Thomas Bernhard: Die Autobiographie

… aber hier wird auf das Kopfschütteln, gleich auf welcher Seite und mag sie sich als die kompetenteste ansehen, keinerlei Rücksicht genommen.

Zwischen 1975 und 1982 sind fünf au­to­bio­gra­phisch unterfütterte Erzählungen von Thomas Bernhard erschienen, die 2004 innerhalb der Werkausgabe bei Suhrkamp erstmals in einem Band, dem Band 10 unter dem herausgeberischen Titel Die Autobiographie zusammengefasst wurden. Die Herausgeber dieses Bandes stellen selbst fest, dass der gewählte Titel nicht durch irgend eine Äußerung des Autors gestützt werden kann. Es soll hier nicht diskutiert werden, inwieweit dieser neue Titel und die neue Form die Wahrnehmung und das Verständnis dieser Erzählungen beeinflussen, denn dazu wäre als Vergleichsgröße eine Dokumentation des Verständnisses eines Lesers vonnöten, der die Erzählungen etwa kontinuierlich mit ihrem Erscheinen gelesen hätte; allein schon das wäre wohl weit von jeder Realisierbarkeit entfernt. Doch genug des Nominalstils.

Die Reihe der Erzählungen beginnt mit der Internatszeit Bernhards in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsmonaten in Salzburg. Der Ich-Erzähler leidet sowohl unter dem Regiment des faschistischen Direktors Grünkranz als auch seines katholischen Nachfolgers „Onkel Franz“. Dieser erste Band, Die Ursache. Eine Andeutung (1975) endet mit dem Entschluss des Erzählers das Gymnasium zu verlassen und eine Lehre bei einem Lebensmittel-Händler zu beginnen. Der Keller. Eine Entziehung (1976) knüpft direkt an dieses Ende an und verfolgt die Lebensgeschichte weiter bis zum Abbruch der Lehre durch eine Lungenerkrankung, die sich der Erzähler beim Abladen einen Fuhre Kartoffeln im Regen zugezogen hat. Der Atem. Eine Entscheidung (1978) berichtet vom sich anschließenden Klinikaufenthalt, Die Kälte. Eine Isolation (1981) von der nachfolgenden Kur. Der letzte Band Ein Kind (1982) springt chronologisch in die Zeit vor Die Ursache und beginnt mit einer Radtour, die der Erzähler als Achtjähriger ohne die Erlaubnis seiner Mutter nach Salzburg unternommen hat, auf der er aber verunglückt, ohne sein Ziel zu erreichen. Nimmt man den erzählerischen Anspruch für einen Moment ernst, so erzählt Bernhard hier sein Leben einigermaßen kontinuierlich zwischen dem achten und dem neunzehnten Lebensjahr nach.

Dabei sind alle fünf Erzählungen beherrscht vom Ton und der Geisteshaltung des erwachsenen Erzählers, seinem durchgehenden Ressentiment eines Außenseiters gegen die Gesellschaft, den Menschen schlechthin, die Österreicher und die Salzburger im speziellen, dem unvergessenen und unverziehenen Leid des von einem ambitionierten Großvater durch diverse Künste (Geigenspiel, Gesang, Malerei) getrieben Kindes, das zusätzlich unter dem Druck einer ihm in Hass-Liebe zugetanen Mutter leidet und keinen heimischen Ort in der Welt finden kann. Die Texte sind einerseits durchaus bewegend, andererseits in der typischen Bernhardschen Manier nervtötend und penetrant. Bernhard zelebriert in dem Kind und Jugendlichen, von dem er erzählt, seine Verletztheit, Einsamkeit und Misanthropie. Es fehlt diesen Büchern in weiten Teilen der sonst oft bei ihm vorherrschende bissige oder auch zynische Humor, der hier ersetzt wird durch ein eher unverstelltes, aber distanziert geschildertes Mitleid mit sich selbst als Kind. Diese größere Unmittelbarkeit sollte einen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Texte hoch stilisiert sind, dass die permanenten Wiederholungen, Reformulierungen und Variationen (die durchaus auch als musikalisches Element verstanden werden können) eine mehrfache Überschreibung des Erinnerten durch einen dies Erinnern instrumentalisierenden Erzähler darstellen.

Die fünf Erzählungen bilden einen guten Einstieg in den Bernhardschen Kosmos: Wer ausprobieren möchte, ob er mit Bernhards Stil zurecht kommt, kann es mit irgendeinem der Bände probieren; vielleicht ist Die Ursache der beste Prüfstein. Es ist aber nicht notwendig, bei der Lektüre die innere Chronologie oder die der Veröffentlichung einzuhalten.

Thomas Bernhard: Die Autobiographie. Werke Bd. 10. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2004. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen. 582 Seiten. 42,– €.

Gustave Flaubert: Memoiren eines Irren

Es wäre ein Fehler, in all dem hier etwas anderes zu sehen als die Nörgeleien einen armen Irren. Ein Irrer!
Und Sie, Leser – Sie haben vielleicht vor kurzem geheiratet oder Ihre Schulden bezahlt?

Nachdem ich Elisabeth Edls Übersetzung der Éducation sentimentale vorerst übersprungen habe – zum einen, weil es zeitlich nicht passte, zum anderen aber sicherlich auch, weil ich über die Übersetzung des Titels mit Lehrjahre der Männlichkeit doch etwas erschrocken war –, folgt nun also, im Jahr seines 200. Geburtstages, die Neuübersetzung von Flauberts erstem ernsthaften Versuch, einen Roman zu schreiben. Der Text, der keine 100 Druckseiten umfasst, ist zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht worden, und man darf davon ausgehen, dass sich Flaubert seiner Schwächen sehr bewusst war.

… Mir ist alles so zuwider, dass ich einen tiefen Ekel davor empfinde weiterzuschreiben, nachdem ich das Vorangehende gelesen habe.
Können die Werke eines gelangweilten Mannes die Leser amüsieren?

S. 40

Aber natürlich zeigt sich die Wichtigkeit eines Autors eben auch darin, dass nach seinem Tod sein Nachlass herausgegeben wird.

Im Falle der Memoiren eines Irren geschah dies zuerst Ende 1900, 20 Jahre nach dem Tod Flauberts. Die Erzählung, die nur ehrenhalber die Bezeichnung Roman verdient, ist deshalb interessant, weil hier schon einige der Motive durchgespielt werden, die in den späteren Werken eine Rolle spielen. Zentral dürfte dabei die Beschreibung der ersten Verliebtheit des Erzählers in eine ältere, verheiratete Frau sein, die deutlich auf die Liebe Frédéric Moreaus aus L’Éducation sentimentale vorausweist. Außer diesen einzelnen Motiven ist der Text weitgehend lamoyant, verbunden mit einer für einen 17-Jährigen doch recht künstlichen Welt- und Menschenfeindlichkeit. Der Erzähler tut sich selbst unendlich leid, was den Leser ungefähr so kalt lässt, wie es Flauberts spätere Erzähler sind. Literarisch ist das beste am Text, dass er nicht länger ist.

Um dem Band etwas mehr Umfang zu geben, hat man eine Auswahl früher Briefe Flauberts hinzugefügt, die – wie Flauberts Briefe überhaupt – immer interessant und lebendig sind. Die wichtigste Stelle im Buch aber ist diese:

Wolfgang Matz hat auch diesen Band als Lektor begleitet; dass er der Einladung folgte, zum (wenigstens vorläufigen) Abschluss dieser Flaubert-Jahre auch das Nachwort beizusteuern, …

S. 200

Es wird also auf absehbare Zeit keine Übersetzung von Bouvard et Pécuchet durch Elisabeth Edl geben. Fassen wir uns also in Geduld.

Gustave Flaubert: Memoiren eines Irren. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl. München: Hanser, 2021. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 240 Seiten. 28,– €.

Michael Köhlmeier: Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund

Es ist auch für eine kleine, eher unauffällige Buchreihe in einem großen Verlag eher ungewöhnlich, in ihr einen so bekannten und weitverbreiteten Text wie E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf in einer Einzelausgabe neu herauszugeben, umso mehr, wenn es sich um einen einfachen Nachdruck aus einer anderen Ausgabe handelt, es also keine philologisch bemerkenswerten oder wenigstens ungewöhnlichen Abweichungen zu bisherigen Ausgaben gibt. Dennoch ist es hier geschehen, und ich erlaube mir anzunehmen, dass es ausschließlich deshalb geschehen ist, um Michael Köhlmeiers Nachwort – Gedanken, als ob sie zur Mitternacht gedacht worden wären, und ein Gespräch mit einem Freund – beides in Hoffmans Manier abdrucken zu können und dennoch ein Büchlein von nennenswertem Umfang zu erhalten.

Ich erlaube mir daher, hier nicht die Erzählung Hoffmans vorzustellen – das findet man schon anderswo –, sondern mich auf das Nachwort Köhlmeiers zu konzentrieren. Köhlmeier erzählt darin von einem jungen Freund, ebenso Schriftsteller wie er, der zu ihm in einer Art von Schüler-Verhältnis steht, ihn wenigstens als erfahreneren und gebildeteren Mentor ansieht. Diesen jungen Mann habe Köhlmeier gebeten, Hoffmanns Der goldene Topf zu lesen, und Köhlmeier berichtet nun das sich an diese Lektüre anschließende Gespräch. Der junge Mann ist weitgehend unbeleckt von jeglicher Kenntnis der Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts und liest den Text nach dem Hinweis Köhlmeiers als ein Märchen, ohne seinen biographischen, kulturellen oder historischen Hintergrund zu kennen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der junge Mensch einen – aus der Sicht von jemandem, der mit dem Hintergrund des Textes und der Biographie des Autors etwas vertrauter ist – recht schiefen, aber nicht gänzlich falschen Eindruck von dem Text bekommt. Dem wird in dem Gespräch die Begeisterung und tiefe Verehrung Köhlmeiers entgegengesetzt, so dass wir einerseits einen verstörten Blick auf ein literarhistorisches Fragment, andererseits einen enthusiasmierten Blick auf ein geliebtes Stück der persönlichen Lesegeschichte Köhlmeiers haben, die einander unvermittelt gegenüberstehen. Der Text ist nett zu lesen, er bleibt aber als Essay zu flach und als Erzählung zu ziellos. Und als Werbetext für E. T. A. Hoffmann steht er am falschen Ort.

Es ist zu vermuten, dass es sich um ein Seitenstück zu dem jüngst bei Hanser erschienenen Roman Matou von Michael Köhlmeier handelt, der einen schreibenden Kater in der Tradition des Hoffmannschen Katers Murr erfindet, der seine sieben Leben autobiographisch nacherzählt.

Mich selbst hat der Text einmal mehr neugierig auf den Romanschriftsteller Köhlmeier gemacht, und ich habe sein Abendland mal nach oben auf den SuB gelegt. Mal sehen, was die Zeit bringt.

E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf. Mit einem Nachwort von Michael Köhlmeier. München: Beck, 2021. Bedruckter Pappband, 128 Seiten. 16,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt III & IV

Ob es sich um die Abschreckung durch Atombomben, um Atomkraftwerke, um die Lagerung von Atommüll, um die Plünderung unseres Planeten usw. handelt, immer reden diejenigen, welche daran glauben, uns ein, wir sollen glauben, was sie tun, sei absolut sicher.

Die 1990 erschienen Stoffe IV–IX unterscheiden sich deutlich von dem beinahe 10 Jahre älteren Band. Dürrenmatts Verleger Daniel Keel hatte gehofft, der zweiten Band könne bereits kurz nach dem ersten erscheinen, doch Dürrenmatts Arbeitsweise, der Tod seiner Frau Lotti im Jahr 1983, seine neue Beziehung zu Charlotte Kerr, die ihn zurück zum Drama brachte, all dies beeinflusste und unterbrach immer wieder die Arbeit an der Fortsetzung. Zudem bewiesen einige der Stoffe sich als so dynamisch, dass sie sich in eigenständige Projekte verwandelten, so etwa den 1989 herausgegeben letzten Roman Dürrenmatts Durcheinandertal.

Es wundert bei der langen Entstehungszeit nicht, dass der zweite Band deutlich uneinheitlicher geraten ist. Der große biographische Bogen wird nur teilweise fortgesetzt, die biographische Erzählung wird insgesamt bruchstückhafter und anekdotischer. Zugleich nimmt der essayistische Anteil des Textes deutlich zu. Auch bleiben die Stoffe selbst eher skizzenhaft und summarisch, wie es auch schon für Der Rebell im ersten Bad festgestellt wurde. Wie man die ausgewählten Stoffe letztendlich beurteilt, hängt sicherlich von zahlreichen Vorbedingungen ab. So ist etwa das abschließende Kapitel Das Hirn, das so etwas wie ein evolutionäres Gesamtbild der Entstehung des Universum als Fiktion eines freischwebenden Bewusstsein versucht, inhaltlich heute kaum mehr überzeugend, was aber auch daran liegt, dass heute selbst der oberflächlichste Konsument des Fernsehen mit so zahlreichen Dokumentationen über alles mögliche zugeschüttet wird, dass ihm das alles als alte Kamellen erscheinen dürfte. Hier war die Rezeptionssituation in den 1980er Jahren, auf die Dürrenmatt zielte, natürlich eine komplett andere. Alles in allem ist eine angemessene Lektüre dieser Texte nicht einfach.

Eine zumindest für Dürrenmatt-Kenner wichtige Ergänzung dürfte seine Rekonstruktion seines ersten Theaterstücks Der Turmbau zu Babel sein, die sich im Anhang zu Band IV dieser Ausgabe findet. Dürrenmatt hatte zumindest einen Teil der ersten Fassung vernichtet; andere Teile sind wohl eher ungewollt erhalten geblieben. Aus demselben Stoffkreis hat Dürrenmatt dann später Ein Engel kommt nach Babylon (1953) entwickelt, eines seiner zahlreichen religiös grundierten Dramen.

Band III liefert unter anderem ergänzend dazu eine ganze Reihe weiterer Stoffe, die es nicht bis in die publizierte Fassung geschafft haben; wichtig ist hier auf jeden Fall Dürrenmatts breite Auseinandersetzung mit dem Prometheus-Mythos.

Diese Reihe von Besprechungen ist von der Frage ausgegangen, ob der hier betrieben Aufwand von den Texten der beiden veröffentlichten Bände gerechtfertigt werden kann. Für Dürrenmatt-Kenner und die -Liebhaber liegt hier eine reiche Fundgrube vor, die sie lange beschäftigen kann; allen, die dem Propheten von Konolfingen – sicherlich mit gutem Grund – eher mit einigen Distanz gegenüberstehen, werden den hier betriebenen archivalischen Eifer wohl übertrieben finden. Aber ein Archiv muss natürlich tun, wozu es da ist. Und zu entdecken gibt es tatsächlich manches, Wenn es eben auch sehr speziell ist.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt I & II

Ich machte eine gut bürgerliche Jugend wie eine Krankheit durch, ohne Kenntnis der Gesellschaft und ihrer Zusammenhänge, behütet, ohne behütet zu sein, immer wieder gegen einen Zustand anrennend, der nicht zu ändern war: Ich selbst war dieser Zustand.

Wie bereits zuvor gesagt, umfassen die Bände I und II die Materialien aus dem Nachlass Friedrich Dürrenmatts zum Stoffe-Projekt bis zu Veröffentlichung des Bands Stoffe I–III im Jahr 1981. Band II enthält den Text dieses Bandes (in der leicht über­ar­bei­te­ten Fassung von 1990, die dem Wunsch des Autors nachkommt, Absätze im Text weitgehend zu vermeiden und so eher einen Textfluss zu erzeugen), Band I chronologisch das seit 1957 bis 1981 aufgelaufene Material des Projektes. Es ist für Einsteiger durchaus zu empfehlen, sich zuerst einmal mit der Lektüre von Band II einen Eindruck von Thematik und Ausrichtung des Gesamtprojektes zu machen und dann erst zum Material in Band I zurückzugehen.

Der 1981 erschienene Band enthält, wie der Titel schon sagt, drei von Dürrenmatts Stoffen, die ihn lange begleitet und dabei durchaus wesentliche Veränderungen erfahren haben. Der erste, Winterkrieg in Tibet, spiegelt Dürrenmatts Auseinandersetzung mit seinen Kriegs- (als Schweizer war er ein eher ferner Beobachter des Geschehens im Zweiten Weltkrieg) und Militärerfahrungen, dem Mythos vom Minotaurus, der auch in anderen Texten und insbesondere auch in Gemälden von ihm eine bedeutende Rolle spielt, und damit unmittelbar zusammenhängend dem Motiv des Labyrinths. Erzählt wird die Geschichte eines Offiziers, der sich in der letzten gigantischen Schlacht des III. Weltkriegs wähnt, der weite Teile der Welt zerstört hat. Er sitzt als General ohne Truppen im Rollstuhl, durchfährt die Höhlengänge unter einem Bergmassiv und schreibt den Text, den der Leser liest, in absoluter Dunkelheit in langen Zeilen an die Höhlenwände. Durchbrochen wird dieser quasi autobiographische Bericht durch eine Art von Herausgeberfiktion, die die Wiedergabe des Textes als Dokumentation eines Fundes der nach dem III. Weltkrieg wieder erstandenen Zivilisation ausweist. Der Text enthält nicht nur die Geschichte und Vorgeschichte des Generals, sondern auch umfangreiche essayistische Passagen, deren Gehalt durch die Figur ihres Erzählers stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Entscheidend für die Lektüre dürfte der Hinweis Dürrenmatts sein, dass die zentrale Figur des Textes nicht Minotaurus repräsentiert, sondern einen Theseus, der seinen Ariadnefaden längst verloren hat und nicht in der Lage ist, einen eigenen zu knüpfen. Die Erzählung dürfte eine der dichtesten sein, die sich in Dürrenmatts erzählerischem Werk findet, und setzt einem einfachen Verständnis massive Widerstände entgegen.

Der zweiten Stoff, Mondfinsternis, ist die Quelle von Dürrenmatts wohl erfolgreichstem Theaterstück Der Besuch der alten Dame. In einem entlegenen Bergdorf der Schweiz, in dem außer Pfarrer, Polizist und Lehrerin nur 14 Familien leben, kommt ein alter, reicher Kanadier an, der nahezu sofort beginnt, alle jungen Frauen des Dorfes intensiv zu begatten. Außerdem verspricht er jedem Haushalt im Dorf eine Million, wenn beim nächsten Vollmond (in zehn Tagen) der Ehemann seiner ehemaligen Geliebten, die der Alte einstmals schwanger zurückgelassen hat, umgebracht wird. Der Betroffene ist angesichts des Reichtums auch für seine Familie durchaus mit dem Plan einverstanden und endet, nach einigem retardierenden Füllstoff, unter einer gefällten Buche. Es erweist sich aber, dass der Verursacher dieser Affäre eigentlich gar nicht an Tod und Rache interessiert ist (ebenso wenig wie an dem Geld, das er zurücklässt), sondern sich in Angst und Not wegen seines Herzens befindet. Als er das Dorf verlässt, erleidet er einen weiteren, diesmal tödlichen Herzanfall.

Der Text ist ohne jegliche Psychologie geschrieben: Eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt, die für eine moderne Erzählung eigentlich fatale Wartezeit von zehn Tagen bis zum Vollmond-Termin wird einfach übersprungen, die titelgebende Mondfinsternis findet zwar statt, hat aber trotz der kurzzeitigen abergläubischen Panik der Bauern keinerlei praktische Auswirkung. Interessant ist aber, dass Dürrenmatt weder in der Erzählung selbst, noch in den reflektierenden Texten, die sie umgeben, auf das Motiv des Menschenopfers zu sprechen kommt. Nichts scheint einleuchtender, als den Ankommenden als einen neuen Gott zu lesen, der allgemeine Wohlfahrt verspricht, wenn man nur bereit ist, ihm einen Menschen als Opfer darzubringen. Und nichts ist einleuchtender, als dass ein Gott an nichts weniger interessiert sein kann als daran, ob die Menschen das Opfer tatsächlich vollziehen. Dass Dürrenmatt an diesem Aspekt seines Stoffes weitgehend uninteressiert gewesen zu sein scheint, mag daran liegen, dass in den beiden mythologischen Systemen, die sein Denken geprägt haben (das der griechischen Antike und das des Christentums). Menschenopfer nur eine randständige Rolle spielen.

Der dritte Stoff, Der Rebell, ist der am wenigsten ausgearbeitete; es handelt sich mehr um eine Prosa-Skizze als um eine Erzählung. Erzählt wird in wenigstens zu Anfang spätromantischer Manier vom Sohn eines Philologen, der in den Aufzeichnungen seines verschollenen Vaters eine altertümliche Sprache entdeckt, die er erlernt, um sich dann auf eine ziellose Reise zu machen, die ihn natürlich an die Grenze jenes Landes bringt, deren fremde Sprache er erlernt hat. Dort wird er als eine Art Messias empfangen, als der Retter und Befreier, der die Tyrannis des zuletzt erschienen Befreiers (der möglicherweise sein Vater ist) zerschlagen und wahrscheinlich durch seine eigene ersetzen wird. Warum Dürrenmatt dachte, diese Messias-Allegorie sei geeignet, seine eigene Rebellion gegen die Eltern darzustellen, die eigentlich nur in einem heimlichen und drückebergerischen Ungehorsam bestand, wie ihn jeder zweite junge Mann in der Weltliteratur zustande bringt, ist wenigstens mir unerfindlich geblieben.

Umschlossen sind diese drei Erzählungen von einer Autobiographie, die jeweils passend zu den Erzählungen gewichtet und reflektiert wird. Eine solche offene und zugleich enge Verquickung von autobiographischer und literarischer Erinnerungsarbeit dürfte in der deutschsprachigen Literatur weitgehend singulär sein. Die Materialien in Band I vertiefen diese beiden Aspekte der Stoffe, wobei das Material nicht nur die Stoffe I–III umfasst, sondern natürlich auch auf den späteren Band ausgreift. Hier ist besonders die Wiedergabe der Rekonstruktionen hervorzuheben, eines geschlossenen Textes von 1978, der so bislang unveröffentlicht war und der Dürrenmatt als Steinbruch für spätere Veröffentlichungen diente. Hier ist noch einmal ein Text zu entdecken, der es an Gehalt und Komplexität mit den beiden Nachworten zum Mitmacher-Komplex aufnehmen kann.

Bereits diese beiden Bände enthalten eine kaum auszuschöpfende Quelle für eine Auseinandersetzung mit Dürrenmatt, die mir aber leider, je älter ich werde und je weiter die Texte in der Vergangenheit liegen, um so mehr eine obsolete Angelegenheit zu werden scheint. Es ist zu befürchten, dass Dürrenmatt den Status eines Klassikers, den man ihm offenbar zuzumuten gedenkt, nicht lange innehaben wird. Dafür scheinen einerseits die Voraussetzungen für eine Lektüre zu hoch, andererseits ist der Anschluss zu den Themen der Gegenwart zu dünn. Ich fürchte, er wird trotz seines Reichtums an Reflexion und Erfindung bald nur noch ein Autor für einige wenige Fachleute sein.

Wird fortgesetzt …

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt

Je älter man wird, desto stärker wird der Wunsch, Bilanz zu ziehen. Der Tod rückt näher, das Leben verflüchtigt sich. Indem es sich verflüchtigt, will man es gestalten; indem man es gestaltet, verfälscht man es: So kommen die falschen Bilanzen zustande, die wir Lebensbeschreibungen nennen, manchmal große Dichtungen – die Weltliteratur beweist es –, leider oft für bare statt für kostbare Münze genommen.

Seit dreißig Jahren beschließe ich nach jedem neuen Buch aus dem Nachlass von Friedrich Dürrenmatt, dass ich nun nichts weiter mehr von ihm kaufen werde. Bislang hat es nicht geklappt.

Dürrenmatt ist einer der ersten Schriftsteller, von denen ich eine Werkausgabe besessen habe. Er war meine wichtigste Schullektüre und hat in den letzten beiden Schuljahren einen großen Einfluss auf mein Verständnis von Poetik und Dramaturgie gehabt. Noch am Ende meines Universitätsstudiums stand eine Klausur zu den Konzepten von Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt. Das war etwa um die Zeit herum, als Dürrenmatt gestorben ist. Seitdem habe ich in didaktischem Zusammenhang noch das eine oder andere von ihm wiedergelesen, auch seinen Briefwechsel mit Max Frisch und die Biografie von Peter Rüedi. So sehr ich mich auch bemühe, ich werde diesen Einfluss nicht los.

Nun hat Diogenes zu einem weiteren Schlag ausgeholt: In fünf großformatigen Bänden (16 × 24 cm) wird eine Nachlass-Edition des letzten großen Prosa-Projektes Dürrenmatts vorgelegt, der Stoffe. Aus den Stoffen sind 1981 (Stoffe I–III) und 1990 (Stoffe IV–IX) zwei Bände vorgelegt worden, wobei anlässlich des zweiten Bandes auch der erste Band noch einmal in einer leicht über­ar­bei­te­ten Fassung erschien. Diese Fassung findet sich auch innerhalb der siebenbändigen Werkausgabe von 1991. Damals war aber schon klar, dass dies nur Teile des tatsächlich vorhandenen Materials waren. Die nun erfolgte Edition aus dem Nachlass lässt diese beiden Publikationen als „zwei Spitzen eines riesigen Eisbergs“ – so die Herausgeber im Vorwort – von über 30.000 Ma­nu­skript­sei­ten erscheinen.

Die ersten Anfänge dieses sowohl zeitlichen als auch stofflichen Le­bens­pro­jek­tes verorten die Herausgeber bereits im Jahr 1957, also nach Dür­ren­matts ersten großen Erfolgen als Theater- und Krimiautor, aber noch bevor er mit Das Versprechen bzw. Es geschah am hellichten Tage vorerst Abschied vom Genre der Kriminalerzählung nahm. Der erste Band ist der Ent­wick­lung des Projektes bis zur Veröffentlichung der Stoffe I–III (1981) gewidmet; der zweite Band präsentiert dann diesen Text mit einer umfangreichen Dokumentation weiteren Materials und zahllosen Querverweisen. Der dritte und vierte Band verfahren in gleicher Weise mit den Stoffen IV–IX (1991). Der fünfte Band schließlich liefert eine Chronik der Genese, eine Do­ku­men­ta­tion der Quellen, Anmerkungen zum Text und ein Register. Begleitet wird all das durch eine Online-Edition des gesamten Projektes, die derzeit noch nicht ganz fehlerfrei ist, aber auch das wird sich sicherlich mit der Zeit finden.

Es wird sich in einer erneuten Lektüre weisen müssen, ob die Texte Dür­ren­matts den hier betriebenen Aufwand am Ende rechtfertigen. Und es wird diesmal bestimmt meine letzte Beschäftigung mit dem Propheten aus Konolfingen sein.

Wird fortgesetzt …

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Hg. v. Ulrich Weber u. Rudolf Probst. Zürich: Diogenes, 2021. 5 Bände, Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 2208 Seiten. 400,– €.

Heinrich Seidel: Phantasiestücke

Nun aber wußte der Teufel nichts mehr …

Noch einmal Heinrich Seidel, diesmal zum Abgewöhnen. Es handelt sich um eine eher uneinheitliche Sammlung mit Erzählungen und Märchen im Volkston, Nachahmungen von Hoffmann, Hauff, Eichendorff, Fritz Reuter und Jean Paul, alle im ironischen Ton mehr oder weniger gelungen, dafür inhaltlich ganz flach und uninspiriert erfunden. Mit dem Titel legt sich Seidel dabei selbst eine Latte auf, die er dann mühelos zu unterspringen versteht.

Das Märchen Das Zauberklavier geht zum Beispiel so: In einem weit entlegenen Königreiche leben hauptsächlich Büchermenschen und Gelehrte. Dann zieht jemand zu, der ein Klavier mitbringt. Das Klavierspielen wird rasch Mode; alle machen Musik, keiner will mehr Gedichte lesen. Die Denker werden beim Denken gestört. Der König verbietet das Klavierspielen. Eine Prinzessin wird geboren. Als sie achtzehn Jahre alt ist, findet sie im Wald ein Klavier. Weil sie nie etwas von Klavieren gehört hat, beginnt sie zu spielen. Alle sind entzückt. Der König erlaubt das Klavierspiel wieder.

Seine Faust-Variation aber geht so: Die Wirtin von Bornau will die beste Köchin und Tänzerin in der Gegend sein. (Was sollte ein weiblicher Faust auch sonst für Ambitionen haben?) Aber da gibt es eine andere, die beides besser kann. Also erscheint ihr der Teufel. Sie schließt einen Pakt und wird die beste Köchin und Tänzerin der Gegend. Als der Teufel kommt, um ihre Seele zu holen, wird er von einem frommen Pfarrer um seinen Preis gebracht. Er fährt vor Wut durch die Wand. Das Loch kann man heute noch sehen.

Und so strampelt Seidel sich ab am Melusinen-Motiv, an Gespenster-Geschichten, einer Allegorie der Monate, ja, es findet sich sogar eine üble Polemik gegen die USA und ihre Bewohner. Das soll wohl alles lustig sein, ist aber immer wieder nur ungeschickt und grob gearbeitet. Hier begreift man, warum Seidel inzwischen fast vollständig vergessen ist.

Leider auch in geringer Dosierung nicht mehr zu empfehlen.

Heinrich Seidel: Phantasiestücke. In: Gesammelte Werke. Neue wohlfeile Ausgabe in 5 Bänden. Band V. Stuttgart: Cotta u. Berlin: Klemm, o. J. (ca. 1925). Bedruckter Leinenband, Fadenheftung. 267 (von 446) Seiten.

Heinrich Seidel: Leberecht Hühnchen

Als mein Freund Bornemann einmal gefragt wurde, welcher Vogel den größten poetischen Reiz auf ihn ausübe, antwortete er ohne Zögern: „Die Bratgans.“

Heinrich Seidel (1842–1906) ist ein beinahe ganz vergessener, erfolgreicher Un­ter­hal­tungs­schrift­stel­ler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Leberecht Hühnchen hat es – zumindest in meiner Familie, aber ich glaube wohl auch darüber hinaus – zur Sprich­wört­lich­keit gebracht für das kleinbürgerlich-idyllische Glück im kleinen Winkel. Nun steht eine kleine Seidel-Auswahl („Gesammelte Werke“ in fünf Bänden; es werden ungefähr 2500 Seiten sein) seit vielen Jahren ungelesen in meinem Bücherschrank, und als neulich ein Getwitter auf den Hans Dampf in allen Gassen von Zschokke kam, fiel mir auch gleich mein ungelesenes Hühnchen wieder ein.

Seidel war von Haus aus Ingenieur – er ist der Vater des vielzitierten „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“ – und gehörte auch, neben dem später viel berühmteren Theodor Fontane, zu den Mitgliedern des Tunnels über der Spree. Neben der Dichterei, die er durchaus mit finanziellem Erfolg betrieb, war er ein Vereinsmensch und Hobbygärtner mit Hang zu exotischen Blumen. Stilistisch steht er ganz anspruchslos in den Traditionslinien Jean Pauls, Hoffmanns, Fritz Reuters und wohl auch in denen Kellers und Storms, ohne deren Ernst und Hintergründigkeit je erreichen zu wollen. Er selbst wird sich wohl als Realist begriffen haben, doch steht er eher einer seichten Pseudo-Romantik nahe, die viele Romantiker wahrscheinlich mit einiger Verachtung betrachtet hätten.

Sein Leberecht Hühnchen ist von Beginn an Held einer lockeren Reihe anekdotischer Erzählungen, in denen es immer um Lebensfreude, Menschlichkeit und das Glück der kleinen Existenz geht. Das alles geht ganz leicht von der Hand und ist – bei aller gewollter Naivität; der Name Leberecht ist natürlich alles andere als ein Zufall – niemals in Gefahr, ins Kitschige abzurutschen. Der Ich-Erzähler ist ein Studienfreund Hühnchens, der diesen nach einigen Jahren zufällig in Berlin wiedertrifft. Hühnchen hat inzwischen eine kleine Familie mit seiner leicht behinderten, aber herzensguten Ehefrau, zwei immer entzückende Kinder und den rechten Lebenssinn: sich stets gutgelaunt nie vom Geschick einschüchtern zu lassen. Die Figur war sofort beliebt, und Seidel hat der ersten Erzählung noch zahlreiche, ganz ähnlich gestrickte nachfolgen lassen.

Wie schon gesagt: Das ganze ist die Art von Unterhaltungsliteratur, wie sie zu dieser Zeit die Familienblätter füllte, aber sie ist gut geschrieben und auch heute noch vergnüglich zu lesen, wenn man Maß hält und nicht zu viel auf einmal zu sich nimmt. Das eine oder andere gibt es auch aktuell noch im Druck; eine üppige Auswahl aber findet sich für kleines Geld in An­ti­qua­ria­ten oder eBooks.

Heinrich Seidel: Leberecht Hühnchen. In: Gesammelte Werke. Neue wohlfeile Ausgabe in 5 Bänden. Band I. Stuttgart: Cotta u. Berlin: Klemm, o. J. (ca. 1925). Bedruckter Leinenband, Fadenheftung. 266 (von 524) Seiten.

»Katzen kann man alles sagen«

Zum Fressen geboren,
zum Kraulen bestellt
in Schlummer verloren
gefällt mir die Welt.

Goethe zugeschrieben

Auch in der grauen Vorzeit, also bevor es das Zwischennetz gab, gab es schon Katzen-Content. Er musste damals mühsam durch den Druck verbreitet werden; von Zeit zu Zeit passiert das auch heute noch, obwohl es natürlich rettungslos altmodisch ist. Glücklicherweise sind die Katzen in dieser Sache von ihrer gewöhnlichen des­in­ter­es­sier­ten Toleranz: Sie setzen sich sowohl auf das Buch, das man gerade lesen möchte, als auch auf die Tastatur des Laptops, mit dem man gerade arbeitet.

Die vor Kurzem in der Insel-Bücherei erschienene Anthologie mit Katzengedichten und -geschichten fasst einige sehr nette, oft eher unbekannte Texte des 19. und 20. Jahrhunderts über literarische und unliterarische Katzen zusammen. (Das falsche Goethe-Gedicht lassen wir mal durchgehen, weil es ganz nett geraten ist.) Sie hat außerdem den unschlagbaren Vorteil, zahlreiche der subversiv-anarchischen Blätter von BECK zu enthalten, in denen immer Katzen im Fokus stehen. Es handelt sich nicht um Illustrationen zu den Texten, sondern um ein gänzlich eigenständiges Kapitel des Büchleins, vielleicht sogar um das beste.

Zum Ver- und sich selbst schenken für alle Katzenfreunde mit Humor.

»Katzen kann man alles sagen«. Geschichten und Gedichte. Hg. v. Matthias Reiner. Mit 22 Bildern von Beck. Insel-Bücherei Bd. 1494. Berlin: Insel, 2021. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 101 Seiten. 14,– €.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers

Und wir gingen auf die Jagd.

Das russische Subgenre der Aufzeichnungen umfasst eine erhebliche Breite erzählerischer Formen, die im Wesentlichen nur dadurch miteinander verbunden sind, dass es sich um autobiographische oder wenigstens pseudo-autobiographische Texte handelt. Turgenews Aufzeichnungen eines Jägers umfassen 25 Erzählungen, die nahezu alle zuvor in Zeitschriften abgedruckt wurden und nur sehr locker über eine gemeinsame Erzählerfigur miteinander verbunden sind. Die Sammlung erschien erstmals 1852, wobei sie nur knapp der Zensur entging – Turgenew spekulierte zu Recht darauf, dass der damalige Moskauer Zensor seine Arbeit eher schlampig erledigte –, allerdings politisch so wirksam war, dass man Turgenew bei nächster publizistischer Gelegenheit in Haft nahm und später auf sein Gut in der Provinz verbannte. Die Aufzeichnungen machten ihren Autor jedenfalls auf einen Schlag berühmt.

Die nur nebenbei mitgeteilte Rahmenhandlung der Aufzeichnungen ist die eines Adeligen, der in der engeren und weiteren Umgebung seines Gutes auf die Vogeljagd geht. Zahlreiche Erzählungen liefern dabei Portraits wunderlicher Personen aus den unterschiedlichsten Schichten der russischen Gesellschaft: Ein verrückter Adeliger kommt ebenso vor wie ein moralischer Förster, eine jahrelang von einer Krankheit ans Bett gefesselte Bediente, arme Leibeigene ebenso wie wohlhabende, handfeste Bauern, ein korrupter und menschenschindender Verwalter ebenso wie sein eitler, selbstgefälliger Gutsherr. Allein die Fülle an vorgeführten Figuren ist erstaunlich; hinzu kommen abenteuerliche Anekdoten, romantische Naturschilderungen, ein Räsonnement über den Stoizismus der Russen angesichts des Todes, unglückliche Lie­bes­ge­schich­ten, die Schilderung bäuerlichen Elends – immer mit exakt so viel Distanz gezeichnet, dass sich die Kritik des Erzählers nur zeigt, aber nirgends ausdrücklich ausgesprochen wird – und was der Dinge mehr sind. All das kommt gänzlich frisch und originell daher und ist doch für den, der die europäische Erzähl-Tradition kennt, von einer beeindruckenden literarischen Breite und Tiefe. Formal findet sich alles, was gut und wichtig ist: Neben den schon genannten Figuren-Portraits und den im­pres­sio­nis­ti­schen Naturschilderungen findet man Satire, die moralische Novelle, echte Jagd-Anekdoten, eine Sammlung von Geistergeschichten, Parodien (so etwa auf die romantischen Meistersinger), reine Erinnerungsprosa und Stücke von echtem gesellschaftskritischem Pathos. Die Sammlung zeigt Turgenew als vollständig ausgebildeten, souveränen Erzähler, der nicht nur aufgrund seiner politischen Position, sondern auch wegen seiner literarischen Qualität seinen plötzlichen Ruhm voll und ganz verdient.

Es überrascht daher nicht, dass die Aufzeichnungen eines Jägers das am häufigsten übersetzte Buch Turgenews ist. Vera Bischitzky zählt in ihrem Nachwort allein zwölf Vorläufer-Übersetzungen, von denen mir immerhin drei vorliegen. Die von Hermann Wotte (Berlin u. Weimar: Aufbau, 1968) ist deutlich gealtert und besteht den Vergleich mit den beiden neuesten Übersetzungen von Peter Urban (Zürich: Manesse, 2004) und Vera Bischitzky (München: Hanser, 2018) nicht gut. Urban und Bischitzky stehen in lebendiger Konkurrenz und haben wohl beide ihre Verdienste.

Urban und Bischitzky lassen zahlreiche russische Wörter, für die sie keine ausreichend genaue Entsprechung im Deutschen zu finden meinen, transkribiert in der Ursprache stehen: Beide übersetzen zum Beispiel den Titel und die Anrede „Barin“ nicht mit Gutsherr oder Gnädiger Herr. Urban geht dabei deutlich weiter als Bischitzky: Den „Burmistr“ des Originals (offensichtlich ein korrumpierter deutscher Bürgermeister) lässt Urban stehen, wo ihn Bischitzky durch den Dorfschulzen ersetzt. Für Bischitzkys Himbeerquell bleibt bei Urban der russische Eigenname „Malinovaja voda“ erhalten. Zudem wählt Urban bei Eigennamen eine Transkription, die stärker der wissenschaftlichen angenähert ist als die eher traditionellen deutschen Lesegewohnheiten entgegenkommende Bischitzkys.

Was den Erzähltext insgesamt angeht, so finden beide originelle und überzeugende Lösungen:

Der dünne obere Rand des ausgestreckten Wölkchens glitzert von kleinen Schlangen; ihr Glanz gleicht dem Glanz von geschmiedetem Silber.

Urban, S. 138.

Der obere, zarte Saum der in Schlangenlinien gewundenen Wolke funkelt; ihr Glanz erinnert an gehämmertes Silber.

Bischitzky, S. 127

Er lebte im Sommer in einem Flechtkäfig, hinter dem Hühnerstall, im Winter im Vorraum der Badestube; bei strengem Frost übernachtete er auf dem Heuboden. Man war an seinen Anblick gewöhnt, gab ihm manchmal auch einen Fußtritt, aber niemand sprach mit ihm, und er selbst schien von Geburt an nie den Mund aufgemacht zu haben.

Urban, S. 50.

Den Sommer über hauste er in einem Verschlag hinter dem Hühnerstall und im Winter im Vorraum des Badehauses; war strenger Frost, übernachtete er auf dem Heuboden. Man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt, manchmal bekam er einen Fußtritt, doch nie sprach jemand mit ihm, und auch er selbst hatte wohl noch nie im Leben den Mund aufgetan.

Bischitzky, S. 47.

Da sich der Erzähler im weiteren Verlauf mit der hier charakterisierten Figur lebhaft unterhält, ist in diesem Fall Urbans Formulierung wohl vorzuziehen.

Oft wählt Urban den kürzeren, lakonischeren, herberen Ausdruck, was im Gegenzug den Naturbeschreibungen bei Bischitzky durchaus zugutekommt. Allein auf der Basis der deutschen Texte kann kaum einer der beiden Übersetzungen der Vorzug eingeräumt werden; und einen Blick ins Original zu werfen, verhindert meine mangelnde Sprachkenntnis.

In welcher Übersetzung auch immer: Turgenews Erstling ist allemal eine Entdeckung oder Wiederentdeckung wert. Wer nur einmal hineinschauen möchte, um sich ein Bild zu machen, dem rate ich zur Lektüre von Bežin lug / Die Beshin-Wiese, einer impressionistisch beginnenden, leichthin Dante anspielenden Naturerzählung, die dann in eine Sammlung volkstümlicher Geistererzählungen übergeht, und dem schon erwähnten Der Burmistr / Der Dorfschulze, der aufzeigt, wie weit Turgenew in seiner Sozialkritik gerade noch gehen konnte, bzw. wo er bereits zu weit gegangen war.

Ivan Turgenew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Peter Urban. Zürich: Manesse, 2004. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 704 Seiten. 24,90 €.

Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. München: Hanser, 2018. Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 640 Seiten. 38,– €.