Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen

Im Allgemeinen gelüstet es niemanden nach einem vorgegebenen Vergnügen.

Meine letzte Lektüre Balzacs liegt über 30 Jahre zurück. Nach dem Studium hatte ich antiquarisch die von Ernst Stadler herausgegebene Gesamtausgabe der „Menschlichen Komödie“ erworben und einige Romane gelesen, Balzac aber bald als einen oberflächlichen Schnellschreiber wieder beiseite gelegt. Nun hat sich aber in der letzten Zeit mein Buchändler wiederholt lobend über Balzac geäußert; hinzukommt, dass Hanser gleich zwei Bücher hat neu übersetzen lassen, eines davon immerhin von Melanie Walz. Also habe ich mich zur Prüfung meines Vorurteils hinreißen lassen.

„Verlorene Illusionen“ ist ein aus drei Romanen zusammengeschusterter Roman über die Freunde David Séchard und Lucien Chardon. Beide sind als Schulfreunde in Angoulême aufgewachsen, David als Sohn eines Druckers, der selbst aus einfachsten Verhältnissen kommend, sich den Besitz der Druckerei hart ergaunert erarbeitet hat, Lucien als Sohn eines Apothekers und glücklosen Erfinders, dessen früher Tod seine Frau und beide Kinder in Armut zurückgelassen hat. Die Handlung des ersten Teils – „Die zwei Dichter“, und mehr habe ich diesmal auch nicht gelesen – spielt in der Hauptsache im Jahr 1821 in Angoulême. Dem von seiner Lehre als Drucker in Paris zurückkehrenden David wird von seinem Vater dessen veraltete Druckerei unter belastenden finanziellen Forderungen übergeben. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig für David, da gerade ein modernes Konkurrenzunternehmen an den Ort gekommen ist, das die Zukunft der alten Druckerei überschattet. Dennoch wagt es David nicht, den Forderungen seines Vaters zu widersprechen und ergibt sich in das voraussehbar schlechte Geschäft.

Lucien, den Mutter und Schwester finanziell über Wasser halten, träumt von einer Karriere als Schriftsteller, kann aber außer einigen Gedichten, über deren Qualität der Leser im Unklaren gehalten wird, nur einen begonnenen Roman „Der Bogenschütze Karls IX.“ vorweisen. Sein eigentliches Talent aber liegt in seinem guten Aussehen. David, der Luciens Interesse für Literatur teilt, stellt den eigentlich nutzlosen Freund ein, und die beiden vegetieren einige Zeit miteinander vor sich hin.

Fahrt nimmt der Roman auf, als Lucien zum Spielzeug der lokalen Adeligen Louise de Bargeton wird, die sich für etwas besseres hält als ihre Mitadeligen. Sie verfällt Luciens Schönheit, kann sich aber als Mäzenin des jungen Dichters gerieren, um ihre Vernarrtheit vor sich selbst und ihrem Ehemann zu verkappen. Natürlich verliebt sich der junge Dummkopf unsterblich in seine Gönnerin, aber die Erfüllung ihrer Liebe ist unter den Bedingungen der Provinz zum Scheitern verurteilt, wie uns Balzac sehr ausführlich darlegt, nur um wenige Seiten weiter überraschend die mitadeligen Neiderinnen Louisens so zu charakterisieren:

Die Frauen die am züchtigsten Entrüstung bekundeten und die Sittenverderbnis beklagten, waren niemand anderes als Amélie, Zéphirine, Fifine und Lolotte, die allesamt verbotenem Glück frönten.

S. 167

Wie heißt es so richtig bei Loriot? „Es geht nicht!“ „Aber es muss gehen, andere machen es doch auch.“

Und so ist die ganze zweite Hälfte dieses kurzen Romans: Alles wimmelt vor Plattitüden und Ad-hoc-Einfällen eines schludrig vor sich hin fabulierenden Schreiberlings: David, der mittellos aus Paris zurückgekehrt war, weil ihm sein Vater das Erbe der Mutter vorenthält, und der deshalb die Druckerei seines Vaters bei ihm auf Pump kaufen musste, hat plötzlich, weil dringend Geld für seine bevorstehende Hochzeit mit Éve, der Schwester Luciens, und den Umbau des väterlichen Hauses nötig ist, „aus Paris einen Notgroschen mitgebracht“ (S. 156). Wie zu erwarten ruiniert ihn den Umbau des Hauses komplett. Als Lucien aber Geld braucht, um nach Paris zu fliehen, sind wundersamer Weise doch wieder 2000 Francs vorhanden, von denen er liebend gern die Hälfte Lucien mitgibt. David begibt sich an dem Tag, der zur Krise des Romans führt, zu seinem Vater aufs Land „in der Hoffnung, die Schönheit der Schwiegertochter werde den alten Schlaukopf dazu bewegen, sich an den gewaltigen Ausgaben für das Umgestalten des Hauses zu beteiligen“ (S. 159). Wie das gelingen soll, ohne die Schwiegertochter in spe wenigstens mitzunehmen und vorzuzeigen, bleibt Balzacs Geheimnis. Zum Glück ist David am nächsten Morgen zurück, um beim gemeinsamen Frühstück mit Lucien zu erfahren, dass Louisens Ehemann sich mit dem Mann duelliert hat, der Gerüchte über eine Affäre zwischen seiner Ehefrau und Lucien gestreut hat. Warum David aber für diesen ereignisreichen Tag extra aus der Stadt gebracht werden musste, hat Balzac inzwischen vergessen.

Und so geht es in einem fort: In das an und für sich schon höchst peinliche Liebesgeständnis und den Heiratsantrag Davids an Éve gerät ein Lexikon-Artikel über Papierherstellung hinein, weil David viel später zum Erfinder umgeschrieben werden soll (S. 160 ff.), und Balzac über Papier eben auch noch Bescheid weiß. In dem aufgeregten mündlichen Bericht der Mutter Chardon vom Duell findet sich unwillkürlich ein angedeuteter Witz, weil er Balzac gerade einfällt oder er ihm erzählt wurde: Die Duellanten hätten sich „auf der Wiese von Monsieur Tulloye [getroffen], ein Name, der Anlass zu Wortspielen ist“ (S. 175). Wohlgemerkt: Das ist wörtliche Rede der Mutter! Und schließlich finden sich auch solche Perlen Balzacscher Poesie:

Dort atmete der süße Geist, der in jungen Ehen herrscht, wo die Orangenblüten und der Brautschleier noch das Leben krönen, wo der Liebesfrühling sich in allen Gegenständen gespiegelt findet, wo alles weiß, rein und blütenreich ist.

S. 176 f.

„Ach Kinder, wie ist es herrlich! Es ist aber auch zu und zu schön!“

Mit den unheilschwangeren Worten

Der Drucker stieg wieder in sein klappriges Kabriolett und entschwand bedrückten Herzens, denn Luciens Geschicke in Paris erfüllten ihn mit schrecklichen Vorahnungen.

S. 187

schließt der Roman bzw. dieser erste Teil. Sind Sie auch so gespannt wie ich, wie es weitergehen mag?

Mir ist durchaus bewusst, dass Balzac nicht wegen seiner schriftstellerischen Sorgfalt berühmt ist, sondern weil sich bei ihm das bürgerliche und subbürgerliche Leben im Frankreich des 19. Jahrhunderts in epischer Breite und außergewöhnlich detailliert und mit vielen seiner Verwerfungen widerspiegelt, dennoch ist es mir unmöglich, eine so schlecht erfundene und geschriebene Prosa zu lesen. Ich kehre also ohne Reue zu meinem alten Vorurteil zurück.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Aus dem Französischen von Melanie Walz. München: Hanser, 2014. Leinenband, Fadenheftung, Lesebändchen, 960 Seiten (Dünndruck). 44,– €.

Mario Vargas Llosa: Die große Versuchung

Mario Vargas Llosas letzter Roman (2023), der sich noch einmal ganz auf Peru und seine ihm ganz eigene Kultur konzentriert. Als Protagonist fungiert Toño Azpilcueta, ein unbedeutender Journalist, aber bedeutender Kenner der peruanischen Volksmusik. Nachdem er eines Abends den ihm bis dahin unbekannten Gitarristen Lalo Molfino hört, dessen Spiel ihn tief beeindruckt, und wenig später erfahren muss, dass der junge Mann an Tuberkulose verstorben ist, entschließt er sich, ein Buch zu schreiben, nicht nur über das Leben Molfinos, sondern über die Geschichte der peruanischen Volksmusik überhaupt.

Vargas Llosa präsentiert nun in alternierenden Kapiteln die Suche Azpilcuetas nach den Lebensumständen Molfinos und das Buch, das Azpilcueta schreibt bzw. offenbar geschrieben hat. Azpilcueta zeichnet sich neben seiner Kennerschaft in der Hauptsache durch seine Abneigung gegen Ratten und andere Nagetiere aus. Seine Historie ist anekdotisch und in einem für ein Sachbuch etwas zu saloppen Stil geschrieben. Da mich weder die Hauptfigur noch die peruanische Volksmusik sonderlich interessieren, habe ich die Lektüre nach 100 Seiten eingestellt. Für Peruaner und Volkskundler aber wahrscheinlich eine spannende Lektüre.

Marios Vargas Llosa: Die große Versuchung. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. st 5519. Berlin: Suhrkamp, 2025. Broschur, 302 Seiten. 14,– €.

Julien Green: Von fernen Ländern

Der Nachmittag verlief sehr eintönig.

Die sogenannte Dixie-Trilogie bildet das Spätwerk Julien Greens (1900–1998), den ich bislang nur dem Namen nach kannte. „Von fernen Ländern“ (Le Pays liotaine, 1987) eröffnet den Zyklus, der von den Romanen „Die Sterne des Südens“ (Le Etoiles du Sud, 1989) und „Dixie“ (1995) abgeschlossen wird. Mein Interesse ergab sich auch in diesem Fall wieder durch die Übersetzerin des dritten Bandes, Elisabeth Edl, aber da ich ebenfalls ein eher vages Interesse an Kultur und Geschichte der us-amerikanischen Südstaaten habe, habe ich mit der Lektüre dieses ersten Bandes begonnen. Nach immerhin 400 der knapp 1.000 Seiten habe ich das Handtuch geworfen.

Erzählt wird in der Hauptsache die Geschichte der sechzehnjährigen Elisabeth Escridge, die im März 1850 als Halbwaise zusammen mit ihrer Mutter zu Verwandten in die Südstatten, genauer nach Georgia, flieht, um dem drohenden finanziellen Ruin in England zu entgehen. Während die Mutter nur als Vehikel dient, um Elizabeth an den neuen Ort zu verfrachten, weshalb sie vom Autor auch umgehend wieder nach England zurück expediert wird, ist Elizabeth eigentlich dazu gedacht, um einen verwunderten, europäischen Blick auf die Kultur der Südstaaten zu werfen und sich verzaubern zu lassen.

Allerdings muss der Leser schon bald erkennen, dass der Autor nicht so ganz genau weiß, was er nun eigentlich erzählen will: Seine sechzehnjährige Heldin interessiert sich wesentlich für Kleider und – mit einiger Zurückhaltung, die ihr immer wieder das Adjektiv „unschuldig“ einträgt – Männer und findet, wie der Leser, die von den Erwachsenen um sie herum geführten politischen und moralischen Gespräche eher wirr und emotional als informierend. Im Haus, in dem sie anfangs hauptsächlich lebt, scheint es zuerst zu spuken, was dann als Motiv aber überhaupt nicht zum Tragen kommt. Die schwarze Dienerschaft spielt im Denken der Erwachsenen zwar eine große Rolle, sie wird aber immer wieder nur mit „Sie sind Kinder“ beurteilt, und ihre Kultur bleibt vollkommen undeutlich. Was Elizabeth oder vielleicht auch den Autor nicht daran hindert, solch grundlegende Einsichten in die Psychologie der Schwarzen zu formulieren wie: „Dann sah sie, wie Betty sich die Schürze vor das Gesicht hielt, was bei den Schwarzen ein Zeichen höchster Verzweiflung war.“ (S. 390) Wie mag wohl ein Schwarzer verzweifeln, wenn gerade keine Schürze zur Hand ist?

Überhaupt neigt der Autor zu Perlen der Verallgemeinerung: „Einer unvordenklichen Tradition zufolge besaß der März das Recht, wie ein Lamm zu beginnen und wie ein Löwe aufzuhören, oder umgekehrt.“ (S. 865) Man ist als Leser bald geneigt, das Buch so zu benutzen, wie seine Protagonistin ihre Bibel: als Zufallsorakel für das eigene Leben!

Im Grunde ist das recht traditionelle artistische Konzept des Buches gut gemeint: Mittels einer Liebes- und Ehegeschichte ein Panorama des amerikanischen Südens vor dem Bürgerkrieg zu zeichnen. Nur gelingt weder das eine noch das andere: Seine Protagonistin ist zu naiv und unbedarft, dass sich an ihrer Fremdheit in der neuen Welt etwas zeigen könnte, und die Welt des Süden bleibt zu allgemein und oberflächlich, um dem Leser ein spezifisches Bild zu vermitteln.

Ich werde es nun noch mit „Dixie“, dem eigentlichen Ziel meines Unternehmens, versuchen und eventuell auch noch mit Greens wohl berühmtestem Roman „Adrienne Mesurat“, hege aber nach der Teillektüre dieses Buches erhebliche Befürchtungen.

Julien Green: Von fernen Ländern. Aus dem Französischen von Helmut Kossodo. München: Hanser, 1988. Leinen, Lesebändchen, 1007 Seiten. 24,90 € (UVP).

Christoph Martin Wieland: Agathodämon

Ein Irrthum in solchen Dingen kann guten Menschen nicht schaden;

Wie schade! Da hintertreibt der Protagonist Apollonius von Tyana, der als Lichtgestalt der antiken Aufklärung vorgeführt werden soll, im dritten Buch des Wielandschen Romans die Ehe eines seiner Schüler mit einer ehemaligen Prostituierten, die versucht, sich auf ihre alten Tage in die Bürgerlichkeit zu flüchten, indem er sie öffentlich seinen eignen und den Vorurteilen ihrer Mitbürger preisgibt und sie dadurch zwingt, aus Korinth, wo die ganze Episode spielt, zu fliehen.

Wie schön dagegen das Wort Jesu zu der Sünderin, die ihm die Füße gewaschen und gesalbt hat: „Gehe hin in Frieden!“ (Lk 7,50)

Christoph Martin Wieland: Agathodämon in sieben Büchern. Werke in Einzelausgaben. Frankfurt/M.: Insel, 2008. Leinenband, Fadenheftung, 308 Seiten. Nur noch antiquarisch greifbar.

Charles Dickens: David Copperfield

Cover

„David Copperfield“ (1849/50) ist wahrscheinlich der beliebteste Roman von Charles Dickens und gehört damit auch zu den am häufigsten ins Deutsche übersetzten (die Wikipedia-Seite führt, die vorliegende Übersetzung eingeschlossen, zwanzig deutschsprachige Übertragungen bzw. Bearbeitungen auf). Nun legt Melanie Walz, deren Übersetzungen ich bislang durchweg gelungen fand, eine weitere deutsche Fassung vor, die leider nur als oberflächlich und fehlerhaft bezeichnet werden kann. Es handelt sich dabei nicht nur um Stellen, bei denen man stilistisch anderer Auffassung sein kann, sondern leider um zahlreiche Fehler, die sich nur mit einer zu flüchtigen Übersetzungsarbeit und einem mangelhaften Lektorat erklären lassen:

Seite (Walz)OriginalÜbersetzung Walz
79to have any duties imposed upon you that can be undertaken by me.um dich Aufgaben zu unterziehen, die ich nicht übernehmen kann.
123but I did them, there being no Mr. and Miss Murdstone here, and got through them without disgrace.aber es gelang mir, weil kein Mr. Murdstone und keine Miss Murdstone zugegen waren, und [ich] kam gut zurecht.
165I had my own old plate, with a brown view of a man-of-war in full sail upon it, which Peggotty had hoarded somewhere all the time I had been away,Ich bekam meinen eigenen alten Teller mit einer braun getönten Ansicht eines Kriegsschiffs unter vollen Segeln, das [recte: den] Pegotty während meiner Abwesenheit irgendwo versteckt hatte
216informing her, I recollect, that I never could love another,und wie ich mich erinnere, erklärte mir [recte: ihr], dass ich nie eine andere lieben würde
324As she would not hear of staying to dinner, lest she should by any chance fail to arrive at home with the grey pony before dark;Da sie nicht zu überreden war, zum Essen zu bleiben, um auf keinen Fall [zu verfehlen,] mit dem grauen Pony vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukommen,
327and almost as stiff and heavy as the great stone urns that flanked them, and were set up, on the top of the red-brick wall, at regular distances all round the court, like sublimated skittles, for Time to play at.und fast so steif wie die großen steinernen Vasen, die daran entlang in regelmäßigen Abständen auf der roten Ziegelmauer thronten, sinnbildhafte Figuren, mit denen die Zeit Kegel spielen durfte. [recte: veredelte Kegel, auf dass die Zeit mit ihnen spiele]
327and his shoes yawning like two caverns on the hearth-rug.Schuhen, die [auf dem Kaminvorleger] wie zwei Höhlen gähnten

Zu diesen eindeutigen Fehlern kommen noch zahlreiche Stellen hinzu, über die man sich zumindest streiten müsste. Natürlich kann eine solche Ansammlung von Ungenauigkeiten ganz verschiedene Ursachen haben, besser machen die möglichen Erklärungen aber die Übersetzung selbst leider nicht.

Ich habe daher zu Beginn des 16. Kapitels die Lektüre eingestellt. Ein großer Aufwand wurde leider vertan!

Charles Dickens: David Copperfield. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2024. Pappband, Lesebändchen, 1295 Seiten. 45,– €.

Bram Stoker: Das Geheimnis der See

Augen, die in der Lage sind, die Oberfläche der Dinge zu durchdringen, können vielleicht auch sehen, was dahinter vorgeht.

Abbildung Schuber

Bram Stoker ist als Schriftsteller das, was in der Musikbrache ein „One Hit Wonder“ genannt wird. Wie es um seinen Rang als Schriftsteller bestellt ist, zeigt, dass mehr als eine Biographie über ihn gleich in der Titelei auf seinen Roman „Dracula“ hinweist, damit der Käufer den Namen auch sicher einordnen kann. Und es kann ganz eindeutig festgestellt werden, dass Stoker heute, wie so viele Unterhaltungsschriftsteller seiner Generation, komplett vergessen wäre, wenn er nicht in diesem einen Buch zufällig auf einen Archetyp des kindlichen Gruselns gestoßen wäre.

Nun hat sich der mare Verlag, der auf Bücher über das Meer ein wenig spezialisiert ist, entschlossen, Stokers „Das Geheimnis der See“ von 1902 herauszugeben; ich vermute fast, dass es sich um die Erstübersetzung des Romans handelt – und so ist er denn auch. Das Buch stellt nach dem Motto des Goetheschen Theaterdirektors „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ eine Melange aus allen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert populären Formen der Unterhaltungsliteratur dar: ein wenig Schauerroman mit Geistern und 2. Gesicht, ein wenig Liebesroman mit einer reichen amerikanischen Erbin, ein wenig historischer Roman um die Spanische Armada (die reiche Erbin heißt auch noch absichtlich Drake mit Nachnamen), ein wenig politischer Roman um den Spanisch-Amerikanischen Krieg, ein wenig Verschwörungsroman, in dem die Spanier versuchen, Miss Drake umzubringen, die sich mit ihrem Geld in den Krieg eingemischt hat, ein wenig Schatzsuche nach einem verlorenen spanisch-katholischen Schatz, der von einem Spanier in Schottland versteckt worden ist, ein wenig Detektiv-Roman, in dem ein äußerst schwieriger Code geknackt werden muss, um den Ort des Schatzes herausfinden zu können (zum Glück oder Unglück geht das offenbar nicht mit dem schon erwähnten 2. Gesicht!), ein wenig Abenteuer-Roman, denn der Schatz kann natürlich nur unter den größten Gefahren für die beiden Liebenden gehoben werden.

Nun könnte sowas eventuell gelingen, wenn es ein souveräner Schriftsteller mit der nötigen Ironie versuchen würde, aber leider ist Bram Stoker genau das nicht. Alle Details des Romans tauchen genau an der Stelle auf, an der sie gebraucht werden; nicht einmal seine aus äußerster Not zu rettende Herzensdame darf der Ich-Erzähler wenigstens 20 Seiten vor der Rettung etwa aus einer Kutsche steigen sehen. Und dass sich der Erzähler als Kind mit Kryptographie die Zeit vertrieben hat, erfahren wir keine einzige Zeile früher, als er mit seiner Meisterleistung des Codeknackens beginnt, die selbst dann völlig im Allgemeinen bleibt – so kann jeder Protagonist ein Sherlock Holmes sein. Auch die Dialoge werden über Seiten hin ohne jegliche Voraussicht vor sich hin erfunden und sind entsprechend belanglos. Da wundert es dann auch nicht (wenigstens mich nicht), dass Stoker zu faul war, in den Kalender von 1897 zu schauen und deshalb in der Nacht zum 1. August einen Vollmond scheinen lässt. Kurz: Das Ding ist eine flüchtig hingesudelte Scharteke, wie es sie zu jeder Zeit gegeben hat, und wäre besser vergessen geblieben.

Einzig zu loben ist die Ausstattung des Bandes: Der bedruckte Leinenband mit Fadenheftung nimmt die Gestaltung der englischen Erstausgabe auf und liegt gut in der Hand. Wenn nur der Rest danach wäre!

Bram Stoker: Das Geheimnis der See. Aus dem Englischen von Alexander Pechmann. Hamburg: Mare, 2024. Bedruckter Leinenband im Schuber, Fadenheftung, Lesebändchen, 539 Seiten. 48,– €.

A. C. Grayling: Die Grenzen des Wissens

… unser Denken und Fühlen ist [sic!] immer noch verteufelt primitiv, wir führen immer noch Kriege, zanken uns, glauben Unsinn, vertun unser kurzes Leben mit Trivialitäten …

Cover

Eigentlich könnte man den obenstehenden Motto-Text zitieren und es dabei belassen. Das Buch ist eine weitere der so beliebten Mogelpackungen unserer Sachbuch-Kultur, denn in der Hauptsache geht es in diesem Buch nicht um die Grenzen des Wissens (the frontiers of knowledge), sondern um eine der üblichen populistisch gehaltenen Nacherzählungen des aktuellen Wissenstandes und seiner Heraufkunft, diesmal begrenzt auf Technik und Physik (die beiden müssen herhalten für die Naturwissenschaft insgesamt), Geschichte und Vorgeschichte sowie Hirnforschung und Psychologie. Der Autor rät selbst dazu an, dass jene, die schon über Kenntnisse der Gebiete verfügen, die darstellenden Teile überspringen sollten, wobei diese Teile tatsächlich kaum mehr bringen als man an sieben Tagen bei ZDF info auch erfahren kann (falls nicht gerade mal wieder ägyptische Woche ist).

Was die Frage nach den Grenzen des Wissens angeht, so gibt Master Grayling zwar zu, dass man solche vermuten könnte, aber man sollte besser nicht an sie glauben:

Aufgrund der genannten Probleme sagen manche Denker, es gäbe Dinge, die wir niemals wissen könnten: Fragen etwa, die die Beschaffenheit des Bewusstseins betreffen, könnte nie beantwortet werden, weil der Versuch, sie zu beantworten, dem Versuch eines Auges gliche, sich selbst zu sehen. Aber das ist ein Argument, das auf Resignation hinausläuft und das kein Forscher akzeptieren sollte. Wäre die Frage »Gibt es Grenzen des Wissens?« sinnvoll, so ist sie bestenfalls defätistisch, da sie implizieren würde, dass es solche Grenzen geben könnte. Doch sie ist nicht sinnvoll, da sie nicht beantwortbar ist – sie könnte nur beantwortet werden, wenn es uns, was in sich widersprüchlich ist, gelänge, die Grenzen des Wissens zu überschreiten und auf sie zurück zu blicken, um zu sehen, wo sie liegen.

S. 20 f.

Damit wäre das auch geklärt. Mehr sollte man von diesem Denker nicht erwarten.

A. C. Grayling: Die Grenzen des Wissens. Was wissen wir von dem, was wir nicht wissen. Aus dem Englischen von Jens Hagestedt. Stuttgart: Hirzel, 2023. Pappband, 445 Seiten. 34,–€.

Jeremy Adler: Goethe

Die Engländer waren indessen nicht alle einer Meinung.

Das ging rasch! Nachdem ich im Vorwort der neuen Goethe-Biographie bei Beck schon einigen Unfug hatte lesen dürfen, fand ich auf S. 17 folgendes:

„… zu seinem Faust, der in einer spektakulären Bahn «vom Himmel durch die Erde zur Hölle» führt (FA, 7/1, S. 21, V. 242) …“

Trotz der exakten Stellenangabe ist es weder dem Autor – der angeblich Deutsch kann – noch dem Übersetzer noch dem Lektorat gelungen nachzuschlagen – wenn man es als vorgeblicher Goethe-Kenner nicht ohnehin weiß! –, was dort tatsächlich steht. Allein das gestörte Versmaß und die inhaltliche Sinnlosigkeit des „durch die Erde“ hätten alle warnen müssen.

Lese ich also lieber wieder etwas, dem nicht die allgemeine Schlampigkeit des 21. Jahrhunderts anhaftet.

Jeremy Adler: Goethe. Die Erfindung der Moderne. Eine Biographie. München: Beck, 2022. Pappband, Lesebändchen, 655 Seiten. 34,– €.

Adalbert Stifter: Der Nachsommer

Drei starke Bände! Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Friedrich Hebbel

Von Stifter kannte ich bislang nur einige Erzählungen, die zwar etwas konstruiert, aber sonst ganz angängig zu sein schienen. Seine beiden Romane hatte ich – unter dem Vorurteil der Verrisse Arno Schmidts stehend – gemieden. Doch Ende des letzten Jahres war ich im Bücherschrank durch Zufall in die Nähe der kleinen Werkausgabe geraten und hatte, aufgrund des schlechten Gewissens wegen meines schlecht begründeten Vorbehalts, den Band mit Der Nachsommer herausgezogen und auf den Schreibtisch gelegt. Ich habe mich nun durch den ersten Band hindurchgequält und dann die Lektüre aufgegeben. Kurz gesagt: Es ist fürchterlich!

STIFTER’s ›Nachsommer‹ liest sich, zumal im Dialog der ›Gestalten‹, so steiff, als sei das Buch von einem schlechten Übersetzer, um 1850, nach einem nicht guten Original übertragen: Deine Tochter, mein Freund, hat eine schöne Stirn. (Tja, man müßte ihn tatsächlich übersetzen. Stell’n Sie sich ma vor: ›STIFTER, ›Nachsommer‹, Deutsch von Arno Schmidt‹ – capitaler Einfall; ich lach’ jetz schon!)

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. BA IV/4, S. 49

Das Ding will einen Entwicklungsroman nach Goethescher Manier vorstellen und übersteigert dabei die abstrakte Prosa des Weimarer Meisters aufs Äußerste. Beinahe alles bleibt im Allgemeinen stecken (ich gebe zu: Hier und da werden einige Blumen und Bäume konkret benannt):

Mein alter Gastfreund saß in einem Lehnsessel und erzählte. Er beschrieb eine Erscheinung, er machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es möglich war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung, oder wo dies nicht möglich war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen. Dann erzählte er, auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren. Wenn er dieses vollendet hatte, tat er das gleiche mit einer zweiten, verwandten Erscheinung. Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehörigen Erscheinungen, der ihm hinlänglich schien, ausgeführt hatte, dann hob er dasjenige, was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar.

S. 190

Wenigstens an einem einzigen konkreten Beispiel wünschte man sich diese Unterrichtsmethode vorgeführt, aber nichts dergleichen ist zu erwarten.

Der Erzähler ergeht sich in zeilenschindenden Wiederholungen, als rede er zu einer Versammlung von Deppen:

Wir stiegen gegen jene Wiese hinan, von der mir mein Gastfreund gestern gesagt hatte, daß sie die nördliche Grenze seines Besitztums sei, und daß er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern können. Der Weg führte sachte aufwärts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen Windungen ein Bächlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefaßt war, entgegen. Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter: »Das ist die Wiese, die ich Euch gestern von dem Hügel herab gezeigt habe, und von der ich gesagt habe, daß bis dahin unser Eigentum gehe, und daß ich sie nicht habe einrichten können, wie ich gewollt hätte. […]«

S. 121

Und dann der gesellige Umgang der Figuren miteinander:

Die Gespräche waren klar und ernst, und mein Gastfreund führte sie mit einer offenen Heiterkeit und Ruhe.

S. 215

Mit Inhalten oder gar verschiedenen Meinungen zu einer konkreten Sache werden wir nicht behelligt; überhaupt sind in den meisten Fällen alle Pappkameraden des Romans einer einzigen, ganz und gar vernünftigen Meinung. Dass es eine andere bei anderen geben könne, ist ihnen wohl als Möglichkeit bewusst, aber solcher Leute Erwähnung zu tun, würde eine Zumutung und Störung darstellen, die weder den Figuren noch dem Leser zugemutet werden kann.

Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in den Keller oder an andere Orte, die wichtig waren.

S. 222

Man denke nur, sie hätte sich an Orte begeben, die unwichtig waren! Der Roman wäre sogleich in Stücke gesprungen.

Mir fiel es auf, daß er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern geführt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm, und von dem aus sie vorlegte. Es mußte aber hier so eingeführt sein; denn wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu füllen, die ein junges Aufwartemädchen an die Plätze trug.
Mich erfüllte das mit großer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das immer bisher gefehlt hätte.

S. 215

Wohlgemerkt: Die Teller wurden wirklich (!) der Reihe nach (!) mit Suppe gefüllt! Kein Wunder, dass dem Erzähler dies bislang gefehlt hatte.

Und so geht es in einem fort: Ein sinnloses Durch- und Nacheinander von überflüssigen Details und abstraktester Ungegenständlichkeit, von sinnlosestem Durch-die-Gegend-Laufen, um wenigstens so etwas wie den Anschein einer Handlung zu simulieren, und anderen bei der Arbeit zuschauen. Dann fährt man irgendwelche Nachbarn besuchen, die ebensolche Abziehbilder darstellen wie die bisherigen Figuren und die in der Hauptsache dazu dienen, einen Kontrast zu dem höchst idealen Haushalt des alten Gastfreundes zu liefern. Und das alles wird geschildert, ohne eine einzige erzählerische Mine zu verziehen, vollständig ironie- und humorfrei.

Ich habe mich aus der Literarhistorie schlau gemacht, was in den beiden nachfolgenden Bänden noch als Handlung herhalten muss; lesen muss ich das nicht. Und wahrscheinlich auch niemand sonst.

Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Zürich: Ex Libris, o. J. [1978]. Lizenzausgabe der Ausgabe beim Winkler Verlag, 1949. Kunstleder, Fadenheftung, Lesebändchen, 766 Seiten Dünndruck. In dieser Ausgabe selbstverständlich nicht mehr lieferbar.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew

Als ich neulich wieder einmal bei Turgenew vorbeikam, fiel mir auch dieses lang eingestaubte Insel-Taschenbuch in die Hand. Diesmal habe ich hineingeschaut; ich hätte es besser gelassen.

Der Text wurde in Deutschland als Biographie verkauft, obwohl ihn sein Autor im Vorwort völlig zu Recht einen Essay nennt, und man darf hier ungeniert an Tucholsky denken: „Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.“ Das Büchlein präsentiert weitgehend nichts als wirres Geschwätz, zusammengesuchte Einsichten, die in lockerer assoziativer Manier aneinandergereiht werden, ohne dass sich aus ihnen mehr ersehen ließe, als dass eben dieser und jener mal dies oder das über Turgenew gesagt habe und was man sonst noch so denken könne.

Von sehr jung an war er sich bewußt, daß er auf Frauen attraktiv wirkte, und in einigen Fällen lässt sich beobachten, wie er diese Macht sogar bei denen ausübt, die reine ›Vermittlerinnen‹ waren, eine Kategorie, in welche die Frau von Traditionen und weltlichem Leben gerne eingereiht wird.

Und solche Sätze sind bei weitem nicht die Schlimmsten.

Das ganze Buch ist ein unlesbares Gewäsche. Dass es überhaupt übersetzt und gedruckt wurde, lässt mich einen internationalen Mangel an soliden Turgenew-Biographien vermuten; wenigstens scheint auf Deutsch derzeit überhaupt nichts Vernünftiges lieferbar zu sein. Hinweise dazu wären sehr willkommen.

Juan Eduardo Zúñiga: Iwan S. Turgenjew. Eine Biographie. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. it 2744. Frankfurt/M.: Insel, 2001. Broschur, 277 Seiten. Zum Glück nur noch antiquarisch greifbar.