Aravind Adiga: Amnestie

Dhanajaya Rajaratnam, genannt Danny, ist ein Tamile, der ohne Aufenthaltsgenehmigung in Sydney lebt. Er stammt aus Sri Lanka, war auch schon einmal in Dubai beschäftigt und ist als Student nach Australien gekommen. Das College, an dem er studieren sollte, erwies sich aber als eine schlecht getarnte Schleuser-Organisation, die sich an den Studiengebühren der Ausländer bereichert und ihnen im Gegenzug nur fragwürdige Diplome anbieten konnte. Danny hat dieses Studium bald aufgegeben und sich als Putzmann selbstständig gemacht. Er lebt nun seit vier Jahren in Australien, und die meiste Zeit gelingt es ihm, in aller Öffentlichkeit unsichtbar zu bleiben. Doch an dem Tag, von dem Amnestie erzählt, läuft Danny beinahe in eine Morduntersuchung hinein. Eine der Bewohnerinnen im Haus gegenüber dem, in dem er die Wohnung eines Anwaltes putzt, ist ermordet worden. Danny ahnt nicht nur sofort, dass er die Ermordete kennt, er hat auch einen starken Verdacht, wer der Mörder sein könnte.

Das Mordopfer Radha und ihr mutmaßlicher Mörder Prakash waren ein Liebespaar, zusammengehalten durch die gemeinsame Spielsucht und überhaupt ihre Sehnsucht, sich selbst zu spüren. Danny putzte bei Rahda, die versprach sich für ihn einzusetzen und ihm eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung oder wenigstens einen Straferlass zu verschaffen. Danny wurde zum regelmäßigen Begleiter bei den Ausflügen des Paares in Kneipen und Spielhallen. Und Danny erfährt auch, dass der Mord an einer Stelle geschehen ist, die das Paar schon des Öfteren aufgesucht hatte. Danny begeht nun den Fehler – und das ist die einzige wirkliche Crux der Fabel – diesen mutmaßlichen Mörder anzurufen, der sofort ahnt, dass Danny ihn verdächtigt. Von diesem Moment an liefern sich beide eine Art von Katz-und-Maus-Spiel, dessen Verlauf und Ausgang hier nicht verraten werden müssen.

Parallel zu diesem einen Tag wird uns nicht nur die Geschichte Dannys in den vier Jahren in Australien erzählt, sondern wenigstens in Teilen seine übrige Lebensgeschichte seit seiner Kindheit in Batticaloa in Sri Lanka. Danny ist ein überdurchschnittlich intelligenter, sogar gebildeter junger Mann, der in Europa wahrscheinlich eine gute akademische Ausbildung bekommen und eine erfolgreiche Karriere angestrebt hätte. Doch in Sydney ist er nur Opfer all jener, die seine Furcht vor Internierung und Deportation ausnutzen.

Der Roman braucht eine Weile, um das richtige Tempo zu finden. Lange Zeit kann man den Verdacht hegen, das alles sei zwar präzise recherchiert, aber kaum originell und unterscheide sich nicht wesentlich von etlichen Dokumentationen, die es inzwischen zu sogenannten Illegalen in der westlichen Welt gibt. Erst die Zuspitzung des psychologischen Duells zwischen Danny und Prakash hilft der etwas zu berechenbaren politischen Ebene des Romans auf.

Alles in allem ein passables Buch zwischen politischer Botschaft und Psycho-Krimi, aber man sollte keinen zweiten Weißen Tiger erwarten.

Aravind Adiga: Amnestie. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. München: Beck, 2020. Pappband, 286 Seiten. 24,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (134)

Seine Hauptleidenschaft war – Lesen! – Er ging nie aus, ohne beide Rocktaschen voll Bücher gestopft zu haben. Er las wo er ging und stand, auf dem Spaziergange, in der Kirche, in dem Kaffeehause, er las ohne Auswahl alles was ihm vorkam, wiewohl nur aus der ältern Zeit, da ihm das Neue verhaßt war. So studierte er heute auf dem Kaffeehause ein algebraisches Buch, morgen das Kavellerie-Reglement Friedrich Wilhelms des Ersten, und dann das merkwürdige Buch: Cicero, als großer Windbeutel und Rabulist dargestellt in zehn Reden, aus dem Jahre 1720. Dabei war Tusmann mit einem ungeheuren Gedächtnisvermögen begabt. Er pflegte alles, was ihm bei dem Lesen eines Buches auffiel, zu zeichnen und dann das Gezeichnete wieder zu durchlaufen, welches er nun nie wieder vergaß. Daher kam es, daß Tusmann ein Polyhistor, ein lebendiges Konversations-Lexikon wurde, das man aufschlug, wenn es auf irgendeine historische oder wissenschaftliche Notiz ankam. Traf es sich ja etwa einmal, daß er eine solche Notiz nicht auf der Stelle zu geben vermochte, so stöberte er so lange unermüdet in allen Bibliotheken umher, bis er das, was man zu wissen verlangte, aufgefunden, und rückte dann mit der verlangten Auskunft ganz fröhlich heran. Merkwürdig war es, daß er in Gesellschaft, lesend und scheinbar ganz in sein Buch vertieft, doch alles vernahm was man sprach. Oft fuhr er mit einer Bemerkung dazwischen, die ganz an ihrem Orte stand, und wurde irgend etwas witziges, humoristisches vorgebracht, gab er, ohne von dem Buche aufzublicken, durch eine kurze Lache im höchsten Tenor seinen Beifall zu erkennen.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder

Petron: Satyrica

Petrons Episodenroman, wahrscheinlich aus Neronischer Zeit (zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts), ist leider nur fragmentarisch überliefert. Die zeitliche Einordnung und die Verfasserfrage sind nicht ganz sicher zu klären, aber als wahrscheinlichste Variante gilt immer noch, dass der aus dem Umfeld Neros bekannte Titus Petronius Arbiter das Buch geschrieben hat. Es ist offensichtlich als Parodie auf die Homerische Odyssee angelegt; sein Erzähler Enkolp durchläuft eine lockere Folge von sozialen, intellektuellen, sexuellen, kulinarischen und handgreiflichen Abenteuern, die ein zugespitztes Panorama des Lebens der römischen Unterschicht liefern.

An einigen Stellen ist der Humor des Buches für den heutigen Leser wahrscheinlich etwas zu behäbig, an anderen Stellen zu grob, doch wenn man sich auf es einlässt, ist das Buch eine durchweg vergnügliche Lektüre. Leider macht sich der fragmentarische Charakter der Überlieferung an zu vielen Stellen bemerkbar, doch dem lässt sich nicht aufhelfen.

Die Neuübersetzung durch Karl-Wilhelm Weeber, der für eine ganze Flut von Büchern über römische Kultur und insbesondere römisches Alltagsleben verantwortlich zeichnet, ist sehr flott zu lesen, ohne dass sie sich, soweit ich das erkennen kann, vom Original entfernt. Im Gegenteil bildet Weeber zahlreiche grammatikalische Verwerfungen, die dazu dienen, sich über die Bildung diverser Figuren lustig zu machen, getreulich ab. Seine Übersetzung trifft auf jeden Fall den Tenor des Buches besser als so mancher der philologisch disziplinierteren Vorläufer.

Petron: Satyrica. Aus dem Lateinischen von Karl-Wilhelm Weeber. RUB 19553. Stuttgart: Reclam, 2018. Broschur, 297 Seiten. 7.– €.

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden

[…] und er teilt mit, »eine der wichtigsten Lehren«, die ihm ein mexikanischer Nahua vermittelte, habe gelautet: »Denken ist ein Krankheitssymptom«, womit Rätsch allerdings lediglich dokumentiert, daß er an dieser Krankheit nicht zu leiden scheint.

Hans Peter Duerrs Bücher waren schon immer etwas anders. Duerr hatte von Anfang an die Tendenz, etablierte Ansichten mittels breit angelegter Sammlungen empirischer Berichte zu kontern. Schon sein fünfbändiges Hauptwerk Der Mythos vom Zivilisationsprozess war über weite Strecken eine Dokumentation von Duerrs stupender Belesenheit. Diese Tendenz erreicht in seinem neuem Buch ihren Höhepunkt: Ohne den Untertitel „Über den Ursprung der Religion“ bzw. das dreiseitige Vorwort wäre es den Lesern wohl kaum möglich, konzise anzugeben, wovon das Buch eigentlich handelt.

Das Vorwort verortet das Vorhaben des Buches, eine naturalistische Erklärung für die Herkunft der Religion zu liefern, ursprünglich in die Studienzeit Duerrs. 55 Jahre später liefert er nun diesen Band, dem jegliche Definition oder auch nur nähere Bestimmung des Untersuchungsfeldes mangelt. Das, was einer Theorie am nächsten kommt, ist folgender Abschnitt des Vorworts:

Deshalb ist es vielleicht sinnvoll, von »Religiösen Erfahrungen« nur dann zu sprechen, wenn in ihnen explizit Götter oder Geistwesen vorkommen, zum Beispiel in gewissen Nahtod-Erfahrungen, Erscheinungen, »Präsenz«-Erlebnissen oder Besessenheitsepisoden. Zum anderen will ich belegen, daß so gut wie überall auf der Welt ursprünglich all das, was den Menschen »nicht ganz geheuer« war, was sie als mysteriös, unverständlich, unerklärbar, außergewöhnlich, geheimnisvoll empfanden, also das, was Parapsychologen heute als »Anomalie« bezeichnen, den Religionen zugrunde liegt.

Im Rest des Buches fehlt jeder weitere Versuch, der Aufreihung empirischer Einzelfälle eine irgendwie geartete theoretische oder anderweitige Ordnung zu geben. Duerr arbeitet sich in lockerer Folge von unheimlichen Orten und Gegenständen über semantische Betrachtungen über Ausdrücke für das Unheimliche in diversen Sprachen, den Mesmerismus, der Deutung von Entführungen durch Aliens, sogenannten Präsenzen, Geister- und Marienerscheinungen, Sex mit Jesus und anderen eingebildeten Entitäten, Besessenheit, automatisches Schreiben und Malen, multiple Persönlichkeiten, Satanismus bis zu Fällen der Besessenheit durch den Heiligen Geist in den Pfingstgemeinden vor. Die Sammlung endet ebenso unvermittelt wie sie begonnen hat.

Dabei ist das Buch nicht nur abwechslungsreich und humorvoll, sondern es versetzt auch hier und da einzelnen Ethnologen, Esoterikern oder Parapsychologen einen Hieb und ist alles in allem geleitet von einer gesunden empirischen Einschätzung der Welt. Nur zeigt es eben nicht den leisesten Versuch, für die oben zitierte These zu argumentieren oder sie auch nur plausibel zu machen. Seine Lektüre hat mich mehrfach an das Beethovensche „wer es nicht greifen kann lässts bleiben“ denken lassen. Offenbar ist Duerr inzwischen vollständig jenseits allen akademischen Gehabes angekommen. Es ist daher anzunehmen, dass auch dieses Buch fachwissenschaftlich weitgehend ignoriert werden wird.

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion. Berlin: Insel, 2020. Pappband, 753 Seiten. 38,–€.

George Eliot: Middlemarch

«Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muss.»

Diese Lektüre stand nun seit über 30 Jahren an! Während meines Studiums hegte ich als ein mögliches Buchprojekt, etwas über die Darstellung der Ehe in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts (also so ungefähr zwischen Jane Austen und Theodor Fontane) zu schreiben. Die Institution der Ehe als zentrale Organisationsform bürgerlichen Lebens war dem späten 18. Jahrhundert offensichtlich schon sehr fragwürdig geworden, doch die volle Krise setzt erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Sie wird verschärft durch die Liebes-Ideologie der Romantik, die Spiegelungen der Trivialliteratur, den zunehmenden Individualismus und die sich aus dem 18. Jahrhundert fortsetzende Krise des christlichen Glaubens.

Offensichtlich profitierte von England bis Russland, von Skandinavien bis nach Italien eine ganze Schriftsteller-Tradition davon, diese Krise des bürgerlichen Selbstverständnisses zu thematisieren, und erschuf neben dem Liebes- auch explizit den Eheroman, der sich von der Eheanbahnung bis zur Analyse des Scheiterns allen Phasen, Durchgangs- und sonstigen Erscheinungsformen der Institution widmete. Noch heute zehrt ein Gutteil jener Trivial-Dramen, die für Film und Fernsehen produziert werden, vom Ausschlachten dieser Romantradition.

Als ich damals versuchte, mir einen wenigstens ungefähren Überblick zu verschaffen, was denn für einen solches Projekt zu lesen wäre, ist mir natürlich auch George Eliots Middlemarch (1871–1874) untergekommen. Das Buch hat in Großbritannien und darüber hinaus in der englischsprachigen Welt einen legendären Ruf und taucht mit großer Konstanz in den Auflistungen der besten Werke der englischen Literatur auf. Und es ist – wenigstens zu einem bedeutenden Teil – auch ein Eheroman, eigentlich sogar der Roman zweier Ehen, wenn auch noch viel mehr Eheleute in ihm vorkommen. Aber er ist eben auch 1.200 Seiten lang und wurde deshalb in der Liste der zu lesenden Bücher regelmäßig nach unten verschoben. Nun sind aber im vergangenen Jahr anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin gleich zwei Neuausgaben des Romans erschienen: eine Bearbeitung der Übersetzung von Rainer Zerbst aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts und eine neue Übersetzung durch Melanie Walz. Da ich ihre Übersetzungen sehr schätze, war dies der Anlass, das Buch endlich zu lesen.

Und der geübte Leser merkt gleich von der ersten Seite an, dass es sich bei diesem Buch tatsächlich um eines der ganz großen der Literatur des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von etwa zwei Dutzend Figuren in und um den kleinen fiktiven mittelenglischen Ort Middlemarch herum, wobei die Handlung ungefähr fünf Jahre um das Jahr 1830 herum umfasst. Es beginnt und endet mit der Geschichte Dorothea Brookes, einer jungen Frau mit großem Wissensdurst, der durch ihren Erziehungs- und Bildungsgang nicht gesättigt wurde. Sie lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester im Haushalt ihres Onkels, der eine Art von Universal-Stümper darstellt, auf allen Wissensgebieten beleckt, aber nirgendwo richtig nass geworden. Dorothea hat also eine Vorstellung davon entwickelt, was alles zu wissen wäre, ohne dass sie in ihrem Drang irgend eine Unterstützung gefunden hätte. Quasi ersatzweise ist sie überaus fromm geworden und in Middlemarch stark sozial engagiert.

Diese auffallende junge Frau heiratet nun einen Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie, einen Geistlichen, der seit Jahrzehnten an einer umfassenden Darstellung der europäischen Mythologie arbeitet, die aber über den Status gesammelter Notizen und fragmentarischer Aufsätze nie hinausgekommen und fachwissenschaftlich seit langem überholt ist. Dorothea heiratet Edward Casaubon in der Vorstellung, sie könne ihn als Sekretärin unterstützen und sich auf diese Weise langsam das Wissen erarbeiten, dass sie in Casaubon verkörpert sieht. Natürlich wird diese Hoffnung rasch enttäuscht: Zwar erlaubt ihr Ehemann einige Zuarbeiten, aber zu einer wirklichen Zusammenarbeit lässt er es nie auch nur ansatzweise kommen. Im Gegenteil beweist er sich schon auf der gemeinsamen Hochzeitsreise nach Rom als eigenbrötlerischer Sonderling, der kaum in der Lage ist, auf die Bedürfnisse, Erwartungen und Gefühle seiner jungen Frau einzugehen.

Die zweite Ehekatastrophe des Romans steht unter gänzlich anderen Vorzeichen: Ihren Mittelpunkt bildet Tertius Lydgate, ein junger Arzt, der nach Middlemarch kommt, da er hier eine etablierte Praxis übernehmen kann. Er bringt neue Vorstellungen und Methoden mit in die Provinz, die er auch eloquent vertritt und durch die er nicht nur seine eingesessenen Kollegen verärgert, sondern auch seine potenziellen Patienten verstört. Er wird rasch medizinischer Leiter eines neuen Fieberhospitals, das durch den lokalen Bankier Nicholas Bulstrode gebaut und finanziert wird, und kommt in Kontakt mit der wohlhabenden Kaufmanns-Familie Vincy, deren beide Kinder Fred und Rosamond weitere prominente Figuren des Romans sind. Eigentlich will Lydgate ledig bleiben, doch lässt er sich auf einen Flirt mit der attraktiven Rosamond ein, der unglücklicher Weise in eine Verlobung hineinrutscht. Auch diese Ehe erweist sich nicht als ideal: Lydgate hat sich durch die Hochzeit, die Einrichtung eines großen Hauses und Geschenke an seine anspruchsvolle Verlobte finanziell übernommen und bemerkt zu spät, dass seine Einnahmen nicht ausreichen, um seine Schulden bezahlen zu können. Da sein Schwiegervater nicht willens und wohl auch nicht in der Lage ist, das Ehepaar aus der Notlage zu befreien, und auch Lydgates Verwandte abwinken, muss das Ehepaar eine Pfändung über sich ergehen lassen. In dieser Krise geraten Lydgate, der sich ganz praktisch in bescheidenere Verhältnisse fügen will, und seine Frau sehr aneinander und es scheint über viele Seiten hinweg so zu sein, als habe diese Ehe, die darüber hinaus auch noch durch eine frühe Fehlgeburt belastet ist, überhaupt keine Zukunft.

Um diese beiden zentralen Ehegeschichten herum erzählt Eliot ein ganzes Geflecht weiterer Schicksale und Ereignisse: Von Rosamonds Bruder Fred, einem Taugenichts, der lange braucht, um einen passenden Platz in der Welt Middlemarchs zu finden, von der halben Künstlernatur Will Ladislaw, der als Gegenfigur zu seinem Cousin Edward Casaubon fungiert und für Dorothea so etwas wie ein gänzlich anderes Leben repräsentiert, vom politischen Leben der Provinz, in dem Onkel Brooke sich als Abgeordneter bewerben möchte, von den verschiedenen Pfarrhäusern der Gegend, von Bulstrodes Vorgeschichte, die einen unheiligen Einfluss nicht nur auf sein Leben, sondern auch auf das Lydgate haben soll – diese Nebenhandlung mit ihrem Bösewicht Raffles ist die einzige, die ein wenig nach Dickens riecht, was wiederum deutlich macht, wie überlegen das ganze übrige des Romans ist –, vom reichen Erbonkel Peter Featherstone, der Fred mit der Aussicht auf ein üppiges Erbe terrorisiert, von den medizinischen Gepflogenheiten der Zeit und der vom Kontinent her drohenden Cholera-Epidemie, von der Armut der Hintersassen, die auf Gedeih und Verderb von der Qualität des Grundherrn oder seines Verwalters abhängig sind, von den religiösen Verwerfungen der Zeit, die als Folgen der Reformation immer noch Vorurteile und Ausgrenzungen in der Gesellschaft erschaffen und was der Dinge mehr sind.

Das Buch ist von einem erstaunlichen Reichtum gesellschaftlicher Details, psychologisch in den Hauptfiguren außergewöhnlich fein gearbeitet, in der Konstruktion auf der Höhe der besten Zeitgenossen, ohne dass es in seiner Wirkung auf diese Konstruktion angewiesen wäre, sprachlich aufs sorgfältigste differenziert – kurz: ein echtes Wunderwerk der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Sicherlich ist es für einen nachgeborenen Leser nicht vollkommen: Gerade in der Auflösung der Geschichten Dorotheas und Lydgates zeigen sich deutlich Muster der Trivialliteratur, wie sie von den Leserinnen schlicht von einem Roman erwartet wurden. Aber das sind Nebensächlichkeiten, die sich aus den Zwängen des Marktes ergeben, denen sich immer nur ganz wenige Ausnahmen entziehen können. Mit dem, was der Autorin gelungen ist, überstrahlt das Buch auch die besten Exemplare der zeitgenössischen Literatur. Es kann in der Übersetzung von Melanie Walz jeder ernsthaften Leserin nur dringend empfohlen werden!

George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2019. Leinen, Lesebändchen, bedrucktes Vorsatzpapier, 1263 Seiten. 45,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (133)

»Literat sind Sie?«
»Ja«, antwortete ich.
»Wissen Sie, während des Streiks habe ich flüchtig einen Roman gelesen. Ob der von Ihnen war?«
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Worum ging es denn?«
»Nun, ich kann es Ihnen nicht mehr ganz genau sagen. Der Sohn verkrachte sich mit dem Vater und hatte einen Freund, einen unsympathischen Menschen mit merkwürdigem Nachnamen … Er schlachtete Frösche …«
»Ich kann mich nicht erinnern«, log ich. Armer Iwan Sergejewitsch!

Arkadi und Boris Strugatzki
Die gierigen Dinge des Jahrhunderts

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming

Diese Lektüre bedarf einiges an Erläuterungen. August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831) war ein Massenschriftsteller der Goethe-Zeit, der seine Romane in serieller Produktion schrieb. Er hatte einen ungeheuren Erfolg beim Publikum, wurde aber von den Kritikern, wenigstens von jenen, die wir auch heute noch lesen, im besten Falle als ein Trivialautor, im schlimmsten als ein Schreiberling unterster Kategorie angesehen. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er zu Recht weitgehend vergessen; dennoch ist das vorliegende Buch ein Nachdruck aus dem Jahr 2008 und in einer – wenigstens damals noch – halbwegs prominenten Buchreihe erschienen, den Haidnischen Alterthümern.

Bei den Haidnischen Alterthümern handelt es sich um eine in lockerer Folge herausgegebene Reihe von Büchern, die allesamt auf Hinweise Arno Schmidts zurückgehen. Schmidt hatte Mitte der 1950er Jahre damit begonnen, für den Südfunk Stuttgart, für den Alfred Andersch damals als Redakteur tätig war, sogenannte Nachtprogramme zu schreiben. Es handelte sich um dialogisch aufbereitete Essays zur Literatur, die spät abends gesendet wurden. Damals war die Arbeit für den Rundfunk für die meisten Schriftsteller recht attraktiv, da die Funkhäuser vergleichsweise gut bezahlten. Schmidt, dessen eigene Werke zwar Anerkennung bei Kritik und Kollegen fanden, sich aber nur schleppend verkauften, war auf Brotarbeiten wie Übersetzungen, Texte fürs Feuilleton oder eben auch die Nachtprogramme für den Funk dringend angewiesen.

Die Aufmachung der 2. Serie
der Haidnischen Alterthümer

Für die Funk-Essays griff Schmidt auf seine breite Lektüre der Belletristik des 18. und 19. Jahrhunderts zurück und konnte auf einige Autoren und Werke hinweisen, die damals halbwegs oder weitgehend vergessen waren. Als Schmidt dann nach dem Erscheinen von Zettel’s Traum (1970) auch für ein etwas breiteres Publikum zu einem Gerücht geworden war, wurden 1978 die Haidnischen Alterthümer begründet, die angeblich die Lieblingsbücher Arno Schmidts herauszubringen gedachten. Man könnte über diesen Anspruch nun Band für Band diskutieren, aber dafür ist hier kaum der richtige Platz. Wie dem auch sei: Es erschienen in 30 Jahren insgesamt 16 Titel, für die sich allesamt eine Empfehlung Arno Schmidts konstruieren ließ.

Im Jahr 2008 fand die Reihe dann ihr Ende mit dem hier besprochenen Roman. Schmidt hatte 1965 einen entsprechenden Funk-Essay verfasst, der den etwas merkwürdigen Titel Eine Schuld wird beglichen trug. Anlass dafür war, dass sich Schmidt in seiner umfangreichen Biographie über den Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué dem Urteil der Zeitgenossen folgend über August Lafontaine abfällig geäußert hatte. Angeblich hatte er damals auch drei von dessen Romanen gelesen und für schlecht befunden. Nun aber habe er sich eines Besseren belehrt, weitere Romane konsumiert und müsse Abbitte leisten: So schlecht seien Lafontaines Romane gar nicht gewesen. Ganz am Ende bespricht Schmidt dann auch für einige Minuten eben jenen Quinctius Heymeran von Flaming, der es deshalb zur Ehre eines Nachdrucks gebracht hat.

Der vierbändige Roman vom Ende des 18. Jahrhunderts umfasst 1.200 Seiten, auf denen leider nicht viel mehr steht, als bequem auch auf 300 gepasst hätte. Erzählt wird eine endlose Abfolge von Liebeshändeln, wobei Lafontaine auf dem Rücken dieses Stroms von Ge- und Missverständnissen eine milde Satire auf einige gelehrte Theorien seiner Zeit transportiert. Der Titelheld, der aus einem shandyianischen Adels-Haushalt stammt, dessen Hausherr besessen über seine Ahnenreihe dilettiert, eignet sich auf der Universität eine obskure Rassentheorie an, mit der er nun die Welt interpretiert und dabei natürlich aufs Vortrefflichste scheitert. Es wird unsäglich viel geweint – der Beweis der Echtheit der Gefühle in der bürgerlichen Literatur der Zeit – und geschwätzt, die Missverständnisse und ihre Auflösung sind sehr trivial und vorhersehbar. Auch der Humor, den man dem Buch durchaus nicht absprechen kann, reicht nur für den ersten Band aus; danach ist es wie auf der Rückreise von einer Kaffeefahrt: Man ist sicher, dass man jede mögliche Pointe schon mindestens zweimal gehört hat.

Es handelt sich bei diesem Buch um ganz gewöhnliche Unterhaltungsware des späten 18. Jahrhunderts, wie sie so seitdem in ungebrochener Tradition den Buchmarkt betritt und wieder verlässt. Der dünne satirische Anstrich hebt das Buch zwar ein wenig über die Masse hinaus, doch macht sich hier nur einer über ganz offensichtlichen Unfug der Anthropologen seiner Zeit lustig, ohne dabei wirklich das Niveau eines originellen und freien Denkens zu erreichen. Lafontaine steckt im Gegenteil ganz tief in der bürgerlichen Moral seiner Zeit fest und bedient letztlich die entsprechenden Vorurteile zuverlässig. Auch sind die meisten seiner Figuren gänzlich eindimensional und verfügen ausschließlich über Charakterzüge, die dem Verlauf der Handlung dienlich sind. Einzig die Mutter Flaming ist ihm ein wenig menschlich geraten; er wusste also schon, was er da treibt.

Mit Blick auf Arno Schmidt und seine banal-psychoanalytische Sprachtheorie – „Das’ss ja heutzutage bekannt genug, daß jeder Könner zu seinem Können grundsätzlich åuch noch ’ne gänzlich zwecklose Theorie hinzuerfindn muß.“ – ist es nicht unwitzig, dass er einen Roman in den Druck zurückgelobt hat, dessen Protagonist mit einer kruden, selbstgezimmerten Theorie durch die Welt läuft, mit der er überall nur Celten, Mongolen, Slaven und Neger wahrnimmt, aber nicht in der Lage ist, die Realität oder Individualität seiner Mitmenschen zu erfassen.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will – auch weil das Buch in die in Deutschland nur dünn besetzte Epoche der Empfindsamkeit gehört – kann getrost nach der Lektüre des zweiten der ursprünglichen vier Bände aufhören; ich selbst habe die letzten 450 Seiten nur mehr quer gelesen.

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2008. 2 Pappbände mit Leinenrücken, Silber-Kopfschnitt, Lesebändchen, 632 + 822 Seiten. 39,90 €.

Rüdiger Zill: Der absolute Leser

Zwischen Rom und Kairo liegt das Mittelmeer, das langsam durchfahren wird.

Zum 100. Geburtstag des Philosophen Hans Blumenberg legt sein von ihm hass-geliebter Verlag „Ein intellektuelle Biographie“ [sic!] – wie der Untertitel auf dem Titelblatt lautet – vor. Autor ist der ausgewiesene Blumenberg-Kenner und Herausgeber des Nachlasses Rüdiger Zill. Bei den meisten Philosophen, so auch bei Blumenberg, ist das Verfassen einer Biographie eine vertrackte Sache, da sie in der Regel kaum genug äußerliches Leben von Interesse vorweisen können – auch Zill kommt nicht umhin, den bekannten Heidegger-Witz „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb.“ herbeizuzitieren –, um damit ein Buch von ansehnlichem Umfang zu füllen. Dennoch gelingt Zill das Kunststück, eine umfangreiche, exzellent lesbare und zumindest für jemandem vom Fach interessante und eingängige Lebensbeschreibung zu liefern.

Zills Text ist in drei große Abschnitte eingeteilt: Leben – Schreiben und Publizieren – Entwicklung des Gedankens. Auch im ersten Abschnitt finden sich lange Passagen, die der Analyse einzelner Schriften oder der Genese bestimmter Themenkomplexe in Blumenbergs Denken gewidmet sind; man darf diese Einteilung also nicht zu streng auffassen. So findet sich zum Beispiel eine erstaunliche breite Erörterung von Blumenbergs Abiturrede – die er nicht persönlich halten durfte, da er als Sohn einer Jüdin fortgesetzt Repressionen ausgesetzt war – oder auch eines frühen Aufsatzes über Hans Carossa – der von Zill vollständig richtig als eine Art von Hermann Hesse der 20er und 30er Jahre eingeordnet wird –, die deutlich machen, wie sehr es in jeder Periode von Blumenbergs Leben an Äußerlichkeiten mangelt. So finden sich dann leider auch nach dem Eintritt Blumenbergs in den lehrenden Teil der akademischen Welt weite Teile, die mit der Darstellung von Streitereien und Intrigen, vermeintlichen Beleidigungen und übertriebenen Empfindlichkeiten gefüllt sind, die den nicht akademisch Involvierten einmal mehr von der Albernheit dieses ganzen Betriebes überzeugt, der sich vorgeblich auf der Suche nach der Wahrheit befindet.

Dessen ungeachtet zeigt sich überall Zills Kennerschaft nicht nur der Schriften Blumenbergs, sondern auch der gesamten Geschichte der westdeutschen akademischen Philosophie der Nachkriegszeit. Er weiß alle Akteure mit großer Sicherheit einzuordnen und zu charakterisieren. Bei aller Sympathie für Blumenberg verliert er nicht die Objektivität und kann die Schwierigkeiten im Umgang mit Blumenberg, der immer dazu neigte, divergierende Interessen oder auch nur Nachlässigkeit seines Gegenübers als persönlich gegen ihn gerichteten Affront aufzufassen, durchaus richtig einschätzen.

Der dritte Abschnitt zeichnet Blumenbergs philosophische Entwicklung nach, wofür vier Aufsätze des Philosophen zum Anlass genommen werden, in denen er sich im Abstand von jeweils ungefähr zehn Jahren Gedanken über die Aufgaben und den Sinn von Philosophie überhaupt macht. Auch hier zeigt sich Zills Kennerschaft in der Aufarbeitung der Traditionslinien, in denen Blumenbergs Denken steht. Überhaupt muss man Zills Versuch Respekt zollen, Blumenbergs breites philosophisches Denken in einigen großen Zügen zu ordnen.

Hans Blumenberg ist einerseits einer der zugänglichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts überhaupt, der mit seinen kurzen und kürzesten Texten (zum Beispiel: Schiffbruch mit Zuschauer, Die Sorge geht über den Fluß, Löwen) intelligent und ohne bedeutenden theoretischen Anspruch zu unterhalten weiß, andererseits gehören seine Metaphorologie, Anthropologie, Wissenschafts- und Begriffsgeschichte mit zum anspruchsvollsten, das in der deutschen Nachkriegsphilosophie entstanden ist. Zills Buch kann eine gute Unterstützung dabei sein, sich von einem zum anderen vorzuarbeiten.

Rüdiger Zill: Der absolute Leser. Hans Blumenberg – Ein[e] intellektuelle Biographie. Berlin: Suhrkamp, 2019. Pappband, Lesebändchen, 816 Seiten. 38,– €.

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge

Er war keineswegs dumm, und er war berechnend, aber hitzig und darüber hinaus unerfahren oder, besser gesagt, naiv, das heißt, er kannte sich weder in Menschen noch in der Gesellschaft aus.

Dieser vorletzte große Roman Dostojewskijs erschien bis Ende 1875 nach vergleichsweise kurzer Planung und Niederschrift (seit Februar 1874). Es handelt sich um Dostojewskijs unverstelltesten Beitrag zur Modeform des Entwicklungsromans, wie sie in Europa im 18. und 19. Jahrhundert im Schwange war. Er erfindet zu diesem Zweck einen jungen, naiven und impulsiven Ich-Erzähler, der aus einer nicht-ehelichen, aber langjährigen Beziehung des verarmten Adeligen Andrej Petrowitsch Werssilow und einer Bedienten stammt. Rechtlich gesehen ist der Erzähler Arkadij Makarowitsch der Sohn des Ehemanns seiner Mutter, Makar Iwanowitsch Dolgorukij, dem sein leiblicher Vater die Ehefrau Sofja abgekauft hatte, nachdem er sich leidenschaftlich in sie verliebte. Werssilow hat außerdem noch zwei Kinder aus einer früheren Ehe und eine weitere uneheliche Tochter Lisaweta, deren Mutter ebenfalls Sofja ist.

Die Haupthandlung des Romans setzt ein, als Arkadij nach dem Ende seiner schulischen Ausbildung in einem kleinen Internat auf Einladung seines Vaters nach Petersburg kommt. Er lebt für eine Weile im Haushalt seiner Mutter, in dem auch seine Schwester wohnt. Tägliche Gäste der Familie sind Werssilow und Tatjana Pawlowna Prutkowa, eine Art Faktotum Werssilows und ihm seit Jahrzehnten treu verbunden. Arkadij ist im Internat aufgrund seiner Herkunft als Außenseiter aufgewachsen, schikaniert und verspottet sowohl durch den Leiter der Schule als auch durch seine Mitschüler. Aus dieser Lage heraus hat er den Lebensplan entwickelt, durch den Erwerb eines großen Vermögens – sein Vorbild ist der Bankier Rothschild – Macht und soziale Unabhängigkeit zu erlangen. Außer diesem Ziel sucht er noch nach engem Kontakt zu seinem leiblichen Vater, von dessen Charakter er in Kindheit und Jugend eine stark idealisierte Vorstellung entwickelt hat.

Der verarmte Werssilow befindet sich zu Anfang der Handlung in einem Erbschafts-Prozess gegen das Fürstenhaus Sokolskij, der sehr bald zu seinen Gunsten entschieden wird und ihn von seinen permanenten Geldnöten befreit. Doch Arkadij besitzt aufgrund seiner früheren Moskauer Kontakte zwei „Dokumente“, die beide die Familie des Fürsten Sokolskij betreffen. Das erste ist eine Willenserklärung des Erblassers zu Ungunsten von Werssilows Anspruch; dies Dokument ist zwar juristisch nicht relevant, macht Werssilows Anspruch auf die Erbschaft aber moralisch anfechtbar. Arkadij überreicht Werssilow das Dokument, nachdem der Prozess entschieden ist, was dazu führt, dass Werssilow sofort auf die komplette, gerade erst gewonnene Erbschaft verzichtet. Dieses erste Dokument ist nur vorhanden, um Arkadij in seinem Wahn zu bestärken, dass es sich bei seinem Vater um ein gänzlich selbstloses Wesen von höchster moralischer Integrität handelt.

Um das zweite Dokument herum konstruiert Dostojewskij den eigentlichen Handlungsknoten des Romans, der allerdings erst im letzten Drittel die Handlung weitgehend bestimmen wird. Es handelt sich dabei um einen Brief der einzigen Tochter des Patriarchen Fürst Nikolaj Iwanowitsch Sokolskij, der verwitweten Generalin Katerina Nikolajewna Achmakowa, die in einer zurückliegenden Familienkrise bei einem Anwalt nachgefragt hatte, unter welchen Voraussetzungen es möglich sei, ihren Vater zu entmündigen, um so zu verhindern, dass er das Familienvermögen verschleudere. (Die unwahrscheinliche Vorgeschichte, warum Arkadij im Besitz dieses Briefes ist, kann man getrost vernachlässigen.) Katerina ist nun besorgt, dass ihr Vater sie enterben werde, wenn man ihm den Brief zuspielen würde. Dieses für den Romanschluss entscheidende Dokument hätte Arkadij vernünftigerweise auf Seite 250 verbrennen sollen und Autor und Leser so die ein wenig mühsamen letzten zwei Drittel des Romans ersparen können. Aber so geht es zu im Literaturbetrieb.

Wie bereits in „Böse Geister“ füllt Dostojewskij lange Passagen des Buches mit gesellschaftlichen Intrigen, vertraulichen Gesprächen, die zu überraschend unvertraulichen Handlungen führen, belauschten Aussprachen, ausschweifenden Reflexionen seines naiven und und auch sonst nicht übermäßig hellen Erzählers, Eifersuchtsanfällen, beleidigenden Briefen, ungewollten Schwangerschaften (zugegeben: es ist nur eine), unehelichen Kindern und so weiter und so fort, um dann im letzten Viertel des Romans auf eine vorgebliche Katastrophe zuzusteuern, die aber wenigstens diesmal knapp an der Erzeugung einer Leiche vorbeikommt.

Um die Katastrophe erzählerisch überhaupt als eine solche ausgeben zu können, ist es wesentlich, dass Dostojewskij sich eine literarisch inkompetente Erzählerfigur konstruiert, wie gleich zu Anfang des Romans wiederholt betont wird. Er benötigt zum einen einen Ich-Erzähler, den er ganze Tage von Hinz zu Kunz und zurück laufen lassen kann, wobei alles Entscheidende immer an Orten passiert, an denen sich der Erzähler gerade nicht befindet und von dem er dann um- und missverständlich unterrichtet werden muss. Zum anderen kann er die wirre, zugleich retardierende und dann immer wieder vorausgreifende Erzählweise, die das Ende des Romans bestimmt und die das einzige Mittel ist, mit dem er dem faden Plot zu einiger Spannung verhelfen kann, der Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit seines Erzählers in die Schuhe schieben.

Die Abläufe im Einzelnen nachzuerzählen, lohnt nicht. Der Leser kann aber beruhigt sein, dass sich am Ende alles zum Besten findet, Arkadij zur Vernunft kommt, wahrscheinlich ein Studium aufnehmen und zu einem nützlichen Idioten werden wird und alle anderen von ihren falschen Leidenschaften und unpassenden Heiratsplänen erlöst werden. Nur Russland kann nicht erlöst werden, weil es am rechten Glauben fehlt. Ganz am Ende hängt Dostojewskij einmal mehr ein Kapitel an, indem er erklären möchte, worauf es denn im Buch eigentlich ankommt, falls irgendwer das bei all dem Hin und Her übersehen haben sollte. Man hat es eben nicht leicht, wenn man Schmonzetten mit hochgeistigem Gehalt schreibt.

Sicherlich zu Recht der am wenigsten gelesene der fünf großen Romane.

Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Zürich: Ammann, 2006. Leinenband, Fadenheftung, 832 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (132)

Die scharfsinnigen Untersuchungen darüber kommen mir vor, wie die Abhandlungen der englischen Akademiker, denen der König aufgegeben, zu erforschen, woher es rühre, daß ein Eimer mit Wasser, in den man einen zehnpfündigen Fisch getan, nicht mehr wiege, als der andere bloß mit Wasser gefüllte. Mehrere hatten das Problem glücklich gelöst, und schon wollten sie mit ihrer Weisheit vor den König treten, als einer klugerweise anriet, die Sache selbst erst zu versuchen. Da behauptete denn der Fisch sein Recht, er fiel ins Gewicht, wie er sollte, und siehe, das Ding selbst, worüber die Weisen mittelst scharfsinnigen Nachdenkens die herrlichsten Resultate herausgebracht, existierte gar nicht.

E. T. A. Hoffmann
Die Serapionsbrüder