Jonas Grethlein: Prometheus

Jonas Grethlein ist Altphilologe und lehrt in Heidelberg. Er hat schon mehrere auf eine eher breite Leserschaft abzielende Bücher geschrieben, zuletzt ein Buch über die Odyssee. Nun also verfolgt er das Motiv des Prometheus-Mythos von der Antike bis in die Gegenwart. Grethlein betont einerseits gleich zu Anfang, dass er keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt (was bei weniger als 350 Seiten Text auch nicht erwartet werden darf). Andererseits stellt er fest, dass der Prometheus-Mythos wohl als der in unserer Zeit immer noch vitalste der antiken Mythen angesehen werden darf. Nicht zuletzt seine journalistische Verwendung zur Charakterisierung Elon Musks dient Grethlein als Beleg hierfür.

Schwerpunkte der Darstellung und Interpretation bilden Aischylos’ „Der gefesselte Prometheus“ sowie die englische Romantik, denen breiter Raum gewidmet wird. Daneben neigt Grethlein zu langen Passagen von Namedropping, in denen zahlreiche Philosoph(inn)en, Historiker(inne)n, Soziolog(inn)en und Schriftsteller(innen) schlaglichtartig zitiert werden, selbst wenn sie sich nicht direkt auf den Mythos bezogen haben. Diese Passagen erzeugen einen Eindruck von Breite, tragen aber nicht wirklich zum Verständnis der Bedeutung des Mythos in unserer Kultur bei.

Grethlein gibt vor, das von ihm gesammelte Material unter drei Hauptthemen einzuordnen: Technik (dies hätte wohl besser Fortschritt geheißen), Freiheit und Arbeit. Er erkennt aber selbst, dass diese Einteilung nur bedingt glücklich ist, da diese drei Themenbereiche „auf vielfache Weise miteinander verschränkt“ sind (Seite 328). Eine stärkere theoretische Durchdringung des Materials hätte dem Eindruck der beiläufigen und sprunghaft chronologischen Reihung wahrscheinlich aufhelfen, eventuell aber auch zu einer ungewollten Einengung der Zielgruppe führen können. Zu einem nur halbwegs geschlossenen und prägnanten Bild der Rolle des Mythos auch nur in der Kultur der Moderne etwa, gelangt das Buch nicht. Es bleibt über weite Strecken der Eindruck der Reihung und Beliebigkeit.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Autor sein Buch nutzt, um en passant ein moralisch höchst fragwürdiges Bild der deutschen Gesundheitspolitik während der Corona-Pandemie zu zeichnen. Vom Corona-Virus, so meint Grethlein, sei nur „eine sehr kleine Gruppe, die nicht ausschließlich, aber vor allem aus ohnehin multimorbiden Hochbetagten bestand“ (Seite 35), bedroht gewesen.

Eine Zahl von 300 Toten täglich klingt erschreckend, wenn man deren durchweg hohes Alter verschweigt und auch nicht erwähnt, dass in Deutschland jeden Tag durchschnittlich 2800 Menschen sterben.

(Seite 36)

Wie schrieb dagegen der Dichter?

Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen – du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!

Was für ein durch und durch unangenehmer Mensch!

Jonas Grethlein: Prometheus. Die Macht eines Mythos. Von der Antike bis zu Elon Musk. München: C. H. Beck, 2026. Pappband, Lesebändchen, 384 Seiten. 32,– €.

Das große Buch der deutschen Sprache

Wenn der Dudenverlag vor 25 Jahren ein Großes Buch der deutschen Sprache herausgebracht hätte, wäre das ein mindestens 600 Seiten umfassendes Kompendium geworden, dicht angefüllt mit Listen und Fakten, Aufsätzen und Statistiken. Es wäre auf den Schreibtischen der professionellen Schreiber gelandet, die es als nützliches Handbuch und Nachschlagewerk genutzt hätten, einige Exemplare wären noch als verfehlte Geschenke missbraucht worden und der Rest in den öffentlichen Bibliotheken verschwunden, um dem einen oder anderen versprengten Schüler zu unerwarteten Einsichten zu verhelfen.

Heute erscheint ein großformatiger Band mit „über 1000 Infographiken und Illustrationen“, die die hauptsächliche Struktur des Buches liefern. Das bedeutet, dass alle behandelten Themen sich mehr oder weniger dem Muster der illustrierten Doppelseite fügen müssen, die stets von der graphischen Gestaltung dominiert werden. Das führt in mehr als einem Fall dazu, dass den Seiten die präsentierten Informationen kaum mehr zu entnehmen sind – von leicht und verständlich ganz zu schweigen –, sondern der Leser mit dem Finger irgendwelchen sinnlosen Linien und Verwicklungen nachfahren muss, um zwei Stellen der Graphik miteinander in Beziehung setzen zu können. Selbst dort, wo die Graphiken die Informationsaufnahme nicht behindern, führen sie doch immer dazu, dass auf der weiten Fläche der Doppelseite nur ein Bruchteil dessen zu stehen kommt, was dort nützlicher Weise hätte stehen können.

Die Breite der behandelten Themen ist durchaus überzeugend; die Tiefe ihrer Behandlung durchweg seicht. Das Format macht das Buch für den alltäglichen Gebrauch unbrauchbar; allein der schon erwähnte durch die Stadtbibliothek streifende Schüler könnte über die eine oder andere Anregung für ein Deutschreferat stolpern. Nur der Wert als verfehltes Geschenk wurde durch die gewählte Form erheblich gesteigert. Ein Buch, das man einmal durchblättert und dann oben in die Schrankwand stellt (falls man sowas überhaupt noch hat).

Das große Buch der deutschen Sprache. Von Lara Bragin (Illustrationen) und Andrea Weller-Essers (Text). Berlin: Dudenverlag, 2026. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 288 Seiten (27 cm × 20,7 cm). 39,– €.

Jens Wietschorke: Schach. 100 Seiten

In der thematisch sehr weit gestreuten Reihe „100 Seiten“ des Reclam Verlages mit bereits über 100 Bänden ist nun auch ein Büchlein über das Schachspiel erschienen. Dabei hat der Verlag mit dem Autor eine sehr glückliche Wahl getroffen, da man mit Jens Wietschorke einen aus Sicht des Spitzenschachs eher unbedeutenden, dafür aber publizistisch sehr erfahrenen und begabten Autor gefunden hat. Wietschorke ist Kulturwissenschaftler an der LMU München und war ein aktiver Vereinsspieler für den SK Caissa Augsburg. Er kann also schreiben und Schach spielen.

Entsprechend gelungen ist das Büchlein: Es gibt einen sehr guten kurzen Überblick über das Schachspiel, sowohl was die geschichtliche Entwicklung oder die Weltmeister als herausragende Repräsentanten des Spiels als auch was die aktuellen Entwicklungen nicht nur als Online-Spiel, sondern überhaupt als kulturelles Internetphänomen angeht. Im Einzelnen hat natürlich der Leser unweigerlich die ein oder andere Vorstellung oder würde einiges anders gewichten, aber das sind reine Geschmacksfragen. Ich zum Beispiel hätte auf die eher nichtssagende Doppelseite 30/31 verzichtet und stattdessen eine knappe Erläuterung der Schachnotation eingefügt, was es auch Einsteigern ermöglicht hätte, die vorgestellten Partien und Partiefragmente nachzuvollziehen. Auch hätte ich wenigstens zwei oder drei Sätze mehr zur Rolle des Schachspiels im europäischen Mittelalter gesagt, statt die europäische Geschichte des Schachs erst mit der Neuzeit beginnen zu lassen. Aber wie schon gesagt: Solche Kritik ist geschmäcklerisch.

Eine gut geschriebene, kurze, unterhaltende und informative Lektüre für einen verregneten Tag, sowohl für Kulturinteressierte als auch für Schachspieler, die ihren Horizont ein wenig erweitern möchten.

Jens Wietschorke: Schach. 100 Seiten. Ditzingen: Reclam, 2025. Broschur, 105 Seiten. 12,– €.

A. C. Grayling: Die Grenzen des Wissens

… unser Denken und Fühlen ist [sic!] immer noch verteufelt primitiv, wir führen immer noch Kriege, zanken uns, glauben Unsinn, vertun unser kurzes Leben mit Trivialitäten …

Cover

Eigentlich könnte man den obenstehenden Motto-Text zitieren und es dabei belassen. Das Buch ist eine weitere der so beliebten Mogelpackungen unserer Sachbuch-Kultur, denn in der Hauptsache geht es in diesem Buch nicht um die Grenzen des Wissens (the frontiers of knowledge), sondern um eine der üblichen populistisch gehaltenen Nacherzählungen des aktuellen Wissenstandes und seiner Heraufkunft, diesmal begrenzt auf Technik und Physik (die beiden müssen herhalten für die Naturwissenschaft insgesamt), Geschichte und Vorgeschichte sowie Hirnforschung und Psychologie. Der Autor rät selbst dazu an, dass jene, die schon über Kenntnisse der Gebiete verfügen, die darstellenden Teile überspringen sollten, wobei diese Teile tatsächlich kaum mehr bringen als man an sieben Tagen bei ZDF info auch erfahren kann (falls nicht gerade mal wieder ägyptische Woche ist).

Was die Frage nach den Grenzen des Wissens angeht, so gibt Master Grayling zwar zu, dass man solche vermuten könnte, aber man sollte besser nicht an sie glauben:

Aufgrund der genannten Probleme sagen manche Denker, es gäbe Dinge, die wir niemals wissen könnten: Fragen etwa, die die Beschaffenheit des Bewusstseins betreffen, könnte nie beantwortet werden, weil der Versuch, sie zu beantworten, dem Versuch eines Auges gliche, sich selbst zu sehen. Aber das ist ein Argument, das auf Resignation hinausläuft und das kein Forscher akzeptieren sollte. Wäre die Frage »Gibt es Grenzen des Wissens?« sinnvoll, so ist sie bestenfalls defätistisch, da sie implizieren würde, dass es solche Grenzen geben könnte. Doch sie ist nicht sinnvoll, da sie nicht beantwortbar ist – sie könnte nur beantwortet werden, wenn es uns, was in sich widersprüchlich ist, gelänge, die Grenzen des Wissens zu überschreiten und auf sie zurück zu blicken, um zu sehen, wo sie liegen.

S. 20 f.

Damit wäre das auch geklärt. Mehr sollte man von diesem Denker nicht erwarten.

A. C. Grayling: Die Grenzen des Wissens. Was wissen wir von dem, was wir nicht wissen. Aus dem Englischen von Jens Hagestedt. Stuttgart: Hirzel, 2023. Pappband, 445 Seiten. 34,–€.

Karl-Wilhelm Weeber: Schöner schimpfen auf Latein

Vielleicht angeregt durch das Buch von Dennis Pausch legt der Vielschreiber zur Antike Karl-Wilhelm Weeber auch ein Bändchen zum lateinischen Schimpf- und Schmutzwortschatz vor. Seine Auswahl ist etwas breiter angelegt, seine Erklärungen sind konziser und daher ist das Buch alles in allem deutlich unterhaltender geraten.

Insbesondere die Kapitel über den Wortschatz zur Sexualität machen deutlich, wie Schambegriffe und Schamgrenzen zwar universell zu sein scheinen, sich diese Grenzen im Detail aber durchaus an recht unterschiedlichen Stellen finden.

Im Gegensatz zum Buch von Pausch ist Weebers Büchlein durchaus als Vademecum geeignet und kann wohl auch von Lesern ohne große Vorkenntnis der römischen Kultur mit Genuss gelesen werden.

Karl-Wilhelm Weeber: Schöner schimpfen auf Latein. RUB 14308. Stuttgart: Reclam, 2022. Broschur, 128 Seiten. 8,– €.

Jean Canavaggio: Cervantes

Miguel de Cervantes hat für einen Schriftsteller – wenigstens nach unseren bürgerlichen Vorstellungen – ein recht abenteuerliches Leben geführt. Er wurde geboren in dem Jahr, als der Konquistador Hernán Cortés starb, also noch unter der Herrschaft Karls I., als eines von sieben Kindern eines Wundarztes, der seine Familie mehr schlecht als recht über die Runden brachte. Er machte schon in seiner Kindheit zusammen mit seiner Familie eine unruhige Wanderzeit durch, die sein Leben für sehr lange Zeit prägen sollte. Trotz der Armut seiner Familie erhält Miguel eine solide Schulbildung, man spekuliert, ob in einer jesuitischen Schule in Córdoba; ein nachfolgendes Studium der Theologie, das ihm einige Biographen zuschreiben, ist nicht nachweisbar. Wahrscheinlich träumt er in diesen Jahren schon von einer Karriere als Schriftsteller.

Bevor er überhaupt Zeit gehabt hätte, sich an einer Universität einzuschreiben, flieht er nach Italien, wahrscheinlich um sich einer Verhaftung aufgrund eines Duells zu entziehen, arbeitet dort kurzzeitig als Kammerdiener für den späteren Kardinal Giulio Acquaviva und tritt dann ins spanische Heer ein, wird also Teil der spanischen Besatzungsmacht in Italien. Er nimmt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Rodrigo als Soldat an der Seeschlacht von Lepanto teil, wird dort von drei Kugeln verletzt, von denen eine seine linke Hand durchschlägt und unbrauchbar macht.

Da die Kriegstätigkeit der Spanier danach in eine etwas ruhigere Phase eintritt, entschließt er sich, zusammen mit Rodrigo nach Spanien zurückzukehren, doch kurz vor der Ankunft wird das Schiff von Piraten aufgebracht und alle Passagiere als Sklaven bzw. Geiseln nach Algier verschleppt. Da Miguel Empfehlungsschreiben hoher Militärs bei sich hat, vermutet man in ihm und seinem Bruder lohnende Geisel, so dass beide gefangengesetzt, aber nicht als Sklaven verkauft werden. Miguel wird fünf Jahre in Algier bleiben, bis es endlich gelingt, ihn freizukaufen und nach Spanien zurückzubringen. In diesen fünf Jahren unternimmt er vier erfolglose Fluchtversuche; am Ende steht er kurz davor, als Galeerensklave eingesetzt zu werden, als buchstäblich in letzter Minute sein Freikauf gelingt. Nach zehn Jahren Abwesenheit kehrt Miguel im Dezember 1580 zu seiner Familie zurück.

In der Folgezeit arbeitet er zum einen an seinem ersten Roman Galatea – einem Schäferroman, wie sie damals überaus beliebt waren –, dessen erster Teil 1585 erscheint (der zweite Teil wurde wohl nie geschrieben). Zum anderen versucht er gleichzeitig als Veteran und ehemalige Geisel vom Hof eine Sinekure zu erhalten, doch ist seine Familie dafür offenbar nicht einflussreich genug. Nicht, dass man ihm bei seinem Schicksal nicht entgegenkommen möchte, aber nur, indem man ihn mit konkreten Missionen beauftragt, die zwar bezahlt werden, aber das Wann ist eher ungewiss. So schlägt sich Cervantes ab 1587 jahrelang als Kommissar zur Requirierung von Öl und Getreide für die spanische Flotte durchs Leben. Das bedeutet nicht nur umständliche Verhandlungen mit unwilligen Bauern und Magistraten, die die unzuverlässige Zahlweise des königlichen Schatzamtes kennen und ihre Ernte lieber auf dem freien Markt anbieten möchten, Cervantes hat sich auch selbst ständig mit der Finanzbehörde herumzuschlagen, ist böswilligen Verleumdungen ausgesetzt und gerät einmal sogar wegen eine falschen Beschuldigung kurzzeitig ins Gefängnis.

Erst Mitte 1594 gibt er dieses Geschäft auf, um Steuereintreiber zu werden. Seine Besoldung kann er in diesem Fall direkt von den eingetriebenen Steuern in Abzug bringen, was ihm aber nichts nützt, da er die gesamten eingezogenen Gelder bei einem Kaufmann hinterlegt, der das zum Anlass nimmt, einen betrügerischen Bankrott zu veranstalten und sich mit dem Bargeld aus dem Staub zu machen. Zwar gelingt es Cervantes, die Steuergelder aus der Konkursmasse zu retten, sein eigenes Geld aber ist unrettbar verloren. Auch diese Affäre geht nicht ohne einen erneuten Gefängnisaufenthalt ab.

Ab 1598 wieder frei, beginnt Cervantes mit der Arbeit am Don Quijote, an dessen erstem Teil er über sieben Jahre hinweg arbeiten wird. Als der Roman Anfang 1605 in Madrid erscheint, macht er seinen Autor nahezu sofort zu einem der bekanntesten Schriftsteller, und das innerhalb weniger Monate nicht nur in Spanien sondern in ganz Europa und Südamerika (bereits im Februar 1605 wird ein erstes Kontingent des Buches nach Peru exportiert). Von dieser Zeit an scheint Cervantes in der Hauptsache als Autor gelebt zu haben.

Neben 16 Theaterstücken erscheinen in den elf Jahren bis zu seinem Tod – in denen Cervantes übrigens ein weiteres Mal für kurze Zeit ins Gefängnis geworfen wird – noch die Novellas Exemplares (ein weiterer europaweiter Erfolg), ein poetologisches Versepos Die Reise zum Parnass und schließlich im November 1615 der 2. Teil des Don Quijote, nachdem bereits im Jahr zuvor ein pseudonymer 2. Teil erschienen war, der sich nicht nur an den Erfolg des Buches anhängen wollte, sondern dessen Vorwort auch eine üble Beschimpfung des Original-Autors enthielt. Cervantes geht sowohl in der Vorrede als auch im Text seines eigenen 2. Teils auf diese Fälschung und besonders auf die Verleumdungen ein und zahlt es dem anonymen Fälscher mit besserer Münze heim. Am 22. April 1616 – so jedenfalls sein Biograph Canavaggio – stirbt Cervantes in Madrid. Postum erscheint 1617 sein letzter Roman Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda.

All dies schildert in erstaunlicher Detailfülle die musterhafte akademische Biographie Canavaggios, der als einer der bester Kenner Cervantes’ gelten muss. Sein Buch ist – soweit ich das sehe – immer noch die präziseste Beschreibung dieses Lebens, obwohl es bereits aus dem Jahr 1986 stammt. Canavaggio liefert nicht nur die bekannten Tatsachen, sondern auch die zahlreichen biographischen Spekulationen und Legenden seiner Kollegen, jeweils mit einer exakten und verlässlichen Einordnung. Zudem werden der historische Hintergrund und die sehr dynamische ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung Spaniens während der Lebenszeit Cervantes’ kurz und eingängig vermittelt. Dabei ist das Buch durchweg gut lesbar und klar strukturiert. Bei all diesen Vorteilen ist es selbstverständlich, dass es nicht mehr im Druck ist und nur noch antiquarisch erworben werden kann.

Jean Canavaggio: Cervantes. Aus dem Franzöischen von Enrico Heinemann und Ursel Schäfer. Zürich u. München: Artemis, 1989. Leinen, 387 Seiten. Nicht mehr lieferbar.

Dennis Pausch: Virtuose Niedertracht

Erklärter Witz ist nicht mehr spitz.

Volksmund

Beim großen Herbert Rosendorfer heißt es über umständliche Witze:

Auf der Fahrt erzählte er Schnurren aus dem Berufsradrennfahrer-Leben, wobei die Pointe meist allerdings darin bestand, daß irgendjemand, den zwar Onkel Jeremy gut kannte, der aber seinen Zuhörern fremd war, bei irgendeiner Gelegenheit – deren Komik, da aus dem Radrennfahrer-Leben gegriffen, ausführlicher Erläuterungen bedurfte – irgend etwas sagte, wobei Onkel Jeremy, um die Pointe verständlich zu machen, erklären mußte, was man von dem Betreffenden eigentlich gesagt erwartet hätte.
– Eines, sagte Arthur Saingral später, ist gut, wenn einer recht umständliche Witze erzählt: er kann nicht viele erzählen.

Herbert Rosendorfer: Der Ruinenbaumeister. München: Nymphenburger, 1980. S. 262.

Dennis Pausch hat ein ganzes Buch solch umständlicher Witze geschrieben. Nicht, dass es uninteressant geraten wäre. Im Gegenteil: Für jemanden, der sich in der Antike, besonders auch in der antiken Rhetorik auskennt, handelt es sich um eine sehr vergnügliche und exzellent ausgewählte Sammlung von Beispielen dafür, was besonders in römischer Zeit an gehobenen und geschliffenen Beleidigungen ausgetauscht worden ist. Nach einer kurzen begrifflichen und systematischen Einführung besteht der Großteil des Buches aus einer thematisch gegliederten Anthologie. Vorgeführt werden Majestätsbeleidigungen, Politiker beschimpfen Politiker, Schriftsteller beschimpfen Schriftsteller usw. usf. Alle Beispiel werden in den historischen Kontext eingestellt und prägnant erläutert, wobei deutlich wird, dass die Römer in Sachen öffentlicher Beleidigung weit weniger zimperlich waren als ihre christlichen Nachfahren. Eine gewisse Gewandtheit in der Kunst der Beleidigung wurde von einem öffentlichen Redner sogar erwartet, genauso wie ein dickes Fell, wenn einem die Komplimente zurückgegeben wurden. Dennoch dürfte sich der oben beschriebene Effekt bei den meisten Lesern leider notwendig einstellen.

Nur zu empfehlen für Freunde der römischen Literatur oder solche, die es werden wollen, diesen aber unbedingt.

Dennis Pausch: Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike. München: Beck, 2021. Pappband, 223 Seiten. 22,– €

Heike Olschansky: Täuschende Wörter

Ein sehr nettes kleines Wörterbuch, das man zum Blättern, schmökern und entdecken verwenden kann. Gesammelt wurden Wörter, deren heutige Form durch eine volks­ety­mo­lo­gi­sche Umdeutung Zustande gekommen ist, sowie Wörter, die leicht zu volks­ety­mo­lo­gi­schen Missverständnissen führen. So ist zum Beispiel die „Affenschande“ eigentlich eine „aapen Schann“, also eine offene Schande, oder der „Eisvogel“, der nichts mit dem gefrorenen Wasser zu tun hat, althochdeutsch wegen seines metallisch schillernden Gefieders eigentlich ein „isa(r)nfogal“, also ein eiserner Vogel. Es finden sich aber eben auch Lemmata wie „Falter“ (und auch einer für „Schmetterling“), dessen Name nichts mit dem Falten seiner Flügel zu tun hat, oder „Leghorn“ über eine Art von Hühnern, die nicht besonders gut Eier legt, sondern aus Livorno stammt.

Nach dem gut 160 Seiten umfassenden lexikalischen Teil folgen noch drei Essays, in denen sich dicht an dicht weitere etymologisch interessante Beispiele aneinandergereiht finden (Mundartliches, Namen und Ortsbezeichnungen und fremdsprachige Beispiele). Ein Register am Ende des Bandes erschließt sowohl den lexikalischen als auch den essayistischen Teil.

Mir persönlich hat nur eine Sache gefehlt: Bei den Fisematenten (Olschansky schreibt dudenkonformer „Fisimatenten“) ist nicht die so schön falsche rheinische Erklärung mit aufgeführt, dass die napoleonischen Soldaten die jungen Kölner Mädchen mit einem „Visitez ma tente“ zu einem unziemlichen Stelldichein eingeladen hätten, weshalb diese von ihren Eltern gewarnt wurden, keine Fisematenten zu machen. Aber man kann nicht alles haben.

Heike Olschansky: Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volks­ety­mo­lo­gien. Ditzingen: Reclam, 1999/2017. Klappenbroschur, 253 Seiten. 9,80 €.

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden

[…] und er teilt mit, »eine der wichtigsten Lehren«, die ihm ein mexikanischer Nahua vermittelte, habe gelautet: »Denken ist ein Krankheitssymptom«, womit Rätsch allerdings lediglich dokumentiert, daß er an dieser Krankheit nicht zu leiden scheint.

Hans Peter Duerrs Bücher waren schon immer etwas anders. Duerr hatte von Anfang an die Tendenz, etablierte Ansichten mittels breit angelegter Sammlungen empirischer Berichte zu kontern. Schon sein fünfbändiges Hauptwerk Der Mythos vom Zivilisationsprozess war über weite Strecken eine Dokumentation von Duerrs stupender Belesenheit. Diese Tendenz erreicht in seinem neuem Buch ihren Höhepunkt: Ohne den Untertitel „Über den Ursprung der Religion“ bzw. das dreiseitige Vorwort wäre es den Lesern wohl kaum möglich, konzise anzugeben, wovon das Buch eigentlich handelt.

Das Vorwort verortet das Vorhaben des Buches, eine naturalistische Erklärung für die Herkunft der Religion zu liefern, ursprünglich in die Studienzeit Duerrs. 55 Jahre später liefert er nun diesen Band, dem jegliche Definition oder auch nur nähere Bestimmung des Untersuchungsfeldes mangelt. Das, was einer Theorie am nächsten kommt, ist folgender Abschnitt des Vorworts:

Deshalb ist es vielleicht sinnvoll, von »Religiösen Erfahrungen« nur dann zu sprechen, wenn in ihnen explizit Götter oder Geistwesen vorkommen, zum Beispiel in gewissen Nahtod-Erfahrungen, Erscheinungen, »Präsenz«-Erlebnissen oder Besessenheitsepisoden. Zum anderen will ich belegen, daß so gut wie überall auf der Welt ursprünglich all das, was den Menschen »nicht ganz geheuer« war, was sie als mysteriös, unverständlich, unerklärbar, außergewöhnlich, geheimnisvoll empfanden, also das, was Parapsychologen heute als »Anomalie« bezeichnen, den Religionen zugrunde liegt.

Im Rest des Buches fehlt jeder weitere Versuch, der Aufreihung empirischer Einzelfälle eine irgendwie geartete theoretische oder anderweitige Ordnung zu geben. Duerr arbeitet sich in lockerer Folge von unheimlichen Orten und Gegenständen über semantische Betrachtungen über Ausdrücke für das Unheimliche in diversen Sprachen, den Mesmerismus, der Deutung von Entführungen durch Aliens, sogenannten Präsenzen, Geister- und Marienerscheinungen, Sex mit Jesus und anderen eingebildeten Entitäten, Besessenheit, automatisches Schreiben und Malen, multiple Persönlichkeiten, Satanismus bis zu Fällen der Besessenheit durch den Heiligen Geist in den Pfingstgemeinden vor. Die Sammlung endet ebenso unvermittelt wie sie begonnen hat.

Dabei ist das Buch nicht nur abwechslungsreich und humorvoll, sondern es versetzt auch hier und da einzelnen Ethnologen, Esoterikern oder Parapsychologen einen Hieb und ist alles in allem geleitet von einer gesunden empirischen Einschätzung der Welt. Nur zeigt es eben nicht den leisesten Versuch, für die oben zitierte These zu argumentieren oder sie auch nur plausibel zu machen. Seine Lektüre hat mich mehrfach an das Beethovensche „wer es nicht greifen kann lässts bleiben“ denken lassen. Offenbar ist Duerr inzwischen vollständig jenseits allen akademischen Gehabes angekommen. Es ist daher anzunehmen, dass auch dieses Buch fachwissenschaftlich weitgehend ignoriert werden wird.

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion. Berlin: Insel, 2020. Pappband, 753 Seiten. 38,–€.

Rainer Erlinger: Warum die Wahrheit sagen?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Goethe, Faust II

Die Redaktion des Dudens kapriziert sich seit einiger Zeit darauf, unterkomplexe Antworten auf komplizierte Fragen zu drucken: Warum wir angeblich orthographisch korrekt schreiben oder warum wir eine politisch korrekte Sprache gebrauchen sollten und nun also, warum wir die Wahrheit sagen sollten. Das Buch ist wie seine Vorgänger allein schon wegen seines geringen Umfangs zum Scheitern verurteilt, in diesem Fall um so mehr, als es eine 2500 Jahre andauernde philosophische Diskussion aufheben muss, wenn es denn überhaupt nur eine Chance haben will, etwas Relevantes zum Thema beizutragen. Selbstverständlich tut es das nicht.

Es stellt eine nicht unerhebliche Ironie dar, wenn ein Autor, dessen Hauptkriterium dafür, wann ein Satz wahr ist, eine sehr flache Version der Korrespondenztheorie ist (in etwa: „Wahrheit bedeutet demnach, dass die gedankliche Vorstellung oder das, was man darüber sagt, mit der Wirklichkeit übereinstimmt.“ Das reiche „für das Leben und den Alltag“, so Erlinger), seine einleitenden Beispiele für die Fatalität der Lüge aus den Dramen Shakespeares bezieht, also aus einer fiktiven Konstruktion zum Zwecke der emotionalen Erregung des Publikums, die keinerlei Pendant in der Wirklichkeit aufweist, das sie „wahr“ machen könnte.

Aus philosophischer Sicht fehlen natürlich alle wichtigen Bestimmungen, also etwa, dass Wahrheit eine Eigenschaft von Aussagesätzen ist, was Aussagesätze sind, wie es ihre Benutzer schaffen, von ihnen auf die Stelle der Welt zu schließen, auf die sie schauen müssen, um festzustellen, ob die Aussagesätze wahr sind usw. usf. Auch gibt es keinerlei methodologische Differenzierungen, also keinerlei Reflexion darauf, dass logische, mathematische, naturwissenschaftliche, philosophische, juristische, historische oder theologische Methoden der Verifikation bzw. Falsifikation untereinander und von denen der Wahrheit „für das Leben und den Alltag“ durchaus massiv abweichen können. Es fehlt, wie oben schon angedeutet, jegliches Bewusstsein dafür, dass es systematische Bereiche des Lügens gibt, die in die gesellschaftliche Praxis problemlos eingebunden sind. Ja, es fehlt überhaupt, dass zu lügen wesentliche Teile der gesellschaftlichen Praxis ausmacht, eben nicht nur im Bereich der Politik, den Erlinger thematisiert, sondern etwa auch in der Werbung, im Journalismus, im zwischenmenschlichen Umgang  als Höflichkeit, in der Erziehung zur Abweisung unangenehmer Fragen, Beschwichtigung irrationaler Ängste und Mythologisierung des Alltags (die sich dann in Religion, Esoterik und vielfältigen anderen Formen ins Erwachsenenleben hinein fortsetzt) etc. pp. Die umfassende Durchdringung der menschlichen Welt durch Unwahrheit, Illusionen, Phantasien und sonstige Verleugnungen oder Überschreibungen der Realität lässt Erlangers Grundthese, das Sagen der Unwahrheit zerstöre das Vertrauen in die zwischenmenschliche Kommunikation, so naiv erscheinen, dass man vielmehr geneigt ist, der gegenteiligen These Glauben schenken zu wollen, dass die Lüge überhaupt erst die zwischenmenschliche Kommunikation ermögliche und einer ihrer wichtigsten Grundpfeiler sei.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass irgendwer ein bereits auf den ersten Blick so komplexes Thema auf 144 Seiten angemessen abhandelt. Aber was man erwarten darf, ist, dass er die Tinte hält, so er denn die Mühe der dialektischen Reflexion scheut.

Rainer Erlinger: Warum die Wahrheit sagen? Berlin: Dudenverlag, 2019. Pappband, 144 Seiten. 14,– €.