Abenteuer der Vernunft

Goethe ist das Muster dessen, was man als einen Universaldilettanten ansehen darf, und es ist in diesem Fall nicht einmal negativ gemeint. Goethe hatte seit früher Jugend ein ungewöhnlich breit gestreutes Interesse an nahezu allen Na­tur­er­schei­nun­gen, betrieb Forschungen auf eigene Faust, ohne den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Ent­wick­lung auf den entsprechenden Gebieten zu kennen oder für die Analyse seiner eigenen Neugier methodisch ausreichend gerüstet zu sein. Insbesondere seine lebenslange Antipathie gegen die mathematischen Fundamente der Naturwissenschaft stand ihm für einen wirklich erschöpfenden Zugang zu physikalischen Phänomenen immer im Weg.

Mit Abenteuer der Vernunft präsentiert die Klassik Stiftung Weimar nach ihrer eigenen Aussage zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über Goethes naturwissenschaftliche Sammlung. Der Katalog versammelt auf mehr als 420 Seiten Begleittexte zu den Ausstellungsstücken, die nicht nur das jeweilige Interesse Goethes thematisieren, sondern seine Einsichten immer auch in den allgemeinen wissenschaftlichen Horizont der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert darstellen. Der historisch wenig bewusste heutige Leser hat vom Zustand der Naturwissenschaften dieser Zeit in der Regel nicht einmal annähernd eine Vorstellung: Es beginnt wahrscheinlich damit, dass die biblische Schöpfungsgeschichte in weiten Teilen immer noch als eine exakte Beschreibung der Weltentstehung betrachtet wurde und werden musste. Die Forschung hatte keine Ahnung vom tatsächlichen Alter des Planeten und eine nur unvollständige Vorstellung von den die Erdkruste gestaltenden Kräften. Zwar hatte man schon begriffen, dass Pflanzen und Tiere in engeren und weiteren Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­sen zueinander stehen, aber echte Theorien der Entwicklung der Arten waren erst bruchstückhaft und theoretisch nicht gut verstanden. Der Artbegriff selbst war noch statisch; das Konzept aussterbender Arten begann sich gerade erst zu entwickeln. In der Chemie machte man große Entdeckungen, war aber von einem systematischen Verständnis der Beziehung der chemischen Elementen untereinander noch weit entfernt. Einzig und allein in der Physik schien Newton grundlegende und unbestreitbare Einsichten gehabt zu haben; aber auch hier war man von einem modernen Verständnis der Natur noch weit entfernt: noch keine Atomtheorie, das Sonnensystem bildete wesentlich das Universum, wenn es sich auch jüngst als bei weitem nicht so begrenzt erwiesen hatte, wie seit Jahrtausenden angenommen worden war; auch das Phänomen der Sterne war noch nicht gut, das der Nebel gar nicht verstanden.

Goethe war an nahezu allen wissenschaftlichen Fragen und Ent­wick­lun­gen seiner Zeit interessiert. Er selbst stand früh in Opposition zur Newtonischen Optik und hat seine eigene Farbenlehre sicherlich für einen wesentlichen Beitrag zur Naturwissenschaft gehalten. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log dokumentiert Goethes breite Beschäftigung mit den Na­tur­wis­sen­schaf­ten gut; wer sich die Mühe macht, den Katalog wirklich durch­zu­ar­bei­ten, bekommt neben einem umfassenden Bild von der Goetheschen Neugier auch eine grundlegende Einsicht in das Weltbild der Forschung dieser Zeit. Dabei werden – das kann nicht weiter überraschen – Goethes eigene Einsichten und Theorien in einem so günstigen Licht dargestellt, wie es sich einrichten lässt, ohne die ihnen notwendig innewohnenden Mängel zu leugnen. Man könnte Goethes wissenschaftliche Beschäftigung auch in einem deutlich harscheren Bild darstellen, ohne sich den Vorwurf ein­zu­han­deln, man sei unfair. Aber angesichts der Fülle des gebotenen Materials und der Güte der allgemeinen Darstellung bleibt eine solche Kritik klein­lich.

Für alle in einem breiteren Sinne an Goethe Interessierten ein um­fang­rei­ches und umfassendes Lesebuch.

Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800. Ausstellungskatalog. Hg. v. Kristin Knebel, Gisela Maul u. Thomas Schmuck. Dresden: Sandstein, 2019. Pappband, Fadenheftung, Kunstdruckpapier (26 cm × 24 cm), 423 Seiten. 38,– €.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels

Ein schmales Bändchen mit drei Aufsätzen des Shakespeare-Übersetzers Frank Günther, dem nur noch ein Band in der Gesamtausgabe bei ars vivendi fehlt, um als erster Mensch den Stratforder Meister vollständig in eine andere Sprache übersetzt zu haben.

Im ersten plädiert er für die Aktualität der Dramen, bzw. dafür, dass jeder heutige Zuschauer oder Leser vor der Aufgabe stünde, diese Aktualität durch Rekurs auf seine eigenen Lebenserfahrung herzustellen. Der zweite beschäftigt sich mit der Metamorphose Bottoms in einen Esel, der literarischen Tradition dieser Metamorphose und schließt ab mit einer überraschenden Aktualisierung dieser Metamorphose aus seiner eigenen Lebenserfahrung. Im dritten schließlich antwortet er auf die zehn ahnungslosen Bemerkungen Roland Emmerichs zur Frage der Autorschaft Shakespeares.

Für Shakespeare-Kenner und -Freunde eine amüsante Lektüre an einem verregneten Nachmittag.

Frank Günther: Sommernachtstraum eines Esels. Cadolzburg: ars vivendi, 2019. Klappenbroschur, 48 Seiten. 10,– €.

Klaus-Jürgen Bremm: 70/71

In diesem Jahr jährt sich der Kriegsbeginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 zum 150. Mal. Dieser Krieg ist der bedeutendste in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, da aus ihm unmittelbar die Gründung des Deut­schen Reiches unter der Führung Preußens hervorgegangen ist.

Klaus-Jürgen Bremm legt mit diesem Buch eine Geschichte dieses Krieges, seiner Vorgeschichte und seinen Auswirkungen aus der Sicht eines Militärhistorikers vor. Dementsprechend breit und detailliert ist die Beschreibung der militärischen Operationen geraten. Dagegen ist die Darstellung der politischen Prozesse auf das unbedingt Nötige reduziert, oberflächlich und pauschal. Bremm neigt hier zu kli­schee­haf­ter Einordnung – Bismarck prima, Marx und Engels besserwisserisch – und merkwürdig scharfen historischen Urteilen etwa über Frankreichs Rolle im 20. Jahrhundert. Über die politischen Inhalte zum Beispiel der Pariser Kommune erfährt der Leser so gut wie nichts; ebensowenig werden die Schwierigkeiten bei der Einholung der süddeutschen Staaten in das Bismarcksche Reich ausreichend thematisiert.

Wer sich für die militärischen Operationen und die Organisation dieses Krieges interessiert, ist mit diesem Buch sicherlich gut bedient. Wer eine politische Geschichte der Reichsgründung oder der Voraussetzungen der Opposition zwischen dem Deutschen Reich und dem Erzfeind Frankreich sucht, wird enttäuscht werden.

Klaus-Jürgen Bremm: 70/71. Preußens Triumph über Frankreich unf die Folgen. Darmstadt: wbg Theiss, 2019. Pappband, 335 Seiten. 25,– €.

Salman Rushdie: Quichotte

Solche Geschichten gehen alles in allem nicht gut aus.

Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gemeint:

Ob ich gleich weiß, daß sehr viele Rezensenten die Bücher nicht lesen die sie so musterhaft rezensieren, so sehe ich doch nicht ein was es schaden kann, wenn man das Buch lieset, das man rezensieren soll.

Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe I. München: Hanser, 1968. S. 659. [J 46]

Woran allein man gut erkennen kann, dass Lichtenberg mit der Literatur unserer Zeit nicht hinreichend bekannt war. Denn die meisten Rezensionen zu Salman Rushdies neuem Roman, in die ich hineingeschaut habe, werden mit dem Buch spielend fertig, weil ihre Verfasser das Buch offenbar nicht oder wenigstens nur flüchtig gelesen haben. Hat man dagegen den Roman und halbwegs gründlich gelesen, sieht man sich vor die herkulische Aufgabe gestellt, das Buch in aller Kürze vorzustellen zu sollen, ohne es entweder in einem vollständig falschen Licht erscheinen zu lassen oder sich komplett in kryptisches Raunen zu verlieren. Versuchen wir es dennoch:

Erzählt wird diese Geschichte auf mindestens zwei fiktionalen Ebenen – Arno Schmidt hätte von einem Längeren Gedankenspiel gesprochen –, erstens der des fiktiven Schriftstellers Sam DuChamp (das ist nur sein Pseudonym, seinen wahren Namen erfahren wir nicht), eines mäßig erfolgreichen Verfassers von Agenten-Thrillern, der gerade dabei ist die Geschichte eines Quichottes des 21. Jahrhunderts zu schreiben, die die besagte zweite Ebene bildet. Dieser Schriftsteller, der wie die meisten Figuren dieser Ebene nur nach seiner verwandtschaftlichen Beziehung benannt wird, Bruder also, lebt in New York und ist seit vielen Jahren mit seiner Schwester, Schwester genannt, zerstritten, nachdem er ihr vorgeworfen hatte, sich am väterlichen Erbe betrügerisch bereichert zu haben. Schwester ist Rechtsanwältin und lebt, verheiratet mit einem Richter, mit dem sie die Tochter Tochter hat, in London. Sie steht kurz vor dem Gipfel der gesellschaftlichen Anerkennung, da sie Sprecherin des englischen Oberhauses werden soll. Aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt.

Weder Bruder noch Schwester sind ihre Karrieren an der Wiege gesungen worden: Beide stammen – wie der sie erfindende Autor Salman Rushdie – aus Bombay. Auch der von Bruder erfundene Quichotte stammt aus dieser Stadt, lebt aber ebenfalls schon lange in den USA; er ist etwa 70 Jahre alt, wird zu Anfang des Buches von seinem Cousin zwangspensioniert – er hat zuletzt als Pharmavertreter gearbeitet. An seine Vergangenheit kann er sich nur lückenhaft erinnern, da er früher einmal einen Schlaganfall erlitten hat; seitdem ist er etwas wunderlich geworden, verbringt seine Freizeit hauptsächlich vor dem Fernseher (das sind seine Ritterromane!) und ist verliebt in die ebenfalls aus Indien stammende Talkshow-Moderatorin Salma R. (!) In die Freiheit des Ruhestandes entlassen, begibt er sich auf eine Quest, Salmas Liebe zu erlangen. Um den langen Weg nach New York nicht alleine zurücklegen zu müssen, erfindet er sich einen Sohn, Sancho, der auf gewisse Weise eine dritte fiktionale Ebene in das Buch einzieht. Dieser erfundene Sohn, obwohl zuerst eindeutig ein Gedankenprodukt Quichottes, gewinnt rasch an Selbstständigkeit und wird zur dritten Hauptfigur des Romans. Er erweist sich dabei weniger als ein Abbild des Sancho Pansa des Cervantes, sondern ist offenbar an Collodis Pinocchio entlang erfunden.

Das Buch erzählt in alternierenden Abschnitten die Geschichten Quichottes, Bruders und schließlich auch Sanchos. Dabei nutzt Rushdie alle Freiheiten des traditionellen pikarischen Romans: Immer wieder finden sich Nebengeschichten und unvorbereitete Abschweifungen, Pfade der Erzählung, die letztlich nirgends hin führen, fantastische Einschübe, albtraumhafte Sequenzen und was der Tricks mehr sind. Die Flut der Anspielungen auf Literatur, aber besonders auch auf Film und Fernsehen ist überwältigend – allein mit der Aufzählung der Offensichtlichsten ließen sich Seiten füllen –; ganz nebenbei wird ein Agententhriller eigebaut, in den Bruders Sohn Sohn verwickelt ist; es wird die Opioid-Sucht in der amerikanischen Gesellschaft thematisiert; der alltägliche Rassismus in den USA kommt ebenso vor wie das Problem des Kindesmissbrauchs in Familien; und nicht zuletzt sind auch Verschwörungstheoretiker prominent vertreten und ein wirtschaftlich erfolgreiches Genie, das den Weltuntergang prophezeit und die Menschheit auf die Erde eines Paralleluniversums hinüber retten will. Und bei all diesen Wendungen und Themen findet Rushdie immer erneut einen Weg, sie auf den Ritter von der traurigen Gestalt und seinen verzweifelten Kampf gegen die Realität zu­rück­zu­be­zie­hen.

Ich weiß wohl, dass Rushdies Bücher immer so sind, wenn ich auch von seinen Romanen zu wenige gelesen habe, um dieses Vorurteil tatsächlich inhaltlich füllen zu können, aber es hat mich überwältigt. Dieses Buch ist von einem Reichtum an Erfindung, einer Freiheit der Phantasie, einer Stringenz des Gedankens und nicht zuletzt einem so souveränen Humor, dass ihm eine Besprechung wohl nicht gerecht werden kann. Um auch mit Lichtenberg zu schließen, sei einmal mehr gesagt:

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Ebd. S. 359. [E 79]

Salman Rushdie: Quichotte. Aus dem Englischen von Sabine Herting. München: C. Bertelsmann, 2019. Pappband, 461 Seiten. 25,– €.

Wie ich einmal zum Leser Arno Schmidts wurde – ein Schul-Aufsätzchen

Um ausnahmsweise auch einmal der Faszination des Datum zu huldigen und weil ich gerade durch Zufall nach langer Zeit wieder einmal an Hugo von Hofmannsthal vorbeigekommen bin, sei hier die Anekdote erzählt, wie ich zum Leser Arno Schmidts geworden bin. Später erzähle ich vielleicht auch einmal, wie ich darüber hinweg gekommen bin, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein ander Mal … Sorry.

Aufgrund einer langen und bis heute anhaltenden Krankengeschichte habe ich eine sehr krumme Schulkarriere hinter mich gebracht. Nach den Sommerferien 1979 kehrte ich ans Gymnasium zurück und besuchte in Solingen die Oberstufe, nachdem ich zuvor einen sogenannten qualifizierten Abschluss der Realschule erworben hatte. Damals kamen die „Absolventen“, also jene, die wie ich zum Upgrade des Schulabschlusses berechtigt waren, in den Genuss von Ergänzungsunterricht in den Hauptfächern, der dem zuvor angesammelten Wissensmangel der Realschulen aufhelfen sollte. In Deutsch gab diesen Unterricht ein etwas eingetrocknetes, katholisches Fräulein (ob sie tatsächlich eines war, ist mir immer unbekannt geblieben), die unter anderem versuchte, das Interesse (= Dazwischensein) der Schülerinnen und Schüler durch einen Ausflug in die Liebeslyrik zu erregen. Darunter fand sich an prominenter Stelle auch das folgenden Gedicht Hugo von Hofmannsthals:

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand
– Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es Beiden allzuschwer:
Denn Beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die and’re fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

Hugo von Hofmannsthal: Gedichte. Hg. v. Lorenz Jäger. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999. S. 29.

Da mir schon damals oft fad war, wenn ich hätte etwas lernen sollen, und mir zum Ausgleich der Schalk im Nacken saß, antwortete ich auf die berüchtigte Frage, was denn der Dichter damit sagen wolle, mit der spontan entwickelten These, es handele sich um die allegorische Beschreibung des ersten Geschlechtsverkehrs zweier Liebender. Das Vagina-Symbol des Bechers in der ersten und die Virilität der zweiten Strophe bereiteten den eigentlich Akt in der dritten Strophe vor, in der zwar nicht die Hände, aber sonstwas zueinander findet und die mit dem berüchtigten Blutopfer des Jungfernmythos endet.

Das dieser Deutung folgende interpretatorische Gestrampel war bei weitem nicht so heftig, wie ich erhofft hatte, aber immerhin schien mir mein Einfall witzig genug, um die Anekdote meinem Philosophielehrer zu erzählen. Der sah mich durchdringend an und fragte: „Kennst Du Arno Schmidt?“, worauf ich wahrheitsgemäß antwortete: „Arno Schmidt? Nie gehört.“ Einige Tage später drückte er mir Sitara und der Weg dorthin in die Hand, das sich als das lustigste Buch herausstellen sollte, das ich bis dahin gelesen hatte.

Auch im Weiteren drückte Schmidt die meisten jener Knöpfe, die bei einem intelligenten, arroganten und autodidaktischen, jedoch mangelhaft belesenen jungen Mann zur Verfügung standen, und als ich mit dem Studium anfing, hatte ich nicht nur den Großteil des Werkes gelesen (im Wesentlichen fehlte damals nur Zettel’s Traum, wenn ich auch sicherlich mit den anderen Teilen des Spätwerks noch an keinem möglichen Rand angekommen war), sondern auch gelernt, was Sekundärliteratur ist und wie sie funktioniert. Ich verdanke diesen drei Jahren viel und habe durch diesen Autor eine merkwürdige Art der literarischen Erziehung genossen. Sicherlich ist da nicht alles glücklich abgelaufen, aber man soll dankbar sein für das, was einem gegeben worden ist. Nur in der Philosophie bin ich ihm schon damals davongelaufen, aber dazu brauchte es auch nicht viel.

Viele Jahre später fand ich dann bei Schmidt die Bestätigung:

Und triefend stand; (‹bezwang ihn, daß er triefend stand› – oder ‹zitternd stand›? Ich wußte’s im Augenblick tatsächlich nich).

Arno Schmidt: Die Wasserstraße. In: Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe, Werkgr. I, Bd. 3. Zürich: Haffmans, 1987. S. 433.

Da hatte es sich gerundet. So etwas wird man später niemals wirklich wieder los.

Allen Lesern ins Stammbuch (127)

Im allgemeinen verschwinden bei uns, wenn ich mich erkühnen darf, auch meine Meinung zu einem derart heiklen Kapitel zu äußern, all diese Herren Talente mittlerer Güte, die gewöhnlich zu Lebzeiten fast wie Genies gefeiert werden, nicht nur nach ihrem Ableben nahezu spurlos und irgendwie plötzlich aus dem Gedächtnis der Menschen, sondern werden manchmal sogar schon zu Lebzeiten unvorstellbar schnell von allen vergessen und mißachtet, sobald eine neue Generation heranwächst und die vorhergehende, in der sie wirkten, ablöst. Das geht bei uns irgendwie schlagartig vonstatten, wie ein Kulissenwechsel auf der Bühne. Oh, das läuft ganz anders ab, wie mit diesen Puschkins, Molières, Voltaires, mit all diesen Größen, die gekommen sind, um ihr eigenes neues Wort zu sagen! Es stimmt, daß diese Herren Talente mittlerer Güte sich an ihrem ruhmreichen Lebensabend gewöhnlich auf die kläglichste Weise leergeschrieben haben und es nicht einmal merken. Es zeigt sich gar nicht so selten, daß ein Schriftsteller, dem Jahre hindurch außerordentliche Gedankentiefe zugeschrieben und von dem ein außerordentlicher und ernstzunehmender Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft erwartet wurde, am Ende eine solche Dürftigkeit und Winzigkeit seiner sogenannten Grundidee erkennen läßt, daß sogar kein Mensch bedauert, daß er sich leergeschrieben hat. Aber die weißhaarigen alten Herren merken es nicht und ärgern sich. Ihr Ehrgeiz nimmt zuweilen, besonders gegen Ende ihrer Laufbahn, wahrhaft erstaunliche Ausmaße an. Gott allein weiß, für wen sie sich nun halten – mindestens für Götter.

Fjodor M. Dostojewskij
Böse Geister

1000 Einträge

An einigen runden Zahlen kann auch ich nicht vorbeigehen, so sehr ich auch aller Zahlenmystik und anderem Aberglauben persönlich abgeneigt bin. Pünktlich zum Jahresende und nach etwas mehr als 14 Jahren sind auf Bonaventura 1.000 Einträge erschienen. In ihnen wurden mehr als 700 Bücher von beinahe 600 Autoren besprochen; der Rest besteht hauptsächlich aus den von mir so geliebten Zitaten mit der größten Kategorie Allen Lesern ins Stammbuch. Mehr Statistisches gibt es immer aktuell im Menü rechts.

Ich danke all den treuen und untreuen Lesern dieses Lektüre-Blogs und bin gespannt, ob ich das zweite Tausend auch noch vollmachen kann – niemand von uns wird jünger, selbst das Medium nicht.

Jahresrückblick 2019

Das Lesejahr war aufgrund diverser Umstände nicht so ergiebig wie die letzten Jahre, aber dafür war der Anteil an schlechten oder überflüssigen Lektüren diesmal vergleichsweise gering.

Wirklich schlecht, da komplett stammtischgeschwätzig, war nur Rainer Erlingers Warum die Wahrheit sagen? Überflüssige Lektüren waren Martin Amis’ Gierig – was nur bedingt gegen das Buch spricht; es passt einfach nicht in meine Lektüregeschichte, weil es Türen einrennt, die bei mir nie geschlossen waren – und Iwan Bunins Ein unbekannter Freund, das ich wegen der Übersetzerin gelesen habe, das sich aber als gehaltlos erwies.

Auf der positiven Seite stand in diesem Jahr in der Hauptsache die Neu- und Wiederlektüre der Werke Dostojewskijs, die auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden wird. Da ist – vor allem Dank der Übersetzerin Swetlana Geier – zur Zeit jedes neue Buch eine Freude. Hier ist auch die musterhafte Biographie Dostojewskijs von Andreas Guski hervorzuheben. Gern weise ich auch noch einmal auf die gesammelte Prosa H. C. Artmanns und auf die gelungenen Neuübersetzungen der Bücher Raymond Queneaus durch Frank Heibert hin.

James Joyce: Dubliner

Die unterhaltsame Musik von Whisky, der in Gläser fiel, ergab ein angenehmes Zwischenspiel.

Seit Anfang 2012 die Werke James Joyce’ gemeinfrei geworden sind, sind einige Neuübersetzungen erschienen, darunter eine des Portraits durch Friedhelm Rathjen bei Manesse und eine der Dubliners durch Harald Raykowski bei dtv. Nun legt Manesse die Dubliners auch in Friedhelm Rathjens Übertragung vor, zudem in der schönen Manesse Bibliothek, deren Format dem kleinen Büchlein wie auf den Leib geschnitten ist.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hatte Joyce einige Schwierigkeiten für sein erstes Buch einen Verlag zu finden. Seine Schilderung der Menschen und des Lebens in Dublin kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert war, obwohl sie sich in die Literatur der Moderne stilistisch weitgehend unproblematisch einfügte, für die provinziellen irische Verhältnisse eindeutig zu progressiv, was nicht ohne Ironie ist, da gerade diese Provinzialität eines der wichtigen Themen des Buches bildet.

Rathjens Neuübersetzung kann als die mit Abstand beste in deutscher Sprache bezeichnet werden. Sie nimmt es in Sachen sprachlicher und struktureller Präzision mit Leichtigkeit mit der alten von Dieter E. Zimmer (1969) auf und liefert zugleich einen flüssigen, dem heutigen Sprachstand nahen Lesetext, ohne dabei vergessen zu machen, dass Joyce die Erzählungen des Bandes vor über 100 Jahren geschrieben hat. Rathjens Übersetzung ist sowohl für eine Erst- als auch für eine wiederholte Lektüre zweifellos die erste Wahl.

Die Freude wird etwas getrübt durch die Tatsache, dass der Band mit größerer Sorgfalt hätte korrigiert werden dürfen: Neben dem fehlenden Inhaltsverzeichnis fallen bei sorgfältiger Lektüre überdurchschnittlich viele Fehler auf, was den positiven Gesamteindruck aber nur wenig einschränkt.

James Joyce: Dubliner. Aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen. Zürich: Manesse, 2019. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 444 Seiten. 24,– €.