Stendhal: Die Kartause von Parma

Schluß damit! immer diese Romane!

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis ich schließlich doch soweit in diesen Roman hineingefunden habe, dass ich ihm bis zum Ende gefolgt bin. Der jetzige Anstoß, es noch einmal zu versuchen, war die erneute Beschäftigung mit Balzac, und nun scheine ich endlich erwachsen genug zu sein, um auch diesen Roman lesen zu können.

Erzählt wird die Geschichte Fabrizio del Dongos, 1798 in Mailand geboren (mutmaßlich außerehelich gezeugt durch einen französischen Besatzungsoffizier), der unter der Aufsicht seiner Mutter und Tante zumeist im Stammschloss der del Dongos am Comer See aufwächst. Fabrizio wird zu einem außergewöhnlich hübschen, idealistischen jungen Mann, der 1815 nach Frankreich aufbricht, um dem von ihm verehrten, seinem Vater verhassten Napoleon Schützenhilfe zu leisten. Er folgt ihm entgegen erheblicher Widerstände bis Waterloo, nimmt auch irgendwie an der Schlacht teil, ohne sich nachher klar darüber werden zu können, ob er denn tatsächlich auch gekämpft habe. Nach weiteren Verwicklungen – Fabrizio wird bei der Auseinandersetzung mit einem französischen Husaren verletzt – gelangt er letztendlich wieder nach Mailand, wo er allerdings inzwischen aufgrund einer Denunziation durch seinen älteren Bruder als Hochverräter gesucht wird.

Zu Fabrizios Glück ist seine Tante Gina, die ein bisschen zu sehr in ihn verliebt ist, derweil in der Welt herum- und heraufgekommen. Sie ist mittlerweile die verwitwete Gräfin Pietranera (leider hat ihr ihr Ehemann nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen) und hat beim Besuch der Mailänder Oper mit einem Grafen Mosca angebandelt, der in Parma Polizei- und sonstiger Minister ist. Graf Mosca, der selbst noch verheiratet ist (jedoch spielt diese Tatsache im Roman kaum eine Rolle) installiert Gina durch eine Alibi-Hochzeit mit einem stets abwesenden alten Herzog in dessen Palazzo in Parma als seine Geliebte. In Parma regiert Ernesto IV., ein reaktionärer und paranoider Despot, bei dem Graf Mosca binnen Kurzem zum Ersten Minister aufsteigt. Gina und Mosca beschließen, dass Fabrizio Erzbischof von Parma werden soll (eine Art von Familientradition) und schicken ihn für drei Jahre zum Theologiestudium nach Neapel.

Im Jahr 1821 kommt Fabrizio dann nach Parma und stellt sich dort den oberen 100 und auch dem Erzbischof vor, der ihn sofort ins Herz schließt und ihm eine Stelle mit der Aussicht verpasst, bald zu seiner rechten Hand und designiertem Nachfolger zu werden. Leider hat sich Fabrizio, der sich für unfähig zu wahrer Liebe hält, in Neapel eine Neigung zu sexuellen Affären zugezogen. So verliebt er sich in Parma augenblicklich in die Schauspielerin Marietta, die allerdings bereits über einen eifersüchtigen Liebhaber verfügt. Mosca, der trotz eigener Eifersucht auf Fabrizio, der von seiner Tante Gina zu offensichtlich angehimmelt wird, eine väterliche Hand über den jungen Mann hält, verbannt die Schauspieltruppe aus Parma, nur um damit ungewollt eine Zufallsbegegnung zwischen Fabrizio und den Schauspielern zu provozieren. Bei dieser Begegnung greift der Liebhaber Mariettas Fabrizio an und wird von ihm getötet. Diese Notwehr wird in Parma als Mord ausgeschrien, und die politischen Gegner Moscas hoffen, darüber ihn und seine geliebte Herzogin zu Fall bringen zu können.

Warum sollte den Erzähler, der getreu den kleinsten Einzelheiten, der ihm überlieferten Geschichte folgt, irgendeine Schuld treffen? Ist es sein Fehler, wenn die Figuren, von Leidenschaften verführt, die er zu seinem Unglück nicht teilt, zutiefst unmoralische Handlungen begehen? Freilich geschehen Dinge dieser Art nicht mehr in einem Land, in dem die einzige Leidenschaft, die alle anderen überlebt hat, das Geld ist, ein Werkzeug der Eitelkeit.

S. 147 f.

Bis zu diesem Punkt lässt sich der Roman als ein etwas eindimensional geratener Entwicklungsroman lesen, doch erweist es sich nun, dass der Autor für den zweiten Teil etwas vollständig anderes im Sinn hat: Fabrizio flieht vor der Verfolgung durch die Sbirren Parmas über Ferrara nach Bologna, wo er von der Herzogin Gina mit Geld versorgt wird. In Parma wütetet der Kampf um seine Verurteilung in Abwesenheit als Mörder, der schließlich darin gipfelt, dass Fabrizio mittels gefälschter Briefe der Herzogin in eine Falle gelockt und verhaftet wird. Man bringt ihn in die Zitadelle Parmas, das Gefängnis für Staatsverbrecher, aus dem eine Flucht aussichtslos erscheint. Aber Fabrizio gelingt es auch unter diesen Umständen, einer Frau den Kopf zu verdrehen: die Tochter des Gouverneurs der Zitadelle, Clelia verfällt seinem Liebreiz und wird zu einem maßgeblichen Instrument in den Fluchtplänen, die die Herzogin Gina schmiedet. Um Fabrizio vor einer drohenden Vergiftung zu retten, schmuggelt sie unter den unwahrscheinlichsten Umständen Seile in die Zitadelle, mit deren Hilfe sich Fabrizio tatsächlich aus der Gefangenschaft retten kann.

Von seiner Tante in ein Dorf im Piemont gebracht, erlebt Fabrizio die nun folgenden politischen Umstürze in Parma nicht mit: Der alte Fürst stirbt, und sein Tod wird Anlass zu einem Volksaufstand, der von dem Arzt und Dichter Ferrante Palla angeführt wird, der wiederum von der Herzogin in die Pläne zur Befreiung Fabrizios eingeweiht und mit Geld ausgestattet wurde. Es erweist sich, dass zumindest ein Teil dieses Geldes zur Finanzierung des Aufstandes verwendet wurde. Nach dem Umsturz wird die Herzogin zur Oberhofmeisterin der Fürstinmutter berufen und Mosca bleibt an der Spitze der Regierung unter dem neuen Fürsten Ernesto V. Doch bleibt beider Position prekär, da sie zum einen weiterhin versuchen, Fabrizio rehabilitieren zu lassen, zum anderen fürchten müssen, dass der geflohene Palla gefasst wird und sie als Unterstützer des Aufstandes benennt. Hinzu kommt, dass sich nun auch noch Ernesto V. in die Herzogin verkuckt und von ihr eine Nacht in seinem Bett fordert, um Fabrizio einen gerechten Prozess mit Freispruch zu garantieren.

Alles geht sich aus, aber die Hauptfiguren bleiben beschädigt zurück: Die Herzogin hat sich zur Rettung Fabrizios prostituiert und flieht nach Bologna, Fabrizio wird zwar die rechte Hand des Bischofs, leidet aber unter seiner aufrichtigen Liebe zur verheirateten Clelia und vice versa, Graf Mosca heiratet zwar die Herzogin, muss aber zeitweilig seinen Posten in Parma aufgeben und sich mit seiner Gattin in bescheidene Verhältnisse fügen. Schließlich überspringt Stendhal drei Jahre um ein Resümee zu ziehen: Clelia hat einen außerehelich gezeugten Sohn von Fabrizio, Mosca ist wieder Erster Minister in Parma, Fabrizio ist Bischof und hat sogar nach dem Tod seines älteren Bruders das Familienvermögen geerbt. Die titelgebende Kartause von Parma kommt überhaupt erst auf der letzten Seite vor als Zufluchtsort Fabrizios, nachdem sein Sohn und seine geliebte Clelia verstorben sind. Aber auch er ist da schon dem Tode geweiht und auch die Herzogin überlebt die letzte Seite des Romans nicht.

Bei mir hat besonders der zweite Teil des Romans (Buch II setzt ein, als die politischen Feinde Moscas versuchen, Fabrizio in Abwesenheit als Mörder verurteilen zu lassen) einen etwas schwankenden Eindruck hinterlassen, als ob der Autor sich weder sicher gewesen ist, was genau er erzählen möchte, welchen Umfang die einzelnen Passagen haben sollten und wie er zwischen einer zu banalen, den Leser langweilenden Fabel einerseits und einer zu komplexen, den Leser überfordernden Fabel andererseits den richtigen Weg zu dem angestrebten tragischen Ende finden kann. Besonders der Eindruck der Unsicherheit, was die Länge der jeweiligen Passage betrifft, wird verstärkt durch immer wieder vom Erzähler eingeflochtene Bemerkungen wie „der Leser mag dieses Gespräch endlos finden“, „vielleicht hat der Leser diese Verfahrensfragen satt“, „es würde zu lange dauern“ oder noch ganz am Schluss: „Hier bitten wir um die Erlaubnis, ohne ein weiteres Wort eine Spanne von drei Jahren zu überspringen.“

Während einerseits die Schwierigkeit der politischen Intrigen in breiten Gesprächen vorgeführt wird, die die Handlung immer nur um ein Weniges weiterführen, werden andererseits ganze Entwicklungspassagen mit einem Satz übersprungen. Bei der ersten Festungshaft Fabrizios, die mehr als drei Monate umfasst, kommt die Erzählung über Seiten hinweg nahezu vollständig zum Stillstand, da Stendhal die Fluchtvorbereitungen nur en passant, dafür aber den verbotenen Flirt zwischen Clelia und Fabrizio in unnötiger Breite behandelt. Die zweite Festungshaft Fabrizios wiederum wird ausschließlich erfunden, um in einer hoch dramatischen Szene Clelias Liebe zu Fabrizio unter Beweis stellen zu können. Auch dies hätte sich anders und mit weniger dramatischem Aufwand lösen lassen.

Überhaupt stellt sich dem Leser, der sich nicht von dem ungerechten Schicksal Fabrizios mitreißen lässt, die Frage, was dieser zweiten Teil eigentlich erzählen soll: Der Protagonist durchläuft keine weiterführende Entwicklung mehr – er wird nur zunehmend depressiver –, der reaktionäre politische Zustand Parmas ließe sich auch deutlich konziser darstellen, und falls der zweite Teil mehr als nur eine Abenteuerscharteke à la Dumas (mir ist der Anachronismus, der in dieser Charakterisierung steckt, durchaus bewusst) auf hohem Niveau mit tragischen Ausgang darstellen soll, sind die Windungen und Wendungen der Fabel unnötig kompliziert. Nimmt man zu diesem Befund nun noch hinzu, dass Stendhal den Roman in weniger als zwei Monaten niedergeschrieben bzw. diktiert hat und zudem durch seinen Verleger immer wieder gedrängt wurde, den Roman kurz zu halten, da dieser keine drei oder gar vier Bände produzieren wollte (ein Potenzial, das Balzac in dem Stoff des Romans augenblicklich erkannt hat), wird das Bild der formalen Vagheit des Buches komplett.

Stendhal hat am Ende seines zu kurzen Lebens an einer Überarbeitung des Romans gearbeitet; leider sind hiervon nur Bruchstücke erhalten, die in dem auch diesmal umfangreichen und hervorragenden Anhang zum Roman dokumentiert sind. In diesem Fall wäre es wirklich einmal interessant gewesen zu sehen, wie der Autor besonders den zweiten Teil bei einem zweiten, reflektierteren und langsameren Durchgang gestaltet hätte.

Eine insgesamt sowohl formal als auch inhaltlich interessante Lektüre. Bei der Übersetzung habe ich diesmal auf die Zuverlässigkeit Elisabeth Edls vertraut und mir nicht die Mühe gemacht, einzelne Passagen zu prüfen, weil einerseits auch sonst genug im Text los war und mir andererseits auch keine Stellen aufgefallen sind, die mich an den übersetzerischen Entscheidungen hätten zweifeln lassen.

Stendhal: Die Kartause von Parma. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 32008. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 998 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen

Im Allgemeinen gelüstet es niemanden nach einem vorgegebenen Vergnügen.

Meine letzte Lektüre Balzacs liegt über 30 Jahre zurück. Nach dem Studium hatte ich antiquarisch die von Ernst Stadler herausgegebene Gesamtausgabe der „Menschlichen Komödie“ erworben und einige Romane gelesen, Balzac aber bald als einen oberflächlichen Schnellschreiber wieder beiseite gelegt. Nun hat sich aber in der letzten Zeit mein Buchändler wiederholt lobend über Balzac geäußert; hinzukommt, dass Hanser gleich zwei Bücher hat neu übersetzen lassen, eines davon immerhin von Melanie Walz. Also habe ich mich zur Prüfung meines Vorurteils hinreißen lassen.

„Verlorene Illusionen“ ist ein aus drei Romanen zusammengeschusterter Roman über die Freunde David Séchard und Lucien Chardon. Beide sind als Schulfreunde in Angoulême aufgewachsen, David als Sohn eines Druckers, der selbst aus einfachsten Verhältnissen kommend, sich den Besitz der Druckerei hart ergaunert erarbeitet hat, Lucien als Sohn eines Apothekers und glücklosen Erfinders, dessen früher Tod seine Frau und beide Kinder in Armut zurückgelassen hat. Die Handlung des ersten Teils – „Die zwei Dichter“, und mehr habe ich diesmal auch nicht gelesen – spielt in der Hauptsache im Jahr 1821 in Angoulême. Dem von seiner Lehre als Drucker in Paris zurückkehrenden David wird von seinem Vater dessen veraltete Druckerei unter belastenden finanziellen Forderungen übergeben. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig für David, da gerade ein modernes Konkurrenzunternehmen an den Ort gekommen ist, das die Zukunft der alten Druckerei überschattet. Dennoch wagt es David nicht, den Forderungen seines Vaters zu widersprechen und ergibt sich in das voraussehbar schlechte Geschäft.

Lucien, den Mutter und Schwester finanziell über Wasser halten, träumt von einer Karriere als Schriftsteller, kann aber außer einigen Gedichten, über deren Qualität der Leser im Unklaren gehalten wird, nur einen begonnenen Roman „Der Bogenschütze Karls IX.“ vorweisen. Sein eigentliches Talent aber liegt in seinem guten Aussehen. David, der Luciens Interesse für Literatur teilt, stellt den eigentlich nutzlosen Freund ein, und die beiden vegetieren einige Zeit miteinander vor sich hin.

Fahrt nimmt der Roman auf, als Lucien zum Spielzeug der lokalen Adeligen Louise de Bargeton wird, die sich für etwas besseres hält als ihre Mitadeligen. Sie verfällt Luciens Schönheit, kann sich aber als Mäzenin des jungen Dichters gerieren, um ihre Vernarrtheit vor sich selbst und ihrem Ehemann zu verkappen. Natürlich verliebt sich der junge Dummkopf unsterblich in seine Gönnerin, aber die Erfüllung ihrer Liebe ist unter den Bedingungen der Provinz zum Scheitern verurteilt, wie uns Balzac sehr ausführlich darlegt, nur um wenige Seiten weiter überraschend die mitadeligen Neiderinnen Louisens so zu charakterisieren:

Die Frauen die am züchtigsten Entrüstung bekundeten und die Sittenverderbnis beklagten, waren niemand anderes als Amélie, Zéphirine, Fifine und Lolotte, die allesamt verbotenem Glück frönten.

S. 167

Wie heißt es so richtig bei Loriot? „Es geht nicht!“ „Aber es muss gehen, andere machen es doch auch.“

Und so ist die ganze zweite Hälfte dieses kurzen Romans: Alles wimmelt vor Plattitüden und Ad-hoc-Einfällen eines schludrig vor sich hin fabulierenden Schreiberlings: David, der mittellos aus Paris zurückgekehrt war, weil ihm sein Vater das Erbe der Mutter vorenthält, und der deshalb die Druckerei seines Vaters bei ihm auf Pump kaufen musste, hat plötzlich, weil dringend Geld für seine bevorstehende Hochzeit mit Éve, der Schwester Luciens, und den Umbau des väterlichen Hauses nötig ist, „aus Paris einen Notgroschen mitgebracht“ (S. 156). Wie zu erwarten ruiniert ihn den Umbau des Hauses komplett. Als Lucien aber Geld braucht, um nach Paris zu fliehen, sind wundersamer Weise doch wieder 2000 Francs vorhanden, von denen er liebend gern die Hälfte Lucien mitgibt. David begibt sich an dem Tag, der zur Krise des Romans führt, zu seinem Vater aufs Land „in der Hoffnung, die Schönheit der Schwiegertochter werde den alten Schlaukopf dazu bewegen, sich an den gewaltigen Ausgaben für das Umgestalten des Hauses zu beteiligen“ (S. 159). Wie das gelingen soll, ohne die Schwiegertochter in spe wenigstens mitzunehmen und vorzuzeigen, bleibt Balzacs Geheimnis. Zum Glück ist David am nächsten Morgen zurück, um beim gemeinsamen Frühstück mit Lucien zu erfahren, dass Louisens Ehemann sich mit dem Mann duelliert hat, der Gerüchte über eine Affäre zwischen seiner Ehefrau und Lucien gestreut hat. Warum David aber für diesen ereignisreichen Tag extra aus der Stadt gebracht werden musste, hat Balzac inzwischen vergessen.

Und so geht es in einem fort: In das an und für sich schon höchst peinliche Liebesgeständnis und den Heiratsantrag Davids an Éve gerät ein Lexikon-Artikel über Papierherstellung hinein, weil David viel später zum Erfinder umgeschrieben werden soll (S. 160 ff.), und Balzac über Papier eben auch noch Bescheid weiß. In dem aufgeregten mündlichen Bericht der Mutter Chardon vom Duell findet sich unwillkürlich ein angedeuteter Witz, weil er Balzac gerade einfällt oder er ihm erzählt wurde: Die Duellanten hätten sich „auf der Wiese von Monsieur Tulloye [getroffen], ein Name, der Anlass zu Wortspielen ist“ (S. 175). Wohlgemerkt: Das ist wörtliche Rede der Mutter! Und schließlich finden sich auch solche Perlen Balzacscher Poesie:

Dort atmete der süße Geist, der in jungen Ehen herrscht, wo die Orangenblüten und der Brautschleier noch das Leben krönen, wo der Liebesfrühling sich in allen Gegenständen gespiegelt findet, wo alles weiß, rein und blütenreich ist.

S. 176 f.

„Ach Kinder, wie ist es herrlich! Es ist aber auch zu und zu schön!“

Mit den unheilschwangeren Worten

Der Drucker stieg wieder in sein klappriges Kabriolett und entschwand bedrückten Herzens, denn Luciens Geschicke in Paris erfüllten ihn mit schrecklichen Vorahnungen.

S. 187

schließt der Roman bzw. dieser erste Teil. Sind Sie auch so gespannt wie ich, wie es weitergehen mag?

Mir ist durchaus bewusst, dass Balzac nicht wegen seiner schriftstellerischen Sorgfalt berühmt ist, sondern weil sich bei ihm das bürgerliche und subbürgerliche Leben im Frankreich des 19. Jahrhunderts in epischer Breite und außergewöhnlich detailliert und mit vielen seiner Verwerfungen widerspiegelt, dennoch ist es mir unmöglich, eine so schlecht erfundene und geschriebene Prosa zu lesen. Ich kehre also ohne Reue zu meinem alten Vorurteil zurück.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Melanie Walz. München: Hanser, 2014. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 960 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte

Da Hanser für diesen Herbst den dritten und letzten Roman Iwan Gontscharows, „Das Steilufer“ angekündigt hat, habe ich mir nun endlich die Zeit genommen, um die 2021 erschienene Neuübersetzung seines ersten Romans zu lesen. Der Roman ist 1847 zuerst gedruckt worden und war damals ein erheblicher Erfolg. Im Ausland hat er immer im Schatten von „Oblomow“ gestanden, wohl im Wesentlichen deshalb, weil seinem Protagonisten bei weitem die Originalität Oblomows mangelt.

Erzählt wird hauptsächlich die Geschichte Alexander Fjodorytsch Adujews, eines Zwanzigjährigen aus der Provinz, der in den 1820-er Jahren von seiner Mutter eher widerwillig nach Petersburg zu seinem Onkel Pjotr Iwanytsch geschickt wird, um dort in einem Ministerium als Beamter Karriere zu machen. Alexander ist ein extrem romantischer und idealistischer junger Mann – wobei der Leser nie erfährt, wie er sich diese Behinderungen zugezogen hat –, der damit nicht nur bei seinem äußerst pragmatischen und gefühlskalten Onkel auf Unverständnis, sondern auch in der Welt auf manche Enttäuschung stößt. Nachdem er von der Liebe, der Freundschaft und seinem mangelnden schriftstellerischen Erfolg enttäuscht ist, wird er eine Art Prä-Oblomow, zieht sich von der Welt aufs Sofa zurück und versumpft. Das Gegengewicht zur Überspanntheit Alexanders bildet neben dem Onkel dessen junge Frau, die als verständnisvolle mütterliche Freundin immer wieder versucht, einen Ausgleich zwischen den beiden Antagonisten herzustellen.

Der Roman exzelliert darin, die gesamte dünne und vorhersehbare Handlung in ausführlichsten und umständlichsten Gesprächen auszubreiten und durchzudeklinieren. Während dieses systematische Aneinandervorbeireden für eine Weile noch ganz witzig ist, ermüdet es den Leser schließlich doch, so dass ich eingestehen muss, besonders im zweiten Teil des Buches das eine oder andere Gespräch eher quergelesen zu haben. Was von wem gesagt wird, ist ohnehin klar und nur eine bestätigende, an einem neuen Fall erneut demonstrierte Wiederholung des bereits Gesagten.

Alles geht jedenfalls gut aus: Nach acht Jahren kehrt Alexander zu seiner Mutter aufs Land zurück, wo er über einige Jahre hinweg heilt. Als nun gestärkter, pragmatischer Mitdreißiger taucht er erneut in Petersburg auf, heiratet eine wohlhabende junge Frau, erhält endlich die Zustimmung seines pragmatischen Onkels und wird ein braver russischer Bürger wie tausende mehr. Es darf stark vermutet werden, dass Gontscharow in diesem Buch wenigstens zum Teil seine eigene Entzauberung zu einem nützlichen Mitglied der russischen Gesellschaft verarbeitet hat. Nur über sein eigenes schriftstellerisches Talent dürfte er vielleicht anderer Meinung geblieben sein.

Für den heutigen Leser nicht ohne Längen, literarhistorisch als ein Baustein in der Entwicklung etwa zu Dostojewskis Romanen hin aber nicht uninteressant.

Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 512 Seiten. 38,– €.

George Sand: Nanon

ein gutes und schlichtes Herz

Das erste Buch, das ich von George Sand lese, und auch diesmal nicht um der Autorin, sondern der Übersetzerin willen. Der Eindruck, den es gemacht hat, ist zwiespältig:

Einerseits kann man Sand nur in ihrer Selbsteinschätzung zustimmen: „Ich schreibe leicht und gern.“ Das Buch ist offenbar rasch und ohne großen Anspruch auf formale Kunstfertigkeit geschrieben, sprich: Es handelt sich im Grunde um anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur, wie sie in jedem Zeitalter verfasst und mehr oder weniger rasch vergessen wird. Die sprachliche Qualität des Originals kann ich nicht wirklich beurteilen; allerdings nehme ich an, dass die grammatikalischen und stilistischen Ecken und Kanten des deutschen Textes von der Autorin beabsichtigt und von der Übersetzerin getreulich übertragen wurden. Das allein ist schon kein kleiner stilistischer Aufwand.

Andererseits enthält der Roman Passagen, die einen ernsthaften Versuch einer Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und ihren Folgen darstellen, wie auch immer man sich zur Darstellung und der Figurenrede stellen möchte. Die Meinungen, die aufeinanderprallen, bleiben im Grunde naiv, aber sie sind den Figuren und ihrer sozialen und politischen Stellung angepasst, und so kann man sie gelten lassen. Und natürlich ist Nanon eine auch 1872 noch außergewöhnliche Protagonistin, wenn ihr ihr Schicksal auch ein bisschen zu sehr von der Autorin zurechtgeschrieben wurde.

Erzählt wird die Geschichte als Ich-Erzählung der Bäuerin Nanon, 1775 geboren, bald Waise, die bei einem Großonkel aufwächst und nun im Jahr 1850 auf ihr Leben zwischen 1789 und 1795 zurückblickt. Sie ist inzwischen reich und lebenssatt, Mutter und Großmutter, trägt den Titel einer Marquise – „Ich bleibe Bäuerin. Auch ich habe meinen Standesstolz!“ (S. 344) –, kommt mit ihren Freunden und Verwandten sowohl des ersten als auch des dritten Standes aus und ist überhaupt die ideale Mutter der Nation. Wie das alles gegen jede Wahrscheinlichkeit gekommen ist, kann man getrost selbst nachlesen; die Fabel ist so gut oder schlecht erfunden, wie jede beliebige von Dumas oder Sue.

Am meisten leidet der Roman aus heutiger Sicht wohl unter der fast vollständigen inneren Konfliktlosigkeit der Protagonistin, die ebenso gut wie langweilig bleibt. Natürlich ist sie – wie die meisten Protagonisten des 19. Jahrhunderts – wesentlich Verkörperung eines Ideals; der einzige Zweifel, den sie hegt, entspringt aus ihrer demütigen Selbsteinschätzung, dass sie nicht gut genug ist für den Mann, den sie liebt, wodurch sie natürlich gerade geadelt wird. Tritt man also einen Schritt zurück, so ist das alles recht schematisch, und an keiner Stelle wagt die Autorin einen echten Konflikt mit den Vorurteilen ihrer Zeit: „Wenn Émilien mein Gatte ist, wird er auch mein Gebieter, und ich gehorche ihm gern.“ (S. 343) Wenn das wenigstens als ironisch markiert wäre, aber so wäre es besser fortgelassen worden, denn die Lücke ersetzte die Plattitüde mehr als vollständig.

Ich hatte es schon gesagt: „zwiespältig“ – eine historisch interessante Lektüre, sowohl was die Französischen Revolution als auch was die Literargeschichte angeht. Dennoch sollte man nicht zu viel Außergewöhnliches oder wirklich Originelles erwarten, aber auch keine Abenteuerscharteke à la Dumas – hier weiß die Autorin das Schlimmste gerade noch zu verhindern.

George Sand: Nanon. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München: Hanser, 2025. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 495 Seiten. 38,– €.

José Maria Eça de Queirós: Die Maias

Es lebe der schöne Satz!

Zu Eça de Queirós existiert eine literarhistorische Anekdote, die ein Licht auch auf den hier besprochenen Roman wirft: Als 1988 Hans Magnus Enzensberger zwei Romane des Portugiesen in der Anderen Bibliothek herausgab („Treulose Romane“, Nördlingen: Franz Greno, 1988) verzichtete er bei „Basilio“ (O Primo Basilio, 1878) darauf, die vollständige Übersetzung durch Rudolf Krügel (1957) wieder abzudrucken, sondern griff auf die stark gekürzte Übersetzung von Helmut Hilzheimers (1956) zurück und rechtfertigte diese Wahl unter Rückgriff auf die harsche Kritik des Romans durch den Autor selbst. Wenn man das einmal im Kopf hat, fällt es schwer, sich nicht ein ähnliches Vorgehen für „Die Maias“ zu wünschen.

„Die Maias“ (1888) gilt heute als Eça de Queirós’ Hauptwerk und brachte ihm zumindest in der deutschen Literarhistorie den Ruf ein, der portugiesische Thomas Mann zu sein. Erzählt wird im Wesentlichen die Geschichte Carlos de Maias, des Spätlings einer alten portugiesischen Adelsfamilie, der sich, nachdem seine Mutter mit einem Italiener wegläuft und sich sein Vater daraufhin selbst tötet, in jungen Jahren entschließt, ein eher bürgerliches Leben zu führen, und deshalb Medizin studiert und sich nach der unter Adeligen üblichen Europareise 1875 als praktischer Arzt in Lissabon niederlässt. Er bezieht zusammen mit seinem Großvater, bei dem er nach dem Tod des Vaters aufgewachsen ist, ein herrschaftliches Stadthaus, und obwohl er „wirklich die ernste Absicht zu arbeiten“ hat, versumpft er sehr bald im Müßiggang. Die einzige ernsthafte Beziehung, die er hat, ist die zu seinem Jugendfreund João da Ega, einem zwar begabten, aber immer nur dilettierenden Schriftsteller. Der Autor möchte dieses Freundespaar als eine Variante des Paares Faust und Mephisto verstanden wissen, was aber angesichts der Fabel des Romans nur eher eine vage Parallele bleibt. Dennoch muss man wohl feststellen, dass die Beziehung dieser beiden Männer das eigentliche Zentrum des Romans bildet, wenn sich das Buch auch gern als Familien-, Liebes-, Gesellschafts- und erotischer Roman ausgeben möchte.

Dem Müßiggang überlassen folgt Carlos nach einigem Widerstand dann doch dem Vorbild Egas und beginnt eine Affäre mit einer verheirateten Frau, nur um ihrer, wie er erwartet hatte, nach kurzer Zeit überdrüssig zu werden. Nahezu gleichzeitig begegnet er einer anderen Frau, die ihn auf den ersten Blick tief fasziniert. Die Männerwelt Lissabons (also eigentlich nur Carlos, Ega und ein weiterer Mann) vermutet in ihr eine verheiratete Brasilianerin, was sich aber als komplett falsch erweist. Als der vermutete Ehemann in Geschäften für Monate nach Brasilien reist und Frau und Tochter in Lissabon zurücklässt, kommt es rasch zu einer Bekanntschaft zwischen Carlos und Maria, die ihn zuerst in seiner Funktion als Arzt in ihr Haus bittet. Es stellt sich heraus, dass Maria nur die Geliebte des Brasilianers ist, ihre Tochter einen anderen zum Vater hat, der Maria aber auch nicht geheiratet hatte, bevor er im Krieg von 1870/71 auf französischer Seite gefallen ist. So scheint nichts einem glücklichen Leben im Wege zu stehen, und Carlos verzichtet nur aus Rücksicht auf das Standesbewusstsein seines Großvaters auf eine sofortige Heirat.

Natürlich muss diese vollkommene Liebe – „Alles an ihr war stimmig, gesund, vollkommen … Und wie köstlich musste bei dieser äußeren Erhabenheit erst die Glut ihrer Leidenschaft sein!“ – scheitern: Eine wie zufällig in Lissabon auftauchende Randfigur unterrichtet Ega von der den beiden Liebenden (aber leider nicht dem aufmerksamen Leser) unbekannten Tatsache, dass Carlos und Maria Geschwister sind. Die ganz große Tragödie bleibt zwar aus – wie überhaupt immer wieder bedeutende Skandale sorgfältig vorbereitet und dann im entscheidenden Moment gerade noch abgewendet werden –, aber Carlos’ Großvater stirbt über der Enthüllung an einem Schlaganfall, Carlos begibt sich auf eine Weltreise, Maria wird von ihm nach Frankreich geschickt, wo sie spät eine vernünftige und friedliche Ehe findet. Nach zehn Jahren kehrt Carlos für einige Zeit nach Lissabon zurück, und auf der letzten Seite versucht er mit Ega noch die letzte Straßenbahn zu erreichen, die ihnen vor der Nase weggefahren ist.

In all das eingeflochten finden sich diverse Szenen aus dem gesellschaftlichen Leben Lissabons, nicht ohne Witz und hier und da auch ironische Schärfe, aber nicht gehaltvoll genug, um diesen Roman von über 800 Seiten tatsächlich zu tragen. Als Leser des 20. Jahrhunderts hat man das alles schon sehr bald verstanden, versteht auch die erste und zweite Wiederholung des gesellschaftlichen Leerlaufs, aber dann wird das Ganze doch zu langatmig. Sicherlich quält der Autor uns mit den endlosen Wiederholungen, weil sie eben ihn und seinen Protagonisten endlos quälten, aber soweit geht die Sympathie denn doch nicht, dass man das wirklich mit ihnen durchleben möchte. Nicht dass das Buch komplett ohne Witz wäre:

Das unerträgliche am Realismus [gemeint sind hier die Romane Zolas] seien sein wissenschaftliches Gehabe, seine prätentiöse, sich von einer fremden Philosophie ableitende Ästhetik und die Berufung auf Claude Bernard, den Experimentalismus, den Positivismus, auf Stuart Mill und Darwin, wenn es um eine Wäscherin ging, die mit einem Schreiner schlief!

S. 202

Nur sind solche Stellen, die, wie ich gern zugebe, für manches entschädigen, leider viel zu selten.

José Maria Eça de Queirós: Die Maias. Episoden aus dem romantischen Leben. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. München: Hanser, 2024. Leinenband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 944 Seiten. 44,– €.

Joseph Conrad: Lord Jim (2)

Vor knapp vier Jahren habe ich Lord Jim in der Übersetzung durch Manfred Allié hier vorgestellt und das Buch, mit Ausnahme der Ausstattung, sehr gelobt. Nun hat in diesem Jahr der Hanser Verlag eine Neuübersetzung durch Michael Walter, einen der besten Übersetzer aus dem Englischen, vorgelegt. Ich habe Walters Übersetzung jetzt kursorisch gelesen und stichprobenhaft beide Übersetzungen und das Original miteinander verglichen.

Auf Manfred Allíe war ich zuerst durch seine Übersetzung von Das Herz der Finsternis gestoßen, die sich als erste Übersetzung erfolgreich darum bemühte, den Ton des englischen Originals ins Deutsche zu transportieren. Nun stellt Lord Jim andere Anforderungen an den Übersetzer, aber ich fand, auch hier hatte sich Allíe aufs Beste bewährt. Trotzdem muss ich nun zugeben, dass die Lektüre von Walters Übersetzung eine reine Freude ist. Sein Deutsch ist von einer erstaunlich schlichten Eleganz, mit nautischen Begriffen durchsetzt, so wie es sich auch bei Conrad findet; vielleicht ist die Lektüre ein wenig zu widerstandslos, wenn man es mit dem Original vergleicht, aber es ist hier ein her­aus­ra­gen­des Sprachkunstwerk gelungen. Beim Vergleich mit dem Original fällt auf, dass Walter im Zweifel immer versucht, in Struktur und Wortwahl sehr nah am Original zu bleiben. Ich würde von der Übersetzung Allíes nicht abraten, aber wer es sich leisten kann, sollte – auch weil er das unvergleichlich viel schönere und besser gemachte Buch erhält–, unbedingt zur Übersetzung von Michael Walter greifen.

Joseph Conrad: Lord Jim. Aus dem Englischen von Michael Walter. München: Hanser, 2002. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten Dünndruck. 36,– €.

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner

Cooper wird von den meisten deutschen Lesern als eine Art von us-amerikanischem Karl May angesehen. Das liegt natürlich daran, dass ihn viele nur als Autor des „Lederstrumpf“ kennen und das zumeist noch aus für die heranreifende Jugend bearbeiteten Ausgaben, die das fünfbändige Werk zumeist auf das irokesischste grausamste zusammenstreichen und auf den reinen Abenteuerplot reduzieren. Hanser hat nun vor knapp zehn Jahren den in Deutschland bekanntesten Roman des Zyklus als Klassiker neu herausgegeben, das heißt, neu übersetzt und philologisch ordentlich ediert und kommentiert, wie sich das für einen klassischen Text gehört. Dabei hat die Herausgeberin und Übersetzerin Karen Lauer ganze Arbeit geleistet: Sie macht die Unterschiede der drei zu Lebzeiten Coopers entstanden Ausgaben (1826, 1831 und 1850) sichtbar, nimmt den Text in all seinen Details und Tendenzen ernst und liefert ein kenntnisreiches Nachwort und ebensolche Anmerkungen zum Text.

Der Plot ist kurz erzählt und für ein Abenteuer-Buch genau richtig: Die Handlung spielt im Jahr 1757, also während des Siebenjährigen Krieges, in der Gegend um Fort William Henry am Südufer des Lake George im nördliche Teil des Staates New York. Im Zentrum steht eine kleine Gruppe von Weißen: ein Major Duncan Heyward, der versucht, die beiden Töchter, Alice und Cora, des kommandierenden Offiziers von Fort Henry, Oberst George Munro, in aller Stille zu ihm zu bringen. Dieser Gruppe schließt sich der fromme Sänger David Gamut an, der nicht nur als ebenso gottgläubiger wie vorerst unnützer Vorzeigechrist fungiert, sondern in der späteren Handlung durchaus eine Schlüsselrolle zugespielt bekommt. Geführt wird die Gruppe von einem Indianer, Magua, der sich nur allzu bald als der Hauptbösewicht des Textes erweisen soll. Die Gruppe trifft nach kurzer Reise auf Natty Bumppo, genannt Falkenauge, und seinen indianischen Freund Chingachgook und dessen Sohn Uncas. Natty Bumppo und Chingachgook verbinden den Roman mit dem 1823 erschienen Die Ansiedler, dessen Handlung allerdings deutlich später spielt und die beiden Freunde als alte Männer vorführt.

Natürlich gerät die Gruppe bald in Gefahr durch feindliche Indianer, vor denen sie sich zwar eine Weile verstecken können, von denen sie aber schließlich angegriffen und zum Teil gefangen genommen werden. Ebenso natürlich entziehen sich die drei Helden des Romans dem feindlichen Zugriff und nehmen die Verfolgung auf. Am Ende spitzt sich das Geschehen zu auf die Befreiung einer der Töchter Munros, die der Schurke des Romans unbedingt zu seiner Squaw machen will.

Eingebettet in diesen Abenteuer-Plot findet sich die Beschreibung des historischen Massakers, das 1757 an der abziehenden englischen Besatzung von Fort William Henry durch feindliche Indianer unter Duldung des französischen Militärs verübt wurde. Dieses grausame Abschlachten von Menschen, denen freies Geleit zugesichert worden war, stellt eines der Kriegsverbrechen in der Auseinandersetzung zwischen den Engländern und Franzosen in der Zeit des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika dar. Mit der Darstellung dieses Ereignisses macht Cooper seinen Letzten Mohikaner zum ersten us-amerikanischen Beispiel für den kurz zu vorher erst erfundenen Historischen Roman.

Zudem wird der Abenteuer-Plot durch eine weitgehend un­vor­ein­ge­nom­me­ne Schilderung indianischer Bräuche und Sitten ergänzt, ja Cooper versucht tatsächlich so etwas wie ein objektives Bild vom Leben in der Wildnis der Staaten vor Gründung der USA zu liefern. Sicherlich war auch er nicht frei von Vorurteilen und das für die Spannung der Handlung erforderliche Schwarz-Weiß seiner Darstellung ist ebenfalls nicht unbedingt förderlich, aber alles in allem liefert er ein wirklichkeitsnahes und durchweg informatives Portrait der in den Krieg der Weißen verwickelten Indianerstämme.

Allen, die daran interessiert sind, warum Cooper eben nicht nur ein amerikanischer Karl May, sondern bedeutend mehr war, sei dieses sorgfältig gemachte und gut ausgestatteten Buch empfohlen.

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner. Ein Bericht aus dem Jahre 1757. Aus dem Englischen von Karen Lauer. München: Hanser, 2013. Leinen, bedruckter Vorsatz, Fadenheftung, Lesebändchen, 656 Seiten. 34,90 €.

Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha

Da er sich an die engen Grenzen des Berichtes halte und auf sie beschränke, wo er doch Geschick, Begabung und Verstand genug besitze, um über das gesamte Weltall zu schreiben, soll man, wie er bittet, seine Mühe nicht verachten, sondern ihn loben nicht für das, was er schreibe, sondern für das, was er nicht geschrieben habe.

Die dritte Übersetzung dieses Weltklassikers, die ich nun gelesen habe. Meine erste Lektüre des Buches liegt in der späten Schulzeit und wurde wahllos mit der Übersetzung von Ludwig Braunfels erledigt, die heute noch unter die meistgedruckten deutschen Texte des Romans gehört. Dann geriet ich stark unter den literarischen Geschmack Arno Schmidts und fühlte mich daher genötigt, das Buch noch einmal aus der Feder Ludwig Tiecks zu lesen. Und nun endlich die erste Übersetzung des 21. Jahrhunderts von Susanne Lange, die wohl dem heutigen Leser den besten Eindruck davon vermittelt, wie das Buch im Spanischen auf den Leser wirkt.

Die Geschichte der Übersetzungen des Don Quijote ins Deutsche beginnt erstaunlicher Weise bereits Mitte des 17. Jahrhunderts: Joachim Caesar übersetzt 1648 die ersten 23 Kapitel des ersten Bandes – grob geschätzt ein Fünftel des gesamten Romans –, worin die Entstehung des Wahns Don Quijotes erzählt wird und einige der berühmtesten Abenteuer, darunter der Kampf mit der Wind­müh­le, seine Erlebnisse in einer Schenke, die er für eine Burg hält, die Sichtung und Verbrennung der Bibliothek Don Quijotes, aber auch eine der ersten romantischen Nebenhandlungen, eine der zahl­rei­chen Liebesgeschichten, mit denen besonders der erste Teil des Buches aufgefüllt wird.

Deutlich umfangreicher gerät dann die Übersetzung durch Friedrich Justin Bertuch (1775–1778), die sich als vollständige Übersetzung ausgibt, aber immer noch einige der eingeschobenen Novellen fortlässt, um das Ausschweifende des Romans einzudämmen. Erst die Übersetzung Ludwig Tiecks (1799/1801) liefert tatsächlich den vollständigen Text im Deutschen und ist allein deswegen bis heute im Druck und auch elektronisch verfügbar. Tiecks Text wird zur Grundlage der romantischen Verehrung des Buches, das, neben dem Tristram Shandy, zum Muster für zahlreiche der anek­do­ti­schen und von Nebenhandlungen regierten Erzählungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird. Der Roman wird so auch in Deutschland zum Klassiker, so dass im 19. Jahrhundert gleich fünf weitere Übersetzungen gedruckt werden (Förster und Müller, 1825; Anonym, 1837; Adalbert von Keller, 1839; Edmund Zoller, 1867; Ludwig Braunfels, 1883). Besonders die von Braunfels bläht den Text des Originals unnötig auf, indem er nicht nur in ein möglichst umständliches Deutsch übertragen wird, sondern auch eine unendliche Zahl von kleinsten Einschüben aufweist, was beides Braunfels wohl für eine Verstärkung des beabsichtigten humoristischen Effekts hält. Für das 20. Jahrhundert sind nur zwei Übersetzungen zu verzeichnen: Die von Konrad Thorer (Insel, 1908), die ausdrücklich eine Bearbeitung der anonymen Übersetzung von 1837 ist, und die von Anton M. Rothbauer (Goverts, 1964; zuletzt noch einmal bei Zweitausendeins um die Jahrhundertwende gedruckt), die zwar behauptet, eine eigenständige Leistung zu sein, der man aber das Skelett der Braunfelsschen Übersetzung in jedem Satz anmerkt. Man darf aber nicht zu streng mit Rothbauer ins Gericht gehen, der immerhin die Mühe auf sich genommen hat, eine deutsche Cervantes-Gesamtausgabe mit über 4.700 Seiten in vier Bänden zu erstellen.

Erst im Jahr 2008 legt Hanser mit der Übersetzung von Susanne Lange einen neuen, modernen und entschlackten Text des Don Quijote auf Deutsch vor. Langes Übersetzung ist – soweit ich das erkennen kann – stilistisch unbeeinflusst von den Vorgängern, bewegt sich nah am Original und versucht nicht, den Roman noch lustiger zu machen, als er es ohnehin schon nicht ist. Auch unterlässt sie jeglichen Versuch, die Reichhaltigkeit des Originals auf irgendeinen vermeintlichen Hauptzug zu konzentrieren. Sicherlich ist es so, dass der Don Quijote eine Parodie auf die grassierenden Ritterromane seiner Zeit darstellt, er ist aber auch zugleich – und damit sich selbst ins Wort fallend – ein Kommentar auf die soziale Wandlung der Welt und besonders Spaniens seit dem Abschluss der Reconquista Anfang 1492: Die meisten Ritterorden sind zusammengebrochen, der Ritterstand selbst spielt keine bedeutende Rolle mehr; in Südamerika hausen Glücksritter und Räuberhauptleute und betreiben das Geschäft der Ausbeutung dieses Kontinents; die Seefahrer sind endgültig zu den Helden der neuen Zeit aufgestiegen, und der umherziehende Ritter eines imaginierten Mittelalters taugt nur noch als Verrückter und Witzfigur in einer Welt, in der es in der Hauptsache um Geld geht, nicht um Ehre, Gerechtigkeit, Schönheit oder Liebe. Zugleich bedient Cervantes seine Leser mit verwickelten Liebes- und Fluchtgeschichten, thematisiert den fortdauernden Krieg gegen die Muslime, an dem er selbst teilgenommen und dem er eine Hand geopfert hat, den Konflikt der Religionen, den die Reconquista hinterlassen hat, und die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten und persönlichen Schicksale. Don Quijote ist eben nicht nur ein Abgesang auf die heile Welt der Romane (und damit zugleich auf das Erzählen trivialer Phantasien), sondern es ist zugleich eine ganz konkrete und durchaus kritische Bestandsaufnahme der neuzeitlichen Welt.

Hinzukommt, besonders im zweiten Teil, die Frage, inwieweit eine objektive Wahrnehmung dieser Welt überhaupt möglich ist. Don Quijote ist nicht nur ein Verrückter, sondern er stellt durch seine Grundannahme, dass alles, was ihm begegnet, von ihm feindlich gesinnten Zauberern in seiner Erscheinung verändert wurde, und man die Welt nur richtig deutet, wenn man diese Verzauberung durchschaut und rückgängig macht, das Muster des forschenden und erkennenden Menschen der Neuzeit schlechthin dar. Wer den tiefsitzenden Ursprung des Zorns im Streit zwischen Na­tur­wis­sen­schaft­lern und Gläubigen, Empirikern und Metaphysikern, Skeptikern und Verschwörungsanhängern begreifen will, lese dieses Buch. Denn es ist durchaus nicht damit getan, Sancho Panza als realistisches Korrektiv des verrückten Don Quijotes zu lesen, sondern es gilt zu begreifen, dass Panza auch den Verrat der Realisten am Ideal einer gerechten und edlen Welt darstellt. Es ist nämlich alles andere als ein Zufall, dass das Schlitzohr Panza in einer langen Passage des Romans als Richter über ein von ihm eingebildetes Inselreich fungiert und dort als weiser Mann durchgeht, weil er gewitzter ist als die gewitzten Betrüger, über die er zu urteilen hat.

Wer diesen Weltroman der Neuzeit lesen will, greife unbedingt zu dieser schlanken und eingängigen Übersetzung; und man sollte Geduld haben und den Roman nicht deshalb unterschätzen, weil er als humorige Schnurre daherkommt; dafür allein ist er erheblich zu lang geraten. Aber besonders der zweite Teil des Buches hat es in sich, denn wir sind noch lange nicht hinweg über das, was dort erzählt wird.

Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Zwei Bände. München: Hanser, 2008. Leinen Fadenheftung, Lesebändchen, 696 + 791 Seiten. 68,– €. Auch als dtv-Taschenbuch 14469.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers

Und wir gingen auf die Jagd.

Das russische Subgenre der Aufzeichnungen umfasst eine erhebliche Breite erzählerischer Formen, die im Wesentlichen nur dadurch miteinander verbunden sind, dass es sich um autobiographische oder wenigstens pseudo-autobiographische Texte handelt. Turgenews Aufzeichnungen eines Jägers umfassen 25 Erzählungen, die nahezu alle zuvor in Zeitschriften abgedruckt wurden und nur sehr locker über eine gemeinsame Erzählerfigur miteinander verbunden sind. Die Sammlung erschien erstmals 1852, wobei sie nur knapp der Zensur entging – Turgenew spekulierte zu Recht darauf, dass der damalige Moskauer Zensor seine Arbeit eher schlampig erledigte –, allerdings politisch so wirksam war, dass man Turgenew bei nächster publizistischer Gelegenheit in Haft nahm und später auf sein Gut in der Provinz verbannte. Die Aufzeichnungen machten ihren Autor jedenfalls auf einen Schlag berühmt.

Die nur nebenbei mitgeteilte Rahmenhandlung der Aufzeichnungen ist die eines Adeligen, der in der engeren und weiteren Umgebung seines Gutes auf die Vogeljagd geht. Zahlreiche Erzählungen liefern dabei Portraits wunderlicher Personen aus den unterschiedlichsten Schichten der russischen Gesellschaft: Ein verrückter Adeliger kommt ebenso vor wie ein moralischer Förster, eine jahrelang von einer Krankheit ans Bett gefesselte Bediente, arme Leibeigene ebenso wie wohlhabende, handfeste Bauern, ein korrupter und menschenschindender Verwalter ebenso wie sein eitler, selbstgefälliger Gutsherr. Allein die Fülle an vorgeführten Figuren ist erstaunlich; hinzu kommen abenteuerliche Anekdoten, romantische Naturschilderungen, ein Räsonnement über den Stoizismus der Russen angesichts des Todes, unglückliche Lie­bes­ge­schich­ten, die Schilderung bäuerlichen Elends – immer mit exakt so viel Distanz gezeichnet, dass sich die Kritik des Erzählers nur zeigt, aber nirgends ausdrücklich ausgesprochen wird – und was der Dinge mehr sind. All das kommt gänzlich frisch und originell daher und ist doch für den, der die europäische Erzähl-Tradition kennt, von einer beeindruckenden literarischen Breite und Tiefe. Formal findet sich alles, was gut und wichtig ist: Neben den schon genannten Figuren-Portraits und den im­pres­sio­nis­ti­schen Naturschilderungen findet man Satire, die moralische Novelle, echte Jagd-Anekdoten, eine Sammlung von Geistergeschichten, Parodien (so etwa auf die romantischen Meistersinger), reine Erinnerungsprosa und Stücke von echtem gesellschaftskritischem Pathos. Die Sammlung zeigt Turgenew als vollständig ausgebildeten, souveränen Erzähler, der nicht nur aufgrund seiner politischen Position, sondern auch wegen seiner literarischen Qualität seinen plötzlichen Ruhm voll und ganz verdient.

Es überrascht daher nicht, dass die Aufzeichnungen eines Jägers das am häufigsten übersetzte Buch Turgenews ist. Vera Bischitzky zählt in ihrem Nachwort allein zwölf Vorläufer-Übersetzungen, von denen mir immerhin drei vorliegen. Die von Hermann Wotte (Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968) ist deutlich gealtert und besteht den Vergleich mit den beiden neuesten Übersetzungen von Peter Urban (Zürich: Manesse, 2004) und Vera Bischitzky (München: Hanser, 2018) nicht gut. Urban und Bischitzky stehen in lebendiger Konkurrenz und haben wohl beide ihre Verdienste.

Urban und Bischitzky lassen zahlreiche russische Wörter, für die sie keine ausreichend genaue Entsprechung im Deutschen zu finden meinen, transkribiert in der Ursprache stehen: Beide übersetzen zum Beispiel den Titel und die Anrede „Barin“ nicht mit Gutsherr oder Gnädiger Herr. Urban geht dabei deutlich weiter als Bischitzky: Den „Burmistr“ des Originals (offensichtlich ein korrumpierter deutscher Bürgermeister) lässt Urban stehen, wo ihn Bischitzky durch den Dorfschulzen ersetzt. Für Bischitzkys Himbeerquell bleibt bei Urban der russische Eigenname „Malinovaja voda“ erhalten. Zudem wählt Urban bei Eigennamen eine Transkription, die stärker der wissenschaftlichen angenähert ist als die eher traditionellen deutschen Lesegewohnheiten entgegenkommende Bischitzkys.

Was den Erzähltext insgesamt angeht, so finden beide originelle und überzeugende Lösungen:

Der dünne obere Rand des ausgestreckten Wölkchens glitzert von kleinen Schlangen; ihr Glanz gleicht dem Glanz von geschmiedetem Silber.

Urban, S. 138.

Der obere, zarte Saum der in Schlangenlinien gewundenen Wolke funkelt; ihr Glanz erinnert an gehämmertes Silber.

Bischitzky, S. 127

Er lebte im Sommer in einem Flechtkäfig, hinter dem Hühnerstall, im Winter im Vorraum der Badestube; bei strengem Frost übernachtete er auf dem Heuboden. Man war an seinen Anblick gewöhnt, gab ihm manchmal auch einen Fußtritt, aber niemand sprach mit ihm, und er selbst schien von Geburt an nie den Mund aufgemacht zu haben.

Urban, S. 50.

Den Sommer über hauste er in einem Verschlag hinter dem Hühnerstall und im Winter im Vorraum des Badehauses; war strenger Frost, übernachtete er auf dem Heuboden. Man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt, manchmal bekam er einen Fußtritt, doch nie sprach jemand mit ihm, und auch er selbst hatte wohl noch nie im Leben den Mund aufgetan.

Bischitzky, S. 47.

Da sich der Erzähler im weiteren Verlauf mit der hier charakterisierten Figur lebhaft unterhält, ist in diesem Fall Urbans Formulierung wohl vorzuziehen.

Oft wählt Urban den kürzeren, lakonischeren, herberen Ausdruck, was im Gegenzug den Naturbeschreibungen bei Bischitzky durchaus zugutekommt. Allein auf der Basis der deutschen Texte kann kaum einer der beiden Übersetzungen der Vorzug eingeräumt werden; und einen Blick ins Original zu werfen, verhindert meine mangelnde Sprachkenntnis.

In welcher Übersetzung auch immer: Turgenews Erstling ist allemal eine Entdeckung oder Wiederentdeckung wert. Wer nur einmal hineinschauen möchte, um sich ein Bild zu machen, dem rate ich zur Lektüre von Bežin lug / Die Beshin-Wiese, einer impressionistisch beginnenden, leichthin Dante anspielenden Naturerzählung, die dann in eine Sammlung volkstümlicher Geistererzählungen übergeht, und dem schon erwähnten Der Burmistr / Der Dorfschulze, der aufzeigt, wie weit Turgenew in seiner Sozialkritik gerade noch gehen konnte, bzw. wo er bereits zu weit gegangen war.

Ivan Turgenew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Peter Urban. Zürich: Manesse, 2004. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 704 Seiten. 24,90 €.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2018. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten. 38,– €.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie

Die Schattenlinie ist während des 1. Weltkriegs unter schwierigen persönlichen und finanziellen Umständen des Autors entstanden. Es ist die wohl am unmittelbarsten autobiographische Erzählung Conrads, die in wesentlichen Teilen den Verlauf seines ersten Kommandos als Kapitän wiedergibt. Der Band bei Hanser bringt nicht nur eine Neu-Übersetzung dieses Textes, sondern auch von Der geheime Teilhaber (The Secret Sharer), ohne dass dies aus der Titelei hervorginge; dieser Zusatz dient dem Übersetzer und Herausgeber des Bandes Daniel Göske zur interpretativen Annäherung an Die Schattenlinie, da im Zentrum beider Texte ein von seiner Mannschaft in bestimmter Weise isolierter Kapitän steht, der sein Schiff gerade erst übernommen hat. Was den Verlag veranlasst hat, diesen zweiten Text im Band sozusagen zu verstecken, bleibt ebenso rätselhaft wie der versteckte Deserteur und Doppelgänger des Kapitäns in dieser zweiten Erzählung.

Die Schattenlinie wird erzählt von einem namenlosen Alten, der sich an sein erstes Kommando erinnert: Er hatte gerade als junger Mann in Singapur aus einer Laune heraus als Erster Offizier abgeheuert und eigentlich vor, nach Europa zurückzukehren, als ihm auf eine recht umständliche Weise das Kommando über ein Schiff in Bangkok angeboten wird, dessen Kapitän verstorben ist. Er nimmt die Gelegenheit ohne zu zögern wahr und verlässt noch am selben Abend Singapur auf einem Dampfboot. In Bangkok aber erweisen sich die Zustände als schwierig: Ein Teil der Mannschaft ist an einem Fieber erkrankt und auch sonst dauert es sehr lange, bis das Segelschiff endlich zu Abfahrt bereit ist. Als es endlich soweit ist, liegt der Erste Offizier mit Fieber im Krankenhaus, doch der neue Kapitän weigert sich, ihn zurückzulassen. Endlich auf See gerät das Schiff in eine langanhaltende Flaute; zudem erweist sich, dass man das Fieber nicht losgeworden ist, sondern immer noch Männer an ihm erkranken. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der vorherige Kapitän des Schiffes das Chinin der Bordapotheke verkauft hat und man ohne wirksames Medikament gegen das Fieber dasteht. Je länger die Flaute anhält, desto mehr Männer sind unfähig, ihren Dienst an Bord zu leisten und als das Schiff endlich in einem Gewitter die ersehnte Fahrt aufnimmt, ist außer dem Kapitän praktisch nur noch der herzkranke Schiffskoch in der Lage, das Schiff zu segeln.

Der Geheime Teilhaber ist die Geschichte eines Kapitäns, der auf einer ersten Nachtwache auf einem gerade erst übernommenen Schiff zufällig den Deserteur eines anderen Schiffes entdeckt und heimlich an Bord nimmt. Er versteckt ihn in seiner Kabine und fährt schließlich ein riskantes seemännisches Manöver, um dem Versteckten nicht nur von Bord, sondern auch mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher an Land zu verhelfen. Wie oben schon gesagt dient dieser recht bekannte und umfangreich ausgedeutete Text dem Übersetzer in der Hauptsache dazu, im Nachwort einige interpretative Parallelen zu Die Schattenlinie zu ziehen.

Die neue Übersetzung ist wohl im Vergleich zu den Vorgängern am nächsten am Original; Göske lässt nicht nur die eher dunklen Stellen Conrads unangetastet, er bemüht sich auch, dessen zum Teil merkwürdige sprachliche Wendungen entsprechend ins Deutsche zu übertragen. Zudem sind beide Texte ausführlich kommentiert, wobei die Anmerkungen en passant auch die breite Kenntnis des Übersetzers von Conrads Gesamtwerk dokumentieren. Man würde sich wünschen, dass diesem Band noch einige Conrad-Übersetzungen mehr folgen werden.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Ein Bekenntnis. Aus dem Englischen von Daniel Göske. München: Hanser, 2017.  Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 419 Seiten. 30,– €.