„Verrückt nach Karten“

Von Zeit zu Zeit fällt einem doch wieder einmal ein rundum gelungenes Buch in die Hand! Dieser großformatige Band (ein wenig über DIN A4) widmet sich dem Zusammenhang zwischen Kartographie und Literatur, also nicht nur dem Phänomen der fiktiven Karten, sondern auch dem der geographischen Karten, die zu Stoff für die Phantasie von Autoren wurden oder die selbst ihre weißen Flächen mit erfundenen Kontinenten, Inseln, Ländern und Bewohnern angefüllt haben. Er ist üppig bebildert und enthält zahlreiche locker geschriebene, gut lesbare und interessante Essays, die sich von ganz verschiedenen Richtungen aus dem zentralen Thema annähern: So eröffnet der Herausgeber Huw Lewis-Jones den Band mit einem ausführlichen Gang durch den Teil der englischsprachigen Literatur, der auf die ein oder andere Weise mit der Kartographie verbunden ist; es folgen dann Autoren der phantastischen Literatur, Zeichner phantastischer Karten (darunter Daniel Reese, der die Karten für die Herr-der-Ringe-Verfilmungen von Peter Jackson gezeichnet hat), Leserinnen und Leser (so etwa die witzige und immer originelle Sandi Toksvig, die durch die durch und durch englische Quizshow QI endgültig zur Berühmtheit geworden ist), ja es findet sich mit Roland Chambers sogar ein Illustrator, der die durchaus weit verbreitete Furcht vor Karten thematisiert.

Der Band ist zu stundenlangem staunenden Blättern ebenso gut wie zur unterhaltendsten Lektüre, die selbst wieder Anlass werden wird zu eigenen Entdeckungen und neuen Lektüren. Als deutschsprachiger Leser wünschte man sich natürlich, dass auch die eigene Literatur vorkäme, so etwa Arno Schmidt mit seinen selbstgezeichneten Karten und Skizzen oder auch Heimito von Doderer mit seinen riesigen Wandplänen, auf denen er die Welt seiner Figuren entworfen hat. Aber man kann nicht alles haben.

Es ist noch ein wenig früh für Geschenktipps zum Fest: Aber mit diesem Buch macht man allen Freunden gleich welchen Literaturgenres eine Freude. Ein ideales Geschenk für sich und andere!

Huw Lewis-Jones (Hg.): Verrückt nach Karten. Geniale Geschichten von fantastischen Ländern. Darmstadt: wbg Theiss, 2019. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 256 Seiten. 34,– €.

Benn

benn Opulente Bildbiographie Gottfried Benns, die sowohl die altbekannten Porträts in hoher Qualität als auch viel unbekanntes oder zumindest seltenes Material vereint. Der Band dokumentiert das gesamte Leben von der Herkunft aus dem Mansfelder Pfarrhaus bis zum Tod des vereinnahmten und gefeierten Dichters. Der Großteil der begleitenden Texte stammt aus Benns Werken und Briefen – so gleich zu Anfang das wundervolle, aber eher selten zu findende 1886 –; hier und da finden sich auch Urteile oder Kommentare von Zeitgenossen.

Der Band geht mit der politisch zum Teil schwierigen Biographie Benns offen um: Er dokumentiert sowohl Benns naive Begeisterung für den Nationalsozialismus als auch seine späteren Versuche, sich in der Wehrmacht vor staatlichen Zugriffen zu schützen. Immerhin scheinen sich im Jahr 1938 Goebbels und Göring persönlich mit der Frage des Ausschlusses von Gottfried Benn aus der Reichsschrifttumskammer beschäftigt zu haben, ein Akt der Benn umso mehr erschreckte, als er mit der Behauptung von Benns politischer Unzuverlässigkeit verbunden war. Eine solcher Verdacht war durchaus dazu geeignet, Benn auch als Angehörigen der Wehrmacht noch persönlich zu gefährden.

Besonders im zweiten Teil sind die Abbildungen zahlreicher Auto- graphen – Notizen, Reinschriften, aber auch aus Benns Tages- kalendern oder Notizbüchern – erfreulich, die wenigstens einen kleinen Einblick in Benns Arbeitsweise geben.

Insgesamt ein gelungener Band, der als Begleitung oder Ergänzung einer Benn-Biographie durchweg zu empfehlen ist.

Benn. Sein Leben in Bildern und Texten. Zusammengestellt von Holger Hof. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007. Leinenrücken, Fadenheftung, Kunstdruckpapier, 280 Seiten mit ca. 450 schwarz-weißen Abb. 59,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Der Schachspieler

duerrenmatt_schachspieler Eine Veröffentlichung aus dem Nachlass Friedrich Dürrenmatts ist dieser Entwurf zu einer Kriminal-Erzählung (kein Fragment, wie das Titelblatt suggeriert), der nur wenige Seiten umfasst. Erzählt wird die Geschichte zweier Juristen, eines alten Richters und eines jungen Staatsanwalts, die sich auf der Beerdigung des Vorgängers des Staatsanwaltes kennenlernen. Der Richter kommt mit dem Staatsanwalt ins Gespräch und erwähnt, dass er mit dem Verstorbenen befreundet war und sich mit ihm regelmäßig zum Schachspiel getroffen habe. Auch der junge Kollege spielt Schach und man verabredet sich für den kommenden Sonntag zum Spiel. An diesem Tag ziehen sich nach einem Essen, bei dem auch die Tochter des Richters und die Gattin des Staatsanwaltes anwesend sind, die beiden Herren ins Arbeitszimmer zurück, wo der Richter dem Jüngeren ein mörderisches Geheimnis anvertraut, das hinter dem gemeinsamen Schachspiel steckt … Seltsamerweise sind es bei Dürrenmatt oft Juristen, die dem Wahn verfallen müssen, gottgleich in das Schicksal der Menschen eingreifen zu dürfen.

Ergänzt wird der Entwurf durch einen kurzen Auszug aus einer Rede über Einstein aus dem Jahr 1979, in der Dürrenmatt zur Veranschaulichung einer Differenz zwischen einem »deterministischen« und einem »kausalen« Weltbild die Welt mit einer Schachpartie vergleicht. Die Nähe zum Szenario der Erzählung ist offensichtlich.

Attraktiv wird der Band durch die handwerkliche aufwendige Herstellung und die opulente Ausstattung mit Graphiken des Züricher Graphikers Hannes Binder, die den eigentlichen Gehalt des Bandes ausmachen, da der Entwurf der Erzählung allein, der an sich bloß Ideenskizze bleibt, kaum ein Büchlein füllen würde. Die Illustrationen sind konsequent schwarz-weiß gehalten und spiegeln im Format die Quadrate eines Schachbretts wider. Ästhetisch ist das Bändchen sehr gelungen, inhaltlich ist es etwas schmal geraten. Neben der hier vorgestellten Normalausgabe existieren zwei hochpreisigere Vorzugsausgaben, die nur direkt vom Verlag zu beziehen sind.

Ein Buch für Dürrenmatt- und/oder Schachfreunde.

Friedrich Dürrenmatt: Der Schachspieler. Großhansdorf: Officina Ludi, 2007. Bedrucktes und geprägtes Leinen, Fadenheftung, 28 Seiten (24,5 × 24,5 cm). 27,80 €.