Jeremy Adler: Goethe

Die Engländer waren indessen nicht alle einer Meinung.

Das ging rasch! Nachdem ich im Vorwort der neuen Goethe-Biographie bei Beck schon einigen Unfug hatte lesen dürfen, fand ich auf S. 17 folgendes:

„… zu seinem Faust, der in einer spektakulären Bahn «vom Himmel durch die Erde zur Hölle» führt (FA, 7/1, S. 21, V. 242) …“

Trotz der exakten Stellenangabe ist es weder dem Autor – der angeblich Deutsch kann – noch dem Übersetzer noch dem Lektorat gelungen nachzuschlagen – wenn man es als vorgeblicher Goethe-Kenner nicht ohnehin weiß! –, was dort tatsächlich steht. Allein das gestörte Versmaß und die inhaltliche Sinnlosigkeit des „durch die Erde“ hätten alle warnen müssen.

Lese ich also lieber wieder etwas, dem nicht die allgemeine Schlampigkeit des 21. Jahrhunderts anhaftet.

Jeremy Adler: Goethe. Die Erfindung der Moderne. Eine Biographie. München: Beck, 2022. Pappband, Lesebändchen, 655 Seiten. 34,– €.

Adalbert Stifter: Der Nachsommer

Drei starke Bände! Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Friedrich Hebbel

Von Stifter kannte ich bislang nur einige Erzählungen, die zwar etwas konstruiert, aber sonst ganz angängig zu sein schienen. Seine beiden Romane hatte ich – unter dem Vorurteil der Verrisse Arno Schmidts stehend – gemieden. Doch Ende des letzten Jahres war ich im Bücherschrank durch Zufall in die Nähe der kleinen Werkausgabe geraten und hatte, aufgrund des schlechten Gewissens wegen meines schlecht begründeten Vorbehalts, den Band mit Der Nachsommer herausgezogen und auf den Schreibtisch gelegt. Ich habe mich nun durch den ersten Band hindurchgequält und dann die Lektüre aufgegeben. Kurz gesagt: Es ist fürchterlich!

STIFTER’s ›Nachsommer‹ liest sich, zumal im Dialog der ›Gestalten‹, so steiff, als sei das Buch von einem schlechten Übersetzer, um 1850, nach einem nicht guten Original übertragen: Deine Tochter, mein Freund, hat eine schöne Stirn. (Tja, man müßte ihn tatsächlich übersetzen. Stell’n Sie sich ma vor: ›STIFTER, ›Nachsommer‹, Deutsch von Arno Schmidt‹ – capitaler Einfall; ich lach’ jetz schon!)

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. BA IV/4, S. 49

Das Ding will einen Entwicklungsroman nach Goethescher Manier vorstellen und übersteigert dabei die abstrakte Prosa des Weimarer Meisters aufs Äußerste. Beinahe alles bleibt im Allgemeinen stecken (ich gebe zu: Hier und da werden einige Blumen und Bäume konkret benannt):

Mein alter Gastfreund saß in einem Lehnsessel und erzählte. Er beschrieb eine Erscheinung, er machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es möglich war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung, oder wo dies nicht möglich war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen. Dann erzählte er, auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren. Wenn er dieses vollendet hatte, tat er das gleiche mit einer zweiten, verwandten Erscheinung. Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehörigen Erscheinungen, der ihm hinlänglich schien, ausgeführt hatte, dann hob er dasjenige, was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar.

S. 190

Wenigstens an einem einzigen konkreten Beispiel wünschte man sich diese Unterrichtsmethode vorgeführt, aber nichts dergleichen ist zu erwarten.

Der Erzähler ergeht sich in zeilenschindenden Wiederholungen, als rede er zu einer Versammlung von Deppen:

Wir stiegen gegen jene Wiese hinan, von der mir mein Gastfreund gestern gesagt hatte, daß sie die nördliche Grenze seines Besitztums sei, und daß er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern können. Der Weg führte sachte aufwärts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen Windungen ein Bächlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefaßt war, entgegen. Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter: »Das ist die Wiese, die ich Euch gestern von dem Hügel herab gezeigt habe, und von der ich gesagt habe, daß bis dahin unser Eigentum gehe, und daß ich sie nicht habe einrichten können, wie ich gewollt hätte. […]«

S. 121

Und dann der gesellige Umgang der Figuren miteinander:

Die Gespräche waren klar und ernst, und mein Gastfreund führte sie mit einer offenen Heiterkeit und Ruhe.

S. 215

Mit Inhalten oder gar verschiedenen Meinungen zu einer konkreten Sache werden wir nicht behelligt; überhaupt sind in den meisten Fällen alle Pappkameraden des Romans einer einzigen, ganz und gar vernünftigen Meinung. Dass es eine andere bei anderen geben könne, ist ihnen wohl als Möglichkeit bewusst, aber solcher Leute Erwähnung zu tun, würde eine Zumutung und Störung darstellen, die weder den Figuren noch dem Leser zugemutet werden kann.

Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in den Keller oder an andere Orte, die wichtig waren.

S. 222

Man denke nur, sie hätte sich an Orte begeben, die unwichtig waren! Der Roman wäre sogleich in Stücke gesprungen.

Mir fiel es auf, daß er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern geführt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm, und von dem aus sie vorlegte. Es mußte aber hier so eingeführt sein; denn wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu füllen, die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug.
Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das immer bisher gefehlt hätte.

S. 215

Wohlgemerkt: Die Teller wurden wirklich (!) der Reihe nach (!) mit Suppe gefüllt! Kein Wunder, dass dem Erzähler dies bislang gefehlt hatte.

Und so geht es in einem fort: Ein sinnloses Durch- und Nacheinander von überflüssigen Details und abstraktester Ungegenständlichkeit, von sinnlosestem Durch-die-Gegend-Laufen, um wenigstens so etwas wie den Anschein einer Handlung zu simulieren, und anderen bei der Arbeit zuschauen. Dann fährt man irgendwelche Nachbarn besuchen, die ebensolche Abziehbilder darstellen wie die bisherigen Figuren und die in der Hauptsache dazu dienen, einen Kontrast zu dem höchst idealen Haushalt des alten Gastfreundes zu liefern. Und das alles wird geschildert, ohne eine einzige erzählerische Mine zu verziehen, vollständig ironie- und humorfrei.

Ich habe mich aus der Literarhistorie schlau gemacht, was in den beiden nachfolgenden Bänden noch als Handlung herhalten muss; lesen muss ich das nicht. Und wahrscheinlich auch niemand sonst.

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Zürich: Ex Libris, o. J. [1978]. Lizenzausgabe der Ausgabe beim Winkler Verlag, 1949. Kunstleder, Fadenheftung, Lesebändchen, 766 Seiten Dünndruck. In dieser Ausgabe selbstverständlich nicht mehr lieferbar.

William Beckford: Vathek

Jedermann fiel ohne den geringsten Widerstand oder Kampf: so daß Vathek sich schon innerhalb weniger Augenblicke von den Leichen seiner getreusten Untertanen umgeben sah; welche sämtlich auf den Haufen geworfen wurden.

Da gerade William Beckfords italienisches Reisebuch Dreams, Waking Thought, and Incidents zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist, habe ich seinen sogenannten Roman Vathek noch einmal aus dem Bücherschrank geholt und die nur noch vage Erinnerung aufgefrischt. Der Text soll nach einer vom Autor kolportierten Legende im Jahr 1782 (Beckford war gerade 21 Jahre alt) innerhalb von nur drei schlaflosen Tagen auf Französisch niedergeschrieben worden sein, was man angesichts der gelieferten literarischen Qualität durchaus glauben mag. Erstmals veröffentlicht wurde er 1786 anonym in englischer Übersetzung, wobei der Übersetzer gleich die nächste Legende aufsetzte, in dem er behauptete, er habe den Text direkt aus dem Arabischen übersetzt. Obwohl das Buch durchaus dem modischen Interesse an orientalischen Erzählungen entgegenkam, war das Buch kein Erfolg und wurde in der Hauptsache von anderen Schriftstellern rezipiert. Beckford blieb den meisten seiner Zeitgenossen eher als verrückter Exzentriker bekannt, denn als Künstler oder Schriftsteller.

Seine eigentliche Karriere machte Vathek erst nach seiner Wie­der­ver­öf­fent­li­chung 1891. Er bediente perfekt die Faszination an und das phantastische Spiel mit der Dichotomie von Gut und Böse – das vom Autor ohnehin nur apologetisch angeklebte „moralische“ Ende ließ sich bequem ignorieren – und den westeuropäischen Geschmack an orientalischer Üppigkeit. So wurde Vathek nachträglich als Quelltext einer bösen Phantastik kanonisiert.

Erzählt wird die Geschichte des Kalifen Vathek, der in einem sehr erfundenen Orient sich dem Bösen verschreibt und versucht, die absolute Macht zu erreichen, über die er – zumindest nach Ausweis der Erzählung – ohnehin bereits verfügt. Der Text ist vollständig anekdotisch gebaut, widerspricht sich auch auf kurzen Strecken gern selbst und exzelliert einzig in einer üppigen, grausamen, aber auch gern sexuellen Phantasie, die ihn für die meisten zeitgenössischen Leser sicherlich unzumutbar machte. Nicht dass nun jemand zu viel erwartet: Nach dem heutigen Geschmack ist der Text so dezent, dass gerade das Sexuelle nur andeutungsweise zu finden ist; aber das 18. Jahrhundert hatte da noch gänzlich andere Em­pfind­lich­kei­ten.

Die Handlung ist kaum der Rede wert und muss daher auch nicht nacherzählt werden. Der Protagonist ist ein brutaler Aufschneider und Verschwender, der unter dem Pantoffel seiner machthungrigen und vom Bösen faszinierten Mutter steht, die ihn geradewegs im wörtlichen Sinne zur Hölle schickt. Am Ende werden, wie schon angedeutet, die Bösen zwar bestraft, aber das hat mit dem vorherigen Text kaum etwas zu tun und ist erzählerisch auch in keiner Weise vorbereitet.

Wer Lust am Zelebrieren des Bösen um des Bösen willen hat, wird hier sein Vergnügen finden; alle, die derartigen Mummenschanz eher albern finden, können sich die Lektüre beruhigt sparen. Warnen möchte ich aber vor der Übersetzung Franz Bleis (1907), die über Strecken nur so ungefähr etwas mit dem Original zu tun hat.

Willam Beckford: Vathek. Eine orientalische Erzählung. Aus dem Englischen von Wolfram Benda. Mit 11 Illustrationen von Gottfried Helnwein. München: Artemis/Winker, 1987. Leinen, Fadenheftung, 196 Seiten. Diese Ausgabe ist nur noch antiquarisch greifbar, der Text selbst aber leicht im Internet zu finden.

Masato Tanaka / Tetsuya Saito: Das illustrierte Kompendium der Philosophie

Die Philosophie ist ihrer Natur nach etwas Esoterisches, für sich weder für den Pöbel gemacht noch einer Zubereitung für den Pöbel fähig; sie ist nur dadurch Philosophie, daß sie dem Verstande und damit noch mehr dem gesunden Menschenverstande, worunter man die lokale und temporäre Beschränktheit eines Geschlechts der Menschen versteht, gerade entgegengesetzt ist; im Verhältnis zu diesem ist an und für sich die Welt der Philosophie eine verkehrte Welt.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Einführungen in die Philosophie, besonders solche, die für den allerersten Einstieg des Laien geschrieben wurden, ist nur sehr schwierig gerecht zu werden: Diejenigen, für die sie geschrieben sind, können sie offensichtlich nicht beurteilen, und diejenigen, die sie beurteilen können, gehören offensichtlich nicht zur Zielgruppe. Hinzukommt, dass selbst unter Fachleuten nicht nur in den Feinheiten der Interpretation Uneinigkeit herrscht, sondern solche Verwerfungen – die auch für den Einsteiger nicht unbedeutend sind – bereits in ganz grundsätzlichen Auffassungen bestehen können. Von daher dürften solche Einführungen immer in der Kritik stehen, je mehr, je spezifischer das Verständnis der verhandelten Sache beim Rezensenten ist.

Das vorliegende Buch ist eine Einführung in die Philosophiegeschichte und arbeitet in der Hauptsache mit Graphiken, die durch eine Reihe von kurzen , schlicht gehaltenen Erläuterungen begleitet werden.

© Aufbau Verlag
© Aufbau Verlag

Was macht man nun mit sowas? Einerseits sind wesentliche Elemente des Höhlengleichnisses getroffen: Die in der Höhle Gefangenen, deren Welt die an die Höhlenwand geworfenen Schatten sind, der Höhlenausgang, durch den man zur Erkenntnis der Wirklichkeit gelangen kann, sogar ein Rudiment des Sonnengleichnisses ist vorhanden. Andererseits werden bei Platon die schattenwerfenden Gegenstände von hinter einer Mauer verborgenen Trägern (welchen ontologischen Status mögen diese Träger haben?) vor einem Feuer vorbeigetragen, und natürlich kommt in Platons Höhle kein Teufel vor, der den unbedarften Leser vermuten lassen muss, dass es sich bei dieser Einrichtung um eine Art von transzendenter Verschwörung gegen die Menschheit handelt. Nach Betrachtung der beiden Seiten weiß der Leser ungefähr – und wirklich nur so ungefähr – so viel wie nach der Lektüre der ersten Absätze des Siebten Buchs von Platons Der Staat:

»Stelle dir Menschen vor, etwa in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung mit einem Ausgang, der sich über die ganze Breite der Höhle zum Tageslicht hin öffnet; in dieser Höhle sind sie von Kindheit an, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie an Ort und Stelle bleiben müssen und nur geradeaus schauen können; den Kopf können sie wegen der Fesseln nicht herumdrehen; Licht erhalten Sie durch ein Feuer, dass hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt; zwischen diesem Feuer und den Gefesselten führt oben ein Weg; an ihm entlang stelle dir einen niedrigen Maueraufbau vor, ähnlich wie Schranken bei den Gauklern vor den Zuschauern errichtet werden, über die hinweg sie ihre Kunststücke zeigen.«
»Ich sehe es vor mir«, sagte er.
»Stelle dir nun längs dieser Mauer Menschen vor, die allerlei Geräte vorbeitragen, die über diese Mauer hinausragen, Statuen von Menschen und anderen Lebewesen aus Holz und Stein und allen möglichen Erzeugnisse menschlicher Arbeit, wobei die Vorbeitragenden, wie es natürlich ist, teils reden, teils schweigen.«
»Ein seltsames Gleichnis und seltsame Gefesselte, von denen du da sprichst«, sagte er.

Platon: Der Staat, 514a ff.
(Trad. Gernot Krapinger)

Sprich: Er weiß, dass es bei Platon ein Höhlengleichnis gibt. Zusätzlich verfügt er über eine Reihe falscher Vorstellungen und hat keine Ahnung, wozu dieses Gleichnis überhaupt dienen soll. Denn wie häufig zeigt das Gleichnis allein nicht, was es eigentlich bedeuten soll.

Leider ist das auf den anderen Seiten auch nicht viel besser. Dort wo traditionelle Einführungen in die Philosophie notwendig oberflächlich sein müssen, ist hier auch diese Oberflächlichkeit noch oberflächlich geraten. In der Sache ist dieses Buch ein feuchter Teller, der sich als Vorspeise ausgibt. Nützlich könnte das Buch allein in einem didaktischen Umfeld sein, also für einen Lehrer der Philosophie, der sich hier Anregungen für eine graphische Unterstützung seines Unterrichts holen könnte.

Masato Tanaka / Tetsuya Saito: Das illustrierte Kompendium der Philosophie. Berlin: Blumenbar, 2021. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 352 Seiten. 26,– €.

Heinrich Seidel: Phantasiestücke

Nun aber wußte der Teufel nichts mehr …

Noch einmal Heinrich Seidel, diesmal zum Abgewöhnen. Es handelt sich um eine eher uneinheitliche Sammlung mit Erzählungen und Märchen im Volkston, Nachahmungen von Hoffmann, Hauff, Eichendorff, Fritz Reuter und Jean Paul, alle im ironischen Ton mehr oder weniger gelungen, dafür inhaltlich ganz flach und uninspiriert erfunden. Mit dem Titel legt sich Seidel dabei selbst eine Latte auf, die er dann mühelos zu unterspringen versteht.

Das Märchen Das Zauberklavier geht zum Beispiel so: In einem weit entlegenen Königreiche leben hauptsächlich Büchermenschen und Gelehrte. Dann zieht jemand zu, der ein Klavier mitbringt. Das Klavierspielen wird rasch Mode; alle machen Musik, keiner will mehr Gedichte lesen. Die Denker werden beim Denken gestört. Der König verbietet das Klavierspielen. Eine Prinzessin wird geboren. Als sie achtzehn Jahre alt ist, findet sie im Wald ein Klavier. Weil sie nie etwas von Klavieren gehört hat, beginnt sie zu spielen. Alle sind entzückt. Der König erlaubt das Klavierspiel wieder.

Seine Faust-Variation aber geht so: Die Wirtin von Bornau will die beste Köchin und Tänzerin in der Gegend sein. (Was sollte ein weiblicher Faust auch sonst für Ambitionen haben?) Aber da gibt es eine andere, die beides besser kann. Also erscheint ihr der Teufel. Sie schließt einen Pakt und wird die beste Köchin und Tänzerin der Gegend. Als der Teufel kommt, um ihre Seele zu holen, wird er von einem frommen Pfarrer um seinen Preis gebracht. Er fährt vor Wut durch die Wand. Das Loch kann man heute noch sehen.

Und so strampelt Seidel sich ab am Melusinen-Motiv, an Gespenster-Geschichten, einer Allegorie der Monate, ja, es findet sich sogar eine üble Polemik gegen die USA und ihre Bewohner. Das soll wohl alles lustig sein, ist aber immer wieder nur ungeschickt und grob gearbeitet. Hier begreift man, warum Seidel inzwischen fast vollständig vergessen ist.

Leider auch in geringer Dosierung nicht mehr zu empfehlen.

Heinrich Seidel: Phantasiestücke. In: Gesammelte Werke. Neue wohlfeile Ausgabe in 5 Bänden. Band V. Stuttgart: Cotta u. Berlin: Klemm, o. J. (ca. 1925). Bedruckter Leinenband, Fadenheftung. 267 (von 446) Seiten.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew

Als ich neulich wieder einmal bei Turgenew vorbeikam, fiel mir auch dieses lang eingestaubte Insel-Taschenbuch in die Hand. Diesmal habe ich hineingeschaut; ich hätte es besser gelassen.

Der Text wurde in Deutschland als Biographie verkauft, obwohl ihn sein Autor im Vorwort völlig zu Recht einen Essay nennt, und man darf hier ungeniert an Tucholsky denken: „Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“ Das Büchlein präsentiert weitgehend nichts als wirres Geschwätz, zusammengesuchte Einsichten, die in lockerer assoziativer Manier aneinandergereiht werden, ohne dass sich aus ihnen mehr ersehen ließe, als dass eben dieser und jener mal dies oder das über Turgenew gesagt habe und was man sonst noch so denken könne.

Von sehr jung an war er sich bewußt, daß er auf Frauen attraktiv wirkte, und in einigen Fällen lässt sich beobachten, wie er diese Macht sogar bei denen ausübt, die reine ›Vermittlerinnen‹ waren, eine Kategorie, in welche die Frau von Traditionen und weltlichem Leben gerne eingereiht wird.

Und solche Sätze sind bei weitem nicht die Schlimmsten.

Das ganze Buch ist ein unlesbares Gewäsche. Dass es überhaupt übersetzt und gedruckt wurde, lässt mich einen internationalen Mangel an soliden Turgenew-Biographien vermuten; wenigstens scheint auf Deutsch derzeit überhaupt nichts Vernünftiges lieferbar zu sein. Hinweise dazu wären sehr willkommen.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew. Eine Biographie. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. it 2744. Frankfurt/M.: Insel, 2001. Broschur, 277 Seiten. Zum Glück nur noch antiquarisch greifbar.

Rainer Erlinger: Warum die Wahrheit sagen?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Goethe, Faust II

Die Redaktion des Dudens kapriziert sich seit einiger Zeit darauf, unterkomplexe Antworten auf komplizierte Fragen zu drucken: Warum wir angeblich orthographisch korrekt schreiben oder warum wir eine politisch korrekte Sprache gebrauchen sollten und nun also, warum wir die Wahrheit sagen sollten. Das Buch ist wie seine Vorgänger allein schon wegen seines geringen Umfangs zum Scheitern verurteilt, in diesem Fall um so mehr, als es eine 2500 Jahre andauernde philosophische Diskussion aufheben muss, wenn es denn überhaupt nur eine Chance haben will, etwas Relevantes zum Thema beizutragen. Selbstverständlich tut es das nicht.

Es stellt eine nicht unerhebliche Ironie dar, wenn ein Autor, dessen Hauptkriterium dafür, wann ein Satz wahr ist, eine sehr flache Version der Korrespondenztheorie ist (in etwa: „Wahrheit bedeutet demnach, dass die gedankliche Vorstellung oder das, was man darüber sagt, mit der Wirklichkeit übereinstimmt.“ Das reiche „für das Leben und den Alltag“, so Erlinger), seine einleitenden Beispiele für die Fatalität der Lüge aus den Dramen Shakespeares bezieht, also aus einer fiktiven Konstruktion zum Zwecke der emotionalen Erregung des Publikums, die keinerlei Pendant in der Wirklichkeit aufweist, das sie „wahr“ machen könnte.

Aus philosophischer Sicht fehlen natürlich alle wichtigen Bestimmungen, also etwa, dass Wahrheit eine Eigenschaft von Aussagesätzen ist, was Aussagesätze sind, wie es ihre Benutzer schaffen, von ihnen auf die Stelle der Welt zu schließen, auf die sie schauen müssen, um festzustellen, ob die Aussagesätze wahr sind usw. usf. Auch gibt es keinerlei methodologische Differenzierungen, also keinerlei Reflexion darauf, dass logische, mathematische, naturwissenschaftliche, philosophische, juristische, historische oder theologische Methoden der Verifikation bzw. Falsifikation untereinander und von denen der Wahrheit „für das Leben und den Alltag“ durchaus massiv abweichen können. Es fehlt, wie oben schon angedeutet, jegliches Bewusstsein dafür, dass es systematische Bereiche des Lügens gibt, die in die gesellschaftliche Praxis problemlos eingebunden sind. Ja, es fehlt überhaupt, dass zu lügen wesentliche Teile der gesellschaftlichen Praxis ausmacht, eben nicht nur im Bereich der Politik, den Erlinger thematisiert, sondern etwa auch in der Werbung, im Journalismus, im zwischenmenschlichen Umgang  als Höflichkeit, in der Erziehung zur Abweisung unangenehmer Fragen, Beschwichtigung irrationaler Ängste und Mythologisierung des Alltags (die sich dann in Religion, Esoterik und vielfältigen anderen Formen ins Erwachsenenleben hinein fortsetzt) etc. pp. Die umfassende Durchdringung der menschlichen Welt durch Unwahrheit, Illusionen, Phantasien und sonstige Verleugnungen oder Überschreibungen der Realität lässt Erlangers Grundthese, das Sagen der Unwahrheit zerstöre das Vertrauen in die zwischenmenschliche Kommunikation, so naiv erscheinen, dass man vielmehr geneigt ist, der gegenteiligen These Glauben schenken zu wollen, dass die Lüge überhaupt erst die zwischenmenschliche Kommunikation ermögliche und einer ihrer wichtigsten Grundpfeiler sei.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass irgendwer ein bereits auf den ersten Blick so komplexes Thema auf 144 Seiten angemessen abhandelt. Aber was man erwarten darf, ist, dass er die Tinte hält, so er denn die Mühe der dialektischen Reflexion scheut.

Rainer Erlinger: Warum die Wahrheit sagen? Berlin: Dudenverlag, 2019. Pappband, 144 Seiten. 14,– €.

Warum es [angeblich] nicht egal ist, wie wir schreiben

Aber im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst gerät man in den Verdacht, man habe Ressentiment.

Theodor W. Adorno

Wenn der Duden ein Büchlein herausbringt, in dem es um Rechtschreibung geht, so kann man schlechthin keine Kampfschrift gegen das eigene Gewerbe erwarten, denn das Bibliographische Institut verdient ganz gut an der fixen Idee, alle Menschen in Deutschland müssten die meisten Wörter auf ein und dieselbe Weise schreiben. Doch folgt der Duden faktisch selbst der Einsicht, dass Sprache ein lebendiges System ist, das von den Gewohnheiten seiner Sprecherinnen und Schreiber geprägt wird und sich so in stetigem Wandel befindet. Was heute recht geschrieben ist, mag morgen schon obsolet sein und übermorgen falsch. Mithin dürfte man wenigstens den Anschein einer Einsicht in die faktische Relativität all dieser Regeln erwarten, wenn es schon bis zur historischen Relativierung nicht reicht.

Doch nichts davon enthält das Bändchen. Die gewählte literarische Form war mir bislang unbekannt: Es handelt sich um eine schriftliche Talkshow, mithin die Niederschrift von Stammtischgerede eines Treffens, das am 30.10.2017 in der Duden-Redaktion in Berlin stattgefunden hat. Ob dieses Treffen noch einem anderen Zweck diente, als dem, als Publikation zu enden, wird nicht mitgeteilt. Teilnehmerinnen sind: Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion, Ulrike Holzwarth-Raether, u. a. Grund- und Hauptschullehrerin, Peter Gallmann, Linguistik-Professor aus Jena, und Burghart Klaußner, Schauspieler und Inhaber eines orthographisch ungewöhnlichen Namens. Bei der Leiterin der Duden-Redaktion begreift man noch, warum sie teilnimmt, beim Professor sieht man es noch ein, aber was der Schauspieler da soll, ist eher unbegreiflich, allerdings nur solange, bis er den Mund aufmacht:

Ich fange gleich pathetisch an: Rechtschreibung ist Zivilisation. Ohne Rechtschreibung keine Zivilisation, keine Zivilisiertheit, keine Literatur, keine Sprache, nichts, außer Radebrechen und sich irgendwelche Schlagworte um die Ohren hauen.

Die halbfette Textauszeichnung entstammt so dem Büchlein; man markiert damit solch rasante Stellen, die der Sache besonders förderlich zu sein scheinen. Nun wäre eine solche Äußerung gleich eine gute Gelegenheit gewesen, Herrn Klaußner darauf aufmerksam zu machen, dass er besser sein Hirn einschalten sollte, bevor er das Mundwerk in Betrieb nimmt: Da es die Idee einer einheitlich geregelten Rechtschreibung in Deutschland vielleicht seit dem späten 17. Jahrhundert gibt, als Adelungs Wörterbuch zuerst erschien (und nicht erst seit 1880, als das erste Wörterbuch von Konrad Duden herauskam, wie man in der Dudenredaktion glauben zu müssen scheint (vgl. S. 45)), dürfte es gemäß der Klaußnerschen Theorie der Zivilisation zuvor keine deutsche Literatur gegeben haben. Dem scheinen einige Fakten entgegenzustehen. Und auch mit der Rechtschreibung scheint die Neigung zum Um-die-Ohren-hauen von Schlagwörtern (nicht Schlagworten!) nicht verschwunden zu sein. Aber gut.

Auch im weiteren erweist sich die Erfahrung als stimmig, dass wenn vier Menschen zusammensitzen und miteinander reden, viel Blödsinn zusammenkommt. Sicherlich findet sich vereinzelt auch ein vernünftiger, nicht gänzlich banaler Gedanke (besonders Professor Gallmann ist für solche Stellen gut), aber im Ganzen werden nur einige bekannte Vorurteile umeinander gewälzt, Herr Klaußner stellt seine durchgängige Inkompetenz zur Schau, Frau Kunkel-Razum verwechselt Unterrichtsmethoden der Grundschule miteinander, Frau Holzwarth-Raether beklagt die orthographische Qualität von Künstlerinnen- und Künstler-E-Mails, Herr Klaußner glaubt, es habe einstmals eine Regel gegeben, dass vor „und“ niemals ein Komma zu stehen kommt usw. usf. Es ist das alltägliche Durcheinander.

Zwar stellen die Beteiligten fest, dass sie alle selbst nicht zu 100 % rechtschreibsicher sind, aber keiner kommt auf die Frage, wie es denn um einen gesellschaftlichen Anspruch bestellt sein kann, der nicht einmal von denen erfüllt wird, die sich ganztägig und professionell damit beschäftigen. Und ebenso wenig kommt eine(r) auf die Frage, wie die angeblich nicht existente Zivilisation denn vor den Zeiten der einheitlichen Rechtschreibung hat erfolgreich schriftlich kommunizieren können. Gefährlich nahe kommt man der Einsicht, dass es sich bei der Rechtschreibung um „Herrschaftswissen, so hätte man früher gesagt,“ (Klaußner) handelt, kann aber das Schlimmste noch verhindern, indem man Herrn Klaußner hier wie auch anderswo erfolgreich ignoriert.

Alles in allem ein fröhliches Hauen und Stechen; wenn es ein Video wäre, würde ich die vorherige Zubereitung von Popcorn empfehlen. Natürlich wird nicht geklärt, warum es nicht egal ist, wie wir schreiben, aber wahrscheinlich ist das einfach deshalb so, weil es zwar schon egal wäre, aber der „Duden gelb“, wie es an einigen Stellen impressiv heißt, sich dann deutlich schlechter verkaufen würde. Ohnehin gibt es außerhalb von Schule und Behörden keinen Zwang zur Rechtschreibung, und selbst dem Duden würde nichts anderes übrig bleiben als zu kapitulieren, wenn wir uns denn alle dazu entschlössen, so zu schreiben, wie uns die Finger gewachsen sind: einander ähnlich, aber keiner gleich. Doch gilt auch hier die alte Einsicht: „Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“

Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben. Berlin: Dudenverlag, 2018. Broschur, 64 Seiten. 8,– €.

Sprache in Bildern

Ein Ge- oder Verschenkbuch ist eines, dass man für sich selbst nicht kaufen würde, bei dem man sich im besten Fall aber freuen würde, wenn man es geschenkt bekäme. Im schlechteren Fall schenkt man es einer/m, weil man sonst nicht weiß, was man ihr/m schenken soll. Es gibt einfach Menschen, die haben schon alle anderen Bücher – also, falls sie überhaupt welche haben. Aber lassen wir die Abgründe der Geschenke-Dialektik rasch hinter uns und wenden uns dem vorliegenden Fall eines typischen Geschenkbuchs zu:

Der Dudenverlag (einer der wenigen deutschen Verlage, der zwischen seinem Namen und seiner Branche lobenswerter Weise kein Leerzeichen pflegt) legt ein Büchlein mit 50 sogenannten Infografiken rund um die Sprache vor. Die meisten dieser angeblichen Grafiken umfassen eine Doppelseite, so dass man ein ganz nettes Büchlein für die 10 geforderten Euro erhält: Es ist nicht zu groß, lässt sich gut einpacken, der bil­der­buch­di­cke Pappeinband trägt zusätzlich zum soliden Eindruck bei. Zum Durch­blät­tern ist der Band ganz nett, nur genauer hinschauen, geschweige denn zugleich dabei denken sollte der Betrachter nicht. Oder doch?

Es fängt damit an, dass – wie oben schon angedeutet – zahlreiche der Grafiken nur mit Müh und Not als solche anzusprechen sind. Die meisten Seiten präsentieren mehr oder weniger einleuchtend ummalte Wortlisten (es ist ja bei einem Buch über Sprache auch nur wenig anderes zu erwarten), nur in einzelnen Fällen trägt der grafische Anteil eine zusätzliche Information. So erfahren wir etwa in Grafik 28 den längsten und die kürzesten Ortsnamen in Europa und in Deutschland, und zusätzlich informieren uns Grafiken wo Oy bzw. Llan­fair­pwllg­wyn­gyll­go­ge­rych­wyrn­drobwll­llan­ty­si­lio­go­go­goch ungefähr liegen. Auf anderen Seiten (74/75, Grafik 34) hat der Grafiker schlicht vor der Aufgabe kapituliert und aus der Wörterliste eine Wörterliste gemacht; eine Tabelle ist ja schließlich auch eine Art von Grafik, irgendwie, oder?

Schauen wir uns ein paar Grafiken inhaltlich an: Grafik 33 präsentiert sogenannte Wortwolken; in der Mitte steht ein Bezugswort und außen herum angeblich Wörter, die mit dem Bezugswort „typische Verbindungen“ eingehen, wobei die Größe, in der diese Wörter dargestellt sind, Auskunft darüber geben soll, wie typisch die Verbindung ist. Nun erscheint mir das Messen eines Grads von – ja was? Typischsein? eher schwierig, weshalb ich eher einen Grad der Häufigkeit der Verbindung erwartet hätte. Das kann aber nicht dargestellt sein, denn eine Verbindung wie „Sinn machen“, die extrem häufig verwendet wird, bewertet die Grafik als sehr untypisch, während eine Verbindung von „blau“ und „Maus“ – da wage ich nicht einmal das sprachliche Normal zu bilden [„Maus, Du bist ja schon wieder blau“?] – sehr typisch sein muss, wenn es nach der Grafik 33 geht. Aber nicht nur ich scheine hier meine Zweifel zu haben, denn die Redaktion warnt Betrachter dieser Grafik: „Die Daten, die den Wolken zugrunde liegen, sind maschinell erzeugt [„Wenn man Tomatensaft ganz maschinell erzeugt, dann wird es Automatensaft“, heißt es bei Georg Kreisler] und nicht das Ergebnis redaktioneller Arbeit. Das bedeutet [ist es nicht nett, dass die Redaktion meint, erläutern zu müssen, was es bedeutet, dass etwas nicht das Ergebnis redaktioneller Arbeit ist; eher würde man erwarten, dass sie erklärt, was denn überhaupt redaktionelle Arbeit ist]: Sie stellen keine Handlungsempfehlung oder Wertung dar.“ Ergo ist das Ergebnis redaktioneller Arbeit normalerweise eine Hand­lungs­em­pfeh­lung oder Wertung? Na, lassen wir es auf sich beruhen.

Wenden wir uns stattdessen Grafik 4 zu: „Das moderne lateinische Alphabet besteht bekanntlich 26 Buchstaben.“ So geht es zu, nachdem man erst einmal das Wort ,bekanntlich‘ zur Sprache zugelassen hat: ä, ö und ü sind keine eigenen Buchstaben, sondern a, o und u mit einem Trema [„Nein, das kommt in dem Fall nicht vom Trinken, Maus!“] bzw. Umlautpunkten, die vom Trema aber nicht einmal mikroskopisch zu unterscheiden sind; und das arme ß besteht nun gleich aus zwei Buchstaben, die für immer ligiert [sic!] wurden, wird also auch nicht als wirklicher Buchstabe gezählt, auch wenn es inzwischen einen großen Bruder bekommen hat [Patchwork-Family]. Es bleibt also dabei: 26 Buchstaben. Folgt eine Grafik, die deutlich macht, dass zahlreiche Sprachen in ihrer Schreibung auf die Verwendung einiger dieser Zeichen verzichten (Hawaiisch verwendet zum Beispiel nur 12 lateinischen Buchstaben und kommt auch so sehr gut zurecht), während andere, nicht-lateinische Alphabete oft deutlich mehr als 26 Zeichen verwenden, so etwa „das japanische Alphabet“ mit angeblich 46 Zeichen. Abgebildet sind dann 46 Zeichen Katakana, was den Fall hinreichend und schlüssig beweist. Schade nur, dass es eben gar kein „japanisches Alphabet“ gibt, denn erstens vertreten die Zeichen nur im Fall der Vokale einen einzelnen Laut in unserem Sinne, während alle anderen Zeichen eine Zu­sam­men­set­zung aus Konsonant und Vokal repräsentieren (nur das ン steht für einen Nasal am Silbenende), zweitens gibt es mit Katakana und Hiragana mindestens zwei originär japanische Aufschreibsysteme, drittens steht die Zahl 46 für eine recht restriktive Zählung der im Gebrauch befindlichen Kana (eigentlich gibt es mindestens 51 unterschiedliche Zeichen, die zudem auch noch abgewandelt werden können [vgl. oben das Um­laut­schick­sal!]) und viertens sollte man sicherlich auch über Kanjis reden, wenn man schon über japanische Schriftzeichen spricht. Aber 46 Buchstaben im japanischen Alphabet geht natürlich auch. Ist zwar falsch, prägt sich aber gut ein, wie einer meiner Professoren in Tübingen seine Falschinformationen zu rechtfertigen pflegte.

Ich höre jetzt auf. Wie man leicht sieht, bietet das Büchlein einem besserwisserisch veranlagten Menschen tage-, vielleicht auch wochenlang  Spaß und Gelegenheit, seinen Mitgeschöpfen auf die Nerven zu gehen. Andererseits ist er, hat er den ersten Fehler entdeckt, so sehr mit der Prüfung der anderen Grafiken beschäftigt, dass man auch stundenlang Ruhe vor ihm hat. Ob dies alles die verlangten 10 Euro wert ist, muss natürlich jede/er für sich selbst beurteilen. Ich jedenfalls werde mein Rezensionsexemplar sogleich verschenken. An jemanden, der allem Gedruckten blind vertraut: „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“

Sprache in Bildern. Zahlen, Fakten & Kurioses aus der Welt der Wörter. Berlin: Bibliographisches Institut, 2017. Bedruckter Pappband, 111 Seiten. 10,– €.

William Shakespeare: Die Fremden

Es hat sich allmählich herumgesprochen, daß der Gegensatz von Kunst nicht Natur ist, sondern gut gemeint.

Gottfried Benn

shakespeare-fremden

Ein sehr dünnes Buch aus dem man sehr viel lernen kann, weniger über Shakespeare oder Mitgefühl oder Ethik, aber übers Marketing. Auch braucht man sich keine Sorgen um seine Allgemeinbildung zu machen, weil man nie zuvor von einem Stück Shakespeares mit dem Titel „Die Fremden“ gehört hat; das gibt es nicht und es ist auch nicht neuerdings entdeckt worden. Es handelt sich bei dem Büchlein vielmehr um den Versuch, aus dem bestehenden Mitgefühl vieler Deutscher Profit zu schlagen – die knapp 70 Seiten kosten immerhin 6,– € –und das lose Geld aus der Spendenbereitschaft vieler Deutscher dem notleidenden Verlag dtv zufließen zu lassen.

Was man im Kern erwirbt, wenn man das Büchlein kauft, sind 8 – in Worten: acht! – Seiten Shakespeare, allerdings sowohl im englischen Original als auch in der Übersetzung Frank Günthers, und zudem eine Menge von Ratschlägen, wie man denn den Text am besten zu verstehen habe. Das beginnt beim Untertitel „Für mehr Mitgefühl“, der in anderen Zeiten ebensogut „Für mehr staatsbürgerlichen Gehorsam“ hätte lauten können. Damit auch der letzte Depp noch in der Buchhandlung begreifen kann, von welch zentraler Bedeutung der Erwerb des Buches ist, prangt auf dem Umschlag ein roter Aufkleber mit den aufrüttelnden Worten:

shakespeare-fremden-2

Das Buch beginnt dann mit einem erschütternden Vorwort von Heribert Prantl, der wie kein anderer prädestiniert ist, festzustellen, dass das Land einen neuen Thomas Morus braucht; zum Glück erwähnt er nicht, dass nicht nur die Rede, die Shakespeare Morus in den Mund gelegt hat, vollständig fiktiv ist, sondern er kümmert sich ebensowenig darum, dass Morus’ Auftreten beim Aufstand 1517 vollständig unwirksam war und die Krone die fremdenfeindlichen Ausschreitungen damals mit militärischer Gewalt unterdrücken musste.

Nachdem man von Prantl darauf vorbereitet worden ist, wie man den nachfolgenden Text zu verstehen habe, wird man eingeführt, nicht etwa in das Fragment des Theaterstücks über Thomas Morus, das ein Kollektiv von Autoren, die heute kaum einer mehr kennt, um das Jahr 1600 zu verfassen versuchte, aber am Widerstand der elisabethanischen Zensur scheiterte, sondern in ein Fragment dieses Fragments, nämlich der einzigen Szene dieses Stücks, bei der sich die Shakespeare-Forschung inzwischen darauf geeinigt hat, dass sie direkt aus der Hand des Stratforder Meisters stammt: (vielleicht) das einzige literarische Manuskript, das von Shakespeare erhalten geblieben ist.

Wir erfahren nun, was zuvor geschah: nämlich, dass die Fremden –es handelt sich um religiöse, politische und wirtschaftliche Flüchtlinge aus Frankreich und Flandern – gegenüber den einheimischen Londoner Händlern und Handwerkern übergriffig geworden sind, ihnen also nicht nur wirtschaftliche Konkurrenz gemacht, sondern sich auch so benommen haben, wie es Gästen nicht zusteht. Dies wird im Stück nicht als Gerücht oder üble Nachrede behandelt, sondern als tatsächliches Geschehen auf der Bühne vorgeführt. Schon das könnte einen Schatten auf die Interpretation werfen, die das Buch versucht, seinen Lesern zu verkaufen.

Doch nun kommen endlich die knapp acht Seiten Shakespeare: Die aufgebrachte Londoner Bevölkerung hat sich zusammengerottet und will sich auch nicht von den herbeigeeilten Adeligen beruhigen lassen. Allerdings sind die Bürger bereit, Thomas Morus, seines Amtes Sheriff, anzuhören. Morus beruhigt die Bürger im Wesentlichen mit zwei Argumenten: Ihr Aufstand sei ein Akt des Ungehorsams gegen den König und damit zugleich gegen Gott; und außerdem sei ihr Ziel unmoralisch, denn sie verstießen gegen den Grundsatz, dass man andere so zu behandeln habe, wie man selbst behandelt werden wolle. Er verspricht den Aufständigen sich für ihre Begnadigung einzusetzen, und diese antworten, wie es vernünftige Aufständige zu jeder Zeit getan haben: Wenn nur Thomas Morus ihnen nicht böse sein wolle und sich für sie verwende, so gingen sie liebend gern ins Gefängnis. Daraufhin lassen sie sich willig abführen. Wenn nur der braune Mob so nachgiebig wäre.

Auch im weiteren Stück geht es nicht um die Fremden im Lande, sondern um das Schicksal der Aufständigen: Diese werden allesamt nach gutem Recht zum Tode verurteilt, einer auch aus Versehen und um der dramatischen Wirkung willen schon einmal gehängt, als die Nachricht eintrifft, dass Morus sich beim König kniefällig für sie verwandt und ihre Begnadigung erlangt hat. Große Freude im Lande: Pegida ist doch gar nicht so schlimm!

Man muss Übersetzer Frank Günther zugute halten, dass er im Anhang zu diesem Nichts von einem Text zugesteht, dass es sich bei der humanitären Rede Morus’ um eine rein rhetorische Übung Shakespeares handelt. Auch wird dem Leser – wenn er denn bis dahin vordringt – mitgeteilt, dass die historischen Ereignisse des Jahres 1517 mit der Darstellung im Theaterstück von 1600 nicht so sehr viel gemein haben (bis vielleicht auf die Kleinigkeit, dass hier wie da die Fremden selbst Schuld sind an dem Zorn, der ihnen entgegenschlägt), ja sogar, dass der kurze Text kaum zu dem Zweck taugt, zu dem er hier instrumentalisiert wird. Aber was soll’s: Er ist von Shakespeare, und es ist ja immerhin gut gemeint! Und Geld bringt’s auch.

Ein Buch VON ERSCHÜTTERNDER AKTUALITÄT.

William Shakespeare: Die Fremden. Für mehr Mitgefühl. Aus dem Englischen von Frank Günther. dtv 14555. München: dtv, 2016.  Broschur, 69 Seiten. 6,– €.