Michel Winock: Flaubert

Die Worte schienen ihm durchaus nicht zuzuströmen, für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.

Thomas Mann

Der Hanser Verlag hat im Vorfeld des 200. Geburtstages von Gustave Flaubert die in Frankreich hochgelobte Biographie des Historikers Michel Winock aus dem Jahr 2013 ins Deutsche übertragen lassen. Winock ist zweifellos das, was man einen Fan nennen könnte, aber sein Buch bewahrt dennoch eine weitreichende Obejktivität, nicht nur, was Flaubert selbst angeht, sondern auch die vorhergehende Literatur über ihn betreffend. Es kommt dem Buch sicherlich sehr zugute, dass Winock kein Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist und so bei einigen der umstrittenen Themen der Flaubert-Forschung die gegensätzlichen Auffassungen schlicht einander gegenüberstellen und dann auf sich beruhen lassen kann. Ebenso ist seine souveräne Position zu Sartres überbordener Interpretation Flauberts erfrischend.

Gustave Flaubert ist ein erstaunlicher Autor: Sein Werk besteht im Wesentlichen aus drei schwierigen Romanen und drei Erzählungen, ergänzt durch das Fragment eines vierten Romans, der bis heute Leser eher irritiert als fasziniert. Zu seinen Lebzeiten scharfer Kritik ausgesetzt, stieg er im 20. Jahrhundert zu einem der Gründungsväter der modernen und Klassiker der französischen Literatur auf; sein Einfluss auf Schriftsteller seiner und nachfolgender Generationen kann kaum überschätzt werden.

Im Vergleich mit seine Kollegen hat Flaubert auf der einen Seite ein weitgehend einsiedlerisches Leben in der Provinz geführt, das der Arbeit an seinen Romane gewidmet war, die langsam und unter den größten stilistischen Skrupeln entstanden sind. Er musste stets seine juvenile Neigung zum Romantizismus und zum sprachlichen Überschwang im Zaum halten, und sein Glaube, dass ein Erzähler sich jedes Urteils über seine Figuren und deren Handlungen enthalten müsse, hat zu seinem bemerkenswert kühlen und distanzierten Stil geführt. Seine Stoffe entstammen einerseits unmittelbar seiner Gegenwart, andererseits einer phantastisch imaginierten Antike, in die er alle seine andern Orts unterdrückten Leidenschaften und schwarzen Gedanken projizierte.

Auf der anderen Seite war er ein aktiver Promoter und Regisseur der Theaterstücke seines Kollegen Louis Bouilhet, der ohne die Freundschaft mit Flaubert heute vollständig vergessen wäre, ein unermüdlicher Briefschreiber, der auf diese Weise durchaus intensive Freundschaften auch zu bedeutenden Kolleginnen und Kollegen (Georg Sand, Iwan Turgenew) unterhielt. Er hat eine Wohnung in Paris unterhalten und gehörte zum Künstlerkreis um die Brüder Goncourt, die in ihren Tagebüchern einige der schönsten und gehässigsten Porträts seiner Persönlichkeit geliefert haben. Er hat Nordafrika, Ägypten, den Nahen Osten und Istanbul bereist und war regelmäßig in England, wahrscheinlich um eine heimliche Geliebte zu treffen – tatsächlich so heimlich, dass auch heute noch nur darüber spekuliert werden kann. Zu diesen persönlichen Widersprüchen treten Flauberts soziologische und politische Vorurteile hinzu, die alles andere als ein einheitliches Weltbild ergeben und zu denen auch noch seine allgemeine Misanthropie und seine tiefe Verachtung der menschlichen, besonders aber der bürgerlichen Dummheit hinzutreten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Winocks resümierendes, letztes Kapitel sich weitgehend in einer Auflistung dieser Gegensätze erschöpft. Flaubert war alles andere als eine gerundete und in sich geschlossene Persönlichkeit, und so erscheint er auch in Winocks Erzählung.

Was die sachliche Ebene angeht ist das Buch, soweit ich sehe, bis auf eine Winzigkeit fehlerfrei. In der ersten Hälfte habe ich als Leser ein wenig zu oft gedacht, das hätte ich so auch schon bei Maxime Du Campe oder Guy de Maupassant gelesen, aber das muss einen anderen Leser durchaus nicht stören. Die Interpretationen der Werke sind durchweg gut bis herausragend – wer sich einen Eindruck von der Qualität des Buches verschaffen will, lese die der Education sentimental gewidmeten Kapitel XVIII bis XX. Bei der Analyse von Leben und Werk wird nebenbei eine kurze Geschichte Frankreichs von der Juli-Revolution bis in die frühen Jahre der Dritten Republik hinein mitgeliefert. Zudem finden sich knappe biographische Portraits etwa von Louis Bouilhet, George Sand oder Maxime Du Camp.

Alles in allem eine runde, gut lesbare und ausgewogene Biographie, nach deren Lektüre man sich als ausreichend informiert und gerüstet für die Lektüre der Werke Flauberts fühlen darf.

Michel Winock: Flaubert. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim. München: Hanser, 2021. Pappband, Lesebändchen, 655 Seiten. 36,– €

Heinrich Seidel: Phantasiestücke

Nun aber wußte der Teufel nichts mehr …

Noch einmal Heinrich Seidel, diesmal zum Abgewöhnen. Es handelt sich um eine eher uneinheitliche Sammlung mit Erzählungen und Märchen im Volkston, Nachahmungen von Hoffmann, Hauff, Eichendorff, Fritz Reuter und Jean Paul, alle im ironischen Ton mehr oder weniger gelungen, dafür inhaltlich ganz flach und uninspiriert erfunden. Mit dem Titel legt sich Seidel dabei selbst eine Latte auf, die er dann mühelos zu unterspringen versteht.

Das Märchen Das Zauberklavier geht zum Beispiel so: In einem weit entlegenen Königreiche leben hauptsächlich Büchermenschen und Gelehrte. Dann zieht jemand zu, der ein Klavier mitbringt. Das Klavierspielen wird rasch Mode; alle machen Musik, keiner will mehr Gedichte lesen. Die Denker werden beim Denken gestört. Der König verbietet das Klavierspielen. Eine Prinzessin wird geboren. Als sie achtzehn Jahre alt ist, findet sie im Wald ein Klavier. Weil sie nie etwas von Klavieren gehört hat, beginnt sie zu spielen. Alle sind entzückt. Der König erlaubt das Klavierspiel wieder.

Seine Faust-Variation aber geht so: Die Wirtin von Bornau will die beste Köchin und Tänzerin in der Gegend sein. (Was sollte ein weiblicher Faust auch sonst für Ambitionen haben?) Aber da gibt es eine andere, die beides besser kann. Also erscheint ihr der Teufel. Sie schließt einen Pakt und wird die beste Köchin und Tänzerin der Gegend. Als der Teufel kommt, um ihre Seele zu holen, wird er von einem frommen Pfarrer um seinen Preis gebracht. Er fährt vor Wut durch die Wand. Das Loch kann man heute noch sehen.

Und so strampelt Seidel sich ab am Melusinen-Motiv, an Gespenster-Geschichten, einer Allegorie der Monate, ja, es findet sich sogar eine üble Polemik gegen die USA und ihre Bewohner. Das soll wohl alles lustig sein, ist aber immer wieder nur ungeschickt und grob gearbeitet. Hier begreift man, warum Seidel inzwischen fast vollständig vergessen ist.

Leider auch in geringer Dosierung nicht mehr zu empfehlen.

Heinrich Seidel: Phantasiestücke. In: Gesammelte Werke. Neue wohlfeile Ausgabe in 5 Bänden. Band V. Stuttgart: Cotta u. Berlin: Klemm, o. J. (ca. 1925). Bedruckter Leinenband, Fadenheftung. 267 (von 446) Seiten.

Heinrich Seidel: Leberecht Hühnchen

Als mein Freund Bornemann einmal gefragt wurde, welcher Vogel den größten poetischen Reiz auf ihn ausübe, antwortete er ohne Zögern: „Die Bratgans.“

Heinrich Seidel (1842–1906) ist ein beinahe ganz vergessener, erfolgreicher Un­ter­hal­tungs­schrift­stel­ler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Leberecht Hühnchen hat es – zumindest in meiner Familie, aber ich glaube wohl auch darüber hinaus – zur Sprich­wört­lich­keit gebracht für das kleinbürgerlich-idyllische Glück im kleinen Winkel. Nun steht eine kleine Seidel-Auswahl („Gesammelte Werke“ in fünf Bänden; es werden ungefähr 2500 Seiten sein) seit vielen Jahren ungelesen in meinem Bücherschrank, und als neulich ein Getwitter auf den Hans Dampf in allen Gassen von Zschokke kam, fiel mir auch gleich mein ungelesenes Hühnchen wieder ein.

Seidel war von Haus aus Ingenieur – er ist der Vater des vielzitierten „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“ – und gehörte auch, neben dem später viel berühmteren Theodor Fontane, zu den Mitgliedern des Tunnels über der Spree. Neben der Dichterei, die er durchaus mit finanziellem Erfolg betrieb, war er ein Vereinsmensch und Hobbygärtner mit Hang zu exotischen Blumen. Stilistisch steht er ganz anspruchslos in den Traditionslinien Jean Pauls, Hoffmanns, Fritz Reuters und wohl auch in denen Kellers und Storms, ohne deren Ernst und Hintergründigkeit je erreichen zu wollen. Er selbst wird sich wohl als Realist begriffen haben, doch steht er eher einer seichten Pseudo-Romantik nahe, die viele Romantiker wahrscheinlich mit einiger Verachtung betrachtet hätten.

Sein Leberecht Hühnchen ist von Beginn an Held einer lockeren Reihe anekdotischer Erzählungen, in denen es immer um Lebensfreude, Menschlichkeit und das Glück der kleinen Existenz geht. Das alles geht ganz leicht von der Hand und ist – bei aller gewollter Naivität; der Name Leberecht ist natürlich alles andere als ein Zufall – niemals in Gefahr, ins Kitschige abzurutschen. Der Ich-Erzähler ist ein Studienfreund Hühnchens, der diesen nach einigen Jahren zufällig in Berlin wiedertrifft. Hühnchen hat inzwischen eine kleine Familie mit seiner leicht behinderten, aber herzensguten Ehefrau, zwei immer entzückende Kinder und den rechten Lebenssinn: sich stets gutgelaunt nie vom Geschick einschüchtern zu lassen. Die Figur war sofort beliebt, und Seidel hat der ersten Erzählung noch zahlreiche, ganz ähnlich gestrickte nachfolgen lassen.

Wie schon gesagt: Das ganze ist die Art von Unterhaltungsliteratur, wie sie zu dieser Zeit die Familienblätter füllte, aber sie ist gut geschrieben und auch heute noch vergnüglich zu lesen, wenn man Maß hält und nicht zu viel auf einmal zu sich nimmt. Das eine oder andere gibt es auch aktuell noch im Druck; eine üppige Auswahl aber findet sich für kleines Geld in An­ti­qua­ria­ten oder eBooks.

Heinrich Seidel: Leberecht Hühnchen. In: Gesammelte Werke. Neue wohlfeile Ausgabe in 5 Bänden. Band I. Stuttgart: Cotta u. Berlin: Klemm, o. J. (ca. 1925). Bedruckter Leinenband, Fadenheftung. 266 (von 524) Seiten.

Gustave Flaubert: Bibliomanie

Die Bände der Insel-Bücherei sind einerseits beliebte Geschenk-Bücher, andererseits gesuchte und teils sehr rare Sammlerstücke. Viele Titel erinnern noch an die Zeit, als der Insel-Verlag in der Hauptsache als Verlag für Klassiker geglänzt hat; immer sind die Bände für ein kleines, aber besonderes Lesevergnügen gut. So auch diese Neuausgabe der allersten Veröffentlichung Gustave Flauberts. Die düstere, romantische Schauer- und Mordgeschichte um die Bücherleidenschaft eines ehemaligen Mönchs ist sehr üppig mit atmosphärisch passenden Bildern von Burkhard Neie ausgestattet.

Zum Inhalt der Erzählung habe ich bei der Neu-Übersetzung durch Elisabeth Edl schon das Wichtigste gesagt; es muss hier nicht wiederholt werden. Bei der Übersetzung hat man bei Insel leider ein wenig gespart und die schon recht betagte Na-ja-so-ungefähr-Übersetzung von Erwin Rieger gewählt. Aber dennoch ist der Band ein hübsches Präsent für jeden Buchliebhaber. Ostern steht vor der Tür, und Lesern sind die achteckigen Eier oft die liebsten.

Gustave Flaubert: Bibliomanie. Aus dem Französischen von Erwin Rieger. Illustriert von Burkhard Neie. Berlin: Insel, 2021. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 68 Seiten. 8,– €.

Iwan Turgenjew: Das Adelsgut

Letztlich ist alles möglich. Vor allem hier bei Ihnen in Russland.

Es ist ja seit einiger Zeit Mode, Neu­über­set­zun­gen dadurch zu markieren, dass man Ihnen einen neuen Titel mitgibt; so auch hier: Aus dem Adelsnest (Dworjanskoje gnesdo) wird das semantisch sicherlich ebenso korrekte Adelsgut, was ein wenig verwundern darf, denn nicht nur nimmt es dem Titel das Heimische zusammen mit dem Provinziellen, es spielt im ganzen Roman ein Adelsgut auch keine bedeutende Rolle. Aber erfahrene Leser wissen, dass über die Titel der Bücher nicht immer die Übersetzerin entscheidet, auch wenn sie die Entscheidung nachträglich zu rechtfertigen hat. Lassen wir es auf sich beruhen.

Das Adelsgut (erschienen 1859) ist Turgenews zweiter Roman und sicherlich derjenige, der ihn in Russland als Romanautor fest etabliert hat. Erzählt werden eine Ehe- und eine Liebesgeschichte, beide unglücklich, die der etwas träge Fjodor Iwanytsch Lawrezki durchlebt. Lawrezki entstammt einer Mesalliance zwischen seinem adeligen Vater und einer Bedienten, die jener geschwängert und dann nur geheiratet hatte, um damit wiederum seinem Vater einen Tort anzutun. Lawrezki wächst unter der rationalistischen Fuchtel seines Vaters auf, versucht nach dessen Tod in Moskau zu studieren, verkuckt sich in Warwara Pawlowna, die lebenslustige Tochter eines Generals a.D., die ihn nicht nur heiratet, sondern von seinem Geld auch ein großes Haus in Paris führt, ihn in seinen Studien einschläfert und nebenbei nach Strich und Faden betrügt. Als Lawrezki entdeckt, dass er betrogen wird, läuft er einfach davon, zuerst nach Italien und dann zurück nach Russland, wo er sich der Bewirtschaftung seines Gutes widmen will. Unterwegs macht er Station bei entfernten Verwandten im Städtchen O., in dessen Nähe er über ein kleines Gut verfügt.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Lawrezki, inzwischen 35 Jahre alt, verliebt sich in die 19jährige Tochter des Hauses, Lisaweta Michailowna. Es fällt ihm nicht schwer, die Gegenliebe der jungen Frau zu gewinnen, und als er aus einer Zeitungsmeldung vom vorgeblichen Tod seiner Gattin erfährt, ist die offene Liebeserklärung gleich gemacht. Aber natürlich kommt es, wie es kommen muss: Als die beiden Liebenden reif sind, einander in die Arme und andere Körperteile zu fallen, taucht unvermittelt die tot geglaubte Warwara mit dem gemeinsamen Töchterchen wieder auf. Herzzerreißend verzichten die Liebenden auf einander, zähneknirschend vergibt Lawrezki seiner Frau und stimmt zu, für eine Weile mit ihr unter einem Dach zu leben, um seiner Tochter nicht den Weg in die gute Gesellschaft zu verbauen. Auf jegliches weltliche Glück verzichtend geht die fromme und weltfremde Lisa ins Kloster, während sich Warwara so gut wie bisher zu amüsieren versteht. Am Ende ist sie die Einzige, die aus dem allgemeinen Elend glücklich hervorgeht und bekommt, was sie will.

An diese insgesamt etwas seichte und flache Geschichte, der auch nicht durch die in ihr spielenden Charaktere aufgeholfen wird– nur die Figur Warwaras sticht mit ihrem amoralischen Erfolg etwas aus der literarischen Einheitsware heraus –, klebt Turgenew einen unerträglich Epilog, der acht Jahre nach der Haupthandlung den Gutsbesitzer Lawrezki an den Ort seines Unglücks zurückkehren lässt. Dort lebt nun eine neue Generation, fröhlich umeinanderspringend wie junge Hunde, deren Hauptbeschäftigung im Lachen und Hopsen besteht und die daher die positive Zukunft darstellt. Man sollte sich die Lektüre dieser abschließenden Dummheit ersparen!

Dass dieser Roman inhaltlich schwächelt bzw. deutlich dem damaligen populären Literaturgeschmack huldigt, bemerkte schon die zeit­­g­enös­sische Kritik (auch Turgenew selbst macht sich an einer Stelle ein wenig darüber lustig). Hoch gelobt wurde er aber wegen seiner sprachlichen Aus­ge­stal­tung, die man nun leider in einer anderen Sprache immer nur bedingt wiedergeben kann. Die Neuübersetzung von Christiane Pöhlmann ist angenehm zu lesen und so beweglich, dass sie in jeder Szene auf der Höhe des Erzählten ist. Auch mildert sie im Epilog das Pathos des Erzählers nicht ab, um einer heutigen Lesererwartung entgegenzukommen. Alles in allem hinterlässt der deutsche Text einen sehr runden Eindruck. Wenn nur der Inhalt etwas weniger klischeehaft wäre …

Iwan Turgenjew: Das Adelsgut. Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann. Zürich: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 382 Seiten. 25,– €.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers

Und wir gingen auf die Jagd.

Das russische Subgenre der Aufzeichnungen umfasst eine erhebliche Breite erzählerischer Formen, die im Wesentlichen nur dadurch miteinander verbunden sind, dass es sich um autobiographische oder wenigstens pseudo-autobiographische Texte handelt. Turgenews Aufzeichnungen eines Jägers umfassen 25 Erzählungen, die nahezu alle zuvor in Zeitschriften abgedruckt wurden und nur sehr locker über eine gemeinsame Erzählerfigur miteinander verbunden sind. Die Sammlung erschien erstmals 1852, wobei sie nur knapp der Zensur entging – Turgenew spekulierte zu Recht darauf, dass der damalige Moskauer Zensor seine Arbeit eher schlampig erledigte –, allerdings politisch so wirksam war, dass man Turgenew bei nächster publizistischer Gelegenheit in Haft nahm und später auf sein Gut in der Provinz verbannte. Die Aufzeichnungen machten ihren Autor jedenfalls auf einen Schlag berühmt.

Die nur nebenbei mitgeteilte Rahmenhandlung der Aufzeichnungen ist die eines Adeligen, der in der engeren und weiteren Umgebung seines Gutes auf die Vogeljagd geht. Zahlreiche Erzählungen liefern dabei Portraits wunderlicher Personen aus den unterschiedlichsten Schichten der russischen Gesellschaft: Ein verrückter Adeliger kommt ebenso vor wie ein moralischer Förster, eine jahrelang von einer Krankheit ans Bett gefesselte Bediente, arme Leibeigene ebenso wie wohlhabende, handfeste Bauern, ein korrupter und menschenschindender Verwalter ebenso wie sein eitler, selbstgefälliger Gutsherr. Allein die Fülle an vorgeführten Figuren ist erstaunlich; hinzu kommen abenteuerliche Anekdoten, romantische Naturschilderungen, ein Räsonnement über den Stoizismus der Russen angesichts des Todes, unglückliche Lie­bes­ge­schich­ten, die Schilderung bäuerlichen Elends – immer mit exakt so viel Distanz gezeichnet, dass sich die Kritik des Erzählers nur zeigt, aber nirgends ausdrücklich ausgesprochen wird – und was der Dinge mehr sind. All das kommt gänzlich frisch und originell daher und ist doch für den, der die europäische Erzähl-Tradition kennt, von einer beeindruckenden literarischen Breite und Tiefe. Formal findet sich alles, was gut und wichtig ist: Neben den schon genannten Figuren-Portraits und den im­pres­sio­nis­ti­schen Naturschilderungen findet man Satire, die moralische Novelle, echte Jagd-Anekdoten, eine Sammlung von Geistergeschichten, Parodien (so etwa auf die romantischen Meistersinger), reine Erinnerungsprosa und Stücke von echtem gesellschaftskritischem Pathos. Die Sammlung zeigt Turgenew als vollständig ausgebildeten, souveränen Erzähler, der nicht nur aufgrund seiner politischen Position, sondern auch wegen seiner literarischen Qualität seinen plötzlichen Ruhm voll und ganz verdient.

Es überrascht daher nicht, dass die Aufzeichnungen eines Jägers das am häufigsten übersetzte Buch Turgenews ist. Vera Bischitzky zählt in ihrem Nachwort allein zwölf Vorläufer-Übersetzungen, von denen mir immerhin drei vorliegen. Die von Hermann Wotte (Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968) ist deutlich gealtert und besteht den Vergleich mit den beiden neuesten Übersetzungen von Peter Urban (Zürich: Manesse, 2004) und Vera Bischitzky (München: Hanser, 2018) nicht gut. Urban und Bischitzky stehen in lebendiger Konkurrenz und haben wohl beide ihre Verdienste.

Urban und Bischitzky lassen zahlreiche russische Wörter, für die sie keine ausreichend genaue Entsprechung im Deutschen zu finden meinen, transkribiert in der Ursprache stehen: Beide übersetzen zum Beispiel den Titel und die Anrede „Barin“ nicht mit Gutsherr oder Gnädiger Herr. Urban geht dabei deutlich weiter als Bischitzky: Den „Burmistr“ des Originals (offensichtlich ein korrumpierter deutscher Bürgermeister) lässt Urban stehen, wo ihn Bischitzky durch den Dorfschulzen ersetzt. Für Bischitzkys Himbeerquell bleibt bei Urban der russische Eigenname „Malinovaja voda“ erhalten. Zudem wählt Urban bei Eigennamen eine Transkription, die stärker der wissenschaftlichen angenähert ist als die eher traditionellen deutschen Lesegewohnheiten entgegenkommende Bischitzkys.

Was den Erzähltext insgesamt angeht, so finden beide originelle und überzeugende Lösungen:

Der dünne obere Rand des ausgestreckten Wölkchens glitzert von kleinen Schlangen; ihr Glanz gleicht dem Glanz von geschmiedetem Silber.

Urban, S. 138.

Der obere, zarte Saum der in Schlangenlinien gewundenen Wolke funkelt; ihr Glanz erinnert an gehämmertes Silber.

Bischitzky, S. 127

Er lebte im Sommer in einem Flechtkäfig, hinter dem Hühnerstall, im Winter im Vorraum der Badestube; bei strengem Frost übernachtete er auf dem Heuboden. Man war an seinen Anblick gewöhnt, gab ihm manchmal auch einen Fußtritt, aber niemand sprach mit ihm, und er selbst schien von Geburt an nie den Mund aufgemacht zu haben.

Urban, S. 50.

Den Sommer über hauste er in einem Verschlag hinter dem Hühnerstall und im Winter im Vorraum des Badehauses; war strenger Frost, übernachtete er auf dem Heuboden. Man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt, manchmal bekam er einen Fußtritt, doch nie sprach jemand mit ihm, und auch er selbst hatte wohl noch nie im Leben den Mund aufgetan.

Bischitzky, S. 47.

Da sich der Erzähler im weiteren Verlauf mit der hier charakterisierten Figur lebhaft unterhält, ist in diesem Fall Urbans Formulierung wohl vorzuziehen.

Oft wählt Urban den kürzeren, lakonischeren, herberen Ausdruck, was im Gegenzug den Naturbeschreibungen bei Bischitzky durchaus zugutekommt. Allein auf der Basis der deutschen Texte kann kaum einer der beiden Übersetzungen der Vorzug eingeräumt werden; und einen Blick ins Original zu werfen, verhindert meine mangelnde Sprachkenntnis.

In welcher Übersetzung auch immer: Turgenews Erstling ist allemal eine Entdeckung oder Wiederentdeckung wert. Wer nur einmal hineinschauen möchte, um sich ein Bild zu machen, dem rate ich zur Lektüre von Bežin lug / Die Beshin-Wiese, einer impressionistisch beginnenden, leichthin Dante anspielenden Naturerzählung, die dann in eine Sammlung volkstümlicher Geistererzählungen übergeht, und dem schon erwähnten Der Burmistr / Der Dorfschulze, der aufzeigt, wie weit Turgenew in seiner Sozialkritik gerade noch gehen konnte, bzw. wo er bereits zu weit gegangen war.

Ivan Turgenew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Peter Urban. Zürich: Manesse, 2004. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 704 Seiten. 24,90 €.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2018. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten. 38,– €.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew

Als ich neulich wieder einmal bei Turgenew vorbeikam, fiel mir auch dieses lang eingestaubte Insel-Taschenbuch in die Hand. Diesmal habe ich hineingeschaut; ich hätte es besser gelassen.

Der Text wurde in Deutschland als Biographie verkauft, obwohl ihn sein Autor im Vorwort völlig zu Recht einen Essay nennt, und man darf hier ungeniert an Tucholsky denken: „Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“ Das Büchlein präsentiert weitgehend nichts als wirres Geschwätz, zusammengesuchte Einsichten, die in lockerer assoziativer Manier aneinandergereiht werden, ohne dass sich aus ihnen mehr ersehen ließe, als dass eben dieser und jener mal dies oder das über Turgenew gesagt habe und was man sonst noch so denken könne.

Von sehr jung an war er sich bewußt, daß er auf Frauen attraktiv wirkte, und in einigen Fällen lässt sich beobachten, wie er diese Macht sogar bei denen ausübt, die reine ›Vermittlerinnen‹ waren, eine Kategorie, in welche die Frau von Traditionen und weltlichem Leben gerne eingereiht wird.

Und solche Sätze sind bei weitem nicht die Schlimmsten.

Das ganze Buch ist ein unlesbares Gewäsche. Dass es überhaupt übersetzt und gedruckt wurde, lässt mich einen internationalen Mangel an soliden Turgenew-Biographien vermuten; wenigstens scheint auf Deutsch derzeit überhaupt nichts Vernünftiges lieferbar zu sein. Hinweise dazu wären sehr willkommen.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew. Eine Biographie. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. it 2744. Frankfurt/M.: Insel, 2001. Broschur, 277 Seiten. Zum Glück nur noch antiquarisch greifbar.

Orlando Figes: Die Europäer

Da Turgenew durch das schlechte Wetter ans Haus gebunden war, setzte er sich an den Schreibtisch in seinem Zimmer und begann ein Meisterwerk. Er hatte nichts anderes zu tun.

Das Unglück mit diesem Buch beginnt schon im Untertitel: Aus dem Three Lives and the Making of a Cosmopolitan Culture des Originals macht die deutsche Übersetzung Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung der europäischen Kultur. Nun ist die Entstehung der europäischen Kultur sicherlich nicht im 19. Jahrhundert zu verorten, und was ein kosmopolitisches Leben sein soll, ist auch nicht so leicht auszudenken. Wahrscheinlich ist dieser Missgriff nicht dem Übersetzer anzulasten, aber auch ohne das steht es um dessen Arbeit nicht überall zum Besten.

Die drei Leben, von denen das Buch angeblich in der Hauptsache handelt, sind die der Sängerin Pauline Viardot und des Schriftstellers Iwan Turgenew. Das dritte, von dem das Buch definitiv nicht handelt, ist das von Paulines Ehemann Louis Viardot, von dem zwar hier und da die Rede ist, der es aber – allein was die reine Textmenge angeht – zum Beispiel nicht mit der Entstehung und Nutzung des europäischen Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert aufnehmen kann. Nun ist es sicherlich möglich, auf 560 Seiten eine solide Doppelbiographie zu liefern, doch wenn man gleichzeitig versucht, eine Geschichte der europäischen Kultur des 19. Jahrhunderts – und zwar der Musik, Literatur und Malerei; einzig die Bildende Kunst und Architektur kommen zu kurz –, des Einflusses der Eisenbahn auf die Entwicklung dieser Kultur, der Entstehung des Tourismus und nicht zuletzt der „Schaffung eines europäischen Marktes für die Künste im 19. Jahrhundert“, wie es das Vorwort in aller Bescheidenheit ankündigt, zu liefern, so kann es schon einmal geschehen, dass keiner dieser Aspekte anmessen behandelt werden kann.

So ist denn aus dem allem ein ganz amüsantes Pottpüree geworden, ein Durcheinander unterschiedlichster Ansätze und Absichten, was zum Teil zu Kapiteln führt, die als gelungene Illustration der Hilflosigkeit des Autors gelten können (ich empfehle zur Probe den Abschnitt 2 des 4. Kapitels (S. 260–284) zu lesen). Bei Themen, mit denen sich der Leser auskennt, wimmelt das Buch von Oberflächlichkeiten und Fehlern, die anderen nimmt er amüsiert zur Kenntnis nach dem Motto „So stellt sich also der kleine Orlando das europäische 19. Jahrhundert vor“. Wer sich aber dafür interessiert, welche Schriftsteller und Komponisten es „gelernt haben“, während einer Eisenbahnfahrt zu arbeiten, wird aufs Beste bedient.

Für Leser mit zu viel Zeit oder zu wenig Ahnung sicherlich eine amüsante Lektüre. Für alle anderen Zeitverschwendung. Leider das zweite Buch von Orlando Figes, dem ich ein solches Urteil ausstellen muss.

Orlando Figes: Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung der europäischen Kultur. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin: Hanser Berlin, 2020. Pappband, Lesebändchen, 640 Seiten. 34,– €.

George Eliot: Middlemarch

«Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muss.»

Diese Lektüre stand nun seit über 30 Jahren an! Während meines Studiums hegte ich als ein mögliches Buchprojekt, etwas über die Darstellung der Ehe in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts (also so ungefähr zwischen Jane Austen und Theodor Fontane) zu schreiben. Die Institution der Ehe als zentrale Organisationsform bürgerlichen Lebens war dem späten 18. Jahrhundert offensichtlich schon sehr fragwürdig geworden, doch die volle Krise setzt erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Sie wird verschärft durch die Liebes-Ideologie der Romantik, die Spiegelungen der Trivialliteratur, den zunehmenden Individualismus und die sich aus dem 18. Jahrhundert fortsetzende Krise des christlichen Glaubens.

Offensichtlich profitierte von England bis Russland, von Skandinavien bis nach Italien eine ganze Schriftsteller-Tradition davon, diese Krise des bürgerlichen Selbstverständnisses zu thematisieren, und erschuf neben dem Liebes- auch explizit den Eheroman, der sich von der Eheanbahnung bis zur Analyse des Scheiterns allen Phasen, Durchgangs- und sonstigen Erscheinungsformen der Institution widmete. Noch heute zehrt ein Gutteil jener Trivial-Dramen, die für Film und Fernsehen produziert werden, vom Ausschlachten dieser Romantradition.

Als ich damals versuchte, mir einen wenigstens ungefähren Überblick zu verschaffen, was denn für einen solches Projekt zu lesen wäre, ist mir natürlich auch George Eliots Middlemarch (1871–1874) untergekommen. Das Buch hat in Großbritannien und darüber hinaus in der englischsprachigen Welt einen legendären Ruf und taucht mit großer Konstanz in den Auflistungen der besten Werke der englischen Literatur auf. Und es ist – wenigstens zu einem bedeutenden Teil – auch ein Eheroman, eigentlich sogar der Roman zweier Ehen, wenn auch noch viel mehr Eheleute in ihm vorkommen. Aber er ist eben auch 1.200 Seiten lang und wurde deshalb in der Liste der zu lesenden Bücher regelmäßig nach unten verschoben. Nun sind aber im vergangenen Jahr anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin gleich zwei Neuausgaben des Romans erschienen: eine Bearbeitung der Übersetzung von Rainer Zerbst aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts und eine neue Übersetzung durch Melanie Walz. Da ich ihre Übersetzungen sehr schätze, war dies der Anlass, das Buch endlich zu lesen.

Und der geübte Leser merkt gleich von der ersten Seite an, dass es sich bei diesem Buch tatsächlich um eines der ganz großen der Literatur des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von etwa zwei Dutzend Figuren in und um den kleinen fiktiven mittelenglischen Ort Middlemarch herum, wobei die Handlung ungefähr fünf Jahre um das Jahr 1830 herum umfasst. Es beginnt und endet mit der Geschichte Dorothea Brookes, einer jungen Frau mit großem Wissensdurst, der durch ihren Erziehungs- und Bildungsgang nicht gesättigt wurde. Sie lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester im Haushalt ihres Onkels, der eine Art von Universal-Stümper darstellt, auf allen Wissensgebieten beleckt, aber nirgendwo richtig nass geworden. Dorothea hat also eine Vorstellung davon entwickelt, was alles zu wissen wäre, ohne dass sie in ihrem Drang irgend eine Unterstützung gefunden hätte. Quasi ersatzweise ist sie überaus fromm geworden und in Middlemarch stark sozial engagiert.

Diese auffallende junge Frau heiratet nun einen Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie, einen Geistlichen, der seit Jahrzehnten an einer umfassenden Darstellung der europäischen Mythologie arbeitet, die aber über den Status gesammelter Notizen und fragmentarischer Aufsätze nie hinausgekommen und fachwissenschaftlich seit langem überholt ist. Dorothea heiratet Edward Casaubon in der Vorstellung, sie könne ihn als Sekretärin unterstützen und sich auf diese Weise langsam das Wissen erarbeiten, dass sie in Casaubon verkörpert sieht. Natürlich wird diese Hoffnung rasch enttäuscht: Zwar erlaubt ihr Ehemann einige Zuarbeiten, aber zu einer wirklichen Zusammenarbeit lässt er es nie auch nur ansatzweise kommen. Im Gegenteil beweist er sich schon auf der gemeinsamen Hochzeitsreise nach Rom als eigenbrötlerischer Sonderling, der kaum in der Lage ist, auf die Bedürfnisse, Erwartungen und Gefühle seiner jungen Frau einzugehen.

Die zweite Ehekatastrophe des Romans steht unter gänzlich anderen Vorzeichen: Ihren Mittelpunkt bildet Tertius Lydgate, ein junger Arzt, der nach Middlemarch kommt, da er hier eine etablierte Praxis übernehmen kann. Er bringt neue Vorstellungen und Methoden mit in die Provinz, die er auch eloquent vertritt und durch die er nicht nur seine eingesessenen Kollegen verärgert, sondern auch seine potenziellen Patienten verstört. Er wird rasch medizinischer Leiter eines neuen Fieberhospitals, das durch den lokalen Bankier Nicholas Bulstrode gebaut und finanziert wird, und kommt in Kontakt mit der wohlhabenden Kaufmanns-Familie Vincy, deren beide Kinder Fred und Rosamond weitere prominente Figuren des Romans sind. Eigentlich will Lydgate ledig bleiben, doch lässt er sich auf einen Flirt mit der attraktiven Rosamond ein, der unglücklicher Weise in eine Verlobung hineinrutscht. Auch diese Ehe erweist sich nicht als ideal: Lydgate hat sich durch die Hochzeit, die Einrichtung eines großen Hauses und Geschenke an seine anspruchsvolle Verlobte finanziell übernommen und bemerkt zu spät, dass seine Einnahmen nicht ausreichen, um seine Schulden bezahlen zu können. Da sein Schwiegervater nicht willens und wohl auch nicht in der Lage ist, das Ehepaar aus der Notlage zu befreien, und auch Lydgates Verwandte abwinken, muss das Ehepaar eine Pfändung über sich ergehen lassen. In dieser Krise geraten Lydgate, der sich ganz praktisch in bescheidenere Verhältnisse fügen will, und seine Frau sehr aneinander und es scheint über viele Seiten hinweg so zu sein, als habe diese Ehe, die darüber hinaus auch noch durch eine frühe Fehlgeburt belastet ist, überhaupt keine Zukunft.

Um diese beiden zentralen Ehegeschichten herum erzählt Eliot ein ganzes Geflecht weiterer Schicksale und Ereignisse: Von Rosamonds Bruder Fred, einem Taugenichts, der lange braucht, um einen passenden Platz in der Welt Middlemarchs zu finden, von der halben Künstlernatur Will Ladislaw, der als Gegenfigur zu seinem Cousin Edward Casaubon fungiert und für Dorothea so etwas wie ein gänzlich anderes Leben repräsentiert, vom politischen Leben der Provinz, in dem Onkel Brooke sich als Abgeordneter bewerben möchte, von den verschiedenen Pfarrhäusern der Gegend, von Bulstrodes Vorgeschichte, die einen unheiligen Einfluss nicht nur auf sein Leben, sondern auch auf das Lydgate haben soll – diese Nebenhandlung mit ihrem Bösewicht Raffles ist die einzige, die ein wenig nach Dickens riecht, was wiederum deutlich macht, wie überlegen das ganze übrige des Romans ist –, vom reichen Erbonkel Peter Featherstone, der Fred mit der Aussicht auf ein üppiges Erbe terrorisiert, von den medizinischen Gepflogenheiten der Zeit und der vom Kontinent her drohenden Cholera-Epidemie, von der Armut der Hintersassen, die auf Gedeih und Verderb von der Qualität des Grundherrn oder seines Verwalters abhängig sind, von den religiösen Verwerfungen der Zeit, die als Folgen der Reformation immer noch Vorurteile und Ausgrenzungen in der Gesellschaft erschaffen und was der Dinge mehr sind.

Das Buch ist von einem erstaunlichen Reichtum gesellschaftlicher Details, psychologisch in den Hauptfiguren außergewöhnlich fein gearbeitet, in der Konstruktion auf der Höhe der besten Zeitgenossen, ohne dass es in seiner Wirkung auf diese Konstruktion angewiesen wäre, sprachlich aufs sorgfältigste differenziert – kurz: ein echtes Wunderwerk der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Sicherlich ist es für einen nachgeborenen Leser nicht vollkommen: Gerade in der Auflösung der Geschichten Dorotheas und Lydgates zeigen sich deutlich Muster der Trivialliteratur, wie sie von den Leserinnen schlicht von einem Roman erwartet wurden. Aber das sind Nebensächlichkeiten, die sich aus den Zwängen des Marktes ergeben, denen sich immer nur ganz wenige Ausnahmen entziehen können. Mit dem, was der Autorin gelungen ist, überstrahlt das Buch auch die besten Exemplare der zeitgenössischen Literatur. Es kann in der Übersetzung von Melanie Walz jeder ernsthaften Leserin nur dringend empfohlen werden!

George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2019. Leinen, Lesebändchen, bedrucktes Vorsatzpapier, 1263 Seiten. 45,– €.

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge

Er war keineswegs dumm, und er war berechnend, aber hitzig und darüber hinaus unerfahren oder, besser gesagt, naiv, das heißt, er kannte sich weder in Menschen noch in der Gesellschaft aus.

Dieser vorletzte große Roman Dostojewskijs erschien bis Ende 1875 nach vergleichsweise kurzer Planung und Niederschrift (seit Februar 1874). Es handelt sich um Dostojewskijs unverstelltesten Beitrag zur Modeform des Entwicklungsromans, wie sie in Europa im 18. und 19. Jahrhundert im Schwange war. Er erfindet zu diesem Zweck einen jungen, naiven und impulsiven Ich-Erzähler, der aus einer nicht-ehelichen, aber langjährigen Beziehung des verarmten Adeligen Andrej Petrowitsch Werssilow und einer Bedienten stammt. Rechtlich gesehen ist der Erzähler Arkadij Makarowitsch der Sohn des Ehemanns seiner Mutter, Makar Iwanowitsch Dolgorukij, dem sein leiblicher Vater die Ehefrau Sofja abgekauft hatte, nachdem er sich leidenschaftlich in sie verliebte. Werssilow hat außerdem noch zwei Kinder aus einer früheren Ehe und eine weitere uneheliche Tochter Lisaweta, deren Mutter ebenfalls Sofja ist.

Die Haupthandlung des Romans setzt ein, als Arkadij nach dem Ende seiner schulischen Ausbildung in einem kleinen Internat auf Einladung seines Vaters nach Petersburg kommt. Er lebt für eine Weile im Haushalt seiner Mutter, in dem auch seine Schwester wohnt. Tägliche Gäste der Familie sind Werssilow und Tatjana Pawlowna Prutkowa, eine Art Faktotum Werssilows und ihm seit Jahrzehnten treu verbunden. Arkadij ist im Internat aufgrund seiner Herkunft als Außenseiter aufgewachsen, schikaniert und verspottet sowohl durch den Leiter der Schule als auch durch seine Mitschüler. Aus dieser Lage heraus hat er den Lebensplan entwickelt, durch den Erwerb eines großen Vermögens – sein Vorbild ist der Bankier Rothschild – Macht und soziale Unabhängigkeit zu erlangen. Außer diesem Ziel sucht er noch nach engem Kontakt zu seinem leiblichen Vater, von dessen Charakter er in Kindheit und Jugend eine stark idealisierte Vorstellung entwickelt hat.

Der verarmte Werssilow befindet sich zu Anfang der Handlung in einem Erbschafts-Prozess gegen das Fürstenhaus Sokolskij, der sehr bald zu seinen Gunsten entschieden wird und ihn von seinen permanenten Geldnöten befreit. Doch Arkadij besitzt aufgrund seiner früheren Moskauer Kontakte zwei „Dokumente“, die beide die Familie des Fürsten Sokolskij betreffen. Das erste ist eine Willenserklärung des Erblassers zu Ungunsten von Werssilows Anspruch; dies Dokument ist zwar juristisch nicht relevant, macht Werssilows Anspruch auf die Erbschaft aber moralisch anfechtbar. Arkadij überreicht Werssilow das Dokument, nachdem der Prozess entschieden ist, was dazu führt, dass Werssilow sofort auf die komplette, gerade erst gewonnene Erbschaft verzichtet. Dieses erste Dokument ist nur vorhanden, um Arkadij in seinem Wahn zu bestärken, dass es sich bei seinem Vater um ein gänzlich selbstloses Wesen von höchster moralischer Integrität handelt.

Um das zweite Dokument herum konstruiert Dostojewskij den eigentlichen Handlungsknoten des Romans, der allerdings erst im letzten Drittel die Handlung weitgehend bestimmen wird. Es handelt sich dabei um einen Brief der einzigen Tochter des Patriarchen Fürst Nikolaj Iwanowitsch Sokolskij, der verwitweten Generalin Katerina Nikolajewna Achmakowa, die in einer zurückliegenden Familienkrise bei einem Anwalt nachgefragt hatte, unter welchen Voraussetzungen es möglich sei, ihren Vater zu entmündigen, um so zu verhindern, dass er das Familienvermögen verschleudere. (Die unwahrscheinliche Vorgeschichte, warum Arkadij im Besitz dieses Briefes ist, kann man getrost vernachlässigen.) Katerina ist nun besorgt, dass ihr Vater sie enterben werde, wenn man ihm den Brief zuspielen würde. Dieses für den Romanschluss entscheidende Dokument hätte Arkadij vernünftigerweise auf Seite 250 verbrennen sollen und Autor und Leser so die ein wenig mühsamen letzten zwei Drittel des Romans ersparen können. Aber so geht es zu im Literaturbetrieb.

Wie bereits in „Böse Geister“ füllt Dostojewskij lange Passagen des Buches mit gesellschaftlichen Intrigen, vertraulichen Gesprächen, die zu überraschend unvertraulichen Handlungen führen, belauschten Aussprachen, ausschweifenden Reflexionen seines naiven und und auch sonst nicht übermäßig hellen Erzählers, Eifersuchtsanfällen, beleidigenden Briefen, ungewollten Schwangerschaften (zugegeben: es ist nur eine), unehelichen Kindern und so weiter und so fort, um dann im letzten Viertel des Romans auf eine vorgebliche Katastrophe zuzusteuern, die aber wenigstens diesmal knapp an der Erzeugung einer Leiche vorbeikommt.

Um die Katastrophe erzählerisch überhaupt als eine solche ausgeben zu können, ist es wesentlich, dass Dostojewskij sich eine literarisch inkompetente Erzählerfigur konstruiert, wie gleich zu Anfang des Romans wiederholt betont wird. Er benötigt zum einen einen Ich-Erzähler, den er ganze Tage von Hinz zu Kunz und zurück laufen lassen kann, wobei alles Entscheidende immer an Orten passiert, an denen sich der Erzähler gerade nicht befindet und von dem er dann um- und missverständlich unterrichtet werden muss. Zum anderen kann er die wirre, zugleich retardierende und dann immer wieder vorausgreifende Erzählweise, die das Ende des Romans bestimmt und die das einzige Mittel ist, mit dem er dem faden Plot zu einiger Spannung verhelfen kann, der Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit seines Erzählers in die Schuhe schieben.

Die Abläufe im Einzelnen nachzuerzählen, lohnt nicht. Der Leser kann aber beruhigt sein, dass sich am Ende alles zum Besten findet, Arkadij zur Vernunft kommt, wahrscheinlich ein Studium aufnehmen und zu einem nützlichen Idioten werden wird und alle anderen von ihren falschen Leidenschaften und unpassenden Heiratsplänen erlöst werden. Nur Russland kann nicht erlöst werden, weil es am rechten Glauben fehlt. Ganz am Ende hängt Dostojewskij einmal mehr ein Kapitel an, indem er erklären möchte, worauf es denn im Buch eigentlich ankommt, falls irgendwer das bei all dem Hin und Her übersehen haben sollte. Man hat es eben nicht leicht, wenn man Schmonzetten mit hochgeistigem Gehalt schreibt.

Sicherlich zu Recht der am wenigsten gelesene der fünf großen Romane.

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Zürich: Ammann, 2006. Leinenband, Fadenheftung, 832 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.