George Eliot: Middlemarch

«Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muss.»

Diese Lektüre stand nun seit über 30 Jahren an! Während meines Studiums hegte ich als ein mögliches Buchprojekt, etwas über die Darstellung der Ehe in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts (also so ungefähr zwischen Jane Austen und Theodor Fontane) zu schreiben. Die Institution der Ehe als zentrale Organisationsform bürgerlichen Lebens war dem späten 18. Jahrhundert offensichtlich schon sehr fragwürdig geworden, doch die volle Krise setzt erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Sie wird verschärft durch die Liebes-Ideologie der Romantik, die Spiegelungen der Trivialliteratur, den zunehmenden Individualismus und die sich aus dem 18. Jahrhundert fortsetzende Krise des christlichen Glaubens.

Offensichtlich profitierte von England bis Russland, von Skandinavien bis nach Italien eine ganze Schriftsteller-Tradition davon, diese Krise des bürgerlichen Selbstverständnisses zu thematisieren, und erschuf neben dem Liebes- auch explizit den Eheroman, der sich von der Eheanbahnung bis zur Analyse des Scheiterns allen Phasen, Durchgangs- und sonstigen Erscheinungsformen der Institution widmete. Noch heute zehrt ein Gutteil jener Trivial-Dramen, die für Film und Fernsehen produziert werden, vom Ausschlachten dieser Romantradition.

Als ich damals versuchte, mir einen wenigstens ungefähren Überblick zu verschaffen, was denn für einen solches Projekt zu lesen wäre, ist mir natürlich auch George Eliots Middlemarch (1871–1874) untergekommen. Das Buch hat in Großbritannien und darüber hinaus in der englischsprachigen Welt einen legendären Ruf und taucht mit großer Konstanz in den Auflistungen der besten Werke der englischen Literatur auf. Und es ist – wenigstens zu einem bedeutenden Teil – auch ein Eheroman, eigentlich sogar der Roman zweier Ehen, wenn auch noch viel mehr Eheleute in ihm vorkommen. Aber er ist eben auch 1.200 Seiten lang und wurde deshalb in der Liste der zu lesenden Bücher regelmäßig nach unten verschoben. Nun sind aber im vergangenen Jahr anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin gleich zwei Neuausgaben des Romans erschienen: eine Bearbeitung der Übersetzung von Rainer Zerbst aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts und eine neue Übersetzung durch Melanie Walz. Da ich ihre Übersetzungen sehr schätze, war dies der Anlass, das Buch endlich zu lesen.

Und der geübte Leser merkt gleich von der ersten Seite an, dass es sich bei diesem Buch tatsächlich um eines der ganz großen der Literatur des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von etwa zwei Dutzend Figuren in und um den kleinen fiktiven mittelenglischen Ort Middlemarch herum, wobei die Handlung ungefähr fünf Jahre um das Jahr 1830 herum umfasst. Es beginnt und endet mit der Geschichte Dorothea Brookes, einer jungen Frau mit großem Wissensdurst, der durch ihren Erziehungs- und Bildungsgang nicht gesättigt wurde. Sie lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester im Haushalt ihres Onkels, der eine Art von Universal-Stümper darstellt, auf allen Wissensgebieten beleckt, aber nirgendwo richtig nass geworden. Dorothea hat also eine Vorstellung davon entwickelt, was alles zu wissen wäre, ohne dass sie in ihrem Drang irgend eine Unterstützung gefunden hätte. Quasi ersatzweise ist sie überaus fromm geworden und in Middlemarch stark sozial engagiert.

Diese auffallende junge Frau heiratet nun einen Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie, einen Geistlichen, der seit Jahrzehnten an einer umfassenden Darstellung der europäischen Mythologie arbeitet, die aber über den Status gesammelter Notizen und fragmentarischer Aufsätze nie hinausgekommen und fachwissenschaftlich seit langem überholt ist. Dorothea heiratet Edward Casaubon in der Vorstellung, sie könne ihn als Sekretärin unterstützen und sich auf diese Weise langsam das Wissen erarbeiten, dass sie in Casaubon verkörpert sieht. Natürlich wird diese Hoffnung rasch enttäuscht: Zwar erlaubt ihr Ehemann einige Zuarbeiten, aber zu einer wirklichen Zusammenarbeit lässt er es nie auch nur ansatzweise kommen. Im Gegenteil beweist er sich schon auf der gemeinsamen Hochzeitsreise nach Rom als eigenbrötlerischer Sonderling, der kaum in der Lage ist, auf die Bedürfnisse, Erwartungen und Gefühle seiner jungen Frau einzugehen.

Die zweite Ehekatastrophe des Romans steht unter gänzlich anderen Vorzeichen: Ihren Mittelpunkt bildet Tertius Lydgate, ein junger Arzt, der nach Middlemarch kommt, da er hier eine etablierte Praxis übernehmen kann. Er bringt neue Vorstellungen und Methoden mit in die Provinz, die er auch eloquent vertritt und durch die er nicht nur seine eingesessenen Kollegen verärgert, sondern auch seine potenziellen Patienten verstört. Er wird rasch medizinischer Leiter eines neuen Fieberhospitals, das durch den lokalen Bankier Nicholas Bulstrode gebaut und finanziert wird, und kommt in Kontakt mit der wohlhabenden Kaufmanns-Familie Vincy, deren beide Kinder Fred und Rosamond weitere prominente Figuren des Romans sind. Eigentlich will Lydgate ledig bleiben, doch lässt er sich auf einen Flirt mit der attraktiven Rosamond ein, der unglücklicher Weise in eine Verlobung hineinrutscht. Auch diese Ehe erweist sich nicht als ideal: Lydgate hat sich durch die Hochzeit, die Einrichtung eines großen Hauses und Geschenke an seine anspruchsvolle Verlobte finanziell übernommen und bemerkt zu spät, dass seine Einnahmen nicht ausreichen, um seine Schulden bezahlen zu können. Da sein Schwiegervater nicht willens und wohl auch nicht in der Lage ist, das Ehepaar aus der Notlage zu befreien, und auch Lydgates Verwandte abwinken, muss das Ehepaar eine Pfändung über sich ergehen lassen. In dieser Krise geraten Lydgate, der sich ganz praktisch in bescheidenere Verhältnisse fügen will, und seine Frau sehr aneinander und es scheint über viele Seiten hinweg so zu sein, als habe diese Ehe, die darüber hinaus auch noch durch eine frühe Fehlgeburt belastet ist, überhaupt keine Zukunft.

Um diese beiden zentralen Ehegeschichten herum erzählt Eliot ein ganzes Geflecht weiterer Schicksale und Ereignisse: Von Rosamonds Bruder Fred, einem Taugenichts, der lange braucht, um einen passenden Platz in der Welt Middlemarchs zu finden, von der halben Künstlernatur Will Ladislaw, der als Gegenfigur zu seinem Cousin Edward Casaubon fungiert und für Dorothea so etwas wie ein gänzlich anderes Leben repräsentiert, vom politischen Leben der Provinz, in dem Onkel Brooke sich als Abgeordneter bewerben möchte, von den verschiedenen Pfarrhäusern der Gegend, von Bulstrodes Vorgeschichte, die einen unheiligen Einfluss nicht nur auf sein Leben, sondern auch auf das Lydgate haben soll – diese Nebenhandlung mit ihrem Bösewicht Raffles ist die einzige, die ein wenig nach Dickens riecht, was wiederum deutlich macht, wie überlegen das ganze übrige des Romans ist –, vom reichen Erbonkel Peter Featherstone, der Fred mit der Aussicht auf ein üppiges Erbe terrorisiert, von den medizinischen Gepflogenheiten der Zeit und der vom Kontinent her drohenden Cholera-Epidemie, von der Armut der Hintersassen, die auf Gedeih und Verderb von der Qualität des Grundherrn oder seines Verwalters abhängig sind, von den religiösen Verwerfungen der Zeit, die als Folgen der Reformation immer noch Vorurteile und Ausgrenzungen in der Gesellschaft erschaffen und was der Dinge mehr sind.

Das Buch ist von einem erstaunlichen Reichtum gesellschaftlicher Details, psychologisch in den Hauptfiguren außergewöhnlich fein gearbeitet, in der Konstruktion auf der Höhe der besten Zeitgenossen, ohne dass es in seiner Wirkung auf diese Konstruktion angewiesen wäre, sprachlich aufs sorgfältigste differenziert – kurz: ein echtes Wunderwerk der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Sicherlich ist es für einen nachgeborenen Leser nicht vollkommen: Gerade in der Auflösung der Geschichten Dorotheas und Lydgates zeigen sich deutlich Muster der Trivialliteratur, wie sie von den Leserinnen schlicht von einem Roman erwartet wurden. Aber das sind Nebensächlichkeiten, die sich aus den Zwängen des Marktes ergeben, denen sich immer nur ganz wenige Ausnahmen entziehen können. Mit dem, was der Autorin gelungen ist, überstrahlt das Buch auch die besten Exemplare der zeitgenössischen Literatur. Es kann in der Übersetzung von Melanie Walz jeder ernsthaften Leserin nur dringend empfohlen werden!

George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hamburg: Rowohlt, 2019. Leinen, Lesebändchen, bedrucktes Vorsatzpapier, 1263 Seiten. 45,– €.

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming

Diese Lektüre bedarf einiges an Erläuterungen. August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831) war ein Massenschriftsteller der Goethe-Zeit, der seine Romane in serieller Produktion schrieb. Er hatte einen ungeheuren Erfolg beim Publikum, wurde aber von den Kritikern, wenigstens von jenen, die wir auch heute noch lesen, im besten Falle als ein Trivialautor, im schlimmsten als ein Schreiberling unterster Kategorie angesehen. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er zu Recht weitgehend vergessen; dennoch ist das vorliegende Buch ein Nachdruck aus dem Jahr 2008 und in einer – wenigstens damals noch – halbwegs prominenten Buchreihe erschienen, den Haidnischen Alterthümern.

Bei den Haidnischen Alterthümern handelt es sich um eine in lockerer Folge herausgegebene Reihe von Büchern, die allesamt auf Hinweise Arno Schmidts zurückgehen. Schmidt hatte Mitte der 1950er Jahre damit begonnen, für den Südfunk Stuttgart, für den Alfred Andersch damals als Redakteur tätig war, sogenannte Nachtprogramme zu schreiben. Es handelte sich um dialogisch aufbereitete Essays zur Literatur, die spät abends gesendet wurden. Damals war die Arbeit für den Rundfunk für die meisten Schriftsteller recht attraktiv, da die Funkhäuser vergleichsweise gut bezahlten. Schmidt, dessen eigene Werke zwar Anerkennung bei Kritik und Kollegen fanden, sich aber nur schleppend verkauften, war auf Brotarbeiten wie Übersetzungen, Texte fürs Feuilleton oder eben auch die Nachtprogramme für den Funk dringend angewiesen.

Die Aufmachung der 2. Serie
der Haidnischen Alterthümer

Für die Funk-Essays griff Schmidt auf seine breite Lektüre der Belletristik des 18. und 19. Jahrhunderts zurück und konnte auf einige Autoren und Werke hinweisen, die damals halbwegs oder weitgehend vergessen waren. Als Schmidt dann nach dem Erscheinen von Zettel’s Traum (1970) auch für ein etwas breiteres Publikum zu einem Gerücht geworden war, wurden 1978 die Haidnischen Alterthümer begründet, die angeblich die Lieblingsbücher Arno Schmidts herauszubringen gedachten. Man könnte über diesen Anspruch nun Band für Band diskutieren, aber dafür ist hier kaum der richtige Platz. Wie dem auch sei: Es erschienen in 30 Jahren insgesamt 16 Titel, für die sich allesamt eine Empfehlung Arno Schmidts konstruieren ließ.

Im Jahr 2008 fand die Reihe dann ihr Ende mit dem hier besprochenen Roman. Schmidt hatte 1965 einen entsprechenden Funk-Essay verfasst, der den etwas merkwürdigen Titel Eine Schuld wird beglichen trug. Anlass dafür war, dass sich Schmidt in seiner umfangreichen Biographie über den Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué dem Urteil der Zeitgenossen folgend über August Lafontaine abfällig geäußert hatte. Angeblich hatte er damals auch drei von dessen Romanen gelesen und für schlecht befunden. Nun aber habe er sich eines Besseren belehrt, weitere Romane konsumiert und müsse Abbitte leisten: So schlecht seien Lafontaines Romane gar nicht gewesen. Ganz am Ende bespricht Schmidt dann auch für einige Minuten eben jenen Quinctius Heymeran von Flaming, der es deshalb zur Ehre eines Nachdrucks gebracht hat.

Der vierbändige Roman vom Ende des 18. Jahrhunderts umfasst 1.200 Seiten, auf denen leider nicht viel mehr steht, als bequem auch auf 300 gepasst hätte. Erzählt wird eine endlose Abfolge von Liebeshändeln, wobei Lafontaine auf dem Rücken dieses Stroms von Ge- und Missverständnissen eine milde Satire auf einige gelehrte Theorien seiner Zeit transportiert. Der Titelheld, der aus einem shandyianischen Adels-Haushalt stammt, dessen Hausherr besessen über seine Ahnenreihe dilettiert, eignet sich auf der Universität eine obskure Rassentheorie an, mit der er nun die Welt interpretiert und dabei natürlich aufs Vortrefflichste scheitert. Es wird unsäglich viel geweint – der Beweis der Echtheit der Gefühle in der bürgerlichen Literatur der Zeit – und geschwätzt, die Missverständnisse und ihre Auflösung sind sehr trivial und vorhersehbar. Auch der Humor, den man dem Buch durchaus nicht absprechen kann, reicht nur für den ersten Band aus; danach ist es wie auf der Rückreise von einer Kaffeefahrt: Man ist sicher, dass man jede mögliche Pointe schon mindestens zweimal gehört hat.

Es handelt sich bei diesem Buch um ganz gewöhnliche Unterhaltungsware des späten 18. Jahrhunderts, wie sie so seitdem in ungebrochener Tradition den Buchmarkt betritt und wieder verlässt. Der dünne satirische Anstrich hebt das Buch zwar ein wenig über die Masse hinaus, doch macht sich hier nur einer über ganz offensichtlichen Unfug der Anthropologen seiner Zeit lustig, ohne dabei wirklich das Niveau eines originellen und freien Denkens zu erreichen. Lafontaine steckt im Gegenteil ganz tief in der bürgerlichen Moral seiner Zeit fest und bedient letztlich die entsprechenden Vorurteile zuverlässig. Auch sind die meisten seiner Figuren gänzlich eindimensional und verfügen ausschließlich über Charakterzüge, die dem Verlauf der Handlung dienlich sind. Einzig die Mutter Flaming ist ihm ein wenig menschlich geraten; er wusste also schon, was er da treibt.

Mit Blick auf Arno Schmidt und seine banal-psychoanalytische Sprachtheorie – „Das’ss ja heutzutage bekannt genug, daß jeder Könner zu seinem Können grundsätzlich åuch noch ’ne gänzlich zwecklose Theorie hinzuerfindn muß.“ – ist es nicht unwitzig, dass er einen Roman in den Druck zurückgelobt hat, dessen Protagonist mit einer kruden, selbstgezimmerten Theorie durch die Welt läuft, mit der er überall nur Celten, Mongolen, Slaven und Neger wahrnimmt, aber nicht in der Lage ist, die Realität oder Individualität seiner Mitmenschen zu erfassen.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will – auch weil das Buch in die in Deutschland nur dünn besetzte Epoche der Empfindsamkeit gehört – kann getrost nach der Lektüre des zweiten der ursprünglichen vier Bände aufhören; ich selbst habe die letzten 450 Seiten nur mehr quer gelesen.

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2008. 2 Pappbände mit Leinenrücken, Silber-Kopfschnitt, Lesebändchen, 632 + 822 Seiten. 39,90 €.

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot

Gut, so was steht in Romanen! Das, lieber Fürst, sind alte Märchen, heute ist die Welt viel klüger geworden, und nun ist das alles Unsinn!

Der zweite der letzten fünf großen Romanen Dostojewskijs erschien 1869 nach einem Zeitungsvorabdruck als Buch. Dostojewskij lebte während der gesamten Niederschrift mit seiner Frau Anna im Ausland, hauptsächlich in der Schweiz und in Italien. Der Idiot war eines der Projekte, mit denen Dostojewskij einen Teil seiner Schulden in Russland abzahlen und seine Rückkehr ermöglichen konnte.

Erzählt wird die Geschichte des Fürsten Myschkin, ein etwa 25 Jahre junger Mann, der nach über vier Jahren Behandlung in einem Schweizer Sanatorium nach Russland zurückkehrt. Er ist Epilektiker und war vor seiner Behandlung aufgrund der Krankheit kaum lebens- oder kommunikationsfähig. Im Zug nach Petersburg lernt er Pafjon Rogoschin kennen, dessen Vater gerade gestorben ist und der aus der Provinz nach Sankt Petersburg fährt, um sein Erbe anzutreten und um eine Frau zu werben, in die er verliebt ist. In Sankt Petersburg angekommen, begibt sich Myschkin zur Wohnung des Generals Jepantschin, mit dessen Frau Lisaweta er weitläufig verwand ist. Hier wird er von der Familie überraschend freundlich aufgenommen und lernt auch die drei unverheirateten Töchter des Ehepaars kennen, von denen die jüngste, Aglaja, eine wichtige Rolle im weiteren Roman spielen wird.

Noch am selben Abend lernt er auch die Frau kennen, um die Rogoschin wirbt: Nastassja Filippowna  Baraschkowa stammt aus einfachen Verhältnissen, wurde aber aufgrund ihrer überragenden Schönheit von ihrem Gutsbesitzer ausgewählt und zur Kurtisane erzogen und ausgehalten. Aus diesem Zwangsverhältnis hat sich Nastassja befreit und verdreht nun als selbstständige Frau in Sankt Petersburg den Männern die Köpfe. Auch Myschkin verfällt ihrer Schönheit bereits beim Betrachten eines Porträts, um so mehr als er ihr persönlich begegnet. Bei dieser ersten Begegnung bei Nastassjas Geburtstagsfeier erweist sich Myschkin auch eindeutig als äußerst merkwürdige Natur, denn er macht Nastassja, kaum hat er sie kennengelernt sogleich einen Heiratsantrag, offenbar in der Absicht, sie vor einer Beziehung mit Rogoschin zu retten.

Nach der Zuspitzung gleich dieses ersten Tages verschwinden zuerst Rogoschin und Nastassja nach Moskau; Myschkin folgt ihnen unmittelbar. Der zweite von vier Teilen des Romans beginnt etwa sechs Monate nach diesen Ereignissen als Myschkin nach Sankt Petersburg zurückkehrt und sehr bald  erfährt, dass sich Nastassja in Pawlowsk – der Sommerresidenz des Zaren – aufhält. Er reist ihr nach, mietet sich bei einer der Nebenfiguren des Romans ein und kommt hier auch wieder in Kontakt mit der Familie Jepantschin. In den Kreisen, in denen Myschkin verkehrt, weiß man, dass er in der Zwischenzeit wenigstens eine Weile lang mit Nastassja im selben Haushalt zusammengelebt hat, sie ihm am Ende aber weggelaufen sei. Einerseits erklärt Myschkin sein Interesse an Nastassja als vom Mitleid mit dieser Frau getragen, die er mehrfach als wahnsinnig bezeichnet, andererseits scheint Myschkin sich nun für Aglaja Iwanowna Jepantschin zu interessieren, der er während seines Aufenthalts in Moskau auch einen merkwürdig vertraulichen Brief geschrieben zu haben scheint. Aglaja ist wiederum einerseits offensichtlich von Myschkin und seinem Außenseitertum fasziniert, andererseits scheint er ihr aufgrund seiner gesellschaftlichen Ungeschicklichkeit und seiner großen Naivität als Ehemann vollkommen ungeeignet. Ein bedeutender Teil der Erzählung beschäftigt sich nun mit der langsamen Zubereitung Myschkins als Ehekandidaten für Aglaja, eine Hoffnung, die bei dem ersten großen Empfang, bei dem Myschkin in den Freundes-, Bekannten- und Gönnerkreis der Jepantschins eingeführt werden soll, musterhaft scheitert, als sich Myschkin nicht nur anlässlich einer religiösen Frage in Rage redet, sondern die Feier auch noch dadurch beendet, dass er einen epileptischen Anfall erleidet.

Als sei dies nicht genug, kommt es zu einem weiteren Skandal, als Myschkin Aglaja auf deren Wunsch hin zu Nastassja begleitet, die Aglaja mehrfach geschrieben hat, angeblich um deren Hochzeit mit Myschkin zu befördern. Es kommt zu einer exzessiven Eifersuchtsszene zwischen den beiden Frauen, und anstatt Aglaja bei deren wütendem Abgang zu folgen, bleibt Myschkin bei der nervlich zerrütteten Nastassja. Nun scheint seine Hochzeit mit ihr eine beschlossene Sache zu sein. Aber auch dieser Plan scheitert und der Roman endet in einer größtmöglichen Katastrophe. Myschkin wird durch die letzten Ereignisse des Romans so erschüttert, dass er in den katatonischen Zustand zurückkehrt, in dem er fünf Jahre zuvor in die Schweiz gebracht worden war. Er wird in dasselbe Hospital gebracht, doch diesmal erklärt der Schweizer Doktor ihn für unheilbar.

Der Idiot ist unzweifelhaft ein sehr ungewöhnlicher Roman: Auf der einen Seite arbeitet er als ein Liebes- und Eheanbahnungsroman eines der trivialen Muster der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts ab, auf der anderen führt er aber ein diesem Muster offensichtlich zuwiderlaufendes Gedankenexperiment durch, das in dem Versuch besteht, einen weitgehend unsozialisierten Menschen – Myschkin wird mehrfach als Kind bezeichnet und hat seine einzigen sozialen Kontakte in der Schweiz mit Kindern gehabt – auf die russische Gesellschaft mit all ihren Ritualen, Rangstufungen und Intrigen loszulassen. Myschkin ist ein weiteres Exemplar des Naturmenschen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, in diesem Fall nicht durch seine Herkunft, sondern durch seinen Lebensweg und seine Krankheit von der Sozialisation abgeschnitten. Ihm ist jede Boshaftigkeit fremd, jede Lust daran, anderen zu schaden, jegliche Leidenschaft, jegliche Gier, jegliche Selbstsucht. Seine Liebe erscheint stets uneigennützig und rein, wenn sie auch zu Aglaja und Nastassja sicherlich unterschiedlich motiviert ist. Myschkin ist der von der Gesellschaft  noch nicht verdorbene Mensch. Sein Schicksal ist eine scharfe Kritik des Christen Dostojewskij an der Gesellschaft seiner Zeit, auch wenn Myschkin letztlich nicht an dieser Gesellschaft, sondern an einem Verbrechen scheitert, das offenbar aus Leidenschaft begangen wird. Myschkin zerbricht an der Realität des Menschen, nicht nur an der Konstruktion seines Zusammenlebens.

Auch diesmal hat sich für mich wieder die Übersetzung Swetlana Geiers bewährt: Der Idiot ist der einzige Roman Dostojewskijs, den ich in der Übersetzung Hermann Röhls komplett gelesen hatte, aber ohne mich mit ihm anfreunden zu können. Die differenzierte und oft lakonische Sprache Geiers hat auch diesen Roman für mich geöffnet.

Fjodor Dostojewskij: Der Idiot. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Lizenzausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995. Pappband, Fadenheftung, 911 Seiten. Lieferbar als Fischer Taschenbuch für 15,– €.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen.

Der kleine Roman aus dem Jahr 1887 spielt in Berlin in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre und erzählt die Liebesgeschichte zwischen der Näherin Lene Nimptsch und Baron Botho von Rienäcker. Kennengelernt haben sich die beiden, als Botho Lene und eine Freundin bei einem Bootsausflug aus einer Notlage errettet und anschließend nach Hause begleitet. Seitdem ist Botho regelmäßiger Gast in der beim Zoologischen Garten gelegenen Gärtnerei, bei der Lene zusammen mit ihrer Ziehmutter wohnt. Für Lene ist es nicht die erste Freundschaft mit einem Adeligen; für Botho ist es eine entspannende Auszeit vom Umgang in der adeligen Gesellschaft, den er als bemüht und anstrengend empfindet. Die Beziehung der beiden gipfelt in einer gemeinsamen Nacht, die sie in einem etwas abgelegenen Gasthaus miteinander verbringen. Doch ist dies zugleich der Anfang vom Ende.

Botho steht von Seiten seiner Familie unter Druck, eine schon lange verabredete Verlobung mit seiner wohlhabenden Kusine endlich zu realisieren. Die Familie Bothos ist auf das Geld angewiesen, und Botho gibt den Vernunftgründen nach, trennt sich von Lene und heiratet das Geld. Seine Frau Käthe erweist sich als eine fröhliche, wenn auch etwas oberflächliche Natur, mit der sich gut auskommen lässt. Dennoch hängt Botho auch nach seiner Hochzeit immer noch seiner Liebe zu Lene nach. Auch Lene macht die Trennung zu schaffen, aber sie bewältigt ihre Trauer: Sie sorgt für den Umzug mit ihrer Mutter in eine bessere Gegend und lernt einen soliden, älteren Mann kennen, der sie trotz ihrer Vorgeschichte heiratet. Sowohl Botho als auch Lene wachsen am Ende über ihre Liebe hinaus und werden vom Autor in eine ernüchternde Normalität entlassen.

Fontane selbst hat Irrungen, Wirrungen ebenso wie den nachfolgenden Roman Stine, der von einer ganz ähnlichen Beziehung erzählt, als „harmlos“ bezeichnet. Offensichtlich handelt es sich in beiden Fällen um Literatur aus Literatur, also eine Variation eines damals populären und in der Trivialliteratur der Zeit viel behandelten Stoffs. Doch das von Fontane gewählte Ende von Irrungen, Wirrungen, das sich sowohl einer Tragödie als auch dem Happy End der Komödie verweigert, hebt seine Abwandlung aus dem zeitgenössischen Schema heraus: Nichts Dramatisches ereignet sich, niemandes Leben wird zerstört, aber es werden auch keine Standesgrenzen gesprengt und das kleine, private Glück der Liebe gefeiert. Lene und Botho bleiben beide mit einem „Knax für’s Leben“ zurück – um noch einmal Fontane selbst zu zitieren –, doch bleibt es bei der „Berliner Alltagsgeschichte“, als die der Roman im Zeitungsvorabdruck bezeichnet wird.

Neben der Liebesgeschichte liefert Fontane besonders im ersten Teil ein breit ausgemaltes Bild vom einfachen Leben im Berlin der 1870er Jahre. Für wie gelungen man das hält, muss jede und jeder für sich entscheiden; mir ist der darin vorherrschende etwas süßliche Idyllenton schon ein wenig auf die Nerven gegangen.

Das Buch hat bei der Vorab-Veröffentlichung einen ziemlichen Skandal gemacht; besonders die gemeinsame Übernachtung der beiden Unverheirateten hat damals einige Gemüter in Wallung gebracht, obwohl es sich gerade bei dieser Passage um die noch dezenteste des ganzen Buchs handelt. An anderen Stellen werden die Umstände, unter denen der „Storch“ die Kinder in die Welt bringt, weit deutlicher angesprochen. Auch wenn sich das für heutige Leser alles gänzlich harmlos liest, kann man hier gut erkennen, welchen Empfindlichkeiten sich ein Autor am Ende des 19. Jahrhunderts noch gegenüber sah.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. RUB 18741. Stuttgart: Reclam, 2010. Broschur, 199 Seiten. 4,40 €.

Theodor Fontane: Schach von Wuthenow

Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt geraten und ziehen dann jedesmal den Kürzeren.

Schach von Wuthenow aus dem Jahr 1882 (Buchausgabe: 1883) ist nach Vor dem Sturm Fontanes zweiter Roman, dessen Handlung in der Napoleonischen Zeit spielt. Ob die Gattungsbezeichnung korrekt ist, wird seit langer Zeit diskutiert; Fontane selbst nannte den Text mehrfach eine Novelle, so dass man je nach Geschmack entweder von einem kurzen Roman oder einer ausgefallenen Novelle sprechen kann. Wie zahlreichen anderen Texten Fontanes liegt auch diesem ein historischer Fall zugrunde, den Fontane dramaturgisch strafft und zuspitzt.

Die Handlung spielt in Berlin im Jahr 1806 am Vorabend der preußischen Niederlage gegen Napoleon. Erzählt wird von dem jungen Baron Schach von Wuthenow, Angehöriger des Regiments Gendarmes, der als ein Außenseiter und eingebildeter Schönling gilt. Schach verkehrt im Salon der verwitweten Josephine von Carayon, die mit ihrer Tochter Victoire in keineswegs luxuriösen Umständen in der Nähe des Gendarmenmarktes wohnt. Ihn verbindet eine offensichtliche Sympathie mit der Mutter; zugleich lässt sich eine Verliebtheit der mit ihm etwa gleichaltrigen Tochter in Schach aber nicht leugnen.

Der erste Teil des Romans widmet sich ausführlich der Schilderung der Situation Preußens, das einen fragilen Frieden mit Frankreich erreicht hat, an dessen Dauer aber niemand recht glauben kann. Zur Knüpfung des dramatischen Knotens kommt es, als Schach eines Abends unangemeldet bei den Carayons vorspricht und Victoire allein antrifft. Statt sich sofort wieder zu verabschieden, wie es sein erster Impuls ist, bleibt Schach und beginnt, mit Victoire zu plaudern.

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu waffnen suchte. Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.

Die Zimmeruhr schlug neun und die Turmuhr draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück, und trat ans Fenster und sah auf die Straße.
» Was erregt dich?«

Der Übergang des Dialogs vom formellen Sie zum intimen Du muss genügen, um das eigentliche Geschehen zu schildern. Victoire ist eine ehemalige Schönheit, die durch eine Erkrankung an Blättern entstellt ist. Alles, was der Leser sonst von ihr erfährt, macht sie zu einer potentiell idealen Gattin Schachs, doch fürchtet der eine offizielle Verbindung mit ihr, die ihn möglicherweise dem Spott seiner Kameraden aussetzen würde. Schach versucht daher in den folgenden Wochen konsequent jede intimere Begegnung mit Victoire zu vermeiden, die auch diese Wendung ihrer Beziehung zu Schach klag- und kommentarlos hinnimmt, bis sie eines Tages zusammenbricht und ihrer Mutter das Geschehene verrät, wohl auch, weil es sich ohnehin nur noch eine begrenzte Zeit würde verheimlichen lassen.

Frau von Carayon stellt Schach daraufhin bestimmt, wenn auch nicht unfreundlich zur Rede, der sich sofort zu seiner Verantwortung bekennt und mit der Mutter sowohl den Verlobungs- als auch den Hochzeitstermin festlegt. Doch in der Woche vor der Bekanntmachung der Verlobung erscheinen in Berlin Stück für Stück drei Karikaturen, die Schachs Verhältnis sowohl zur Mutter als auch zur Tochter thematisieren. Schachs einziger Einfall ist es, sich sofort und ohne sich zu verabschieden auf sein Schloss Wuthenow zurückzuziehen und dort quasi zu verstecken.

Die düpierte Frau von Carayon, die von den Karikaturen noch nichts weiß, glaubt Schach wolle sich nun doch vor der Ehe mit Victoire drücken und nutzt ihre Verbindung zum Hof, um die Einhaltung von Schachs Versprechen einzufordern. Der König – Friedrich Wilhem III. –, zitiert ihn an den Hof und teilt ihm ziemlich lakonisch mit, dass er von ihm die Erfüllung seiner Pflicht oder seinen Abschied als Offizier erwarte. Sogar Königin Louise lässt sich dazu herbei, Schach ins Gewissen zu reden.

Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt worden. Er wusste, was er dem König schuldig sei: Gehorsam! Aber sein Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach.

Dieses „etwas“ bildet nun die eigentliche Pointe des Textes: Schach verlobt sich und heiratet Victoire, wie es von ihm erwartet wird, und auf der Rückfahrt von der Hochzeitsfeier nach Hause – am nächsten Tag soll das Brautpaar in die Flitterwochen reisen – erschießt er sich in seinem Wagen.

Fontane schließt mit zwei Deutungen des „Falls Schach“: Zum einen durch den damals berühmten Militärhistoriker von Bülow, der Schach als ein Symbol für den aushöhlten Ehrbegriff des preußischen Militärs versteht, zum anderen durch Schachs Ehefrau Victoire, die den Freitot ihres Mannes als Flucht vor der von ihm gefürchteten Institution der Ehe deutet und sich mit dem Glück ihres Kindes bescheidet. Wie durch den ganzen Text hindurch repräsentiert Victoire den Sieg des Stoizismus über die Welt.

Natürlich bietet sich eine dritte Deutung des Buch, nicht so sehr des „Falls Schach“ an: Fontane wollte seine Erzählungen als eine Fortsetzung des Programms der Weimar Klassiker unter Überspringen des romantischen Denkens und Erzählens verstehen. Von daher kann Schach von Wuthenow programmatisch gelesen werden, die sozusagen im Rückblick der Romantik den Spiegel vorhält und sagt: Seht dies war Eure Welt und solche Stoffe standen Euch zur Verfügung, und nichts davon findet sich in Euren Romanen wieder. Dass diese Sicht nicht nur anachronistisch, sondern auch ungerecht wäre, ist sowohl offensichtlich als auch wenig erheblich. Klappern gehört eben zum Handwerk, auch dem eines Schriftstellers.

Nur am Rande sei hier noch auf eine außerordentliche Auseinandersetzung mit diesem Text hingewiesen: Uwe Johnson lässt im vierten Band seiner Jahrestage Gesine Cresspahl in ihrem letzten Schuljahr diesen Roman unter Anleitung eines jungen, gerade von der Universität kommenden Kandidaten lesen und liefert so einen wundervollen Kommentar eines Schriftstellers zu einem Meisterstück eines seiner Vorgänger. Unbedingt lesenswert.

Theodor Fontane: Schach von Wuthenow. Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. RUB 19518. Stuttgart: Reclam, 2019. Broschur, 214 Seiten. 4,40 €.

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens

«Die ganze Wahrheit? Wenn man ein Huhn zerlegt, Ethan, ist alles Huhn, trotzdem gibt es helles und dunkles Fleisch.»

Der Winter unseres Miss­ver­gnü­gens von 1961 ist John Steinbeck letzter Roman. Der Literaturnobelpreis, den er 1962 erhielt, veränderte seinen Status als Prominenter so stark, dass er danach bei zunehmender Krankheit vor lauter öffentlichem Engagement nur noch wenig zum Schreiben kam. So sind dieser Roman und die 1962 noch erschienene, autobiographische Reise mit Charlie seine letzten Bücher gewesen. Erzählt wird im Winter unseres Missvergnügens hauptsächlich die Geschichte Ethan Allen Hawleys, eines jungen Mannes, verheiratet, mit zwei Kindern, der seine Familie und sich als Verkäufer in einem Leb­ens­mit­tel­la­den über Wasser hält. Der Laden hat im einmal gehört, aber er war als ein unerfahrener Kriegsheimkehrer pleite gegangen und der Käufer des Ladens, ein italienischer Einwanderer, hatte ihm eine Stelle als Verkäufer im selben Geschäft angeboten.

Die Handlung spielt in zwei kurzen Episoden um Ostern und den 4. Juli 1960 herum in dem kleinen, fiktiven, us-amerikanischen Ostküstenstädtchen New Baytown. Ethan gehört zu einer der Gründerfamilien des Städtchen, die ehemals durch den Walfang reich geworden, dann aber heruntergekommen war. Ethans Vater hatte die Reste des Familienvermögens durchgebracht und so bleibt Ethan nichts als das Haus und der Nachruhm der Familie. Sein Misserfolg als Kaufmann hängt ihm immer noch nach, aber um die Osterfeiertage herum beschließt er, in die Klasse der wohlhabenden Bürger zurückzukehren. Den Plan, mit dem er das ins Werk setzen will, entwickelt er im Laufe dieser Tage.

An der Oberfläche erzählt der Roman den Ablauf einiger weniger Tage, an denen sich eine entscheidende Wendungen in Ethans Leben einstellt. Im Hintergrund aber erzählt Steinbeck auch die Geschichte einer kleinen, von Tradition und Korruption gezeichneten Gemeinde und einer Gesellschaft, die trotz ihrer öffentlichen Moral von Ehrlichkeit, Fleiß und Rechtschaffenheit im Wesentlichen von Eigennutz, Betrug und Lügen geprägt ist.

New Baytown hatte so lange geschlafen. Jene Männer, die die Stadt regierten, in politischer, moralischer und wirtschaftlicher Hinsicht, beherrschten das Gemeinwesen schon so lang, dass sie in ihren Gewohnheiten festgefahren waren. Stadtdirektor und Stadtrat, Richter und Polizei waren für die Ewigkeit eingesetzt. Der Stadtdirektor verkaufte Baumaterial an die Stadt, und die Richter ließen Strafzettel verschwinden, wie sie es seit jeher taten, weshalb ihnen dies auch nicht illegal schien – obwohl die Gesetzbücher es behaupteten. Sie fanden es nicht unmoralisch, weil sie normale Menschen waren. Kein Mensch war unmoralisch. Die Nachbarn ausgenommen.

In diesem normalen Städtchen ist Ethan so etwas wie ein Einhorn: ein ehrlicher Mann, der sich – zumindest zu Anfang – weigert, an dem allgemeinen Spiel des Betrugs und der Bereicherung teilzunehmen. Als er dann beschließt, doch mitzumachen, soll das nicht ohne Folgen bleiben. Aber das soll jeder Leser selbst entdecken.

Der Roman ist in locker wechselnder Perspektive erzählt: Personales und Ich-Erzählen lösen einander ab; im zweiten Teil gibt es auch Kapitel, die ganz traditionell auktorial daherkommen. Breite Passagen sind dialogisch gefasst; überhaupt ist der Gegensatz zwischen dem, was die Figuren sagen, dem, was sie denken und beabsichtigen und schließlich dem, was sie tun, das zentrale Spannungselement des Romans. Steinbeck lässt sich lange Zeit, bevor er seinen Lesern erlaubt, seinem Protagonisten auf die Spur zu kommen, und selbst als der dann endlich weiß, was Ethan plant, sollte er sich nicht zu sehr darauf verlassen.

Die Neuausgabe bei Manesse ersetzt die ältere, bereits 1963 erschienene Übersetzung von Harry Kahn (Geld bringt Geld). Diese Übersetzung machte zumindest klar, wie schwierig es ist, Steinbeck gut zu übersetzen. Steinbecks Texte haben bei aller Ernsthaftigkeit ihrer Stoffe einen leichten, immer humoristischen Grundton, der insbesondere auch die Dialoge prägt. Zugleich gibt es in Der Winter unseres Missvergnügens einen durchgängigen, peu à peu wachsenden zornigen Unterton, der im letzten Kapitel auf ganz überraschende Weise kulminiert. Es ist sehr, sehr schwierig, das in einer anderen Sprache nachzubilden. Bernhard Robben ist dies alles andere als kleine Kunststück mit einer Souveränität gelungen, die man nur bewundern kann. Robben gehört schon lange zu den besten Übersetzern aus dem Englischen, aber hier ist ihm ein besonderes Meisterstück gelungen. Dem deutschen Text fehlt nichts von der Leichtigkeit und Eingängigkeit des Originals; insbesondere die ehelichen Dialoge zwischen Ethan und Mary sind mit einer Genauigkeit getroffen, die man bei Kenntnis des Originals kaum für möglich halten würde. Ein echter Glücksfall!

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Zürich: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Lesebändchen, 606 Seiten. 25,– €.

Bernard Shaw: Pygmalion

Ich habe mich bislang nicht sehr um Shaw gekümmert über das Anekdotische hinaus, das einem nahezu  zwangsläufig über den Weg läuft, wenn man sich intensiver mit Literatur beschäftigt. Nun hat es sich in der Nachfolge der Wilde-Lektüre der letzten Zeit ergeben, dass ich auch zu Shaw gekommen bin. Pygmalion war und ist eines seiner erfolgreichsten Stücke, besonders auch weil es durch die Musical-Adaption My Fair Lady am Leben gehalten wird.

Der Inhalt dürfte weitgehend bekannt sein: Der Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins geht eine Wette ein, aus dem ungebildeten Blumenmädchen Eliza Doolittle durch eine sprachliche Ausbildung innerhalb von sechs Monaten eine gesellschaftsfähige „Herzogin“ zu machen. Das Stück präsentiert zwar eine Zwischenstufe der Ausbildung, die noch etwas grobschlächtig ausfällt, lässt Higgins am Ende aber triumphieren, womit der eigentliche Konflikt des Stücks erst ausgelöst wird. Mit der Vollendung des Experiments verliert Higgins das Interesse an Eliza; die frühe Warnung seiner Mutter, er zerstöre gedankenlos Elizas Zukunft, bewahrheitet sich jetzt. Die falsche Herzogin Eliza kann nicht zurück in ihre gesellschaftliche Klasse (welche das auch immer gewesen sein soll), noch hat sie eine Zukunft in der Oberschicht, der Higgins angehört. Eliza flieht aus Higgins’ Haus zu dessen Mutter, in deren Salon es zum eigentlichen Schaustück des Dramas kommt: einem Streitgespräch zwischen Eliza und Higgins.

In diesem Streitgespräch dreht es sich hauptsächlich um die Frage der Unabhängigkeit Elizas und warum Higgins sich weigert, sich in seine eigene Schöpfung zu verlieben. Higgins besteht darauf, Eliza rücksichtslos behandeln zu dürfen, da er alle seine Mitmenschen rücksichtslos behandele. Durch das Streitgespräch, in dem – je nach Perspektive des Zuschauers – beide oder keiner von beiden Recht behält, wird Eliza allerdings klar, dass sie durch das Erziehungsprogramm, das sie durchlaufen hat, tatsächlich eine neue Art der Unabhängigkeit gewonnen hat, dass sie nun über ihren Lebensweg entscheiden kann. Diese Einsicht in ihre gesellschaftliche Freiheit – die wenigstens das Stück behauptet – ermöglicht es ihr, Higgins auf Augenhöhe zu begegnen und nun nicht mehr vor ihm fliehen zu müssen.

Das Happy End – die Hochzeit Elizas mit irgendeinem der Trottel, die durchs Stück laufen – verweigert Shaw seinem Publikum; allerdings war er dumm genug, ein Nachwort zum Stück zu schreiben, das diesen Vorteil zunichte macht. Dramaturgisch ist das Stück nicht uninteressant, da es den Konflikt, den es in seinem Verlauf aufzulösen gilt, nicht schon zu Anfang des Stückes voraussetzt, sondern erst im Gang der Handlung erzeugt. Handlung liefert sein Grundeinfall allerdings zu wenig, weswegen Shaw ihm mit einer Nebenhandlung (der Karriere von Elizas Vater) aufhelfen muss. Auch die Eingangsszene, die die wichtigen Figuren einführt, ist mit Blick auf den Rest des Stücks weitgehend beliebig. Alles in allem eine ganz nette Komödie, aber alles andere als ein Meisterstück. Über die deutsche Übersetzung deckt man am besten den Mantel des Schweigens.

Bernard Shaw: Pygmalion. Aus dem Englischen von Harald Müller. st 1859. Broschur, 127 Seiten. Berlin: Suhrkamp, 122017. 7,– €.

Sinclair Lewis: Main Street

Warum lügen Romane eigentlich immer so schrecklich?

Main Street, 1920 erschienen, ist der Roman, mit dem Sinclair Lewis seinen Durchbruch als Autor hatte. Ihm waren bereits sechs andere Romane mit mäßigem Erfolg vorausgegangen, doch Main Street traf offenbar einen Nerv der Zeit, denn während der ersten sechs Monate verkaufte sich das Buch 180.000 mal und brachte es innerhalb von nur wenigen Jahren auf eine Auflage von 2.000.000 Exemplaren. Dieser Bestseller begründete den anhaltenden Ruhm des Autors, der ihm 1930 als erstem us-amerikanischem Autor den Literatur-Nobelpreis einbringen sollte.

Erzählt wird die Geschichte Carols, die nach dem Studium einige Zeit als Bibliothekarin in Saint Paul, Minnesota arbeitet. Dann lernt sie, die eigentlich nicht darauf aus ist zu heiraten, den Arzt Will Kennicott kennen, der ihr sehr rasch einen Heiratsantrag macht. Angesichts der Tatsache, dass sie beruflich nicht zufrieden ist, nimmt sie den Antrag an, auch weil sie überzeugt ist, Will durchaus zu lieben. Will nimmt sie mit in die Kleinstadt Gopher Prairie, ebenfalls in Minnesota, in der er praktiziert. Minnesota ist den Deutschen zumindest von seiner winterlichen Seite wahrscheinlich durch den Film Fargo bekannt; hier leben vorwiegend deutsche und skandinavische Einwanderer, die ihren Lebensunterhalt als Farmer verdienen. Gopher Prairie ist eine typische, provinzielle Kleinstadt, die für die umliegenden Farmen Läden, Schule und eben auch einige Ärzte vorhält.

Wie man sich leicht denken kann, stößt die hübsche und – vergleichsweise – hochgebildete junge Carol in Gopher Prairie zuerst auf eine spürbare Ablehnung. Zwar hat sie als Frau des Arztes sofort einen gewissen gesellschaftlichen Status, aber ihre städtische Kleidung, ihre Ideen zur Ausgestaltung ihres Hauses und ihrer Partys und die Art, wie sie ihre Bildung ins Gespräch einfließen lässt, machen sie zur Außenseiterin. Man muss den Einheimischen von Gopher Prairie allerdings zugutehalten, dass Carol sich nicht besonders um Anpassung an die vorgefundenen Verhältnisse bemüht, sondern von Beginn an der Auffassung ist, ihre vornehmste Aufgabe sei es, die Stadt und ihre Bewohner zu reformieren. Dazu gehört auch ihr Plan, die in ihren Augen hässliche Hauptstraße (Main Street) städtebaulich zu verschönern, ein Traum, den sie bereits während ihrer Studienjahre entwickelt hat. Carol ist daher weitgehend isoliert; einzig bei einem der Juristen der Stadt, einem eingeschworenen Einzelgänger, und einem lesenden Arbeiter findet sie einige Sympathien; selbst ihr Mann steht eigentlich auf der Seite derer, die Carol etwas merkwürdig finden, wenn er auch zu glauben scheint, dass sich diese Probleme mit der Zeit von selbst geben werden. Ihre einzige erklärte Freundin, eine Lehrerin, die auch die Bibliothek betreut, ist eher daran interessiert, Carol für ihr eigenes, christlich motiviertes Reformprojekt einzuspannen.

Nachdem diese Grundkonstellation aufgestellt ist, schleppt sich der Roman über viele Seiten hin, um eine immer erneute Verschärfung der Krise heraufzubeschwören. Dort, wo Carol sich langsam an den Alltag Gopher Prairies anpasst, wirft sie sich selbst vor zu verspießern; im Gegenzug gibt es immer wieder Ereignisse, die ihr klar machen, dass sie nie in dieser Stadt zufrieden wird leben können. Lewis spielt auch mit einer Liebesaffäre Carols, die aber nie richtig in Gang kommt, offenbar weil er die Moral seiner potenziellen Leserinnen fürchtet. Auch ein eigenes Schlafzimmer für Carol oder die Geburt eines Kindes ändern die Situation nicht wirklich. Schließlich bricht Carol aus der Kleinstadtatmosphäre aus, geht nach Washington und lebt einige Jahre ein unabhängiges und selbstständiges Leben. Am Ende siegt aber doch die Normalität, und sie kehrt zu ihrem Mann in die kleinstädtischen Verhältnisse zurück, gereift durch die Jahre ihrer Unabhängigkeit und die Einsicht, dass auch in der großen Welt nicht alles Gold ist, was glänzt. 

Dieses versöhnliche, sehr amerikanische Ende hat wahrscheinlich nicht unwesentlich zu dem Erfolg des Buches beigetragen. Main Street vermeidet konsequent die Katastrophe, die sich aus dem Missverhältnis der inneren und äußeren Welt der Protagonistin entwickeln ließe; man vergleiche dazu nur die offensichtliche literarische Vorlage der Madame Bovary (dumme Gans mit literarischer Bildung heiratet Provinzdoktor und scheitert an ihrem aus den Romanen entnommenen Weltbild). Der Kompromiss mit dem Publikumsgeschmack, den der Autor offensichtlich erfolgreich eingegangen ist, führt auch dazu, dass er über weite Strecken wesentlich nicht weiß, was er mit seiner Protagonistin weiterhin anfangen soll. Und so ist der Roman nicht nur auf weiten Strecken anekdotisch, sondern auch deutlich zu lang geraten und im Abgang mehr als seicht. Von der ironischen Schärfe, die Babbitt beherrscht, ist hier nur an einigen wenigen Stellen ein Vorschein zu erkennen. Erst nach diesem Erfolg war sich Lewis als Autor sicher genug, um seinen eigentlichen Ton anzustimmen.

Sinclair Lewis: Main Street.  Aus dem amerikanischen Englisch von Christa E. Seibicke. München: Manesse, 2018. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 1002 Seiten. 28,– €.

Oscar Wilde: Komödien

Die Wahrheit ist selten rein und niemals schlicht. Unser zeitgenössisches Leben wäre sehr uninteressant, wenn sie auch nur eins von beiden wäre, und zeitgenössische Literatur ein Ding der völligen Unmöglichkeit.

Der hier besprochene Band entstammt der etwas merkwürdigen, fünfbändigen Werkauswahl Oscar Wildes, die 1999 im Vorfeld des 100. Todestages bei Haffmans in Zürich erschienen ist. Die Ausgabe ist auf der einen Seite fraglos sehr hübsch gestaltet, durchweg neu übersetzt, auf Dünndruckpapier gedruckt und  fadengeheftet, in ein schillerndes, silbergraues Leinen gebunden und mit ungewöhnlichen, wachspapiernen Schutzumschlägen versehen.  Auf der anderen Seite kommt sie mit dem – möglicherweise selbstironischen – Anspruch daher, sie verstehe sich „als die definitive deutsche OSCAR WILDE WERKAUSGABE für das nächste Jahrtausend.“

Selbst wenn man davon absieht, dass der Verlag gleich im ersten Jahr dieses nächsten Jahrtausends Konkurs angemeldet hat, ist auch die Auswahl aus den Werken von der Art, dass von definitiver Werkausgabe kaum die Rede sein kann: Keines der Gedichte Wildes wurde übersetzt, bei den Theaterstücken liefert man nur die vier Komödien, “De Profundis” fehlt ebenso wie alle frühen essayistischen Schriften; die Frage, ob “The Portrait of Mr. W.H.” überhaupt unter die Essays gehört, ließe sich immerhin diskutieren.

Wie dem auch sei, Haffmans legte in Band 5 der Werkauswahl die vier Gesellschaftskomödien, die in England Wildes populären Ruhm begründeten, in einer frischen Übersetzung durch Bernd Eilert vor. Eilerts Texte sind auf der Höhe des Wildeschen Humors, was für die Komödien das wichtigste Kriterium der Übersetzung zu sein scheint; da ich seit langem nicht mehr ins Theater gehe, habe ich leider keine Ahnung, inwieweit sich Eilerts Übersetzung auf den deutschen Bühnen durchgesetzt hat, bzw. ob man Wilde dort überhaupt noch in bedeutendem Umfang spielt.

Die Komödien sind im Einzelnen:

— Lady Windermeres Fächer ist eine moralische Ge­sell­schafts­ko­mö­die, deren titelgebende Protagonistin ihren Mann einer Affäre verdächtigt. Der Knoten des Stücks wird geschürzt, indem Lord Windermere seine misstrauische Gattin dazu nötigt, seine mutmaßliche Geliebte Mrs. Erlynne zu einer Abendgesellschaft einzuladen, um sie gesellschaftsfähig zu machen und ihr die Heirat mit dem in sie vernarrten Lord Augustus Lorton zu ermöglichen. Windermeres Absicht ist es im Wesentlichen, Mrs. Erlynne loszuwerden, die ihn damit erpresst, dass sie öffentlich bekannt machen könnte, die Mutter von Lady Windermere zu sein und so deren Ruf gesellschaftlich zu ruinieren.

Die Komödie arbeitet in der Hauptsache mit den üblichen Tricks der Halb- und Uninformiertheit ihrer Figuren, die in einem vom Publikum vollständig durchschauten Labyrinth der Missverständnisse herumtaumeln. Die hohe Moralität Lady Windermeres wird von der mütterlichen Aufopferung der vermeintlich bösen Mrs. Erlynne übertrumpft, mit der dann aber auch nicht so endgültig ernst gemacht wird, damit das Stück nicht nur alles in allem, sondern auch im Detail gut ausgeht. Eine wirkliche Auflösung fehlt: Wilde hält das System von Lügen, auf dem die Moralität der vorgeführten Gesellschaft beruht, aufrecht. Er spielt nur für einen kurzen Moment im 4. Akt mit dem Umschlagen der Handlung in eine Tragödie, die im Stück durchaus angelegt ist, um das Publikum wenigstens an einer Stelle aus dem Dusel der Überlegenheit aufzustören, glättet aber alles gleich wieder, wie es sich für eine Komödie gehört.

— Eine Frau ohne Bedeutung ist Wildes ernsteste und schwergängigste Komödie. Im Zentrum steht eine Variation der Mrs. Erlynne, Mrs. Arbuthnot, die aufgrund eines unehelichen Kindes, Gerald, aus der Gunst der Guten Gesellschaft herausgefallen ist. Gerald wird nun durch einen Zufall unwissentlich von seinem Vater Lord Illingworth als Sekretär angestellt, was dem jungen Mann nicht nur den Weg in die Bessere Gesellschaft öffnet, sondern ihm auch ermöglichen würde, der von ihm heimlich geliebten Miss Hester Worsley, einer jungen US-Amerikanerin, einen Heiratsantrag zu machen.

Die eigentliche Handlung spielt hauptsächlich auf dem Landsitz von Lord und Lady Pontrefact, auf dem sich alle relevanten und einige zusätzliche Figuren aufhalten. Mrs. Arbuthnot wohnt in der Nachbarschaft und wird, als Mutter des anwesenden Sekretärs Gerald, ebenfalls zu Besuch geladen. Es kommt natürlich zur entlarvenden Gegenüberstellung von Mrs. Arbuthnot und Lord Illingworth. Illingworth, ein in die Jahre gekommener, zynischer Dandy, reagiert ganz pragmatisch auf die vorgefundene Situation: Er ist bereit, die Mutter seines Sohnes zu heiraten, diesem ein Gutteil seines Nachlasses zu vermachen und ihm so wenigstens halbwegs die Anerkennung der Guten Gesellschaft zu verschaffen. Mrs. Arbuthnot lehnt diesen Vorschlag rundweg ab: Sie hat vor zusammen mit ihrem Sohn und ihrer künftigen Schwiegertochter nach Amerika zu gehen und dort ein von den Zwängen der englischen Gesellschaft befreites, neues Leben zu beginnen.

Über diese Entgegensetzung kommt die Komödie letztendlich nicht hinaus, im Komödiensinne findet keine Auflösung des zugrunde liegenden Konfliktes statt. Sicherlich geht es in einem ungewissen Sinne gut aus, und die Protagonistin bewahrt ihre moralische Integrität, aber dies nur um den Preis der endgültigen Ablösung von der Bühnengesellschaft. Das Stück geht überhaupt nur deshalb als Komödie durch, weil es einerseits mit einer breiten Parodie des gesellschaftlichen Lebens des englischen Adels beginnt und es andererseits das „Amerika, du hast es besser“ als utopischen Ausblick verkaufen kann. Wilde war mit der Moral seiner Komödie sicherlich zufrieden; mit der Komödie selbst hätte er es besser nicht sein sollen.

— Ein idealer Ehemann zeigt einen erheblichen Fortschritt Wildes als Komödienautor. Diesmal kehrt die Protagonistin seiner ersten Komödie als Lady Chiltern zurück. Auch sie ist von hoher, offiziöser Moral, hält die höchsten Stücke auf ihren politisch aktiven Ehemann, dem eine bedeutende politische Karriere bevorzustehen scheint. Auch diesmal taucht eine zwielichtige Frau im Leben von Sir Chiltern auf, die mit ihm durch seinen früheren Mentor verbunden ist. Diese Mrs. Cheveley besitzt einen Brief, der beweist, dass Chiltern seine politische Karriere und sein Vermögen auf den Verrat eines Staatsgeheimnis gegründet hat; sie will Chiltern dazu nötigen, sich in seiner Funktion als Unterstaatssekretär des Außenministeriums für eine Börsenspekulation stark zu machen, in die Mrs. Cheveley ihr Vermögen investiert hat. Chiltern steht aber unmittelbar davor, gerade diese Spekulation als Betrug zu entlarven. Er ist sich einerseits bewusst, dass das Bekanntwerden seines Verrats nicht nur seine politische Karriere, sondern auch die Ehe mit seiner hoch moralischen Frau beenden wird. Andererseits würde auch der von Mrs. Cheveley geforderte Meinungswechsel ihn in einen fatalen Konflikt mit seiner Ehefrau stürzen. Der geschürzte Knoten scheint unauflöslich und notwendig in eine Katastrophe zu führen.

Die Auflösung hängt Wilde an eine der gelungensten Nebenfiguren der Literatur des gesamten 19. Jahrhundert: Viscount Goring verkehrt im Hause der Chilterns nicht nur als enger Freund des Ehemannes, sondern er ist ebenso ein heimlicher Bewunderer Lady Chilterns und der Ehemann in spe von Roberts Schwester Mabel. Lord Goring ist der ideale Dandy, geistreich und zugleich oberflächlich, intellektuell und albern, in einem tiefen Sinne moralisch und zugleich jede Forderung der gesellschaftlichen Moral verwerfend. Er und die leichtlebige, witzige Mabel bilden das ideale Komödienpaar des Stücks. Goring ist aber nicht nur dies, sondern er ist auch ein früherer Liebhaber Mrs. Cheveleys und anscheinend deren einziger Schwachpunkt. Und Goring wiederum hat ein Mittel zur Erpressung der Erpresserin in der Hand, womit er die Herausgabe des belastenden Briefes erzwingt, den er sogleich verbrennt. Chiltern bewährt sich, ohne zu wissen, dass er bereits gerettet ist, aufs Beste und entlarvt, wie geplant, den Börsenbetrug, und nach ein paar weiteren Wendung und Drehung endet alles so gut, wie man es von einer Komödie erwarten darf; sogar eine Hochzeit zeichnet sich ab: Mabel und Lord Goring gehen fröhlich in das Glücksversprechen des 19. Jahrhunderts ein.

Man kann kaum umhin, Wilde für diese Komödie hohe Anerkennung zu zollen: Sowohl ist der zugrunde gelegte Konflikt ist in seiner scheinbaren Ausweglosigkeit mutig als auch ist die Art der Auflösung dieses und der zusätzlich mit Bedacht eingeführten kleineren Verwerfungen von einer Eleganz, die ihresgleichen sucht. Das ganze Stück läuft wie eine wohl geölte Maschine ab, obwohl der analytische Zuschauer nach dem 1. Akt fürchten muss, dass es dem Autor katastrophal missraten wird. Zudem zieht sich durch das ganze Stück nicht nur ein sprachlicher Witz, sondern zudem ein tief menschlicher Humor, der am Ende alle Figuren ein wenig demütig und wehmütig zurücklässt. Dieses Stück präsentiert ein ganz seltenes Zusammengehen von dramaturgischer Finesse und inhaltlicher Souveränität.

— Ernst – und seine tiefere Bedeutung ist Wildes leichteste und wahrscheinlich auch von daher beliebteste Komödie. Bereits der Untertitel „Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute“ weist darauf hin, dass Wilde sich hier von dem Versuch verabschiedet, Moral auf der Bühne mit einiger Ernsthaftigkeit zu diskutieren. Stattdessen liefert er einen Komödienplot, wie er auch heute noch jede gute Boulevardkomödie ziert: John Worthing, als Findelkind von einem gutherzigen Adeligen großgezogen, lebt ein Doppelleben: Einerseits ist er ein verdienstvolles Mitglied der ländlichen Gesellschaft um seinen Herrensitz herum, andererseits führt er unter der Identität seines leichtlebigen Bruders Ernst ein lockeres Junggesellendasein in London. Dort ist er nicht nur eng befreundet mit dem finanziell etwas angestrengten Adeligen Algernon Moncrieff, er ist auch verliebt in dessen Cousine Gwendolen Fairfax, der er gleich zu Anfang des Stücks einen Heiratsantrag macht, der von ihr freudig angenommen, von ihrer Mutter Lady Bracknell aber aufgrund der unklaren Herkunft Worthings irritiert abgewiesen wird.

Nach dem diesen Knoten etablierenden 1. Akt verlegt Wilde die restliche Handlung auf den Landsitz Worthings, auf dem Algernoon am nächsten Tag auftaucht und sich als Johns Bruder Ernst ausgibt, den John in der Stadt verfehlt habe. Algernon verliebt sich augenblicklich in Johns Mündel Cecily, die wiederum längst eine Phantasie-Verlobung mit dem von ihr erträumten Ernst Worthing eingegangen ist. Natürlich verkompliziert die Ankunft zuerst Johns und dann Gwendolens die Lage, die durch das Eintreffen von Lady Bracknell abschließend auf die Spitze getrieben wird. Ebenso natürlich geht alles so gut aus, wie man das bei einem solchen Plot erwarten darf: Es hagelt geradezu glückliche Eheschließungen, alle, die sich kriegen sollen, kriegen sich und noch mehr, John und Algernon sind tatsächlich Brüder, und selbst Gwendolens Obsession mit dem Vornamen Ernst – die dem ganzen Stück seinen zweideutigen Titel gibt – wird zu einem guten Ende geführt. Nicht umsonst lässt Übersetzer Eilert Wildes Lady Bracknell ganz am Ende feststellen: „das sieht mir hier doch alles stark nach Volkstheater aus.“ (Einer der frechen Eingriffe in den Text; bei Wilde lautet Lady Bracknells abschließende Bemerkung weit weniger deutlich: “My nephew, you seem to be displaying signs of triviality.”)

Der Trivialität der Handlung und ihrer gänzlich unbesorgten Durchführung steht ein hohes Niveau sprachlichen und inhaltlichen Witzes zur Seite, die das Stück aus der Massenware der Trivialkomödien heraushebt. Der durchweg ironische Umgang der Hauptfiguren mit sich selbst und untereinander, die unsinnig sinnigen Dialoge, das konsequente, oft gewollte Aneinander-Vorbeireden und die durchgehend als reines Spiel markierte Handlung bilden den Kern des Erfolgs dieses Stückes.

Es ist sehr, sehr bedauerlich, dass Wildes Karriere durch den Hass und die Intoleranz seiner Zeit und Zeitgenossen so gewaltsam beendet worden ist. Er hätte mit Sicherheit noch zahlreiche Meisterstücke für die Bühne geliefert, vielleicht am Ende sogar noch erreichen können, dass man ihn auch in seiner Wahlheimat England als tragischen Dramatiker anerkannt hätte. So müssen wir wie immer Vorlieb nehmen mit dem, was wir haben.

Oscar Wilde: Komödien. Aus dem Englischen von Bernd Eilert. Werke in 5 Bänden, Bd. 5. Zürich: Haffmans, 1999. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 632 Seiten. Derzeit noch lieferbar in einer einbändigen Ausgabe der Werkauswahl bei Zweitausendeins.

Sinclair Lewis: Babbitt

Ihm gefiel keines der Bücher. Er spürte darin einen Geist der Rebellion gegen alles Biedere und Bürgerliche. Diesen Autoren – und er fürchtete, sie waren sogar berühmt – lag offenbar nichts daran, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, bei der man seine Sorgen vergessen konnte.

Sinclair Lewis war auch so eine Lücke in meiner Lesegeschichte. Der Mann hatte 1930 als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis bekommen und war in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten US-Autoren. Sein Babbitt wurde erstmal schon 1925 – nur drei Jahre nach seinem Erscheinen – auf Deutsch vorgelegt in einer Übersetzung, die sich bis zuletzt auf dem Markt gehalten hat (die letzte Auflage bei Rowohlt scheint 1995 gedruckt worden zu sein). Nun legt Manesse eine Neuübersetzung durch Bernhard Robben vor, einem der fleißigsten und im Großen und Ganzen zuverlässigen Übersetzer englischer und amerikanischer Hochliteratur.

Babbitt spielt zu Anfang der 20er Jahre in der von Lewis erfundenen Großstadt Zenith irgendwo an der us-amerikanischen Ostküste. Sein Titelheld Georg F. Babbitt ist eine Null des gehobenen Mittelstandes, Immobilienmakler, Mitte 40, von sehr mäßiger Bildung, verheiratet mit Myra, drei Kinder, von denen  zwei noch zur Schule gehen. Die Fabel des Buches ist das Durcharbeiten dessen, was man gemeinhin eine Mid­life­cri­sis nennt. Babbitt ist dort angekommen, wo es nicht mehr recht vorwärts geht: Die Geschäfte laufen gut, kleinere und mittlere Betrügereien werden erfolgreich abgewickelt, seine Ehe ist so langweilig, wie er das erwarten darf, man gibt hier und da eine kleine Party, aber so richtig bewegt sich nichts im Leben des George F. Babbitt. Aus der Bahn wirft ihn dann, dass sein Freund aus Studientagen Paul Riesling nicht nur eine Geliebte hat, sondern schließlich sogar ins Gefängnis muss, weil er auf seine Gattin geschossen und sie verletzt hat.

Babbitt sieht sich vor die Frage gestellt, ob das alles gewesen sein kann. Er versucht, verzweifelt eine Geliebte zu finden, bis ihn dann eine le­bens­fro­he Witwe nimmt, weil gerade nichts besseres da ist. Er versucht es mit Saufen und durchgemachten Nächten, mit der Flucht in die Natur und wird am Ende ein Liberaler, also ein politisch und gesellschaftliche toleranter Mensch, womit er in seiner näheren Umgebung erheblich aneckt. Zwar wird seinen Lebenskrise toleriert, aber als er sich schließlich für einen Anwalt stark macht, der in Sachen Arbeitsrecht und Ge­werk­schaf­ten aktiv ist, hört der Spaß auf: Babbitt wird sozial geächtet und geschäftlich ausgebootet. Eine glückliche Blinddarmentzündung seiner Frau verschafft aber seiner Sentimentalität wieder die Oberhand, so dass es ihm letztendlich gelingt, sich wieder in die Normalität seines alten Lebens einzufinden. Sogar ein besserer Vater ist er durch das Durchlaufen der Krise geworden.

Babbitt ist eine böse und in manchen Teilen scharfe Satire auf den Kult der Normalität in der modernen Gesellschaft. Babbitt ist ein Idiot unter Idioten, die sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen und einander in die Taschen arbeiten. Dieser Kult der Normalität nimmt zum Ende des Buches hin sogar leicht faschistische Züge an, als Babbitt mit wachsendem Druck dazu genötigt wird, einer „Liga Anständiger Bürger“ (im Original die G.C.L., Good Citizens’ League) beizutreten. Der doch noch erfolgende, erleichterte Beitritt Babbitts zum Verein ist das abschließende, ver­nich­ten­de Urteil des Autors über seine Figur.

Das Buch liest sich in der Übersetzung Robben flott weg; der Übersetzer hat auf eine zu deutliche Differenzierung der im Original verwendeten Slangs verzichtet, ja verflacht insgesamt die sprachliche Differenzierung des Buches. Einige wenige Stellen hat er offenbar nur flüchtig gelesen oder auch nicht verstanden; an anderen zeigt er die für ihn üblichen sprachlichen Manierismus: So erscheint es mir etwa fraglich, ob man “chicken croquettes” tatsächlich mit „panierte Hühnerbällchen“ übersetzen sollte. Aber das alles sind Kleinigkeiten, die in der Textmasse verschwinden. Wichtiger ist, dass Robben den satirischen Ton des Textes und seinen Humor genau trifft und so dem deutschen Leser einen ziemlich genauen Eindruck vom amerikanischen Original liefert.

Für mich ist Sinclair Lewis eine echte Entdeckung, und dies wird nicht das letzte Buch sein, das ich von ihm lesen werde.

Sinclair Lewis: Babbitt. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. München: Manesse, 2017. Pappband, Fadenheftung, Le­se­bänd­chen, 784 Seiten. 28,– €.