Salman Rushdie: Quichotte

Solche Geschichten gehen alles in allem nicht gut aus.

Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gemeint:

Ob ich gleich weiß, daß sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll.

Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe I. München: Hanser, 1968. S. 659. [J 46]

Woran allein man gut erkennen kann, dass Lichtenberg mit der Literatur unserer Zeit nicht hinreichend bekannt war. Denn die meisten Rezensionen zu Salman Rushdies neuem Roman, in die ich hineingeschaut habe, werden mit dem Buch spielend fertig, weil ihre Verfasser das Buch offenbar nicht oder wenigstens nur flüchtig gelesen haben. Hat man dagegen den Roman und halbwegs gründlich gelesen, sieht man sich vor die herkulische Aufgabe gestellt, das Buch in aller Kürze vorzustellen zu sollen, ohne es entweder in einem vollständig falschen Licht erscheinen zu lassen oder sich komplett in kryptisches Raunen zu verlieren. Versuchen wir es dennoch:

Erzählt wird diese Geschichte auf mindestens zwei fiktionalen Ebenen – Arno Schmidt hätte von einem Längeren Gedankenspiel gesprochen –, erstens der des fiktiven Schriftstellers Sam DuChamp (das ist nur sein Pseudonym, seinen wahren Namen erfahren wir nicht), eines mäßig erfolgreichen Verfassers von Agenten-Thrillern, der gerade dabei ist die Geschichte eines Quichottes des 21. Jahrhunderts zu schreiben, die die besagte zweite Ebene bildet. Dieser Schriftsteller, der wie die meisten Figuren dieser Ebene nur nach seiner verwandtschaftlichen Beziehung benannt wird, Bruder also, lebt in New York und ist seit vielen Jahren mit seiner Schwester, Schwester genannt, zerstritten, nachdem er ihr vorgeworfen hatte, sich am väterlichen Erbe betrügerisch bereichert zu haben. Schwester ist Rechtsanwältin und lebt, verheiratet mit einem Richter, mit dem sie die Tochter Tochter hat, in London. Sie steht kurz vor dem Gipfel der gesellschaftlichen Anerkennung, da sie Sprecherin des englischen Oberhauses werden soll. Aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt.

Weder Bruder noch Schwester sind ihre Karrieren an der Wiege gesungen worden: Beide stammen – wie der sie erfindende Autor Salman Rushdie – aus Bombay. Auch der von Bruder erfundene Quichotte stammt aus dieser Stadt, lebt aber ebenfalls schon lange in den USA; er ist etwa 70 Jahre alt, wird zu Anfang des Buches von seinem Cousin zwangspensioniert – er hat zuletzt als Pharmavertreter gearbeitet. An seine Vergangenheit kann er sich nur lückenhaft erinnern, da er früher einmal einen Schlaganfall erlitten hat; seitdem ist er etwas wunderlich geworden, verbringt seine Freizeit hauptsächlich vor dem Fernseher (das sind seine Ritterromane!) und ist verliebt in die ebenfalls aus Indien stammende Talkshow-Moderatorin Salma R. (!) In die Freiheit des Ruhestandes entlassen, begibt er sich auf eine Quest, Salmas Liebe zu erlangen. Um den langen Weg nach New York nicht alleine zurücklegen zu müssen, erfindet er sich einen Sohn, Sancho, der auf gewisse Weise eine dritte fiktionale Ebene in das Buch einzieht. Dieser erfundene Sohn, obwohl zuerst eindeutig ein Gedankenprodukt Quichottes, gewinnt rasch an Selbstständigkeit und wird zur dritten Hauptfigur des Romans. Er erweist sich dabei weniger als ein Abbild des Sancho Pansa des Cervantes, sondern ist offenbar an Collodis Pinocchio entlang erfunden.

Das Buch erzählt in alternierenden Abschnitten die Geschichten Quichottes, Bruders und schließlich auch Sanchos. Dabei nutzt Rushdie alle Freiheiten des traditionellen pikarischen Romans: Immer wieder finden sich Nebengeschichten und unvorbereitete Abschweifungen, Pfade der Erzählung, die letztlich nirgends hin führen, fantastische Einschübe, albtraumhafte Sequenzen und was der Tricks mehr sind. Die Flut der Anspielungen auf Literatur, aber besonders auch auf Film und Fernsehen ist überwältigend – allein mit der Aufzählung der Offensichtlichsten ließen sich Seiten füllen –; ganz nebenbei wird ein Agententhriller eigebaut, in den Bruders Sohn Sohn verwickelt ist; es wird die Opioid-Sucht in der amerikanischen Gesellschaft thematisiert; der alltägliche Rassismus in den USA kommt ebenso vor wie das Problem des Kindesmissbrauchs in Familien; und nicht zuletzt sind auch Verschwörungstheoretiker prominent vertreten und ein wirtschaftlich erfolgreiches Genie, das den Weltuntergang prophezeit und die Menschheit auf die Erde eines Paralleluniversums hinüber retten will. Und bei all diesen Wendungen und Themen findet Rushdie immer erneut einen Weg, sie auf den Ritter von der traurigen Gestalt und seinen verzweifelten Kampf gegen die Realität zu­rück­zu­be­zie­hen.

Ich weiß wohl, dass Rushdies Bücher immer so sind, wenn ich auch von seinen Romanen zu wenige gelesen habe, um dieses Vorurteil tatsächlich inhaltlich füllen zu können, aber es hat mich überwältigt. Dieses Buch ist von einem Reichtum an Erfindung, einer Freiheit der Phantasie, einer Stringenz des Gedankens und nicht zuletzt einem so souveränen Humor, dass ihm eine Besprechung wohl nicht gerecht werden kann. Um auch mit Lichtenberg zu schließen, sei einmal mehr gesagt:

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Ebd. S. 359. [E 79]

Salman Rushdie: Quichotte. Aus dem Englischen von Sabine Herting. München: C. Bertelsmann, 2019. Pappband, 461 Seiten. 25,– €.

Wie ich einmal zum Leser Arno Schmidts wurde – ein Schul-Aufsätzchen

Um ausnahmsweise auch einmal der Faszination des Datum zu huldigen und weil ich gerade durch Zufall nach langer Zeit wieder einmal an Hugo von Hofmannsthal vorbeigekommen bin, sei hier die Anekdote erzählt, wie ich zum Leser Arno Schmidts geworden bin. Später erzähle ich vielleicht auch einmal, wie ich darüber hinweg gekommen bin, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein ander Mal … Sorry.

Aufgrund einer langen und bis heute anhaltenden Krankengeschichte habe ich eine sehr krumme Schulkarriere hinter mich gebracht. Nach den Sommerferien 1979 kehrte ich ans Gymnasium zurück und besuchte in Solingen die Oberstufe, nachdem ich zuvor einen sogenannten qualifizierten Abschluss der Realschule erworben hatte. Damals kamen die „Absolventen“, also jene, die wie ich zum Upgrade des Schulabschlusses berechtigt waren, in den Genuss von Ergänzungsunterricht in den Hauptfächern, der dem zuvor angesammelten Wissensmangel der Realschulen aufhelfen sollte. In Deutsch gab diesen Unterricht ein etwas eingetrocknetes, katholisches Fräulein (ob sie tatsächlich eines war, ist mir immer unbekannt geblieben), die unter anderem versuchte, das Interesse (= Dazwischensein) der Schülerinnen und Schüler durch einen Ausflug in die Liebeslyrik zu erregen. Darunter fand sich an prominenter Stelle auch das folgenden Gedicht Hugo von Hofmannsthals:

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand
– Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es Beiden allzuschwer:
Denn Beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die and’re fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

Hugo von Hofmannsthal: Gedichte. Hg. v. Lorenz Jäger. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999. S. 29.

Da mir schon damals oft fad war, wenn ich hätte etwas lernen sollen, und mir zum Ausgleich der Schalk im Nacken saß, antwortete ich auf die berüchtigte Frage, was denn der Dichter damit sagen wolle, mit der spontan entwickelten These, es handele sich um die allegorische Beschreibung des ersten Geschlechtsverkehrs zweier Liebender. Das Vagina-Symbol des Bechers in der ersten und die Virilität der zweiten Strophe bereiteten den eigentlich Akt in der dritten Strophe vor, in der zwar nicht die Hände, aber sonstwas zueinander findet und die mit dem berüchtigten Blutopfer des Jungfernmythos endet.

Das dieser Deutung folgende interpretatorische Gestrampel war bei weitem nicht so heftig, wie ich erhofft hatte, aber immerhin schien mir mein Einfall witzig genug, um die Anekdote meinem Philosophielehrer zu erzählen. Der sah mich durchdringend an und fragte: „Kennst Du Arno Schmidt?“, worauf ich wahrheitsgemäß antwortete: „Arno Schmidt? Nie gehört.“ Einige Tage später drückte er mir Sitara und der Weg dorthin in die Hand, das sich als das lustigste Buch herausstellen sollte, das ich bis dahin gelesen hatte.

Auch im Weiteren drückte Schmidt die meisten jener Knöpfe, die bei einem intelligenten, arroganten und autodidaktischen, jedoch mangelhaft belesenen jungen Mann zur Verfügung standen, und als ich mit dem Studium anfing, hatte ich nicht nur den Großteil des Werkes gelesen (im Wesentlichen fehlte damals nur Zettel’s Traum, wenn ich auch sicherlich mit den anderen Teilen des Spätwerks noch an keinem möglichen Rand angekommen war), sondern auch gelernt, was Sekundärliteratur ist und wie sie funktioniert. Ich verdanke diesen drei Jahren viel und habe durch diesen Autor eine merkwürdige Art der literarischen Erziehung genossen. Sicherlich ist da nicht alles glücklich abgelaufen, aber man soll dankbar sein für das, was einem gegeben worden ist. Nur in der Philosophie bin ich ihm schon damals davongelaufen, aber dazu brauchte es auch nicht viel.

Viele Jahre später fand ich dann bei Schmidt die Bestätigung:

Und triefend stand; (‹bezwang ihn, daß er triefend stand› – oder ‹zitternd stand›? Ich wußte’s im Augenblick tatsächlich nich).

Arno Schmidt: Die Wasserstraße. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgr. I, Bd. 3. Zürich: Haffmans, 1987. S. 433.

Da hatte es sich gerundet. So etwas wird man später niemals wirklich wieder los.

James Joyce: Dubliner

Die unterhaltsame Musik von Whisky, der in Gläser fiel, ergab ein angenehmes Zwischenspiel.

Seit Anfang 2012 die Werke James Joyce’ gemeinfrei geworden sind, sind einige Neuübersetzungen erschienen, darunter eine des Portraits durch Friedhelm Rathjen bei Manesse und eine der Dubliners durch Harald Raykowski bei dtv. Nun legt Manesse die Dubliners auch in Friedhelm Rathjens Übertragung vor, zudem in der schönen Manesse Bibliothek, deren Format dem kleinen Büchlein wie auf den Leib geschnitten ist.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hatte Joyce einige Schwierigkeiten für sein erstes Buch einen Verlag zu finden. Seine Schilderung der Menschen und des Lebens in Dublin kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert war, obwohl sie sich in die Literatur der Moderne stilistisch weitgehend unproblematisch einfügte, für die provinziellen irische Verhältnisse eindeutig zu progressiv, was nicht ohne Ironie ist, da gerade diese Provinzialität eines der wichtigen Themen des Buches bildet.

Rathjens Neuübersetzung kann als die mit Abstand beste in deutscher Sprache bezeichnet werden. Sie nimmt es in Sachen sprachlicher und struktureller Präzision mit Leichtigkeit mit der alten von Dieter E. Zimmer (1969) auf und liefert zugleich einen flüssigen, dem heutigen Sprachstand nahen Lesetext, ohne dabei vergessen zu machen, dass Joyce die Erzählungen des Bandes vor über 100 Jahren geschrieben hat. Rathjens Übersetzung ist sowohl für eine Erst- als auch für eine wiederholte Lektüre zweifellos die erste Wahl.

Die Freude wird etwas getrübt durch die Tatsache, dass der Band mit größerer Sorgfalt hätte korrigiert werden dürfen: Neben dem fehlenden Inhaltsverzeichnis fallen bei sorgfältiger Lektüre überdurchschnittlich viele Fehler auf, was den positiven Gesamteindruck aber nur wenig einschränkt.

James Joyce: Dubliner. Aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen. Zürich: Manesse, 2019. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 444 Seiten. 24,– €.

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot

Gut, so was steht in Romanen! Das, lieber Fürst, sind alte Märchen, heute ist die Welt viel klüger geworden, und nun ist das alles Unsinn!

Der zweite der letzten fünf großen Romanen Dostojewskijs erschien 1869 nach einem Zeitungsvorabdruck als Buch. Dostojewskij lebte während der gesamten Niederschrift mit seiner Frau Anna im Ausland, hauptsächlich in der Schweiz und in Italien. Der Idiot war eines der Projekte, mit denen Dostojewskij einen Teil seiner Schulden in Russland abzahlen und seine Rückkehr ermöglichen konnte.

Erzählt wird die Geschichte des Fürsten Myschkin, ein etwa 25 Jahre junger Mann, der nach über vier Jahren Behandlung in einem Schweizer Sanatorium nach Russland zurückkehrt. Er ist Epilektiker und war vor seiner Behandlung aufgrund der Krankheit kaum lebens- oder kommunikationsfähig. Im Zug nach Petersburg lernt er Pafjon Rogoschin kennen, dessen Vater gerade gestorben ist und der aus der Provinz nach Sankt Petersburg fährt, um sein Erbe anzutreten und um eine Frau zu werben, in die er verliebt ist. In Sankt Petersburg angekommen, begibt sich Myschkin zur Wohnung des Generals Jepantschin, mit dessen Frau Lisaweta er weitläufig verwand ist. Hier wird er von der Familie überraschend freundlich aufgenommen und lernt auch die drei unverheirateten Töchter des Ehepaars kennen, von denen die jüngste, Aglaja, eine wichtige Rolle im weiteren Roman spielen wird.

Noch am selben Abend lernt er auch die Frau kennen, um die Rogoschin wirbt: Nastassja Filippowna  Baraschkowa stammt aus einfachen Verhältnissen, wurde aber aufgrund ihrer überragenden Schönheit von ihrem Gutsbesitzer ausgewählt und zur Kurtisane erzogen und ausgehalten. Aus diesem Zwangsverhältnis hat sich Nastassja befreit und verdreht nun als selbstständige Frau in Sankt Petersburg den Männern die Köpfe. Auch Myschkin verfällt ihrer Schönheit bereits beim Betrachten eines Porträts, um so mehr als er ihr persönlich begegnet. Bei dieser ersten Begegnung bei Nastassjas Geburtstagsfeier erweist sich Myschkin auch eindeutig als äußerst merkwürdige Natur, denn er macht Nastassja, kaum hat er sie kennengelernt sogleich einen Heiratsantrag, offenbar in der Absicht, sie vor einer Beziehung mit Rogoschin zu retten.

Nach der Zuspitzung gleich dieses ersten Tages verschwinden zuerst Rogoschin und Nastassja nach Moskau; Myschkin folgt ihnen unmittelbar. Der zweite von vier Teilen des Romans beginnt etwa sechs Monate nach diesen Ereignissen als Myschkin nach Sankt Petersburg zurückkehrt und sehr bald  erfährt, dass sich Nastassja in Pawlowsk – der Sommerresidenz des Zaren – aufhält. Er reist ihr nach, mietet sich bei einer der Nebenfiguren des Romans ein und kommt hier auch wieder in Kontakt mit der Familie Jepantschin. In den Kreisen, in denen Myschkin verkehrt, weiß man, dass er in der Zwischenzeit wenigstens eine Weile lang mit Nastassja im selben Haushalt zusammengelebt hat, sie ihm am Ende aber weggelaufen sei. Einerseits erklärt Myschkin sein Interesse an Nastassja als vom Mitleid mit dieser Frau getragen, die er mehrfach als wahnsinnig bezeichnet, andererseits scheint Myschkin sich nun für Aglaja Iwanowna Jepantschin zu interessieren, der er während seines Aufenthalts in Moskau auch einen merkwürdig vertraulichen Brief geschrieben zu haben scheint. Aglaja ist wiederum einerseits offensichtlich von Myschkin und seinem Außenseitertum fasziniert, andererseits scheint er ihr aufgrund seiner gesellschaftlichen Ungeschicklichkeit und seiner großen Naivität als Ehemann vollkommen ungeeignet. Ein bedeutender Teil der Erzählung beschäftigt sich nun mit der langsamen Zubereitung Myschkins als Ehekandidaten für Aglaja, eine Hoffnung, die bei dem ersten großen Empfang, bei dem Myschkin in den Freundes-, Bekannten- und Gönnerkreis der Jepantschins eingeführt werden soll, musterhaft scheitert, als sich Myschkin nicht nur anlässlich einer religiösen Frage in Rage redet, sondern die Feier auch noch dadurch beendet, dass er einen epileptischen Anfall erleidet.

Als sei dies nicht genug, kommt es zu einem weiteren Skandal, als Myschkin Aglaja auf deren Wunsch hin szu Nastassja begleitet, die Aglaja mehrfach geschrieben hat, angeblich um deren Hochzeit mit Myschkin zu befördern. Es kommt zu einer exzessiven Eifersuchtsszene zwischen den beiden Frauen, und anstatt Aglaja bei deren wütendem Abgang zu folgen, bleibt Myschkin bei der nervlich zerrütteten Nastassja. Nun scheint seine Hochzeit mit ihr eine beschlossene Sache zu sein. Aber auch dieser Plan scheitert und der Roman endet einer größtmöglichen Katastrophe. Myschkin wird durch die letzten Ereignisse des Romans so erschüttert, dass er in den katatonischen Zustand zurückkehrt, in dem er fünf Jahre zuvor in die Schweiz gebracht worden war. Er wird in dasselbe Hospital gebracht, doch diesmal erklärt der Schweizer Doktor ihn für unheilbar.

Der Idiot ist unzweifelhaft ein sehr ungewöhnlicher Roman: Auf der einen Seite arbeitet er als ein Liebes- und Eheanbahnungsroman eines der trivialen Muster der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts ab, auf der anderen führt er aber ein diesem Muster offensichtlich zuwiderlaufendes Gedankenexperiment durch, das in dem Versuch besteht, einen weitgehend unsozialisierten Menschen – Myschkin wird mehrfach als Kind bezeichnet und hat seine einzigen sozialen Kontakte in der Schweiz mit Kindern gehabt – auf die russische Gesellschaft mit all ihren Ritualen, Rangstufungen und Intrigen loszulassen. Myschkin ist ein weiteres Exemplar des Naturmenschen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, in diesem Fall nicht durch seine Herkunft, sondern durch seinen Lebensweg und seine Krankheit von der Sozialisation abgeschnitten. Ihm ist jedes Boshaftigkeit fremd, jede Lust daran, anderen zu schaden, jegliche Leidenschaft, jegliche Gier, jegliche Selbstsucht. Seine Liebe erscheint stets uneigennützig und rein, wenn sie auch zu Aglaja und Nastassja sicherlich unterschiedlich motiviert ist. Myschkin ist der von der Gesellschaft  noch nicht verdorbene Mensch. Sein Schicksal ist eine scharfe Kritik des Christen Dostojewskij an der Gesellschaft seiner Zeit, auch wenn Myschkin letztlich nicht an dieser Gesellschaft, sondern an einem Verbrechen scheitert, das offenbar aus Leidenschaft begangen wird. Myschkin zerbricht an der Realität des Menschen, nicht nur an der Konstruktion seines Zusammenlebens.

Auch diesmal hat sich für mich wieder die Übersetzung Swetlana Geiers bewährt: Der Idiot ist der einzige Roman Dostojewskijs, den ich in der Übersetzung Hermann Röhls komplett gelesen hatte, aber ohne mich mit ihm anfreunden zu können. Die differenzierte und oft lakonische Sprache Geiers hat auch diesen Roman für mich geöffnet.

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Lizenzausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995. Pappband, Fadenheftung, 911 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Die Tochter des Vercingetorix

Asterix lebt! Mit diesem Band beweist das neue Autorenteam und auch der deutsche Übersetzer Klaus Jöken, dass sie durchaus in der Lage sind, an alte Höhen anzuknüpfen. Der Band hat nicht nur eine akzeptable Geschichte zu erzählen, sondern auch die Wortspiele und Anspielungen funktionieren diesmal und das übergeordnete Thema der Jugendkultur ist einigermaßen überzeugend durchgehalten, wenn auch hier sicherlich die Einschränkung zu machen ist, dass es sich einmal mehr um eine Jugendkultur handelt, wie sie sich jene vorstellen, die an ihr nicht teilhaben.

Die Geschichte knüpft sehr locker an den Vorläufer Asterix und der Avernerschild an und vermeidet zugleich, Asterix und die Normannen zu kopieren: Adrenaline, die Tochter des Häuptlings Vercingetorix, der bei Alesia vor Cäsar kapitulieren musste und als Gefangener nach Rom geführt wurde, wird von den Römern verfolgt, da sie im Besitz des Wendelrings ihres Vaters ist; mit diesem Symbol väterlicher Macht könnte das Mädchen zum Kristallisationspunkt eines neue gallischen Aufstands werden. Um das Mädchen vor den Römern zu schützen, wird sie in das berühmte kleine gallische Dorf gebracht, wo selbstverständlich Asterix und Obelix mit ihrer Bewachung beauftragt werden. Ebenso selbstverständlich kann Adrenaline entkommen, läuft den Piraten in die Hände, die wiederum von Asterix und Obelix verfolgt und erreicht werden, als deren Schiff von einer römischen Galeere aufgebracht wird. Nach der unvermeidlichen Schlägerei wird auch diesmal alles gut, und Adrenaline erfüllt den Auftrag ihres Vaters „Widerstand zu leisten und frei zu bleiben“ auf ihre ganz eigene Weise.

Alles in allem nach langer Zeit wieder einmal ein runder Asterix-Band, der weitgehend funktioniert. Wie schon beim letzten Band gesagt: „Wir heißen Euch hoffen“.

Jean-Yves Ferri / Didier Conrad: Die Tochter des Vercingetorix. Asterix Bd. 38. Berlin: Egmont Ehapa, 2019. Bedruckter Pappband, 48 Seiten (28,8 × 22,4 cm). 12,– €.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen.

Der kleine Roman aus dem Jahr 1887 spielt in Berlin in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre und erzählt die Liebesgeschichte zwischen der Näherin Lene Nimptsch und Baron Botho von Rienäcker. Kennengelernt haben sich die beiden, als Botho Lene und eine Freundin bei einem Bootsausflug aus einer Notlage errettet und anschließend nach Hause begleitet. Seitdem ist Botho regelmäßiger Gast in der beim Zoologischen Garten gelegenen Gärtnerei, bei der Lene zusammen mit ihrer Ziehmutter wohnt. Für Lene ist es nicht die erste Freundschaft mit einem Adeligen; für Botho ist es eine entspannende Auszeit vom Umgang in der adeligen Gesellschaft, den er als bemüht und anstrengend empfindet. Die Beziehung der beiden gipfelt in einer gemeinsamen Nacht, die sie in einem etwas abgelegenen Gasthaus miteinander verbringen. Doch ist dies zugleich der Anfang vom Ende.

Botho steht von Seiten seiner Familie unter Druck, eine schon lange verabredete Verlobung mit seiner wohlhabenden Kusine endlich zu realisieren. Die Familie Bothos ist auf das Geld angewiesen, und Botho gibt den Vernunftgründen nach, trennt sich von Lene und heiratet das Geld. Seine Frau Käthe erweist sich als eine fröhliche, wenn auch etwas oberflächliche Natur, mit der sich gut auskommen lässt. Dennoch hängt Botho auch nach seiner Hochzeit immer noch seiner Liebe zu Lene nach. Auch Lene macht die Trennung zu schaffen, aber sie bewältigt ihre Trauer: Sie sorgt für den Umzug mit ihrer Mutter in eine bessere Gegend und lernt einen soliden, älteren Mann kennen, der sie trotz ihrer Vorgeschichte heiratet. Sowohl Botho als auch Lene wachsen am Ende über ihre Liebe hinaus und werden vom Autor in eine ernüchternde Normalität entlassen.

Fontane selbst hat Irrungen, Wirrungen ebenso wie den nachfolgenden Roman Stine, der von einer ganz ähnlichen Beziehung erzählt, als „harmlos“ bezeichnet. Offensichtlich handelt es sich in beiden Fällen um Literatur aus Literatur, also eine Variation eines damals populären und in der Trivialliteratur der Zeit viel behandelten Stoffs. Doch das von Fontane gewählte Ende von Irrungen, Wirrungen, das sich sowohl einer Tragödie als auch dem Happy End der Komödie verweigert, hebt seine Abwandlung aus dem zeitgenössischen Schema heraus: Nichts Dramatisches ereignet sich, niemandes Leben wird zerstört, aber es werden auch keine Standesgrenzen gesprengt und das kleine, private Glück der Liebe gefeiert. Lene und Botho bleiben beide mit einem „Knax für’s Leben“ zurück – um noch einmal Fontane selbst zu zitieren –, doch bleibt es bei der „Berliner Alltagsgeschichte“, als die der Roman im Zeitungsvorabdruck bezeichnet wird.

Neben der Liebesgeschichte liefert Fontane besonders im ersten Teil ein breit ausgemaltes Bild vom einfachen Leben im Berlin der 1870er Jahre. Für wie gelungen man das hält, muss jede und jeder für sich entscheiden; mir ist der darin vorherrschende etwas süßliche Idyllenton schon ein wenig auf die Nerven gegangen.

Das Buch hat bei der Vorab-Veröffentlichung einen ziemlichen Skandal gemacht; besonders die gemeinsame Übernachtung der beiden Unverheirateten hat damals einige Gemüter in Wallung gebracht, obwohl es sich gerade bei dieser Passage um die noch dezenteste des ganzen Buchs handelt. An anderen Stellen werden die Umstände, unter denen der „Storch“ die Kinder in die Welt bringt, weit deutlicher angesprochen. Auch wenn sich das für heutige Leser alles gänzlich harmlos liest, kann man hier gut erkennen, welchen Empfindlichkeiten sich ein Autor am Ende des 19. Jahrhunderts noch gegenüber sah.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. RUB 18741. Stuttgart: Reclam, 2010. Broschur, 199 Seiten. 4,40 €.

Wolf Wondratschek: Erde und Papier

Normalerweise kaufe ich solche Sammelbände nicht, die in den meisten Fällen nichts anderes darstellen als eine ausgefegte Schreib­tisch­schub­la­de des Autors. Doch diesmal stand ich in der Buchhandlung, sah verwundert auf den Autor und dachte: „Ach, den gibt’s noch?“ Ich schlug den Band auf und las:

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Mir ist es nicht einmal gelungen, ein irgendwie besonderes Interesse dem eigenen Leben gegenüber aufzubringen. Dagegen bewunderte ich immer schon, und das fast neidisch, die Klugheit der Tiere. Keines nimmt sich wichtig. Ein Vogel fällt tot vom Ast, ohne sich leidzutun.

2. Warum?

Ich schaue gern vom Spielfeldrand zu und erwarte den Abpfiff. Das Menschengeschlecht war ein Irrtum, eine Ungeheuerlichkeit, eine Zumutung. Schluss damit! Angesichts der Ewigkeit, also historisch gesehen, wird das Auftauchen des Homo sapiens und sein Verschwinden ohnehin eine Unwichtigkeit gewesen sein.

Die Fragen erkannte ich sofort. Auch ich hatte einmal – in pubertärer Verwirrung – versucht, die Fragebögen aus Max Frischs Tagebuch 1966–1971 zu beantworten und war an der Spannung zwischen Idealismus und Pessimismus in mir gescheitert. Aber diese Antworten waren mir jetzt ganz nah. So hätte ich damals wohl auch antworten mögen, ohne es zu können.

Der Band versammelte essayistische Texte von den 70-er Jahren bis nah an die Gegenwart heran. Ton und Inhalt sind ganz und gar eigenständig und weit von der allgemeinen Albernheit unseres offiziellen Kulturbetriebs entfernt. Man muss nicht alles teilen – so finde ich etwa die Begeisterung von Intellektuellen für Leute, die sich gegenseitig in die Fresse schlagen, einfach abstoßend –, aber selbst das, was mir fremd geblieben ist, habe ich mit Interesse gelesen. Mal schauen, wohin es führt.

Wolf Wondratschek: Erde und Papier. Hg. v. Claudia Marquardt. Berlin: Ullstein, 2019. Pappband, 329 Seiten. 24,– €.

Raymond Queneau: Zazie in der Metro

»Was für ein Krampf, das Dahrsein«

Nach langwierigen Vorarbeiten erschien dieser Roman 1959 und war praktisch über Nacht ein Erfolg, wurde bereits in darauf folgenden Jahr verfilmt und auch ins Deutsche übersetzt. Mit diesem Roman wurden die deutschen Leserinnen und Leser zum ersten Mal mit der Avantgarde der französischen Literatur bekannt, die Eugene Helmlé wenigstens für eine Weile praktisch im Alleingang ins Deutsche übersetzte. Nach Queneaus Stilübungen hat Frank Heibert nun auch dessen bekanntesten Roman neu übertragen.

Zazie in der Metro erzählt von einem Wochenende in Paris, an dem Jeanne Grossestittes – ihr Namen ist auch im Original ein so grobes Wortspiel – ihre Tochter Zazie bei ihrem Onkel Gabriel abgibt, da sie sich ungestört mit einem Liebhaber vergnügen möchte. Zazie kommt aus der Provinz und ihr wichtigstes Ziel bei diesem ersten Besuch der Großstadt ist eine Fahrt in der Metro. Zu Zazies Pech wird die Metro an dem Wochenende bestreikt, so dass ihr erst ganz am Ende die ersehnte Fahrt vergönnt ist, die sie aber wohl aufgrund einer zuvor durchgefeierten Nacht verschläft.

Zazie ist wahrscheinlich so um die 13 Jahre alt, ziemlich vorlaut – „Leck mich!“ ist ihre Lieblingsphrase – und hat, wenn man ihr glauben darf, schon einiges durchgemacht: einen Alkoholiker als Vater, der sie missbraucht hat, die Ermordung dieses Vaters durch die Mutter und deren Liebhaber, den Gerichtsprozess, in dem sie aussagen musste. Es ist also nicht verwunderlich, dass Zazie etwas frühreif geraten ist. Und auch die Menschen, die sie durch ihren Onkel nun kennenlernt, sind hauptsächlich bestimmt durch ihr Verhältnis zu Sex, Alkohol und die Polizei. Aber das hindert sie nicht daran, in dem sich immer weiter steigernden Chaos des Wochenendes ihr Vergnügen zu finden.

Insgesamt ist das Buch episodisch und erzählt eine Alltagsgeschichte, deren Fiktion immer wieder durch Figurenverwandlungen, Wortspiele, Leseransprache etc. durchbrochen wird. Queneau mischt die unterschiedlichsten Sprachstile von der hohen Literatursprache bis zum Straßenargot, das in bester avantgardistischer Manier phonetisch wiedergegeben wird. Die Neuübersetzung ist in Tempo und Sprachwitz auf der Höhe des Originals und ermöglicht die vergnüglich Wiederentdeckung eines Klassikers der französischen Moderne.

Raymond Queneau: Zazie in der Metro. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Berlin: Suhrkamp,22019. Pappband, Lesebändchen, 239 Seiten. 22,– €.

Theodor Fontane: Schach von Wuthenow

Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt geraten und ziehen dann jedesmal den Kürzeren.

Schach von Wuthenow aus dem Jahr 1882 (Buchausgabe: 1883) ist nach Vor dem Sturm Fontanes zweiter Roman, dessen Handlung in der Napoleonischen Zeit spielt. Ob die Gattungsbezeichnung korrekt ist, wird seit langer Zeit diskutiert; Fontane selbst nannte den Text mehrfach eine Novelle, so dass man je nach Geschmack entweder von einem kurzen Roman oder einer ausgefallenen Novelle sprechen kann. Wie zahlreichen anderen Texten Fontanes liegt auch diesem ein historischer Fall zugrunde, den Fontane dramaturgisch strafft und zuspitzt.

Die Handlung spielt in Berlin im Jahr 1806 am Vorabend der preußischen Niederlage gegen Napoleon. Erzählt wird von dem jungen Baron Schach von Wuthenow, Angehöriger des Regiments Gendarmes, der als ein Außenseiter und eingebildeter Schönling gilt. Schach verkehrt im Salon der verwitweten Josephine von Carayon, die mit ihrer Tochter Victoire in keineswegs luxuriösen Umständen in der Nähe des Gendarmenmarktes wohnt. Ihn verbindet eine offensichtliche Sympathie mit der Mutter; zugleich lässt sich eine Verliebtheit der mit ihm etwa gleichaltrigen Tochter in Schach aber nicht leugnen.

Der erste Teil des Romans widmet sich ausführlich der Schilderung der Situation Preußens, das einen fragilen Frieden mit Frankreich erreicht hat, an dessen Dauer aber niemand recht glauben kann. Zur Knüpfung des dramatischen Knotens kommt es, als Schach eines Abends unangemeldet bei den Carayons vorspricht und Victoire allein antrifft. Statt sich sofort wieder zu verabschieden, wie es sein erster Impuls ist, bleibt Schach und beginnt, mit Victoire zu plaudern.

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu waffnen suchte. Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.

Die Zimmeruhr schlug neun und die Turmuhr draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück, und trat ans Fenster und sah auf die Straße.
» Was erregt dich?«

Der Übergang des Dialogs vom formellen Sie zum intimen Du muss genügen, um das eigentliche Geschehen zu schildern. Victoire ist eine ehemalige Schönheit, die durch eine Erkrankung an Blättern entstellt ist. Alles, was der Leser sonst von ihr erfährt, macht sie zu einer potentiell idealen Gattin Schachs, doch fürchtet der eine offizielle Verbindung mit ihr, die ihn möglicherweise dem Spott seiner Kameraden aussetzen würde. Schach versucht daher in den folgenden Wochen konsequent jede intimere Begegnung mit Victoire zu vermeiden, die auch diese Wendung ihrer Beziehung zu Schach klag- und kommentarlos hinnimmt, bis sie eines Tages zusammenbricht und ihrer Mutter das Geschehene verrät, wohl auch, weil es sich ohnehin nur noch eine begrenzte Zeit würde verheimlichen lassen.

Frau von Carayon stellt Schach daraufhin bestimmt, wenn auch nicht unfreundlich zur Rede, der sich sofort zu seiner Verantwortung bekennt und mit der Mutter sowohl den Verlobungs- als auch den Hochzeitstermin festlegt. Doch in der Woche vor der Bekanntmachung der Verlobung erscheinen in Berlin Stück für Stück drei Karikaturen, die Schachs Verhältnis sowohl zur Mutter als auch zur Tochter thematisieren. Schachs einziger Einfall ist es, sich sofort und ohne sich zu verabschieden auf sein Schloss Wuthenow zurückzuziehen und dort quasi zu verstecken.

Die düpierte Frau von Carayon, die von den Karikaturen noch nichts weiß, glaubt Schach wolle sich nun doch vor der Ehe mit Victoire drücken und nutzt ihre Verbindung zum Hof, um die Einhaltung von Schachs Versprechen einzufordern. Der König – Friedrich Wilhem III. –, zitiert ihn an den Hof und teilt ihm ziemlich lakonisch mit, dass er von ihm die Erfüllung seiner Pflicht oder seinen Abschied als Offizier erwarte. Sogar Königin Louise lässt sich dazu herbei, Schach ins Gewissen zu reden.

Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt worden. Er wusste, was er dem König schuldig sei: Gehorsam! Aber sein Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach.

Dieses „etwas“ bildet nun die eigentliche Pointe des Textes: Schach verlobt sich und heiratet Victoire, wie es von ihm erwartet wird, und auf der Rückfahrt von der Hochzeitsfeier nach Hause – am nächsten Tag soll das Brautpaar in die Flitterwochen reisen – erschießt er sich in seinem Wagen.

Fontane schließt mit zwei Deutungen des „Falls Schach“: Zum einen durch den damals berühmten Militärhistoriker von Bülow, der Schach als ein Symbol für den aushöhlten Ehrbegriff des preußischen Militärs versteht, zum anderen durch Schachs Ehefrau Victoire, die den Freitot ihres Mannes als Flucht vor der von ihm gefürchteten Institution der Ehe deutet und sich mit dem Glück ihres Kindes bescheidet. Wie durch den ganzen Text hindurch repräsentiert Victoire den Sieg des Stoizismus über die Welt.

Natürlich bietet sich eine dritte Deutung des Buch, nicht so sehr des „Falls Schach“ an: Fontane wollte seine Erzählungen als eine Fortsetzung des Programms der Weimar Klassiker unter Überspringen des romantischen Denkens und Erzählens verstehen. Von daher kann Schach von Wuthenow programmatisch gelesen werden, die sozusagen im Rückblick der Romantik den Spiegel vorhält und sagt: Seht dies war Eure Welt und solche Stoffe standen Euch zur Verfügung, und nichts davon findet sich in Euren Romanen wieder. Dass diese Sicht nicht nur anachronistisch, sondern auch ungerecht wäre, ist sowohl offensichtlich als auch wenig erheblich. Klappern gehört eben zum Handwerk, auch dem eines Schriftstellers.

Nur am Rande sei hier noch auf eine außerordentliche Auseinandersetzung mit diesem Text hingewiesen: Uwe Johnson lässt im vierten Band seiner Jahrestage Gesine Cresspahl in ihrem letzten Schuljahr diesen Roman unter Anleitung eines jungen, gerade von der Universität kommenden Kandidaten lesen und liefert so einen wundervollen Kommentar eines Schriftstellers zu einem Meisterstück eines seiner Vorgänger. Unbedingt lesenswert.

Theodor Fontane: Schach von Wuthenow. Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. RUB 19518. Stuttgart: Reclam, 2019. Broschur, 214 Seiten. 4,40 €.

„konkrete poesie“ / „visuelle poesie“

schreibe einen text. jetzt
entferne sämtliche lügen.

cia rinne

Wie progressiv mein Deutschunterricht gewesen ist, begriff ich erst, als mir klar wurde, dass die Kenntnis von Gedichten Ernst Jandls oder Gerhard Rühms durchaus nicht zur Allgemeinbildung der meisten deutschen Gymnasiasten gehörte. Dass jene Gedichte, die ich unter dem Schlagwort „Konkrete Poesie“ kennengelernt hatte, eine sehr moderne Spielart der Lyrik waren, war mir klar; eine wie schmale Spalte sie bildeten dagegen nicht. Und noch später fand ich dann erst die Vorläufer, die spätestens seit der Barocklyrik existieren. Dass diese Spielart des Wortspiels überhaupt so bekannt ist, wie sie es ist, verdankt sich zu einem wesentlichen Teil auch der Sammlung Eugen Gomringers, die 1972 zum ersten Mal erschien und eine essentielle Auswahl vorstellte. Reclam hat nun im vergangenen Jahr eine erweiterte Neuauflage des Bändchens aufgelegt, die zusätzlich Gedichte von neun weiteren Autoren liefert.

konkrete poesie – das sind texte zum meditieren, zum spielen und mitspielen. sie helfen das gesicht der wörter wieder zu entdecken, im trivialen das komplexe, im komplexen das triviale.

Die Sammlung zeigt eine erstaunliche Breite an Stilen und Ansätzen, die von rein formalen Spielen über rhetorische Studien bis zu sehr direkt politischen Gedichten reicht. Natürlich kann immer nur ein sehr schmaler Ausschnitt aus dem lyrischen Werk der Autoren aufgenommen werden, aber der Band ist ein idealer Einstieg in diese Form moderner Lyrik, von dem ausgehend sich ganz eigene Welten entdecken lassen.

a short history of life
(en vers, tout calculé)

verehren
verkehren
verzehren
vermehren
vers ehren
gegen ehren

(so kann das nicht weitergehen)

cia rinne

Ergänzend hat Gomringer im Jahr 1996 den Band „visuelle poesie“ zusammengestellt, dessen Beiträge einen deutlich stärkeren optischen Einschlag haben. Wer sich den einen Band besorgt, sollte auch gleich den anderen mit bestellen.

konkrete poesie. anthologie von eugen gomringer. Erweiterte Neuausgabe. RUB 19554. Stuttgart: Reclam, 2018. Broschur, 271 Seiten. 8,80 €.

visuelle poesie. anthologie von eugen gomringer. RUB 9351. Stuttgart: Reclam, 1996. Broschur, 153 Seiten. 4,80 €.