Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise

Ja, ich kann sagen, dass ich die höchste Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen habe und nun wenigstens einen äußersten Punkt kenne, nach welchem ich das Thermometer meiner Existenz künftig abmessen kann.

Nach zehn Jahren in Weimarischen Diensten schleicht sich der Minister Dr. von Goethe am 3. September 1786 von Karlsbad aus fort und reist endlich dorthin, wohin er schon 1775, vor seinem kurzen Abstecher nach Weimar, unterwegs gewesen war: nach Italien. Dies sollte sich als wichtigste Epoche seines Lebens erweisen, als die Zeit, in der er sich endgültig für ein Leben als Schriftsteller und Künstler entschied. Seine Rückkehr nach Weimar war – aus emotionalen wie aus ökomischen Gründen – unausweichlich, doch hatte er in Rom die Form der Existenz gefunden, die seinen Talenten und seine Bedürfnissen angemessen war.

Täglich wird mir’s deutlicher, dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und dass ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf, dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ.

In Rom erst ist Goethe zu dem Goethe geworden, der in den nächsten zumindest 100 Jahren zu einer kultischen Figur der deutschen Kultur werden sollte. Er konnte von Glück sagen, dass der Weimarer Herzog Karl August ihm in echter Freundschaft verbunden war und die Verschiebung des Lebensschwerpunktes Goethes vom Staatsbeamten zum Künstler nicht nur akzeptiert, sondern in den folgenden Monaten und Jahren auch tatkräftig ermöglicht hat.

Die Italienische Reise ist von Goethe als der zweite Teil seiner Autobiographie begriffen und gearbeitet worden. Der vorliegende Text stellte eine – durchaus uneinheitliche – Bearbeitung von Tagebüchern, Briefen und anderen Texten dar, die während der Reise entstanden waren. Nachdem er im Sommer 1813 die Arbeit an Dichtung und Wahrheit vorläufig abgebrochen hatte (der dritte Band erschien 1814, der vierte erst 1833 postum), wendet er sich dem Material zu, das seine erste Reise nach Italien dokumentiert. Es setzt nun – mit langen Unterbrechungen – über mehr als drei Jahre hinweg eine Auswahl und Überarbeitung dieser Aufzeichnungen und Briefe ein, die 1816 und 1817 zur Veröffentlichung der ersten beiden Bände führen. Erst 1829 wird Goethe dann den geplanten Abschlussband Zweiter Römischer Aufenthalt fertigstellen, der sich in Aufbau und Sprache deutlich von den beiden vorangegangen Teilen unterscheidet. Erst mit dem Erscheinen des dritten Bandes wählt Goethe für alle drei Teile den Titel Italienische Reise, wohl als Versuch, die innere Zusammengehörigkeit der sonst recht disparaten Texte zu betonen.

Ich bin im Dante-Jahr eher zufällig wieder einmal in die Italienische Reise hineingestolpert auf der Suche nach einer vage erinnerten Stelle, an der Goethe mit einem italienischen Dante-Enthusiasten aneinandergerät, der Nicht-Italienern schlicht jede Möglichkeit abspricht, die Commedia verstehen zu können. Die Lektüre von nur wenigen Seiten hat mir ein so überraschendes Vergnügen bereitet, dass ich das Buch zum ersten Mal komplett und in einem Zug gelesen habe. Besonders der erste Teil, der ganz nah am unmittelbaren Erleben geschrieben zu sein scheint, ist in einer so beweglichen und ansprechenden Prosa geschrieben, wie sie sich andernorts bei Goethe nur selten findet. Besonders meine letzten Lektüren seiner späteren Romane (Wahlverwandtschaften, Lehrjahre und Wanderjahre) hatten mich höchst unzufrieden mit der trockenen und weltarmen Prosa Goethes zurückgelassen. In der Italienischen Reise nun findet sich ein komplett anderer Ton und eine Welthaltigkeit, mit der ich bei ihm nicht mehr gerechnet hatte.

Natürlich fällt der späte, dritte Teil in dieser Hinsicht ab: Die Aufteilung des Textes in Wiedergabe von Korrespondenz und Bericht unter zusätzlicher Einschiebung essayistischer Teile (einer sogar aus der Feder von Karl Philipp Moritz), von denen der Leser nicht so ganz sicher ist, warum er das gerade hier lesen soll, macht den Text deutlich steifer und weniger lebendig; auch der Versuch der Einflechtung einer Liebesgeschichte hilft dem nicht auf.

Wer sehen will, was Goethe als Prosaautor konnte und vielleicht auch als Roman-Autor hätte können können (auf einen berechtigten Zuruf hin sei der Werther von diesem Urteil ausdrücklich ausgenommen), dem seien besonders die ersten beiden Teile der Italienischen Reise zur Lektüre anempfohlen. Eine – für mich wenigstens – überraschende Wiederentdeckung im Ozean der Goetheschen Schriften.

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Kindle-Ausgabe. Stuttgart: Reclam, 2020. 605 Seiten (Druckausgabe). 9,99 €.

Henry James: Daisy Miller

»Sie tat, was sie wollte!«

James Daisy Miller„Daisy Miller“ ist eine der frühen Erzählungen Henry James’, erstmals veröffentlicht im Jahr 1878. Das Original trägt den etwas differenzierteren Titel “Daisy Miller: A Study”, was in dieser Neuausgabe bei dtv auf die schlichte Gattungsbezeichnung „Eine Erzählung“ reduziert wird. Der Geschichte seiner Titelheldin stand James im Alter eher reserviert gegenüber, musste aber hinnehmen, dass sie zu seinen bekanntesten und beliebtesten gehörte.

Interessanterweise ist der eigentliche Protagonist aber der junge US-Amerikaner Frederick Winterbourne, der bereits als Kind nach Europa gekommen ist. Zur Zeit der Erzählung lebt er in Genf, wo er vorgeblich studiert, tatsächlich aber eine Beziehung zu einer älteren Frau pflegt. Daisy Miller lernt er zufällig kennen, als er seine Tante im Kurort Vevey besucht. Sie fällt ihm sofort nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihres sehr freien und selbstbewussten Verhaltens auf. Sie lässt sich schon nach kurzer Bekanntschaft mit Winterbourne darauf ein, zusammen mit ihm – und nur mit ihm – das nahegelegene Schloss Chillon zu besichtigen.

Winterbournes Tante reagiert auf seinen Bekanntschaft mit Daisy etwas reserviert, da sie von den Millers gesellschaftlich nicht viel hält. Daisy, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem viel jüngeren Bruder in Europa unterwegs ist, stammt aus einer Industriellenfamilie, die aber nicht zur High Society der USA zu rechnen ist. Für Winterbournes Tante machen sich diese Leute allein schon deshalb unmöglich, weil sie mit ihrem europäischen Cicerone zusammen essen und überhaupt einen vertrauten Umgang mit ihm pflegen. Daisy lebt in Europa offenbar ein außergewöhnlich freies Leben, da ihre Mutter sich als gänzlich unfähig erweist, der Selbstständigkeit ihrer Tochter irgendwelche Grenzen zu setzen.

Als Winterbourne seinen Besuch in Vevey bereits nach wenigen Tagen beendet, lässt Daisy für einen einzigen Moment durchblicken, dass ihr ironisches und distanziertes Spiel mit Frederick nur eine Farce ist, und sie an dem jungen Mann doch ernsthafter interessiert sein könnte. Sie nötigt ihm jedenfalls das Versprechen ab, sie im Winter in Rom aufzusuchen, was in Fredericks Pläne passt, da auch seine Tante sich dann in Rom aufhalten wird.

Winterbourne trifft etwa acht Monate später erwartungsvoll in Rom ein und hofft eine Daisy vorzufinden, die ihn sehnsüchtig erwartet. Stattdessen amüsiert sich die junge Frau prächtig in der römischen Gesellschaft, pflegt Freundschaften mit italienischen Junggesellen und kümmert sich wenig darum, was die amerikanische Gemeinde in Rom von ihr denkt. Diese Spannung kommt zur Entladung, kurz nachdem Frederick in Rom eingetroffen ist: Daisy wird von einer der Grande Dames der Amerikaner dazu aufgefordert, einen Spaziergang mit ihrem italienischen Freund Giovanelli abzubrechen und zu ihr in die Kutsche zu steigen; als Daisy sich weigert, das zu tun, wird sie bei nächster Gelegenheit öffentlich abgekanzelt und aus der guten Gesellschaft ausgestoßen.

Winterbourne reagiert in einer Mischung aus Enttäuschung, Eifersucht und Unsicherheit ebenfalls abweisend; er versucht zwar noch, Daisy auf den rechten Weg zu führen, gibt sie dann aber letztlich ebenfalls auf. James bringt die Erzählung zu einem recht abrupten Ende, indem er Daisy an der Malaria erkranken und kurz darauf sterben lässt. Am Grab kommt Frederick zur Einsicht, die junge Frau und ihre Handlungen falsch be- und sie daher verurteilt zu haben. Doch allzu tief scheint es ihn nicht getroffen zu haben, denn letztlich kehrt er zu seinem eigenen unmoralische Verhältnis in Genf zurück.

Es ist nicht ganz einfach zu bestimmen, wovon James in diesem Text eigentlich erzählt; es könnte sogar der Verdacht aufkommen, dass er das selbst nicht so ganz genau gewusst hat. Der für James typische Gegensatz zwischen nordamerikanischen und europäischen Sitten bildet nur die Folie für eine Geschichte, in der einen junge Frau von der sie umgebenden Gesellschaft dafür verurteilt und abgestraft wird, dass sie sich Freiheiten herausnimmt, die bei einem US-amerikanischen Mann in Europa selbstverständlich toleriert werden. Dass James das Thema nicht vollständig durchführen konnte, zeigt sich an dem hilfsweisen Tod Daisys, für den zum Teil ihr eigener Starrsinn, zum Teil die Leichtfertigkeit Giovanellis verantwortlich gemacht werden. Daisy scheitert an der Gefährlichkeit der Natur, der sie sich aussetzt, nicht an der Gesellschaft, von der sie verurteilt wurde. Das ermöglicht eine Tragik, für die am Ende keiner wirklich verantwortlich zeichnet, ohne dass das kritische Potenzial der Erzählung damit aufgehoben würde. Wahrscheinlich ist es diese eigentümliche Konstruktion, die zu ihrem dauerhaften Erfolg wesentlich beigetragen hat.

Die Neuübersetzung von Britta Mümmler liest sich gut und ist, soweit ich sie geprüft habe, in der Sache korrekt, nimmt sich für meinen Geschmack aber stilistisch ein wenig zu viele Freiheiten heraus – fehlende oder hinzugefügte Worte, Verwechslung von Subjekt und Objekt und andere Änderung von Satzstrukturen habe ich allein auf den ersten Seiten gefunden; den kastrierten Titel muss man wahrscheinlich dem Verlag und nicht der Übersetzerin anlasten. Wer den englischen Text nicht kennt, wird aber mit dieser deutschen Ausgabe ganz zufrieden sein; die Erläuterungen im Anhang sind gut gesetzt und hilfreich. Alles in allem eine gute deutsche Leseausgabe.

Henry James: Daisy Miller. Aus dem Englischen von Britta Mümmler. Kindle-Edition. München: dtv, 2015. (Druckausgabe: 128 Seiten.) 9,99 €.

Peter Scholz: Der Hellenismus

Niemand hat das Recht zu tun, was er will, doch alles ist zum Besten geordnet.

Ptolemäischer Rechtsgrundsatz

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Der chronologisch dritte Band von Becks „Geschichte der Antike“ – der Band zur Griechischen Klassik soll im kommenden Jahr erscheinen – ist nach dem originellen Band zum archaischen Griechenland eine kleine Enttäuschung. Es ist dem Autor zugutezuhalten, dass es eine undankbare Aufgabe ist, die Geschichte des Hellenismus nachzuzeichnen, da ein Großteil des historischen Stoffs von den Haupt- und Staatsaktionen der Diadochenreiche gebildet wird. In seinem Resümee schreibt Peter Scholz:

Die von Alexander gleichsam begründete, mit seinem Tod einsetzende Epoche des Hellenismus bietet, was die Lektüre der vorangehenden Seiten vermitteln wollte, eine schwer überschaubare Fülle von Herrschern und ihren Familien, von großen Protagonisten und kleinen Akteuren, eine ermüdende Vielzahl kleiner Konflikte und großer Kriege, von Morden an Herrschern und Mitgliedern der jeweiligen Herrscherfamilien, von schwierigen Herrscherwechseln und damit im Zusammenhang stehenden höfischen Intrigen. Aus den zahllosen Einzelereignissen, die kaum Anspruch erheben können, im allgemeinen historischen Gedächtnis zu verbleiben, lassen sich jedoch im Überblick einige besonders charakteristische Merkmale und Errungenschaften des hellenistischen Zeitalters herausarbeiten, die es verdienen, als Merkmale der hellenistischen Geschichte erinnert zu werden. (S. 302 f.)

Leider liegt das Hauptgewicht des Textes nicht auf den „charakteristischen Merkmalen“, die nur zwischendurch auf wenigen Seiten zusammengefasst werden, sondern auf der Auflistung und Nacherzählung eben der „ermüdenden Vielzahl“ jener Daten, die sich in ähnlicher Zusammenstellung auch in jeder anderen Darstellung der Epoche finden lässt.

Scholz beginnt seine Darstellung mit einer ausführlichen Schilderung der Karriere Alexanders III. als Gewaltmensch, wobei das Bild dieses historischen Protagonisten letztlich widersprüchlich bleibt. Während Scholz einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit Alexanders Egozentrismus betont, kann er es andererseits nicht umgehen, seine innovativen, wenn auch vielleicht ungelenken Versuche zur Vereinigung der griechisch-makedonischen und persischen Kultur zu schildern, die dem Bild des ausschließlich an der Selbststilisierung zum Heros Egomanen widersprechen. Auch Scholz’ These, Alexander habe auf nichtmilitärische Probleme ausschließlich ad hoc und ohne genügendes Gesamtkonzept reagiert, überzeugt nur, wenn man moderne Maßstäbe der Soziologie bzw. politischen Theorie anlegt. Alexanders Gesamtentwurf für sein Reich mag uns unzureichend erscheinen, aber zum einen war etwas ähnliches nie zuvor unternommen worden und zum anderen hatte kein Zeitgenosse jemals auch nur ansatzweise über politische Probleme dieser Größenordnung nachgedacht. Betrachtet man etwa versuchsweise Platons Analyse der Staatsformen als Anhalt für den theoretischen Horizont der Zeit, so kann von Alexander fairerweise kein substantielles Konzept für eine Durchstrukturierung seines Reichs erwartet werden. Reflektiert man gar die Reaktionen von Alexanders Mitstreitern auf seine Annäherung an persische Sitten und Rituale, so kommt man kaum umhin, ihn bei aller Egozentrik immerhin für einen originellen Kopf halten zu müssen, was immer man von seiner allgemeinen Tendenz zu Massenschlächtereien auch sonst halten mag.

Nach Alexanders Tod folgt Scholz all den oben angedeuteten Wirren und Verwicklungen der Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes bis zum Aufstieg der Römer als neue Ordnungsmacht. Warum es den Römern gelingt, eine zwar weiterhin fragile, im Vergleich zur Epoche des Hellenismus aber immerhin kontinuierliche Herrschaft im östlichen Mittelmeerraum zu errichten, wird von Scholz nicht mehr im Detail thematisiert. Bei ihm bleibt es bei einer Kritik des wesentlich auf die Person des Königs bezogene Staatsform der hellenistischen Reiche, in der jeder Herrscherwechsel, ja, sogar jeder militärische Erfolg letztlich zu einer immer erneuten Destabilisierung des gesamten internationalen Systems führen. Der Eindruck, der dem Leser bleibt, ist, dass es keinem der Nachfolger Alexanders gelungen ist, auch nur in Ansätzen die Idee zu einer Staatsform zu finden, die nicht wesentlich von dem Individuum an der Spitze und seiner Individualität abhängig ist. Im Primat der staatlichen Struktur über den Herrscher scheint eine der Pointen der Überlegenheit und des Erfolgs der Römer zu bestehen. Mag sein, dass dies die historische Lehre aus dem Chaos des Hellenismus ist.

Peter Scholz: Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. C. H. Beck Paperback 6153. München: Beck, 2015. Klappenbroschur, 352 Seiten. 16,95 €.

Aloys Winterling: Caligula

Der römischen Aristokratie müssen unter seiner Herrschaft so ungeheuerliche Dinge zugestoßen sein, daß man ihm posthum die höchste denkbare Stigmatisierung zuteil werden ließ: Er wurde als Monster und Wahnsinniger beschimpft und damit gleichsam aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen.

978-3-406-63233-4Caligula (12–41) ist einer der bekanntesten römischen Kaiser, da er spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Musterbeispiel für den größenwahnsinnigen und psychopathischen Diktator dient. Winterlings Darstellung Caligulas widerspricht diesem Bild des Kaisers diametral: Aufgrund einer differenzierten und kritischen Lesart der antiken Quellen erscheint der Kaiser bei ihm als ein rational handelnder Monarch, der nach mehreren Versuchen, ihn zu beseitigen, den stillschweigenden Konsens zwischen Herrscher und Senat, den sein Urgroßvater Augustus etabliert hatte, aufkündigte und versuchte, eine echte Alleinherrschaft zu etablieren. Offensichtlich gelang es ihm aber nicht, in kurzer Zeit ein neues Gleichgewicht und eine den angestrebten Verhältnissen angemessene Kommunikation zu begründen, sondern nutzte die Doppelbödigkeit des früheren Missverhältnisses dazu, die römischen Oberschicht zu demütigen und in Angst und Schrecken zu versetzen. Konsequenterweise führte dies nur zu weiteren Intrigen gegen ihn, von denen eine ziemlich bald durchschlug.

Caligulas kurze Herrschaft markiert somit einen Tiefpunkt in der Entwicklung der frühen, römischen Kaiserzeit. Winterling weist aber darauf hin, dass keine der zeitgenössischen Quellen von einem pathologischen Wahnsinn des Kaisers ausgeht. Dort, wo das Wort fällt – etwa bei Seneca –, wird es in dem Sinne gebraucht, wie auch wir heutzutage von Bauwahn oder ähnlichem reden. Erst Sueton scheint das Konzept vom wahnsinnigen Kaiser erfunden und die Quellen entsprechend tendenziös ausgeschlachtet zu haben. Er verfolgte damit augenscheinlich den Zweck, die Rolle der römischen Oberschicht im 1. Jahrhundert zu schönen und so sein und das Renommee seiner Standeskollegen aufzupolieren.

Winterlings Darstellung ist durchweg überzeugend, gut lesbar und auch für den historischen Laien nachvollziehbar. Ein uneingeschränkt zu empfehlendes Buch.

Aloys Winterling: Caligula. Beck’sche Reihe 6035. München: C. H. Beck, 2012. Broschur, 208 Seiten. 14,95 €.

Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom

Wen sollte meine Musik erfreuen? Sollte sie überhaupt erfreuen? Sie sollte beunruhigen. Sie würde keinen hier beunruhigen.

Furioser Abschluss der Trilogie des Scheiterns, 1954, also nur ein Jahr nach »Das Treibhaus« erschienen. Der Titel ist eine offensichtliche Anspielung auf die Erzählung »Der Tod in Venedig« von Thomas Mann. Bei Koeppen ist der Protagonist jedoch kein Schriftsteller, sondern »Tonsetzer«, der junge Komponist Siegfried Pfaffrath, der allerdings nur eine ausgezeichnete Position in einem Figurenensemble einnimmt. Mit »Der Tod in Rom« kehrt Koeppen erzähltechnisch zum ersten Teil der Trilogie zurück: Auch diesmal verfolgt er zahlreiche Figuren über den Verlauf von gut 48 Stunden, wobei zwei seiner Figuren allein durch die schiere Textmenge, die ihnen zugeordnet ist, ausgezeichnet werden: der schon erwähnte Siegfried Pfaffrath und sein Onkel Gottlieb Judejahn. Siegfried wird darüber hinaus auch noch dadurch herausgehoben, dass über ihn nicht nur personal erzählt wird, sondern er in zahlreichen Passagen auch als Ich-Erzähler auftritt.

Erzählt wird die Begegnung der Mitglieder einer deutschen Familie in Rom Anfang Mai 1954. Friedrich Wilhelm Pfaffrath, Oberbürgermeister einer deutschen Stadt, in der er bereits im Dritten Reich eine entsprechende hohe Verwaltungsposition inne hatte, ist mit seiner Frau, deren Schwester und seinem jüngsten Sohn Dietrich, einem Jura-Studenten, in Rom, um den mit seiner Schwägerin Eva verheirateten Gottlieb Judejahn zu treffen: Judejahn war SS-General und zumindest zeitweilig in dieser Funktion auch in Rom stationiert; zurzeit ist er Militätberater im Nahen Osten, eine Tätigkeit, die er als Fortsetzung seines Kampfes gegen die Juden versteht. Judejahn ist in Rom, um für seine Auftraggeber Waffen zu kaufen.

Pfaffraths älterer Sohn Siegfried ist zur gleichen Zeit in Rom, da anlässlich eines Musik-Kongresses eine seiner Kompositionen uraufgeführt werden soll. Dirigent ist der Siegfried väterlich zugetane Kürenberg, der vor dem Machtantritt der Nazis in der Stadt Pfaffraths tätig war und dessen Frau Ilse eine geflüchtete Jüdin aus eben dieser Stadt ist. Ilses Vater wurde von den Nazis wohl unter direkter Verantwortung Judejahns umgebracht, das Kaufhaus der Familie niedergebrannt. Kürenbergs sind nach England geflüchtet, wo Siegfried später als Insasse eines Gefangenenlagers mit Kürenberg Kontakt aufgenommen hat. Weder Siegfried noch die Kürenbergs ahnen zu Anfang des Romans etwas von den schicksalhaften Verwicklungen ihrer Familien.

Ebenfalls in Rom hält sich Adolf, der Sohn von Judejahn und Eva, auf: Wie Siegfried hat auch er in einer Ordensburg die Erziehungsmaschinerie der Nationalsozialisten durchlaufen, ist dann zu Kriegsende fortgelaufen und hat sich der katholischen Kirche zugewandt. Er ist noch in der Ausbildung zum Priester, was bei seinen beiden Elternteilen massive Verachtung auslöst. Aber auch Siegfried, der seine eigene Homosexualität als eine Folge der Erziehung in der Ordensburg begreift, lehnt den von Adolf gewählten Weg ab: Für ihn ist eine Sinngebung der menschlichen Existenz durch die christliche Religion nicht mehr glaubwürdig. Allerdings kann auch seine in der Hauptsache aus seiner Verzweiflung gespeiste Musik diese Funktion nicht erfüllen. Siegfried ist ganz im Sinne der zeitgenössischen Literatur als existenzialistische Figur entworfen.

Während Koeppens Darstellung des Großbürgertums der unmittelbaren Nachkriegszeit am Beispiel der Familie Pfaffrath eine gewisse resignative Gleichgültigkeit gegenüber der neuen Demokratie und eine sentimentale Trauer um die gute, alte Zeit Großdeutschlands zeigt, gerät ihm Judejahn zum Beispiel eines ungebrochen weiter der Ideologie des Nationalsozialismus anhängenden, unbelehrbaren Fanatikers. Judejahn bereut keine seiner Handlungen während des Dritten Reichs, betont sogar mehrfach, dass der Fehler darin bestanden habe, nicht genug Leute umgebracht zu haben, verwendet weiterhin ungebrochen die Phrasen des Nationanalsozialismus und hat nichts von seiner umfassenden Verachtung alles und aller Nichtdeutschen verloren. Judejahn ist nicht nur immer noch ein williger Handlager des Todes, er selbst ist der Tod in Rom, ohne Menschlichkeit und Mitleid, ohne jegliche Kultur, ungebildet, hasserfüllt und voller Ressentiment. In dieser Figur rechnet Koeppen nicht nur mit der unmenschlichen Ideologie des Dritten Reichs ab, er macht auch deutlich, dass sich Vertreter dieses Denkens immer noch auf freiem Fuß befinden und nur darauf warten, nach Deutschland zurückzukehren, um dort wieder die alten Verhältnisse herbeizuführen. Es wird schwer sein, eine solch intensive Darstellung der Unmenschlichkeit nationalsozialistischen Denkens in einer einzigen Figur in der deutschsprachigen Literatur noch einmal zu finden.

Mit diesem Roman hat leider auch das Romanwerk Koeppens seinen Abschluss gefunden. Es ist sehr bedauerlich, dass dieser Autor, der offensichtlich eine der großen erzählerischen Begabungen der Nachkriegsliteratur war, die Geschichte der Bundesrepublik nicht weiter begleitet hat. Es ist allerdings, nimmt man seine Einschätzung von der Wirkungslosigkeit der Kunst ernst, auch nur zu verständlich.

Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. In: Gesammelte Werke 2. Romane II. st 1774. Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1990. Broschur, S. 391–580 von insg. 581 Seiten.

Tom Rachman: Die Unperfekten

978-3-423-24821-1Netter, ein wenig zu lang geratener sogenannter Roman, der in einzelnen Erzählungen um die Mitglieder Redaktion einer namenlos bleibenden Zeitung kreist. Die Redaktion ist in Rom angesiedelt, wurde aber von einem Amerikaner gegründet und erstellt eine englischsprachige Zeitung für den internationalen Markt. Jedes der elf Kapitel dreht sich um jeweils ein Mitglied der Redaktion oder einen Korrespondent; in einem Kapitel steht sogar eine Leserin der Zeitung im Mittelpunkt. Am Ende der einzelnen Kapitel wird in einer kursiv gesetzten Passage die Geschichte der Zeitung aufgerollt von ihrer Gründung in der 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2007. Die meisten Figuren sind witzig oder obskur, die meisten Erzählungen humorvoll und leicht zu konsumieren. Gegen Ende wird es ein wenig dünner, wahrscheinlich auch, weil hier der Bericht vom Niedergang der Zeitung dem Autor gewisse erzählerische Zwänge auferlegt.

Wirklich zu bemängeln ist eigentlich nur der deutsche Titel: Das Original heißt »The Imperfektionists«, also Die Imperfektionisten, was zugleich mit der grammatikalischen Zeitstufe des Imperfekts und der Spannung zwischen dem Anspruch auf Perfektionismus und der immerwährenden Unvollkommenheit im Geschäft des Journalismus spielt. Davon ist im deutschen Titel »Die Unperfekten« mit dem neckisch kursiv gesetzten Un nun leider gar nichts übrig geblieben. Aber man kann nicht alles haben.

Tom Rachman: Die Unperfekten. Aus dem Englischen von Pieke Biermann. dtv 24821. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010. Broschur, 397 Seiten. 14,90 €.

Dorothea Dieckmann: Termini

978-3-608-93660-5Ein Roman, der zur Zeit des ersten Prozess gegen Erich Priebke in Rom spielt. Der junge Journalist Ansgar Weber trifft am 30. Juli 1996 im Rom ein, um im Auftrag des Spiegel als Reporter das Ende des Prozesses zu beobachten. Tatsächlich aber fährt er nach Rom, weil er ein Interview mit der für tot geltenden deutschen Autorin Lydia Marin führen will. Den Kontakt zu der anonym in Rom lebenden Schriftstellerin hat ihm die Tochter seines Chefredakteurs, Ellinor Just, vermittelt, die zufällig in Marins Nachbarschaft lebt und sie so kennengelernt hat. Ellinor ist in Ansgar verliebt und versucht ihn durch die Vermittlung dieses Interviews für sich zu gewinnen. Ansgar wiederum macht sich Hoffnung, durch die Wiederentdeckung der bekannten Schriftstellerin, die ihren eigene Tod nach einem Unfall im Gebirge vorgetäuscht hat, als Journalist berühmt und unabhängig zu werden, um sich von dem Druck, dem er sich beim Spiegel ausgesetzt fühlt, endlich befreien zu können.

Insgesamt verbringt Ansgar vier Tage in Rom, in denen er allerdings den Gerichtssaal des Priebke-Prozesses nicht ein einziges Mal betritt. Zwar gelingt es ihm, das Interview mit Lydia Marin zu führen, aber die Bänder werden von der Schriftstellerin vernichtet und sie selbst verschwindet letztlich wieder von der Bildfläche. Zum Ausgleich durchlebt Ansgar durch die Bekanntschaft mit dem Wahrsager Walter Haymon eine albtraumhafte Nacht in der Unterwelt, die nicht nur höchstwahrscheinlich seine berufliche Karriere beendet, sondern ihn auch an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt.

Dieckmann gelingt es, mit einem relativ kleinen Figurenensemble einen dichten Roman zu liefern, der zugleich Variation und Parodie auf den deutschen Bildungsroman ist. Nicht umsonst schickt sie ihren Protagonisten nach Rom, dem klassischen Ziel der Bildungsreise des 19. Jahrhunderts. Der Roman ist in einer überraschend dichten Prosa abgefasst, der es gelingt, selbst inhaltlich etwas dünne Passagen interessant zu gestalten. Die Figur Ansgar Webers ist so offen und beweglich gestaltet, dass ich mir einen weiteren Roman um dieselbe Figur gut vorstellen könnte.

Ein ungewöhnlicher Roman, der die momentan übliche Romanproduktion inhaltlich und stilistisch deutlich überragt.

Dorothea Dieckmann: Termini. Stuttgart: Klett-Cotta, 2009. Pappband, 317 Seiten. 21,90 €.

Die eine Hälfte des Verfalls

gibbon_printEs ist ein merkwürdiger Torso, den dtv im November 2003 mit seiner neuen, anspruchsvollen Übersetzung des Gibbon dem deutschen Publikum vorgelegt hat: Mit Michael Walter übersetzt einer der profiliertesten und besten Kenner des Englischen des 18. Jahrhunderts das bedeutende Geschichtswerk der vorromantischen Epoche neu und – lässt es zugleich bleiben. Edward Gibbons »Decline and Fall of the Roman Empire« ist im englischsprachigen Raum wahrscheinlich die bis heute meistgelesene umfangreiche geschichtliche Darstellung überhaupt. Das Buch sorgte aufgrund seines distanzierten Blicks auf das frühe Christentum im Römischen Reich schon während seines Erscheinens europaweit für Aufregung, und die ersten Bände wurden bereits vor Abschluss des Gesamtwerks erstmals ins Deutsche übersetzt. Seitdem hat Gibbons monumentale Darstellung immer neue Auflagen sowohl des Gesamtwerks als auch diverser Ausgliederungen erlebt.

Der Text der neuen dtv-Ausgabe umfasst die ersten drei der insgesamt sechs Bände des Originals und endet mit dem Untergang des Weströmischen Reiches. Die nachfolgenden drei Bände, die die Geschichte Ostroms, sprich Byzanz’ bzw. Konstantinopels bis zur Eroberung der Stadt im Jahr 1453 enthalten, fehlen kommentarlos. Es findet sich weder eine herausgeberische Reflexion zu dieser Halbierung noch etwa die Ankündigung einer Fortsetzung oder Vervollständigung der vorgelegten Ausgabe.

Eine weitere Merkwürdigkeit tritt hinzu: Mit Michael Walter zeichnet, wie bereits gesagt, ein profilierter und stilistisch brillanter Übersetzer für den deutschen Text dieser Teil-Ausgabe verantwortlich, wenigstens für einen Teil des Teils. Denn Walter scheint seine Übersetzung nach dem Kapitel XXXII abgebrochen zu haben; alle Fußnoten, die Kapitel XXXIII bis XXXVIII und die den dritten Band des Gesamtwerks abschließenden »General Observations on the Fall of the Roman Empire in the West« sind von Walter Kumpmann übersetzt. Auch diesen Umstand thematisiert die Ausgabe so wenig wie möglich, geschweige denn, dass sie ihn erklärt.

gibbon_fallAls sei dies alles nicht merkwürdig genug, hat sich der Verlag der Digitalen Bibliothek, die normalerweise für umfängliche und möglichst vollständige Ausgaben steht, entschlossen, den Torso des dtv-Verlages unverändert (inklusive der Druckfehler) und ohne Ergänzungen auf einer CD-ROM zu publizieren. Dabei ist das mit den »Ergänzungen« allerdings auch leichter hingeschrieben als getan, denn die letzte einigermaßen vollständige Ausgabe des »Verfalls und Untergangs« stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts und dürfte vermutlich in einem auffälligen stilistischen Kontrast zu Walters Übersetzung stehen. Und die Beigabe des englischen Textes hätte die digitale Ausgabe nicht nur im Preis bedeutend teurer (und damit unverkäuflicher) gemacht, sondern den fragmentarischen Charakter dieser deutschen Ausgabe entweder verdoppelt oder überaus auffällig gemacht, je nachdem ob man nur drei oder alle sechs Bände im Englischen beigegeben hätte.

Sieht man von all diesen Halbheiten einmal ab, so präsentieren die beiden Ausgaben den seit ungefähr 200 Jahren vollständigsten und sicherlich lesbarsten Gibbon in deutscher Sprache. Für den heutigen Leser ist weniger die sachliche Richtigkeit der Darstellung Gibbons en détail entscheidend als vielmehr sein erzählender Stil, sein origineller Blick und sein Humor, denn dies sind die Eigenschaften, die den konstanten Erfolg des Buches über die Jahrzehnte hinweg garantiert haben.

Mit dem ehrwürdigen Prokonsul [Gordian] wurde zugleich sein Sohn, der ihn als Legat nach Africa begleitet hatte, zum Kaiser erklärt. Er war weniger sittenstreng, doch im Wesen ebenso liebenswürdig wie sein Vater. Zweiundzwanzig anerkannte Konkubinen und eine zweiundsechzigtausend Bände umfassende Bibliothek bezeugten die Vielfalt seiner Neigungen, und wie seine Hervorbringungen beweisen, dienten beide Sammlungen mehr dem Gebrauch als zur Prahlerei.

Die Ausgabe wird ergänzt durch zahlreiche Bibliographien, ein Personenregister und einen hervorragenden, knapp 100 Seiten langen Essay von Wilfried Nippel über Gibbon. Zwischen der gedruckten und der digitalen Ausgabe besteht ein Preisunterschied von 48,– € und dies könnte ein Vermarktungsmodell für die Zukunft darstellen: Umfangreiche Werke, die im Taschebuch erscheinen, werden nach einigen Jahren als digitale Ausgaben auf den Markt gebracht, die so zum Taschenbuch des Taschenbuchs werden könnten. Die üblichen Vorteile einer digitalen Ausgabe mit der bewährten Software der Digitalen Bibliothek mit Volltextsuche, Lesezeichen, Notizen und Markierung verstehen sich als Dreingaben inzwischen ja beinahe von selbst.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. 6 Bde. dtv, 2003. Kartoniert, 2296 Seiten. 78,– €.

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen. Aus dem Englischen von Michael Walter und Walter Kumpmann. Digitale Bibliothek Band 161. Berlin: Directmedia Publishing, 2007. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 32 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000 oder XP) oder MAC ab MacOS 10.3; 128 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. Empfohlener Verkaufspreis: 30,– €.

Eine Software für Linux-User kann von der Homepage der Digitalen Bibliothek heruntergeladen werden.

Robert Graves: I, Claudius

Die erneute Lektüre wurde angeregt durch ein Gespräch über die hervorragende BBC-Serie nach Graves beiden Claudius-Romanen, die ich vor einiger Zeit auf DVD gekauft hatte. Ich hatte das Buch als Jugendlicher auf Deutsch gelesen und dann vor über zwanzig Jahren die hier gezeigte deutsch-englische Ausgabe aus dem Jahr 1941 geschenkt bekommen. The Albatros war ein Leipziger Verlag, der auf englische Texte für deutsche Leser spezialisiert war. Der Text ist sehr sorgfältig gesetzt, der Buchblock fadengeheftet und anschließend broschiert. Ich habe das Buch während der Lektüre recht lieb gewonnen.

Diesmal habe ich natürlich gemerkt, wie sehr »I, Claudius« ein geschickt aufgefüllter Sueton ist. Aber die Betonung liegt eben auf dem Wort geschickt, denn Graves gelingt es ganz erstaunlich gut, auf der Grundlage des Berichts von Sueton eine Romanhandlung zu stricken, die die Zeit von den letzten Jahren der Regierung Augustus’ bis zur Einsetzung von Claudius als Kaiser umfasst. Die meisten Leser werden sich so wie ich auf den ersten einhundert Seiten auf den Berichtston des Romans einstellen müssen. Graves gestaltet Claudius als einen Historiker, der auch in dieser privaten Familiengeschichte seine eigentliche Berufung nicht verleugnen kann und will. Später wird der Text auch reicher an Dialogen und damit unmittelbarer in seiner Darstellung, aber er gerät nie zu einem der typischen historischen Romane, wie etwa Clavell oder Jennings sie später geschrieben haben. Mir ist unklar, wie weit dies Berechnung des Autors ist oder ob er einfach Zeit gebraucht hat, um den Ton für das Buch zu finden.

»I, Claudius« ist ein gewendeter Narrrenroman: Claudius kann gelesen werden als klassische Narrenfigur, an deren vermeintlicher Beschränktheit sich die fürchterliche Normalität seiner Welt bricht; in einer solchen Lektüre ist das Spannenste wahrscheinlich, dass der Narr Claudius beinahe als der einzig geistig Gesunde erscheint, während der überwiegende Teil seiner Familie sich auf die ein oder andere Weise dem Wahnsinn überantwortet. Claudius ist der Fels in der Brandung, dessen Stoizismus dem Leser die Ungeheuerlichkeit der berichteten Ereignisse erst glaubhaft und wahrscheinlich macht.

Eine Rezension des Nachfolgebandes »Claudius the God« folgt hier bei Gelegenheit.

Aktuelle Ausgabe:
Graves, Robert: I, Claudius
Penguin, 2001. ISBN 0-14-000318-5
Kartoniert – 400 Seiten – ca. 15,00 Eur

Herbert Rosendorfer: Mitteilungen aus dem poetischen Chaos

76398531_552cb612c5Acht kurze Erzählungen, die alle in Rom spielen und – mehr oder weniger – von Rom handeln. Stofflich sind sie von recht unterschiedlichem Gehalt: Von der gesellschaftlichen Anekdote, einer Kriminalerzählung mit kindlichem Detektiv, über zum absurden tendierenden Reflektionen zu Glanz und Elend der vatikanischen Welt und touristische Satirestücke bis hin zu einem Entwurf zu einem Lenbach-Roman, dessen fiktiven Autor der Erzähler bei einer Vernissage kennenlernt und dem Leben und Roman ebenso aus den Fugen geraten wie seinem noch fiktiveren Romanhelden Franz von Lenbach, spannt sich der Bogen. Zusammengehalten wird er durch einen Erzähler, dessen Liebe zu Rom sich in jedem Stück aufs Neue widerspiegelt und mit dem man selbst gern einmal das Frühstück im Caffè Greco einehmen würde.

Die Sammlung zeigt einmal mehr die routinierte Erzählweise Rosendorfers, der offenbar auch den zwischenzeitlichen Ruhm der »Briefe in die chinesische Vergangenheit« gut überstanden hat und weiterhin mit schöner Regelmäßigkeit seine Bücher produziert, um von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend ignoriert zu werden. Sein »Kirchenführer Rom« ist derzeit allerdings schon in der dritten Auflage, was zumindest eine gewisse Popularität beweist, wenn man ihm auch bislang nicht die fragwürdige Ehre Gesammelter Werke hat angedeihen lassen – zum Ausgleich dafür wird er aber wahrscheinlich tatsächlich gelesen –, und vielleicht schreibt er ja, wenn er mit seiner »Deutschen Geschichte« fertig ist, eine Fortsetzung des Gregorovius, etwa vom Barock bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zuzutrauen wäre es diesem erstaunlichen Stilisten allemal.

Die hier angezeigte Taschenbuchausgabe von 1993 (bibliographischer Nachweis) scheint nicht mehr lieferbar zu sein. Dafür ist es aber immer noch die zwei Jahre ältere Originalausgabe:

Rosendorfer, Herbert: Mitteilungen aus dem poetischen Chaos. Römische Geschichten
Kiepenheuer & Witsch, 1991. ISBN 3-462-02098-6
Gebunden – 156 Seiten – 14,90 Eur[D]