Stendhal: Die Kartause von Parma

Schluß damit! immer diese Romane!

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis ich schließlich doch soweit in diesen Roman hineingefunden habe, dass ich ihm bis zum Ende gefolgt bin. Der jetzige Anstoß, es noch einmal zu versuchen, war die erneute Beschäftigung mit Balzac, und nun scheine ich endlich erwachsen genug zu sein, um auch diesen Roman lesen zu können.

Erzählt wird die Geschichte Fabrizio del Dongos, 1798 in Mailand geboren (mutmaßlich außerehelich gezeugt durch einen französischen Besatzungsoffizier), der unter der Aufsicht seiner Mutter und Tante zumeist im Stammschloss der del Dongos am Comer See aufwächst. Fabrizio wird zu einem außergewöhnlich hübschen, idealistischen jungen Mann, der 1815 nach Frankreich aufbricht, um dem von ihm verehrten, seinem Vater verhassten Napoleon Schützenhilfe zu leisten. Er folgt ihm entgegen erheblicher Widerstände bis Waterloo, nimmt auch irgendwie an der Schlacht teil, ohne sich nachher klar darüber werden zu können, ob er denn tatsächlich auch gekämpft habe. Nach weiteren Verwicklungen – Fabrizio wird bei der Auseinandersetzung mit einem französischen Husaren verletzt – gelangt er letztendlich wieder nach Mailand, wo er allerdings inzwischen aufgrund einer Denunziation durch seinen älteren Bruder als Hochverräter gesucht wird.

Zu Fabrizios Glück ist seine Tante Gina, die ein bisschen zu sehr in ihn verliebt ist, derweil in der Welt herum- und heraufgekommen. Sie ist mittlerweile die verwitwete Gräfin Pietranera (leider hat ihr ihr Ehemann nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen) und hat beim Besuch der Mailänder Oper mit einem Grafen Mosca angebandelt, der in Parma Polizei- und sonstiger Minister ist. Graf Mosca, der selbst noch verheiratet ist (jedoch spielt diese Tatsache im Roman kaum eine Rolle) installiert Gina durch eine Alibi-Hochzeit mit einem stets abwesenden alten Herzog in dessen Palazzo in Parma als seine Geliebte. In Parma regiert Ernesto IV., ein reaktionärer und paranoider Despot, bei dem Graf Mosca binnen Kurzem zum Ersten Minister aufsteigt. Gina und Mosca beschließen, dass Fabrizio Erzbischof von Parma werden soll (eine Art von Familientradition) und schicken ihn für drei Jahre zum Theologiestudium nach Neapel.

Im Jahr 1821 kommt Fabrizio dann nach Parma und stellt sich dort den oberen 100 und auch dem Erzbischof vor, der ihn sofort ins Herz schließt und ihm eine Stelle mit der Aussicht verpasst, bald zu seiner rechten Hand und designiertem Nachfolger zu werden. Leider hat sich Fabrizio, der sich für unfähig zu wahrer Liebe hält, in Neapel eine Neigung zu sexuellen Affären zugezogen. So verliebt er sich in Parma augenblicklich in die Schauspielerin Marietta, die allerdings bereits über einen eifersüchtigen Liebhaber verfügt. Mosca, der trotz eigener Eifersucht auf Fabrizio, der von seiner Tante Gina zu offensichtlich angehimmelt wird, eine väterliche Hand über den jungen Mann hält, verbannt die Schauspieltruppe aus Parma, nur um damit ungewollt eine Zufallsbegegnung zwischen Fabrizio und den Schauspielern zu provozieren. Bei dieser Begegnung greift der Liebhaber Mariettas Fabrizio an und wird von ihm getötet. Diese Notwehr wird in Parma als Mord ausgeschrien, und die politischen Gegner Moscas hoffen, darüber ihn und seine geliebte Herzogin zu Fall bringen zu können.

Warum sollte den Erzähler, der getreu den kleinsten Einzelheiten, der ihm überlieferten Geschichte folgt, irgendeine Schuld treffen? Ist es sein Fehler, wenn die Figuren, von Leidenschaften verführt, die er zu seinem Unglück nicht teilt, zutiefst unmoralische Handlungen begehen? Freilich geschehen Dinge dieser Art nicht mehr in einem Land, in dem die einzige Leidenschaft, die alle anderen überlebt hat, das Geld ist, ein Werkzeug der Eitelkeit.

S. 147 f.

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Roman als ein etwas eindimensional geratener Entwicklungsroman lesen, doch erweist es sich nun, dass der Autor für den zweiten Teil etwas vollständig anderes im Sinn hat: Fabrizio flieht vor der Verfolgung durch die Sbirren Parmas über Ferrara nach Bologna, wo er von der Herzogin Gina mit Geld versorgt wird. In Parma wütetet der Kampf um seine Verurteilung in Abwesenheit als Mörder, der schließlich darin gipfelt, dass Fabrizio mittels gefälschter Briefe der Herzogin in eine Falle gelockt und verhaftet wird. Man bringt ihn in die Zitadelle Parmas, das Gefängnis für Staatsverbrecher, aus dem eine Flucht aussichtslos erscheint. Aber Fabrizio gelingt es auch unter diesen Umständen, einer Frau den Kopf zu verdrehen: die Tochter des Gouverneurs der Zitadelle, Clelia verfällt seinem Liebreiz und wird zu einem maßgeblichen Instrument in den Fluchtplänen, die die Herzogin Gina schmiedet. Um Fabrizio vor einer drohenden Vergiftung zu retten, schmuggelt sie unter den unwahrscheinlichsten Umständen Seile in die Zitadelle, mit deren Hilfe sich Fabrizio tatsächlich aus der Gefangenschaft retten kann.

Von seiner Tante in ein Dorf im Piemont gebracht, erlebt Fabrizio die nun folgenden politischen Umstürze in Parma nicht mit: Der alte Fürst stirbt, und sein Tod wird Anlass zu einem Volksaufstand, der von dem Arzt und Dichter Ferrante Palla angeführt wird, der wiederum von der Herzogin in die Pläne zur Befreiung Fabrizios eingeweiht und mit Geld ausgestattet wurde. Es erweist sich, dass zumindest ein Teil dieses Geldes zur Finanzierung des Aufstandes verwendet wurde. Nach dem Umsturz wird die Herzogin zur Oberhofmeisterin der Fürstinmutter berufen und Mosca bleibt an der Spitze der Regierung unter dem neuen Fürsten Ernesto V. Doch bleibt beider Position prekär, da sie zum einen weiterhin versuchen, Fabrizio rehabilitieren zu lassen, zum anderen fürchten müssen, dass der geflohene Palla gefasst wird und sie als Unterstützer des Aufstandes benennt. Hinzu kommt, dass sich nun auch noch Ernesto V. in die Herzogin verkuckt und von ihr eine Nacht in seinem Bett fordert, um Fabrizio einen gerechten Prozess mit Freispruch zu garantieren.

Alles geht sich aus, aber die Hauptfiguren bleiben beschädigt zurück: Die Herzogin hat sich zur Rettung Fabrizios prostituiert und flieht nach Bologna, Fabrizio wird zwar die rechte Hand des Bischofs, leidet aber unter seiner aufrichtigen Liebe zur verheirateten Clelia und vice versa, Graf Mosca heiratet zwar die Herzogin, muss aber zeitweilig seinen Posten in Parma aufgeben und sich mit seiner Gattin in bescheidene Verhältnisse fügen. Schließlich überspringt Stendhal drei Jahre um ein Resümee zu ziehen: Clelia hat einen außerehelich gezeugten Sohn von Fabrizio, Mosca ist wieder Erster Minister in Parma, Fabrizio ist Bischof und hat sogar nach dem Tod seines älteren Bruders das Familienvermögen geerbt. Die titelgebende Kartause von Parma kommt überhaupt erst auf der letzten Seite vor als Zufluchtsort Fabrizios, nachdem sein Sohn und seine geliebte Clelia verstorben sind. Aber auch er ist da schon dem Tode geweiht und auch die Herzogin überlebt die letzte Seite des Romans nicht.

Bei mir hat besonders der zweite Teil des Romans (Buch II setzt ein, als die politischen Feinde Moscas versuchen, Fabrizio in Abwesenheit als Mörder verurteilen zu lassen) einen etwas schwankenden Eindruck hinterlassen, als ob der Autor sich weder sicher gewesen ist, was genau er erzählen möchte, welchen Umfang die einzelnen Passagen haben sollten und wie er zwischen einer zu banalen, den Leser langweilenden Fabel einerseits und einer zu komplexen, den Leser überfordernden Fabel andererseits den richtigen Weg zu dem angestrebten tragischen Ende finden kann. Besonders der Eindruck der Unsicherheit, was die Länge der jeweiligen Passage betrifft, wird verstärkt durch immer wieder vom Erzähler eingeflochtene Bemerkungen wie „der Leser mag dieses Gespräch endlos finden“, „vielleicht hat der Leser diese Verfahrensfragen satt“, „es würde zu lange dauern“ oder noch ganz am Schluss: „Hier bitten wir um die Erlaubnis, ohne ein weiteres Wort eine Spanne von drei Jahren zu überspringen.“

Während einerseits die Schwierigkeit der politischen Intrigen in breiten Gesprächen vorgeführt wird, die die Handlung immer nur um ein Weniges weiterführen, werden andererseits ganze Entwicklungspassagen mit einem Satz übersprungen. Bei der ersten Festungshaft Fabrizios, die mehr als drei Monate umfasst, kommt die Erzählung über Seiten hinweg nahezu vollständig zum Stillstand, da Stendhal die Fluchtvorbereitungen nur en passant, dafür aber den verbotenen Flirt zwischen Clelia und Fabrizio in unnötiger Breite behandelt. Die zweite Festungshaft Fabrizios wiederum wird ausschließlich erfunden, um in einer hoch dramatischen Szene Clelias Liebe zu Fabrizio unter Beweis stellen zu können. Auch dies hätte sich anders und mit weniger dramatischem Aufwand lösen lassen.

Überhaupt stellt sich dem Leser, der sich nicht von dem ungerechten Schicksal Fabrizios mitreißen lässt, die Frage, was dieser zweiten Teil eigentlich erzählen soll: Der Protagonist durchläuft keine weiterführende Entwicklung mehr – er wird nur zunehmend depressiver –, der reaktionäre politische Zustand Parmas ließe sich auch deutlich konziser darstellen, und falls der zweite Teil mehr als nur eine Abenteuerscharteke à la Dumas (mir ist der Anachronismus, der in dieser Charakterisierung steckt, durchaus bewusst) auf hohem Niveau mit tragischen Ausgang darstellen soll, sind die Windungen und Wendungen der Fabel unnötig kompliziert. Nimmt man zu diesem Befund nun noch hinzu, dass Stendhal den Roman in weniger als zwei Monaten niedergeschrieben bzw. diktiert hat und zudem durch seinen Verleger immer wieder gedrängt wurde, den Roman kurz zu halten, da dieser keine drei oder gar vier Bände produzieren wollte (ein Potenzial, das Balzac in dem Stoff des Romans augenblicklich erkannt hat), wird das Bild der formalen Vagheit des Buches komplett.

Stendhal hat am Ende seines zu kurzen Lebens an einer Überarbeitung des Romans gearbeitet; leider sind hiervon nur Bruchstücke erhalten, die in dem auch diesmal umfangreichen und hervorragenden Anhang zum Roman dokumentiert sind. In diesem Fall wäre es wirklich einmal interessant gewesen zu sehen, wie der Autor besonders den zweiten Teil bei einem zweiten, reflektierteren und langsameren Durchgang gestaltet hätte.

Eine insgesamt sowohl formal als auch inhaltlich interessante Lektüre. Bei der Übersetzung habe ich diesmal auf die Zuverlässigkeit Elisabeth Edls vertraut und mir nicht die Mühe gemacht, einzelne Passagen zu prüfen, weil einerseits auch sonst genug im Text los war und mir andererseits auch keine Stellen aufgefallen sind, die mich an den übersetzerischen Entscheidungen hätten zweifeln lassen.

Stendhal: Die Kartause von Parma. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 32008. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 998 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen

Im Allgemeinen gelüstet es niemanden nach einem vorgegebenen Vergnügen.

Meine letzte Lektüre Balzacs liegt über 30 Jahre zurück. Nach dem Studium hatte ich antiquarisch die von Ernst Stadler herausgegebene Gesamtausgabe der „Menschlichen Komödie“ erworben und einige Romane gelesen, Balzac aber bald als einen oberflächlichen Schnellschreiber wieder beiseite gelegt. Nun hat sich aber in der letzten Zeit mein Buchändler wiederholt lobend über Balzac geäußert; hinzukommt, dass Hanser gleich zwei Bücher hat neu übersetzen lassen, eines davon immerhin von Melanie Walz. Also habe ich mich zur Prüfung meines Vorurteils hinreißen lassen.

„Verlorene Illusionen“ ist ein aus drei Romanen zusammengeschusterter Roman über die Freunde David Séchard und Lucien Chardon. Beide sind als Schulfreunde in Angoulême aufgewachsen, David als Sohn eines Druckers, der selbst aus einfachsten Verhältnissen kommend, sich den Besitz der Druckerei hart ergaunert erarbeitet hat, Lucien als Sohn eines Apothekers und glücklosen Erfinders, dessen früher Tod seine Frau und beide Kinder in Armut zurückgelassen hat. Die Handlung des ersten Teils – „Die zwei Dichter“, und mehr habe ich diesmal auch nicht gelesen – spielt in der Hauptsache im Jahr 1821 in Angoulême. Dem von seiner Lehre als Drucker in Paris zurückkehrenden David wird von seinem Vater dessen veraltete Druckerei unter belastenden finanziellen Forderungen übergeben. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig für David, da gerade ein modernes Konkurrenzunternehmen an den Ort gekommen ist, das die Zukunft der alten Druckerei überschattet. Dennoch wagt es David nicht, den Forderungen seines Vaters zu widersprechen und ergibt sich in das voraussehbar schlechte Geschäft.

Lucien, den Mutter und Schwester finanziell über Wasser halten, träumt von einer Karriere als Schriftsteller, kann aber außer einigen Gedichten, über deren Qualität der Leser im Unklaren gehalten wird, nur einen begonnenen Roman „Der Bogenschütze Karls IX.“ vorweisen. Sein eigentliches Talent aber liegt in seinem guten Aussehen. David, der Luciens Interesse für Literatur teilt, stellt den eigentlich nutzlosen Freund ein, und die beiden vegetieren einige Zeit miteinander vor sich hin.

Fahrt nimmt der Roman auf, als Lucien zum Spielzeug der lokalen Adeligen Louise de Bargeton wird, die sich für etwas besseres hält als ihre Mitadeligen. Sie verfällt Luciens Schönheit, kann sich aber als Mäzenin des jungen Dichters gerieren, um ihre Vernarrtheit vor sich selbst und ihrem Ehemann zu verkappen. Natürlich verliebt sich der junge Dummkopf unsterblich in seine Gönnerin, aber die Erfüllung ihrer Liebe ist unter den Bedingungen der Provinz zum Scheitern verurteilt, wie uns Balzac sehr ausführlich darlegt, nur um wenige Seiten weiter überraschend die mitadeligen Neiderinnen Louisens so zu charakterisieren:

Die Frauen die am züchtigsten Entrüstung bekundeten und die Sittenverderbnis beklagten, waren niemand anderes als Amélie, Zéphirine, Fifine und Lolotte, die allesamt verbotenem Glück frönten.

S. 167

Wie heißt es so richtig bei Loriot? „Es geht nicht!“ „Aber es muss gehen, andere machen es doch auch.“

Und so ist die ganze zweite Hälfte dieses kurzen Romans: Alles wimmelt vor Plattitüden und Ad-hoc-Einfällen eines schludrig vor sich hin fabulierenden Schreiberlings: David, der mittellos aus Paris zurückgekehrt war, weil ihm sein Vater das Erbe der Mutter vorenthält, und der deshalb die Druckerei seines Vaters bei ihm auf Pump kaufen musste, hat plötzlich, weil dringend Geld für seine bevorstehende Hochzeit mit Éve, der Schwester Luciens, und den Umbau des väterlichen Hauses nötig ist, „aus Paris einen Notgroschen mitgebracht“ (S. 156). Wie zu erwarten ruiniert ihn den Umbau des Hauses komplett. Als Lucien aber Geld braucht, um nach Paris zu fliehen, sind wundersamer Weise doch wieder 2000 Francs vorhanden, von denen er liebend gern die Hälfte Lucien mitgibt. David begibt sich an dem Tag, der zur Krise des Romans führt, zu seinem Vater aufs Land „in der Hoffnung, die Schönheit der Schwiegertochter werde den alten Schlaukopf dazu bewegen, sich an den gewaltigen Ausgaben für das Umgestalten des Hauses zu beteiligen“ (S. 159). Wie das gelingen soll, ohne die Schwiegertochter in spe wenigstens mitzunehmen und vorzuzeigen, bleibt Balzacs Geheimnis. Zum Glück ist David am nächsten Morgen zurück, um beim gemeinsamen Frühstück mit Lucien zu erfahren, dass Louisens Ehemann sich mit dem Mann duelliert hat, der Gerüchte über eine Affäre zwischen seiner Ehefrau und Lucien gestreut hat. Warum David aber für diesen ereignisreichen Tag extra aus der Stadt gebracht werden musste, hat Balzac inzwischen vergessen.

Und so geht es in einem fort: In das an und für sich schon höchst peinliche Liebesgeständnis und den Heiratsantrag Davids an Éve gerät ein Lexikon-Artikel über Papierherstellung hinein, weil David viel später zum Erfinder umgeschrieben werden soll (S. 160 ff.), und Balzac über Papier eben auch noch Bescheid weiß. In dem aufgeregten mündlichen Bericht der Mutter Chardon vom Duell findet sich unwillkürlich ein angedeuteter Witz, weil er Balzac gerade einfällt oder er ihm erzählt wurde: Die Duellanten hätten sich „auf der Wiese von Monsieur Tulloye [getroffen], ein Name, der Anlass zu Wortspielen ist“ (S. 175). Wohlgemerkt: Das ist wörtliche Rede der Mutter! Und schließlich finden sich auch solche Perlen Balzacscher Poesie:

Dort atmete der süße Geist, der in jungen Ehen herrscht, wo die Orangenblüten und der Brautschleier noch das Leben krönen, wo der Liebesfrühling sich in allen Gegenständen gespiegelt findet, wo alles weiß, rein und blütenreich ist.

S. 176 f.

„Ach Kinder, wie ist es herrlich! Es ist aber auch zu und zu schön!“

Mit den unheilschwangeren Worten

Der Drucker stieg wieder in sein klappriges Kabriolett und entschwand bedrückten Herzens, denn Luciens Geschicke in Paris erfüllten ihn mit schrecklichen Vorahnungen.

S. 187

schließt der Roman bzw. dieser erste Teil. Sind Sie auch so gespannt wie ich, wie es weitergehen mag?

Mir ist durchaus bewusst, dass Balzac nicht wegen seiner schriftstellerischen Sorgfalt berühmt ist, sondern weil sich bei ihm das bürgerliche und subbürgerliche Leben im Frankreich des 19. Jahrhunderts in epischer Breite und außergewöhnlich detailliert und mit vielen seiner Verwerfungen widerspiegelt, dennoch ist es mir unmöglich, eine so schlecht erfundene und geschriebene Prosa zu lesen. Ich kehre also ohne Reue zu meinem alten Vorurteil zurück.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Melanie Walz. München: Hanser, 2014. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 960 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte

Da Hanser für diesen Herbst den dritten und letzten Roman Iwan Gontscharows, „Das Steilufer“ angekündigt hat, habe ich mir nun endlich die Zeit genommen, um die 2021 erschienene Neuübersetzung seines ersten Romans zu lesen. Der Roman ist 1847 zuerst gedruckt worden und war damals ein erheblicher Erfolg. Im Ausland hat er immer im Schatten von „Oblomow“ gestanden, wohl im Wesentlichen deshalb, weil seinem Protagonisten bei weitem die Originalität Oblomows mangelt.

Erzählt wird hauptsächlich die Geschichte Alexander Fjodorytsch Adujews, eines Zwanzigjährigen aus der Provinz, der in den 1820-er Jahren von seiner Mutter eher widerwillig nach Petersburg zu seinem Onkel Pjotr Iwanytsch geschickt wird, um dort in einem Ministerium als Beamter Karriere zu machen. Alexander ist ein extrem romantischer und idealistischer junger Mann – wobei der Leser nie erfährt, wie er sich diese Behinderungen zugezogen hat –, der damit nicht nur bei seinem äußerst pragmatischen und gefühlskalten Onkel auf Unverständnis, sondern auch in der Welt auf manche Enttäuschung stößt. Nachdem er von der Liebe, der Freundschaft und seinem mangelnden schriftstellerischen Erfolg enttäuscht ist, wird er eine Art Prä-Oblomow, zieht sich von der Welt aufs Sofa zurück und versumpft. Das Gegengewicht zur Überspanntheit Alexanders bildet neben dem Onkel dessen junge Frau, die als verständnisvolle mütterliche Freundin immer wieder versucht, einen Ausgleich zwischen den beiden Antagonisten herzustellen.

Der Roman exzelliert darin, die gesamte dünne und vorhersehbare Handlung in ausführlichsten und umständlichsten Gesprächen auszubreiten und durchzudeklinieren. Während dieses systematische Aneinandervorbeireden für eine Weile noch ganz witzig ist, ermüdet es den Leser schließlich doch, so dass ich eingestehen muss, besonders im zweiten Teil des Buches das eine oder andere Gespräch eher quergelesen zu haben. Was von wem gesagt wird, ist ohnehin klar und nur eine bestätigende, an einem neuen Fall erneut demonstrierte Wiederholung des bereits Gesagten.

Alles geht jedenfalls gut aus: Nach acht Jahren kehrt Alexander zu seiner Mutter aufs Land zurück, wo er über einige Jahre hinweg heilt. Als nun gestärkter, pragmatischer Mitdreißiger taucht er erneut in Petersburg auf, heiratet eine wohlhabende junge Frau, erhält endlich die Zustimmung seines pragmatischen Onkels und wird ein braver russischer Bürger wie tausende mehr. Es darf stark vermutet werden, dass Gontscharow in diesem Buch wenigstens zum Teil seine eigene Entzauberung zu einem nützlichen Mitglied der russischen Gesellschaft verarbeitet hat. Nur über sein eigenes schriftstellerisches Talent dürfte er vielleicht anderer Meinung geblieben sein.

Für den heutigen Leser nicht ohne Längen, literarhistorisch als ein Baustein in der Entwicklung etwa zu Dostojewskis Romanen hin aber nicht uninteressant.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 512 Seiten. 38,– €.

Der ungehobelte Wal

Da ist Magie im Spiel.

Alle die Bonaventura mehr als flüchtig kennen, wissen von der Begeisterung des Nachtwächters für „Moby-Dick“ und insbesondere auch für die Übersetzung des Buches durch Friedhelm Rathjen. Anfang des Jahrhunderts gab es um die Publikation dieser Übersetzung eine Art von Walkampf, als im Auftrag des Hanser-Verlags Rathjens Übersetzung von Matthias Jendis so weit ins sogenannte Lesbare bearbeitet wurde, dass Rathjen seinen Namen mit dieser Fassung nicht mehr verbunden wissen wollte. Es erschienen daraufhin relativ kurz nacheinander zwei Versionen der Rathjenschen Übersetzung: Bei Hanser die geglättete Fassung als Übersetzung von Matthias Jendis, bei Zweitausendeins eine mit Einverständnis des Übersetzers durch Norbert Wehr lektorierte Fassung der letzten Fassung, die Rathjen im Jahr 2001 erstellt hatte. Diese lektorierte Fassung durchlief weitere Ausgaben bei Mare, im Fischer Taschenbuch und zuletzt bei Jung und Jung.1

Nun ist auch dieser letzte Druck vergriffen, und Rathjen bietet in seiner eigenen  Ǝdition RejoycE den von keinem Lektorat angetasteten Text seiner Übersetzung an, also in etwa so, wie er nach seinem Willen schon 2001 hätte erscheinen sollen. Rathjen selbst betont, dass diese Edition keine Distanzierung von der lektorierten Übersetzung darstellen soll und wohl nur für einen kleinen Kreis von Interessierten gedacht sein kann, so dass sie auf einmalig 99 nummerierte und vom Übersetzer signierte Exemplare beschränkt wurde. Wer sich zu diesem Kreis zählt oder wer auch nur neugierig ist, kann das Buch im stationären Buchhandel oder auch per E-Mail direkt beim Verlag bestellen.

Herman Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal. Die ungehobelte Ur-Übersetzung von Friedhelm Rathjen. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2025. Bedruckter Pappband, limitiert auf 99 Exemplare, 595 Seiten. 100,– €.

  1. Eine ausführlichere Einschätzung des Walkampfs findet sich in meiner Besprechung der Ausgabe bei Jung und Jung. ↩︎

George Sand: Nanon

ein gutes und schlichtes Herz

Das erste Buch, das ich von George Sand lese, und auch diesmal nicht um der Autorin, sondern der Übersetzerin willen. Der Eindruck, den es gemacht hat, ist zwiespältig:

Einerseits kann man Sand nur in ihrer Selbsteinschätzung zustimmen: „Ich schreibe leicht und gern.“ Das Buch ist offenbar rasch und ohne großen Anspruch auf formale Kunstfertigkeit geschrieben, sprich: Es handelt sich im Grunde um anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur, wie sie in jedem Zeitalter verfasst und mehr oder weniger rasch vergessen wird. Die sprachliche Qualität des Originals kann ich nicht wirklich beurteilen; allerdings nehme ich an, dass die grammatikalischen und stilistischen Ecken und Kanten des deutschen Textes von der Autorin beabsichtigt und von der Übersetzerin getreulich übertragen wurden. Das allein ist schon kein kleiner stilistischer Aufwand.

Andererseits enthält der Roman Passagen, die einen ernsthaften Versuch einer Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und ihren Folgen darstellen, wie auch immer man sich zur Darstellung und der Figurenrede stellen möchte. Die Meinungen, die aufeinanderprallen, bleiben im Grunde naiv, aber sie sind den Figuren und ihrer sozialen und politischen Stellung angepasst, und so kann man sie gelten lassen. Und natürlich ist Nanon eine auch 1872 noch außergewöhnliche Protagonistin, wenn ihr ihr Schicksal auch ein bisschen zu sehr von der Autorin zurechtgeschrieben wurde.

Erzählt wird die Geschichte als Ich-Erzählung der Bäuerin Nanon, 1775 geboren, bald Waise, die bei einem Großonkel aufwächst und nun im Jahr 1850 auf ihr Leben zwischen 1789 und 1795 zurückblickt. Sie ist inzwischen reich und lebenssatt, Mutter und Großmutter, trägt den Titel einer Marquise – „Ich bleibe Bäuerin. Auch ich habe meinen Standesstolz!“ (S. 344) –, kommt mit ihren Freunden und Verwandten sowohl des ersten als auch des dritten Standes aus und ist überhaupt die ideale Mutter der Nation. Wie das alles gegen jede Wahrscheinlichkeit gekommen ist, kann man getrost selbst nachlesen; die Fabel ist so gut oder schlecht erfunden, wie jede beliebige von Dumas oder Sue.

Am meisten leidet der Roman aus heutiger Sicht wohl unter der fast vollständigen inneren Konfliktlosigkeit der Protagonistin, die ebenso gut wie langweilig bleibt. Natürlich ist sie – wie die meisten Protagonisten des 19. Jahrhunderts – wesentlich Verkörperung eines Ideals; der einzige Zweifel, den sie hegt, entspringt aus ihrer demütigen Selbsteinschätzung, dass sie nicht gut genug ist für den Mann, den sie liebt, wodurch sie natürlich gerade geadelt wird. Tritt man also einen Schritt zurück, so ist das alles recht schematisch, und an keiner Stelle wagt die Autorin einen echten Konflikt mit den Vorurteilen ihrer Zeit: „Wenn Émilien mein Gatte ist, wird er auch mein Gebieter, und ich gehorche ihm gern.“ (S. 343) Wenn das wenigstens als ironisch markiert wäre, aber so wäre es besser fortgelassen worden, denn die Lücke ersetzte die Plattitüde mehr als vollständig.

Ich hatte es schon gesagt: „zwiespältig“ – eine historisch interessante Lektüre, sowohl was die Französischen Revolution als auch was die Literargeschichte angeht. Dennoch sollte man nicht zu viel Außergewöhnliches oder wirklich Originelles erwarten, aber auch keine Abenteuerscharteke à la Dumas – hier weiß die Autorin das Schlimmste gerade noch zu verhindern.

George Sand: Nanon. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 2025. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 495 Seiten. 38,– €.

José Maria Eça de Queirós: Die Maias

Es lebe der schöne Satz!

Zu Eça de Queirós existiert eine literarhistorische Anekdote, die ein Licht auch auf den hier besprochenen Roman wirft: Als 1988 Hans Magnus Enzensberger zwei Romane des Portugiesen in der Anderen Bibliothek herausgab („Treulose Romane“, Nördlingen: Franz Greno, 1988) verzichtete er bei „Basilio“ (O Primo Basilio, 1878) darauf, die vollständige Übersetzung durch Rudolf Krügel (1957) wieder abzudrucken, sondern griff auf die stark gekürzte Übersetzung von Helmut Hilzheimers (1956) zurück und rechtfertigte diese Wahl unter Rückgriff auf die harsche Kritik des Romans durch den Autor selbst. Wenn man das einmal im Kopf hat, fällt es schwer, sich nicht ein ähnliches Vorgehen für „Die Maias“ zu wünschen.

„Die Maias“ (1888) gilt heute als Eça de Queirós’ Hauptwerk und brachte ihm zumindest in der deutschen Literarhistorie den Ruf ein, der portugiesische Thomas Mann zu sein. Erzählt wird im Wesentlichen die Geschichte Carlos de Maias, des Spätlings einer alten portugiesischen Adelsfamilie, der sich, nachdem seine Mutter mit einem Italiener wegläuft und sich sein Vater daraufhin selbst tötet, in jungen Jahren entschließt, ein eher bürgerliches Leben zu führen, und deshalb Medizin studiert und sich nach der unter Adeligen üblichen Europareise 1875 als praktischer Arzt in Lissabon niederlässt. Er bezieht zusammen mit seinem Großvater, bei dem er nach dem Tod des Vaters aufgewachsen ist, ein herrschaftliches Stadthaus, und obwohl er „wirklich die ernste Absicht zu arbeiten“ hat, versumpft er sehr bald im Müßiggang. Die einzige ernsthafte Beziehung, die er hat, ist die zu seinem Jugendfreund João da Ega, einem zwar begabten, aber immer nur dilettierenden Schriftsteller. Der Autor möchte dieses Freundespaar als eine Variante des Paares Faust und Mephisto verstanden wissen, was aber angesichts der Fabel des Romans nur eher eine vage Parallele bleibt. Dennoch muss man wohl feststellen, dass die Beziehung dieser beiden Männer das eigentliche Zentrum des Romans bildet, wenn sich das Buch auch gern als Familien-, Liebes-, Gesellschafts- und erotischer Roman ausgeben möchte.

Dem Müßiggang überlassen folgt Carlos nach einigem Widerstand dann doch dem Vorbild Egas und beginnt eine Affäre mit einer verheirateten Frau, nur um ihrer, wie er erwartet hatte, nach kurzer Zeit überdrüssig zu werden. Nahezu gleichzeitig begegnet er einer anderen Frau, die ihn auf den ersten Blick tief fasziniert. Die Männerwelt Lissabons (also eigentlich nur Carlos, Ega und ein weiterer Mann) vermutet in ihr eine verheiratete Brasilianerin, was sich aber als komplett falsch erweist. Als der vermutete Ehemann in Geschäften für Monate nach Brasilien reist und Frau und Tochter in Lissabon zurücklässt, kommt es rasch zu einer Bekanntschaft zwischen Carlos und Maria, die ihn zuerst in seiner Funktion als Arzt in ihr Haus bittet. Es stellt sich heraus, dass Maria nur die Geliebte des Brasilianers ist, ihre Tochter einen anderen zum Vater hat, der Maria aber auch nicht geheiratet hatte, bevor er im Krieg von 1870/71 auf französischer Seite gefallen ist. So scheint nichts einem glücklichen Leben im Wege zu stehen, und Carlos verzichtet nur aus Rücksicht auf das Standesbewusstsein seines Großvaters auf eine sofortige Heirat.

Natürlich muss diese vollkommene Liebe – „Alles an ihr war stimmig, gesund, vollkommen … Und wie köstlich musste bei dieser äußeren Erhabenheit erst die Glut ihrer Leidenschaft sein!“ – scheitern: Eine wie zufällig in Lissabon auftauchende Randfigur unterrichtet Ega von der den beiden Liebenden (aber leider nicht dem aufmerksamen Leser) unbekannten Tatsache, dass Carlos und Maria Geschwister sind. Die ganz große Tragödie bleibt zwar aus – wie überhaupt immer wieder bedeutende Skandale sorgfältig vorbereitet und dann im entscheidenden Moment gerade noch abgewendet werden –, aber Carlos’ Großvater stirbt über der Enthüllung an einem Schlaganfall, Carlos begibt sich auf eine Weltreise, Maria wird von ihm nach Frankreich geschickt, wo sie spät eine vernünftige und friedliche Ehe findet. Nach zehn Jahren kehrt Carlos für einige Zeit nach Lissabon zurück, und auf der letzten Seite versucht er mit Ega noch die letzte Straßenbahn zu erreichen, die ihnen vor der Nase weggefahren ist.

In all das eingeflochten finden sich diverse Szenen aus dem gesellschaftlichen Leben Lissabons, nicht ohne Witz und hier und da auch ironische Schärfe, aber nicht gehaltvoll genug, um diesen Roman von über 800 Seiten tatsächlich zu tragen. Als Leser des 20. Jahrhunderts hat man das alles schon sehr bald verstanden, versteht auch die erste und zweite Wiederholung des gesellschaftlichen Leerlaufs, aber dann wird das Ganze doch zu langatmig. Sicherlich quält der Autor uns mit den endlosen Wiederholungen, weil sie eben ihn und seinen Protagonisten endlos quälten, aber soweit geht die Sympathie denn doch nicht, dass man das wirklich mit ihnen durchleben möchte. Nicht dass das Buch komplett ohne Witz wäre:

Das unerträgliche am Realismus [gemeint sind hier die Romane Zolas] seien sein wissenschaftliches Gehabe, seine prätentiöse, sich von einer fremden Philosophie ableitende Ästhetik und die Berufung auf Claude Bernard, den Experimentalismus, den Positivismus, auf Stuart Mill und Darwin, wenn es um eine Wäscherin ging, die mit einem Schreiner schlief!

S. 202

Nur sind solche Stellen, die, wie ich gern zugebe, für manches entschädigen, leider viel zu selten.

José Maria Eça de Queirós: Die Maias. Episoden aus dem romantischen Leben. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. München: Hanser, 2024. Leinenband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 944 Seiten. 44,– €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Im Schatten junger Mädchenblüte

»Hast du jemals Proust gelesen?« fragte er sie.
»Ich hab’s versucht, aber er langweilt mich.«
»Er ist wirklich außergewöhnlich.«
»Möglich! Aber er ist mir zu langweilig: all diese Sophisterei! Er hat keine Gefühle, er hat nur endlose Worte über Gefühle. Ich bin diese überheblichen Mentalitäten leid.«

D. H. Lawrence

In der Welt von Madame Swann

Wir alle sind gezwungen, einige kleine Dummheiten in uns zu nähren, um die Wirklichkeit erträglich zu machen.

Der zweite Band des Zyklus setzt unmittelbar dort ein, wo der erste aufgehört hatte: Bei der Liebe des Erzählers Marcel zu Gilberte Swann. Es gelingt ihm wider Erwarten Zugang zur Familie Swann zu finden (wie zuvor schon erwähnt, stehen sich die Familien des Erzählers und der Swanns nicht mehr nahe) und ein regelmäßiger Gast bei Gilbertes Tee-Gesellschaften zu werden. Außerdem wird er trotz seinen jungen Jahren ein Mitglied des Salons von Odette Swann, die sich langsam, aber sicher in der Gesellschaft nach ober arbeitet. Auch als sich Marcel nach einer verärgerten Reaktion Gilbertes entschließt, sie nicht mehr wiedersehen zu wollen, verbleibt er im Umfeld von Madame Swann. Dort lernt er auch den von ihm hochgeschätzten Schriftsteller Bergotte persönlich kennen, dessen Person zwar in einer radikalen Widerspruch zu dem Bild steht, das sich Marcel anhand der Lektüre der Werke von ihm gemacht hat, der aber den jungen Mann schätzt und ein wichtiger Einfluss auf dem Weg Marcels zu seinem eigenen Schriftstellertum wird.

Weite Strecken dieses Teils sind gefüllt mit Reflexionen, Hoffnungen und Fantasien Marcels, die sich aus seiner Trennung von Gilberte ergeben, die immer und immer wieder gewendet und neu formuliert werden. Dagegen bleibt Marcels offensichtliches Interesse an Madame Swann von einer erzählerischen Durcharbeitung weitgehend verschont.

Ländliche Namen: Das Land

Vielleicht sind ja manche Meisterwerke unter Gähnen entstanden.

Der zweite Abschnitt dieses zweiten Buches spielt in Balbec, einem fiktiven Seebad, in das der Erzähler mit seiner Großmutter reist, um seine schwächlichen Gesundheit auf die Sprünge zu helfen. Der Erzähler hatte sich alnge schon danach gesehnt, die Kirche von Balbec zu sehen, von der er schon lange phantastische Vorstellungen hegt; abermals wird er von der Realität zuerst enttäuscht, dann aber von einem ästhetisch profunderem Geist angeleitet, das Besondere im Allgemeinen zu erkennen. Im Wesentlichen lernt der Erzähler außer drei Männern (Robert von Saint-Loup, den Baron von Charlus und den Maler Elstir) eine Gruppe junger Mädchen kennen, von denen er sich nach einigem Hin und Her in eine verliebt: Albertine. Er versucht sie zu küssen, sie klingelt nach dem Personal.

In den ästhetischen Reflexionen findet sich hier der Übergang von der Architektur – zuvor in der Hauptsache repräsentiert durch Kirchen – zur Malerei – repräsentiert durch die Figur Elstirs, einer Mischung hauptsächlich aus Whistler und Turner mit ein wenig Monet und Manet –, der, wie zuvor der Schriftsteller Bergotte, als zeitweiliger Nestor des jungen Erzählers fungiert.

Es liegt natürlich an mir, aber auch nach 1.300 Seiten kann ich mich nicht für den Erzähler interessieren. Das Buch wird ein klein wenig lebendiger, als Albertine auftritt, deren Sprache den Text wie ein frischer Wind durchweht. Aber so gleich geht es wieder über Seiten und Seiten hinweg um Ereignisse, Figuren und Gedanken, die mir vollständig gleichgültig bleiben. Wie überaus fein ziseliert, wie überaus langweilig. Es wird nun eine erhebliche Weile dauern, bevor ich den dritten Band in die Hand nehmen werde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 2: In Schatten junger Mädchenblüte. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 834 Seiten. 32,95 €.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Auf dem Weg zu Swann

Es ist die Höflichkeit Prousts, dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als den Autor.

Theodor W. Adorno

Ich habe mich bislang mit dem Einstieg in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sehr schwer getan. Seit meiner Studienzeit (in der meine damalige Freundin den gesamten Zyklus in vergleichsweise kurzer Zeit komplett gelesen hat) sind mehrfache Anläufe zur Lektüre immer wieder gescheitert. Ich habe dafür zum einen der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens die Schuld gegeben, mit deren Deutsch ich mich nie recht anfreunden konnte, auch nicht nach der Überarbeitung der Übersetzung durch Luzius Keller; ich habe mich stets bemüht, aber wie der Dichter sagt: „Du hast nun die Antipathie!“ Und nun extra noch Französisch zu lernen, wäre doch ein zu fantastischer Einfall gewesen. Zum anderen bin ich immer erneut an dem mir nur schwer verdaulichen ersten Teil Combray gescheitert, dessen Handlungslosigkeit ich noch tolerieren konnte, dessen selbstverliebte Tendenz zu Klatsch und Tratsch ich aber nicht die ironische Distanz abgewinnen konnte, die Proust vermutlich dem französischen Text mitgegeben hat. Auch hier schien die Übersetzung wenigstens für mich nicht gut genug.

So habe ich es mit großer Freude gesehen, dass bei Reclam seit 2013 mit schöner Regelmäßigkeit die sieben Bände der Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer erschienen. Die ersten Kritiken waren zwar nicht gut, da die meisten Kritiker aber zugleich die mir sprachlich widrige Rechel-Mertens lobten, derweil sie Fischer schmähten, hatte ich den unbelehrten Verdacht, dass diese Kritiken wenigstens an meiner zukünftigen Lektüre würden vorbeigeschrieben sein. Und so habe ich im vergangenen Jahr sehr, sehr langsam begonnen, endlich einen Einstieg in die „Recherche“ zu finden.

Combray

Auch in mir sind viele Dinge zerstört worden, von denen ich geglaubt hatte, sie währten ewiglich, und neue haben sich aufgebaut, die neue Schmerzen und Freuden hervorbrachten, die ich damals nicht hätte erahnen können, ganz so wie mir die alten schwer verständlich geworden sind.

Dieser erste der drei Teile des ersten Bandes liefert sowohl eine poetologische Hin- als auch eine praktische Durchführung des Grundthemas Erinnerung, das den gesamten Zyklus bestimmt. Der vorerst noch namenlose Ich-Erzähler beginnt mit den halb traumhaften Bewusstseins­zuständen beim Einschlafen über der abendlichen Lektüre im Bett, in denen sein Schlafzimmer in Combray, wo er die Sommer seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seinen Eltern im Haus seiner Tante Léonie zugebracht hat, eine wiederkehrende Rolle spielt, und kommt dann zu dem berühmten Moment, als ihm der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine die Erinnerung an die gesamte Zeit in Combray zurückbringt. Die sich anschließende Darstellung dieser Erinnerungen ist, wie bereits gesagt, weitgehend handlungsfrei und kreist um zahlreiche Motive: Klatsch und Tratsch seiner Tante über die Bewohner des Städtchens, die Hypochondrie der Tante, die seit Jahren die meiste Zeit im Bett zubringt, ihre Köchin Françoise und deren Hass-Liebe zur Tante, der Nachbar Swann und seine Tochter Gilberte, die erste Verliebtheit des Erzählers, seine frühen sexuellen Sehnsüchte, seine Lektüre und sommerliches Nichtstun, Spaziergänge in der Umgebung und die damit einhergehende Naturerfahrung, die Bewunderung von Kircharchitektur und -fenstern und auch das Interesse an historischen Figuren und der Sphäre des Adels, die der Erzähler vorerst noch als einen entrückten halb historischen, halb gesellschaftlichen Hintergrund empfindet.

Nun verstehe ich auf einer abstrakten Ebene sehr wohl, warum all das so gestaltet ist, und warum es zwar beliebig erscheint, angesichts des Grundthemas aber nur so sein kann, wie es ist, aber es ist mir bei der aktuellen Lektüre auch klar geworden, dass mein hauptsächliches Problem mit Combray nicht in der Übersetzung wurzelt, sondern dass mich die Figuren zu wenig interessieren. Es wird im letzten Drittel dieses ersten Teils besser, wenn das jugendliche Ich des Erzählers soweit herangereift ist, dass erste Reflexionen zur Natur und vage sexuelle Empfindungen auftauchen, doch das Provinzielle und insbesondere das Personal Combrays ist mir zu fad. Natürlich habe ich den Verdacht, dass dieser erste Teil im Rückblick bzw. bei einem zweiten Durchgang nach der Gesamtlektüre des Zyklus einen komplett anderen Eindruck machen wird. Dennoch stellt Combray für mich eine echte Hürde beim Einstieg in den Romanzyklus dar.

Eine Liebe von Swann

»Er ist ja nicht direkt hässlich, wenn Sie so wollen, aber auf irgendeine Weise lächerlich: dieses Monokel, dieses Toupet, dieses Lächeln!«

Es dürfte bekannt sein, dass es sich bei diesem zweiten Teil des ersten Bandes um einen Roman im Roman handelt: Im Zentrum steht die erste Zeit der Verliebtheit Charles Swanns, den wir aus Combray als alten Bekannten und Nachbarn der Familie des Erzählers kennen, in die junge Odette de Crécy, mit der er in Combray verheiratet ist und eine Tochter hat. Swann selbst ist gesellschaftlich ein Wanderer zwischen den Welten, stammt aus einer reichen jüdischen Familie, verlebt sein Erbe, arbeitet als freier Kunsthistoriker und verkehrt in allen gesellschaftlichen Schichten von Paris bis zu den sogenannten höchsten. Er ist ein Frauenheld, bevorzugt normalerweise junge Frauen aus der Arbeitsschicht, verschaut sich aber in Odette, auch wenn sie eigentlich nicht seinem Frauentyp entspricht.

Um sie regelmäßig sehen zu können, beginnt er im Salon des Ehepaars Verdurin zu verkehren, das sich mit einem kleinen Kreis aus Akademikern und Künstlern umgeben hat, zu dem auch Odette eher zufällig gehört. Odette lässt sich von diversen Männern aushalten und erweist im Gegenzug wohl auch regelmäßig Liebesdienste, was Swann aber für lange Zeit zu ignorieren versteht, bis es zu einer konstanten Quelle der Eifersucht für ihn wird, als er bei Odette aus der Rolle des Favotiten herauszufallen beginnt. Weder nach seinem Bildungsstand noch seinem sonstigen gesellschaftlichen Umgang passt Swann in den Kreis der Verdurins, so dass hier ein distanziertes Portrait des Großbürgertums entsteht. Ergänzt wird dieses gesellschaftliche Bild durch einen Abend bei der Marquise von Saint-Euverte, deren Einladung Swann nur folgt, um sich von seinem Unglück mit Odette abzulenken. Dieser künstlerische Abend – es wird ein junger Pianist vorgeführt – liefert eine bitterböse, detaillierte Satire der Hautevolee.

Die Erzählung – die interessanterweise offenbar ebenfalls vom Erzähler von Combray erzählt wird, der hier quasi als auktorialer Erzähler auftreten muss – endet, ohne dass der innere Konflikt Swanns, der Odette offensichtlich weiterhin liebt und sich zugleich in seiner Eifersucht nicht von ihr lösen kann, während sie längst zu anderen Männern weitergezogen zu sein scheint, aufgelöst wird. Die Leser erfahren nicht, wie es dazu gekommen ist, dass Swann Odette geheiratet hat, was ihn in den Augen seiner Nachbarn in Combray gesellschaftlich ruiniert hat, während Swann in Paris tatsächlich auch weiterhin in den höchstens Kreisen geschätzt wird und dort verkehrt.

Ländliche Namen: Der Name

… wenn eines Tages in diesem meinem allzu wohlbekannten, geringgeschätzten Leben Gilberte die ergebene Dienerin werden würde, eine praktische und bequeme Mitarbeiterin, die mir am Abend bei der Arbeit helfen und in meine Veröffentlichungen die Seitenzahlen eintragen würde.

Der dritte Teil des Romans erzählt in der Hauptsache von der Liebe des etwa 15-jährigen Ich-Erzählers zu Gilberte Swann, die er regelmäßig zu sportlichem Spiel in den Champs-Élysées trifft, während zwischen den beiden Familien der Jugendlichen kein gesellschaftlicher Kontakt mehr besteht. Ergänzt wird dieser Hauptteil durch eine Einleitung, die dem Teil seinen Titel gibt, in dem der Erzähler von seinen frühen Fantasien um Ortsnamen herum (Balbec, Florenz, Venedig) berichtet, und einer Art von Epilog, in dem das Hauptthema Erinnerung wieder aufgenommen wird und der Erzähler einen sentimentalen Blick auf Erinnerung an die Jahre seiner Jugend wirft:

Die Wirklichkeit, die ich gekannt hatte, gab es nicht mehr. Es genügte schon, dass Madame Swann nicht völlig unverändert im gleichen Augenblick erschien, und die Avenue war eine andere. Die Stätten, die wir gekannt haben, gehören nicht allein der räumlichen Welt an, in die wir sie der Einfachheit halber einbetten. Sie waren nur ein schmales Segment inmitten der zusammenhängenden Eindrücke, die unser damaliges Leben ausmachten; die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist nur die Wehmut nach einem bestimmten Augenblick; und die Häuser, die Wege, die Avenuen, entfliehen, ach, wie die Jahre.

S. 584 f.

Wie schon gesagt ist dieser erste Teil der Recherche extrem handlungsarm; selbst Eine Liebe von Swann, in dem noch am ehesten so etwas wie eine traditionelle chronologische Entwicklung gefunden werden kann, ist zum Großteil gefüllt mit Reflexionen und Schilderungen innerer Zustände. Die Erzählung ist in allen Teilen sowohl inhaltlich als auch formal bewundernswert dicht, wenn auch nicht frei von Redundanzen. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Art von Innerlichkeit über alle sieben Bände des Romans tragen wird.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Auf dem Weg zu Swann. Übersetzt von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2013. Leinen, Fadenheftung, 2 Lesebändchen, 694 Seiten. 29,95 €.

Wird fortgesetzt …

Charles Dickens: David Copperfield

Cover

„David Copperfield“ (1849/50) ist wahrscheinlich der beliebteste Roman von Charles Dickens und gehört damit auch zu den am häufigsten ins Deutsche übersetzten (die Wikipedia-Seite führt, die vorliegende Übersetzung eingeschlossen, zwanzig deutschsprachige Übertragungen bzw. Bearbeitungen auf). Nun legt Melanie Walz, deren Übersetzungen ich bislang durchweg gelungen fand, eine weitere deutsche Fassung vor, die leider nur als oberflächlich und fehlerhaft bezeichnet werden kann. Es handelt sich dabei nicht nur um Stellen, bei denen man stilistisch anderer Auffassung sein kann, sondern leider um zahlreiche Fehler, die sich nur mit einer zu flüchtigen Übersetzungsarbeit und einem mangelhaften Lektorat erklären lassen:

Seite (Walz)OriginalÜbersetzung Walz
79to have any duties imposed upon you that can be undertaken by me.um dich Aufgaben zu unterziehen, die ich nicht übernehmen kann.
123but I did them, there being no Mr. and Miss Murdstone here, and got through them without disgrace.aber es gelang mir, weil kein Mr. Murdstone und keine Miss Murdstone zugegen waren, und [ich] kam gut zurecht.
165I had my own old plate, with a brown view of a man-of-war in full sail upon it, which Peggotty had hoarded somewhere all the time I had been away,Ich bekam meinen eigenen alten Teller mit einer braun getönten Ansicht eines Kriegsschiffs unter vollen Segeln, das [recte: den] Pegotty während meiner Abwesenheit irgendwo versteckt hatte
216informing her, I recollect, that I never could love another,und wie ich mich erinnere, erklärte mir [recte: ihr], dass ich nie eine andere lieben würde
324As she would not hear of staying to dinner, lest she should by any chance fail to arrive at home with the grey pony before dark;Da sie nicht zu überreden war, zum Essen zu bleiben, um auf keinen Fall [zu verfehlen,] mit dem grauen Pony vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukommen,
327and almost as stiff and heavy as the great stone urns that flanked them, and were set up, on the top of the red-brick wall, at regular distances all round the court, like sublimated skittles, for Time to play at.und fast so steif wie die großen steinernen Vasen, die daran entlang in regelmäßigen Abständen auf der roten Ziegelmauer thronten, sinnbildhafte Figuren, mit denen die Zeit Kegel spielen durfte. [recte: veredelte Kegel, auf dass die Zeit mit ihnen spiele]
327and his shoes yawning like two caverns on the hearth-rug.Schuhen, die [auf dem Kaminvorleger] wie zwei Höhlen gähnten

Zu diesen eindeutigen Fehlern kommen noch zahlreiche Stellen hinzu, über die man sich zumindest streiten müsste. Natürlich kann eine solche Ansammlung von Ungenauigkeiten ganz verschiedene Ursachen haben, besser machen die möglichen Erklärungen aber die Übersetzung selbst leider nicht.

Ich habe daher zu Beginn des 16. Kapitels die Lektüre eingestellt. Ein großer Aufwand wurde leider vertan!

Charles Dickens: David Copperfield. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2024. Pappband, Lesebändchen, 1295 Seiten. 45,– €.

Edward Gorey

The helpfull thought for which you look
is written somewhere in an book.

Vorausblickend auf Edward Goreys einhundertsten Geburtstag am 22. Februar 2025 druckt der Aufbau Verlag einen hübschen Sammelband, herausgegeben, eingeleitet und um ein biographisches und thematisches Gorey-ABC ergänzt von Walter Moers. Gorey war ein us-amerikanischer Illustrator und Autor, der durch seinen charakteristischen Stil bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit geworden ist – im deutschsprachigen Raum hat ihn der Diogenes Verlag bekannt gemacht –, nun aber ein wenig in Vergessenheit zu geraten und zu einem unter Lesern allgemein bekannten Geheimtipp zu werden droht.

Die Auswahl ist repräsentativ und die Übersetzungen durch Walter Moers sind durchweg gelungen, das Gorey-ABC kenntnisreich und bezogen auf den Erscheinungsort mehr als vollständig. Es ist ein gutes Zeichen, dass Moers sich nicht scheut, unter seine Übersetzungen der Verse Goreys die englischen Originalzeilen zu setzen. Auch Goreys Arbeit als Umschlag- und Merchandise-Gestalter wird angemessen dokumentiert (letzteres in Zusammenarbeit mit der Gorey-Sammlerin Silvia Stolz). Ergänzt wird all das durch ein Interview Goreys mit Clifford Ross, das, soweit ich sehe, hier wohl zum ersten Mal auf Deutsch erscheint. Dem Band liegt außerdem eine goreysche Illustration von Walter Moers mit dem oben zitierten Motto bei.

Ein Band für Gorey-Sammler und alle, die skurrilen Humor und die Stimmung viktorianischer Schauergeschichten lieben – hier lässt sich eine echte Entdeckung machen!

Edward Gorey. Großmeister des Kuriosen. Vorgestellt und mit Übersetzungen von Walter Moers. Sonderband der Anderen Bibliothek. Berlin: Aufbau, 2024. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 432 Seiten Kunstdruckpapier (215 × 230 mm). 68,– €.