise lächerlich: dieses Monokel, dieses Toupet, dieses Lächeln!«

Es dürfte bekannt sein, dass es sich bei diesem zweiten Teil des ersten Bandes um einen Roman im Roman handelt: Im Zentrum steht die erste Zeit der Verliebtheit Charles Swanns, den wir aus Combray als alten Bekannten und Nachbarn der Familie des Erzählers kennen, in die junge Odette de Crécy, mit der er in Combray verheiratet ist und eine Tochter hat. Swann selbst ist gesellschaftlich ein Wanderer zwischen den Welten, stammt aus einer reichen jüdischen Familie, verlebt sein Erbe, arbeitet als freier Kunsthistoriker und verkehrt in allen gesellschaftlichen Schichten von Paris bis zu den sogenannten höchsten. Er ist ein Frauenheld, bevorzugt normalerweise junge Frauen aus der Arbeitsschicht, verschaut sich aber in Odette, auch wenn sie eigentlich nicht seinem Frauentyp entspricht.

Um sie regelmäßig sehen zu können, beginnt er im Salon des Ehepaars Verdurin zu verkehren, das sich mit einem kleinen Kreis aus Akademikern und Künstlern umgeben hat, zu dem auch Odette eher zufällig gehört. Odette lässt sich von diversen Männern aushalten und erweist im Gegenzug wohl auch regelmäßig Liebesdienste, was Swann aber für lange Zeit zu ignorieren versteht, bis es zu einer konstanten Quelle der Eifersucht für ihn wird, als er bei Odette aus der Rolle des Favotiten herauszufallen beginnt. Weder nach seinem Bildungsstand noch seinem sonstigen gesellschaftlichen Umgang passt Swann in den Kreis der Verdurins, so dass hier ein distanziertes Portrait des Großbürgertums entsteht. Ergänzt wird dieses gesellschaftliche Bild durch einen Abend bei der Marquise von Saint-Euverte, deren Einladung Swann nur folgt, um sich von seinem Unglück mit Odette abzulenken. Dieser künstlerische Abend – es wird ein junger Pianist vorgeführt – liefert eine bitterböse, detaillierte Satire der Hautevolee.

Die Erzählung – die interessanterweise offenbar ebenfalls vom Erzähler von Combray erzählt wird, der hier quasi als auktorialer Erzähler auftreten muss – endet, ohne dass der innere Konflikt Swanns, der Odette offensichtlich weiterhin liebt und sich zugleich in seiner Eifersucht nicht von ihr lösen kann, während sie längst zu anderen Männern weitergezogen zu sein scheint, aufgelöst wird. Die Leser erfahren nicht, wie es dazu gekommen ist, dass Swann Odette geheiratet hat, was ihn in den Augen seiner Nachbarn in Combray gesellschaftlich ruiniert hat, während Swann in Paris tatsächlich auch weiterhin in den höchstens Kreisen geschätzt wird und dort verkehrt.

Ländliche Namen: Der Name

… wenn eines Tages in diesem meinem allzu wohlbekannten, geringgeschätzten Leben Gilberte die ergebene Dienerin werden würde, eine praktische und bequeme Mitarbeiterin, die mir am Abend bei der Arbeit helfen und in meine Veröffentlichungen die Seitenzahlen eintragen würde.

Der dritte Teil des Romans erzählt in der Hauptsache von der Liebe des etwa 15-jährigen Ich-Erzählers zu Gilberte Swann, die er regelmäßig zu sportlichem Spiel in den Champs-Élysées trifft, während zwischen den beiden Familien der Jugendlichen kein gesellschaftlicher Kontakt mehr besteht. Ergänzt wird dieser Hauptteil durch eine Einleitung, die dem Teil seinen Titel gibt, in dem der Erzähler von seinen frühen Fantasien um Ortsnamen herum (Balbec, Florenz, Venedig) berichtet, und einer Art von Epilog, in dem das Hauptthema Erinnerung wieder aufgenommen wird und der Erzähler einen sentimentalen Blick auf Erinnerung an die Jahre seiner Jugend wirft:

Die Wirklichkeit, die ich gekannt hatte, gab es nicht mehr. Es genügte schon, dass Madame Swann nicht völlig unverändert im gleichen Augenblick erschien, und die Avenue war eine andere. Die Stätten, die wir gekannt haben, gehören nicht allein der räumlichen Welt an, in die wir sie der Einfachheit halber einbetten. Sie waren nur ein schmales Segment inmitten der zusammenhängenden Eindrücke, die unser damaliges Leben ausmachten; die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick; und die Häuser, die Wege, die Avenuen, entfliehen, ach, wie die Jahre.

S. 584 f.

Wie schon gesagt ist dieser erste Teil der Recherche extrem handlungsarm; selbst Eine Liebe von Swann, in dem noch am ehesten so etwas wie eine traditionelle chronologische Entwicklung gefunden werden kann, ist zum Großteil gefüllt mit Reflexionen und Schilderungen innerer Zustände. Die Erzählung ist in allen Teilen sowohl inhaltlich als auch formal bewundernswert dicht, wenn auch nicht frei von Redundanzen. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Art von Innerlichkeit über alle sieben Bände des Romans tragen wird.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Auf dem Weg zu Swann. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2013. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 694 Seiten. 29,95 €.

Wird fortgesetzt …

Adalbert Stifter: Der Nachsommer

Drei starke Bände! Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Friedrich Hebbel

Von Stifter kannte ich bislang nur einige Erzählungen, die zwar etwas konstruiert, aber sonst ganz angängig zu sein schienen. Seine beiden Romane hatte ich – unter dem Vorurteil der Verrisse Arno Schmidts stehend – gemieden. Doch Ende des letzten Jahres war ich im Bücherschrank durch Zufall in die Nähe der kleinen Werkausgabe geraten und hatte, aufgrund des schlechten Gewissens wegen meines schlecht begründeten Vorbehalts, den Band mit Der Nachsommer herausgezogen und auf den Schreibtisch gelegt. Ich habe mich nun durch den ersten Band hindurchgequält und dann die Lektüre aufgegeben. Kurz gesagt: Es ist fürchterlich!

STIFTER’s ›Nachsommer‹ liest sich, zumal im Dialog der ›Gestalten‹, so steiff, als sei das Buch von einem schlechten Übersetzer, um 1850, nach einem nicht guten Original übertragen: Deine Tochter, mein Freund, hat eine schöne Stirn. (Tja, man müßte ihn tatsächlich übersetzen. Stell’n Sie sich ma vor: ›STIFTER, ›Nachsommer‹, Deutsch von Arno Schmidt‹ – capitaler Einfall; ich lach’ jetz schon!)

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. BA IV/4, S. 49

Das Ding will einen Entwicklungsroman nach Goethescher Manier vorstellen und übersteigert dabei die abstrakte Prosa des Weimarer Meisters aufs Äußerste. Beinahe alles bleibt im Allgemeinen stecken (ich gebe zu: Hier und da werden einige Blumen und Bäume konkret benannt):

Mein alter Gastfreund saß in einem Lehnsessel und erzählte. Er beschrieb eine Erscheinung, er machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es möglich war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung, oder wo dies nicht möglich war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen. Dann erzählte er, auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren. Wenn er dieses vollendet hatte, tat er das gleiche mit einer zweiten, verwandten Erscheinung. Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehörigen Erscheinungen, der ihm hinlänglich schien, ausgeführt hatte, dann hob er dasjenige, was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar.

S. 190

Wenigstens an einem einzigen konkreten Beispiel wünschte man sich diese Unterrichtsmethode vorgeführt, aber nichts dergleichen ist zu erwarten.

Der Erzähler ergeht sich in zeilenschindenden Wiederholungen, als rede er zu einer Versammlung von Deppen:

Wir stiegen gegen jene Wiese hinan, von der mir mein Gastfreund gestern gesagt hatte, daß sie die nördliche Grenze seines Besitztums sei, und daß er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern können. Der Weg führte sachte aufwärts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen Windungen ein Bächlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefaßt war, entgegen. Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter: »Das ist die Wiese, die ich Euch gestern von dem Hügel herab gezeigt habe, und von der ich gesagt habe, daß bis dahin unser Eigentum gehe, und daß ich sie nicht habe einrichten können, wie ich gewollt hätte. […]«

S. 121

Und dann der gesellige Umgang der Figuren miteinander:

Die Gespräche waren klar und ernst, und mein Gastfreund führte sie mit einer offenen Heiterkeit und Ruhe.

S. 215

Mit Inhalten oder gar verschiedenen Meinungen zu einer konkreten Sache werden wir nicht behelligt; überhaupt sind in den meisten Fällen alle Pappkameraden des Romans einer einzigen, ganz und gar vernünftigen Meinung. Dass es eine andere bei anderen geben könne, ist ihnen wohl als Möglichkeit bewusst, aber solcher Leute Erwähnung zu tun, würde eine Zumutung und Störung darstellen, die weder den Figuren noch dem Leser zugemutet werden kann.

Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in den Keller oder an andere Orte, die wichtig waren.

S. 222

Man denke nur, sie hätte sich an Orte begeben, die unwichtig waren! Der Roman wäre sogleich in Stücke gesprungen.

Mir fiel es auf, daß er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern geführt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm, und von dem aus sie vorlegte. Es mußte aber hier so eingeführt sein; denn wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu füllen, die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug.
Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das immer bisher gefehlt hätte.

S. 215

Wohlgemerkt: Die Teller wurden wirklich (!) der Reihe nach (!) mit Suppe gefüllt! Kein Wunder, dass dem Erzähler dies bislang gefehlt hatte.

Und so geht es in einem fort: Ein sinnloses Durch- und Nacheinander von überflüssigen Details und abstraktester Ungegenständlichkeit, von sinnlosestem Durch-die-Gegend-Laufen, um wenigstens so etwas wie den Anschein einer Handlung zu simulieren, und anderen bei der Arbeit zuschauen. Dann fährt man irgendwelche Nachbarn besuchen, die ebensolche Abziehbilder darstellen wie die bisherigen Figuren und die in der Hauptsache dazu dienen, einen Kontrast zu dem höchst idealen Haushalt des alten Gastfreundes zu liefern. Und das alles wird geschildert, ohne eine einzige erzählerische Mine zu verziehen, vollständig ironie- und humorfrei.

Ich habe mich aus der Literarhistorie schlau gemacht, was in den beiden nachfolgenden Bänden noch als Handlung herhalten muss; lesen muss ich das nicht. Und wahrscheinlich auch niemand sonst.

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Zürich: Ex Libris, o. J. [1978]. Lizenzausgabe der Ausgabe beim Winkler Verlag, 1949. Kunstleder, Fadenheftung, Lesebändchen, 766 Seiten Dünndruck. In dieser Ausgabe selbstverständlich nicht mehr lieferbar.

Joseph Conrad: Lord Jim (2)

Vor knapp vier Jahren habe ich Lord Jim in der Übersetzung durch Manfred Allié hier vorgestellt und das Buch, mit Ausnahme der Ausstattung, sehr gelobt. Nun hat in diesem Jahr der Hanser Verlag eine Neuübersetzung durch Michael Walter, einen der besten Übersetzer aus dem Englischen, vorgelegt. Ich habe Walters Übersetzung jetzt kursorisch gelesen und stichprobenhaft beide Übersetzungen und das Original miteinander verglichen.

Auf Manfred Allíe war ich zuerst durch seine Übersetzung von Das Herz der Finsternis gestoßen, die sich als erste Übersetzung erfolgreich darum bemühte, den Ton des englischen Originals ins Deutsche zu transportieren. Nun stellt Lord Jim andere Anforderungen an den Übersetzer, aber ich fand, auch hier hatte sich Allíe aufs Beste bewährt. Trotzdem muss ich nun zugeben, dass die Lektüre von Walters Übersetzung eine reine Freude ist. Sein Deutsch ist von einer erstaunlich schlichten Eleganz, mit nautischen Begriffen durchsetzt, so wie es sich auch bei Conrad findet; vielleicht ist die Lektüre ein wenig zu widerstandslos, wenn man es mit dem Original vergleicht, aber es ist hier ein her­aus­ra­gen­des Sprachkunstwerk gelungen. Beim Vergleich mit dem Original fällt auf, dass Walter im Zweifel immer versucht, in Struktur und Wortwahl sehr nah am Original zu bleiben. Ich würde von der Übersetzung Allíes nicht abraten, aber wer es sich leisten kann, sollte – auch weil er das unvergleichlich viel schönere und besser gemachte Buch erhält–, unbedingt zur Übersetzung von Michael Walter greifen.

Joseph Conrad: Lord Jim. Aus dem Englischen von Michael Walter. München: Hanser, 2002. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten Dünndruck. 36,– €.

John Williams: Stoner

But William Stoner knew of the world in a way that few of his younger colleagues could understand.

Ein eingängiger, etwas sentimentaler Ent­wick­lungs­ro­man, der bereits 1965 erschienen ist, aber erst in diesem Jahrhundert in den USA wieder- und in Europa entdeckt und systematisch zu einem Bestseller beworben wurde. Williams war zu Lebzeiten immerhin so erfolgreich, dass er 1972 den National Book Award for Fiction verliehen bekam, aber er konnte vom Schreiben nie leben. Stattdessen unterrichtete er, ähnlich wie der Protagonist dieses Romans, bis 1985 Englisch an der Universität Denver.

Beim Protagonisten handelt es sich um William Stoner, der von seinen als Bauern mehr schlecht als recht lebenden Eltern unter großem Verzicht an die Universität von Missouri geschickt wird, um dort Landwirtschaft zu studieren. Stoner verirrt sich aber ins Englische Seminar, beginnt mit dem Lesen von Gedichten und Romanen, die ihm anfangs erheblichen Widerstand entgegensetzen, wechselt das Studienfach und wird statt Diplom-Landwirt akademischer Lehrer für Englisch mit einem deutlichen Interessenschwerpunkt auf dem Einfluss der lateinischen Literatur auf die mittelalterliche und frühneuzeitliche Dichtung Englands. Man muss sich aber als Leser keine Sorgen machen: Nichts von dem spielt im Roman wirklich eine Rolle; Stoner hätte genauso gut eine akademische Karriere als Mathematiker machen können.

Er heiratet die erste Frau, die ihn interessiert; Edith wiederum heiratet ihn, um aus ihrem verhassten Elternhaus herauszukommen, wobei unklar bleibt, ob ihr Vater nur ein Tyrann oder ein Pädophiler ist. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Grace, die im Konflikt ihrer unglücklich verheirateten Eltern zum Spielball wird; sie wird sich wie ihre Mutter durch eine frühe, eher zufällige Heirat dem elterlichen Elend entziehen und in ihr eigenes geraten. Zusätzlich zum familiären Unglück gerät Stoners akademische Karriere ins Stocken, als er sich seinem unmittelbaren Vorgesetzten widersetzt und dessen Protegé durch eine Prüfung fallen lässt. Eine zwischenzeitliche Affäre mit einer Doktorandin bildet den emotionalen Höhepunkt in Stoners Leben, aber diese Unterbrechung des allgemeinen Unglücks kann in den späten 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht von Dauer sein. Das Buch endet so voraussehbar wie alles in ihm: Stoner stirbt an Magenkrebs, bevor er einen wohlverdienten Ruhestand antreten könnte.

Der Reiz des Romans liegt sicherlich in seinem durchweg unaufgeregten Erzählton, der recht genau auf die stoische Grundhaltung des Protagonisten abgestimmt ist, und in der Welt im kleinen Kreis, die er schildert. Sowohl der Erste als auch der Zweite Weltkrieg gehen weitgehend spurlos an Stoner vorbei (im Ersten Wertkrieg fällt allerdings einer seiner beiden einzigen Studienfreunde; ein Verlust, der ihn bis zu seinem Ende nicht loslässt), auch die technische und soziale Entwicklung der USA spielen kaum eine Rolle im Roman. Der Konkurs seiner Schwiegereltern in Folge des Börsenkrachs 1929 und der anschließende Selbstmord seines Schwiegervaters berühren Stoner genauso wenig, wie es der Tod seiner eigenen Eltern tut. Was sollen ihn da andere soziale, wirtschaftliche oder gar technische Entwicklungen interessieren; er lebt hauptsächlich in der Welt der alten englischen Literatur, die aber, wie schon erwähnt, inhaltlich im Roman ebenfalls kaum eine Rolle spielt.

Die Übersetzung von Bernhard Robben habe ich diesmal nicht angeschaut; dazu erschien mir das Buch nicht wichtig genug.

John Williams: Stoner. New York: Vintage digital, 2012. Kindle Edition. 288 Seiten. 8,99 €

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge

Er war keineswegs dumm, und er war berechnend, aber hitzig und darüber hinaus unerfahren oder, besser gesagt, naiv, das heißt, er kannte sich weder in Menschen noch in der Gesellschaft aus.

Dieser vorletzte große Roman Dostojewskijs erschien bis Ende 1875 nach vergleichsweise kurzer Planung und Niederschrift (seit Februar 1874). Es handelt sich um Dostojewskijs unverstelltesten Beitrag zur Modeform des Entwicklungsromans, wie sie in Europa im 18. und 19. Jahrhundert im Schwange war. Er erfindet zu diesem Zweck einen jungen, naiven und impulsiven Ich-Erzähler, der aus einer nicht-ehelichen, aber langjährigen Beziehung des verarmten Adeligen Andrej Petrowitsch Werssilow und einer Bedienten stammt. Rechtlich gesehen ist der Erzähler Arkadij Makarowitsch der Sohn des Ehemanns seiner Mutter, Makar Iwanowitsch Dolgorukij, dem sein leiblicher Vater die Ehefrau Sofja abgekauft hatte, nachdem er sich leidenschaftlich in sie verliebte. Werssilow hat außerdem noch zwei Kinder aus einer früheren Ehe und eine weitere uneheliche Tochter Lisaweta, deren Mutter ebenfalls Sofja ist.

Die Haupthandlung des Romans setzt ein, als Arkadij nach dem Ende seiner schulischen Ausbildung in einem kleinen Internat auf Einladung seines Vaters nach Petersburg kommt. Er lebt für eine Weile im Haushalt seiner Mutter, in dem auch seine Schwester wohnt. Tägliche Gäste der Familie sind Werssilow und Tatjana Pawlowna Prutkowa, eine Art Faktotum Werssilows und ihm seit Jahrzehnten treu verbunden. Arkadij ist im Internat aufgrund seiner Herkunft als Außenseiter aufgewachsen, schikaniert und verspottet sowohl durch den Leiter der Schule als auch durch seine Mitschüler. Aus dieser Lage heraus hat er den Lebensplan entwickelt, durch den Erwerb eines großen Vermögens – sein Vorbild ist der Bankier Rothschild – Macht und soziale Unabhängigkeit zu erlangen. Außer diesem Ziel sucht er noch nach engem Kontakt zu seinem leiblichen Vater, von dessen Charakter er in Kindheit und Jugend eine stark idealisierte Vorstellung entwickelt hat.

Der verarmte Werssilow befindet sich zu Anfang der Handlung in einem Erbschafts-Prozess gegen das Fürstenhaus Sokolskij, der sehr bald zu seinen Gunsten entschieden wird und ihn von seinen permanenten Geldnöten befreit. Doch Arkadij besitzt aufgrund seiner früheren Moskauer Kontakte zwei „Dokumente“, die beide die Familie des Fürsten Sokolskij betreffen. Das erste ist eine Willenserklärung des Erblassers zu Ungunsten von Werssilows Anspruch; dies Dokument ist zwar juristisch nicht relevant, macht Werssilows Anspruch auf die Erbschaft aber moralisch anfechtbar. Arkadij überreicht Werssilow das Dokument, nachdem der Prozess entschieden ist, was dazu führt, dass Werssilow sofort auf die komplette, gerade erst gewonnene Erbschaft verzichtet. Dieses erste Dokument ist nur vorhanden, um Arkadij in seinem Wahn zu bestärken, dass es sich bei seinem Vater um ein gänzlich selbstloses Wesen von höchster moralischer Integrität handelt.

Um das zweite Dokument herum konstruiert Dostojewskij den eigentlichen Handlungsknoten des Romans, der allerdings erst im letzten Drittel die Handlung weitgehend bestimmen wird. Es handelt sich dabei um einen Brief der einzigen Tochter des Patriarchen Fürst Nikolaj Iwanowitsch Sokolskij, der verwitweten Generalin Katerina Nikolajewna Achmakowa, die in einer zurückliegenden Familienkrise bei einem Anwalt nachgefragt hatte, unter welchen Voraussetzungen es möglich sei, ihren Vater zu entmündigen, um so zu verhindern, dass er das Familienvermögen verschleudere. (Die unwahrscheinliche Vorgeschichte, warum Arkadij im Besitz dieses Briefes ist, kann man getrost vernachlässigen.) Katerina ist nun besorgt, dass ihr Vater sie enterben werde, wenn man ihm den Brief zuspielen würde. Dieses für den Romanschluss entscheidende Dokument hätte Arkadij vernünftigerweise auf Seite 250 verbrennen sollen und Autor und Leser so die ein wenig mühsamen letzten zwei Drittel des Romans ersparen können. Aber so geht es zu im Literaturbetrieb.

Wie bereits in „Böse Geister“ füllt Dostojewskij lange Passagen des Buches mit gesellschaftlichen Intrigen, vertraulichen Gesprächen, die zu überraschend unvertraulichen Handlungen führen, belauschten Aussprachen, ausschweifenden Reflexionen seines naiven und und auch sonst nicht übermäßig hellen Erzählers, Eifersuchtsanfällen, beleidigenden Briefen, ungewollten Schwangerschaften (zugegeben: es ist nur eine), unehelichen Kindern und so weiter und so fort, um dann im letzten Viertel des Romans auf eine vorgebliche Katastrophe zuzusteuern, die aber wenigstens diesmal knapp an der Erzeugung einer Leiche vorbeikommt.

Um die Katastrophe erzählerisch überhaupt als eine solche ausgeben zu können, ist es wesentlich, dass Dostojewskij sich eine literarisch inkompetente Erzählerfigur konstruiert, wie gleich zu Anfang des Romans wiederholt betont wird. Er benötigt zum einen einen Ich-Erzähler, den er ganze Tage von Hinz zu Kunz und zurück laufen lassen kann, wobei alles Entscheidende immer an Orten passiert, an denen sich der Erzähler gerade nicht befindet und von dem er dann um- und missverständlich unterrichtet werden muss. Zum anderen kann er die wirre, zugleich retardierende und dann immer wieder vorausgreifende Erzählweise, die das Ende des Romans bestimmt und die das einzige Mittel ist, mit dem er dem faden Plot zu einiger Spannung verhelfen kann, der Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit seines Erzählers in die Schuhe schieben.

Die Abläufe im Einzelnen nachzuerzählen, lohnt nicht. Der Leser kann aber beruhigt sein, dass sich am Ende alles zum Besten findet, Arkadij zur Vernunft kommt, wahrscheinlich ein Studium aufnehmen und zu einem nützlichen Idioten werden wird und alle anderen von ihren falschen Leidenschaften und unpassenden Heiratsplänen erlöst werden. Nur Russland kann nicht erlöst werden, weil es am rechten Glauben fehlt. Ganz am Ende hängt Dostojewskij einmal mehr ein Kapitel an, indem er erklären möchte, worauf es denn im Buch eigentlich ankommt, falls irgendwer das bei all dem Hin und Her übersehen haben sollte. Man hat es eben nicht leicht, wenn man Schmonzetten mit hochgeistigem Gehalt schreibt.

Sicherlich zu Recht der am wenigsten gelesene der fünf großen Romane.

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Zürich: Ammann, 2006. Leinenband, Fadenheftung, 832 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.

Joseph Conrad: Lord Jim

Es war eine merkwürdige, melancholische Vorstellung, aus dem Halbbewussten hervorgekommen wie alle unsere Illusionen – die, vermute ich, einfach nur Bilder einer fernen, unerreichbaren Wahrheit sind, die wir nur undeutlich erkennen.

Joseph Conrad gehört zu meinen eher frühen Lektüren, als ich in Schriftstellern noch Denker vermutete und in ihren Büchern einen tieferen Sinn. Gerade hierfür ist Joseph Conrad ein nahezu idealer Kandidat, da er wohl selbst glaubte, dass allem ein geheimer Sinn innewohnt, den er nur nicht recht in Worte zu fassen, den er aber durch eigenes und nacherzähltes Raunen dem Leser anzudeuten vermochte. Insbesondere die unmittelbare Begegnung des Menschen mit den Naturgewalten, vorzüglich dem Meer in seiner Schönheit und Gefährlichkeit führen ihn zu den existentiellen Einsichten, die die Bücher durchraunen. Dabei sind attraktive, zum Teil spannende, immer gut lesbare Texte entstanden.

Lord Jim, das durch sein Erscheinungsdatum die Jahrhundertgrenze markiert, ist einer der langen Romane Joseph Conrads. Man merkt ihm seine Entwicklung aus einem wesentlich kürzeren Entwurf an, da die erzählerische Konstruktion, dass es sich bei mindestens 70 % des Romans um die Erzählung Charles Marlows an einem einzigen Abend handelt, doch sehr strapaziert wirkt. Überhaupt leidet auch dieses Buch unter der Pest des 19. Jahrhunderts, dass alles zu Ende erzählt werden muss und es deswegen mindestens 100 Seiten mehr hat, als ihm gut tut. Es ist wohl nicht falsch, das Buch in zwei Hauptteile einzuteilen, die durch Einleitung, Überleitung und Ende gerahmt sind: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Reise des Pilgerschiffs Patna, der zweite Teil mit der Karriere des Titelhelden als Eingeborenenkönig irgendwo in Südostasien. Nach einer auktorialen Einführung der Figur Jims nutzt Conrad den Wechsel zum Erzähler Marlow – den er später unter anderem auch für sein berühmtes Herz der Finsternis gebrauchen sollte – um den Leser für weitere 50 Seiten über den Ausgang der ersten Krise in Jims jungem Leben im Unklaren zu lassen.

Jim jedenfalls versagt für einen Augenblick in einer Krisensituation und wird von der Ironie des Schicksals sofort für dieses Versagen heftig niedergeschlagen: Er verliert sein gerade erst erworbenes Offizierspatent und ist in ein Leben entlang der Küste gezwungen, wo er sich für verschiedene Schiffsausstatter als Hafenagent verdingt. Immer, wenn ihn die Geschichte seiner Schande einholt, zieht er weiter nach Osten. Schließlich trifft er in Mr. Stein einen ihm geneigten Menschen, der ihm einen entlegenen Handelsposten im fiktiven Patusan anbietet, wo Jim als einer von nur zwei Weißen Karriere als eigentliche Macht vor Ort macht, sich in ein Mädchen verliebt und endlich einen kleinen Platz auf der Welt gefunden zu haben scheint, wo er seine Jugendträume von Bedeutung, Einfluss und Verantwortung ausleben kann. Natürlich muss auch hier ein Ende gefunden werden, weshalb das Buch leider in einer Art von Piratengeschichte endet, die nur als angeklebt bezeichnet werden kann.

Abstrakt betrachtet handelt es sich bei Lord Jim um eine Variation auf den im 19. Jahrhundert beliebten Entwicklungsroman mit der besonderen Pointe, dass die Gesellschaft, in der Jim nach seinem Fall seinen Ort und seine Bestimmung findet, am gegenüberliegenden Längengrad der Welt liegt. Man kann dies sowohl als Kritik an  der westlichen Welt und ihrer unmoralischen Moral verstehen wollen oder auch als Missbilligung der merkwürdig hochgespannten Persönlichkeit Jims, der erst sehr spät und sehr endgültig zu einer Einsicht in die tatsächliche Verfasstheit der Welt gelangt. Gerade die letzte Lesart sollte in der Wahrnehmung des Lesers gekontert werden durch die Sympathie, die beide Erzählerfiguren Jim entgegenbringen, indem sie immer und immer wieder betonen, Jim sei „einer von uns“ (diese Formel wird mindestens acht Mal auf den knapp 500 Seiten des Romans benutzt).

Dass ich Lord Jim gerade jetzt wieder gelesen habe, verdankt sich eher einem Zufall: Im letzten Jahr wurde Conrads Die Schattenlinie neu übersetzt – ebenfalls in nächster Zeit hier zu besprechen – und in diesem Zusammenhang habe ich meinem Buchhändler gegenüber einmal mehr die Übersetzung von Herz der Finsternis durch Manfred Allié gelobt; mein Buchhändler fand rasch heraus, dass Allié inzwischen auch den Lord Jim ins Deutsche übertragen hatte. Und auch diesmal hat sich der Übersetzer am Text bewährt. Es ist nicht einfach, das Raunende und Indirekte Conrads zu übersetzen: Es gerät leicht ins mystische Schwafeln oder in die blanke Undeutlichkeit, aber Allié ist es auch hier gelungen, den Grundton Conrads und seine Indirektheit sehr angemessen ins Deutsche zu übertragen.

Das Buch als Buch allerdings ist leider eines der Ärgernisse, wie sie sich immer öfter im Buchhandel finden: Für das sogenannte Hardcover (was einen festen statt eines flexiblen Pappkarton als Umschlag bedeutet, nicht mehr) wurde der Satzspiegel des Taschenbuchs schlicht optisch aufgeblasen (dieses Verfahren hat eine ganze Reihe von Großdruck-Büchern erzeugt), und man hat sich bei Fischer nicht einmal die Mühe gemacht, eine eigenes Cover-Bild für den Schutzumschlag zu entwerfen, sondern einfach den Umschlag des Taschenbuchs benutzt. Daher ziert dieses Hardcover das Logo der Fischer Taschenbuchreihe. Was der Käufer also für die 8,– €, die das Hardcover mehr kostet als das Taschenbuch, bekommt, ist ein optisch hässlicher Buchsatz und einen festen Pappendeckel um das Buch geklebt; auch ein angeklebtes Stofflesezeichen findet sich. Zum Ausgleich kostet wenigstens das E-Book, zu dem ich angesichts der Qualität der gedruckten Ware raten würde, nur 3,99 €.

Joseph Conrad: Lord Jim. Eine Erzählung. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Frankfurt: S. Fischer, 2014. Pappband, Lesebändchen, 493 Seiten. 22,99 €.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray

Wir leben in einer Zeit, wo man zuviel liest, um klug zu sein, und wo man zu viel denkt, um schön zu sein.

Wildes einziger Roman, entstanden 1890, ist eine Mischung gängiger zeitgenössischer literarischer Tendenzen: Je ein Teil Schauer- und Mord-Geschichte, ein Gutteil Dekadenz-Roman, ein wenig Künstler- und der übliche Schuss Entwicklungsroman und schon ist der Plot fertig. Dies alles ist exzellent miteinander legiert worden und bildet auf den ersten Blick eine überzeugende Einheit; es leidet zwar unter dem Mangel eines bedeutenden Teils der Phantastik, nämlich dass das zentrale Motiv – hier die Übertragung von Alter und moralischem Verfall vom Protagonisten auf sein Abbild – gänzlich unerklärt bleiben muss, aber Wilde gelingt es, diesen Einfall geschickt mit der moralischen Ebene des Romans zu verflechten. 

Die Grundzüge der Fabel dürften weithin bekannt sein: Der junge, auffallend gutaussehende Dorian Gray wird von seinem Freund, dem Maler Basil Hallward portraitiert. Während der letzten Sitzung lernt er im Atelier den Dandy Lord Henry Wotton kennen, der ihm seine rhetorische Theorie eines neuen Hedonismus aufschwätzt. Dorian gerät rasch unter den Einfluss Lord Henrys, was sich zum ersten Mal deutlich zeigt, als sich Dorian in eine Schauspielerin verliebt, die gerade als er sie zum ersten Mal seinen Freunden Basil und Lord Henry vorführen will, ihr darstellerisches Vermögen verliert und durchfällt. Enttäuscht und blamiert wendet sich Dorian von ihr ab und stellt daheim fest, dass sich dieser grausame Zug seines Charakters zwar in Hallwards Portrait, nicht aber in seinem Gesicht abgezeichnet hat. Auch die nachfolgende Trauer über den Selbstmord der Schauspielerin verwindet Dorian mit Hilfe von Lord Henrys Geschwätz rasch und wird so ein schlechter Mensch. 

Dorians weitere Karriere zum moralisches Monster erspart Wilde sich und uns, stattdessen bekommen wir in Kapitel 11 einen kunsthistorischen Vortrag serviert, der die umfangreiche Belesenheit Wildes dokumentiert. Wir finden Dorian nach einigen Jahren wieder als einen notorisch bekannten Lebemann, immer noch so schön wie früher und immer noch ebenso hohl. Seine Karriere des moralischen Verfalls gipfelt in einem Mord, den er noch vertuschen kann, der aber zu einer nicht unerheblichen Paranoia führt; hinzukommt, dass der Bruder der Schauspielerin versucht, deren Tod zu rächen, sich aber für den Augenblick von Dorians scheinbarem Alter verwirren lässt. Als jedoch alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden sind, möchte Dorian endlich ein neues Leben beginnen und ein guter Mensch werden. Zu diesem Zweck will er das schicksalshafte Portrait endlich zerstören, das sich aber auch am Ende als mächtiger erweist als er.

Sieht man von all diesem unerklärlichen Unfug ab, so ist es ein ganz nettes Buch. Gerade, dass die Schauer- und Mord-Romantik nur einen Nebenstrang der Erzählung bildet und Wilde das Hauptgewicht auf die moralische Entwicklung seines Protagonisten legt, macht die Geschichte erträglich. Alles in allem ist Das Bild des Dorian Gray das Gesellenstück eines Autors, der sehr genau weiß, wie die zeitgenössische Literatur funktioniert und aus seiner Analyse ein Modell des modernen Romans zu basteln versteht, das er dann mit einer einigermaßen interessanten Handlung auszustaffieren versteht. So schreiben Literaturkritiker oder -professoren ihre Romane.

Die Übersetzung von Hans Wolf ist sehr gut lesbar, wenn sie auch an einigen wenigen Stellen stilistisch nicht ganz auf der Höhe von Wildes sehr elegantem Englisch ist. Sie dürfte aber wohl den wirklich zahlreichen älteren Übersetzungen klar vorzuziehen sein.

Oscar Wilde: Das Bild des Dorian Gray. Aus dem Englischen von Hans Wolf. Werke in 5 Bänden, Bd. 1. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 352 Seiten. Diese Übersetzung ist derzeit bei Zweitausendeins lieferbar.