Sebastian Castellio: Das Manifest der Toleranz

Castellio-ToleranzDieses in der „Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten“ des Alcorde Verlags erscheinende Buch dokumentiert die Reaktion des Baseler Theologen Sebastian Castellio auf die Verurteilung und nachfolgende Hinrichtung des spanischen Theologen Michael Servet als Ketzer, die 1553 auf Initiative Calvins in Genf stattfand. Dieser Ketzerprozess stellt so etwas wie den Sündenfall des protestantischen Glaubens dar, da sich in ihm Calvin als einer der führenden Köpfe der Reformation der Formen und Argumente der verhassten römischen Kirche und ihrer Inquisition bediente, um sich einen persönlich verhassten theologischen Konkurrenten vom Hals zu schaffen.

Den Kern des Buches bildet Castellios „De haeriticis“, eine Sammlung, die zahlreiche Texte von Augustinus bis Luther zum Problem der Ketzer und der Auseinandersetzung mit ihnen enthält. Ergänzt wird diese Hauptschrift durch kleinere Schriften Castellios aus dem Umfeld der Auseinandersetzung mit Calvin anlässlich des Falls Servet sowie eine biographischen Studie Stefan Zweigs zu Castellio – wie üblich bei Zweig mit mehr rhetorischem als sachlichem Aufwand – und die die Toleranzdebatte betreffenden Kapitel aus der Castellio-Biographie von Hans R. Guggisberg. Zusammen mit der Einführung des Herausgebers Wolfgang F. Stammlers dürfte dies eine so umfassende wie Darstellung der Reaktion Castellios darstellen, wie sie sich wünschen lässt.

Das Anhängen dieser innerchristlichen Toleranzdebatte an die derzeit weitgehend hysterisch geführte Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen ist ebenso wie der Titel des Buches eine notwendige Werbestrategie, um dem wesentlich religionshistorischen Material eine breitere Aufmerksamkeit zu sichern. Tatsächlich einschlägig ist Castellios Streit mit Calvin nur in einem so abstrakten Sinne – eben unter dem sehr allgemeinen Schlagwort der Toleranz –, dass es an Banalität nicht nur grenzt. Wer sich für die Verwerfungen des christlichen Schismas des 16. Jahrhunderts interessiert, findet einen exzellent gemachten Quellenband. Wer Stoff zum rezenten Konflikt zwischen Christen und Muslimen sucht, wird sich wahrscheinlich enttäuscht sehen.

Das Manifest der Toleranz. Sebastian Castellio: Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll. Aus dem Lateinischen von Werner Stingl. Hg. v. Wolfgang F. Stammler. Essen: Alcorde, 2013. Leinen, Lesebändchen, 440 Seiten. 34,– €.

(geschrieben für Literaturwelt)

Patrick Bahners: Die Panikmacher

978-3-406-61645-7Die in diesen Zeiten der religiösen Hysterie, von denen ich noch vor 15 Jahren behauptet hätte, dass sie nie wieder zurückkehren würden, notwendige Stimme der Vernunft. Bahners beschäftigt sich sachlich, manchmal zu sachlich, mit den Herr- und Frauschaften Sarrazin, Kelek, Broder, Schwarzer, Irmer und was der Gestalten mehr sind. Ein prickelndes Buch ist dabei nicht gerade herausgekommen, denn die bekämpften Dummheiten wiederholen sich rasch und die Argumentationslinien und –fronten sind relativ schnell klar. Ich selbst hätte mir gewünscht, dass Bahners ein stärkeres Gewicht auf die historische Genese der jetzigen Situation legen würde und sich nicht als letzte Ressource zumeist auf das Grundgesetz zurückzieht. Warum, frage ich mich, reden in der jetzigen Situation nur so wenige über Lessing und die deutsche Aufklärung? Und dann sind auch noch die Hälfte davon konservative Katholiken. Ist die Ringparabel und das, was sie meint, tatsächlich so spurlos an all den deutschen Abiturienten vorbeigerauscht? Überlassen wir den Anspruch, in der Tradition der Aufklärung zu stehen, tatsächlich so Nasen wie Matthias Matussek?

Es ist nur zu hoffen, dass Bahners Buch wenigstens halb so viele Leser findet, wie Sarrazins Buch Käufer hatte. Es ist aber zu befürchten, dass die Stammtisch-Schwätzer dieses Thema noch für lange Zeit besetzt halten werden.

Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. München: C. H. Beck, 2011. Pappband, 320 Seiten. 19,95 €