Helge Hesse: Die Welt neu beginnen

Valeris: Do you not recognize that a turning point has been reached in the affairs of the Federation?
Spock: History is replete with turning points, Lieutenant. You must have faith.

Eine sehr gut geschriebene Geschichte des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts mit dem Fokus auf die entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika, England, Frankreich und Deutschland. Den Auftakt bildet der Beginn der Amerikanischen Revolution, den Schlussstein Napoleons Erklärung, die Französische Revolution sei beendet. Zwischen diesen beiden Punkten verfolgt Hesse die Biographien von etwa drei Dutzend Personen; eine genaue Grenze zwischen diesen Haupt- und den zahlreichen Nebenfiguren lässt sich kaum ziehen. Auswahl und Gewichtung des Hauptpersonals sind recht traditionell; einzig das prominente Auftreten von Captain William Bligh überrascht vielleicht. Dabei darf betont werden, dass Bligh in erstaunlich fairer und neutraler Weise dargestellt wird; er fungiert durchaus nicht als der Bösewicht seiner eigenen Geschichte. Andererseits hat mir persönlich Johann Gottfried Seume gefehlt, dessen Biographie ein zusätzliches Licht auf die Zwangswerbungen und Verschleppung deutscher Bürger als Soldaten für Amerika hätte werfen können. Aber ein Buch kann natürlich nie alles leisten, was man sich wünscht.

Es ist keine leichte Sache, eine vergangene Epoche so interessant und lebendig zu beschreiben, als sei es die Gegenwart der Leser. Das ist hier durchweg gelungen. Es wird vermittelt, dass und wie sich in dieser Zeit moderne Menschen um die Gestaltung ihrer Welt bemühen oder der Beschreibung eben dieser Welt widmen. Dabei werden die Biographien in nach Jahren eingeteilten Kapiteln parallel erzählt und – wo es sich so ergeben hat – miteinander verflochten. Abgesehen von der sehr typischen geographischen Beschränkung entsteht so ein rundes und durchaus schlüssiges Bild einer Zeit, in der sowohl die politischen als auch die technischen Fundamente unserer heutigen Welt gelegt wurden. Sicherlich könnte man hier und da einwenden, dass der Autor den Fortschritt ein wenig zu optimistisch anschaut, die Vernunft etwas zu sehr für eine überaus tolle Sache hält, aber immerhin gibt er auch der pessimistischen Sicht Georg Forsters Raum:

Die Tyrannei der Vernunft, vielleicht die eisernste von allen, steht der Welt noch bevor. Wenn die Menschen erst die ganze Wirksamkeit dieses Instruments kennen werden, welche Hölle um sich her werden sie dann schaffen! Je edler das Ding und je vortrefflicher, desto teuflischer der Missbrauch.

S. 309 f.

Leider muss bei aller Anerkennung des Gelungenen auch festgestellt werden, dass das Buch im Detail sehr flüchtig und oberflächlich gearbeitet ist. Überall, wo ich mich ein wenig auskenne, finden sich zahlreiche Fehler, die mit etwas mehr Sorgfalt einfach zu vermeiden gewesen wären. Auch scheint die naturwissenschaftliche Bildung des Autors lückenhaft zu sein, und selbst in der Philosophie, einem Fach, dass der Autor studiert hat, finden sich grobe Fehler. In den Details sollte man dem Buch also eher nicht trauen. Mag sein, in einer nächsten Auflage lässt sich das eine oder andere verbessern.

Trotzdem eine sehr lesbare und lesenswerte Darstellung des Auftakts der modernen Welt. Besonders für jene Leser geeignet, die einen leichten, nicht akademischen Zugang zu dieser Zeit suchen und denen die Fehler ohnehin nicht auffallen.

Helge Hesse: Die Welt neu beginnen. Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775 bis 1799. Stuttgart: Reclam, 2021. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 431 Seiten. 25,– €.

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming

Diese Lektüre bedarf einiges an Erläuterungen. August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831) war ein Massenschriftsteller der Goethe-Zeit, der seine Romane in serieller Produktion schrieb. Er hatte einen ungeheuren Erfolg beim Publikum, wurde aber von den Kritikern, wenigstens von jenen, die wir auch heute noch lesen, im besten Falle als ein Trivialautor, im schlimmsten als ein Schreiberling unterster Kategorie angesehen. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er zu Recht weitgehend vergessen; dennoch ist das vorliegende Buch ein Nachdruck aus dem Jahr 2008 und in einer – wenigstens damals noch – halbwegs prominenten Buchreihe erschienen, den Haidnischen Alterthümern.

Bei den Haidnischen Alterthümern handelt es sich um eine in lockerer Folge herausgegebene Reihe von Büchern, die allesamt auf Hinweise Arno Schmidts zurückgehen. Schmidt hatte Mitte der 1950er Jahre damit begonnen, für den Südfunk Stuttgart, für den Alfred Andersch damals als Redakteur tätig war, sogenannte Nachtprogramme zu schreiben. Es handelte sich um dialogisch aufbereitete Essays zur Literatur, die spät abends gesendet wurden. Damals war die Arbeit für den Rundfunk für die meisten Schriftsteller recht attraktiv, da die Funkhäuser vergleichsweise gut bezahlten. Schmidt, dessen eigene Werke zwar Anerkennung bei Kritik und Kollegen fanden, sich aber nur schleppend verkauften, war auf Brotarbeiten wie Übersetzungen, Texte fürs Feuilleton oder eben auch die Nachtprogramme für den Funk dringend angewiesen.

Die Aufmachung der 2. Serie
der Haidnischen Alterthümer

Für die Funk-Essays griff Schmidt auf seine breite Lektüre der Belletristik des 18. und 19. Jahrhunderts zurück und konnte auf einige Autoren und Werke hinweisen, die damals halbwegs oder weitgehend vergessen waren. Als Schmidt dann nach dem Erscheinen von Zettel’s Traum (1970) auch für ein etwas breiteres Publikum zu einem Gerücht geworden war, wurden 1978 die Haidnischen Alterthümer begründet, die angeblich die Lieblingsbücher Arno Schmidts herauszubringen gedachten. Man könnte über diesen Anspruch nun Band für Band diskutieren, aber dafür ist hier kaum der richtige Platz. Wie dem auch sei: Es erschienen in 30 Jahren insgesamt 16 Titel, für die sich allesamt eine Empfehlung Arno Schmidts konstruieren ließ.

Im Jahr 2008 fand die Reihe dann ihr Ende mit dem hier besprochenen Roman. Schmidt hatte 1965 einen entsprechenden Funk-Essay verfasst, der den etwas merkwürdigen Titel Eine Schuld wird beglichen trug. Anlass dafür war, dass sich Schmidt in seiner umfangreichen Biographie über den Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué dem Urteil der Zeitgenossen folgend über August Lafontaine abfällig geäußert hatte. Angeblich hatte er damals auch drei von dessen Romanen gelesen und für schlecht befunden. Nun aber habe er sich eines Besseren belehrt, weitere Romane konsumiert und müsse Abbitte leisten: So schlecht seien Lafontaines Romane gar nicht gewesen. Ganz am Ende bespricht Schmidt dann auch für einige Minuten eben jenen Quinctius Heymeran von Flaming, der es deshalb zur Ehre eines Nachdrucks gebracht hat.

Der vierbändige Roman vom Ende des 18. Jahrhunderts umfasst 1.200 Seiten, auf denen leider nicht viel mehr steht, als bequem auch auf 300 gepasst hätte. Erzählt wird eine endlose Abfolge von Liebeshändeln, wobei Lafontaine auf dem Rücken dieses Stroms von Ge- und Missverständnissen eine milde Satire auf einige gelehrte Theorien seiner Zeit transportiert. Der Titelheld, der aus einem shandyianischen Adels-Haushalt stammt, dessen Hausherr besessen über seine Ahnenreihe dilettiert, eignet sich auf der Universität eine obskure Rassentheorie an, mit der er nun die Welt interpretiert und dabei natürlich aufs Vortrefflichste scheitert. Es wird unsäglich viel geweint – der Beweis der Echtheit der Gefühle in der bürgerlichen Literatur der Zeit – und geschwätzt, die Missverständnisse und ihre Auflösung sind sehr trivial und vorhersehbar. Auch der Humor, den man dem Buch durchaus nicht absprechen kann, reicht nur für den ersten Band aus; danach ist es wie auf der Rückreise von einer Kaffeefahrt: Man ist sicher, dass man jede mögliche Pointe schon mindestens zweimal gehört hat.

Es handelt sich bei diesem Buch um ganz gewöhnliche Unterhaltungsware des späten 18. Jahrhunderts, wie sie so seitdem in ungebrochener Tradition den Buchmarkt betritt und wieder verlässt. Der dünne satirische Anstrich hebt das Buch zwar ein wenig über die Masse hinaus, doch macht sich hier nur einer über ganz offensichtlichen Unfug der Anthropologen seiner Zeit lustig, ohne dabei wirklich das Niveau eines originellen und freien Denkens zu erreichen. Lafontaine steckt im Gegenteil ganz tief in der bürgerlichen Moral seiner Zeit fest und bedient letztlich die entsprechenden Vorurteile zuverlässig. Auch sind die meisten seiner Figuren gänzlich eindimensional und verfügen ausschließlich über Charakterzüge, die dem Verlauf der Handlung dienlich sind. Einzig die Mutter Flaming ist ihm ein wenig menschlich geraten; er wusste also schon, was er da treibt.

Mit Blick auf Arno Schmidt und seine banal-psychoanalytische Sprachtheorie – „Das’ss ja heutzutage bekannt genug, daß jeder Könner zu seinem Können grundsätzlich åuch noch ’ne gänzlich zwecklose Theorie hinzuerfindn muß.“ – ist es nicht unwitzig, dass er einen Roman in den Druck zurückgelobt hat, dessen Protagonist mit einer kruden, selbstgezimmerten Theorie durch die Welt läuft, mit der er überall nur Celten, Mongolen, Slaven und Neger wahrnimmt, aber nicht in der Lage ist, die Realität oder Individualität seiner Mitmenschen zu erfassen.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will – auch weil das Buch in die in Deutschland nur dünn besetzte Epoche der Empfindsamkeit gehört – kann getrost nach der Lektüre des zweiten der ursprünglichen vier Bände aufhören; ich selbst habe die letzten 450 Seiten nur mehr quer gelesen.

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2008. 2 Pappbände mit Leinenrücken, Silber-Kopfschnitt, Lesebändchen, 632 + 822 Seiten. 39,90 €.

Abenteuer der Vernunft

Goethe ist das Muster dessen, was man als einen Universaldilettanten ansehen darf, und es ist in diesem Fall nicht einmal negativ gemeint. Goethe hatte seit früher Jugend ein ungewöhnlich breit gestreutes Interesse an nahezu allen Na­tur­er­schei­nun­gen, betrieb Forschungen auf eigene Faust, ohne den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Ent­wick­lung auf den entsprechenden Gebieten zu kennen oder für die Analyse seiner eigenen Neugier methodisch ausreichend gerüstet zu sein. Insbesondere seine lebenslange Antipathie gegen die mathematischen Fundamente der Naturwissenschaft stand ihm für einen wirklich erschöpfenden Zugang zu physikalischen Phänomenen immer im Weg.

Mit Abenteuer der Vernunft präsentiert die Klassik Stiftung Weimar nach ihrer eigenen Aussage zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über Goethes naturwissenschaftliche Sammlung. Der Katalog versammelt auf mehr als 420 Seiten Begleittexte zu den Ausstellungsstücken, die nicht nur das jeweilige Interesse Goethes thematisieren, sondern seine Einsichten immer auch in den allgemeinen wissenschaftlichen Horizont der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert darstellen. Der historisch wenig bewusste heutige Leser hat vom Zustand der Naturwissenschaften dieser Zeit in der Regel nicht einmal annähernd eine Vorstellung: Es beginnt wahrscheinlich damit, dass die biblische Schöpfungsgeschichte in weiten Teilen immer noch als eine exakte Beschreibung der Weltentstehung betrachtet wurde und werden musste. Die Forschung hatte keine Ahnung vom tatsächlichen Alter des Planeten und eine nur unvollständige Vorstellung von den die Erdkruste gestaltenden Kräften. Zwar hatte man schon begriffen, dass Pflanzen und Tiere in engeren und weiteren Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­sen zueinander stehen, aber echte Theorien der Entwicklung der Arten waren erst bruchstückhaft und theoretisch nicht gut verstanden. Der Artbegriff selbst war noch statisch; das Konzept aussterbender Arten begann sich gerade erst zu entwickeln. In der Chemie machte man große Entdeckungen, war aber von einem systematischen Verständnis der Beziehung der chemischen Elementen untereinander noch weit entfernt. Einzig und allein in der Physik schien Newton grundlegende und unbestreitbare Einsichten gehabt zu haben; aber auch hier war man von einem modernen Verständnis der Natur noch weit entfernt: noch keine Atomtheorie, das Sonnensystem bildete wesentlich das Universum, wenn es sich auch jüngst als bei weitem nicht so begrenzt erwiesen hatte, wie seit Jahrtausenden angenommen worden war; auch das Phänomen der Sterne war noch nicht gut, das der Nebel gar nicht verstanden.

Goethe war an nahezu allen wissenschaftlichen Fragen und Ent­wick­lun­gen seiner Zeit interessiert. Er selbst stand früh in Opposition zur Newtonischen Optik und hat seine eigene Farbenlehre sicherlich für einen wesentlichen Beitrag zur Naturwissenschaft gehalten. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log dokumentiert Goethes breite Beschäftigung mit den Na­tur­wis­sen­schaf­ten gut; wer sich die Mühe macht, den Katalog wirklich durch­zu­ar­bei­ten, bekommt neben einem umfassenden Bild von der Goetheschen Neugier auch eine grundlegende Einsicht in das Weltbild der Forschung dieser Zeit. Dabei werden – das kann nicht weiter überraschen – Goethes eigene Einsichten und Theorien in einem so günstigen Licht dargestellt, wie es sich einrichten lässt, ohne die ihnen notwendig innewohnenden Mängel zu leugnen. Man könnte Goethes wissenschaftliche Beschäftigung auch in einem deutlich harscheren Bild darstellen, ohne sich den Vorwurf ein­zu­han­deln, man sei unfair. Aber angesichts der Fülle des gebotenen Materials und der Güte der allgemeinen Darstellung bleibt eine solche Kritik klein­lich.

Für alle in einem breiteren Sinne an Goethe Interessierten ein um­fang­rei­ches und umfassendes Lesebuch.

Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800. Ausstellungskatalog. Hg. v. Kristin Knebel, Gisela Maul u. Thomas Schmuck. Dresden: Sandstein, 2019. Pappband, Fadenheftung, Kunstdruckpapier (26 cm × 24 cm), 423 Seiten. 38,– €.

Johann Wolfgang Goethe: Faust – Faustedition

Das Freie Deutsche Hochstift, die Klassik Stiftung Weimar und die Julius-Ma­xi­mi­lians-Universität Würzburg haben in Kooperation unter dem Projekttitel Faustedition eine historisch-kritische Ausgabe des gesamten Faust erstellt, der sich – je nach Perspektive – in zwei bzw. drei Teile gliedert. Einerseits befindet sich der gesamte konstituierte Text inklusive aller Textvarianten auf der Webseite des Projektes, andererseits sind im Wallstein Verlag drei Textbände erschienen: Zum einen der konstituierte Text, zum anderen als Doppelband ein Faksimile des Manuskriptes des zweiten Teils der Tragödie sowie eine Transkription der Handschrift im gleichen Format (26 × 41 cm):

Das Faksimile darf auch zu vollem Recht so heißen, denn in sorgfältiger Handarbeit wurden hier alle Ein- und Überklebungen reproduziert, die in der Handschrift vorgenommen wurden, so dass sich der Leser einbilden darf, tatsächlich mit der Handschrift selbst umzugehen.

Diese aufwändige und in jeglicher Hinsicht vorbildliche Edition ermöglicht es dem Forscher und interessierten Leser nicht nur, auf einfachste Weise alle relevanten Ausgaben des gesamtes Faust auf einen Schlag miteinander zu vergleichen, er hat auch erstmals die Möglichkeit, sich selbst ein direktes Bild von der Handschrift des zweiten Teils zu machen. Die Leseausgabe des konstituierten Textes (die gerade in die 2. Auflage geht) gibt ihm zudem einen verlässlichen und zitierfähigen Text an die Hand. Dort, wo er die Entscheidungen der Herausgeber prüfen will, sind alle Varianten der Texte nur einen Mausklick entfernt.

Hier wurde eine exzellente Kombination aus gedruckter und digitaler Ausgabe vorgelegt, die die Stärken beider Medien zum Vorteil der Leser nutzt. Von hier aus lässt sich dieses Jahrhundertbuch der deutschen Literatur vollständig neu entdecken.

  • Faustedition. Vollständige Dokumentation der Quellen, Textgenese, aller relevanten Ausgaben und des konstituierten Textes. Derzeit in der Version RC 1.1.
  • Johann Wolfgang Goethe: Faust. Eine Tragödie. Konstituierter Text. Hg. v. Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis. Göttingen: Wallstein, 2018. Leinen im Schuber, Fadenheftung, 574 Seiten. 39,– €.
  • Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Gesamthandschrift. Faksimile und Transkription. Hg. v. Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis. Göttingen: Wallstein, 2018. 2 Bände im Schuber, Leinenrücken, Fadenheftung, Kunstdruckpapier, 386 + 406 Seiten. 199,– €.
  • Es gibt zudem eine Komplettausgabe, die die beiden oben aufgeführten Teile umfasst und mit 224,– € zu Buche schlägt.

Laurence Sterne: Werke und Briefe

Man ist überfordert darin, Bücher zu schreiben und auch noch Köpfe zu finden, die sie verstehen.

Der Übersetzer Michael Walter hat seine Arbeit an den Schriften Laurence Sternes fortgesetzt, so dass im 250. Todesjahr zum ersten Mal so etwas wie eine Werkausgabe Sternes auf Deutsch vorliegt. Die leichte Einschränkung ergibt sich daraus, dass ein um­fäng­li­cher Teil der Werke Sternes, seine Predigten, zwar auf Deutsch vorliegen – zuletzt 1921 bei Georg Müller –, den deutsch­spra­chi­gen Lesern aber offenbar nicht mehr zugemutet werden sollen. Sozusagen zum Ausgleich liefert die Ausgabe alle bekannten Briefe Sternes in deutscher Übersetzung.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, hat Sterne nur gut acht Jahre als Schriftsteller im eigentlichen Sinne gearbeitet und im Grunde nur zwei fragmentarische Werke hinterlassen: Zum einen neun Bände des „Tristram Shandy“, der seinen Ruhm als Schriftsteller begründete, zum anderen die beiden Bände der „Empfindsamen Reise“, die nur die erste Hälfte des geplanten Umfangs enthalten. Der Erfolg des späteren Werks gründet sich hauptsächlich auf den sensationellen Erfolg des früheren, das seinen Autor im Jahr 1759 praktisch über Nacht zu einem Star der besseren Gesellschaft Londons gemacht hatte. Sterne war ein skrupelloser Promoter seiner selbst, der im Erfolg seines Romans mit Recht seine einzige Chance auf finanzielle Un­ab­hän­gig­keit erkannte. Dementsprechend sollte er bis zu seinem Lebensende nicht aus den Schulden herauskommen. Das Hauptwerk des „Tristram Shandy“ füllt denn auch den ersten Band der Ausgabe.

Um weitere Werke im eigentlichen Sinne ist es, außer den durchaus zahlreichen Predigten, etwas dünn bestellt. Es existiert eine politische Satire, die sich mit klerikalem Ämterklüngel in York aus­ein­an­der­setzt, ein „Fragment in Rabelais’scher Manier“ (eine offensichtliche Handübung zum „Tristram Shandy“), das nach fünf Seiten ab­ge­bro­chen wurde, zwei Gedichtlein, eine Sammlung von Briefen an die späte Geliebte Eliza, die bereits von den Zeitgenossen mehr aus Not zum postumen Werk erklärt worden ist, und schließlich noch ein Journal für eben dieselbe Geliebte, das Sterne als Ersatz für die Fortsetzung seiner Briefe geführt hat, als sich Elizabeth Draper  auf einem Schiff in Richtung auf ihren in Indien lebenden Ehemann befand. Diese ärmliche Ansammlung von Werken bildet zusammen mit der „Empfindsamen Reise“ den Inhalt des zweiten Bandes dieser Ausgabe; die Herausgeber trifft kein Vorwurf: Sieht man von dem Korpus der Predigten ab, gibt es einfach nicht mehr.

Die Waltersche Übersetzung der „Empfindsamen Reise“ ist seit ihrem Erscheinen 2010 noch einmal gründlich überarbeitet worden, wobei ich anhand vorgenommener Stichproben keine eindeutige Tendenz der Überarbeitung habe erkennen können: An zahlreichen Stellen erscheint der jüngere Text straffer und kürzer, an wieder anderen zeigt er eine stärkere Neigung zu einem historischen Sprachstand. Es mag am Ende eine Ge­schmacks­fra­ge bleiben, welche der Fassungen man vorzieht. Auf einen Vergleich des „Tristram Shandy“ habe ich verzichtet, da ich mir – bei allem Respekt vor Walters Können und seiner Ausdauer – nicht noch eine Ausgabe der Walterschen Übersetzung antun wollte.

Den Omphalos der Ausgabe aber bildet der Briefband, der, wie schon gesagt, alle derzeit bekannten Briefe Sternes enthält. Diese Briefe bilden die Hauptquelle für die Biographie Sternes. Naturgemäß ist der Anteil der erhaltenen Briefe für seine letzten Lebensjahre deutlich höher, wenn auch immer noch nicht so, dass man daraus tatsächlich ein einigermaßen geschlossenes Bild des Lebens Sternes entnehmen kann. Auch ist Sterne zu selbstverliebt und stets auf die Inszenierung seiner eigenen Bedeutsamkeit und Witzigkeit aus, dass ein Ge­gen­ge­wicht nicht dringend nötig wäre. Aber man muss eben mit dem arbeiten, was man in die Hände bekommt. Walters Übersetzung ist einmal mehr ein Genuss, da er es versteht, dem deutschen Text eine so altertümlich elegante Anmutung zu geben, dass man an einigen Stellen tatsächlich den Ton der Sterneschen Originale zu hören glaubt.

Die Kommentare des Briefbandes, die sich in der Hauptsache am Fuß der einzelnen Briefe befinden, gehen wohl zu einem bedeutenden Umfang auf die englische, sogenannte Florida-Ausgabe der Werke und Briefe Sternes zurück. Es ist zum einen ganz erstaunlich, welche der von Sterne mit Briefen bedachten oder in ihnen erwähnten Personen identifiziert und mit Informationen zu Leben und ge­sell­schaft­li­cher Stellung und Bedeutung für Sterne versehen werden konnten; mindestens ebenso erstaunlich ist die Anzahl der Personen, zu denen man nichts weiß oder deren Identität nur erraten werden kann. Dabei entwickeln diese Kommentare durchaus ihren ganz eigenen Humor; zum Ausgleich wird die Bibel an den meisten Stellen in der Fassung der Luther-Übersetzung von 1545 zitiert, an anderen wieder in einer späteren Fassung (ich vermute eine des 18. Jahr­hun­derts, war aber zu faul, sie zu identifizieren), was vielleicht auch ein Ausdruck von Humor ist. Zudem weist der Briefband eine erstaunliche Anzahl von Druck- und Sachfehlern auf, lässt also noch einigen Raum für eine verbesserte zweite Auflage – aber das ist vielleicht schon eine zu optimistische Sicht der Dinge in Sachen Sterne.

Laurence Sterne: Werke und Briefe in drei Bänden. Übersetzt von Michael Walter. Berlin: Galiani, 2018. Pappbände, Fadenheftung, Lesebändchen. 1885 Seiten. 98,– €. Alle drei Bände sind auch einzeln erhältlich.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey

Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.

Kurt Tucholsky

Am 18. März vor 250 Jahren starb mit Laurence Sterne einer der bekanntesten, einflussreichsten und umstrittensten Schriftsteller seiner Zeit. Er ist nur 54 Jahre alt geworden, von denen er nur die letzten gut 8 Jahre als Schriftsteller bekannt war. In dieser Zeit machte er eine glanzvolle Karriere, die er selbst geschickt anzuheizen verstand, mit zwei Romanen, die die zeitgenössischen literarischen und sittlichen Grenzen mit Humor und  Geschicklichkeit austesteten. Wie groß der Erfolg seiner Bücher war, lässt sich auch daran messen, wie umgehend sie in andere europäische Sprachen übersetzt wurden: Zum Ende seines Lebens hin wartete man etwa in Deutschland so dringend auf den neuen Sterne, dass die Bücher immer schon im Erscheinungsjahr der Originale auch auf Deutsch vorlagen. Und gerade in Deutschland fanden sich zahlreiche treue Epigonen seines Stils, auch solche, die es verstanden, weit über ihn hinauszukommen.

Anlässlich dieses Jubiläums ist bei Wagenbach in der hübschen SALTO-Reihe ein Essay von Hans von Trotha erschienen. Das Büchlein bemüht sich, eine Art von Hommage an Sterne zu liefern, in dem es wenigstens in Teilen vorgibt eine Sentimentale Reise von London nach Coxwold, dem letzten Wohnort Sternes in Yorkshire, zu beschreiben. Ganz im Sinne Sternes wird das alles natürlich konterkariert durch das, was dem Autor sonst noch einfällt, und das hat hier und da auch schon mal nur wenig oder gar nichts mit Sterne zu tun, liest sich aber immer nett, und wenn man vom 18. Jahrhundert, Sterne und England nur wenig weiß und es mit Wahrheit und Stil nicht so genau hält, ist das sicherlich eine nette Lektüre.

Mir ist besonders der erste Teil, in dem der Autor versucht, sich abwechselnd dumm und schlau zu stellen, erheblich auf die Nerven gegangen, nicht nur wegen seines schiefen Bildes der Aufklärung, nicht nur, weil er die Geschichte des englischen Königshauses falsch wiedergibt, nicht nur wegen seines aufgeblasenen und oft inhaltsfreien Stils, nicht nur wegen des falschen Deutschs, das ihm offenbar keiner im Verlag korrigieren konnte, nicht nur wegen seiner hohlen Pauschalisierungen, sondern besonders deswegen, weil ich trotz alledem spätestens auf jeder dritten Seite eine Kleinigkeit gefunden habe, die ich zuvor nicht wusste oder irgendwann schon wieder vergessen hatte. So gern ich das Buch zugeklappt und weggelegt hätte, immer war ich zu neugierig, was mich um die Ecke der nächsten Seite erwartet. Und auch das ist sternesch im besten Sinne.

Ein im Kern schöner Essay in einem schrecklich gewollten und missratenen Stil, den ich trotzdem nur empfehlen kann, besonders da er, so weit ich sehe, konkurrenzlos dasteht.

Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Laurence Sterne in Shandy Hall. Berlin: Wagenbach, 2018. Leinen, Fadenheftung, 140 Seiten. 17,– €.

Zur Besprechung der Sterne-Werkausgabe bei Galiani

Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Jonathan Swift ist in Deutschland und wahrscheinlich leider auch in anderen Ländern der Autor eines halben Buches: Die beiden ersten von Gullivers Reisen (zu den Lilliputanern und den Riesen) werden als Kinderbuch gehandelt, während die zweite Hälfte des Buchs den meisten Lesern schlicht unbekannt bleibt. Allein deshalb ist jede literarische und vollständige Ausgabe des Textes zu begrüßen. Nun legt Manesse zum 350. Geburtstag des Autors am 30. November die Neuübersetzung von Christa Schuenke noch einmal in der Manesse Bibliothek auf. Der Text ist erstmals 2006 in einem Schmuckband erschienen, der auch immer noch lieferbar ist.

Gullivers Reisen (Erstausgabe 1727) liefert gleich eine ganze Reihe anspruchsvoller und zum Teil politisch brisanter Satiren, deren Reduktion auf ein Kinderbuch nur als unglücklich bezeichnet werden kann. Sicherlich ist es so, dass die politische Ebene des Textes den Heutigen nur durch einen Kommentar erschlossen werden kann, doch gerade die beiden Reisen der zweiten, unbekannteren Hälfte des Buchs enthalten satirische Schilderungen, die zeitlos sind und seit dem 18. Jahrhunderts nichts von ihrer Schärfe verloren haben. Doch der Reihe nach.

Lemuel Gulliver ist von Beruf Wundarzt (surgeon) und heuert in dieser Funktion auf mehreren Schiffen an; seine letzte Fahrt bestreitet er sogar als Kapitän des entsprechenden Schiffes, da er sich über die Jahre die nötigen seemännischen Kenntnisse erworben hat. Die vier Reisen, die er beschreibt, umfassen die Jahre 1699 bis 1715, also die unmittelbare Vergangenheit des Autors und seiner zeitgenössischen Leser. Reise- und Abenteuerliteratur stand damals hoch im Kurs (1697 ff.: William Dampier, 1712: Alexander Selkirk, 1719: Daniel Defoe), so dass Swift allein von daher ein hohes Interesse für ein weiteres Reisebuch erwarten durfte. Dass es sich bei Gullivers Reisen nicht um ein alltägliches Reisebuch handeln sollte, stellt bereits die erste Reise klar.

Zuerst erreicht Gulliver nach einem Schiffbruch die Insel Lilliput und findet sich, als er aus seiner Erschöpfung erwacht, von einem Volk winziger Menschlein an den Boden gefesselt. Er erwirbt jedoch bald das Vertrauen der Liliputaner und lebt in der Hauptstadt in der Nähe des Hofes. Der Hof selbst kann als eine konkrete politische Satiren auf den englischen Hof im Allgemeinen und auf den Georges I. im Besonderen gelesen werden, es ergibt sich aber auch das Vexierbild der menschlichen Gesellschaft als Ameisenstaat, betrachtet von der Höhe eines Riesen, dem die Intrigen und Machenschaften der Menschlein nur wenig anhaben können. Ganz logisch ist es, diesen Einfall in der zweiten Reise nach Bobdingnag umzukehren und so den Erzähler in die Rolle des Menschleins zu versetzen. Hier erscheint Gulliver denn auch mehr als Spielzeug von Plänen und Zufällen, die über ihn walten und ihn mit Leichtigkeit vernichten können. Die Satire wird hier fortgesetzt, in dem Gulliver dem König von Brobdingnag die englischen staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse schildert, die dann aus Sicht eines vernünftigen Herrschers kommentiert und kritisiert werden.

Die dritte Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan liefert in der Hauptsache  eine Gelehrten- und Wissenschaftssatire, während Gullivers letzte Reise zu den Houyhnhnms einen utopischen Gegenentwurf zur zeitgenössischen Gesellschaft enthält, in dem die Pferde als Wesen von wahrer und vollkommener Menschlichkeit geschildert werden, mit denen verglichen die Menschen (Yahoos) nur als wilde Tiere erscheinen.

Im Gegensatz zu den zahlreichen anderen Texten Swifts ist Gullivers Reisen vergleichsweise häufig ins Deutsche übersetzt worden. Ich selbst besitze die älteren, im Großen und Ganzen verlässlichen Übersetzungen von Greve (1910) und Kottenkamp (1918), kenne aber die neueren Übersetzungen etwa von Mummendey (1952?) oder Real und Vienken (1987) nicht. Von daher hatte ich mich auf die Neuübersetzung durch Christa Schuenke durchaus gefreut. Schuenke ist eine der hochgelobten und preisgekrönten deutschen Übersetzerinnen; es war also eine solide und ansprechende Übersetzung zu erwarten. Es ließ sich auch ganz gut an: Schuenke übersetzt Swift zwar etwas in die Breite, aber ihr künstlicher Ton des 18. Jahrhunderts ist durchaus nett und gut getroffen, ohne den Leser zu sehr zu belasten.

Gestutzt habe ich dann aber zum ersten Mal auf Seite 197. Swift hat die in seiner Zeit durchaus geläufige Gepflogenheit, jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung seines Inhalts zu beginnen. So auch beim 3. Kapitel der zweiten Reise:

Der Verfasser wird vor Gericht gestellt.
Die Königin kauft ihn von seinem Herrn, dem Bauern,
los und zeigt ihn ihrem König. Er disputiert mit den großen
Gelehrten Seiner Majestät. Dem Verfasser wird ein Gemach
bei Hofe hergerichtet. Er steht bei der Königin in höchster
Gunst. Er tritt für die Ehre seines Heimatlandes ein.
Sein Zwist mit dem Zwerg des Königs.

Das Problem ist nun, dass im nachfolgenden Kapitel von einem Gericht gar keine Rede ist; ein Blick ins Original klärt die Frage: ‘The author sent for to court.’ bedeutet schlicht: „Der Verfasser wird an den Hof gerufen.“ Das stimmt dann auch mit dem Inhalt des Kapitels überein. So etwas kann immer mal passieren, dass eine automatisch übersetzte Phrase stehen bleibt und nicht korrigiert wird. (Diese empathische Deutung hat sich nicht bewährt, da Frau Schuenke auf S. 425 darauf besteht, dieselbe Phrase auf dieselbe Weise falsch zu übersetzen!) Als ich dann aber auf die nächste Formulierung stieß, die im Deutschen nur wenig Sinn hatte, habe ich mir für gut 20 Seiten den Text von Frau Schuenke einmal genauer angeschaut:

SeiteSwiftSchuenkeDeutsch
318and would permit no man to search me.und keinem Menschen zu erlauben, dass er nach mir suche.und wollte niemandem erlauben, mich zu durchsuchen.
320for I had about me my flint, steel, match, and burning-glass.(Denn meinen Feuerstein und meinen Wetzstahl, mein Zündholz und mein Brennglas hatte ich bei mir.)denn ich hatte Feuerstein, Wetzstahl, Lunte und Brennglas bei mir.

desolategottverlassenwüst
321and could plainly discover numbers of peopleund sah deutlich ein Gewimmel von unzähligen Menschenund entdeckte deutlich zahlreiche Menschen

I was not able to distinguishkonnte ich nicht erkennenkonnte ich nicht unterscheiden
323that these were sent for orders to some person in authority upon this occasiondass diese Leute Abgesandte waren, die irgendeinem hochgestellten Herrn den Vorfall melden solltendass sie zu einer Person, die in diesem Fall zuständig war, um Befehle geschickt worden waren
323 f.not unlike in sound to the Italiandas mich ein wenig an das Italienische gemahntedas so ähnlich wie Italienisch klang.
325At my alightingSobald ich von dem Sitze abgestiegenBei meiner Landung
331obsoletedie nicht mehr in Gebrauch istobsolet

by corruptiondurch die Erweichung der Konsonantendurch Verderb
333eleven o’clockelf Glasen*elf Uhr

capital cityMetropoleHauptstadt
334certainmehrerenbestimmten

which mounted up directly,die alsdann auf geradem Wege hochgezogen wurdendie direkt nach oben stiegen

the beauty of a woman, or any other animal,die Schönheit einer Fraudie Schönheit einer Frau oder eines anderen Tiers
335They are very bad reasonersIm Spekulieren sind sie gar nicht gutSie sind sehr schlecht im Argumentieren
337severalgewissemehrere
338in its absence from the sunin seinem Aphel**bei seinem sich entfernen von der Sonne
339because they want the same endowments.weil sie nicht über die gleichen Geistesgaben verfügenweil sie sich die gleichen Gaben wünschen***
341and that they are much more uniform, than can be easily imaginedund auch viel weniger verschieden sind, als man es sich vielleicht so mir nichts, dir nichts vorstelltund dass sie viel einheitlicher sind, als man sich gemeinhin vorstellt
362metropolisHauptstadtMetropole
* Es gibt in jeder Wache nur acht Glasen!
** Das Wort Aphel rutscht hier in die Übersetzung, weil Frau Schuenke das kurz zuvor im Text stehende Wort Perihel nachgeschaut und die Erklärung beider Begriffe nicht verstanden hat.
*** Frau Schuenke verdirbt hier, wie andere Übersetzer vor ihr, eine sexuelle Pointe, weil sie das Original nicht versteht.
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier besprochene Ausgabe.

Ich kann aufgrund weiterer Stichproben im übrigen Text versichern, dass Schuenkes Übersetzung durch die oben aufgeführten Beispiele musterhaft charakterisiert ist. Fontane hat es den Kritikern für alle Zeit ins Stammbuch geschrieben: „Schlecht ist schlecht und es muß gesagt werden.“ Von einer Lektüre oder gar dem Erwerb des Buches kann leider nur abgeraten werden.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Aus dem Englischen von Christa Schuenke.  München: Manesse, 2017. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 704 Seiten. 28,– €.

Francis Spufford: Neu-York

«Sagen Sie», erwiderte Smith, «halten Sie auch heute noch so wenig von Romanen?»
«Das war meine Meinung ja erst gestern, und heute ist nicht so viel geschehen, dass ich Anlass gehabt hätte, sie zu ändern. Also ja. Schmant für kleine Geister, Sir. Nahrung für all jene, denen alles schmeckt.»

Inzwischen dreifach preisgekrönter Erstlingsroman eines bereits als Sachbuch-Autor etablierten englischen Schriftstellers. Das Buch spielt vor der Kulisse des noch holländisch geprägten, aber von England beherrschten New Yorks der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier kommt am 1. November 1746 ein geheimnisvoller Engländer an, Richard Smith mit Namen, und begibt sich au­gen­blick­lich zu einem der reichen Kaufleute der Stadt, um ihm einen Wechsel über 1.000 englische Pfund zu über­rei­chen. Seiner Forderung wird mit Misstrauen begegnet, und man einigt sich darauf, auf weitere Bestätigungen der Forderung aus England zu warten und, nach deren Eintreffen, den Wechsel zu Ende Dezember 1746 einzulösen.

Die zwei Monate bis dahin werden mit einigen wilden Abenteuern Smith’ gefüllt, darunter auch erotischen, mehreren Verfolgungsjagden, Ge­fäng­nis­auf­ent­ha­lten, einem Duell und was der knalligen Episoden mehr sind. Erst ganz am Ende erfährt der Leser, was der eigentliche Auftrag ist, den Smith in Neu-York zu erledigen hat, und noch am Ender, das eines der jungen Mädchen des Romans, die Smith bis beinahe zur letzten Seite umwirbt, die vorgebliche Erzählerin des Buches sein soll. Diese letzte Wendung der Erzählform geht leider nicht auf, nicht nur weil es auch für eine unkonventionelle Frau des frühen 19. Jahrhunderts unmögliche wäre, bestimmte Passagen des Buches zu verfassen, sondern auch weil sie trotz ihrer Behauptung, Smith’ Geschichte nacherzählen zu wollen, auf weiten Strecken Stoff verarbeitet, der ihr auf keine Weise zur Kenntnis gekommen sein kann. Dies scheint daher ein Nachgedanke des Autors gewesen zu sein, nicht die ursprüngliche Konstruktion der Erzählung.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Übersetzung im Detail zu prüfen; von der am Original gelobten Nähe zur Sprache des 18. Jahrhunderts ist in der deutschen Fassung nur hier und da eine altertümelnde Schreibweise festzustellen, die aber kaum irritieren dürfte. Im Großen und Ganzen reden die Figuren wie Kunstfiguren des 20. Jahrhunderts und nicht wie Personen des 18. Jahrhunderts miteinander; ganz und gar unmöglich sowohl im Ton als auch im Stoff ist der angebliche Brief, den Smith aus dem Gefängnis an seinen Vater schreibt, der nicht nur die Briefform selbst massiv sprengt, sondern der sich auch auf keine erdenkliche Weise im Besitz der Erzählerin befinden kann.

All das macht deutlich, dass es sich um einen zwar flott erzählten, sonst aber  weitgehend gewöhnlichen Text der rezenten Unterhaltungsliteratur handelt, dessen humanitäre Pointe ebenso aufgesetzt ist wie alles andere. Zudem weist er die üblichen Schlampereien des Genres auf: Der 5. November 1746 war kein Sonntag, sondern ein Samstag (nach dem julianischen Kalender wohlgemerkt, der bis 1752 in England und den englischen Kolonien noch galt; merkwürdigerweise stimmt im letzten Drittel des Buchs die Zuordnung von Daten und Wochentagen), der Geburtstag des Königs George II wird zwei Tage zu spät gefeiert (sein Thronjubiläum fiele zwar auf einen 11., aber einen Monat früher), Smith kennt bereits 1746 Laurence Sterne als Erzähler und was der Kleinigkeiten mehr sind. Natürlich muss einen das nicht stören, aber es macht eben die Sorgfalt deutlich, die der Autor, der Übersetzer und zwei Lektorate dem Text gewidmet haben. Natürlich hat der Autor die Ausflucht, dass alle diese Fehler seiner Erzählerin zuzuschreiben sind; sinnvoller werden sie dadurch aber nicht.

Alles im allem kein schlechter Schmöker, der aber in Bezug auf den von der Kritik gezogenen Vergleich zu Fielding und Sterne erheblich zu kurz springt.

Francis Spufford: Neu-York. Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Reinbek: Rowohlt, 2017. Pappband, Lesebändchen, 396 Seiten. 19,95 €.

Johannes Willms: Mirabeau

Mirabeaus Unglück war nicht seine «unmoralische» Vergangenheit, die er mit vielen Größen der Revolution gemeinsam hatte, als vielmehr seine Zukunft, die ihm seine zahlreichen Talente verhießen. Ebendieses Versprechen, das ihn von den meisten Abgeordneten unterschied, wurde ihm zum Verhängnis.

Mit „Mirabeau“ liefert Johannes Willms nach „Tayl­le­rand“ eine weitere französische Biographie der Re­vo­lu­tions­zeit. Mirabeau stirbt allerdings schon am 2. April 1792, so dass er die Phase des revolutionären Terrors nicht mehr miterleben musste. Mirabeau stammte aus provenzalischem Adel, hatte aber den Großteil seines Lebens mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sein Vater, der selbst ständig in Geldnot war, weigerte sich, ausreichend für den Unterhalt seines verheirateten Sohns zu sorgen, ließ ihn im Gegenteil mehrfach wegen Schuldenmachens festsetzen und sah sich zum Ausgleich in späteren Jahren der öffentlichen literarischen Kritik seines Sohnes ausgesetzt. Mirabeaus Ehe scheiterte exemplarisch, eine einzige wirklich empfundene Liebesaffäre brachte ihm ein Todesurteil ein, dessen Vollstreckung er erfolgreich ausweichen konnte, und er sah sich genötigt, sich längere Zeit als politischer Publizist über Wasser zu halten. Kurz vor Ausbruch der Revolution geht er im Auftrag des französischen Hofes als Spion nach Preussen, aber der anschließend angestrebte Wechsel in den offiziellen diplomatischen Dienst scheitert ebenso wie spätere Versuche, in den Staatsdienst übernommen zu werden.

Im Jahr 1789 erkennt Mirabeau in der Einberufung der Generalstände seine Chance, politischen Einfluss zu gewinnen. Er lässt sich als einer von wenigen Adeligen als Abgeordneter des Dritten Standes in die Ver­samm­lung wählen und nimmt mit entscheidenden Einfluss auf die Umwandlung der Generalstände in die Nationalversammlung. Als Abgeordneter vertritt Mirabeau eine Linie, für die er auch schon zuvor in seinen Schriften geworben hatte: Er hatte bis zu seinem Tod die Vorstellung, Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie zu verwandeln, in der der König als Kopf der Exekutive agiert, die legislative Gewalt aber dem Volk in Gestalt der Nationalversammlung übertragen hat und auf sie höchstens in Form eines Vetos Einfluss nimmt. Er begreift aber erst sehr spät, dass er sich mit dieser Position je länger je weiter von den realen politischen Mög­lich­kei­ten entfernt: Die Revolutionäre lehen immer eindeutiger die Idee vom König als vollwertigem Akteur im politischen Prozess ab, während der Hof seine weitgehende politische Tatenlosigkeit wohl mit der illusionären Hoffnung verbindet, eine der revolutionären Krisen zur Rückkehr zu den alten Machtverhältnissen nutzen zu können. Jedenfalls dämmert es Mirabeau erst sehr spät, dass der König keinerlei Interesse daran hat, mit ihm zusammen Frankreich zu retten und dabei seine gesetzgeberische Gewalt endgültig aufzugeben.

Abgesehen von seiner zunehmenden Unfähigkeit, sich den konkreten politischen Umständen anzupassen, scheitert Mirabeau auch mit seinem anderen Plan, als Minister – möglichst ohne Portefeuille – in die Regierung zu wechseln. Sein erster Versuch wird von der Na­tio­nal­ver­samm­lung dadurch abgestraft, dass man Abgeordneten grundsätzlich die Annahme eines Regierungsamtes verbietet; aber auch von der anderen Seite besteht nur wenig Interesse daran, den Revolutionär Mirabeau in das königliche Kabinett zu übernehmen. Erst in seinen letzten Jahren gelingt es Mirabeau, den Hof wenigstens zeitweise von seiner Ver­trau­ens­wür­dig­keit und politischen Aufrichtigkeit zu überzeugen und sich als Berater des Hofes, sprich: geheimer Zuträger, zu verdingen. Mit diesem heimlichen Wechsel der Fronten gelingt es ihm, auf einen Schlag seine Schulden loszuwerden und zum ersten Mal ein beträchtliches Einkommen zu beziehen. Sofort schlägt sich seine Eitelkeit in einem Lebensstil nieder, der ihn dem Verdacht aussetzt, im Sold des Königs zu stehen. Um diesem Verdacht entgegenzuwirken, sieht er sich gezwungen, sich als radikaler Revolutionär zu gerieren, was ihm wiederum das Mißtrauen des Hofes einträgt. An keiner Stelle scheint ihm der Gedanke gekommen zu sein, sich politisch klug oder auch nur geschickt zu verhalten oder wie ein solches Verhalten hätte aussehen können.

Bei allem rhetorischen Talent und machtpolitischem Instinkt beweist Mirabeau an keiner Stelle seiner Karriere eine wirkliche politische Begabung: Weder ist er zu einer realistischen Einschätzung der sehr dynamischen politischen Situation in Frankreich in der Lage, noch kann er bei auch nur einer einzigen Entscheidung von seinen Eitelkeiten, seinen egoistischen Interessen oder seiner Geld- und Machtgier absehen. All dies scheint von seinen Zeitgenossen auch recht gut begriffen worden zu sein, so dass sich Mirabeau in allen Phasen seiner politischen Laufbahn erheblichem Widerstand gegenüber gesehen hat; niemals aber scheint ihm die Ursache dieses Widerstands aufgegangen zu sein. Es ist nicht ohne Reiz, darüber zu spekulieren, wann und durch wen Mirabeau der Guillotine zugeführt worden wäre, wäre er nicht bereits 1792 verstorben.

Abgesehen von ihrem eher unerfreulichen Gegenstand ist die Biographie durchaus zu empfehlen. Wie immer gelingt Willms eine klar struk­tu­rie­rte und gut lesbare Darstellung, die sich weitgehend einer moralischen Wertung ihres Objektes enthält. Die Gewichtung des biographischen Materials ist der historischen Rolle Mirabeaus angemessen: Etwa die Hälfte des Buches ist den letzten knapp 3 Jahren in Mirabeaus Leben gewidmet. Als einzigen Mangel könnte man empfinden, dass man sich von den gesellschaftlichen Lebensumständen Mirabeaus in seinen letzten Jahren ein nur fragmentarisches Bild machen kann und dass seine Erkrankung und sein Tod überraschend kurz abgehandelt werden.

Johannes Willms: Mirabeau oder Die Morgenröte der Revolution. München: C. H. Beck, 2017. Pappband, 397 Seiten. 26,95 €.

Sade

Sade verdient also besondere Beachtung weder als Schriftsteller noch als sexuell Pervertierter.
Simone de Beauvoir

Sade-RezeptionDie Person und das Werk des Marquis de Sade sorgen seit über 200 Jahren für intellektuelle Nervosität und moralische Aufregung. Von den einen als eine durchtriebene Zuspitzung der Ideologie der Aufklärung ins Absurde, von den anderen als eine Blütenlese von Obszönitäten gelesen, ist es Sade gelungen, kontinuierlich im Gedächtnis einer Moderne zu verbleiben, deren Wahnsinn er am Horizont seines eigenen Dilettantismus nicht einmal erahnen konnte.

Das vorliegende Buch sammelt theoretische Dokumente der Sade-Rezeption von 1789 bis 2014, wenn man das Nachwort der Herausgeberin mit hinzunimmt. Das Haupt- und Schmuckstück ist Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Aufsatz „Juliette oder Aufklärung und Moral“ von 1944, der allerdings Sade gleich so maßlos überschätzt, dass an ihm – Sade, nicht dem Aufsatz – bereits das gesamte Projekt der Aufklärung nahtlos in das Morden der Nationalsozialisten übergeht. Das ist ideologisch hübsch gemacht, findet auch auf einem argumentativen Niveau statt, an das keiner der anderen Essays an nur annähernd heranreicht, ist aber, tritt man einen Schritt zurück und wendet sich einem der Romane zu, die die Grundlage für solch einen Gedankengang bilden sollen, von erhabener Albernheit. Wenigstens muss man den beiden Autoren zugute halten, dass sie die einzigen sind, die den für Sades Phantasien zentralen Zusammenhang zwischen Macht und Sexualität ernst nehmen, der in beinahe allen anderen Texten höchstens am Rande eine Rolle spielt.

Herauszuheben ist ansonsten noch Thomas de Quinceys Vortrag „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“, der für sich genommen ein sehr witziger Text, allerdings mit der Sade-Rezeption nur im atmosphärischen Sinne verbunden ist. Von allem anderen war ich eher enttäuscht, wenn ich auch hier und da Schlimmeres erwartet hatte. So war mir beispielsweise das etwas selbstgefällige Geschwätz einer Susan Sontag bei weitem nicht so widerständig wie früher – wahrscheinlich werde auch ich altersmilde. Aber zu oft regieren Sätze wie:

Das Frankreich des 18. Jahrhunderts ist für seine Frivolität bekannt. Die Ausschweifungen der reichen Müßiggänger und Müßiggängerinnen [sic!] kannten keine Grenzen. (Viktor Jerofejew)

So etwas beschleunigt die Lektüre natürlich ungemein. Was der Band aber deutlich werden lässt, ist, dass Sades Dilettantismus den eigentlichen Kern seines Werks bildet: Seine zusammengelesenen Philosopheme, die eklektizistischen, flüchtigen und oft krummen Gedankengänge seiner Philosophie der Folterkammer sind der ideale Nährboden, auf dem jedermann (und auch jede Frau, wenn’s beliebt) seine ganz eigenen Pflänzchen anbauen kann. So ist denn vieles, was über Sade geschrieben wurde, wie Sades Werk selbst: letztlich gänzlich belanglos.

Sade. Stationen einer Rezeption. Hg. v. Ursula Pia Jauch. stw 2115. Berlin: Suhrkamp, 2014. Broschur, 469 Seiten. 20,– €.