Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts

Wenn ein Mensch die Wahrheit sagt und in längerem Zusammenhang redet, ist es alle Male ein großes Werk.

Ludwig Hohl

Es war immer Theater, selbst wenn das Gefühl echt wahr. Vor allem dann.

Der erste Band einer fünfbändigen dokumentarischen Romanreihe, in deren Zentrum das Leben Benito Mussolinis von 1919 bis zu seinem Ende steht. Für seinen Umfang mit knapp 3.000 Seiten ist dieser Zyklus in der ungewöhnlich kurzen Zeit zwischen 2018 und 2025 erschienen. Die ersten Bände waren in Italien ein Skandalerfolg, so dass die deutschen Übersetzungen zeitnah zu den italienischen Publikationen entstanden sind; seit diesem Jahr liegt auch der letzte Band auf Deutsch vor.

Dieser erste Band umfasst die Zeit zwischen 1919 und 1924. Im Jahr 1919 gründet Mussolini in Mailand die faschistische Bewegung, deren politische Stoßrichtung zu diesem Zeitpunkt noch eher unklar ist. Mussolini ist Leiter der von ihm begründeten, noch nicht sehr bedeutenden oppositionellen Zeitung Il Popolo d’Italia. Vor dem Großen Krieg war Mussolini Sozialist und Chefredakteur des Avanti!, wurde jedoch aufgrund seiner nationalistischen Tendenzen und seines Plädoyers für einen Kriegseintritt Italiens aus der Partei ausgeschlossen und als Chefredakteur abgesetzt. Offenbar waren seine Kontakte zu dieser Zeit schon gut genug, um in kurzer Zeit das Geld für die Gründung seiner eigenen Zeitung aufzutreiben.

Das Kriegsende, das Italien nominell als einer der Kriegsgewinner erlebt, sorgt im Land für eine Serie zunehmend ernsterer politischer Krisen, auf die die demokratisch gewählten Regierungen nicht angemessen reagieren: Es gibt eine bedeutende Menge von ehemaligen Kriegsteilnehmern, die ohne Arbeit haben und von staatlicher Seite nur unzureichend bis gar nicht versorgt werden; die bedeutender Teil der Arbeiter in den Städten und der Tagelöhner auf dem Land setzen ihre Hoffnung in einen kommunistischen Umsturz nach dem Vorbild Russlands, der aber von den linken Parteien nie realisiert wird, da sie untereinander verstritten sind; das Bürgertum möchte zu den Vorkriegsverhältnissen zurückkehren, findet aber kein Rezept, um die real bestehenden sozialen Spannungen in der Gesellschaft auszugleichen; die Nationalisten beklagen die Behandlung Italiens durch die anderen Siegermächte, die unter der Führung Woodrow Wilsons den Ko-Sieger Italien marginalisieren. In dieser Situation gründet Mussolini zusammen mit anderen nationalen Kräften die faschistischen Bewegung, die sich besonders auf die in ganz Norditalien verstreuten ehemaligen Soldaten der Arditi stützt.

Den Mangel der neuen Bewegung an Mitgliedern gleicht sie durch eine extreme Gewaltbereitschaft aus. Als sich die von der Linken koordinierten Aktionen der Arbeiterschaft in Norditalien zuspitzen und sich die Regierung auch in dieser Sache als weitgehend hilflos erweist, ist es die faschistische Bewegung, die vorgeben kann, den Kommunisten durch das Herstellen bürgerkriegsähnlicher Zustände Einhalt geboten zu haben. Und die ehemaligen Arditi spielen auch eine zentrale Rolle bei der Besetzung Fiumes unter der Führung Gabriele D’Annunzios, der für lange Zeit einer der wichtigsten Gegenspieler Mussolinis innerhalb der nationalistischen Rechten ist.

Und Mussolini gelingt auch der nächste Schritt: Er verwandelt die Bewegung in eine politische Partei. Aufgrund der erheblichen Präsenz der faschistischen Gewalt gelingt es der Partei auf Anhieb mit Mussolini als führendem Kopf ins Parlament einzuziehen. Durch sein burschikoses Auftreten als Abgeordneter gelingt es ihm, sich binnen Kurzem als potenzieller Retter Italiens vor der Bedrohung einer kommunistischen Revolution zu inszenieren. Gleichzeitig schüchtert er die Parteien der politischen Mitte mit der immer latent vorhandenen Drohung einer Wiederaufnahme des Bürgerkrieges ein.

Als Benito Mussolini um 11:05 Uhr an jenem 30. Oktober 1922 die Stufen des Quirinalspalastes erklommen hatte, um vom italienischen König mit der Regierung betraut zu werden, wurde der aus einfachen Verhältnissen stammende Polit-Zigeuner und Autodidakt der Macht mit nur neununddreißig Jahren der jüngste Premierminister seines Landes und zu diesem Zeitpunkt der jüngste Staatschef der Welt. Er hatte keinerlei Regierungs- oder Administrationserfahrungen, war erst sechzehn Monate zuvor in die Abgeordnetenkammer eingetreten und trug das Schwarzhemd, die Uniform einer bis dahin in der Geschichte beispiellosen, bewaffneten Partei. Als der Sohn des Schmieds – der Sohn des Jahrhunderts – die Stufen zur Macht derart emporstieg, öffnete sich das neue Jahrhundert unter seinen Schritten und schloss sich sogleich wieder.

S. 589

Als Regierungschef muss Mussolini einerseits die immer noch gewalttätigen Unter-Organisationen der faschistischen Partei unter Kontrolle halten, andererseits die Furcht der politischen Mitte vor dem Wiederaufflammen der politischen Unruhen lebendig halten, damit er weiterhin von ihr unterstützt wird. Um den nächsten Schritt zur absoluten Macht zu tun, nutzt er eine Wahlrechtsreform, die seiner Partie eine Zweidrittelmehrheit nach den nächsten Wahlen garantieren würde. Auch für Mussolini selbst überraschend erweist sich dieser Schachzug im Nachhinein als überflüssig, da die Faschisten bei der Wahl einen überwältigenden Erfolg feiern können.

Das Buch endet mit der Krise um die Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti im Jahr 1924. Matteotti ist einer der schärfsten Kritiker der faschistischen Regierung, dessen Hauptargumente die verfilzte und inkorrekte Haushaltsführung und die weit verbreitete Korruption unter den faschistischen Funktionären sind. Als Folge eines spontanen Wutausbruchs des Duces fühlen sich einige der fürs Grobe zuständigen Parteigänger dazu aufgefordert, Matteotti wenigstens für eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen. Leider wehrt sich Matteotti heftig gegen seine Entführung, so dass er eher beiläufig ermodert wird; die Leiche verscharren die Mörder nur oberflächlich in einem Waldstück. Das Verschwinden Matteottis entwickelt sich zu einer ernsthaften Krise der faschistischen Regierung, da die demokratischen Strukturen zwar schon unterwandert, aber immer noch zu lebendig sind, dass man den Mord einfach vertuschen könnte. Trotz einem faschistischen Polizeichef werden die Mörder dingfest gemacht, nachdem der Wagen, der für die Entführung angemietet wurde, entdeckt wurde. Zwar versuchen die Verdächtigten ihr Bestes, die Entführung zu verharmlosen und von Mussolini als Initiator abzulenken, aber die Verdachtsmomente verdichten sich immer weiter, besonders nachdem die Leiche Matteottis aufgetaucht ist. Auch das Bauernopfer gleich mehrerer enger Mitarbeiter kann Mussolini nicht retten, so dass er sich Ende 1924 quasi dem Gottesurteil des Parlaments stellt, das einmal mehr überraschend zu seinen Gunsten ausgeht.

Erzählt wird all dies in zumeist nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln, die dann und wann zusammenfassende Überschriften aufweisen, zumeist aber nur mit dem Namen einer Person und Angabe von Ort und Zeitpunkt der Handlung überschrieben sind. Im Zentrum der Erzählung, die immer wieder auch rein historische Passagen aufweist und mit kurzen Zitaten aus Originalquellen belegt, steht natürlich Benito Mussolini, der als machtbesessener, genusssüchtiger, promisker und impulsiver Instinktmensch dargestellt wird. Er steht der Gewalt der Faschisten weitgehend gleichgültig gegenüber, hält sie mehr für ein notwendiges Übel als für einen Zweck an sich. Sein psychologisches Profil bleibt – zumindest in diesem ersten Buch – eher undeutlich: Woher sein Wille zur politischen Macht und sein Wahn, der Auserwählte zu sein, der Italien zur Größe und Bedeutung des alten Roms zurückführen kann, stammen, bleibt eine ungeklärte Voraussetzung des Romans.

Neben denen zu Mussolini finden sich auch Abschnitte, die von zahlreichen Personen aus seinem Umfeld oder politischen Gegnern erzählen: seine frühe Förderin und Geliebte Margherita Sarfatti, der Draufgänger Italo Balbo, der gewissenlose Amerigo Dùmini, der verstiegene Gabriele D’Annunzio, der sozialistische Führer Giacomo Matteotti und viel andere mehr. Was dem Roman deutlich fehlt, ist ein umfassenderes Bild der italienischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Besonders das bürgerliche und das südliche Italien dieser Zeit werden nur skizzenhaft dargestellt. Sicherlich kann man dieser Kritik mit dem Hinweis begegnen, dass es sich eben um einen Roman und um den Roman eines einzigen Protagonisten handelt, doch für einen nicht mit der Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert vertrauten Leser bleibt der Eindruck vom gesellschaftlichen Umfeld des Erzählten unzureichend. Aber das kann sich natürlich in den noch folgenden Bänden ändern.

Wird fortgesetzt …

Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Stuttgart: Klett-Cotta, 42025. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 830 Seiten. 32,– €.

Freud erzählt einen Witz

Und dann kommt die Pointe.
Grad die weiß ich nicht mehr.

Georg Kreisler

Natürlich erzählt Freud keinen Witz. Nicht, dass er gar nie einen Witz erzählt hätte; eher im Gegenteil. Das macht aber auch nichts: Das Buch ist eine grob chronologisch geordnete, anekdotisch gereihte Sammlung von Zitaten aus (oft ungedruckten) Briefen von und Erinnerungen an Sigmund Freud, die alle mehr oder weniger humorvoll bzw. pointiert sind. Für viele muss man nicht Freud sein, damit sie einem einfallen könnten, aber einige sind schon spezifisch. Das Ganze ist eine sehr vergnügliche Lektüre für ein Wochenende, auch wenn es dem eher sehr oberflächlichen Bild, das sich die Allgemeinheit von Freud macht, weiteren Vorschub leistet.

Gut gemeint ist es sicherlich auch, dass die Herausgeber wenigstens versuchen, Freuds theoretisches Nachdenken über Witz und Humor im Anhang zusammenfassend darzustellen, aber leider stehen auch hier Witze statt der Theorie im Vordergrund.

Doch kann man diesen theoretischen Anhang auch leichthin ignorieren und das Buch vollständig als Anekdoten-Sammlung lesen, also gelegentlich hier oder da aufschlagen und immer soweit durchschmarutzen, wie es gerade passt. Ein Nachttischbuch der besseren Sorte.

Freud erzählt einen Witz. Hg. v. Christfried Tögel u. Jörg-Dieter Kogel. Andere Bibliothek Bd. 492. Extradruck. Berlin: Aufbau, 2026. Bedruckter Pappband, Lesebändchen, 264 Seiten. 28,– €.

Julien Green: Von fernen Ländern

Der Nachmittag verlief sehr eintönig.

Die sogenannte Dixie-Trilogie bildet das Spätwerk Julien Greens (1900–1998), den ich bislang nur dem Namen nach kannte. „Von fernen Ländern“ (Le Pays liotaine, 1987) eröffnet den Zyklus, der von den Romanen „Die Sterne des Südens“ (Le Etoiles du Sud, 1989) und „Dixie“ (1995) abgeschlossen wird. Mein Interesse ergab sich auch in diesem Fall wieder durch die Übersetzerin des dritten Bandes, Elisabeth Edl, aber da ich ebenfalls ein eher vages Interesse an Kultur und Geschichte der us-amerikanischen Südstaaten habe, habe ich mit der Lektüre dieses ersten Bandes begonnen. Nach immerhin 400 der knapp 1.000 Seiten habe ich das Handtuch geworfen.

Erzählt wird in der Hauptsache die Geschichte der sechzehnjährigen Elisabeth Escridge, die im März 1850 als Halbwaise zusammen mit ihrer Mutter zu Verwandten in die Südstatten, genauer nach Georgia, flieht, um dem drohenden finanziellen Ruin in England zu entgehen. Während die Mutter nur als Vehikel dient, um Elizabeth an den neuen Ort zu verfrachten, weshalb sie vom Autor auch umgehend wieder nach England zurück expediert wird, ist Elizabeth eigentlich dazu gedacht, um einen verwunderten, europäischen Blick auf die Kultur der Südstaaten zu werfen und sich verzaubern zu lassen.

Allerdings muss der Leser schon bald erkennen, dass der Autor nicht so ganz genau weiß, was er nun eigentlich erzählen will: Seine sechzehnjährige Heldin interessiert sich wesentlich für Kleider und – mit einiger Zurückhaltung, die ihr immer wieder das Adjektiv „unschuldig“ einträgt – Männer und findet, wie der Leser, die von den Erwachsenen um sie herum geführten politischen und moralischen Gespräche eher wirr und emotional als informierend. Im Haus, in dem sie anfangs hauptsächlich lebt, scheint es zuerst zu spuken, was dann als Motiv aber überhaupt nicht zum Tragen kommt. Die schwarze Dienerschaft spielt im Denken der Erwachsenen zwar eine große Rolle, sie wird aber immer wieder nur mit „Sie sind Kinder“ beurteilt, und ihre Kultur bleibt vollkommen undeutlich. Was Elizabeth oder vielleicht auch den Autor nicht daran hindert, solch grundlegende Einsichten in die Psychologie der Schwarzen zu formulieren wie: „Dann sah sie, wie Betty sich die Schürze vor das Gesicht hielt, was bei den Schwarzen ein Zeichen höchster Verzweiflung war.“ (S. 390) Wie mag wohl ein Schwarzer verzweifeln, wenn gerade keine Schürze zur Hand ist?

Überhaupt neigt der Autor zu Perlen der Verallgemeinerung: „Einer unvordenklichen Tradition zufolge besaß der März das Recht, wie ein Lamm zu beginnen und wie ein Löwe aufzuhören, oder umgekehrt.“ (S. 865) Man ist als Leser bald geneigt, das Buch so zu benutzen, wie seine Protagonistin ihre Bibel: als Zufallsorakel für das eigene Leben!

Im Grunde ist das recht traditionelle artistische Konzept des Buches gut gemeint: Mittels einer Liebes- und Ehegeschichte ein Panorama des amerikanischen Südens vor dem Bürgerkrieg zu zeichnen. Nur gelingt weder das eine noch das andere: Seine Protagonistin ist zu naiv und unbedarft, dass sich an ihrer Fremdheit in der neuen Welt etwas zeigen könnte, und die Welt des Süden bleibt zu allgemein und oberflächlich, um dem Leser ein spezifisches Bild zu vermitteln.

Ich werde es nun noch mit „Dixie“, dem eigentlichen Ziel meines Unternehmens, versuchen und eventuell auch noch mit Greens wohl berühmtestem Roman „Adrienne Mesurat“, hege aber nach der Teillektüre dieses Buches erhebliche Befürchtungen.

Julien Green: Von fernen Ländern. Aus dem Französischen von Helmut Kossodo. München: Hanser, 1988. Leinen, Lesebändchen, 1007 Seiten. 24,90 € (UVP).

Anthony Burgess: Der Mann aus Nazareth

Die Zeiten taumeln und lallen.

Anthony Burgess, dessen katholische Erziehung sich in unterschiedlicher Art und Gewichtung in seinem Gesamtwerk abzeichnet, hat in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre für Franco Zeffirelli das Drehbuch für dessen Vierteiler Jesus von Nazareth geschrieben.1 Burgess hat anschließend das recherchierte Material auch zu einem Roman verarbeitet und dabei seine ganz eigene Vision der Geschichte Jesu gestaltet. Herausgekommen ist eine etwas merkwürdige Mischung aus origineller Überschreibung, rationaler Umdeutung und letztlich doch gläubiger Bestätigung der ältesten Quellen. Dass die meisten Zeitgenossen mit dieser Version nicht unbedingt etwas anfangen konnten, zeigt sich sicherlich auch darin, dass der 1979 auf Englisch erschienene Roman trotz der anhaltenden Prominenz der TV-Serie erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde.2

Der Verlag gibt dem Text als einzigen Kommentar das Vorwort Burgess’ zur französischen Ausgabe (1977) bei, das wesentlich drei Punkte betont: Burgess habe versucht, Jesus als Menschen – kein „Weichling“, sondern „groß und stark, mit einer mächtigen Stimme“ (S. 370) – zu gestalten, ohne zugleich seinen Status als Gottessohn aufzuheben (hier wird man nicht zu genau nachfragen dürfen, was denn das eigentlich heißen soll), er wolle die „Logik der Eucharistie“ betonen und schließlich halte er die Liebe für die wesentliche Botschaft des Christentums:

Vor allem aber wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es für den Menschen keine Hoffnung gibt, außer durch persönliche Erneuerung – das heißt, in der Bereitschaft jedes einzelnen zu Nachsicht, ja Liebe und sogar Vergebung Feinden gegenüber. Politische Reformen sind hoffnungslos. Das Kreuz ist das Symbol des Staates – des Staates Caesars wie des Präsidenten der französischen Republik. Der Weg Christi – der Kreuzweg – ist der einzige gangbare, auch aus praktischer und nicht-mystischer Sicht.

S. 371

Um diesen durchaus nicht einfach zu integrierenden Zielen nach­zu­kom­men, bekommen wir Jesus zuerst als einen belesenen Tischler vorgeführt: Zwar ist er von Anfang an davon überzeugt, nicht Sohn seines Ziehvaters Joseph zu sein, doch hindert ihn das vorerst nicht daran zu heiraten (die Hochzeit zu Kanaan wird zu Jesu eigener Hochzeit umgedeutet), doch stirbt seine Frau recht bald wieder und zu Beginn seiner Wirkungszeit ist Jesus daher Witwer. Er kennt sich außer in den Schriften auch in der Literatur des Mittelmeerraums aus, spricht und liest also Griechisch und Latein (Aramäisch versteht sich von selbst), kann mit dem studierten Judas durchaus mithalten und ist überhaupt ein Bild von einem Mann.

Je weiter die Geschichte jedoch fortgeschrieben wird, desto enger hält sich der Erzähler (ein griechischer Zeitgenosse, Kaufmann, von dem aber nie wirklich klar wird, warum er die Geschichte Jesu aufschreibt) an die Berichte der Apostel. Die Erzählungen der Evangelisten werden aber bis zum Ende konsequent durch eine politische und und soziale Ebene ergänzt, die zwar detaillierter aber in ähnlicher Weise gestaltet ist, wie sich dies auch schon bei Tim Rice in seinem Libretto für Jesus Christ Superstar (1971) finden lässt. Werden die Wunder zuerst noch wegrationalisiert (das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein zum Beispiel ist nur eine Art von Partyscherz; die ersten Geheilten sind wahrscheinlich psychosomatische Fälle; das wieder ins Leben gerufene Mädchen war wahrscheinlich noch gar nicht so ganz richtig tot etc. pp.), so wird ihr realer Status mit weiterem Fortschreiten immer vager, bis schließlich gar nicht mehr erst versucht wird zu erklären, wie es zu verstehen sein soll, dass der nun unbestreitbar tote Lazarus wieder ins Leben gerufen wird.

Der skeptische Betrachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe die Religiosität des Autors seinen Text mehr und mehr überwältigt: Das Buch will den Leser je länger desto mehr zur Erkenntnis einer realen Gottessohnschaft Jesu und der Göttlichkeit seiner Lehre überreden.

Für Leser, die wie ich mit der Auseinandersetzung der 1970er-Jahre mit der Figur Jesu groß geworden sind, sicherlich ein interessantes Seitenstück; für gläubige Christen wahrscheinlich eine widerständige Lektüre; für alle anderen wohl eher ein Kuriosum.

Anthony Burgess: Der Mann aus Nazareth. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Coesfeld: Elsinor, 2025. Klappenbroschur, 372 Seiten. 26,90 €.

  1. Als weitere Autorin des Drehbuchs wird Zeffirellis langjährige Mitarbeiterin Suso Cecchi D’Amico genannt. Ob es dabei eine echte Zusammenarbeit gegeben hat oder D’Amico das Drehbuch Burgess’ nachträglich überarbeitet hat, entzieht sich leider meiner Kenntnis. ↩︎
  2. Von den beiden anderen biblischen Erzählungen Burgess’ (beide ebenfalls zuerst als Drehbuch) – Moses (1976) und The Kingdom of the Wicked (1980) – wurde das Frühere ebenfalls bislang nicht ins Deutsche übersetzt. The Kingdom of the Wicked erschien 1985, also zur Hochzeit der Burgess-Rezeption in Deutschland, unter dem Titel Das Reich der Verderbnis (Katalog der DNB). ↩︎

Thomas Mann: Späte Erzählungen (1919–1953)

Schreiben ist ein sehr starker Zeitvertreib …

Der Eindruck, der sich bei der Wiederlektüre der sogenannten „Frühen Erzählungen“ eingestellt hatte, verstärkt sich eher noch bei diesem zweiten Band der Erzählungen. Herr und Hund, Gesang von Kindchen (bei dem ich mich nicht habe überwinden können, die erneute Lektüre über den ersten Abschnitt Lebensdinge hinaus fortzusetzen) und Unordnung und frühes Leid sind ganz aus dem häuslichen Umfeld geschöpft. Sie erscheinen beinahe vollständig als Erzählungen um des Erzählens willen; sicherlich kann man aus Unordnung und frühes Leid Atmosphärisches zum München der Zwischenkriegsjahre ziehen, und auch das erste, mächtige Verliebtsein des kleinen Lorchens bildet am Ende tatsächlich so etwas wie erzählerischen Stoff, aber insgesamt ist das alles erzählerischer Leerlauf, seitenschindend und sonst nichts.

Als einigermaßen gewichtiges Gegenstück zu Der Tod in Venedig erscheint in diesem Band natürlich Mario und der Zauberer, in dem der Leser Mann gern zutrauen würde, etwas Politisches über den italienischen Faschismus sagen zu wollen, aber alles bleibt im Bereich des Psychologischen und nicht einmal da ist es recht deutlich. Immerhin ist es unbestimmt genug, um sich einem breiten Spektrum an Interpretationen zu öffnen, und ragt so aus dem Bestand des Bandes positiv hervor.

Den Beschluss bilden drei Erzählungen: Zwei sind Nacherzählungen mythischer Stoffe, einer indischen Legende, die Mann auf ein Lehrstück über die Langweile des Sexes in der Ehe reduziert, und einer entmythologisierenden Nacherzählung der Geschichte Mose bis zum Berg Sinai, eine offenbare Seitenarbeit zum Joseph-Roman. Beide Texte haben beim Wiederlesen keinerlei Überraschung bereit gehalten.

Am schlimmsten aber ist die letzte Erzählung Die Betrogene, eine Erzählung, die Mann bewusst in einer Art von Parodie des erzählerischen Tons des späten 19. Jahrhunderts hält, wenn er auch die Handlung in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verlegt. Thema ist auch hier eine gesellschaftlich als unpassend empfundene Verliebtheit, diesmal einer Offizierswitwe, die mit ihren beiden Kindern in Düsseldorf lebt und sich in den us-amerikanischen, jungen Sprachlehrer ihres Sohnes verkuckt. Es wird unendlich viel geredet, besonders in völlig unglaubwürdigen langen Monologen, bis sich die Verliebte, die sich wundersam verjüngt glaubt, als todkrank erweist und vor der Erfüllung des späten Glücks stirbt. Beinahe nichts an dieser Erzählung stimmt, weder die Figuren (besonders die verständnisvolle Tochter), noch die Sprache, noch die geschilderte Gesellschaft. Einzig zugestehen muss man Mann, dass er darauf verzichtet, das einzige Geheimnis dieser Erzählung auch noch tot reden zu lassen.

Thomas Mann: Späte Erzählungen. 1919–1953. In der Textfassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. Kindle-Edition. Frankfurt: Fischer, 2025. 546 Seiten. 16,99 €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Im Schatten junger Mädchenblüte

»Hast du jemals Proust gelesen?« fragte er sie.
»Ich hab’s versucht, aber er langweilt mich.«
»Er ist wirklich außergewöhnlich.«
»Möglich! Aber er ist mir zu langweilig: all diese Sophisterei! Er hat keine Gefühle, er hat nur endlose Worte über Gefühle. Ich bin diese überheblichen Mentalitäten leid.«

D. H. Lawrence

In der Welt von Madame Swann

Wir alle sind gezwungen, einige kleine Dummheiten in uns zu nähren, um die Wirklichkeit erträglich zu machen.

Der zweite Band des Zyklus setzt unmittelbar dort ein, wo der erste aufgehört hatte: Bei der Liebe des Erzählers Marcel zu Gilberte Swann. Es gelingt ihm wider Erwarten Zugang zur Familie Swann zu finden (wie zuvor schon erwähnt, stehen sich die Familien des Erzählers und der Swanns nicht mehr nahe) und ein regelmäßiger Gast bei Gilbertes Tee-Gesellschaften zu werden. Außerdem wird er trotz seinen jungen Jahren ein Mitglied des Salons von Odette Swann, die sich langsam, aber sicher in der Gesellschaft nach ober arbeitet. Auch als sich Marcel nach einer verärgerten Reaktion Gilbertes entschließt, sie nicht mehr wiedersehen zu wollen, verbleibt er im Umfeld von Madame Swann. Dort lernt er auch den von ihm hochgeschätzten Schriftsteller Bergotte persönlich kennen, dessen Person zwar in einer radikalen Widerspruch zu dem Bild steht, das sich Marcel anhand der Lektüre der Werke von ihm gemacht hat, der aber den jungen Mann schätzt und ein wichtiger Einfluss auf dem Weg Marcels zu seinem eigenen Schriftstellertum wird.

Weite Strecken dieses Teils sind gefüllt mit Reflexionen, Hoffnungen und Fantasien Marcels, die sich aus seiner Trennung von Gilberte ergeben, die immer und immer wieder gewendet und neu formuliert werden. Dagegen bleibt Marcels offensichtliches Interesse an Madame Swann von einer erzählerischen Durcharbeitung weitgehend verschont.

Ländliche Namen: Das Land

Vielleicht sind ja manche Meisterwerke unter Gähnen entstanden.

Der zweite Abschnitt dieses zweiten Buches spielt in Balbec, einem fiktiven Seebad, in das der Erzähler mit seiner Großmutter reist, um seine schwächlichen Gesundheit auf die Sprünge zu helfen. Der Erzähler hatte sich alnge schon danach gesehnt, die Kirche von Balbec zu sehen, von der er schon lange phantastische Vorstellungen hegt; abermals wird er von der Realität zuerst enttäuscht, dann aber von einem ästhetisch profunderem Geist angeleitet, das Besondere im Allgemeinen zu erkennen. Im Wesentlichen lernt der Erzähler außer drei Männern (Robert von Saint-Loup, den Baron von Charlus und den Maler Elstir) eine Gruppe junger Mädchen kennen, von denen er sich nach einigem Hin und Her in eine verliebt: Albertine. Er versucht sie zu küssen, sie klingelt nach dem Personal.

In den ästhetischen Reflexionen findet sich hier der Übergang von der Architektur – zuvor in der Hauptsache repräsentiert durch Kirchen – zur Malerei – repräsentiert durch die Figur Elstirs, einer Mischung hauptsächlich aus Whistler und Turner mit ein wenig Monet und Manet –, der, wie zuvor der Schriftsteller Bergotte, als zeitweiliger Nestor des jungen Erzählers fungiert.

Es liegt natürlich an mir, aber auch nach 1.300 Seiten kann ich mich nicht für den Erzähler interessieren. Das Buch wird ein klein wenig lebendiger, als Albertine auftritt, deren Sprache den Text wie ein frischer Wind durchweht. Aber so gleich geht es wieder über Seiten und Seiten hinweg um Ereignisse, Figuren und Gedanken, die mir vollständig gleichgültig bleiben. Wie überaus fein ziseliert, wie überaus langweilig. Es wird nun eine erhebliche Weile dauern, bevor ich den dritten Band in die Hand nehmen werde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 2: In Schatten junger Mädchenblüte. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 834 Seiten. 32,95 €.

Herbert Rosendorfer: Bayreuth für Anfänger

›Wagner‹! (sein eig’ner Schikaneder –

Arno Schmidt

Cover der aktuell lieferbaren Auflage bei Langen-Müller

Bei der Suche nach einem Zitat, das mein Gedächtnis gern Herbert Rosendorfer zuschreiben möchte („La donna è mobile – die tiefste Einsicht in die Psychologie der Frau, die die Italiener je gewonnen haben.“ Hinweise sind gerne willkommen!), ist mir auch wieder dieses kleine Buch in die Hände gefallen. „Bayreuth für Anfänger“ ist die erste Buchveröffentlichung Herbert Rosendorfers, eine Auftragsarbeit für seinen später langjährigen Verleger Daniel Keel (Diogenes), der diesen kleinen Reiseführer bei Rosendorfer bestellte, da dieser 1969 als Gerichtsassessor in Bayreuth lebte. Rosendorfer ist immer Anti-Wagnerianer gewesen und so ist denn auch der musikalische Teil des Büchleins geworden. Da Rosendorfer direkte Anfeindungen in Bayreuth befürchtete, erschien der Band zuerst unter dem Pseudonym Vibber Tøgesen, für den auch eine dänisch-norwegisch-finnische Kurzvita erfunden wurde. Die Neuauflage von 1976, die ich in meinem Bücherschrank wiedergefunden habe, ist angeblich „stark erweitert“ worden und hat das bis dahin längst gelüftete Pseudonym ins Vorwort verbannt.

Das Buch beginnt tatsächlich als historischer und architektonischer Reiseführer für Bayreuth, beschäftigt sich dann aber in der zweiten Hälfte in der Hauptsache mit Wagner, den Festspielen und den Wagnerianern. Wie schon angedeutet, ist dieser Teil eher für jene vergnüglich, die nicht zu den Anhängern des Bayreuther Meisters gehören und nicht nur die Opern, sondern auch das Gewese um sie herum für einigermaßen albern halten.

Das Buch ist seit 1969 im Druck; derzeit scheint eine Ausgabe bei Langen Müller aus dem Jahr 2008 gerade noch lieferbar zu sein (siehe die Abbildung oben). Wie lange das noch so bleiben wird, ist eher unklar; von daher empfehle ich den Kauf, solange es noch einigermaßen bequem geht.

Herbert Rosendorfer: Bayreuth für Anfänger. Mit Zeichnungen von Luis Murschetz. Zürich: Diogenes, 21976. Leinen, 111 Seiten.
Lieferbare Ausgabe: München: Langen Müller, 2008. 112 Seiten. 13,– €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Auf dem Weg zu Swann

Es ist die Höflichkeit Prousts, dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als den Autor.

Theodor W. Adorno

Ich habe mich bislang mit dem Einstieg in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sehr schwer getan. Seit meiner Studienzeit (in der meine damalige Freundin den gesamten Zyklus in vergleichsweise kurzer Zeit komplett gelesen hat) sind mehrfache Anläufe zur Lektüre immer wieder gescheitert. Ich habe dafür zum einen der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens die Schuld gegeben, mit deren Deutsch ich mich nie recht anfreunden konnte, auch nicht nach der Überarbeitung der Übersetzung durch Luzius Keller; ich habe mich stets bemüht, aber wie der Dichter sagt: „Du hast nun die Antipathie!“ Und nun extra noch Französisch zu lernen, wäre doch ein zu fantastischer Einfall gewesen. Zum anderen bin ich immer erneut an dem mir nur schwer verdaulichen ersten Teil Combray gescheitert, dessen Handlungslosigkeit ich noch tolerieren konnte, dessen selbstverliebte Tendenz zu Klatsch und Tratsch ich aber nicht die ironische Distanz abgewinnen konnte, die Proust vermutlich dem französischen Text mitgegeben hat. Auch hier schien die Übersetzung wenigstens für mich nicht gut genug.

So habe ich es mit großer Freude gesehen, dass bei Reclam seit 2013 mit schöner Regelmäßigkeit die sieben Bände der Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer erschienen. Die ersten Kritiken waren zwar nicht gut, da die meisten Kritiker aber zugleich die mir sprachlich widrige Rechel-Mertens lobten, derweil sie Fischer schmähten, hatte ich den unbelehrten Verdacht, dass diese Kritiken wenigstens an meiner zukünftigen Lektüre würden vorbeigeschrieben sein. Und so habe ich im vergangenen Jahr sehr, sehr langsam begonnen, endlich einen Einstieg in die „Recherche“ zu finden.

Combray

Auch in mir sind viele Dinge zerstört worden, von denen ich geglaubt hatte, sie währten ewiglich, und neue haben sich aufgebaut, die neue Schmerzen und Freuden hervorbrachten, die ich damals nicht hätte erahnen können, ganz so wie mir die alten schwer verständlich geworden sind.

Dieser erste der drei Teile des ersten Bandes liefert sowohl eine poetologische Hin- als auch eine praktische Durchführung des Grundthemas Erinnerung, das den gesamten Zyklus bestimmt. Der vorerst noch namenlose Ich-Erzähler beginnt mit den halb traumhaften Bewusstseins­zuständen beim Einschlafen über der abendlichen Lektüre im Bett, in denen sein Schlafzimmer in Combray, wo er die Sommer seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seinen Eltern im Haus seiner Tante Léonie zugebracht hat, eine wiederkehrende Rolle spielt, und kommt dann zu dem berühmten Moment, als ihm der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine die Erinnerung an die gesamte Zeit in Combray zurückbringt. Die sich anschließende Darstellung dieser Erinnerungen ist, wie bereits gesagt, weitgehend handlungsfrei und kreist um zahlreiche Motive: Klatsch und Tratsch seiner Tante über die Bewohner des Städtchens, die Hypochondrie der Tante, die seit Jahren die meiste Zeit im Bett zubringt, ihre Köchin Françoise und deren Hass-Liebe zur Tante, der Nachbar Swann und seine Tochter Gilberte, die erste Verliebtheit des Erzählers, seine frühen sexuellen Sehnsüchte, seine Lektüre und sommerliches Nichtstun, Spaziergänge in der Umgebung und die damit einhergehende Naturerfahrung, die Bewunderung von Kircharchitektur und -fenstern und auch das Interesse an historischen Figuren und der Sphäre des Adels, die der Erzähler vorerst noch als einen entrückten halb historischen, halb gesellschaftlichen Hintergrund empfindet.

Nun verstehe ich auf einer abstrakten Ebene sehr wohl, warum all das so gestaltet ist, und warum es zwar beliebig erscheint, angesichts des Grundthemas aber nur so sein kann, wie es ist, aber es ist mir bei der aktuellen Lektüre auch klar geworden, dass mein hauptsächliches Problem mit Combray nicht in der Übersetzung wurzelt, sondern dass mich die Figuren zu wenig interessieren. Es wird im letzten Drittel dieses ersten Teils besser, wenn das jugendliche Ich des Erzählers soweit herangereift ist, dass erste Reflexionen zur Natur und vage sexuelle Empfindungen auftauchen, doch das Provinzielle und insbesondere das Personal Combrays ist mir zu fad. Natürlich habe ich den Verdacht, dass dieser erste Teil im Rückblick bzw. bei einem zweiten Durchgang nach der Gesamtlektüre des Zyklus einen komplett anderen Eindruck machen wird. Dennoch stellt Combray für mich eine echte Hürde beim Einstieg in den Romanzyklus dar.

Eine Liebe von Swann

»Er ist ja nicht direkt hässlich, wenn Sie so wollen, aber auf irgendeine Weise lächerlich: dieses Monokel, dieses Toupet, dieses Lächeln!«

Es dürfte bekannt sein, dass es sich bei diesem zweiten Teil des ersten Bandes um einen Roman im Roman handelt: Im Zentrum steht die erste Zeit der Verliebtheit Charles Swanns, den wir aus Combray als alten Bekannten und Nachbarn der Familie des Erzählers kennen, in die junge Odette de Crécy, mit der er in Combray verheiratet ist und eine Tochter hat. Swann selbst ist gesellschaftlich ein Wanderer zwischen den Welten, stammt aus einer reichen jüdischen Familie, verlebt sein Erbe, arbeitet als freier Kunsthistoriker und verkehrt in allen gesellschaftlichen Schichten von Paris bis zu den sogenannten höchsten. Er ist ein Frauenheld, bevorzugt normalerweise junge Frauen aus der Arbeitsschicht, verschaut sich aber in Odette, auch wenn sie eigentlich nicht seinem Frauentyp entspricht.

Um sie regelmäßig sehen zu können, beginnt er im Salon des Ehepaars Verdurin zu verkehren, das sich mit einem kleinen Kreis aus Akademikern und Künstlern umgeben hat, zu dem auch Odette eher zufällig gehört. Odette lässt sich von diversen Männern aushalten und erweist im Gegenzug wohl auch regelmäßig Liebesdienste, was Swann aber für lange Zeit zu ignorieren versteht, bis es zu einer konstanten Quelle der Eifersucht für ihn wird, als er bei Odette aus der Rolle des Favotiten herauszufallen beginnt. Weder nach seinem Bildungsstand noch seinem sonstigen gesellschaftlichen Umgang passt Swann in den Kreis der Verdurins, so dass hier ein distanziertes Portrait des Großbürgertums entsteht. Ergänzt wird dieses gesellschaftliche Bild durch einen Abend bei der Marquise von Saint-Euverte, deren Einladung Swann nur folgt, um sich von seinem Unglück mit Odette abzulenken. Dieser künstlerische Abend – es wird ein junger Pianist vorgeführt – liefert eine bitterböse, detaillierte Satire der Hautevolee.

Die Erzählung – die interessanterweise offenbar ebenfalls vom Erzähler von Combray erzählt wird, der hier quasi als auktorialer Erzähler auftreten muss – endet, ohne dass der innere Konflikt Swanns, der Odette offensichtlich weiterhin liebt und sich zugleich in seiner Eifersucht nicht von ihr lösen kann, während sie längst zu anderen Männern weitergezogen zu sein scheint, aufgelöst wird. Die Leser erfahren nicht, wie es dazu gekommen ist, dass Swann Odette geheiratet hat, was ihn in den Augen seiner Nachbarn in Combray gesellschaftlich ruiniert hat, während Swann in Paris tatsächlich auch weiterhin in den höchstens Kreisen geschätzt wird und dort verkehrt.

Ländliche Namen: Der Name

… wenn eines Tages in diesem meinem allzu wohlbekannten, geringgeschätzten Leben Gilberte die ergebene Dienerin werden würde, eine praktische und bequeme Mitarbeiterin, die mir am Abend bei der Arbeit helfen und in meine Veröffentlichungen die Seitenzahlen eintragen würde.

Der dritte Teil des Romans erzählt in der Hauptsache von der Liebe des etwa 15-jährigen Ich-Erzählers zu Gilberte Swann, die er regelmäßig zu sportlichem Spiel in den Champs-Élysées trifft, während zwischen den beiden Familien der Jugendlichen kein gesellschaftlicher Kontakt mehr besteht. Ergänzt wird dieser Hauptteil durch eine Einleitung, die dem Teil seinen Titel gibt, in dem der Erzähler von seinen frühen Fantasien um Ortsnamen herum (Balbec, Florenz, Venedig) berichtet, und einer Art von Epilog, in dem das Hauptthema Erinnerung wieder aufgenommen wird und der Erzähler einen sentimentalen Blick auf Erinnerung an die Jahre seiner Jugend wirft:

Die Wirklichkeit, die ich gekannt hatte, gab es nicht mehr. Es genügte schon, dass Madame Swann nicht völlig unverändert im gleichen Augenblick erschien, und die Avenue war eine andere. Die Stätten, die wir gekannt haben, gehören nicht allein der räumlichen Welt an, in die wir sie der Einfachheit halber einbetten. Sie waren nur ein schmales Segment inmitten der zusammenhängenden Eindrücke, die unser damaliges Leben ausmachten; die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick; und die Häuser, die Wege, die Avenuen, entfliehen, ach, wie die Jahre.

S. 584 f.

Wie schon gesagt ist dieser erste Teil der Recherche extrem handlungsarm; selbst Eine Liebe von Swann, in dem noch am ehesten so etwas wie eine traditionelle chronologische Entwicklung gefunden werden kann, ist zum Großteil gefüllt mit Reflexionen und Schilderungen innerer Zustände. Die Erzählung ist in allen Teilen sowohl inhaltlich als auch formal bewundernswert dicht, wenn auch nicht frei von Redundanzen. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Art von Innerlichkeit über alle sieben Bände des Romans tragen wird.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Auf dem Weg zu Swann. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2013. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 694 Seiten. 29,95 €.

Wird fortgesetzt …

Edward Gorey

The helpfull thought for which you look
is written somewhere in an book.

Vorausblickend auf Edward Goreys einhundertsten Geburtstag am 22. Februar 2025 druckt der Aufbau Verlag einen hübschen Sammelband, herausgegeben, eingeleitet und um ein biographisches und thematisches Gorey-ABC ergänzt von Walter Moers. Gorey war ein us-amerikanischer Illustrator und Autor, der durch seinen charakteristischen Stil bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit geworden ist – im deutschsprachigen Raum hat ihn der Diogenes Verlag bekannt gemacht –, nun aber ein wenig in Vergessenheit zu geraten und zu einem unter Lesern allgemein bekannten Geheimtipp zu werden droht.

Die Auswahl ist repräsentativ und die Übersetzungen durch Walter Moers sind durchweg gelungen, das Gorey-ABC kenntnisreich und bezogen auf den Erscheinungsort mehr als vollständig. Es ist ein gutes Zeichen, dass Moers sich nicht scheut, unter seine Übersetzungen der Verse Goreys die englischen Originalzeilen zu setzen. Auch Goreys Arbeit als Umschlag- und Merchandise-Gestalter wird angemessen dokumentiert (letzteres in Zusammenarbeit mit der Gorey-Sammlerin Silvia Stolz). Ergänzt wird all das durch ein Interview Goreys mit Clifford Ross, das, soweit ich sehe, hier wohl zum ersten Mal auf Deutsch erscheint. Dem Band liegt außerdem eine goreysche Illustration von Walter Moers mit dem oben zitierten Motto bei.

Ein Band für Gorey-Sammler und alle, die skurrilen Humor und die Stimmung viktorianischer Schauergeschichten lieben – hier lässt sich eine echte Entdeckung machen!

Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen. Vorgestellt und mit Übersetzungen von Walter Moers. Sonderband der Anderen Bibliothek. Berlin: Aufbau, 2024. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 432 Seiten Kunstdruckpapier (215 × 230 mm). 68,– €.

Larry Niven / Jerry Pournelle: Der Splitter im Auge Gottes

Die ganze Befehlsgeberkaste ist zu Großen Narren geworden, nach meiner Meinung. Sie glauben, sie könnten den Lauf der Zyklen beenden, wenn sie in den Weltraum auswandern und andere Sonnensysteme besiedeln.

Ein weiterer Fund aus der zweiten Reihe: Ein Roman um die erste Begegnung der Menschheit mit einer außerirdischen Intelligenz zu Anfang des 4. Jahrtausends u. Z. Am Rande des Zweiten Galaktischen Imperiums taucht ein Raumschiff mit Lichtsegel auf, das offensichtlich vor langer Zeit von einem Sonnensystem gestartet wurde, das den Namen Der Splitter im Auge Gottes trägt. Aus ihm wird ein asymmetrisch gebautes Alien tot geborgen. Der Kaiser entschließt sich, zwei Kriegsschiffe mithilfe des von der Menschheit seit mehr als 1.000 Jahren benutzten Sprungantriebs zu diesem System zu senden. Dort findet man eine offensichtlich uralte Zivilisation vor, der es aber nie gelungen ist, ihr Sonnensystem zu verlassen, was in der Hauptsache daran liegt, dass das andere Ende des Sprungpunktes in ihrem System innerhalb einer Sonne endet und so alle Schiffe, die die Aliens auf diesen Weg gebracht haben, zerstört worden sind.

Die Menschen stoßen auf eine hoch technisierte Zivilisation, deren Träger sich in mehreren Unterarten entwickelt haben. Es gibt Meister, Vermittler, Techniker, Landarbeiter, Boten, Bastler und – sehr lange vor den Menschen verborgen – auch eine Kaste von Kriegern. Das eigentliche Problem dieser Zivilisation ist, dass die Aliens einen hormonellen Zyklus durchlaufen, indem Geschlechtswechsel und Schwangerschaften notwendig auf­ein­an­der­fol­gen und der nur auf Kosten des individuellen Lebens unterbrochen werden kann. Es herrscht daher ein extremer Bevölkerungsdruck, der regelmäßig zu Kriegen und dem Zusammenbruch der Zivilisation führt. Der einzige Ausweg scheint zu sein, andere Planeten zu besiedeln, also das Splitter-Sonnensystem zu verlassen, was das Ziel der Aliens in den dem ersten Kontakt folgenden Verhandlungen ist. Anbieten können sie im Gegenzug eine Technologie, die in Teilen der der Menschheit weit überlegen ist. Die Autoren haben sich für den daraus entwickelten Konflikt ein überraschendes, wenn auch nicht sehr wahrscheinliches Ende ausgedacht.

Es handelt sich um einen ganz unterhaltsam geschriebenen Aben­teuer­roman, wenn auch besonders das letzte Viertel Längen aufweist, die allerdings auch dazu benutzt werden zu zeigen, dass sich die menschliche und außerirdische Zivilisation so sehr nicht unterscheiden. Die au­ßer­ir­di­sche Zivilisation ist sehr hübsch erfunden und – obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird – letztlich durchaus verständlich konstruiert. Was mich bei der Wiederlektüre am meisten erstaunt hat, ist, dass dies offensichtlich einmal einer meiner Lieblingsromane war (das vorliegende Exemplar stammt aus dem Jahr 1983, ich habe das Buch aber ganz sicher zuerst in den 70-er Jahren gelesen), während ich es heute eher mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen habe: Ganz nett erfunden, aber zu lang und deutlich zu sehr auf ein eher konventionelles Lesepublikum hin geschrieben.

Larry Niven / Jerry Pournelle: Der Splitter im Auge Gottes. Übersetzt von Yoma Cap. Heyne SF 3531. München: Heyne, 61983. Broschur, 624 Seiten. Derzeit nur antiquarisch lieferbar.