Susanne Fischer: »Julia, laß das!«

Julia, oder die Gemälde ist der letzte Roman, an dem Arno Schmidt bis zu seinem zum Tode führenden Schlaganfall gearbeitet hat. Die 100 Typoskriptseiten, die fertig wurden, sind 1983 in der damals üblichen Weise als photomechanische Wiedergabe bei Haffmans erschienen; seit 1992 gibt es auch die gesetzte Fassung innerhalb der Bargfelder Ausgabe. Diese 100 Seiten sind einerseits typisch für das Spätwerk (eine Gruppe von Erwachsenen, der eine Gruppe von Jugendlichen gegenübergestellt ist; eine weitere Gruppe von Hippies (hier variiert als Hexen), die als gesellschaftliche Außenseiter nur sich und ihrer Lust leben; eine einzelne, etwas geisterhafte junge oder wie hier auch sehr junge Frau, die zwischen diesen Gruppen osziliert; Gespräche über abgelegene und halbvergessene Literatur und Schmidts psychoanalytisch unterfütterte Etymmystik; eine reduzierte Handlung, die in der Hauptsache dazu dient, die Figurenkommunikation zu steuern), andererseits bilden eine Reihe von Autoren das literarische Unterfutter des Buches, die bislang bei Schmidt nur eine kleine oder gar keine Rolle gespielt hatten (Balduin Möllhausen, Jakob Lorber, Friedrich Thesmar, H. P. Lovecraft oder Rider Haggard).

Erzählanlass ist, dass bei einem Besuch des Bückeburger Schlosses sich das junge Mädchen Julia aus dem Gemälde „Die vier Schwestern von Oranien“ von Jan Mytens (das existierende Gemälde zeigt eine Gruppe erwachsener Frauen) in den alternden und herzkranken Schriftsteller Leonhard Jhering verkuckt, aus ihrem Bild heraussteigt und von nun an bis zum Ende durch den Roman geistert. Eines der geplanten Enden des Romans sieht vor, dass Jhering zusammen mit Julia ins Bild zurückgekehrt ist und dort nun der Zeitlichkeit entrückt der Ewigkeit entgegenexistiert.

Natürlich war schon bei Erscheinen des Typoskripts 1983 eine für Schmidt-Leser wichtige Frage, was zwischen der Seite 100 und diesem möglichen Ende noch alles durchgespielt werden sollte. So veröffentlichte Haffmans 1985 im Arno-Schmidt-Raben einen ersten Satz von 41 Notizzetteln aus dem Zettelkasten zur Julia. Seitdem bestand mehr oder weniger die Hoffnung (oder eben auch die Befürchtung), dass eine Edition der kompletten Notizzettel aus dem Zettelkasten zur Julia zumindest eine Ahnung von dem geben könnte, wie Schmidt den Roman fortgesetzt hätte. Dieser Hoffnung wurde jetzt mit dem Buch von Susanne Fischer ein Ende gesetzt: Weder wird es in absehbarer Zeit eine vollständige Publikation des Zettelkastens geben, noch gibt es irgendeine Möglichkeit aus dem vorhandenen Nachlass-Material eine auch nur irgendwie geartet Extrapolation der nicht geschriebenen Teile des Romans zu leisten. Selbst Elemente, die sich aus den ganz allgemeinen Entwürfen ablesen lassen – so etwa die Überfahrt zum Wilhelmstein, der dabei erfolgende Schiffbruch und die dann erzwungene Existenz auf der Insel – bleiben vollständig abstrakt, weil entweder kein, nur unzureichendes oder gar widersprüchliches Material im Kasten vorliegt.

Grundsätzlich geben die Zettel zur Julia denselben Eindruck wie andere ganz oder teilweise bekannte Zettelkästen zu anderen Werken: Ohne den Kopf des Autors sind sie weitgehend wertlos und liefern nur unverbundene Details, von denen nicht einmal sicher ist, wie und in welcher Reihenfolge sie im Roman letztlich verarbeitet werden sollten. Was Susanne Fischer nun als Ersatz für einen kompletten Abdruck der Notizzettel liefert, ist eine allgemeine Beschreibung von dessen Inhalt – mit dem Hauptgewicht auf jenem Teil, der für die noch ungeschriebenen Kapitel der Julia vorgesehen war – mit zahlreichen Einzel-Beispielen. Überraschendster Befund ist dabei, dass ein Großteil der Zettel der Sexualität, konkreter der Beschreibung diverser Geschlechtsakte gewidmet ist. Sex im Alter bzw. älterer Menschen scheint ein weiteres, den Autor sehr beschäftigendes Thema gewesen zu sein. Fischer betont mehrfach zu Recht, dass sich nicht erkennen lasse, wie viel des gesammelten Materials am Ende verwendet worden wäre, aber zumindest lässt sich feststellen, dass sich die in Schmidts Spätwerk abzulesende Tendenz zur Aufspaltung der sozialen Welt in eine ästhetisch abgehobene, ins Phantastische grenzenlos übergehende und eine krude, weitgehend von Sexualität in diversen Spielformen bestimmte Wirklichkeit hier nahtlos fortsetzt. Die in Sitara und der Weg dorthin an der Werken Karl Mays und in Zettel’s Traum an denen Edgar Allan Poes durchgespielte Analyse der Literatur als verdeckte Darstellung der sexuellen Obsessionen ihrer Autoren zusammen mit Schmidts von Anfang an vorhandener Neigung zu dichotomen Unterscheidungen („Bezeichnend für uns Gemisch aus Scheiße und Mondschein.“ – Goethe und Einer seiner Bewunderer. BA I, 2. S. 200.) führen zu dieser zwar produktiven aber kaum wirklichkeitsnahen Weltsicht. Auch ist die beschriebene Welt der Romane glücklicherweise immer deutlich reicher, als deren Verständnis durch die Protagonisten erlauben sollte.

Insgesamt bringt der Band eine negative Bereicherung unseres Wissens um Arno Schmidt, in dem er jegliche Hoffnung aufhebt, das merkwürdige Fragment der Julia mit Hilfe des Nachlasses tatsächlich noch zum letzten vollständigen Roman Arno Schmidts destillieren zu können. Und es ist Susanne Fischer sehr zu danken, dass sie die sicherlich nicht einfache Entscheidung getroffen hat, den Erwartungen der Schmidt-Leser nicht nachzugeben und den Zettelkasten zur Julia Zettel für Zettel abdrucken zu lassen. Dass das eines Tages dennoch geschehen wird, ergibt sich aus dem Sinn und der Aufgabe der Arno Schmidt Stiftung nahezu von selbst. Ich wenigstens will hoffen, dann keine Bücher mehr kaufen zu können.

Susanne Fischer: »Julia, laß das!« Arno Schmidts Zettelkasten zu Julia, oder die Gemälde. Berlin: Suhrkamp, 2021. Klappenbroschur, Fadenheftung, 146 Seiten. 30,– €.

Michael Köhlmeier: Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund

Es ist auch für eine kleine, eher unauffällige Buchreihe in einem großen Verlag eher ungewöhnlich, in ihr einen so bekannten und weitverbreiteten Text wie E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf in einer Einzelausgabe neu herauszugeben, umso mehr, wenn es sich um einen einfachen Nachdruck aus einer anderen Ausgabe handelt, es also keine philologisch bemerkenswerten oder wenigstens ungewöhnlichen Abweichungen zu bisherigen Ausgaben gibt. Dennoch ist es hier geschehen, und ich erlaube mir anzunehmen, dass es ausschließlich deshalb geschehen ist, um Michael Köhlmeiers Nachwort – Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund – beides in Hoffmans Manier abdrucken zu können und dennoch ein Büchlein von nennenswertem Umfang zu erhalten.

Ich erlaube mir daher, hier nicht die Erzählung Hoffmans vorzustellen – das findet man schon anderswo –, sondern mich auf das Nachwort Köhlmeiers zu konzentrieren. Köhlmeier erzählt darin von einem jungen Freund, ebenso Schriftsteller wie er, der zu ihm in einer Art von Schüler-Verhältnis steht, ihn wenigstens als erfahreneren und gebildeteren Mentor ansieht. Diesen jungen Mann habe Köhlmeier gebeten, Hoffmanns Der goldene Topf zu lesen, und Köhlmeier berichtet nun das sich an diese Lektüre anschließende Gespräch. Der junge Mann ist weitgehend unbeleckt von jeglicher Kenntnis der Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts und liest den Text nach dem Hinweis Köhlmeiers als ein Märchen, ohne seinen biographischen, kulturellen oder historischen Hintergrund zu kennen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der junge Mensch einen – aus der Sicht von jemandem, der mit dem Hintergrund des Textes und der Biographie des Autors etwas vertrauter ist – recht schiefen, aber nicht gänzlich falschen Eindruck von dem Text bekommt. Dem wird in dem Gespräch die Begeisterung und tiefe Verehrung Köhlmeiers entgegengesetzt, so dass wir einerseits einen verstörten Blick auf ein literarhistorisches Fragment, andererseits einen enthusiasmierten Blick auf ein geliebtes Stück der persönlichen Lesegeschichte Köhlmeiers haben, die einander unvermittelt gegenüberstehen. Der Text ist nett zu lesen, er bleibt aber als Essay zu flach und als Erzählung zu ziellos. Und als Werbetext für E. T. A. Hoffmann steht er am falschen Ort.

Es ist zu vermuten, dass es sich um ein Seitenstück zu dem jüngst bei Hanser erschienenen Roman Matou von Michael Köhlmeier handelt, der einen schreibenden Kater in der Tradition des Hoffmannschen Katers Murr erfindet, der seine sieben Leben autobiographisch nacherzählt.

Mich selbst hat der Text einmal mehr neugierig auf den Romanschriftsteller Köhlmeier gemacht, und ich habe sein Abendland mal nach oben auf den SuB gelegt. Mal sehen, was die Zeit bringt.

E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf. Mit einem Nachwort von Michael Köhlmeier. München: Beck, 2021. Bedruckter Pappband, 128 Seiten. 16,– €.

Jean Canavaggio: Cervantes

Miguel de Cervantes hat für einen Schriftsteller – wenigstens nach unseren bürgerlichen Vorstellungen – ein recht abenteuerliches Leben geführt. Er wurde geboren in dem Jahr, als der Konquistador Hernán Cortés starb, also noch unter der Herrschaft Karls I., als eines von sieben Kindern eines Wundarztes, der seine Familie mehr schlecht als recht über die Runden brachte. Er machte schon in seiner Kindheit zusammen mit seiner Familie eine unruhige Wanderzeit durch, die sein Leben für sehr lange Zeit prägen sollte. Trotz der Armut seiner Familie erhält Miguel eine solide Schulbildung, man spekuliert, ob in einer jesuitischen Schule in Córdoba; ein nachfolgendes Studium der Theologie, das ihm einige Biographen zuschreiben, ist nicht nachweisbar. Wahrscheinlich träumt er in diesen Jahren schon von einer Karriere als Schriftsteller.

Bevor er überhaupt Zeit gehabt hätte, sich an einer Universität einzuschreiben, flieht er nach Italien, wahrscheinlich um sich einer Verhaftung aufgrund eines Duells zu entziehen, arbeitet dort kurzzeitig als Kammerdiener für den späteren Kardinal Giulio Acquaviva und tritt dann ins spanische Heer ein, wird also Teil der spanischen Besatzungsmacht in Italien. Er nimmt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Rodrigo als Soldat an der Seeschlacht von Lepanto teil, wird dort von drei Kugeln verletzt, von denen eine seine linke Hand durchschlägt und unbrauchbar macht.

Da die Kriegstätigkeit der Spanier danach in eine etwas ruhigere Phase eintritt, entschließt er sich, zusammen mit Rodrigo nach Spanien zurückzukehren, doch kurz vor der Ankunft wird das Schiff von Piraten aufgebracht und alle Passagiere als Sklaven bzw. Geiseln nach Algier verschleppt. Da Miguel Empfehlungsschreiben hoher Militärs bei sich hat, vermutet man in ihm und seinem Bruder lohnende Geisel, so dass beide gefangengesetzt, aber nicht als Sklaven verkauft werden. Miguel wird fünf Jahre in Algier bleiben, bis es endlich gelingt, ihn freizukaufen und nach Spanien zurückzubringen. In diesen fünf Jahren unternimmt er vier erfolglose Fluchtversuche; am Ende steht er kurz davor, als Galeerensklave eingesetzt zu werden, als buchstäblich in letzter Minute sein Freikauf gelingt. Nach zehn Jahren Abwesenheit kehrt Miguel im Dezember 1580 zu seiner Familie zurück.

In der Folgezeit arbeitet er zum einen an seinem ersten Roman Galatea – einem Schäferroman, wie sie damals überaus beliebt waren –, dessen erster Teil 1585 erscheint (der zweite Teil wurde wohl nie geschrieben). Zum anderen versucht er gleichzeitig als Veteran und ehemalige Geisel vom Hof eine Sinekure zu erhalten, doch ist seine Familie dafür offenbar nicht einflussreich genug. Nicht, dass man ihm bei seinem Schicksal nicht entgegenkommen möchte, aber nur, indem man ihn mit konkreten Missionen beauftragt, die zwar bezahlt werden, aber das Wann ist eher ungewiss. So schlägt sich Cervantes ab 1587 jahrelang als Kommissar zur Requirierung von Öl und Getreide für die spanische Flotte durchs Leben. Das bedeutet nicht nur umständliche Verhandlungen mit unwilligen Bauern und Magistraten, die die unzuverlässige Zahlweise des königlichen Schatzamtes kennen und ihre Ernte lieber auf dem freien Markt anbieten möchten, Cervantes hat sich auch selbst ständig mit der Finanzbehörde herumzuschlagen, ist böswilligen Verleumdungen ausgesetzt und gerät einmal sogar wegen eine falschen Beschuldigung kurzzeitig ins Gefängnis.

Erst Mitte 1594 gibt er dieses Geschäft auf, um Steuereintreiber zu werden. Seine Besoldung kann er in diesem Fall direkt von den eingetriebenen Steuern in Abzug bringen, was ihm aber nichts nützt, da er die gesamten eingezogenen Gelder bei einem Kaufmann hinterlegt, der das zum Anlass nimmt, einen betrügerischen Bankrott zu veranstalten und sich mit dem Bargeld aus dem Staub zu machen. Zwar gelingt es Cervantes, die Steuergelder aus der Konkursmasse zu retten, sein eigenes Geld aber ist unrettbar verloren. Auch diese Affäre geht nicht ohne einen erneuten Gefängnisaufenthalt ab.

Ab 1598 wieder frei, beginnt Cervantes mit der Arbeit am Don Quijote, an dessen erstem Teil er über sieben Jahre hinweg arbeiten wird. Als der Roman Anfang 1605 in Madrid erscheint, macht er seinen Autor nahezu sofort zu einem der bekanntesten Schriftsteller, und das innerhalb weniger Monate nicht nur in Spanien sondern in ganz Europa und Südamerika (bereits im Februar 1605 wird ein erstes Kontingent des Buches nach Peru exportiert). Von dieser Zeit an scheint Cervantes in der Hauptsache als Autor gelebt zu haben.

Neben 16 Theaterstücken erscheinen in den elf Jahren bis zu seinem Tod – in denen Cervantes übrigens ein weiteres Mal für kurze Zeit ins Gefängnis geworfen wird – noch die Novellas Exemplares (ein weiterer europaweiter Erfolg), ein poetologisches Versepos Die Reise zum Parnass und schließlich im November 1615 der 2. Teil des Don Quijote, nachdem bereits im Jahr zuvor ein pseudonymer 2. Teil erschienen war, der sich nicht nur an den Erfolg des Buches anhängen wollte, sondern dessen Vorwort auch eine üble Beschimpfung des Original-Autors enthielt. Cervantes geht sowohl in der Vorrede als auch im Text seines eigenen 2. Teils auf diese Fälschung und besonders auf die Verleumdungen ein und zahlt es dem anonymen Fälscher mit besserer Münze heim. Am 22. April 1616 – so jedenfalls sein Biograph Canavaggio – stirbt Cervantes in Madrid. Postum erscheint 1617 sein letzter Roman Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda.

All dies schildert in erstaunlicher Detailfülle die musterhafte akademische Biographie Canavaggios, der als einer der bester Kenner Cervantes’ gelten muss. Sein Buch ist – soweit ich das sehe – immer noch die präziseste Beschreibung dieses Lebens, obwohl es bereits aus dem Jahr 1986 stammt. Canavaggio liefert nicht nur die bekannten Tatsachen, sondern auch die zahlreichen biographischen Spekulationen und Legenden seiner Kollegen, jeweils mit einer exakten und verlässlichen Einordnung. Zudem werden der historische Hintergrund und die sehr dynamische ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung Spaniens während der Lebenszeit Cervantes’ kurz und eingängig vermittelt. Dabei ist das Buch durchweg gut lesbar und klar strukturiert. Bei all diesen Vorteilen ist es selbstverständlich, dass es nicht mehr im Druck ist und nur noch antiquarisch erworben werden kann.

Jean Canavaggio: Cervantes. Aus dem Franzöischen von Enrico Heinemann und Ursel Schäfer. Zürich u. München: Artemis, 1989. Leinen, 387 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Michel Winock: Flaubert

Die Worte schienen ihm durchaus nicht zuzuströmen, für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.

Thomas Mann

Der Hanser Verlag hat im Vorfeld des 200. Geburtstages von Gustave Flaubert die in Frankreich hochgelobte Biographie des Historikers Michel Winock aus dem Jahr 2013 ins Deutsche übertragen lassen. Winock ist zweifellos das, was man einen Fan nennen könnte, aber sein Buch bewahrt dennoch eine weitreichende Obejktivität, nicht nur, was Flaubert selbst angeht, sondern auch die vorhergehende Literatur über ihn betreffend. Es kommt dem Buch sicherlich sehr zugute, dass Winock kein Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist und so bei einigen der umstrittenen Themen der Flaubert-Forschung die gegensätzlichen Auffassungen schlicht einander gegenüberstellen und dann auf sich beruhen lassen kann. Ebenso ist seine souveräne Position zu Sartres überbordener Interpretation Flauberts erfrischend.

Gustave Flaubert ist ein erstaunlicher Autor: Sein Werk besteht im Wesentlichen aus drei schwierigen Romanen und drei Erzählungen, ergänzt durch das Fragment eines vierten Romans, der bis heute Leser eher irritiert als fasziniert. Zu seinen Lebzeiten scharfer Kritik ausgesetzt, stieg er im 20. Jahrhundert zu einem der Gründungsväter der modernen und Klassiker der französischen Literatur auf; sein Einfluss auf Schriftsteller seiner und nachfolgender Generationen kann kaum überschätzt werden.

Im Vergleich mit seine Kollegen hat Flaubert auf der einen Seite ein weitgehend einsiedlerisches Leben in der Provinz geführt, das der Arbeit an seinen Romane gewidmet war, die langsam und unter den größten stilistischen Skrupeln entstanden sind. Er musste stets seine juvenile Neigung zum Romantizismus und zum sprachlichen Überschwang im Zaum halten, und sein Glaube, dass ein Erzähler sich jedes Urteils über seine Figuren und deren Handlungen enthalten müsse, hat zu seinem bemerkenswert kühlen und distanzierten Stil geführt. Seine Stoffe entstammen einerseits unmittelbar seiner Gegenwart, andererseits einer phantastisch imaginierten Antike, in die er alle seine andern Orts unterdrückten Leidenschaften und schwarzen Gedanken projizierte.

Auf der anderen Seite war er ein aktiver Promoter und Regisseur der Theaterstücke seines Kollegen Louis Bouilhet, der ohne die Freundschaft mit Flaubert heute vollständig vergessen wäre, ein unermüdlicher Briefschreiber, der auf diese Weise durchaus intensive Freundschaften auch zu bedeutenden Kolleginnen und Kollegen (Georg Sand, Iwan Turgenew) unterhielt. Er hat eine Wohnung in Paris unterhalten und gehörte zum Künstlerkreis um die Brüder Goncourt, die in ihren Tagebüchern einige der schönsten und gehässigsten Porträts seiner Persönlichkeit geliefert haben. Er hat Nordafrika, Ägypten, den Nahen Osten und Istanbul bereist und war regelmäßig in England, wahrscheinlich um eine heimliche Geliebte zu treffen – tatsächlich so heimlich, dass auch heute noch nur darüber spekuliert werden kann. Zu diesen persönlichen Widersprüchen treten Flauberts soziologische und politische Vorurteile hinzu, die alles andere als ein einheitliches Weltbild ergeben und zu denen auch noch seine allgemeine Misanthropie und seine tiefe Verachtung der menschlichen, besonders aber der bürgerlichen Dummheit hinzutreten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Winocks resümierendes, letztes Kapitel sich weitgehend in einer Auflistung dieser Gegensätze erschöpft. Flaubert war alles andere als eine gerundete und in sich geschlossene Persönlichkeit, und so erscheint er auch in Winocks Erzählung.

Was die sachliche Ebene angeht ist das Buch, soweit ich sehe, bis auf eine Winzigkeit fehlerfrei. In der ersten Hälfte habe ich als Leser ein wenig zu oft gedacht, das hätte ich so auch schon bei Maxime Du Campe oder Guy de Maupassant gelesen, aber das muss einen anderen Leser durchaus nicht stören. Die Interpretationen der Werke sind durchweg gut bis herausragend – wer sich einen Eindruck von der Qualität des Buches verschaffen will, lese die der Education sentimental gewidmeten Kapitel XVIII bis XX. Bei der Analyse von Leben und Werk wird nebenbei eine kurze Geschichte Frankreichs von der Juli-Revolution bis in die frühen Jahre der Dritten Republik hinein mitgeliefert. Zudem finden sich knappe biographische Portraits etwa von Louis Bouilhet, George Sand oder Maxime Du Camp.

Alles in allem eine runde, gut lesbare und ausgewogene Biographie, nach deren Lektüre man sich als ausreichend informiert und gerüstet für die Lektüre der Werke Flauberts fühlen darf.

Michel Winock: Flaubert. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim. München: Hanser, 2021. Pappband, Lesebändchen, 655 Seiten. 36,– €

Friedhelm Rathjen: Arno-Schmidt-Chronik

Im Jahr 2014 erschien zum 100. Geburtstag Arno Schmidts im Bargfelder Boten eine erste Fassung von Friedhelm Rathjens Arno-Schmidt-Chronik, die soeben in erweiterter und korrigierter Neuauflage in Rathjens eigenem Verlag, der Edition Rejoyce, wieder aufgelegt worden ist. Zumindest bis zum Erscheinen der Arno-Schmidt-Biographie von Sven Hanuschek, aber wahrscheinlich auch darüber hinaus ist dies die zuverlässigste kompakte Quelle für Informationen zum Leben Arno Schmidts. Die Neufassung ist ergänzt um vier Register (Werke Schmidts, Orte, Personen sowie Verlage, Medien, Nachschlagewerke), die es möglich machen, auch thematische Querbezüge herzustellen.

Rathjen verweist im Vorwort darauf, dass Schmidts Werk starke dynamische Veränderungen durch diverse Einflussfaktoren aufweist; Schmidts Lebensumstände waren selbstverständlich einer davon. Von daher liefert eine solche Chronologie eines der Gerüste, an denen entlang die Entwicklung von Schmidts Werk verständlich wird.

Aber das Buch kann nicht nur als Datenquelle benutzt werden, es ist durchaus auch von Anfang bis Ende als dichter biographischer Essay lesbar. Sicherlich werden sich dabei Leser, die Schmidts Werk schon ein wenig kennen, leichter tun als jene, die erst einen Zugang zu Schmidts literarischer Welt suchen.

Friedhelm Rathjen: Arno-Schmidt-Chronik. Daten zu Leben & Werk. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2021. Bedruckter Pappband, 186 Seiten. 30,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust

Nur aus der sorgsamen Sammlung und Vergleichung solcher Einzelzüge kann in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung das Gesamtbild erarbeitet, kann die Intuition geklärt werden.

Es ist immer gut, wenn ein Text von Ernst Robert Curtius neu gedruckt wird. Das vor allem muss man im Gedächtnis halten!

Ernst Robert Curtius (1886–1956) war ein bedeutender deutscher Romanist und akademischer Lehrer. Er hat mit seinem Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948) einen Neuansatz der philologischen Beschäftigung mit den Traditionslinien der Literaturvermittlung zwischen Antike und Neuzeit geschaffen. Was aber viel wichtiger ist: Er war einer der wenigen außergewöhnlichen Leser der Literatur der Moderen. Curtius war nicht nur in der Lage, den Joyceschen Ulysses unmittelbar nach dem Erscheinen angemessen zu rezipieren, sondern er hat auch einen Essay über das Buch geschrieben, der für Jahrzehnte alles überragte, was von Deutschen über dieses Buch geschrieben wurde. Ebenso ist es mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, über das bereits 1925 ein umfangreicher Essay von Curtius erschienen ist, also noch bevor die beiden letzten Bände aus dem Proustschen Nachlass herausgegeben wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Proust in Deutschland noch nahezu unbekannt. Diesen Text – oder beinahe diesen Text – drucken Schöffling & Co. nun wieder nach.

Curtius beschäftigt sich nur en passant inhaltlich mit den Romanen; stattdessen nähert er sich unter verschiedenen Schlagwörtern immer weiter der schriftstellerischen Arbeit und der Weltsicht Prousts an. Man sollte also weder eine Einführung noch eine biografische Studie erwarten, sondern hier schreibt ein Literaturwissenschaftler für akademische Leser über die Bedeutung des Proustschen Werks für die moderne Literatur und unsere Verständnis von Kunst überhaupt. Es ist eines von den Büchern, die man, selbst wenn man einzelnen Gedanken nicht zustimmen mag oder sich Details als obsolet erweisen, dennoch mit großem Gewinn und Vergnügen liest; das gilt auch für jemanden wie mich, der einen kompletten Durchgang durch den Romanzyklus trotz mehrerer Anläufe bisher nicht geschafft hat.1

Der philologische Leser sollte allerdings wissen, dass Schöffling & Co. sich dazu entschlossen haben, in den Text insoweit einzugreifen, als die Passagen aus den Schriften Prousts, die bei Curtius selbstverständlich in der Originalsprache zitiert wurden, im laufenden Text durch Übersetzungen von Michael Kleeberg ersetzt werden; die Original-Zitate werden im Anhang mitgeliefert, so dass nichts wirklich verloren geht außer dem Text, den Curtius verfasst hat. Das wird die meisten Leser des Bandes nicht stören und wahrscheinlich auch die Anzahl der Käufer des Bandes deutlich erhöhen. Aber es ist eben auch die Art von Entscheidung, die vor dem imaginierten Publikum und den sogenannten Gesetzen des Marktes kapituliert, noch bevor es zur eigentlichen Auseinandersetzung gekommen ist. Und über das Nachwort Kleebergs möchte ich lieber ganz schweigen.

Wer Curtius noch nicht kennt, findet hier die Gelegenheit, einen der ganz großen Leser des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Es ist ein Einstieg in eine ganz eigene, originelle Lesewelt.

Ernst Robert Curtius: Marcel Proust. Frankfurt/M.: Schöffling & Co., 2021. Pappband, Lesebändchen, 200 Seiten. 24,– €.


1 Ich hoffe immer noch darauf, dass mein zentrales Problem durch die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer behoben wurde, da für mich das Deutsch von Eva Rechel-Mertens auch in der überarbeiteten Neufassung gänzlich unverdaulich ist.

Abenteuer der Vernunft

Goethe ist das Muster dessen, was man als einen Universaldilettanten ansehen darf, und es ist in diesem Fall nicht einmal negativ gemeint. Goethe hatte seit früher Jugend ein ungewöhnlich breit gestreutes Interesse an nahezu allen Na­tur­er­schei­nun­gen, betrieb Forschungen auf eigene Faust, ohne den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Ent­wick­lung auf den entsprechenden Gebieten zu kennen oder für die Analyse seiner eigenen Neugier methodisch ausreichend gerüstet zu sein. Insbesondere seine lebenslange Antipathie gegen die mathematischen Fundamente der Naturwissenschaft stand ihm für einen wirklich erschöpfenden Zugang zu physikalischen Phänomenen immer im Weg.

Mit Abenteuer der Vernunft präsentiert die Klassik Stiftung Weimar nach ihrer eigenen Aussage zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über Goethes naturwissenschaftliche Sammlung. Der Katalog versammelt auf mehr als 420 Seiten Begleittexte zu den Ausstellungsstücken, die nicht nur das jeweilige Interesse Goethes thematisieren, sondern seine Einsichten immer auch in den allgemeinen wissenschaftlichen Horizont der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert darstellen. Der historisch wenig bewusste heutige Leser hat vom Zustand der Naturwissenschaften dieser Zeit in der Regel nicht einmal annähernd eine Vorstellung: Es beginnt wahrscheinlich damit, dass die biblische Schöpfungsgeschichte in weiten Teilen immer noch als eine exakte Beschreibung der Weltentstehung betrachtet wurde und werden musste. Die Forschung hatte keine Ahnung vom tatsächlichen Alter des Planeten und eine nur unvollständige Vorstellung von den die Erdkruste gestaltenden Kräften. Zwar hatte man schon begriffen, dass Pflanzen und Tiere in engeren und weiteren Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­sen zueinander stehen, aber echte Theorien der Entwicklung der Arten waren erst bruchstückhaft und theoretisch nicht gut verstanden. Der Artbegriff selbst war noch statisch; das Konzept aussterbender Arten begann sich gerade erst zu entwickeln. In der Chemie machte man große Entdeckungen, war aber von einem systematischen Verständnis der Beziehung der chemischen Elementen untereinander noch weit entfernt. Einzig und allein in der Physik schien Newton grundlegende und unbestreitbare Einsichten gehabt zu haben; aber auch hier war man von einem modernen Verständnis der Natur noch weit entfernt: noch keine Atomtheorie, das Sonnensystem bildete wesentlich das Universum, wenn es sich auch jüngst als bei weitem nicht so begrenzt erwiesen hatte, wie seit Jahrtausenden angenommen worden war; auch das Phänomen der Sterne war noch nicht gut, das der Nebel gar nicht verstanden.

Goethe war an nahezu allen wissenschaftlichen Fragen und Ent­wick­lun­gen seiner Zeit interessiert. Er selbst stand früh in Opposition zur Newtonischen Optik und hat seine eigene Farbenlehre sicherlich für einen wesentlichen Beitrag zur Naturwissenschaft gehalten. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log dokumentiert Goethes breite Beschäftigung mit den Na­tur­wis­sen­schaf­ten gut; wer sich die Mühe macht, den Katalog wirklich durch­zu­ar­bei­ten, bekommt neben einem umfassenden Bild von der Goetheschen Neugier auch eine grundlegende Einsicht in das Weltbild der Forschung dieser Zeit. Dabei werden – das kann nicht weiter überraschen – Goethes eigene Einsichten und Theorien in einem so günstigen Licht dargestellt, wie es sich einrichten lässt, ohne die ihnen notwendig innewohnenden Mängel zu leugnen. Man könnte Goethes wissenschaftliche Beschäftigung auch in einem deutlich harscheren Bild darstellen, ohne sich den Vorwurf ein­zu­han­deln, man sei unfair. Aber angesichts der Fülle des gebotenen Materials und der Güte der allgemeinen Darstellung bleibt eine solche Kritik klein­lich.

Für alle in einem breiteren Sinne an Goethe Interessierten ein um­fang­rei­ches und umfassendes Lesebuch.

Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800. Ausstellungskatalog. Hg. v. Kristin Knebel, Gisela Maul u. Thomas Schmuck. Dresden: Sandstein, 2019. Pappband, Fadenheftung, Kunstdruckpapier (26 cm × 24 cm), 423 Seiten. 38,– €.

„Verrückt nach Karten“

Von Zeit zu Zeit fällt einem doch wieder einmal ein rundum gelungenes Buch in die Hand! Dieser großformatige Band (ein wenig über DIN A4) widmet sich dem Zusammenhang zwischen Kartographie und Literatur, also nicht nur dem Phänomen der fiktiven Karten, sondern auch dem der geographischen Karten, die zu Stoff für die Phantasie von Autoren wurden oder die selbst ihre weißen Flächen mit erfundenen Kontinenten, Inseln, Ländern und Bewohnern angefüllt haben. Er ist üppig bebildert und enthält zahlreiche locker geschriebene, gut lesbare und interessante Essays, die sich von ganz verschiedenen Richtungen aus dem zentralen Thema annähern: So eröffnet der Herausgeber Huw Lewis-Jones den Band mit einem ausführlichen Gang durch den Teil der englischsprachigen Literatur, der auf die ein oder andere Weise mit der Kartographie verbunden ist; es folgen dann Autoren der phantastischen Literatur, Zeichner phantastischer Karten (darunter Daniel Reese, der die Karten für die Herr-der-Ringe-Verfilmungen von Peter Jackson gezeichnet hat), Leserinnen und Leser (so etwa die witzige und immer originelle Sandi Toksvig, die durch die durch und durch englische Quizshow QI endgültig zur Berühmtheit geworden ist), ja es findet sich mit Roland Chambers sogar ein Illustrator, der die durchaus weit verbreitete Furcht vor Karten thematisiert.

Der Band ist zu stundenlangem staunenden Blättern ebenso gut wie zur unterhaltendsten Lektüre, die selbst wieder Anlass werden wird zu eigenen Entdeckungen und neuen Lektüren. Als deutschsprachiger Leser wünschte man sich natürlich, dass auch die eigene Literatur vorkäme, so etwa Arno Schmidt mit seinen selbstgezeichneten Karten und Skizzen oder auch Heimito von Doderer mit seinen riesigen Wandplänen, auf denen er die Welt seiner Figuren entworfen hat. Aber man kann nicht alles haben.

Es ist noch ein wenig früh für Geschenktipps zum Fest: Aber mit diesem Buch macht man allen Freunden gleich welchen Literaturgenres eine Freude. Ein ideales Geschenk für sich und andere!

Huw Lewis-Jones (Hg.): Verrückt nach Karten. Aus dem Englischen von Hanne Henninger. Geniale Geschichten von fantastischen Ländern. Darmstadt: wbg Theiss, 2019. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 256 Seiten. 34,– €.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw

Die inzwischen eingestellte Reihe der Rowohlt-Bildmonographien war in meiner Schul- und Studienzeit die einzige einigermaßen zuverlässige Quelle kurz gefasster biographischer Portraits, die im Umfang zwischen lexikalischen Einträgen und umfangreichen Biographien lagen. Dabei war die Qualität innerhalb der Reihe sehr unterschiedlich: Um rasch an Breite zu gewinnen, ließ der Herausgeber Kurt Kusenberg zum Teil essayistische Texte übersetzen, die kaum dem Anspruch einer Biographie genügten (Edgar Allan Poe; der frühe Band zu Joyce von Jean Paris); zum Teil waren die Autoren mit der Darstellung des Werkes oder Wirkens so beschäftigt, dass sie kaum zur eigentlichen Biographie kamen (Martin Luther); zum Teil waren die Autoren dem Dargestellten gegenüber so feindlich eingestellt, dass man das Büchlein über den Anhang hinaus kaum gebrauchen konnte (Gustave Flaubert). Aber abgesehen von solchen Einbrüchen war die Reihe für einen breit und historisch interessierten Leser völlig unverzichtbar, und es gab eben auch keine Alternative.

Auch die Shaw-Biographie von Hermann Stresau gehört zu den eher problematischen Fällen: Sie wurde 1962 geschrieben und seitdem nur im bibliographischen Anhang überarbeitet. Sie liefert eine Biographie im eigentlichen Sinne nur im ersten Drittel, wobei sie sich hier durch holzschnittartige Darstellung und undifferenzierte Urteile auszeichnet (Vater: Taugenichts; Mutter: nicht hartherzig, aber herzenskühl und lieblos; Shaw selbst: schüchtern bis zur Menschenscheu, aber aktives Vereinsmitglied und bedeutender öffentlicher Redner, immer gerade so, wie es passt). Anschließend geht der Text in eine weitgehend von Metaphern getragene Interpretation der Stücke Shaws über, die großteils für den Orientierung suchenden Leser unbrauchbar ist, weil bei den allermeisten Stücken eine schlichte Inhaltsangabe fehlt. Ohne Kenntnis der Stücke ist die Interpretation Stresaus aber weder nachvollziehbar noch überprüfbar.

Auch dieses, nur noch antiquarisch greifbare Büchlein steht ohne Alternative da; selbst im Englischen scheint es keine auch nur halbwegs aktuelle Biographie Shaws zu geben. Auch die sogenannte Werkausgabe in Einzelbänden bei Suhrkamp ist nur noch zur Hälfte lieferbar; es scheint nicht gut bestellt zu sein um Shaw und sein Werk.

Hermann Stresau: George Bernard Shaw. rm 50059. Reinbek: Rowohlt, 122001. Broschur, 178 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Norbert Kohl: Oscar Wilde

Die wesentliche biografische Quelle zu Oscar Wilde ist immer noch Richard Ellmanns Buch von 1988 (deutsch 1991). Aber natürlich haben Verlage und Leser das Bedürfnis nach Neuem, so dass zum letzten Wilde-Jubiläumsjahr 2000 die entsprechenden Bücher in Auftrag gegeben wurden. So auch die Biographie von Norbert Kohl bei Insel. Kohls Biographie hat den unbestreitbaren Vorteil, deutlich kürzer ausgefallen zu sein als die beinahe 800 enggedruckten Seiten Ellmanns. Außerdem liest es sich angenehm glatt weg, wenn auch der Autor hier und da zur Phrase neigt, besonders wenn es zur Interpretation einzelner Werke kommt.

Auszukennen scheint er sich recht gut, soweit ich das beurteilen kann, was auch dadurch dokumentiert ist, dass Kohl parallel zur Biographie eine kleine Quellensammlung herausgeben hat (Oscar Wilde im Spiegel des Jahrhunderts). Insbesondere die Darstellung der Prozesse und der letzten Lebensjahre fand ich konzise und überzeugend.

Ein echter Höhepunkt findet sich gegen Ende, als es um die für den öffentlichen Geschmack etwas zu prominent ausgefallenen Geschlechtsteile des Grabmonuments Wildes geht:

Kaum war Epsteins Grabmonument im Jahre 1912 aufgestellt worden, als es auch schon das Mißfallen des »conservateur en chef du Père-Lachaise« erregte, dem die Größe der Genitalien mißfiel. Nachdem alle Bemühungen, die anstößigen Teile mit Gips zu ummanteln bzw. hinter einem bronzenen Feigenblatt als cache-sexe zu verbergen, nichts fruchteten, weil sie immer wieder entfernt wurden, umhüllte man kurzerhand das gesamte Grabmal mit einer Plane. Erst ab 1914 war es wieder zu besichtigen. Noch 1961 nahmen Unbekannte an der ausgeprägten Männlichkeit des geflügelten Wesens Anstoß und schlugen ihm beide Testikel ab, die fortan dem Konservator des Friedhofs als Briefbeschwerer (!) dienten und seit langem verschollen sind.

Ich denke, zumindest dieses Detail der Nachwirkung Oscar Wildes sollte bekannter sein.

Norbert Kohl: Oscar Wilde. Leben und Werk. Frankfurt/M.: Insel, 2000. Pappband, Fadenheftung, 344 Seiten. Nicht mehr lieferbar.