Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

… – es macht keinen Unterschied.

Harari-Kurze-GeschichteEin so schlechtes Buch, dass es sich kaum lohnt, es überhaupt zu besprechen, außer in dem Sinne, dass es der einen oder dem anderen die Lektüre ersparen wird. Der Autor ist Historiker, was man dem Buch aber nicht anmerkt. Nach einem Überblick über die Frühgeschichte der Menschheit geht der Autor dazu über, sich sehr allgemein darüber auszulassen, wie die menschliche Gesellschaft seiner Meinung nach funktioniert. Seine Haupteinsicht besteht darin, dass es sich bei menschlichen In­sti­tu­tio­nen und Ü­ber­zeu­gun­gen um Fiktionen handelt, die nichtsdestowe­ni­ger wirksam sind. Zwar kann Harari weder erklären, wie solche Fik­tio­nen installiert werden (sie werden einfach von jemandem erfunden), noch warum sie perpetuiert werden, wenn sie ihre Nützlichkeit ver­lo­ren haben, was ihn aber in keiner Weise dabei stört, ein schlecht durch­dach­tes Beispiel ans andere zu hängen, ohne ein einziges Mal auf Strukturen der Macht zu sprechen zu kommen. Auch handelt es sich bei der Geschichtswissenschaft und den Naturwissenschaften offenbar nicht um solche Fiktionen; auch seine Theorie vom fiktiven Charakter der gesellschaftlichen Institutionen scheint von dieser Theorie aus­ge­nom­men zu sein – so ein Glück!

Es lohnt nicht, Hararis Geschwätz detaillierter zu beschreiben. Die Argumentation des Buches ist flach, dumm, ermangelt jeglicher Selbst­ref­le­xion und weitgehend der Sachrichtigkeit.

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013. Pappband, 526 Seiten. 24,99 €.

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen
Goethe

Hoare-LeviathanEin recht merkwürdiges Buch, von dem gar nicht einfach anzugeben ist, wovon es handelt. Sicherlich: Das meiste, was es enthält, hat mehr oder weniger direkt mit Walen zu tun, aber sein Aufbau ist in weiten Teilen so assoziativ, dass die Kapitelstruktur nur wie übergestülpt erscheint. Manchmal scheint es, als seien die Kapitel jedes für sich und in Unkenntnis der anderen verfasst, dann wieder findet man einen logischen Aufbau, dem man für 30 oder 40 Seiten folgt, bevor dem Autor wieder etwas völlig anderes einfällt. An manchen Stellen liefert das Buch eine hohe Informationsdichte (etwa bei den Zahlen zum Walfang nach dem Zweiten Weltkrieg), an anderen erschöpft es sich in einer eher be­lie­bi­gen Aufzählung von Ereignissen (so etwa bei der Aneinanderreihung von Walstrandungen), dann wird einem englischen Cetologen ein kurzes Denkmal gesetzt und schon geht es wieder zu etwas anderem. Dann folgt völlig unverhofft und unvermittelt eine Passage, in der der Autor vom Sterben seiner Mutter erzählt, was mit gar nichts anderem außer ihm selbst etwas zu tun hat. Hier und da finden sich auch gedanklich eher wirre Passagen wie zum Beispiel diese:

Als man entdeckte, dass die Unterwasserwelt, die alle sich als stumm vorgestellt hatten, von Geräuschen erfüllt war, kam man auf die Idee, dass U-Boote Waltöne aussenden und sich auf diese Weise als Wale tarnen konnten. Ein Jahrhundert zuvor hatten sich Sklavenschiffe als Walfänger getarnt; jetzt bedienten sich Atom-U-Boote eines ähnlichen Tricks. So missbrauchte der Mensch die Mittel der Wale, um in ihre Welt einzudringen, und erzeugte dabei Geräusche, die für sie tödlich waren. (S. 378)

Insgesamt gewinnt man nur bedingt den Eindruck, ein Buch zu lesen, vielmehr ist es, als höre man einem Redefluss zu, der all das an einem vorbeischwemmt, ohne dass hinter dem Ganzen mehr stecken würde als die zufällige Abfolge der Gedanken des Autors.

Das alles soll aber nicht bedeuten, dass ich das Buch ungern gelesen hätte. Nachdem ich mich an seine Unförmigkeit gewöhnt hatte, ging es recht gut, und vieles, was der Autor erzählt ist interessant und manch anderes nimmt man en passant zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Wer sich auf die assoziative Geschwätzigkeit des Autors ein­las­sen kann, findet sich von der Lektüre durchaus belohnt. Das Buch lie­fert ein reichhaltiges Panoptikum zum Thema Wal, Walfang, -strandungen, -forschung, -Watching und -darstellung; es bietet eine Kurzbiographie Herman Melvilles, Reflektionen über „Moby-Dick“ in Wort und Bild, Gedanken über Sklaverei, einen Bericht vom Tauchen mit Pottwalen vor den Azoren, eine kleine Geschichte der Azoren und nicht zuletzt die Information, was der Urgroßvater des Autors beruflich gemacht hat.

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Hamburg: Mareverlag, 2013. Pappband, Lesebändchen, 522 Seiten. 26,– €.

Sebastian Castellio: Das Manifest der Toleranz

Castellio-ToleranzDieses in der „Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten“ des Alcorde Verlags erscheinende Buch dokumentiert die Reaktion des Baseler Theologen Sebastian Castellio auf die Verurteilung und nachfolgende Hinrichtung des spanischen Theologen Michael Servet als Ketzer, die 1553 auf Initiative Calvins in Genf stattfand. Dieser Ketzerprozess stellt so etwas wie den Sündenfall des protestantischen Glaubens dar, da sich in ihm Calvin als einer der führenden Köpfe der Reformation der Formen und Argumente der verhassten römischen Kirche und ihrer Inquisition bediente, um sich einen persönlich verhassten theologischen Konkurrenten vom Hals zu schaffen.

Den Kern des Buches bildet Castellios „De haeriticis“, eine Sammlung, die zahlreiche Texte von Augustinus bis Luther zum Problem der Ketzer und der Auseinandersetzung mit ihnen enthält. Ergänzt wird diese Hauptschrift durch kleinere Schriften Castellios aus dem Umfeld der Auseinandersetzung mit Calvin anlässlich des Falls Servet sowie eine biographischen Studie Stefan Zweigs zu Castellio – wie üblich bei Zweig mit mehr rhetorischem als sachlichem Aufwand – und die die Toleranzdebatte betreffenden Kapitel aus der Castellio-Biographie von Hans R. Guggisberg. Zusammen mit der Einführung des Herausgebers Wolfgang F. Stammlers dürfte dies eine so umfassende wie Darstellung der Reaktion Castellios darstellen, wie sie sich wünschen lässt.

Das Anhängen dieser innerchristlichen Toleranzdebatte an die derzeit weitgehend hysterisch geführte Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen ist ebenso wie der Titel des Buches eine notwendige Werbestrategie, um dem wesentlich religionshistorischen Material eine breitere Aufmerksamkeit zu sichern. Tatsächlich einschlägig ist Castellios Streit mit Calvin nur in einem so abstrakten Sinne – eben unter dem sehr allgemeinen Schlagwort der Toleranz –, dass es an Banalität nicht nur grenzt. Wer sich für die Verwerfungen des christlichen Schismas des 16. Jahrhunderts interessiert, findet einen exzellent gemachten Quellenband. Wer Stoff zum rezenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen sucht, wird sich wahrscheinlich enttäuscht sehen.

Das Manifest der Toleranz. Sebastian Castellio: Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll. Aus dem Lateinischen von Werner Stingl. Hg. v. Wolfgang F. Stammler. Essen: Alcorde, 2013. Leinen, Lesebändchen, 440 Seiten. 34,– €.

(geschrieben für Literaturwelt)

Drei Propheten

Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, [/] Doch ihre Weine trinkt er gern.

Goethe

Klages-MenschEs ist nicht wirklich verwunderlich, dass es noch Menschen gibt, die den Wirrkopf Ludwig Klages lesen. Klages ist durch seine – na, Nähe zum wäre ein Euphemismus; sagen wir also: Verwickelung mit dem Nationalsozialismus in Misskredit geraten, dem er nur deshalb nicht komplett in die Fänge gegangen ist, weil Alfred Rosenberg in ihm eine ernstzunehmende Konkurrenz sah und ihn verbellt hat. Alles in allem ist Klages Position heute undiskutabel geworden: zuviel Mythengeraune, Völkisches, Rassistisches schwebt da allenthalben umeinander, als dass man ihn noch einmal auszugraben versuchen könnte.

Verwunderlich ist bei dieser Lage der Dinge aber, dass sein Vortrag „Mensch und Erde“ von 1913 regelmäßig wieder aufgelegt und offenbar auch gelesen wird. Das Jubiläumsjahr 2013 sieht diesmal sein Wiedererscheinen bei Matthes & Seitz, die so unverdächtig des falschen Gedankenguts sind, dass sie sich auch leisten können, wirre, rechte Rassisten zu drucken. Mit diesem Vortrag, den er bei einer jugendbewegten Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig gehalten hat, ist Klages zu einem der frühen Propheten der ökologischen Bewegung geworden. Zumindest wenn man den Text nur kursorisch liest, klagt Klages die wissenschaftliche Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts der Zerstörung der Arten und Lebensräume an. Vieles von dem, was er an Beispielen anführt, ist zwar eher der westlichen Luxus- und Massengesellschaft anzulasten als konkret dem Projekt der Durchtechnisierung  der Welt, aber da Klages ebenso den Verfall der Kultur, die Vernichtung der Naturvölker und Vertreibung der Wölfe aus Europa bedauert, kommt es so genau nicht darauf an. Wichtig sind nur zwei Dinge: Die Welt ist in einem üblen Zustand und Rettung wird kommen in einem mythischen Endkampf, in dem die Gerechten am Ende durch mindestens ein Wunder den Sieg davontragen.

Was sich in der Wiederauflage des Büchleins – und in dem hier und da affirmativen Zitieren Klages’ – allerdings deutlicher zeigt als in Klages Vortrag selbst, ist die fortschreitende Fragmentierung – fast hätte ich Eklektizismus geschrieben, aber das hieße das Brouhaha unserer Zeit schon überschätzen – unserer Kultur, also das, was in aller Hilflosigkeit Postmoderne genannt wird – Epigonentum am Epigonentum, wenn es je eines gegeben hat. Wer Klages war, was er tatsächlich gemeint haben könnte, all das ist völlig gleichgültig. Da er ein paar undeutliche Phrasen und Zusammenhänge zur Verfügung stellt, die irgendwie in unseren Kram passen, zitieren wir ihn fröhlich und kümmern uns einen Dreck um den Rest. Den kennt ja ohnehin keiner.

Ludwig Klages: Mensch und Erde – ein Denkanstoß. Berlin: Matthes & Seitz, 2013. Broschur, 62 Seiten (wovon der Vortrag selbst 30 Seiten umfasst). 10,– €.

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Emmott-Zehn-MilliardenGanz in dieselbe Kerbe, wenn auch mit einem anderen Beil, schlägt Stephen Emmotts Traktat „Zehn Milliarden“. Auch er beschwört den nahenden Untergang der Menschheit innerhalb des laufenden Jahrhunderts. Emmotts, der es für nötig hält zu betonen, dass er Wissenschaftler sei (S. 15), malt ein schwarzes Bild von einer Zukunft, in der nicht nur 10 Milliarden Menschen den Planeten bevölkern und ihn damit durch die Produktion von Lebensmitteln, den übermäßigen Verbrauch von Wasser und die Produktion von Abfall notwendig zerrütten, sondern er bezweifelt auch, dass noch ein gangbarer Weg existiert, den katastrophalen Untergang der menschlichen Spezies an den Folgen ihrer eigenen Existenz zu verhindern. Darin ist ihm zuzustimmen. So wird es kommen, und je eher je besser.

Doch leider kann seiner optimistischen Einschätzung vom Untergang der Menschheit nicht zugestimmt werden, da sich die Spezies, auch wenn sie etwas anderes glaubt, auch weiterhin als Teil eines natürlichen Systems darstellt, das sich erlauben wird, sie auf das Maß zusammenzustutzen, das bedauerlicherweise ihre weitere Existenz, unter welchen Bedingungen dann auch immer, ermöglichen wird. Aber davon haben andere anderswo ausreichend ausführlich geschrieben.

Die ironische Pointe an dem Büchlein von Emmott ist jedoch, dass auch sein Inhalt deutlich zu kurz ist, um allein eine für den Buchmarkt geeignete Verkaufseinheit zu bilden. Während Matthes & Seitz sich die Mühe macht, dem Klages ein etwa gleich langes Nachwort anzuhängen, greift Suhrkamp zu einem schon andernorts erprobten Mittel: Man nimmt einfach den PowerPoint-Vortrag des Autors und druckt ihn 1:1 ab; so geraten auf viele Seiten nur ein oder zwei Sätze, die dort einen ganz wundervoll einprägsamen Eindruck machen. Damit gelingt es Suhrkamp, das Textlein auf stattliche 200 Seiten auszuwalzen. Das ist natürlich eine grandiose Idee bei einem Buch, dessen Kern die Kritik der Verschwendung von natürlichen Ressourcen bildet. (Wer mag, kann sich auf der Seite des Suhrkamp Verlages mittels einer Leseprobe einen Eindruck von diesem Meisterwerk des Buchdrucks verschaffen.)

Stephen Emmott: Zehn Milliarden. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Berlin: Suhrkamp, 2013. Bedruckter Pappband, 206 Seiten. 14,95 €.

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Ein Kubikkilometer genügt

Ein Mathematiker hat behauptet,
daß es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.

In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!

Man könnte also die ganze Menschheit
in eine Kiste steigen heißen
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.

Da lägen wir dann, fast unbemerkbar,
als würfelförmiges Paket.
Und Gras könnte über die Menschheit wachsen.
Und Sand würde daraufgeweht.

Kreischend zögen die Geier Kreise.
Die riesigen Städte stünden leer.
Die Menschheit läge in den Kordilleren.
Das wüßte dann aber keiner mehr.

Erich Kästner
Gesang zwischen den Stühlen (1932)

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

MacGregor-Shakespeares-WeltNeil MacGregor ist der Direktor des Britischen Museums und hat im Jahr 2011 mit seiner Kulturgeschichte „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ einen internationalen Bestseller geschrieben, die die Entwicklung der Zivilisation anhand ausgesuchter Artefakte aus dem Bestand des Museums nacherzählte. In ähnlicher Weise aufgebaut folgt nun ein Buch zur Zeit und der Welt Shakespeares, also der Jahrzehnte um die Jahrhundertwende vom 16. zum 17. Jahrhundert.

Der Band ist reich illustriert und zeichnet in 20 Kapiteln anhand von Alltagsgegenständen und Druckwerken der Zeit ein durchaus weit gespanntes Panorama der englischen Kultur, Gesellschaft und Politik der Elisabethanischen und ersten Jahre der Jakobinischen Ära. Das ein oder andere Thema spielt bei Shakespeare nur indirekt eine Rolle, wobei MacGregor es versteht, auch die Blindstellen in Shakespeares Widerspiegelung seiner Lebenswelt in den Stücken interessant zu machen.

Das Buch versucht nicht, eine Shakespeare-Biographie zu liefern oder Shakespeares Stücke in irgendeinem erschöpfenden Sinne zu interpretieren (Interpretationen zitiert MacGregor klugerweise von Experten), es will nur die reichhaltige Verwebung der Stücke Shakespeares und der ihre Zuschauer (und ihren Autor) umgebenden Kultur an prominenten Einzelbeispielen aufscheinen lassen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet. Das Buch ist als Einführung in die Welt Shakespeares und den Reichtum und die Offenheit seines Theaters bestens geeignet. Es macht Lust, sich mit der spannungsreichen und widersprüchlichen Kultur und Geschichte dieser Zeit, zu der Shakespeares Stücke nur ein Segment einer ganzen Reihe liefern, intensiver auseinanderzusetzen.

Erwähnt werden sollte auch, dass der Band nicht nur in sehr guter Qualität auf schwerem Papier gedruckt wurde, sondern bei einem Preis von knapp 30,– Euro auch mit einer Fadenheftung glänzt. Hätte man auch noch einige Druckfehler ausgemerzt (einer macht – in einer Bildunterschrift – aus dem gerade wieder einmal populären Gun-Powder-Plotter Guy Fawkes einen Guy Hawkes), wäre der Band ein Musterstück geworden.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Zeit. Aus dem Englischen von Klaus Binder. München: C.H. Beck, 2013. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 347 Seiten. 29,95 €.

Frank Brady: Endgame

He was poised for battle against the chess establishment, the Union Bank of Switzerland, the Jews, the United States, Japan, Icelanders in general, the media, processed foods, Coca-Cola, noise, pollution, nuclear energy, and circumcision.

Brady_EndgameFrank Brady schreibt seit knapp 50 Jahren Biographien über den elften Schachweltmeister Robert James (Bobby) Fischer. Bereits 1965 erschien sein erstes Buch, damals noch dem Wunderkind Fischer gewidmet, das der 1943 geborenen Fischer zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr war, und dieses Buch wurde in einer überarbeiteten Neuauflage 1973 und einem unveränderten Nachdruck 1989 nochmals publiziert. 2011 ist dann mit »Endgame« sozusagen die Fassung letzter Hand erschienen; es dürfte für einen Kenner kein kleiner Spaß sein, die Wandlung der Biographie Fischers in der Darstellung Bradys durch die Jahre hindurch zu verfolgen.

Brady ist ein routinierter, journalistischer Schriftsteller mit der Neigung, ab und an sprachlich etwas dick aufzutragen. Eigentlich möchte er Fischer sympathisch darstellen, was ihm aber gerade im letzten Teil des Buches angesichts des immer unerträglicher werdenden Charakters dieses Menschen zunehmend schwer fällt. Fischer war spätestens seit den 80er Jahren soziopathisch, paranoid und schwer depressiv. Und auch wenn ihn Brady bei der Darstellung der letzten, isländischen Jahre zu einem Intellektuellen zu stilisieren versucht, so muss doch festgestellt werden, dass etwa Fischers Faszination mit ständig wechselnden religiösen Ideologien, die er sich immer so zurechtlegt, dass sie sein persönliches Wahnsystem und sein Selbstbild stützen – sobald der jeweils aktuelle Versuch brüchig wird, wechselt er die Religion – und sein wahnhafter Antisemitismus – Juden sind für Fischer letztlich alle Menschen, die nicht seiner Meinung sind – starke Indizien dafür liefern, dass Fischer seinen Kopf außer zum Schachspielen zu nicht viel anderem richtig zu gebrauchen wusste. Es muss Brady zugutegehalten werden, dass er alle für dieses Urteil nötigen Sachverhalte zur Verfügung stellt, wenn er sich auch letztlich weigert, die sich daraus ergebende Konsequenz selbst zu ziehen. Fischer ist für ihn offenbar ein bemitleidenswerter und kranker Mann gewesen, über den den Stab zu brechen Brady zu vermeiden sucht.

Alles in allem ist die Biographie solide, wenn auch dem Kenner hier und da merkwürdige Auslassungen auffallen können: So war Fischer zum Beispiel für das Interzonenturnier in Palma de Mallorca im Jahr 1970, in dem er sich mit einem überragenden Sieg für die Kandidaten-Kämpfe der WM 1972 qualifizierte, nicht startberechtigt, da er an der für dieses Turnier qualifizierenden US-Meisterschaft 1969 nicht teilgenommen hatte. Qualifiziert hatte sich unter anderen Pál Benkő, der seinen Qualifikationsplatz zugunsten Fischers aufgab und ihm so den Weg zum Weltmeistertitel 1972 freimachte. Kein Wort davon in Bradys Biographie. Am Platz kann es nicht gelegen haben, denn an anderer Stelle erfahren wir so wichtige Details wie dieses:

As he [Fischer] and his two bodyguards drove along the banks of the Danube, Bobby noticed that the river wasn’t the color he’d thought it would be. Unlike the ‘The Blue Danube’ of Strauss’s waltz, this deep water was mud brown.

Nun gut.

Eine teilweise sprachlich pompöse, aber trotzdem lesbare und insgesamt stimmige, im Detail etwas nachlässige Biographie Bobby Fischers, die besonders für Nichtschachspieler den Vorzug besitzt, gänzlich ohne Partienotationen und Diagramme auszukommen. Eine deutsche Übersetzung liegt seit 2012 ebenfalls vor.

Frank Brady: Endgame. Kindle-Edition. London: Constable, 2011. 418 Seiten (gedruckte Ausgabe). 7,20 €.

Stephen Greenblatt: Die Wende

»Herr Ober, in der Suppe fehlt was.«
»Das ist nicht möglich, mein Herr. Da ist alles drin, was in der Küche war.«

greenblatt_wendeEin Buch aus der Kategorie »viel Soße, wenig Fleisch«. Greenblatt ist es als Shakespeare-Biograph natürlich gewohnt, mit nahezu nichts soviel Umstände zu machen, dass sich ein ansehnliches Buch ergibt. Dass man mit dem Bohren eines solch dünnen Bretts allerdings jetzt schon einen Pulitzer-Preis gewinnen kann, ist kein gutes Zeichen.

Das Zentrum des Buches bildet die Wiederentdeckung des Textes »De rerum natura« von Lukrez im Jahre 1417. Wir kennen hierfür leider nur wenige konkrete Fakten: Weder wissen wir, in welcher Klosterbibliothek Gianfrancesco Poggio den Fund machte, noch ist das ursprünglich aufgefundene Manuskript jemals wieder aufgetaucht. Auch die im Auftrag Poggios erstellte Kopie ist verloren; erhalten blieb nur eine italienische Abschrift dieser Abschrift, die dann die Grundlage der Verbreitung des Textes im 15. Jahrhundert wurde. Das ist auch schon beinahe die ganze Geschichte, die Greenblatt zu erzählen hat. Damit gut 270 Seiten zu füllen, ist kein kleines Kunststück, weshalb wir viel oberflächlich Angelesenes über Pompei und Herculaneum erfahren, weil dort in einer Villa ein antikes Exemplar des Buches gefunden wurde. Auch wird uns ausführlich von Jan Hus und Giordano Bruno berichtet, nicht weil die Lukrez gelesen hätten, sondern weil der eine ebenso wie Poggio auf dem Konzil von Konstanz war (allerdings mit deutlich schlechterem Ausgang) und der andere auch sowas ähnliches wie Lukrez gemeint hat, wenn auch aus anderen Gründen und mit anderen Absichten, aber was macht das schon, wenn es nur Seiten füllt. Auch erfahren wir einiges über die Kirchenpolitik des 15. Jahrhunderts, über Petrarcas Latein, mittelalterliche Skriptorien (wobei Greenblatt von den drei dort am häufigsten verwendeten Tinten gerade einmal eine zu kennen scheint), Lesevorschriften für Mönche und die Mühen des Kopierens  und vieles, vieles andere mehr. Nichts von dem hat zwar irgend etwas mit Lukrez oder »De rerum natura« zu tun, aber Greenblatt hat es eben irgendwo gelesen und nun soll es auch mit ins Buch hinein. Wer wird so kleinlich sein und verlangen, dass ein so umfassend halbgebildeter Autor beim Thema bleibt.

Wie wesentlich fremd Greenblatt die Welt des 15. und 16. Jahrhunderts am Ende bleibt, zeigt vielleicht am deutlichsten diese Stelle:

Tatsächlich konnte es den Anschein haben, als gebe der Atomismus den Reformatoren so etwas wie eine geistige Massenvernichtungswaffe an die Hand. [S. 263]

Was wird sich ein Mensch des 16. Jahrhunderts wohl unter einer »Massenvernichtungswaffe« vorgestellt haben?

Gänzlich irreführend aber sind der Untertitel und die Verlagswerbung zum Buch: Während die ursprüngliche Ausgabe den ebenso vagen wie historisch irritierenden Untertitel »How the World Became Modern« trug, wurde das Buch dann schon für die englischen Ausgaben bei Random House in »How the Renaissance Began« umgetauft, was dann konsequent zu dem deutschen »Wie die Renaissance begann« führte. Nun spricht Greenblatt nebenbei und fragmentarisch auch darüber, wie die Renaissance begann, wobei er sich dabei in der Hauptsache auf Pertrarcas Vorliebe für klassisches Latein konzentriert, alles in allem ist im Buch aber nur ganz wenig und sehr oberflächlich davon die Rede, wie die Renaissance begann. Die Verlagswerbung setzt noch eins oben drauf:

Spannend und farbenfroh beschreibt Stephen Greenblatt, wie die Verbreitung des Buches die Renaissance beeinflusste und bedeutende Künstler wie Botticelli und Shakespeare, aber auch Denker wie Giordano Bruno und Galileo Galilei prägte. Greenblatt bietet einen neuen Blick auf die Geburtsstunde der Renaissance, der zugleich zeigt, wie ein einzelnes Buch dem Lauf der Geschichte eine neue Richtung geben kann. [Siedler Verlag / Random House]

Genau dies tut Greenblatt nicht! Zwar suggeriert er einen Einfluss des Lukrezschen Weltbildes auf Botticellis »La Primavera«, aber das ist auch schon der einzige bildende Künstler, der erwähnt wird. Von einer Einordnung Botticellis in die Gesamtentwicklung der Kunst geschweige denn der Kultur der Renaissance, die eine gänzlich ausreichende Erklärung ohne einen Rekurs auf Lukrez liefert, kann natürlich keine Rede sein. Einen möglichen Einfluss auf Shakespeare macht der Shakespeare-Experte Greenblatt ausgerechnet an der Verwendung des Wortes »atomi« in »Romeo and Juliet« fest, nachdem er einige Seiten zuvor explizit festgestellt hat, dass Lukrez das griechische »atomos« überhaupt nicht verwendet. Auch von einem konkreten Einfluss auf Giordano Bruno oder Galilei ist keine Rede, auch wenn beide im Buch natürlich prominent vertreten sind.

Einen konkreten inhaltlichen Einfluss kann Greenblatt überhaupt erst für das 17. Jahrhundert nachweisen, also zu einer Zeit, als dem physikalischen Materialismus längst auf anderem Wege der Boden bereitet ist. Das 15. und 16. Jahrhundert haben Lukrez wohl ausschließlich als einen außerordentlichen Stilisten zur Kenntnis genommen, dessen Theorien aber in keiner Weise ernst zu nehmen waren.

Ein geschwätziges und seichtes Buch, das, so lange man nicht erwartet, das vorzufinden, was der Untertitel und die Verlagswerbung versprechen, für die meisten sicherlich ganz nett zu lesen ist. Für diejenigen, die schon eine allgemeine Vorstellung davon haben, dass es so etwas wie eine Antike und eine Renaissance gegeben hat, ist das Herausklauben relevanter Informationen wahrscheinlich etwas zu mühsam und die Lektüre eine Zeitverschwendung.

Stephen Greenblatt: Die Wende. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Wie die Renaissance begann. München: Siedler, 2012. Leinen, Lesebändchen, 345 Seiten. 24,99 €.

Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation

Ich habe mich daher entschieden, diese ganze Komplexität der Wirklichkeit selbst zuzuschreiben, obwohl es natürlich gut möglich ist, daß wir einfach nicht alles hinreichend gut verstehen, um die verborgene Einfachheit zu entdecken.

Überzeugender Entwurf einer evolutionären Genese der menschlichen Sprache: Tomasello geht von Beobachtungen an Schimpansen aus, die sowohl hinweisende Gesten verwenden als auch ein Verständnis dafür zu haben scheinen, dass es sich bei anderen Artgenossen um Wesen mit Intentionen und Wahrnehmungen handelt. Sie scheinen in Gefangenschaft außerdem einen Sinn dafür zu entwickeln, dass Menschen im Gegensatz zu ihren Artgenossen bereit sind, ihnen in altruistischer Absicht zu helfen. Was Schimpansen aber offenbar im Vergleich zum Menschen fehlt, ist die Fähigkeit zusammen mit anderen Individuen gemeinsame Ziele zu entwickeln und zu verfolgen. Kooperationen zwischen Schimpansen basieren demnach nur auf der Verfolgung individualistischer Ziele der Kooperierenden, während bereits menschliche Kleinkinder nicht nur die Fähigkeit zeigen, mit Erwachsenen und anderen Kleinkindern echte gemeinsame Ziele zu verfolgen, sondern ihnen in einigen Fällen die Kooperation selbst wichtiger zu sein scheint als die Erreichung des Zieles.

Tomasello argumentiert dafür, dass die Verwendung von Zeigegesten, die in der kindlichen Entwicklung der Sprache allem Anschein nach als früheste Stufe auftritt, nicht nur ontogenetisch, sondern auch phylogenetisch den Übergang zwischen der beschränkten Kommunikation der Schimpansen und der Kommunikation des Menschen markiert. Er vermutet, dass das relativ späte Auftreten des für die differenzierte Lautbildungsfähigkeit des Menschen verantwortliche Gens vor ca. 150.000 Jahren ein Indikator dafür ist, dass der gesprochenen Sprache eine lange Phase der Evolution gestischer Verständigung vorausgegangen ist. Er macht die Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit gestischer Kommunikation an der spontanen Entwicklung differenzierter gestischer Kommunikationssysteme bei gehörlosen Kindern einsichtig.

Tomasellos ergänzende Ausführungen zur Entstehung komplexer Grammatiken und zum Erzählen sind bewusst skizzenhaft gehalten und alles in allem weniger überzeugend als die Darstellung seiner Theorie der Sprachentstehung, was für den eigentlichen Gehalt des Buches aber nur wenig zur Sache tut. Der Hauptteil ist für den Laien verständlich und stilistisch gut geschrieben, wenn auch nicht frei von Redundanzen, was aber sicherlich ein Teil der Leserschaft bei der Differenziertheit mancher Argumentationsstränge nicht als nachteilig empfinden wird.

Spannend fände ich eine Anbindung dieser Theorie an die philosophische Ethik: Sollte sich tatsächlich aus evolutionsbiologischer Sicht argumentieren lassen, dass einer der grundlegenden Schritte der Menschwerdung in der Fähigkeit des Menschen zur Entwicklung altruistischer Konzepte und Zielsetzungen besteht, ließe sich damit wirkungsvoll gegen das Menschenbild aller sogenannten egoistischen bzw. egozentrischen Ethiken argumentieren.

Eine höchst fruchtbare Lektüre und die erste tatsächlich überzeugende Theorie der Sprachentstehung, die ich kennengelernt habe.

Michael Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder. stw 2004. Berlin: Suhrkamp, 2011. Broschur, 410 Seiten. 15,– €.

Hans Peter Duerr: Die Fahrt der Argonauten

Duerrs Leser haben lange auf dieses Buch warten müssen: Es ist seit über zwei Jahren angekündigt gewesen, und das Vorwort ist mit »Herbst 2009« datiert, wobei ungeklärt bleibt, warum das Buch erst zur Frankfurter Buchmesse 2011 tatsächlich erschienen ist. Es handelt sich um eine unmittelbare Fortsetzung des Buchs über Rungholt; dort war in den letzten Kapiteln thematisiert worden, dass es sich beim Argonauten-Mythos um einen Reflex kretischer Fernreisen in den Norden Europas handeln könnte. Diese These wird hier nun ausführlich vorgeführt.

Dabei nimmt die Darstellung der oben genannten These nur einen relativ schmalen Raum ein: Es wird wahrscheinlich gemacht, dass kretische Seefahrer der Bronzezeit vom Mittelmeer aus über die Aude bis etwa Carcassonne und von dort über Land bis zur Garonne in der Gegend von Toulouse und anschließend über die Garonne in den Atlantik gelangt seien und sich so die zeitraubende und von widrigen Strömungen behinderte Fahrt durch die Straße von Gibraltar und nördlich entlang der spanischen und portugiesischen Atlantikküste erspart hätten. Der Transport des Schiffes Argo über Land findet sich denn auch in der Argonautensage bei Apollonios widergespiegelt und kann zudem durch schiffsbautechnische Erkenntnisse durchaus gestützt werden.

Ein Großteil des Buches ist aber der Deutung des Argonautenmythos als Fahrt ins Totenreich und der Rückkehr von dort als Variation des Fruchtbarkeitsmythos gewidmet. Dabei erzeugt Duerrs immer schon bestehende Neigung zum Enzyklopädischen diesmal noch mehr als sonst den Eindruck eines umgestülpten Zettelkastens. Wie immer bei Duerr besteht das Buch zu knapp 50 % aus Anhang (276 von 1111 Seiten sind mit Anmerkungen, 227 Seiten mit Literaturnachweisen und 22 Seiten mit einem Register gefüllt), wobei sich allerdings ein bedeutender Teil des Textes von dem in den Anmerkungen aufgeführten zusätzlichen Material kaum anders als durch die gewählte Schriftgröße unterscheidet. Lange Passagen des Buches enthalten einfach umfangreiche Auflistungen von motivisch verwandtem Material aus diversen Kulturen zumeist des Mittelmeerraums, aber oft auch darüber hinaus. So finden sich unzählige Beispiele vom Vorkommen von Widdern in den unterschiedlichsten Fruchtbarkeitsritualen und -mythen, ebenso unzählige Beispielen für die Verbindung von Unterwelts- und Fruchtbarkeitsmythen, ebenso unzählige für die Verwendung des Motiv des Hieros gamos in den diversen Kulturen etc. pp. All dies bezeugt einmal mehr Duerrs Fleiß und seine ungeheuerliche Belesenheit bzw. seine Fähigkeit, große Mengen von Material zu organisieren, die allerdings in Zeiten elektronischer Datenbanken nicht nur an Überzeugungskraft, sondern auch an Bedeutung zu verlieren scheint. Die in weiten Teilen hauptsächlich reihende Präsentation des Materials ergab bei mir jedenfalls eine eher ermüdende Lektüre.

Hans Peter Duerr: Die Fahrt der Argonauten. Berlin: Insel, 2011. Pappband, 1111 Seiten. 34,90 €.

Michel Onfray: Anti Freud

978-3-8135-0408-8Ich habe mich sehr schwer getan, zu diesem Buch etwas zu schreiben, auch überlegt, ob ich es nicht einfach stillschweigend übergehen sollte, da es ein sehr schlechtes Buch ist und ich die Lektüre nach 150 Seiten eingestellt habe, weil kein neuer, geschweige denn ein origineller Gedanke mehr zu erwarten war. Ich selbst bin als Fachmann für Arno Schmidt auch ein halber, vielleicht auch nur ein drittel Fachmann für Freud geworden, weshalb mich die Auseinandersetzung mit ihm immer noch interessiert, während mir der Rest der psychoanalytischen Literatur inzwischen weitgehend gleichgültig ist.

Um das Buch angemessen zu rezensieren, ist es leider notwendig, zuvor einige Sätze zu meiner eigenen Position in der Sache zu schreiben, damit man meine Kritik an Onfray nicht als ein Plädoyer für die Psychoanalyse missversteht. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds ist eine der bedeutendsten Begründungen einer Weltanschauung (um nicht Religion zu schreiben) des 20. Jahrhunderts. Das in ihr implizit und explizit zum Ausdruck kommende Menschenbild hat einen nicht zu unterschätzenden weltweiten Einfluss auf die Kulturentwicklung gehabt, und niemand kann hoffen, die Entwicklung der westlichen Kultur in den letzten gut 100 Jahren zu verstehen, wenn er diesen Einfluss zu ignorieren versucht. In Freuds Denken fokussieren sich bedeutende geistige Strömungen des 19. Jahrhunderts: die Säkularisierung der Kultur, die Verbreitung atheistischen Denkens, der naive Glaube an die Erklärungsmächtigkeit rationaler Wissenschaft, das romantische Bewusstsein vom notwendig widersprüchlichen Charakter unseres Selbst und nicht zuletzt die Einsicht, dass es sich beim Bild vom Menschen als autarkem Herrn im eigenen Haus um eine weit verbreitete Selbsttäuschung handelt. Das Freudsche und in der Folge dann psychoanalytische Menschenbild im Allgemeinen hat das von Christentum und Humanismus geprägte der Neuzeit soweit gewandelt und aufgelöst, dass grundlegende Thesen der Psychoanalyse heute so weit zum selbstverständlichen und weitgehend popularisierten Grundbestand der westlichen Kultur gehören, dass sich selbst prinzipiell konkurrierende Glaubenssysteme (wie etwa das Christentum) dem anzupassen gezwungen sind.

Dies ist allerdings nicht der einzige Aspekt, unter dem die Psychoanalyse zu betrachten ist: Wie die meisten Weltanschauungen enthält auch die Psychoanalyse ein Heilsversprechen. In ihrem Fall ist dies erst sekundär ein gesellschaftliches oder soziales, primär ist es eines, das auf das Individuum zielt. Die Psychoanalyse versteht sich selbst in erster Linie als Therapie, und ihr wichtigstes Kriterium für die Richtigkeit des eigenen Menschen- und Weltbildes ist der therapeutische Erfolg. (Ob sich ein solcher nachweisen lässt oder nicht, ist eine so komplexe Frage, das sie hier nicht thematisiert werden kann.)

Dass es sich bei der Psychoanalyse nicht um eine Wissenschaft in dem Sinne handelt, wie sich dieser Begriff in den letzten beiden Jahrhunderten herausgemendelt hat, ist – auch entgegen den Ansprüchen einiger ihrer Adepten – offensichtlich und durch die Arbeiten von Wissenschaftstheoretikern wie Adolf Grünbaum hinreichend eindeutig nachgewiesen worden. Insbesondere die freie und freizügige Verwendung der logischen Negation, durch die in der psychoanalytischen Interpretation am Ende beinahe alles beinahe alles andere bedeuten kann, desavouiert die psychoanalytische Methode in den Augen empirischer Wissenschaftler. Im Gegensatz zu ihrem weit verbreiteten Selbstverständnis untersucht die Psychoanalyse nicht empirisch vorhandene Phänomene, sondern sie erzeugt wesentlich den Gegenstand ihrer Untersuchung im Vollzug dieser Untersuchung selbst. Sie ist daher – und bereits Sigmund Freud wusste dies sehr genau – eher eine historische als eine empirische Wissenschaft. Als Gegengewicht zu dieser sehr grundsätzlichen Kritik sollte man sich allerdings an die Einsicht des Aristoteles erinnern, dass von jeder Wissenschaft nur jener Grad von Genauigkeit erwartet werden sollte, den der behandelte Gegenstand tatsächlich hergibt (Nikomachische Ethik, 1094b).

Nach diesem ungewöhnlich langen Vorwort nun endlich zu Michel Onfrays Buch. Onfrays Kritik an Freud ist kein Versuch einer objektiven Einschätzung des wissenschaftlichen Anspruchs seiner Theorie oder ihrer Rolle in der Kultur des 20. Jahrhunderts. Vielmehr handelt es sich um eine Polemik, die versucht, Freuds Person zu verleumden und dadurch seine Theorie zu entwerten. Zu diesem Zweck wiederholt Onfray etwa alle fünf Seiten seine Behauptung, dass Freud seine Theorie zum einen hauptsächlich bei Nietzsche abgeschrieben habe, zum anderen aus seiner persönlichen psychischen Disposition abgeleitet und verallgemeinert habe. Diese Verallgemeinerung sei unzulässig, da Freud dadurch von ihm als universell ausgegebene psychische Gesetzmäßigkeiten von einem einzigen, noch dazu seinem eigenen Fall ableite.

Diese beiden Behauptungen werden von Onfray mit großer rhetorischen Beharrlichkeit immer erneut abgewandelt. Zwischen diesen Wiederholungen des ewig Selben beschuldigt Onfray in der Hauptsache Anna Freud, Ernest Jones und Peter Gay der systematischen Legendenbildung im Fall Freuds. Dies alles wird in einem Ton vorgebracht, als würden hier große Neuigkeiten verkündet, was wahrscheinlich nur diejenigen Leser Onfrays überzeugen wird, auf die das Buch zielt. Jeder dagegen, der sich auch nur oberflächlich mit der Literatur zu Freud beschäftigt hat, weiß, dass der Einfluss der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts und insbesondere Nietzsches auf Freud inzwischen breit dokumentiert und diskutiert wurde. Onfray rennt hier unter großem Gebrüll Türen ein, die bereits seit mehreren Jahrzehnten weit offen stehen.

Was die methodologische Kritik angeht, so bemerkt Onfray offenbar nicht (oder er will es nicht bemerken), dass seine Kritik gänzlich ins Leere geht: Zum einen hat Freud nie bestritten, dass er selbst und die Angehörigen seiner Familie bevorzugte Objekte seiner Studien waren, zum anderen ist es nicht verwunderlich, dass Freud allgemein gültige psychische Gesetzmäßigkeiten auch an sich selbst feststellen kann. Onfrays Argument folgt in etwa der Struktur, dass Newtons Gravitationsgesetz nicht gültig gewesen wäre, hätte Newton es bloß dadurch herausgefunden, dass er es an der Schwere seiner eigenen Person studiert hätte. Wollte Onfray tatsächlich nachweisen, dass hier ein Fehler vorliegt, so müsste er – wie dies andernorts durchaus fruchtbar praktiziert worden ist – zuerst auf empirischem oder logischem Weg nachweisen, dass die von Freud als allgemein gültig angesehen psychischen Gesetzmäßigkeiten diesem Anspruch nicht genügen, um dann Freuds Schluss von sich auf andere als Fehlschluss nachweisen zu können. Selbstverständlich macht sich der Philosoph Onfray die Mühe eines solchen Nachweises nicht, besonders auch weil dessen langwierige Erarbeitung und detaillierte Darstellung am Interesse seiner Zielgruppe gänzlich vorbeigehen würde.

Von der logischen Schwierigkeit, dass Onfrays Argument gegen Freud auf ihn selbst zurückschlägt und so seine Kritik Freuds als nichts anderes erscheinen muss als ein Ausfluss seiner – Onfrays – persönlichen psychischen Disposition, wollen wir hier ganz schweigen; ein beschämendes Bild mangelnder Reflexion für einen, der sich als Philosophen ausgibt. Bleibt nur noch festzuhalten, dass Onfray eine Diskussion des wichtigen Arguments, dass sich die Richtigkeit der psychoanalytischen Theorie letztlich nur an den Erfolgen bzw. Misserfolgen der therapeutischen Praxis entscheiden wird (eine Entscheidung, die noch lange nicht gefallen ist und wahrscheinlich auch erst fallen wird, wenn sie vollständig unerheblich geworden ist), in keiner einzigen Zeile auch nur versucht.

Insgesamt lässt sich das Buch völlig ausreichend beurteilen, wenn man einen Blick auf das Cover der deutschen Ausgabe wirft: Da hat ein frecher, kleiner Junge dem Papa Sigmund Hörner, eine Brille und eine herausgestreckte Zunge angemalt und eine Teufelsgabel in die Hand gedrückt. Man kann das witzig finden, aber es ist weder ein Argument gegen die Psychoanalyse, noch wird Freud auf diese Weise tatsächlich zum Teufel. Das Buch ist ein alberner und etwas kindischer Versuch Onfrays, mit einem seiner geistigen Väter abzurechnen – und es folgt damit so klassisch dem Freudschen Mythos vom Vatermord, dass es schon wieder lächerlich ist.

Michel Onfray: Anti Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. München: Knaus, 2011. Pappband, Lesebändchen, 540 Seiten. 24,99 €.