Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburgermonarchie

So begannen mehr oder minder alle ein Doppelspiel.

Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges mit zwei Schwerpunkten: zum einen Österreich im allgemeinen, zum anderen die Folgen des Krieges für den Vielvölkerstaat im speziellen. Trotz ihrer Spezialisierung kommt auch Leidingers Darstellung nicht darum herum, ab ovo anzufangen und die Vorgeschichte und Entwicklungen hin zum Ersten Weltkrieg nochmals nachzuerzählen. Dabei ist allerdings einer der drei Einstiege Leidingers ins Thema originell und reizvoll, der in einer knappen, aber präzisen Durchleuchtung von Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ als Quelle für das Kakanien vor dem Ausbruch der Katastrophe besteht. Ich habe im Weiteren dann Joseph Roth, Karl Kraus oder auch Franz Kafka vermisst, aber man kann nicht alles haben; auch das wenige, was Leidinger zu Trakl zu sagen hat, ist leider eher banal.

Immerhin kommt Leidinger in der Mitte des Buches zum Tod Kaiser Franz Joseph I. und damit zum konkreten Anfang vom Ende, so dass sich die zweite Hälfte den politischen und gesellschaftlichen Wirren der beiden letzten Kriegsjahre und dem oben schon zitierten Doppelspiel aller Seiten (Ungarn, Tschechen, Polen, Serben, Russen etc. pp.) widmen kann. Nur sehr wenige scheinen bedingungslos am Habsburgerreich haben festhalten wollen, und man kann sich des Eindrucks nicht entziehen, dass dies bereits 1916 gänzlich obsoleter war. Das Streben nach nationaler Eigenständigkeit gepaart mit der Erfahrung der zweit- oder gar drittklassigen Behandlung der nichtdeutschsprachigen Völker während des Krieges entwickelt zu starke zentrifugale Kräfte, als sie das ohnehin schon brüchige Reich hätte aushalten können. Auch Leidinger findet bei allem Streben nach Objektivität keine wirksamen Gründe das Reich zusammenzuhalten.

Leidinger liefert nur wenig Militärgeschichte des Krieges; stattdessen stellt er anhand zahlreicher Einzelzeugnisse die sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Kriegsverlaufs in den unterschiedlichen sozialen Gruppen und Nationen der Monarchie dar. Dennoch (mag auch sein: deswegen) resümiert Leidinger:

Dass das Ende Österreich-Ungarns im November 1918 allerdings eher militärisch, politisch und territorial zu verstehen ist, nicht so sehr aber wirtschaftlich, sozial und noch weniger mental beziehungsweise kulturell, lässt übrigens mögliche Alternativen zu den historischen Geschehnissen erkennen. Das sechste Fazit ist daher eher eine Vermutung: Als der südafrikanische General Jan Smuts in der Schweiz geheime Friedensgespräche mit den Österreichern führte, offerierte er Londons Beistand bei der Umwandlung der Donaumonarchie in ein „wirklich liberales Reich“ und eine „wohlwollende Schutzmacht“ nach britischem Vorbild. Obwohl Smuts damit die globale Rolle des „Empires“ beschönigte, tat sich darin wenigstens langfristig die Perspektive eines zentraleuropäischen „Commonwealth“ auf.

Das „Scheitern Mitteleuropas“ und entsprechender Föderationspläne in der Zwischenkriegszeit verweist freilich auf die Schwierigkeiten, den Donauraum in der einen oder anderen Form als Einheit zu erhalten. Die Probleme waren allerdings vielfach von der Monarchie mit verursacht. Das Festhalten am Ausgleich von 1867 benachteiligte die meisten „Völker“ zugunsten der Deutschen und Magyaren im Reich. Ihre Führungsschichten sowie insbesondere der innerste Kreis der Verantwortlichen rund um den Regenten hatten schließlich auch durch das fragwürdige Krisenmanagement im Juli 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, maßgeblichen Anteil am eigenen Sturz und Bedeutungsverlust. Siebentes Fazit: Das Habsburgerreich ging vor allem auch an seinen eigenen Eliten zugrunde.

Deutlich, doch – wenn man sich einen Moment besinnt – nicht wirklich überraschend.

Eine gut geschriebene, sauber strukturierte, besonders im zweiten Teil sehr detaillierte und  informative österreichische Geschichte  des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen.

Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburgermonarchie. Innsbruck u. Wien: Haymon, 2017. Pappband, 440 Seiten. 29,90 €.

Sinclair Lewis: It Can’t Happen Here

Der Roman entstand und erschien 1935 und beschreibt einen faschistischen Staatsstreich in den USA nach dem Vorbild der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Der demokratische (im Sinne der US-amerikanischen Partei, nicht der Staatsform) Kandidat Berzelius Windrip gewinnt die Wahl 1935 mit einem populistischen Programm, das sich an Arme und Veteranen wendet und ihnen vergleichsweise goldene Zeiten verspricht. Nach seiner Inauguration Anfang 1936  hebelt er durch Not­stands­ge­set­ze den Kongress aus und zerschlägt die traditionellen US-Staaten durch das Einführen von willkürlichen Verwaltungsgrenzen und -strukturen, in denen seine Parteigänger als Funktionäre eingesetzt werden. Gestützt und geschützt wird dieser Prozess durch eine private Miliz, die Minute Men (M. M.), die faktisch die Polizeigewalt inne haben.

Protagonist des Romans ist Doremus Jessup, älterer Chefredakteur einer Tageszeitung einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Sozial etabliert, verheiratet mit drei Kindern und einer Geliebten, nicht parteipolitisch gebunden, ist Jessup das Muster des liberalen nordamerikanischen Intellektuellen: klassisch gebildet, sich der sozialen Frage bewusst mit einer leichten Tendenz zum demokratischen Sozialismus, misstrauisch allen starken Ideologien der Zeit gegenüber – also letzten Endes ein idealisierter Selbstentwurf Lewis’. Im Gegensatz zu den meisten seiner Bekannten misstraut Jessup von Beginn an dem Kandidaten Windrip, hält sich aber zurück in dem Glauben, dass das alles vorübergehen wird.

Erst ein Gewaltverbrechen an einem Rabbi und einem Universitäts-Professor durch einen betrunkenen hohen Vertreter des neuen Staates, also ein Übergriff politischer Barbaren auf die gesellschaftliche Gruppe, der er sich selbst zuordnen, veranlasst ihn zu einem ersten offen kritischen Kommentar in seiner Zeitung. Die Reaktion des neuen Staates lässt nicht lange auf sich warten: Jessup wird verhaftet und einem Richter vorgeführt, der sich aber überraschend milde zeigt, indem er Jessup dazu zu überreden versucht, sich mit dem neuen Staat zu arrangieren. Um seinem Vorschlag Nachdruck zu verleihen, lässt er Jessups Schwiegersohn umgehend standrechtlich erschießen und  setzt ihm in seiner zeitung einen staatlichen Aufpasser vor die Nase, den er vorgeblich als seinen Nachfolger einarbeiten soll.

Jessup betreibt daraufhin erfolgreich seine Pensionierung und beginnt zugleich, sich dem politischen Widerstand gegen die Diktatur zu verbinden. Er betreibt im Neuen Untergrund eine geheime Presse, die Flugblätter mit Nachrichten und Gerüchten herstellt und verteilt. Insgesamt geht man in der kleinen lokalen Widerstandsgruppe sehr lax mit der Geheimhaltung um, so dass es kein Wunder ist, dass Jessup nach nur wenigen Monaten in einem Konzentrationslager landet. Nach nur fünf Monaten und nicht der grausamsten aller denkbaren Behandlungen wird er durch Initiative seiner Geliebten befreit und nach Kanada gebracht, wo er eine Stelle in der US-amerikanischen Exil-Regierung findet. Der Roman hat ein offenes Ende, das die ersten Erfolge des politischen und militärischen Widerstandes gegen den neuen Staat beschreibt, an dessen Spitze nach mehrfachen Staatsstreichen inzwischen ein Militär steht. Der letzte Satz feiert den ewigen Jessup, der nun bei aller ironischen Distanz und wohl in Ermangelung eines Besseren dann doch zum idealen Vorkämpfer der guten Sache gemacht werden muss.

Der Roman war ein sofortiger großer kommerzieller Erfolg. Man plante sogar eine Hollywood-Verfilmung, die aber trotz weitreichenden Vorbereitungen nie zustande kam– man darf staatliche Rücksichtnahme auf die Beziehungen zum Deutschen Reich als Ursache dafür annehmen. Stattdessen gab es eine sehr erfolgreiche Umsetzung für die Bühne. Es ist leicht zu erkennen, dass nicht nur Sinclair das Szenarium des Romans für eine nicht ganz und gar abwegige utopische Alternative zur US-amerikanischen Geschichte hielt.

Angeregt zu dem Buch wurde Lewis durch die Reportagen seiner Ehefrau Dorothy Thompson, die von 1924 bis 1934 in Berlin gelebt und den Aufstieg der Nationalsozialsten zur Macht journalistisch eng begleitet hatte. Aus ihrer Kenntnis und der weiterer Bekannter, die in dieser Zeit in Europa gelebt hatten, bezog Lewis im Wesentlichen die Vorbilder für die faschistische Machtübernahme in seinem Roman. Streng genommen gehört das Buch nicht in das Genre der Alternativen Geschichte, da es in der unmittelbaren Zukunft spielt, also eine Warnutopie darstellt, wird aber natürlich heute so gelesen. Es hat durch den aktuellen weltweiten  Rechtspopulismus, aber auch durch den in den USA gezogenen durchaus provokanten Vergleich des Aufstiegs Donald Trumps mit dem von Lewis’ Diktator Berzelius Windrip überraschend an Popularität gewonnen.

Sinclair Lewis: It Can’t Happen Here. New York: Penguin Random House, 2014. Kindle-Edition, 195 Seiten. 5,49 €.

Sinclair Lewis: Babbitt

Ihm gefiel keines der Bücher. Er spürte darin einen Geist der Rebellion gegen alles Biedere und Bürgerliche. Diesen Autoren – und er fürchtete, sie waren sogar berühmt – lag offenbar nichts daran, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, bei der man seine Sorgen vergessen konnte.

Sinclair Lewis war auch so eine Lücke in meiner Lesegeschichte. Der Mann hatte 1930 als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis bekommen und war in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten US-Autoren. Sein Babbitt wurde erstmal schon 1925 – nur drei Jahre nach seinem Erscheinen – auf Deutsch vorgelegt in einer Übersetzung, die sich bis zuletzt auf dem Markt gehalten hat (die letzte Auflage bei Rowohlt scheint 1995 gedruckt worden zu sein). Nun legt Manesse eine Neuübersetzung durch Bernhard Robben vor, einem der fleißigsten und im Großen und Ganzen zuverlässigen Übersetzer englischer und amerikanischer Hochliteratur.

Babbitt spielt zu Anfang der 20er Jahre in der von Lewis erfundenen Großstadt Zenith irgendwo an der us-amerikanischen Ostküste. Sein Titelheld Georg F. Babbitt ist eine Null des gehobenen Mittelstandes, Immobilienmakler, Mitte 40, von sehr mäßiger Bildung, verheiratet mit Myra, drei Kinder, von denen  zwei noch zur Schule gehen. Die Fabel des Buches ist das Durcharbeiten dessen, was man gemeinhin eine Mid­life­cri­sis nennt. Babbitt ist dort angekommen, wo es nicht mehr recht vorwärts geht: Die Geschäfte laufen gut, kleinere und mittlere Betrügereien werden erfolgreich abgewickelt, seine Ehe ist so langweilig, wie er das erwarten darf, man gibt hier und da eine kleine Party, aber so richtig bewegt sich nichts im Leben des George F. Babbitt. Aus der Bahn wirft ihn dann, dass sein Freund aus Studientagen Paul Riesling nicht nur eine Geliebte hat, sondern schließlich sogar ins Gefängnis muss, weil er auf seine Gattin geschossen und sie verletzt hat.

Babbitt sieht sich vor die Frage gestellt, ob das alles gewesen sein kann. Er versucht, verzweifelt eine Geliebte zu finden, bis ihn dann eine le­bens­fro­he Witwe nimmt, weil gerade nichts besseres da ist. Er versucht es mit Saufen und durchgemachten Nächten, mit der Flucht in die Natur und wird am Ende ein Liberaler, also ein politisch und gesellschaftliche toleranter Mensch, womit er in seiner näheren Umgebung erheblich aneckt. Zwar wird seinen Lebenskrise toleriert, aber als er sich schließlich für einen Anwalt stark macht, der in Sachen Arbeitsrecht und Ge­werk­schaf­ten aktiv ist, hört der Spaß auf: Babbitt wird sozial geächtet und geschäftlich ausgebootet. Eine glückliche Blinddarmentzündung seiner Frau verschafft aber seiner Sentimentalität wieder die Oberhand, so dass es ihm letztendlich gelingt, sich wieder in die Normalität seines alten Lebens einzufinden. Sogar ein besserer Vater ist er durch das Durchlaufen der Krise geworden.

Babbitt ist eine böse und in manchen Teilen scharfe Satire auf den Kult der Normalität in der modernen Gesellschaft. Babbitt ist ein Idiot unter Idioten, die sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen und einander in die Taschen arbeiten. Dieser Kult der Normalität nimmt zum Ende des Buches hin sogar leicht faschistische Züge an, als Babbitt mit wachsendem Druck dazu genötigt wird, einer „Liga Anständiger Bürger“ (im Original die G.C.L., Good Citizens’ League) beizutreten. Der doch noch erfolgende, erleichterte Beitritt Babbitts zum Verein ist das abschließende, ver­nich­ten­de Urteil des Autors über seine Figur.

Das Buch liest sich in der Übersetzung Robben flott weg; der Übersetzer hat auf eine zu deutliche Differenzierung der im Original verwendeten Slangs verzichtet, ja verflacht insgesamt die sprachliche Differenzierung des Buches. Einige wenige Stellen hat er offenbar nur flüchtig gelesen oder auch nicht verstanden; an anderen zeigt er die für ihn üblichen sprachlichen Manierismus: So erscheint es mir etwa fraglich, ob man “chicken croquettes” tatsächlich mit „panierte Hühnerbällchen“ übersetzen sollte. Aber das alles sind Kleinigkeiten, die in der Textmasse verschwinden. Wichtiger ist, dass Robben den satirischen Ton des Textes und seinen Humor genau trifft und so dem deutschen Leser einen ziemlich genauen Eindruck vom amerikanischen Original liefert.

Für mich ist Sinclair Lewis eine echte Entdeckung, und dies wird nicht das letzte Buch sein, das ich von ihm lesen werde.

Sinclair Lewis: Babbitt. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. München: Manesse, 2017. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 784 Seiten. 28,– €.

Aus dem Zugang (2)

Werkausgaben – wie immer sie sich nun nennen mögen: Gesammelte Werke, Sämtliche Werke oder gar Sämtliche Schriften (ein Titel, der sich beinahe niemals einlösen lässt) – sind janusköpfige Wesen: Auf der einen Seite erschrecken sie den unerfahrenen Leser mit ihrem Umfang und vorgeblicher Erklärungsmacht, auf der anderen handelt es sich bis zu ihrer Vollständigkeit um zarte, verletzliche Wesen, den schon der kleinste Luftzug irreparable Schäden oder gar den Tod bringen kann. Wieviele Verlage sind früher dahingegangen als ihre Werkausgaben? Wieviele Werkausgaben hatten gerade zögerlich ein oder zwei Bände in die Welt gesetzt, als sie von einem finanziellen Engpass aus in einen Abgrund stürzten oder von ihrem Herausgeber sträflich vernachlässigt am Rande einer Buchmesse dahinsiechten? Und selbst, wenn die Hürde von 10 oder gar 20 Bänden übersprungen ist, kann sie immer noch die Verunstaltung treffen, dass sie unvollendet bleiben und für immer in dieser schaurigen Gestalt durch die Bibliotheken geistern müssen. Und wie oft hat schon ein Leser den oft zitierten 16. Band gesucht, nur um sich nach Jahren von einem pensionierten Bibliothekar kopfschüttelnd belehren lassen zu müssen: Der sei doch nie erschienen; da sei doch damals die Hilfskraft dem Professor untreu geworden und der habe sich daraufhin als unfähig erwiesen, das nicht von ihm gezeugte Wesen bis zur Lebensfähigkeit durchzubringen. Habent sua fata libelli.

Mit Band 24 – Briefe an Véra – ist heuer daher die Vollständigkeit und damit Großjährigkeit der Vladimir-Nabokov-Werkausgabe (Gesammelte Werke, obwohl die beiden Brief-Bände der Ausgabe gerade keine Werke enthalten) zu feiern. Ein dreifaches Hoch! auf den Herausgeber Dieter E. Zimmer – dessen erleichtertes Aufseufzen man wahrscheinlich noch in Montreux hören konnte –, einen herzlichen Glückwunsch an den Paten Rowohlt aus Reinbek (der ganz bescheiden auf seiner Webseite die Vollständigkeit des Kindes nicht einmal erwähnt, geschweige denn sich mit dem vollbrachten Aufziehen des Kindes brüstet, wie es ihm zustünde) und ein Freudenfest für alle deutschen Leser Nabokovs. Es ist vollbracht! Nur 28 Jahre hat es gedauert, bis die Wucht der 25 Bände (Band 15 wurde geteilt!) vorliegt; ich war zu faul, die Seitenzahlen aufzuaddieren und ein weiteres Glanzlicht aufscheinen zu lassen.

Diese Nabokov-Ausgabe ist nach Vollständigkeit und Sorgfalt der Kommentierung sicherlich einmalig auf der Welt. Einzig die Gedichte scheinen absichtlich außen vor gelassen worden zu sein, sofern sie nicht in andere Texte eingebettet sind; ich habe bislang keine Stelle finden können, an der der Herausgeber diese Entscheidung erklären würde. Selbst Nabokovs Dramen und seine eher fragwürdigen Vorlesungen zur europäischen Literatur, mit denen Nabokov zahlreiche us-amerikanische Studenten auf diverse Holzwege geschickt hat, wurden neu und ausführlich ediert. Die beiden Bände mit den Erzählungen (13 und 14), die zusammen mit Lolita 1989 die Ausgabe eröffnet hatten, sind 2014 überarbeitet und erweitert neu aufgelegt worden. Man sieht leicht, dass wirklich alle möglichen Anstrengungen unternommen worden sind, die Ausgabe auf ein möglichst hohes Niveau zu bringen, bevor man sie für abgeschlossen und fertig erklären muss.

Bleibt die Frage, ob dieser ganze Aufwand für ein One-Book-Wonder wie Nabokov denn überhaupt gerechtfertigt sei. Hierzu empfehle ich die fortgesetzte Lektüre meiner Besprechungen zu Nabokov oder auch die Lektüre des Romans Pnin, von dem aus sich Nabokov auf ganz und gar andere Weise erschließt als von der zumeist als Missverständnis gelesenem Lolita. Nabokov gehört zu den letzten durch und durch romantischen Autoren der europäischen Erzähltradition – im Sinne der Literaturepoche, nicht in dem der gefühligen Kerzenlicht-Soße –, einer der von der Macht und der Notwendigkeit erfundener Welten für das Wohl der Menschen zutiefst überzeugt war und glaubte, dass die Anspielung der einzige Weg ist, auf dem ein gebildeter Mensch einen Scherz machen sollte.

Vladimir Nabokov: Briefe an Véra. Hg. v. Brian Boyd u. Olga Voronina. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Gesammelte Werke XXIV. Reinbek: Rowohlt, 2017. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 1147 Seiten. 40,– €.

Aus dem Zugang (1)

Sinclair Lewis wurde 1930 als erstem US-Amerikaner der Nobelpreis für Literatur verliehen. Besondere Erwähnung fanden in der Laudatio unter anderen sein Roman Main Street (1920) und sein Bestseller Babbitt (1922), der gerade bei Manesse in einer neuen Übersetzung von Bernhard Robben vorgelegt wurde. Nun war Sinclair Lewis schon lange ein Desiderat meiner Lesegeschichte, so dass ich die Gelegenheit genutzt habe, und ich wurde nicht enttäuscht: Babbitt ist eine witzige Satire auf den us-amerikanischen Mittelstand der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und ohne Zweifel eines der wichtigen literarischen Vorbilder für die Bascombe-Romane Richard Fords, der allerdings nicht einmal halb so viel wagt wie Sinclair.

Da der Übersetzer im Nachwort anmerkt, er habe den Text sprachlich auf das Deutsche des 21. Jahrhunderts heruntergebrochen (die von Robben verwendete Redeweise vom „möglichst zeitlos […] halten“ der Sprache ist natürlich kompletter Unfug), habe ich mir aus den USA antiquarisch einen Band der Library of America bestellt, um den Grad des Gefälles beurteilen zu können. Der Band war mit 9 € verdächtig billig und erwies sich bei seiner Ankunft als ein Bibliotheksexemplar.

Wie man dem (von mir von einer weiteren Kunststoff-Schicht befreiten) Umschlag des Buches bereits ansieht, hat der Band einiges mitgemacht. Er entstammt – so kann man einem Exlibris auf dem vorderen Vorsatz entnehmen – einer 60 Bände der Library of America umfassenden Schenkung der Andrew W. Mellon Foundation sowie des GFWC Senior Woman’s Club of Muhlenberg (Vorsicht: Link zu Facebook!) an die Muhlenberg Community Library. Die Schenkung muss Ende 1993 oder Anfang 1994 geschehen sein, da das Buch im Mai 1994 in den Bestand der Bibliothek eingearbeitet worden ist, wie es die Ausleihkarte heute noch dokumentiert:

Was diese Karte eben leider auch dokumentiert, ist, dass sich in Muhlenberg (das heute ironischerweise ein Stadtteil von Reading, Pa. ist!) niemand, aber auch gleich gar niemand für die beiden Romane Sinclair Lewis’ interessiert hat. Und so hat sich – leider lässt der Band keinen Schluss darauf zu, wann dies geschehen ist – eine Bibliothekarin in Muhlenberg wahrscheinlich schweren Herzens entschlossen, Platz im Regal zu schaffen und das Geschenk an einen Antiquar zu verkaufen. Ob es direkt oder wie es sonst bei einem Internethändler in Dallas gelandet ist, der es mir dann für 10,60 $ nach Deutschland geschickt hat, ist ebenfalls nicht zu eruieren, jedenfalls nicht von hier aus. Ich will es nun hüten und pflegen, solange ich kann.

Mehr über Babbitt und Sinclair Lewis in Bälde auf dieser Seite.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

O Gott! Ich werde das nie vergessen, dachte er.

Der Erstlingsroman Thomas Wolfes, 1929 erschienen, ist für heutige Leser in der Hauptsache Zeitzeugnis, zugleich aber auch Dokument für ein überbordenes Erzähltalent, das sich am Stoff des eigenen Lebens abarbeitet. Wolfes Manuskripte wurden von seinem Lektor auf ein wenigstens einigermaßen markt­ge­rech­tes Maß heruntergekürzt und so überhaupt erst für einen Verlag akzeptabel. Aber auch nach dieser Behandlung merkt man dem Buch immer noch an, dass  Wolfe einer jener Erzähler ist, denen Alles zum literarischen Stoff werden kann und die im Grunde keinerlei Rücksicht auf sich selbst, ihren Stoff oder die Leser zu nehmen verstehen. Es ist daher kein Wunder, dass man in Wolfes Nachlass tausende und abertausende Manuskriptseiten gefunden hat, aus denen die veröffentlichten Bücher quasi nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl darstellen.

Der Roman erzählt in seinen beiden Hauptteilen die Geschichte Eugene Gants, geboren im Jahr 1900 in einer kleinen Stadt in den Bergen North Carolinas, von seinem 12. bis zu seinem 19. Lebensjahr. Vorgeschaltet ist die Geschichte seines Vaters Oliver Gant, im Roman in der Regel nur mit seinem Nachnamen benannt, eines jungen Mannes, der aufgrund der Inspiration durch einen steinernen Engel den Beruf des Steinmetzen erlernt, eine erste Ehe hinter sich gebracht hat und nach deren tragischem Ende in den Alkoholismus abgerutscht ist. Gant findet sich nach einer Periode der Wanderschaft im kleinen Bergstädtchen Altamont wieder, in dem er zu seiner Überraschung eine weitere Frau findet, die ihn heiraten will: Eliza ist besessen von der Vorstellung, Wohlstand durch den Besitz von Liegenschaften zu erwerben, und heiratet ausgerechnet Gant, dem aller Immobilienbesitz zuwider ist. Das Ehepaar bekommt sieben oder acht Kinder (ich gebe zu, an irgendeiner Stelle die Übersicht verloren zu haben), von denen immerhin sechs das Erwachsenenalter erreichen. Eugene ist der Jüngste und wohl zugleich der Begabteste der Geschwister.

Während Gant auch weiterhin mit Phasen der Alkoholsucht zu kämpfen hat, eröffnet Eliza eine Pension, mit der sie wesentlich zum Unterhalt der Familie beiträgt. Wie schon gesagt, setzt die eigentliche Erzählung von Eugenes Leben erst nach knapp 200 Seiten ein: Seine Schulzeit wird ausführlich dargestellt, seine Pubertät, das Erwachen seiner Sexualität, aber auch die weiteren Schicksale seiner weitgehend dysfunktionalen Familie sind Thema des Romans. Eugene erhält eine vergleichsweise gute Ausbildung, da er aufgrund seiner Begabung die erste und einzige Privatschule Altamonts besuchen darf. Auf diese Weise mehr schlecht als recht vorbereitet, besucht er mit nur 16 Jahren die Universität und tut sich auch hier akademisch hervor. All das entfernt ihn einerseits immer weiter von seiner Familie, mit der er aber andererseits emotional in Hass und Liebe eng verbunden bleibt. So ist etwa die Beschreibung des Sterben seines Bruders Ben eine der beeindruckendsten Passagen des gesamten Buchs. Ohne dass der Roman zu einem wirklichen Abschluss gelangen könnte, endet das Buch mit dem erfolgreichen akademischen Abschluss Eugenes und seinem Entschluss, entgegen dem Wunsch seiner Mutter nicht bei einer der lokalen Zeitungen anzufangen, sondern eine akademische Karriere anzustreben.

Das Buch ist formal aufgrund der oben bereits erwähnten Neigung Wolfes zu überschwänglichem Erzählen notwendig anekdotisch geblieben; aber nicht nur stofflich, sondern auch stilistisch bietet das Buch eine erstaunliche Breite zwischen Passagen voller Lyrismen bis hin zu deutlich an Joyce’ früher Prosa geschulten, minutiösen Miniaturen sozialer Kommunikation. An manchen Stellen gerät der Text auch einfach in den Schwulst eines sich an der eigenen Sprache berauschenden Schreiberlings:

Und Eugene beobachtete den langsamen Wechsel der Jahreszeiten; er sah der stolzen Prozession der Monate zu; er sah, wie das Sommerlicht sich wie ein Strom ins Dunkle fraß; er sah den erneuten Triumph der Finsternis und wie die minutengesättigten Tage wie Fliegen heimwärts summten in den Tod.

Das geht wahrscheinlich auch eine Nummer kleiner, ohne das aufzugeben, was gemeint ist.

Sie hatten niemals miteinander geredet. Ihre Blicke begegneten sich niemals – eine große Scham, die Scham zwischen Vater und Sohn, jenes Geheimnis, das tiefer als Mutterschaft und als das Leben selbst hinabreicht, jene geheimnisvolle Scham, die den Männern die Lippen versiegelt und in ihren Herzen wohnt, hatte sie zum Verstummen gebracht.

Wolfe wenigstens scheint diese ihn verstummende Scham erfolgreich überwunden zu haben. Nun gut.

Das Buch ist ohne Frage das, was man einen großen Wurf nennt. Wolfes emotionales Erzählen, seine Leidenschaft für den Stoff und seine Hassliebe zu den Figuren, aber auch die Schonungslosigkeit seinem Protagonisten gegenüber erzeugen einen Eindruck von Wahrhaftigkeit, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Die neue Übersetzung von Irma Wehrli bietet im Gegensatz zur älteren von Hans Schiebelhuth einen sprachlich gut ausdifferenzierten deutschen Text, der der stilistischen Breite Wolfes erstmals gerecht zu werden scheint. Die Ausgabe ist durch Endnoten ausführlich kommentiert, die man, je nach eigener Vorbildung und -belastung mehr oder weniger nützlich finden wird. Die Behauptung des Nachworts, es seien „die Finessen der Intertextualität […] samt und sonders identifiziert“ worden, bliebe zwar kritisch zu prüfen, aber es ist schon eine erstaunliche Anzahl von literarischen Anspielungen festgemacht worden.

Eine intensive Lektüre, nicht ohne Schwächen, aber eben auch mit weiten Teilen, die immer noch gegen jede Kritik bestehen.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Irma Wehrli. btb 74255. München: Random House, 32011. Broschur, 785 Seiten. 14,99 €.

Nikolaus Wachsmann: KL

Die überwiegende Mehrheit der bis zu sechs Millionen Juden, die unter dem NS-Regime ermordet wurden, kam anderswo um, erschossen in Gräben und Feldern irgendwo in Osteuropa oder vergast in besonderen Vernichtungslagern wie Treblinka, die getrennt von den KL operierten.

Nikolaus Wachsmann hat eine zugleich minutiöse und umfassende Geschichte der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Konzentrationslager geschrieben. Er verwendet zur Bezeichnung dieser Lager nicht die heute geläufige Ab­kür­zung KZ, sondern die von der Verwaltung des Mordens benutzte: KL. Seine Darstellung beginnt mit den nach der Machtübernahme durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in allen Teilen Deutschlands unorganisiert und illegal entstandenen Lager, die der Schutzhaft, sprich: der rechtswidrigen, polizeilichen Inhaftierung politischer Gegner dienten, zeigt dann Organisation, Ausbau und Aufbau der Verwaltung der Lager, deren Übergang in die alleinige Verantwortung der SS, die für die Bewachung und den Betrieb der KL einen eigenen Truppenteil – die Totenkopfverbände – begründete, die Kommerzialisierung dieser Ungeheuerlichkeit unter der Führung Heinrich Himmlers und schließlich die unvorstellbare Pervertierung dieser Per­ver­sion nach Ausbruch des Krieges und ihre unbegrenzte Verhöllung, nachdem der Krieg mit der Sowjetunion begonnen hatte.

Ich betrachte mich selbst als einen Leser, der emotional nicht leicht durch die Schilderung von Verbrechen oder gar Morden zu beeindrucken ist. Dieses Buch allerdings hat meine Grenze deutlich überschritten. Es ist eine sich immer wiederholende, sich bei jeder Wiederholung un­glaub­li­cher­wei­se immer noch einmal steigernde Schilderung von Schrecken, von denen wir alle natürlich in einem abstrakten Sinne Kenntnis haben, die aber hier in einer Verdichtung vorgeführt werden, die das Buch für seine Leser nur schwer erträglich macht. Ich will mir nicht realistisch vorstellen, wie es gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Dabei verliert die Dar­stel­lung an keiner Stelle ihre historische Objektivität; wahrscheinlich ist es diese Position, die das Schreiben und Lesen eines solchen Buches überhaupt nur möglich macht.

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Die Objektivität der Darstellung wird nicht dadurch erkauft, dass sich der Autor von den geschilderten Schrecken distanzieren würde oder auch nur könnte; im Gegenteil trägt er dafür Sorge, dass nahezu alle der allgemeinen Schilderungen des unsäglichen Schreckens durch konkrete Einzelschicksale illustriert werden. Nie weicht der Autor aus, nie erlaubt er es dem Leser sich in eine Distanz vom Geschehen zu­rück­zu­ziehen, in der ihn das alles nur so weit angeht, wie für ihn etwa der Einfall der Mongolen in Europa relevant ist. Das Buch ist fürchterlich und notwendig, seine Lektüre für all die eine beinahe – für einige sicherlich auch tatsächlich – unerträgliche Pflicht, die das 20. Jahrhundert verstehen möchten, was der Mensch ist und was aus ihm werden kann und wahrscheinlich auch, was uns noch bevorsteht.

Vermutlich die wichtigste Lektüre in diesem Jahr!

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München: Siedler, 2016. Pappband, 1016 Seiten. 39,99 €.

Ian Kershaw: To Hell and Back

Churchill had proposed shooting major criminals as soon as they were caught. Stalin preferred them to be tried first and then shot.

Dass Ian Kershaw einer der hervorragenden Historiker des Zweiten Weltkriegs ist, wurde hier an andere Stelle schon einmal festgestellt. Dem breiteren Publikum ist er durch seine Hitler-Biographie (1998/2000) bekannt geworden; seitdem liefert er mit schöner Re­gel­mä­ßig­keit umfangreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg. Der vorliegende Band behandelt die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (genauer 1914–1949). Es handelt sich um den ursprünglich als Abschluss geplanten 8. Band von Penguins History of Europe, der ursprünglich das gesamte 20. Jahrhundert umfassen sollte. Kershaw hat sich dann aber zwei Bände für den Zeitraum ausgebeten, so dass eine Fortsetzung bis an die Gegenwart heran noch aussteht.

Auch Kershaw folgt dem Konzept des sogenannten kurzen 20. Jahrhunderts (das, wenn ich es richtig sehe, von Eric Hobsbawm populär gemacht wurde), zumindest was den Beginn seiner Darstellung angeht. Es besteht derzeit ein weitgehender Konsens, dass mit dem Ersten Weltkrieg ein radikaler Umbruch stattfand, der so zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Konventionen des 19. Jahrhunderts in Frage stellte, dass mit ihm eine neue Epoche begann. Die Wahl für das Jahr 1949 als Abschluss des ersten Bandes ist darin begründet, dass Kershaw damit die Nachwehen sowie die politischen und sozialen Folgen des Zweiten Weltkrieges noch in den Band aufnehmen kann. So schließt der Band mit den Entwicklungen, die zum Wiederaufstieg Deutschlands im Westen und der Entstehung des Kalten Krieges führen.

Bei aller Kürze (der Band behandelt 35 Jahre der Geschichte aller europäischer Nationen inklusive Russlands bzw. der Sowjetunion auf 520 Seiten) ist die Darstellung ausgezeichnet gewichtet und umfasst nicht nur die großen Linien der politischen und militärischen Ereignisse, sondern auch soziale und kulturelle Entwicklungen. So ist das Buch wohl auch für diejenigen mit Gewinn zu lesen, die bereits über gute Kenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfügen; ich habe etwa die Beschreibung der politischen Rolle der katholischen Kirche in dieser Präzision und Kürze bislang nirgendwo anders gefunden.

Kershaw gelingt einmal mehr eine gut strukturierte und exakte Analyse des komplexen historischen Materials ohne Zuhilfenahme eines groben ideologischen Schemas. Aufgrund von Kershaws klarem Stil ist das Buch sowohl als anspruchsvolle Einführung für historische Laien als auch als auffrischender Überblick für Kenner der Materie zu empfehlen. Man darf auf den zweiten Teil des Buches gespannt sein.

Ian Kershaw: To Hell and Back. Europe, 1914–1949. London: Allen Lane, 2015. Kindle-Edition, 574 Seiten. 10,99 €.

Giorgio Agamben: Homo sacer

In der Person des Führers geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über, so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomorts) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht.

Agamben-Homo-sacerHomo sacer – der heilige oder verfluchte Mensch; die Wendung kann beides bedeuten – bezeichnet einen auf den ersten Blick höchst merkwürdigen rechtlichen Status eines Menschen im antiken Rom: Es war ein dem Tode Verschriebener, dessen Leben einerseits nicht mehr den Göttern geopfert werden konnte, der aber andererseits von jedermann straffrei ermordet werden konnte, sprich: Seine Tötung konstituierte kein Verbrechen. Der Homo sacer existierte sozusagen in einem Zwischenreich: Er war ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, er existierte reduziert auf sein bloßes animalisches Vorhandensein, auf das „bloße Leben“, wie es bei Walter Benjamin heißt. (Der Übersetzer des „Homo sacer“ wählt für den von Agamben verwendeten Terminus ‚la nuda vita‘ trotz der offensichtlichen Anspielung auf Benjamin das Wort vom ‚nackten Leben‘ als Übersetzung.)

Ausgehend von diesem religiös-juristischen Konzept der Antike und einer Analyse des Begriffs des Souveräns bei Carl Schmitt als demjenigen, der über den Ausnahmezustand entscheidet, gelangt Agamben in einer weit ausholenden Gedankenbewegung zu erstaunlich klaren Einsichten in die bürgerliche Verfasstheit der modernen Kultur. Es würde nicht nur diese, sondern wahrscheinlich jede Rezension sprengen zu versuchen, diese Denkbewegung nachzuzeichnen: Er kommt nicht nur zu einer fundamentalen Kritik der naiven Auffassung der Menschenrechte als dem Menschen qua Geburt zukommende „ewige metajuridische Werte“, sondern ihm gelingt es über die Denkfigur des Homo sacer auch, den Unbegriff des „Lebensunwerten Lebens“ und die Konstitution des „Lagers“ – nicht nur des Konzentrationslagers, sondern jeglichen Lagers zur „Behandlung“ teilweise oder gänzlich Entrechteter (Flüchtlingslager, Auffanglager, Slums) – und der aus ihm notwendig folgenden Macht- und Unrechtsstrukturen begreifbar zu machen. Wie nebenbei fallen Analysen der Politisierung des privaten Lebens, medizinischer Versuche am Menschen oder der sich ständig fortentwickelnden Definition der Grenze zwischen Leben und Tod ab.

Es kann hier nur behauptet werden, dass Agamben all dies mit vergleichsweise wenigen und einfachen begrifflichen Konzepten erreicht; selbst dort, wo man ihm auf Anhieb zu widersprechen geneigt ist, sind seine Analysen nicht auf schlichte Weise zurückweisbar, sondern bedürfen einer genauen und ausführlichen Antwort. Das beeindruckendste und einsichtsvollste politisch-philosophische Buch, das ich seit wohl zwanzig Jahren gelesen habe.

Giogio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Aus dem Italienischen von Hubert Thüring. Berlin: Suhrkamp, 2012. eBook (Kindle), 214 Seiten (Print-Ausg.). 11,99 €.

Virginia Woolf: Orlando

Nicht Orlando sprach, sondern der Geist der Epoche. Doch wer es auch war, niemand antwortete.

wollf-orlandoEs muss in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen sein, als ich unter großen Vorbehalten zwei oder drei Bücher von Virginia Woolf gelesen habe; „Orlando“ war darunter und „Die Wellen“ und wahrscheinlich noch ein weiterer Roman, wobei ich mich weder an Titel noch Inhalt irgendwie erinnern kann. Meine Vorurteile Woolf gegenüber entstammten in der Hauptsache zwei Quellen: ihrer Rezeption des Joyceschen „Ulysses“ und einer Gruppe von ideologischen Leserinnen Woolfs, die mir damals, während des Studiums, unschwer auf die Nerven gingen.

Nun hat Melanie Walz im Insel Verlag vor einigen Jahren die inzwischen vierte deutschsprachige Übersetzung des „Orlando“ vorgelegt und allein aufgrund der Übersetzerin war ich geneigt, das Buch noch einmal zu lesen. Walz’ Übersetzung ist die erste, die auch das formale Spiel Woolfs mit dem Genre der Biographie im Deutschen wiedergibt. Im englischen Sprachraum folgt die akademische Biographie oft einem festen formalen Schema: Vorwort, Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Text und Register. Da aber deutschen Lesern dieses Schema weitgehend unbekannt sein dürfte, haben alle früheren Ausgaben auf dessen Reproduktion verzichtet, so dass Walz’ Übersetzung als die erste tatsächlich vollständige bezeichnet werden kann. Und auch wenn es das fatale Marketinglabel „Roman“ wieder auf den Umschlag des Buches geschafft hat, so steht doch wenigstens auf seinem Titelblatt korrekt die irreführende Gattungsbezeichnung: „Eine Biographie“.

Selbstverständlich handelt es sich bei „Orlando“ nur um ein Spiel mit der Form und den Gepflogenheiten biographischen Schreibens. Der Protagonist bzw. die Protagonistin Orlando wird um 1580 geboren und ist im Jahr des Erscheinens ihrer Biographie noch immer am Leben; wahrscheinlich hat sie vor lauter Beschäftigung einfach vergessen zu sterben. Kurz zusammengefasst findet sich Orlandos Lebenslauf im Register des Buches:

Orlando – als Knabe 14; verfasst sein erstes Schauspiel 15; besucht die Königin in Whitehall 20; wird zum Schatzmeister und Großhofmeister ernannt 23; seine Liebschaften 26; und die russische Fürstin 34–39; seine erste Trance 59; zieht sich in die Einsamkeit zurück 63; seine Liebe zur Lektüre 65; seine romantischen Dramen 15 [sic!]; seine literarischen Ambitionen 67, 68, 152; und Greene 74–90; seine Urgroßmutter Moll 76; erwirbt Elchhunde 84; und sein Poem Die Eiche 99, 129, 152, 272; und sein Haus 93–96; und die Erzherzogin Harriet 101–193; als Gesandter in Konstantinopel 106–117; wird zum Herzog ernannt 113; zweite Trance 117; Heirat mit der Zigeunerin Rosina Pepita 118; wird zur Frau 122; bei den Zigeunern 125–134; kehrt nach England zurück 135; Gerichtsverfahren 148; und Erzherzog Harry 158; in der Londoner Gesellschaft 169; bewirtet die Esprits 191 [sic!]; und Mr. Pope 179; und Nell 191; mit ihrem Cousin verwechselt 193; kehrt in ihr Haus auf dem Land zurück 203; bricht sich den Knöchel 217; wird zur Frau erklärt 220; Verlobung 291; Heirat 228; Geburt des ersten Sohnes 259

Wie man sieht, ein durchaus erfülltes Leben, für das eben 350 und einige Jahre erforderlich sind. Orlando durchläuft nicht nur alle Epochen der englischen Geschichte seit der Elizabethanischen, sondern sie durchleidet auch deren stilistische und soziale Moden. All dies wird mit leichter und ironischer Souveränität betrieben und ist – bis auf wenige Längen – sehr vergnüglich zu lesen. Sicherlich kann man darin auch tiefere Bedeutungen vermuten, aber ich würde davon abraten; das Spiel als Spiel ist vollständig ausreichend, alles weitere verdirbt nur diesen wirklichen Wurf.

Die Neuübersetzung von Melanie Walz ist jener früheren, die ich las – leider kann ich nicht rekonstruieren, welche der beiden frühen Übersetzungen ich damals in der Hand hatte, ich befürchte aber, es war die von Karl Lerbs – um Welten überlegen. Der spielerische und ironische Charakter des Buches ist mir erst mit dieser Lektüre vollständig deutlich geworden. Eine genüssliche Lektüre setzt beim Leser allerdings ein gerüttelt Maß an historischer und literarischer Bildung voraus.

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Melanie Walz. it 4238. Berlin: Insel, 2015. Broschur, 304 Seiten. 8,– €.